131.Die Luftschiffahrt im Kriege von 1870/71.

131.Die Luftschiffahrt im Kriege von 1870/71.

Als die Deutschen im Winter 1870 bis 1871 Paris eingeschlossen hatten, konnte man durch Brieftauben zwar Nachrichten aus der Festung hinaus schicken, doch die Verbindung zur Festung mittelst Brieftauben wurde den Franzosen zu unsicher. So versuchten sie denn den Nachrichten- und Personenverkehr durch Luftfahrzeuge zu erreichen, und sie kamen dabei sogar — was wenig bekannt ist — bis zum Bau eines militärischen Luftschiffes.

Von Paris aus stiegen insgesamt 64 Luftballons während der Belagerung auf. Außer den 64 Führern beförderten sie 91 Personen, darunter am 7. Oktober den Diktator Gambetta, um die Regierung in Tours zu übernehmen. Außerdem wurden 363 Brieftauben auf diese Weise aus der Festung ins Land befördert, so daß die Tauben mit Nachrichten in die Festung zurückfliegen konnten. Endlich wurden noch über 9000 Kilogramm Depeschen und eine besondere Zeitung „Ballon-Poste“, die die Neuigkeiten der Hauptstadt in die Provinz tragen sollte, von den Ballonen mitgenommen.

Zwei dieser Ballone gingen verloren, davon einer im atlantischen Ozean. Fünf Lufballone fielen in die Hände der Belagerer. Krupp hatte in aller Eile ein Ballongeschütz konstruiert; es bestand aus einem sehr großen Gewehr, das in einem Gestell drehbar auf einem vierrädrigen Wagen stand. Zwei Exemplare dieses ersten Kruppschen Ballongeschützes befinden sich im Berliner Zeughaus, andere Exemplare in den Waffensammlungen zu Dresden und München.

Außer diesen Freiballonen verwendeten die Franzosen in Paris Fesselballone, um unsere Stellungen zu erkunden. Sie verfielen dabei auf den originellen Gedanken, die Drahtseile, an denen die Ballone gehalten wurden, an einer Lokomotive zu befestigen, so daß sie den Ballon in der Luft hin- und herfahren lassen konnten.

Ihre Versuche, mittelst Luftballonen bei günstigem Wind von verschiedenen Städten des Landes aus nach Paris zu gelangen, schlugen gänzlich fehl.

Als die Not im belagerten Paris immer größer wurde, von den Armeen und der Regierung im Lande aber keine Hilfe kam, erinnerte man sich der Versuche, die der Ingenieur Giffard in den Jahren 1852 und 1855 mit einem Luftschiff gemacht hatte. Das Kriegsministerium beauftragte einen tüchtigen, doch mit lufttechnischen Dingen nicht vertrauten, Marineingenieur,namens Dupuy de Lôme, ein lenkbares Fahrzeug zu bauen, das über die Köpfe der Belagerer hinweg bei Nacht den Verkehr zwischen Paris und dem Lande unternehmen sollte. Mit allem Eifer ging man sogleich an den Bau. Da es nicht möglich war, in Paris eine geeignete Betriebsmaschine für das Luftschiff zu finden, begnügte der Erbauer sich mit dem Antrieb der Luftschraube durch Menschenkraft: acht Soldaten mußten in der Gondel mittelst Kurbeln die Luftschraube drehen. Das Luftschiff hatte eine Länge von 36,2 Metern und einen Durchmesser von 14,84 Meter.

Doch ehe das Luftschiff fertig war, hatten wir Paris genommen. Erst am 2. Februar 1872 konnte dieses Luftschiff seine einzige Probefahrt machen. Es hatte eine zu geringe Geschwindigkeit und wurde deshalb sogleich auf Abbruch verkauft.

Unsere günstige Lage im deutsch-französischen Krieg stellte an uns keine lufttechnischen Aufgaben. Dennoch wurden Anfang September 1870 in Köln zwei Luftschifferabteilungen mobil gemacht, die bei der Belagerung von Straßburg zu Erkundigungen aufstiegen. Als sie nach dem Fall von Straßburg nach Paris geschickt wurden, konnte unsere Einschließungsarmee die Ballone nicht verwenden, weil es dort an Gas zur Füllung fehlte.


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