135.Petroleum als Waffe.
Das heute im Lande so begehrte Petroleum ist nicht von Amerika aus bei uns bekannt geworden, sondern schon das Altertum kannte Erdölquellen und verwendete deren Produkt als Waffe. Der bedeutendste Kriegsschriftsteller des römischen Kaisertums, Flavius Vegetius, der um die Völkerwanderungen schrieb, berichtet nämlich, daß man in besonders konstruierten Brandpfeilen Harz, Schwefel, Erdpech oder Erdöl brennend eingoß und so gegen den Feind schoß. Die Brandpfeile trugen hinter der Spitze eine spindelförmige, durchlöcherte Hülse, die mit Werg vollgestopft und mit den erwähnten brennbaren Stoffen getränkt war. Ein solcher Feuerpfeil durfte aber nur von einem mäßig gespannten Bogen abgeschossen werden. Er hatte also keine große Kraft und reichte nicht weit. Auch wußte der Feind, daß man diese Feuerpfeile durch Aufwerfen von Erde ersticken könne.
Man trachtete deshalb früh nach der Erfindung von Feuerwerkssätzen, die nicht leicht ausgelöscht werden könnten. Als eine der ersten Errungenschaften der Kriegsfeuerwerkerei ist wohl allen aus dem Geschichtsunterricht noch das sogenannte griechische Feuer in Erinnerung. Richtig heißt es „Byzantinisches Kriegsfeuer“, denn es wurde unter den byzantinischen Kaisern erfunden, und dieser Zeit galt das Wort Grieche als ein schlimmes Schimpfwort. In diesem Kriegsfeuer war nur das Erdöl enthalten; sicherlich, weil es schon bei etwa 40 Grad sehr leicht entzündliche und in Vermischung mit Luft explosive Dämpfe entwickelt. Die Erfindung des byzantinischen Feuers wird auf Kallinikos, einen Kriegsbaumeister aus Heliopolis in Syrien, zurückgeführt. Das Erfindungsjahr soll das Jahr 671 sein. Schon 678 zerstörten die Byzantiner mit diesem Feuer eine Belagerungsflotte der Araber vor Kyzikos. Im Jahre 716 wurde die HauptstadtByzanz zum ersten Male durch griechisches Feuer verteidigt. Den größten Triumph erlangte die Erfindung im Jahre 941, als Kaiser Konstantinos VII. mit seiner aus 15 Fahrzeugen bestehenden Flotte durch griechisches Feuer die aus mehr als 1000 Schiffen bestehende Flotte der Russen vor Byzanz vertrieb und zum Teil zerstörte. Der Kaiser erkannte die Wichtigkeit dieser Erfindung, und sagte deshalb in seinen Schriften über die Staatsverwaltung darüber: „Ein Engel, das sage jedem, der dich darüber fragt, ein Engel brachte diese Wundergabe dem ersten christlichen Kaiser Konstantin, und trug ihm auf, dies flüssige Feuer, das aus Röhren Verderben auf die Feinde speit, einzig für die Christen und nur in der christlichen Kaiserstadt Konstantinopel zu bereiten. Niemand, so wollte es der große Kaiser, sollte dessen Zubereitung kennen lernen; kein anderes Volk, wer es immer sei.... Deshalb ließ er selber im Hause des Herrn eine Tafel aufhängen, auf der mit großen Buchstaben eingegraben stand, daß, wer dieses wichtige Geheimnis einem fremden Volke verrate, als ehrlos und des christlichen Namens für verlustig erklärt wurde; ihn, den niederträchtigen Verräter, treffe die härteste und grausamste Strafe.... Als dennoch ein Großer des Reichs dies Geheimnis verriet, traf ihn die Strafe des Himmels: eine Flamme kam, als er in das Gotteshaus eintrat, vom Himmel herab, ergriff ihn und enthob ihn den Blicken der von großem Schrecken ergriffenen Sterblichen.“
Der Kaiser umgab also die Erfindung absichtlich mit einem großen Geheimnis und führte ihre Entstehung sogar auf Kaiser Konstantin den Großen zurück. Erst vor wenigen Jahren hat v. Romocki in seinerGeschichte der Explosivstoffe (1895, Bd. 1) auf Grund sehr schwieriger Textuntersuchungen festgestellt, was dieses griechische Feuer eigentlich war. Er zeigte vor allem dabei, welch wichtige Rolle der Zusatz von Erdöl bei der Wirkung dieses so gefürchteten Kriegsfeuers spielt. Romocki konnte nämlich nachweisen, daß sich die Rezepte des byzantinischen Feuers, allerdings in entstellter Form, in spätere Schriften von Kriegstechnikern eingeschlichen hatten. Dort wird nun berichtet, daß die aus Schwefel, Harz, Erdöl, Salz und gebranntem Kalk bestehende Mischung aus Druckspritzen gegen den Feind geschleudert wurde. Da sich gebrannter Kalk in feuchter Luft — oder in einer Seeschlacht bei Berührung mit dem Wasser — bis auf 150 Grad erhitzt, so mußte er in dem beigemischten Erdöl leicht entzündliche Dämpfe entwickeln.
Brachte man eine größere Menge eines aus Erdöl und ungelöschtem Kalk bestehenden Feuerwerkssatzes dadurch mit vielem Wasser in Berührung, daß man das Gemisch von einem Schiffe aus durch Spritzen auf der Wasseroberfläche sich ausbreiten ließ, so entzündete sich das Erdöl nicht ruhig, sondern die starke Erhitzung des Kalkes rief aus dem Erdöl eine plötzliche heftige Entwicklung von Dämpfen hervor, die, mit Luft gemischt, stark explosiv wirkten. Natürlich konnte man ein solches Gemisch auch an der Mündung der Druckspritzen bereits entzünden.
Die alten Kriegstechniker waren bei der Bereitung ihrer erdölhaltigen Feuerwerke auch auf die Destillation des Petroleums gekommen, d. h. sie verstanden es schon, die am leichtesten flüchtigen und wegen ihres hohen Gehaltes an brennbarem Wasserstoff mit der höchstenWärmeentwicklung brennenden Teile des Erdöls auszuscheiden. Schon in vorchristlicher Zeit kannte man die Harzdestillation und betrieb sie besonders in der Stadt Kolophon. Deshalb nennt man noch heute die bei der Verflüchtigung des Terpentinöls zurückbleibende Masse „Kolophonium“. Wie einfach die Destillation vor sich ging, berichtet uns Plinius der Ältere ums Jahr 65 n. Chr. (Buch 1, Kap. 7); man kocht das Produkt und spannt währenddem über dem Kessel Felle aus. Diese Felle, in deren Wolle sich die flüchtigen Teile verdichtet hatten, wurden alsdann ausgedrückt. Das 4. Jahrhundert n. Chr. kannte aber bereits Destillierapparate mit Vorlagen. In byzantinischer Zeit wird dann verschiedentlich vom Destillieren des Petroleums gesprochen, wenn Rezepte für unauslöschbare Feuersätze gegeben werden.