77.Kanonen-Uhren.
In Parkanlagen sieht man öfters inmitten eines freien Rasenplatzes eine kleine Kanone, auf einer Säule stehen, die jeden Mittag 12 Uhr — astronomischer Zeit — selbsttätig einen Schuß abgibt. Zufällig stieß ich auf eine Stelle, die das hohe Alter dieses seltsamen Zeitsignals erkennen läßt.
Samuel Zimmermann, ein Augsburger Kriegsbaumeister, schrieb ein Buch mit dem Titel: „Dialogus oder Gespräch zweier Personen, nämlich eines Büchsenmeisters mit einem Feuerwerkkünstler.“ Die Handschrift ist vom Jahre 1573 datiert und in mehreren zeitgenössischen Abschriften verbreitet. Eine dieser Abschriften, datiert 1577, besitzt das Berliner Zeughaus. Nachdem der Verfasser von der Anlage der Sonnenuhren gesprochen hat, sagt er: „Also auf diese Weise kann man auch wohl ein Büchsengeschoß legen, daß wie gemelt (= gemeldet), durch der Sonne Schein und Wiederschein auff eine gewisse Stunde vnd Zeit ab und los ginge, dardurch also leichtlich und balt erschossen...“
Der Büchsenmeister, der in diesem Dialog immer Fragen an den Feuerwerker stellt, fragt hier: „Welche Stunden im Tage oder Zeit soll ich erwehlen, darin die Sonne zum allerkräfftigsten und stercksten scheint?“ Darauf antwortet der Feuerwerker: „Alle Wege umb den Mittag auff 12 Uhr oder zwischen 12 vnd 1 Vhr ist der Sonnen Hitze vnd Schein am kräftigsten, bis Mittag nimbt die Sonne zu von Stundt zu Stundt, Nachmittag aber nimbt sie ab an Hitze vnd Schein mit Wiederschein, von Stundt zu Stundt, biß zu ihrem Untergang. Die Zeit aber im Jahre zu erwehlen, seindt 3 Monat, nemblichen Junius, Julius, Augustus, in welchen dreyen Monden der Sonnen Hitze vnd Schein am krefftigsten ist.“
Kanonen-Uhr, um 1830.
Kanonen-Uhr, um 1830.
Zimmermann verwendet „ein metallisch oder cristallischen Spiegell“, um die Sonnenstrahlen auf die Pulverpfanne der kleinen Kanone zu lenken. Wann derartige Kanonenuhren in der Gartenbaukunst Eingang fanden, konnte ich nicht ermitteln. Es erscheint mir sehr auffallend, daß dies hübsche Schaustück schon über 300 Jahre alt ist.
Denn bekannt gemacht wurden diese Kanonenuhren erst ums Jahr 1798, und in unseren Museen sind sie überaus selten. Die hier abgebildete Uhr soll aus Moskau stammen, ist wohl aber deutschen Ursprungs. Sie befindet sich im Mathematisch-physikalischen Salon zu Dresden.