The Project Gutenberg eBook ofMoisasurs Zauberfluch

The Project Gutenberg eBook ofMoisasurs ZauberfluchThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Moisasurs ZauberfluchAuthor: Ferdinand RaimundRelease date: April 1, 2005 [eBook #7861]Most recently updated: September 20, 2012Language: GermanCredits: Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MOISASURS ZAUBERFLUCH ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Moisasurs ZauberfluchAuthor: Ferdinand RaimundRelease date: April 1, 2005 [eBook #7861]Most recently updated: September 20, 2012Language: GermanCredits: Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen

Title: Moisasurs Zauberfluch

Author: Ferdinand Raimund

Author: Ferdinand Raimund

Release date: April 1, 2005 [eBook #7861]Most recently updated: September 20, 2012

Language: German

Credits: Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MOISASURS ZAUBERFLUCH ***

Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen

This book content was graciously contributed by the GutenbergProjekt-DE.

That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel. de/.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.

Moisasurs Zauberfluch

Ferdinand Raimund

Zauberspiel in zwei Aufzügen

Personnen

Der Genius der Tugend.Ariel, ein Tugendgeist.Moisasur, Dämon des Übels.Der Genius der Vergänglichkeit.Hoanghu, Beherrscher des Diamantenreiches.Alzinde, seine Gemahlin.Mansor.Omar, ein Bote von Hoanghus Heer.Hassan, ein Mohr.Karambuco, ein Krieger.Ossa, sein Weib.Ein Häuptling von Hoanghus Heer.Gluthahn, ein wohlhabender Bauer.Trautel, sein Weib.Der Amtmann von Alpenmarkt.Der Aktuar.Philipp, Diener des Amtmanns.Rossi, Juwelenhändler, Besitzereines Landhauses bei Alpenmarkt.Hänfling, sein Aufseher im Landhause.Ein Schatten im Reiche der Vergänglichkeit.Dorkalio, ein Schatten Moisasurs.Hans, ein Steinbrecher.Mirzel, sein Weib.Der Traumgott.Ein Kohlenbauer.Ein Kerkermeister.Vier Gerichtsdiener.Vier Schatten Moisasurs.

Indisches Volk. Alzindens Hofstaat. Hoanghus Krieger.Schatten im Reiche der Vergänglichkeit. Traumgestalten.Rossis Dienerschaft. Tugendgeister.

Erster Aufzug.

Erste Szene.(Indische Landschaft.)

(In der Ferne die Hauptstadt des Diamantenreiches, auf einem entfernten Hügel die Ruine des zertrümmerten Tempels Moisasurs. In der Mitte des Theaters ein herrlicher Tempel im indischen Geschmacke, mit der goldenen Aufschrift: Wer sich der Tugend weiht, hat nie des Bösen Macht zu scheuen. Die Statue der Tugend, eine verschleierte weibliche Figur, einen Lilienstengel haltend, sitzt auf einem Piedestal in der Mitte des Tempels. Auf den Säulen sind Lilien angebracht.)

Hassan. Mansor. Omar.

Chor.

(Das Volk bringt einen Boten von Hoanghus Heer frohlockend auf dieBühne und umringt ihn fragend.)

Wackrer Bote, sei willkommen!Strahlt aus deinem Auge Sieg?Ist das Heer zurückgekommen,Ist geendet unser Krieg?Ja, es spricht dein froher Sinn;Du bringst Heil der Königin!

Bote. Sieg bring' ich euch, so wahr die Sonn' auf Indien scheint.Gebt mir Palmenwein dafür. (Er nimmt einem eine Flasche von derSeite.) Der Krieg trinkt Blut, der Friede Sekt.

Volk. Erzähl' uns erst! (Halten ihn ab vom Trinken.) Halt, halt!

Bote. Gerettet ist das Reich, von unsern Grenzen ist der Feind vertrieben, geendet ist der heiße Krieg.

Volk. Sonne, sei gelobt! (Ales sinkt mit dem Haupt zur Erde, und bleibt einen Augenblick in dieser Stellung.)

Bote. Da liegt das Volk, jetzt netz' ich meinen Hals. (Trinkt.) Der König sendet mich voraus, daß ich den Tag der Königin berichte, an dem er seinen Einzug hält.

Mohr. Und wenn man fragen darf, wann strahlt uns dieser große Tag?

Bote. Spion von Ebenholz, was hast du nach dem Tag zu fragen? Nacht hat die Sonn' auf dein Gesicht gebrannt, das heißt; Du sollst im Finstern wandeln.

Mohr. Du hassest mich?

Mansor. Schweigt. (Zum Boten.) Sogleich wird unsre Königin erscheinen, dann stellen wir dich vor. Mit Sehnsucht harret schon Alzind' der Rückkehr ihres tapferen Gemahls.

Bote. Doch was erblick' ich—Moisasurs Tempel eingestürzt, und die Sonne leuchtet noch? Und wer hat diesen aufgebaut, wozu ist der bestimmt?

Mansor. Ein erhabnes Schauspiel wird sich deinem Auge zeigen.

Bote. Wird dieser Mohr vielleicht darin gebraten? (Für sich.) Das wär' mein liebstes Schauspiel auf der Welt.

Mohr. Für dich vergift' ich einen Pfeil.

Mansor. Lästre nicht! Der Tugend Tempel ist's.

Bote. Ja, ihm soll man das Laster opfern.

Mansor. Es ist geschehn. Dem bösen Geiste Moisasur wird in unsremReich kein Opfer mehr gebracht.

Bote. Wehe dann dem Diamantenreich! Schon seit Jahrhunderten hat diesem grimmigen Tiger durch unzähl'ge Opfer man geschmeichelt; werft ihm Beute vor, wenn ihr nicht wollt, daß euch sein stets geschäft'ger Zahn zerreißt.

Mansor. Die Königin, die, seit der König kriegt, das Zepter schwingt im Reich, hat, weil der Krieg, trotz all der reichen Opfer, die man unsern Göttern brachte, sich doch nicht glücklich wenden wollte, mit den weisen Priestern sich beraten und glaubt, daß die guten Götter zürnen, weil neben ihnen und der mächtgen Sonne Moisasurs böser Geist verehret wird. Sie hat Moisasurs Tempel niederreißen lassen. Doch wie's geschah, da rollte fürchterlicher Donner, die Erde bebte, als hätte das Gewicht der umgestürzten Säulen das ganze Reich in seinem Mark erschüttert.

Bote. Der Löwe brüllt, wenn man ihn ans der Höhle treibt.

Mansor. Doch wie die Erde bebt, fest steht der königliche Sinn.Sie läßt dafür in diesem Tal der Tugend einen Tempel bauen undschreibt auf ihn: Wer sich der Tugend weiht, hat nie des BösenMacht zu scheuen. Soeben wird er eingeweiht, dort nahet schon diePriesterschar.

Mohr. Wenn nur die Tugend uns vor Moisasurs Rache schützt! Den ganzen Morgen hat der Himmel sich mit Donnerwolken überzogen, die in sich brummen, als ob sie Zaubersprüche murmelten, und der Blitze Feuerzungen lecken an der Kuppel dieses Tempels.

Zweite Szene. Feierlicher Marsch. Indische Tänzer schweben voraus, dann die Priester der Sonne. Zierlich gekleidete Mädchen, das Haupt mit weißen Rosen bekränzt, gruppieren sich um die Stufen des Tempels, die Priester beschäftigen sich im Innern desselben. Dann erscheint Alzinde und ihr Hofstaat. Sie begibt sich auf einen Seitenthron, neben ihr die Großen des Reichs. Das Volk verteilt sich um den Tempel und den Thron gegenüber. Vorige.

Chor.Singt das Lob der Schönheitsblume,Die auf Indiens Flur erblüht,Und die zu der Götter RuhmeFür das Heil der Tugend glüht.Sende deinen Strahl, o Sonne!Nieder auf ihr weises Haupt,Weil ihr Herz mit frommer WonneAn der Götter Allmacht glaubt.

Alzinde. Volk meines sieggekrönten Reichs! Ich habe dich versammeln lassen, um einzufallen in den großen Chor, den das Gefühl des Dankes anstimmt, weil die Götter uns erleuchtet, daß wir durch Moisasurs Sturz der Sonne Zorn versöhnt; daß sie von dem Augenblick mit Siegesglück die Pfeile unsres Heeres nach dem Busen unsrer Feinde wendet. Vielleicht, indem wir hier die Götter preisen, hat mein Gemahl, der königliche Held, den kleinen Rest des müdgekämpften Feindes aus den Grenzen dieses Reichs verjagt.

Mansor. So ist es, du erhabne Tochter der gewalt'gen Sonne, die deine Ahnung zur Prophetin weiht, die Wahrheit deines Wortes bestätigt dieser Bote hier.

Bote. Der, große Königin, mit seinen Knien den Staub an deinem Thron hier küßt, aus Ehrfurcht teils und teils aus Müdigkeit, weil er im schnellsten Lauf aus des Königs Lager eine holde Last dir bringt, eine Nachricht von dem ungeheuersten Gewicht! Friede, dieses goldne Wort, laß in alle Palmen schneiden, daß sie dann mit vollem Rechte Friedenspalmen heißen. Gesiegt hat dein erhabener Gemahl, noch gestern abends ward die letzte Schlacht gewonnen, und in der Nacht der Friede abgeschlossen, durch den ein Teil vom Feindesland noch zu dem deinen fällt. Nur heute ruht das Heer; doch morgen bricht es auf und zieht mit Zimbelklang und Jubelsang im Vaterlande ein. Dies zu berichten ward ich gesendet, mein Auftrag ist erfüllt, der Bote hat geendet.

(Steht auf und tritt zurück.)

Alzinde (sinkt auf die Knie). Sonne, sei gelobt!

Alle. Heil den Göttern! Heil dem König Hoanghu!

Alzinde. O mein Gemahl, warum kann ich an deine Heldenbrust nicht fliegen, du edler Sohn der unnennbaren Götter, dessen Lieb' ich nicht für alle Kronen Asiens tauschen möchte! Juble, Volk! Sei ausgelassen froh! Ihr Priester weiht den Tempel ein, der Tugend Macht hat sich bewährt, ein ewig Denkmal sei ihr hier errichtet! Wer sagt mir doch, warum mein Glück mich zu freud'gem Wahnsinn treibt? Warum ist diese Lust so ungeteilt, so allgemein, daß ich kein Stück davon kann eurem Herzen überlassen? O sprecht, wer nimmt mir einen Teil der edlen Bürde dieses Freudenreichtums ab, womit die goldne Sonne mein Gemüt beschenkt? Verdien' ich denn, daß ich so glücklich bin?

Dritte Szene. Fürchterlicher Donnerschlag. Die Bühne umzieht sich mit schwarzen Wolken, aus welchen rote Blitze sich schlangenartig winden. Auf der Erde sprüht Feuer, dann erscheint Moisasur als ein Ungeheuer mit Drachenfüßen und Drachenflügeln, auf dem Haupt eine rote Krone mit Schlangen umwunden, der ganze Körper ist in hellroten Samt gekleidet, um den Leib eine schwarze Schürze mit goldenen Schuppen gestickt. Alles sucht sich in den Hintergrund zu retten, einige flüchten auf Bäume. Alzinde, welche bei ihrer Rede vom Thron gestiegen, bleibt im Vordergrunde, der Thron verschwindet.

Vorige. Moisasur.

Moisasur (mit fürchterlicher Stimme). Alzinde, du verdienst es nicht!

Alzinde (fährt zusammen). Ha!—Wer bist du, scheußlich Ungeheuer, dess' Anblick mir Besinnung raubt? Wie giftig Unkraut stehst du da, das plötzlich aus dem Schoß der Erde treibt.

Moisasur. Moisasur heiß' ich, kennst du diesen Namen? Mit Flammenzügen hat der große Geist ihn auf das finstre Tor der Hölle einst geschrieben, und aus meinem Auge leuchtet ihre Sendung.

Alzinde. Was hat die Hölle an mich abzusenden? Ich habe dich und sie aus meinem Reich verbannt. Die Tugend ist mein Heil, dich hab' ich nie verehrt, und jedem Opfer Fluch, das dir mein Land noch bringt.

Moisasur. So nimm denn Fluch gen Fluch, verruchtes Weib, das meinen Tempel umgestürzt; so zieh' mein Haß denn einen Zauberkreis um dein verrätrisch Land; so will das Leben ich aus seinen Grenzen jagen, und lähmen diesen üpp'gen Teil der Welt! Vertrocknen soll der Baum, die Frucht, der Strom; verdorren soll das Gras, und was in deinem Reich mit Leben prahlt; dein Volk, die Diener deines Hofs, wem Blut nur in den Adern kreist, Mensch oder Tier, das steh' erstarrt und wandle sich in Stein! Und jegliches Geschöpf, das dieses Land mit frechem Fuß betritt, das werd' ergriffen von Versteinerung und steh' als Marmordenkmal meiner Rache da.

Alzinde. O, mein Gemahl!

Moisasur. Schau' hin und lab' dich an dem süßen Anblick! (Die Wolken öffnen sich, man sieht die Gruppen, wie sie ängstlich standen, nun im bunten Marmor, einige auf Palmen hängen, doch der Tugend Tempel strahlt im hellen Sonnenglanz.) Verflucht, daß ich den Tempel schauen muß, als Nebenbuhler meines Ruhms.

Alzinde. Entsetzlich Scheusal, von der Erde ausgespien, weil du ihr Innres zu vergiften drohst, wie kannst du dieses Reich zerstören, das die Sonne ihren Liebling nennt?

(Die Wolken schließen sich wieder.)

Moisasur. Fluch gegen Fluch! Vernichtung für Vernichtung! An dir ist jetzt die Reih'! Ich bin's, der dir nach deinem Wunsch die holde Last der Freude von dem zarten Nacken reißt. Deine Liebe, deinen Reiz, deine Hoffnung, deine Ehre, deinen Ruhm, dein Diadem will ich auf einen Knäul zusammendrücken, und in den Pfuhl der Hölle schleudern. Erscheint, ihr Geister bleicher Nacht. (Vier schwarze Geister erscheinen und ergreifen die Königin.) Seid Zeugen und Vollführer meines Fluchs. Zerstöret ihren Reiz, die Krone reißt von ihrem Haupt, der Locken Glanz verwandelt mir in welkes Grau; die Haut schrumpft ein und überzieht damit ein fleischloses Gebein, das ihr mit halbverfaulten Lumpen dann behängt. Doch laßt die junge Seele nicht aus ihrem morschen Leib entfliehn, damit sie zehnfach jeden Schmerz empfind' und die Erinnrung ihres Glücks sie quäle.—Doch halt—damit des Menschen Habsucht bis zum Tod sie peinige, so laßt sie diamantne Tränen weinen, als Wehmutszeichen, daß sie Indiens Fürstin war. Nun schleppt sie fort, verwandelt sie, dann schleudert sie dem Nordwind in die eis'gen Arme, daß er mit ihr nach einem andern Weltteil rase und dort die alte Ariadne setz' auf nacktem Felsen aus. Befolgt, was ich befahl!

(Die Königin sinkt in Ohnmacht.)

Erster Geist. Noch nicht—in deiner Rache wüt'gem Eifer hast du vergessen, ihr ein Ziel zu setzen; ewig darfst du nicht verfluchen, wie du es von dem ew'gen Geiste bist. Drum sprich, wie lang an diesen Zauberfluch ihr Glück gefesselt bleibt, und wann und wie sich lösen können diese Schreckensbande?

Moisasur. Weil du mich mahnst an meine Pflicht, verruchter Geist, so höre meinen Spruch! Nur dann, wenn sie im Arm des Todes Freudentränen weint, kehrt ihr zurück, was ihr mein Zauberspruch entrissen. Nun regt die trägen Drachenglieder, eilet fort, Erwartung geißelt mein Gefühl. Den höchsten Berg der Welt will ich besteigen und durch der Hölle Mikroskop will ich mit süßer Lust auf ihr verbittert Leben schaun. (Ab.)

(Die Geister versinken mit Alzinden.)

Vierte Szene. Auf dem Rücken einer Alpe, mit der Aussicht auf ferne Gletscher. In der Mitte ein Bergstrom. Der Horizont finster umwölkt. Rechts ein hohes Bauernhaus, Gluthahn gehörig, links eine arme Hütte, neben derselben sprudelt eine Quelle in ein natürliches Becken.

Gluthahn(kommt erzürnt und erhitzt).Das ist ein schlechtes G'sind'Im Rattental dahint';Der Bauer Michel StierKömmt vor'ges Jahr zu mir,Weint wie ein altes Weib,Und geht mir nicht vom Leib;Mein lieber Nachbar Glut,Ich bitt' Euch, seid so gutUnd zahlt mir auf mein HausFünfhundert Taler aus.(Heuchlerisch.)Und ich, ich guter Narr,Mein Herz, das ist halt wahr,Das findt man nirgends mehr,Ich bin so dumm, geb s' her.Ich führ' ihn hin zum Tisch,Wir schreiben einen Wisch;Fünfhundert Taler barGeb' ich dir auf ein Jahr;Und daß ich dich nicht druck',So zahlst' mir achte z'ruck.Wo ist das Jahr schon hin?Was ich gelaufen bin,Was ich schon schrei' und schelt',Ich komm' nicht zu dem Geld.A Zeitlang war er krank,Der Teufel weiß ihm's Dank!Jetzt ist er wieder g'sund,Und zahlt mich nicht, der Hund!Mit ihm red' ich noch gern,Ihm zeig' ich doch ein' Herrn;Doch ist sein Weib zu Haus,Die macht mich noch brav aus.

Pfui, das sind doch undankbare Leut', nicht einmal pfänden wollen sie sich lassen. Gluthahn, wie wirst du jetzt das Geld ersetzen? Mit Freuden würd' ich einen andern darum betrügen, doch ich gewinn's nicht übers Herz, ich bin zu gut. (Heftig.) Aber mir soll noch einer kommen und Geld begehren.—Da grab' ich meine Taler eh' fünftausend Klafter in d' Erden ein und zünd' mein Haus an allen Ecken an, eh' ich so einem Schuft ein' Kreuzer auf fünfzig Schritte nur zeig'. Einen eignen Hund richt' ich mir ab, daß er s' vom Haus weg hetzt. (Heuchlerisch.) Ich muß anders werden, ich bin zu gut. Wo ist denn nur mein Weib schon wieder? Trautel, hörst denn nicht? Trautel!

Fünfte Szene.Voriger. Trautel kommt, sie ist und spricht etwas kränklich.

Trautel. Aber, was schreist denn so?

Gluthahn. Wo bist denn, falsche Nummer, die auf den ersten Ruf nicht kommt.

Trautel. Ich soll ja nicht in d' Luft.

Gluthahn. Nun, so geh in die Gruft.

Trautel. Was willst denn?

Gluthahn. Die Mützen bring' heraus und die Pfeifen und den Rock nimm mit. (Zieht den Rock aus.)

Trautel (verdrießlich). Nu gleich. (Ab.)

Gluthahn (allein). Ein guts Weib ist s'; ich hätte das Weib nochmal so gern, wenn s' nur um das jünger wär', was s' zu alt ist, und um das besser, was s' z' schlecht ist. (Spricht leise, als oh er jemand etwas anvertraute.) Vor dreißig Jahren hat s' mich einmal um fünf Gulden betrogen, das vergiß ich ihr noch nicht; ich bin gut, ich hab' ein einzigs Herz, aber vergessen kann ich nichts. Ich hab' so ein kleins Büchel, da schreib' ich's hinein. (Deutet hinters Ohr.) Da hint' ist's.

Sechste Szene.Voriger. Trautel bringt Mütze und Pfeife.

Gluthahn. Du lieber Himmel, wie gut könnten ein paar Ehleut' miteinander leben, wenn eines dem andern nachgäbe. (Fährt sein Weib derb an.) Kriechst immer untern Füßen herum? Was willst?

Trautel. Je nu, die Pfeifen bring' ich und die Mützen.

Gluthahn. So meld' dich!

Trautel. Sei nur nicht so grob mit mir, mir ist heut so nicht gut.

Gluthahn. Das ist rheumatisch Zeug, schlag dir's aus dem Kopf.

Trautel. Das kann ich nicht.

Gluthahn. Nu, so schlag' ich dir's heraus, ich kann's.

Trautel. Mir fehlt's im Herzen, und ich fühl' mich so schwach.

Gluthahn. Da sind wir alle schwach, wenn's uns im Herzen fehlt.

Trautel. Wenn du mir kein' Bader nimmst, so stirb ich noch.

Gluthahn. Solang noch's Herz schlagt, stirbt man nicht.Rheumatisch bist, sonst nichts. Egel setz' dir, da wird alles gut.Hab' erst einen zusammentreten unt' beim Bach, so kommen s' weg.

Trautel. Ich bin ja nicht rheumatisch.

Gluthahn. Im höchsten Grad; wenn ich dich nur anschau', fangt's mich an zum Reißen.

Trautel. Bringst gewiß kein Geld z' Haus, weilst so z'wider bist.

Gluthahn (wild). Mahnst mich noch?

Trautel (beiseite.) Ich muß dem Bösewicht nur schmeicheln, sonst ist gar nichts z' haben von ihm. (Streichelt ihm das Kinn.) Mann, meines Lebens Lust.

Gluthahn (höhnisch). Weib, meines Lebens Last—was willst denn außerbrateln von dein' Mann, den du aus List nennst deine Lust?

Trautel. Ich hol' mir den Bader.

Gluthahn. Hol' mir zwei Maß Wein.

Trautel. Nicht wahr, ich darf ihn holen?

Gluthahn. Aber ein' g'scheiten, das sag' ich dir.

Trautel. Ich dank' dir, sie haben ja nur einen im Ort.

Gluthahn. Und daß er nicht g'schwefelt ist.

Trautel. Ei, wer denn?

Gluthahn. Der Wein.

Trautel. Ich hab' g'glaubt, der Bader.

Gluthahn. Wer redt denn vom Bader?

Trautel. Ich.

Gluthahn. Und ich red' vom Wein.

Trautel. Was hab' ich vom Wein?

Gluthahn. Was hab' ich vom Bader?

Trautel. Ich hol' ja den Wein, aber zahl' mir den Bader, sonst geh' ich ja z'grund.

Gluthahn. Nu, so hol' dir ihn, aber wenn du bis morgen nicht g'sund bist, so darfst mir dein Leben nimmer krank werden.

Trautel (für sich). Endlich. (Laut.) Dank' dir, lieber Mann.(Will ab.)

Gluthahn. Da gehst her. (Trautel kehrt um.) Jetzt wirst du doch einsehn, was d' für einen Mann an mir hast.

Trautel. Nu, ich glaub's.

Gluthahn. Unter andern, hast mich gern?

Trautel (ironisch). Nu, wer wird denn dich nicht gern haben.

Gluthahn. Küß' mir d' Hand.

Trautel (tut es und spricht im Abgehen seufzend). O Seligkeit!(Geht ins Haus.)

Gluthahn (triumphierend). So muß man sich s' abrichten, dann weiß man, wer der Herr im Haus ist. Ich hätt' nicht nachgeben sollen, (heuchlerisch) aber mein Herz, ich bin gar zu gut.

Siebente Szene.Voriger, Trautel mit einer leeren Flasche.

Gluthahn. Bist da? Da hast Geld, jetzt zieh dich.

Trautel (beiseite). Du lieber Gott, befrei' mich doch von mein' Leid, ich will ja gern sterben, daß ich nur den Mann nimmer sehn darf. (Geht gegen das Dorf ab.)

Gluthahn (allein, er schlägt Feuer und zündet seine Pfeife an). Wenn man dem Weib da so erlaubte, auf ihre Faust recht krank zu sein, die machte einen Aufwand damit, der nicht zu erschwingen wär'. (Schlägt sich vor die Stirn. Erbittert.) Wann ich nur das Geld nicht ausg'liehn hätt'. (Ein Sturmwind erhebt sich.) Öh, blas, du dummer Wind, blas auseinander die grau muntierten Wolken. Der Himmel ist schon vierzehn Tag' als wie ein Aschenweib. (Windstoß.) He, he, he, he, sei nur kein solcher Narr!—Die Kälten von dem Wind! (Windstoß.) Holla, der nimmt die Bäum' beim Kopf und beutelt s' recht, als wie ein Meister seine Lehrbuben.—(Windstoß.) Weil er kein' Kopf hat, so kann er auch kein' andern leiden. (Windstoß.) Nicht rauchen laßt er mich, der Schlaprament! Du sollst mich nicht sekieren, du lüstiger Patron; ich geh' jetzt hinein, just kriegst mich nicht. (Er geht unter die Tür und steckt den Kopf heraus.) Blas mich an jetzt, wannst dich traust. (Höhnisch.) Ja, auf d' Wochen, dummer Wind! (Schlägt die Tür zu.)

Achte Szene. Sturmmusik. Alzindens Gestalt als altes Weib in Bettlerkleidung rauscht im Hintergrunde, zwischen den Flügeln des Nordwindes liegend, über die Bühne; den Strom der Luft auszudrücken, in welchem eine geflügelte Figur mit aufgeblasenen Backen, die Locken mit Eis behängt, wie durch einen Schleier sichtbar ist, bleibt der Phantasie des Malers überlassen. Die Musik geht in eine klagende über, und nach einer bedeutenden Pause kommt Alzinde auf die Bühne. Sie hat graues Haar, ihre Gestalt ist ehrwürdig, ihre Kleidung abgenützt, aber nicht zerrissen.

Alzinde. Wo bin ich wohl? Wohin hat die Gewalt des Sturmwinds mich getragen? wie heißt die Unglückswelt, auf der ich mich befinde? denn das ist nicht mein Reich, zu meinem Auge sprechen nie gesehne Dinge. Fremde Hütten, fremde Berge, ein fremder Himmel, ohne Sonne, ohne Mond, ohne Sterne, ohne Blau. Auch fühl' ich mich so schwach, ich will mich setzen, jene Quelle soll mich laben. (Sie setzt sich an den Rand des Beckens, sieht in den Wasserspiegel und springt auf.) Welch häßliche Gestalt schaut aus dem Spiegel dieses Quells? Doch nicht mein eignes Bild?—Nicht möglich! (Streckt die Hand aus und erschrickt davor.) Wem gehören diese welken Hände, diese abgelumpten Kleider? wessen Stelle muß ich hier vertreten? Ich bin das nicht, widerrufe, Quell! (besieht sich noch einmal—erstarrt.) Er wiederholt's—ich bin's—ich bin's! (Fällt verzweifelnd auf den Rasen hin.) Ich Unglückselige! (richtet sich auf und lacht verzweiflungsvoll.) Das ist Alzind', die Schönheitsblume Indiens, in eine welke Distel nun verwandelt. O du mein stolzer Geist, verjagt aus deinem üppigen Palast, was mußt du jetzt für ein verächtlich Haus bewohnen! Ich duld' es nicht! Verzweiflungsvolle Seele, sprenge doch die Riegel dieses morschen Kerkers! (Ängstlich.) Eilt mir zu Hilfe, Große meines Reichs—wo seid ihr, meine Diener?—(Stark rufend.) meine Sklaven! (Echo ruft: Sklaven.) Es ist umsonst, das Echo ist der einz'ge Sklave meines Rufes. Ich bin allein, verbannt von meinem Volke, meinem Gott. Was rauschet? Ha, ein Geschöpf aus dieser Welt. O du erbärmliche Gestalt.

Neunte Szene.Gluthahn erscheint im Rocke. Vorige.

Gluthahn. Wer schreit denn so? Wie kommst du auf 'n Berg? Kriech weiter um ein Haus.

Alzinde. Wenn du ein Mensch bist, wie die Sprache mich's vermuten läßt, so sage mir, wie heißt die Welt, in der du lebst?

Gluthahn. Weiter geh!

Alzinde. Wenn du ein Mensch bist, nimm mich auf in deine Hütte, die Sonne wird dich dafür lohnen.

Gluthahn. Aha, die brennet mich aus Dankbarkeit auf den Buckel hinauf. Du, laß mich aus mit deiner Sonn', die kenn' ich nicht.

Alzinde. Er kennt die Sonne nicht, weh mir. Hab' Mitleid, Hunger führet mich an deine Hütte, speise mich mit etwas Reis.

Gluthahn. (erstaunt). Was willst du haben? einen Reis? Ein Bettelweib will ein' Reis; Sie schafft sich nur gleich an, was sie am liebsten ißt.

Alzinde. O reich' mir nur ein kleines Stückchen Zucker.

Gluthahn (lachend). Einen Zucker will sie, o du süßes Goscherl du. Wo hab' ich denn g'schwind was, ich gib ihr eine hinauf, daß s' ein Zucker macht, an dem s' langmächtig z' schlecken hat.

Alzinde. Hab' Mitleid, ich verschmachte, gib mir stärkendes Gewürz.

Gluthahn. Jetzt halt' ich's nimmer aus, jetzt will sie noch gar ein G'würz! Ich komm' in Narrenturm mitsamt dem Weib. Ich hab' kein G'würz noch gesehn, solang ich auf der Welt noch bin, die geht herum und bettelt um Gewürz.

Alzinde. Du Unmensch, sprich, soll ich an deiner Schwelle sterben?

Gluthahn. Was unterstehst du dich, an meiner Tür willst du da sterben? A solche Ungelegenheit, daß ich dich noch begraben lassen könnt'; gehst hinunter übern Berg und schaust dich um ein Platzel um, wost' hinwerden kannst.

Alzinde. Sonne, was erlebe ich.

Gluthahn. Schläg' wirst gleich erleben, wenn du nicht gehst.

Alzinde (stolz und kräftig). Ich befehle es dir, mich zu bewirten, ich bin Indiens Königin.

Gluthahn. Jetzt ist's heraußen. Das Weib ist närrisch. Sie ist Indiens Königin, ich lach' mir noch einen Buckel, größer als der ihrige. Wenn du jetzt nicht gleich von meiner Tür weggehst, so jag' ich dich übern Berg hinunter. Marsch! Du verzuckertes indisches Bettelweib du! (Ab. Schlägt die Tür zu.)

Zehnte Szene.

Alzinde (allein, mit Verzweiflung). Weh mir! So bin ich denn auf einem fremden Stern, ausgeschlossen aus der Sonne Strahlenreich. Nicht Menschen hausen hier. Dämone sind es, Söldner jenes Drachensohns, der mich hierher gebannt. Hier darf kein Weihrauch duften, keine Palme blühn, ein wüstes Grab ist diese Höllenflur. Seht, seht, wie kleine Furien mit gehörnten Köpfen über jene kahlen Felsen springen. Nie werd' ich mehr mein Volk, meinen Gemahl erblicken. Verloren ist mein Leib, verloren meine Seele. (Sinkt auf die Knie und ruft:) Sonne, rette mich! (Echo: Rette mich.) Umsonst, sie hört mich nicht; das Echo höhnt mich aus, ihr Strahl dringt nicht auf dieses fluchbeladne Land. Welche Angst ergreift mein Gemüt? Von allen bin ich hier verlassen und auch zu ihr kann ich nicht flehen. Entsetzliches Geschick! Was ist der Mensch, dem man die Hoffnung auf das Höchste raubt? Mein Aug' wird trüb, mir ist, als hätten diese Berge Licht und Farbe eingebüßt und flößen mit des Himmels schauerlichem Grau zusammen. Die Welt zerrinnt vor meinen Blicken, ich sehe nichts, als jenen Strom, der konvulsivisch sich durch dieses Chaos windet und seine nassen Arme nach mir streckt. Hinweg von mir, du schrecklicher Gedanke, der mich ergreift, und nach dem Strom hinzieht. Ich folg' dir nicht, umsonst, ich muß—Verzweiflung, freu' dich deines Siegs, ich muß hinein. (Sie eilt gegen den Strom, plötzlich:) Ha, der Sonne Bild! (Sie blickt empor, ihr ganzes Wesen löst sich in zitternde Freude auf.) Sie ist's! (Steigend.) Sie ist's, die—(Mit zitternder Stimme.) die Sonne! Meine Sonne, meiner Seele höchster Trost! (Sinkt auf ein Knie, dann springt sie freudig auf.) Freude, Freude, sie ist hier! Ihr Wälder, Klippen, Bäume, Quellen, meinen Blicken neu geboren, grün gekleidet, wie mein Hoffen, hört es, ich bin nicht verlassen, nicht verstoßen von der ew'gen Sonne! O wie ist mir wieder leicht, wie hat ihr Strahl mein Innerstes gelichtet. Nun hab' ich Mut zum Dulden, Mut zum Tragen.

Muß ich fern von allen LebensfreudenKämpfen auch mit Gram und Leiden,Kann ich's doch der Sonne klagen,Mit Bewußtsein zu ihr sagen;Habe alle Freuden meiner JugendAufgeopfert für den Ruhm der TugendUnd erwarte meinen LohnEinst an deinem Himmelsthron.

(Sie setzt sich auf einen Rasen und versinkt in Nachdenken.)

Elfte Szene.Hans. Mirzel.

Mirzel. Geh, geh, ich soll recht bös auf dich sein. Du bist ein sauberer Mann, laufst voraus und schaust dich gar nicht um um mich. Wie ich noch ledig war, da bist hinter mir her g'wesen auf einen jeden Schritt, und jetzt—aber die Nachbarin hat mir's vorausg'sagt, das ist das sicherste Zeichen, daß ein paar verheiratet sind, wenn der Mann anfangt, unartig zu werden. Heut werden s' kopuliert, da geht sie voraus, den andern Tag laßt er sie schon hint' nach gehn.

Hans. Aber liebe Mirzel

Mirzel. Willst du's etwa leugnen? Zuerst kommst du, hernach dein Spitzel, nachher ich, ich und der Hund, wir gehen immer miteinander. Au contraire, seinem Spitzel pfeift er doch manchmal, aber bei mir da denkt er sich: Du kommst mir so nach Haus, dich verlier' ich nicht.

Hans. Ich weiß gar nicht, ich hab' den Hund recht gern bei mir.Ob wir jetzt unser zwei ausgehn oder unser drei?

Mirzel. Nu, neulich sind wir gar unser vier g'wesen, da hast zwei Spitzeln mitg'habt; einen hast du aus dem Wirtshaus nach Haus tragen, und der andere ist so mitg'laufen.

Hans. Nu, und wie er neulich verloren gegangen ist, so hat ihn doch kein Mensch finden können als du.

Mirzel (launig). Ja, das macht, weil ich sehr spitzfindig bin.

Hans. Aber jetzt hören wir einmal auf, wir disputieren wegen dieSpitz' wie die kleinen Buben; das ist eine völlige Spitzbüberei.

Mirzel. Ich bin ja schon wieder gut, das ist ja nur mein Spaß, ich hab' dich viel zu lieb, du bist ja mein guter Mann.

Hans. Und du mein guts Weib; kurzum, wir sein halt von der bestenGattung.

Mirzel. Freilich, wir sind gut, und alles wär' gut, wenn wir nur mehr zu essen hätten.

Hans. Laß nur gut sein, der liebe Gott wird uns schon helfen. Haben wir doch jetzt unser' Grundsteuer wieder zum Amtmann hineintragen; acht Gulden alle Jahr', ist kein Spaß. Schau' nur, wie die Sonn' so freundlich scheint, schau' dich nur um. (Erblickt Alzinde.) Du, was liegt denn dort für ein altes Weib? die wird krank sein; sie weint, ich werd' s' trösten.

Mirzel. Die Alte? Nun, die kannst schon trösten.

Hans (geht zu ihr). Du, Alte, hörst?

Alzinde (hebt sich empor, erblickt beide, springt erschrocken auf und ruft). Menschen! (Will entfliehen.)

Hans. He, he, wo laufst denn hin? so wart' doch, wir meinen dir's ja gut.

Mirzel. Freilich, willst ein Stückel Brot?

Alzinde (sieht sie erstaunt an). Seid ihr wirklich Menschen?

Hans. Nu, du wirst uns doch für keine Maikäfer anschaun?

Alzinde. Menschen seid ihr, und ihr habt Erbarmen?

Mirzel. Du blauer Himmel, warum nicht? wir erbarmen uns selbst manchmal.

Alzinde. Also seid ihr unglücklich?

Mirzel. I bewahr', wir sind recht glücklich.

Hans. Wir haben nur kein Geld.

(Gluthahn laßt sich am Fenster sehen, und horcht.)

Alzinde. Das versteh' ich nicht.

Hans (zu Mirzel). Sie ist taub. (Laut, Alzinden ins Ohr.) Wir haben kein Geld, wie kannst du denn das nicht verstehn, das kann ich mit Händen greifen, wenn ich in den Sack fahr'.

(Fährt in den Sack.)

Mirzel. Weißt, wir sind halt glückliche Unglückliche, wie mancheLeute unglückliche Glückliche sind.

Hans. Das ist eine gute Explikation. Wir sind arme Steinbrecher, wir arbeiten im Steinbruch da hint', und leiden oft Hunger, daß sich ein Stein erbarmen möcht', aber nur im Winter, im Sommer geht's uns besser.

Mirzel. Was sprichst du denn so viel da mit der Alten, trag ihr etwas aus der Hütte und laß sie gehn.

Hans. Nein, mir gefallt s', sie hat zwar noch nichts g'redt, aber ich find', daß sie recht eine unterhaltendliche Person ist. (Zu Alzinde.) Weißt, ich und mein Weib haben uns halt gar so gern, und das ist unser Glück.

Alzinde (zu Mirzel). Also liebst du deinen Mann?

Mirzel. Vom Herzen.

Alzinde. Und wenn du ihn verlieren müßtest?

Mirzel. Ich, mein' Mann?

Alzinde. Wenn er dir auf ewig entrissen würde?

Mirzel. Das überlebet ich nicht.

Alzinde. Weh mir, und ich lebe noch! Sie stirbt für diesen Bettler, und ich lebe noch. (Weint heftig.) O mein Gemahl, mein königlicher Herr. (Ihre Tränen fallen in Hansens Hut, der ihn absichtslos aufhält.)

Hans. Jetzt, warum weinst denn? Jetzt weint sie mir grad in den Hut hinein.—Du, Mirzel, schau, was ist denn das, der ihre Tränen sind ja alle von Glas, die weint ja lauter kleine Steiner.

Mirzel. Warum nicht gar.

Hans. Auf die Letzt hat s' gar einen Steinbruch in die Augen.

Mirzel. Was weinst denn du da?

Alzinde. Ich weine Diamanten.

Hans. Mich trifft der Schlag, das hab' ich noch mein Leben nicht g'hört, daß eine Amanten weint. Wann s' noch wegen einen Amanten weinet', aber einen Amanten selbst, das ist entsetzlich.

Alzinde. Sagt mir, haben Diamanten aus eurer Welt hier einen Wert?

Mirzel. Nu, ich will's hoffen, unser Herr, bei dem wir arbeiten, hat einen Ring, da ist ein einz'ger Stein mehr wert, als sein ganzer Steinbruch.

Alzinde. So hört mich an, vielleicht kann ich durch meine Tränen euch beglücken. Des einen Glück bedingt ja leider oft des andern Unglück. Behaltet mich bei euch, gebt mir nur magern Unterhalt, schützt mich vor der Mißhandlung eurer Brüder und nehmet meine Tränen hin als Eigentum, welche reichlich fließen werden, weil ich mein Schicksal nicht genug beweinen kann.

Gluthahn (am Fenster). Das Weib laß' ich nicht aus, mein Herz ist z' gut, die nehm' ich auf.

Hans. Aber wer hat dir denn das g'lernt, du bist doch nicht etwann eine Hex'?

Mirzel. Nu, fragen möcht' ich s' noch.

Alzinde. Was ich euch nun entdeck', ist wahr, so wahr, als dieser Sonnenstrahl, der sich in meiner Träne bricht. Ich bin die Fürstin eines ind'schen Reichs, der Tugend hab' ich mich geweiht, wie ihr, und weil ich einen bösen Geist aus meinem Land vertrieben, hat er aus Rache mich nach eurer Welt verbannt. Ich ward geehrt von meinem Volk, das meine Schönheit, meinen Geist bewunderte, geliebt von meinem zärtlichen Gemahl, und alles, was des Glückes Großmut mir verliehn, hat dieser Dämon mir entrissen. (Weint.)

Hans. Jetzt fang' ich auch zum Weinen an, aber meine Tränen sind keinen Kreuzer wert.

Alzinde. Doch meine Jugendkraft hat er mir nicht geraubt, und heftiger fühl' ich den Schmerz, als ich die Freude früher hab' empfunden. Ihr glaubt mir doch?

Mirzel. Das kann ja sein, ich hab' schon viel von verzauberten Prinzessinnen gehört. Nu, trösten sich Euer G'streng' nur, wir werden schon für Euer G'streng' sorgen.

Hans. Was sagst denn Euer G'streng', meinst denn, du redst mit demVerwalter? (Mit erhobener Stimme.) Weiß die Fürstin was, wirbehalten die Fürstin bei uns, und was wir haben, bekommt dieFürstin auch.

Alzinde. Ihr guten Menschen, meine Tränen werden dankbar fließen.

Mirzel. Wenn s' nur alle Jahre einmal weint, im Frühling, wenn der Schnee zerfließt, so leben wir das ganze Jahr davon. Die Fürstin macht noch unser Glück.

Hans. Und da braucht sie nicht einmal einen Schmerz, der sie weinen macht, ich reib' ihr einen scharfen Kren, so weint sie ihren diamantenen Fleck her und lacht uns alle aus.

Mirzel. Ja, das ist prächtig, lieber Hans; die Tränen, die du im Hut hier hast, tragst du morgen augenblicklich in die Stadt. Jetzt geh die Fürstin nur in unsre Hütten hinein, da findt die Fürstin Milch und Brot; wir müssen jetzt in' Steinbruch hinaus, wir haben nur unsre Werkzeuge g'holt. Auf den Abend kommen wir nach Haus, und dann wollen wir recht vergnügt sein alle drei.

Hans. Ja, mein' liebe gute Fürstin, geh die Fürstin nur hinein, gib die Fürstin auf mein' Spitzel gut acht und sperr' die Fürstin die Tür von innen gut zu; unser Nachbar ist gar ein böser Mann, dem muß die Fürstin ja nicht traun, sperr' ihm die Fürstin gar nicht auf.

Alzinde. Sorgt euch nicht, ich hab' ihn schon erkannt. Er stieß mich ja von seiner Tür.

(Sie geht hinein, Hans und Mirzel nehmen ihre Hämmer. Alzinde riegelt die Türe von innen zu.)

Hans. Heisa, jetzt geht's in den Steinbruch hinaus, wenn wir auch noch so wenig haben, ein fröhliches Herz tauscht ja mit Königen nicht. (Beide ab.)

Zwölfte Szene.

Gluthahn (schleicht herein). Geh in den Abgrund, Volk. Ob denn ein guter Mensch, wie ich bin, ein Glück hat? Erwischen die das Weib mit ihrer diamantenen Tränenfabrik! Gluthahn, da kannst du dein Geld hereinbringen. Ich bin ein guter Mensch, aber das Weib lass' ich nicht aus, die muß mir alle Säck' voll weinen. Hab' schon meinen Plan ausgedacht indessen,—im Haus kann ich sie nicht versperren hier; sechs Stunden weit in Alpenmarkt drin, da kenn' ich einen Herrn aus der Stadt, er hat ein Landhaus in Alpenmarkt drin und war in meiner Hütten öfter über Nacht, wenn er auf die Alm hinauf ist—das ist ein vermöglicher Mann, er handelt mit guten Steinen und reist herum damit. Er kauft Holz von mir; da führ' ich s' hin und lass' sie etwas weinen, daß er s' untersucht, ob s' wirklich Diamanten weint, ob s' nicht etwa böhmische Steine weint oder so Zeugs. Und wenn s' was wert ist, so machen wir einen kleinen Überschlag, und ich verkauf' ihm das ganze Weib wegen ihren Tränen um ein Pauschquantum. So ist das arme Weib versorgt, kommt auf Reisen und hat das schönste Leben. Ich kann mir halt nicht helfen, ich find', daß ich ein edler Kerl bin, ich mag schon tun, was ich will. Wenn ich s' nur herauslocken könnt', ich wirf sie auf meinen Leiterwagen und fahr' mit ihr davon, als wenn ich sie gestohlen hatt'. Da kommt mein Weib.

Dreizehnte Szene.Gluthahn. Trautel.

Trautel (stellt den Krug Wein auf den Tisch). Da bin ich, lieberMann.

Gluthahn (roh). Nu, bist du schon g'sund?

Trautel. Warum nicht gar. Ach, lieber Mann, mit mir ist's aus, der Bader sagt, mich bringt er nimmer auf.

Gluthahn. Der Bader ist ein Narr, was braucht er dir's zu sagen, das hab' ich eh' schon g'wußt.

Trautel. Ich unglückselig Weib—ich bitt' dich, Mann, was soll ich denn jetzt tun, damit mir besser wird?

Gluthahn. Spann' die Pferde vor den Wagen, das stärkt dich, ich fahr' aus.

Trautel. Das ist ein schöner Trost! Ich kann ja nicht, ich bin z' schwach.

Gluthahn. Du mußt, potz Himmeltausend Saprament, ich werd' dich lernen räsonnieren, du alte Blendlaterne. Den Augenblick spannst ein und gehst dann in den Garten und brockst mir ein' Korb voll Äpfel ab. (Für sich.) So bring' ich sie doch fort.

Trautel. Nein, du bist kein Mensch, du bist ein Krokodil. (Weint.)

Gluthahn. Wirst gehn.

Trautel. Ich geh' schon. (Geht weinend ab.) Ach, du lieber Himmel!

Gluthahn. Jetzt weint die auch. Komm her. (Trautel kehrt um.) Was weinst denn? (Sieht in ihre Augen.) Die weint keine Diamanten, höchstens mein Geld als Medizin. Geh, geh, besorg' den Wagen, so kommst du mir doch aus den Augen.

(Trautel geht hinters Haus ab.)

Vierzehnte Szene.Gluthahn, dann Alzinde.

Gluthahn (boshaft lächelnd). Jetzt werd' ich fensterln gehn. (Mit falscher Freundlichkeit.) Liebe Alte, komm heraus, ich hab' dir etwas zu entdecken.

Alzinde (öffnet das Fenster). Was willst du, böser Mensch, der mich verstieß.

Gluthahn. Denk doch nicht mehr dran, ich war im Zorn, ich bin so gähzornig, ich hab' es schon bereut, hab' schon g'weint deswegen und möcht' dir die Kränkung gern vergelten; drum komm heraus, wir trinken ein Glas Wein.

Alzinde. Ich traue deinen Worten nicht. Eh' glaub' ich, daß der Hai des Meeres Schutzherr wird, der Falke um die Taube freit, Hyänen um ein Menschenleben weinen, der Wolf aus Gram vergeht, weil er ein Lamm getötet hat, eh' ich das glaub'; daß du mich trösten willst.

Gluthahn (beiseite). Sie beißt nicht an, ich werd' ihr etwas Süßes an die Angel hängen. (Laut.) Sei nicht so mißtrauisch, du hast ja selbst ein gutmütigs G'sicht, du mußt einmal besonders schön g'wesen sein, man sieht dir's noch ein wenig an, du hast noch recht verliebte Augenbraunen. Geh, komm herüber, liebe Alte, mein Weib hat eine schöne Hauben, die wird dir prächtig stehn.

Alzinde. Bemüh' dich nicht, du zwingst mir kein Vertrauen ab.

Gluthahn. Das muß kein Weibsbild sein, weil sie das nicht rührt. Jetzt werden wir's auf andre Art probieren. (Heuchlerisch laut.) Du tust ein frommes Werk, wenn du durch mich dir etwas Guts erweisen laßst, es ist ja deine Pflicht, ich kann nicht ruhig schlafen sonst; ich mach' mir Vorwürf' in meinem Innern, daß ich dich so behandelt hab'. (Hält die Hände zusammen.) Ich bitte dich, geh doch heraus, tu mich nicht so kränken, ich bin ja ein kranker Mann, ein alter, der nicht mehr lange leben wird.

Alzinde. Verlaß die Hütte, du betrügst mich nicht.

(Schließt das Fenster.)

Gluthahn (erzürnt). Der Satan hat das Weib im Sold!

Fünfzehnte Szene.Gluthahn, Trautel, dann Alzinde.

Trautel. Eing'spannt ist's, jetzt fahr zur Höll'!

Gluthahn. Was hab' ich in dein' Geburtsort z'tun? Nach dem Garten geh und Äpfel brock'. (Trautel geht ins Haus ab.) Heraus muß sie, und wenn ich's Haus zerschlagen sollt'. (Klopft heftig an.) Alte, g'schwind machst auf, es schickt der Hans, er hat ein Arbeitszeug vergessen. (Der Hund knäuft von innen.) Sie macht nicht auf. (Pocht stärker.) Ob du aufmachst, frag' ich, oder nicht, ich schlag' euch alle Fenster ein, ihr schlechtes G'sind'. (Er schlägt das Fenster ein, man hört den Hund bellen.) Den Hund erschlag' ich; bist still, du Höllenvieh! (Wirft einen Stein hinein.)

Alzinde (am Fenster). Bist du rasend, Mensch? was reizt dich so zur Wut?

Gluthahn (äußerst boshaft). Heraus gehst, sag' ich, sonst zünd' ich das Haus an allen Ecken an, ich kenn' mich nicht vor Wut. O weh, mir wird nicht gut, ich armer Mann—wer hilft mir denn? (Sinkt in den Stuhl und löst sein Halstuch.) Wasser, Wasser! Mir wird übel—ich stirb, wenn sich kein Mensch erbarmt—o! o! (Pause.)

Alzinde. Götter, welch ein Mensch! Er liegt bewegungslos! was soll ich tun? Wenn er nun stirbt, so bin ich schuld, ich könnte ihn erretten. Er ist ein böser Mensch zwar, aber doch ein Mensch, die Sonne scheint auf ihn, so wie auf mich, und fordert mich zu seiner Rettung auf. Ich will der Tugend dieses kleine Opfer bringen. (Öffnet die Hütte und trägt in einer Schale Wasser.) Alter, Alter, hier ist Wasser!

Gluthahn (springt schnell auf). Heisa, hab' ich s' erwischt?Jetzt kommst mir nimmer aus. (Packt sie.)

Alzinde. Ha, du verräterischer Molch!

Gluthahn (ringt mit ihr). Jetzt will ich dich zum Kirchtag führen. (Der Hund bellt heftig.) Still, du Rabentier. (Er zerrt sie hinter das Haus in die Kulisse. Nach einer Pause kommt)

Sechzehnte Szene.

Trautel (mit einem Korb Äpfel). Was bellt denn nur der Hund so sehr? Spektakel! was treibt denn mein Mann? der hebt ein altes Weib auf seinen Wagen. (Peitschengeknall.) Jetzt fährt er fort mit ihr. Du gottloser Mensch, wenn er nur nichts Schlechts vorhat mit dem Weib? Wie er ausjagt,—das geht nicht mit rechten Dingen zu. Ich lauf' in' Steinbruch, such' den Nachbar, sag's dem Bader, klag's dem Richter, allen Leuten unt' im Orte will ich schnell die ganze G'schicht' erzählen. Das ist ein Unglück, daß ich gar nicht weiß, was geschehen ist. (Ab.)

Siebzehnte Szene.(Kurzes Wolkentheater.)

An der Seite, im Vordergrunde, eine hervorragende thronartige Wolkengruppe. Geister der Tugend, weiß gekleidet, Lilienstengel in den Händen, kommen unter passender Musik trauernd auf die Bühne.

Ariel (tritt mitten unter sie).Laßt uns um Alzinden klagen,Die in jugendlichen TagenDurch der finstern Mächte Spiel,Als ein Tugendopfer fiel.(Knien nieder.)Himmel, höre unsre Bitten,Lasse nimmer es geschehn,Daß der Tugend reine SittenDurch Verfolgung untergehn.

(Steht lebhaft auf.)

Doch seht nur, dort schwebt, mit dem LilienstengelDer Retter der Unschuld, ihr tröstender Engel,Er trug zu dem Throne des Mächtigen hinDas Schicksal Alzindens mit flehendem Sinn.O himmlischer Bote, o tauche doch niederDein silbererglänzendes Schwanengefieder!Er nahet, er nahet, er senket die Schwingen,Und wird uns das Machtwort des Ewigen bringen.

Achtzehnte Szene.Musik. Vorige. Der Genius der Tugend, eine Lilienkrone auf demHaupte, besteigt den Wolkenthron.

Genius.Hört mich an, ihr Tugendgeister,Zu mir sprach der hohe Meister;Nur ein Kampfplatz ist die Welt,Und das Böse hingestellt,Daß es mit dem Guten streite,Und der Hölle werd' zur Beute.Beide treten in die SchrankenDieser unruhvollen Welt;Tugend darf im Kampfe wanken,Eigne Schuld ist's, wenn sie fällt.Jedem ward die Kraft hienieden,Der Verführung Trotz zu bieten;Nur der Schwache sinkt im Krieg,Doch den Starken krönt der Sieg.So ist es bestimmt auf Erden,Tugend muß geprüft dort werden.Dies ist auch Alzindens Los;Doch ihr Lohn unendlich groß,Denn sie wird ein Beispiel geben,Wie der Mensch gelangt im LebenDurch die Qual der tiefsten LeidenZu dem Ziel der höchsten Freuden,Die ein groß Bewußtsein schenkt.

Drum gehe in Erfüllung Moisasurs Spruch,Und Edelmut, den er verdammt, besiege seinen Fluch.Unmögliches hat er von ird'scher Kraft begehrt,So werde er nun auch durch den Erfolg belehrt;Daß Tugend, wenn sie gleich im Staub sich windet,Hoch in den Wolken ihren Retter findet.

Zu diesem, sprach er, will ich dich nun weihn,Und deinem Wink die Kraft verleihn,Daß jedes Wesen, so die Erde hegt,Was sich in ihr, und was sich auf ihr regt;Die Bewohner dunkler Klüfte,Wie die Geister blauer Lüfte,Deinem Rufe untertänig;Ja, daß selbst des Todes König,Sprichst du meinen Donnergruß,Deinem Rufe folgen muß.Also sprach der große Meister,Preiset ihn, ihr Tugendgeister.

(Alle knien nieder und beugen ihr Haupt.)

Genius.Ich will, um das Schiff zu lenken,In Hoanghus Seele senkenMeiner Prüfung forschend Blei,Ob sein Lieben tief auch sei.Ihr verrinnet in die Lüfte,Hüllet euch in Blumendüfte,Lindert in Alzindens HerzDer Verzweiflung wilden Schmerz.

(Die Geister verschwinden.)

Neunzehnte Szene.(Indische Gegend.)

Seitwärts Hoanghus Zelt, zwischen Palmen aufgehangen, er ruht darin. Der Wolkenthron, auf welchem der Tugendgenius steht, verwandelt sich in einen hohen Fels.

Genius (auf dem Fels).Unter jenem PalmenzeltRuhet Indiens edler Held;Traumgott, du magst niedersteigenUnd Alzindens Los ihm zeigen.

Musik. Wolken sinken, es wird Nacht. Der Traumgott tritt in Hoanghus Zelt, beugt sich über sein Haupt, und indem er seine Stirne mit der einen Hand berührt, zeigt er mit der anderen auf die Hinterwand und bleibt in dieser Stellung, bis der Traum vorüber ist. Die Wolkendecke löst sich, man sieht in einer hellbeleuchteten Gegend am Meere, auf einem mit Blumen besäten Hügel Alzinden mit einem Siegeskranz in der Hand, ihren Gemahl freudig erwarten. Siegesmarsch erschallt. Eine Gestalt, wie die Hoanghus, von Kriegern begleitet, landet auf einem Schiffe, springt freudig ans Land, eilt auf Alzinden los und streckt die Arme aus. Plötzlich verwandelt sich der Hügel in einen schroffen Fels, auf dem Alzinde in der Gestalt eines alten Weibes sitzt und ihre dürren Arme nach Hoanghu streckt, welcher entsetzt zurückschaudert. Moisasur grinst mit hohnlächelndem schadenfrohen Antlitz, mit halbem Leibe, aus Wolken herab auf die Gruppe. Die indische Gegend und der Traumgott verschwindet. Die Musik endet leidenschaftlich. Hoanghu springt erschrocken vom Lager auf. Es wird Tag.

Hoanghu. Fort von mir, verruchter Traum, der seine Schreckensbilder auch nach dem Erwachen zeigt, willst Hoanghu du ermorden? Was klammerst du dich so an meine Phantasie?—Laß los! (Reißt erzürnt das Schwert aus der Scheide und haut in die Luft.) Träume sendet uns die Sonne, darum glaub' ich ihrem Wink. Götter, sendet mir ein Zeichen, ob euch dieser Traum gehört? oder ob die gift'ge Spinne Moisasur ihn gewebt? Doch was brauch' ich hier zu fragen in dem antwortlosen Wald, ich will meine Frage stellen an die Überzeugung selbst. (Es donnert.) Ha, des Donners Warnungsstimme spricht, der Schreckenstraum ist wahr. Auf, ihr Krieger, reißt die Zelte nieder, kündigt den Gehorsam auf dem Schlaf. (Alarm, alles greift erschrocken zu den Waffen, Krieger und Häuptlinge erscheinen auf der Bühne.)

Zwanzigste Szene.Voriger. Häuptlinge. Krieger.

Ein Häuptling. Was befiehlst du, großer König?

Hoanghu. Ordne schnell dein ganzes Heer. Siehst du meines Reiches Grenze? (Deutet in die Szene.) Nach der Hauptstadt ziehen wir, denn ein Traum hat mir verkündet, meiner Gattin droht Gefahr. Schnell, wie ihr den Feind verfolget, so verfolget jetzt die Zeit. Eure Waffe sei die Eile, haut damit den Tag in Stücke, metzelt Stunden zu Minuten, daß in wenigen Sekunden ihr Alzindens Antlitz schaut. Darum zeigte uns der Morgen rotgeweinte Augenlider, netzt' die Erd' mit blut'gem Tau—seine Tränen flossen um mein Weib. Brechet auf, und welcher Bote mir den Flug des Pfeils beschämt, wer am Tore meiner Hauptstadt mit der Nachricht von Alzindens Leben freudig mir entgegeneilt, dem lass' einen Turm ich bauen in des Reiches schönstem Teil; und was von seinen goldnen Zinnen überschaut sein gierig Auge, schenk' ich ihm als Eigentum. (Alles ab.)

Einundzwanzigste Szene.Genius der Tugend tritt vor.

Genius.O könnten doch alle die lieblichen FrauenDies seltene Beispiel von Männertreu' schauen,So würde in aller Brust ein Wunsch nur sein;O könnt' ich doch auch einen Hoanghu frein.Und könnten die Männer, die nicht so gewesen,In Hoanghus Busen den Lohn dafür lesen,So würd' aus dem flatternden MännervereinDie Tugend sich manches Bekehrten erfreun.(Ab.)

Zweiundzwanzigste Szene.(Kurzer Palmenwald.)

(Drei Schritte von der Kulisse steht frei in Form eines hohen dreiSchuh breiten Monuments ein Grenzstein von weißem Marmor, mit derAufschrift: Grenze von Hoanghus Reich.)

Karambuco, ein indischer Krieger, ohne Waffen, läuft herein, hinter ihm am Felle festhaltend, keucht Ossa sein Weib, sie ist mit einem Bündel beschwert.

Karambuco (ruft noch in der Kulisse). Laß mich los, du entsetzliches Weib. (Tritt auf.) Was willst du denn von mir, du Drachenzahn, ich muß ja laufen, daß die Sohlen brennen.

Ossa (hält ihn fest). Du kommst mir von der Stelle nicht, bis du mir sagst, was du für ein Geheimnis mit dir trägst. Du bist ein falscher Mann, du entlaufst dem Heer und deinem Weib. Du hast etwas verbrochen. (Boshaft.) So sag' mir's doch.

Karambuco. O Götter, leiht mir einen Pfeil, daß ich ihre Sucht umbringe, mich zu halten. Sonne, brenn' ihr beide Arme ab! Ich muß ja fort, es ist ein Preis gesetzt, wer unserm König Nachricht bringt, ob seine Gattin lebt.

Ossa. Das lügst du, unverschämter Mann, da hab' ich nicht ein Wort davon gehört.

Karambuco. Weil du geschlafen hast.

Ossa. Ich schlafe nie.

Karambuco. Der Satan wacht in dir. Da komm' ich eh' von einer Riesenschlange los, als von dem Weib, ich muß mich gar aufs Bitten legen. (Kniet sich nieder, sie läßt das Kleid los und hält ihn an den Händen, sie knien einander gegenüber.)

Karambuco. Liebe Ossa, laß mich los.

Ossa. Ich kann nicht, lieber Karambuco.

Karambuco (springt erzürnt auf, sie mit ihm). Verwünschtes Weib, was willst du denn?

Ossa. Was du nicht willst, verwünschter Mann.

Karambuco. Geh!

Ossa. Steh!

Karambuco. Ich schlag' dich tot.

Ossa. Du kannst ja nicht, ich halt' dich ja.

Karambuco. Das ist ein Riesenweib, sie bricht mir die Hände entzwei. Erinnere dich an deine Pflicht.

Ossa. Des Weibes Pflicht ist, festzuhalten an dem Mann; ich halte fest.

Karambuco. Ich komm' nicht aus mit ihr, und nicht davon. Da bring' ich eher einen Elefanten durch ein Nadelöhr, als dieses Weib zu ihrer Pflicht. O meine Aussichten—was hätt' ich auf dem Turm für schönes Land gesehn; jetzt seh' ich nichts, als dieses häßliche Gesicht. Doch wart', du sollst mich kennen lernen; nimm dich zusammen, Karambuco! fort mit dir, du Drachenweib! (Er schleudert sie mit Gewalt von sich, so daß sie über den Grenzstein fliegt und in einer drohenden Stellung gegen ihn auf die Erde fällt. Sie wird in dieser Attitüde zu einem grauen Stein, als ausgehauene Figur.) Was ist das? bin ich versteinert, oder ist's mein Weib? Diesmal ist sie's. Götter, was habt ihr für Wunder getan! Dieses Weib zum Schweigen zu bringen, da gehört etwas dazu. (Springt vor Freude.) Götter, die Freud', mein Weib ist von Stein. Ha, jetzt hab' ich Mut, jetzt schmäl' ich sie recht. Du Hydra, du Drache, du indische Mumie! (Freude.) Sie kann nichts sagen, o glückliche Ehe! Jetzt freut's mich erst, daß ich verheiratet bin.—So rede, wenn du dich traust, schlag, wenn du kannst, beiß, beiß. (Springt.) Ihr Götter, ich dank' euch, sie kann nimmer beißen! O du steinerne Bosheit, wie bist du so gutmütig jetzt. Wenn doch mancher Mann die Macht besäße, der Beredsamkeit seiner Frau so ein versteinerndes Halt zuzurufen, da kämen oft herrliche Statuen heraus. Doch ich verplaudere die Zeit und soll sie verlaufen. Leuchte mir, Sonne! (Er stellt sich zum Laufen an.)

Stimme des Genius. Tritt nicht auf diesen Boden, er verwandelt dich in Stein.

Karambuco. Bitt' um Vergebung, da spiel' ich den Krebs. (Geht rückwärts.) Also der Boden versteinert? —Da scheid' ich von ihm. —Doch, was seh' ich, was fällt mir jetzt ein! Mein ganzes Vermögen, was ich erspart und gestohlen, alles ist hin, sie hat alles im Sack und im Bündel da drin. Alles ist Stein, Weib und Vermögen versteinert—ich hab' alles verloren, und bin doch ein steinreicher Mann.

Dreiundzwanzigste Szene. Indischer Marsch in schnellem Tempo. Hoanghu eilt an der Spitze seines Heeres herein. Karambuco kniet sich vor ihm nieder und hält ihn auf.

Karambuco. Großer König, bleib zurück.

Hoanghu. Aus dem Wege, Sklave, flieh! (Stößt ihn von sich.)

Karambuco (umklammert seinen Fuß). Bei der ew'gen Sonne, bleib zurück, ein einz'ger Schritt bringt Tod. Sieh hier mein marmorerblichenes Weib. Dieser Boden lithographiert. Wer ihn betritt, den zieht er als Steinabdruck heraus. Laß dein ganzes Heer einziehen, und du wirst jeden Krieger durch ein Monument verewigen.

Hoanghu. Zurück, du Mörder, der durch Warnung tötet, diese Grenze schließt Alzindens Unglück ein. Ohne sie kann ich nicht glücklich sein, und jedes Schicksal will ich mit ihr teilen. Nicht außer diesem Reiche steht mein Leben, es ist in ihm, in ihr; ich trag' es nicht hinüber, kann es nimmer retten, weil's mit ihr vergeht. Weg mit der Schale, wenn der Kern verloren ist. Ist Alzindens Herz versteinert, ist's doch meines nicht, und sucht ihr Grab. Mein ist dies Reich, und wenn's mit Unglück kämpft, so darf der König auch nicht fehlen. Folg', wer will. (Will über die Grenze.)

Vierundzwanzigste Szene.Genius der Tugend tritt ihm entgegen. Vorige.

Genius. Zurück, Hoanghu, ich befehl' es dir.

Hoanghu. Wer bist du, Lichtgestalt?

Genius. Ich bin die Tugend, deiner Gattin, deines Landes Schutzgeist. Deine Gattin hat in deinem Reich mir einen Tempel auferbaut, drum hat Moisasur sie verflucht, wie sie dein Traum gemalt, so lang, bis die Unmöglichkeit erfüllt, die zur Bedingung er gesetzt.

Hoanghu. Das heißt, die Ewigkeit mit anderem Namen nennen.

Genius. Alles kann die Gottheit wenden, und zum Werkzeug hat sie dich ersehen. Die höchste Probe hast du diesen Augenblick bestanden. Du kannst Reich und Gattin retten, weil du dein Leben unter deine Liebe stellst.

(Genius winkt: Die Gegend verwandelt sich in einen Wolkenhain. Die Statue der Tugend, vor ihr ein Opferaltar. Die Geister der Tugend in Gruppen, im Hintergrunde eine große diamantene Sonne.)

Genius. Schwöre hier, am Weihaltar der Tugend, auf ihrer Lilie heil'gen Kelch, daß du ihr jedes Opfer bringest, wenn sie es gebeut.

Hoanghu. Ich schwör's, und wenn ich breche meinen Eid, so soll die Quelle meinem Durst versiegen, der Baum die Früchte selbst verzehren; so will ich König sein in menschenleerer Wüste, will schlaflos mich im heißen Sande wälzen, und wenn mein Leib an solcher Glut vergeht, soll die Sonne meinen Geist aus ihrem Reich verbannen, und Moisasur ihn an seine Ferse heften.

(Hoanghu kniet, der Genius berührt sein Haupt mit der Lilie.)

Genius.So will ich dich durch dieser Lilie Kraft,Die alles Edle und Erhabne schafft,Zum Retter deiner Gattin weihn.In des Abends sanften ScheinWirst du wieder mich erblicken,Und auf leichter Wolken RückenSchweb' ich mit dir eilig fort,Bis wir landen an dem Ort,Wo in unbekannter Ferne,Durch die Macht der bösen Sterne,Deiner Gattin Leiden weilen.Doch jetzt muß ich von dir eilenUnd des Abgrunds Tiger wecken,Er muß seine Klauen streckenNach der Tugend Lilienbrust;Bis wir sie mit GötterlustAllem Ungemach entrücken,Sie an unsern Busen drückenIn beglückter stolzer Ruh';Nun leb' wohl, mein Hoanghu.

(Genius fliegt ab.)

Ende des ersten Aufzuges.

Zweiter Aufzug.

Erste SzeneIn Alpenmarkt. Vorsaal im Landhause des Juwelenhändlers Rossi.Der Hausinspektor Hänfling tritt auf mit Hausbedienten; höchstenssechs.

Hänfling.He, ihr Leute, schnell zur Hand!Eure Pflicht ist euch bekannt,Seid geschäftig, übt sie aus,Denkt, die Herrschaft ist zu Haus.Chor.Wir sind willig, rüstig, flink,Und gehorchen Eurem Wink.

Hänfling. Der gnäd'ge Herr ist nicht auf einige Tage aus der Stadt herausgefahren, er wird diesmal drei Monate in seinem Landhaus hier verweilen; darum nehmt euch zusammen, stoßt eure Bequemlichkeit in die Rippen, seid flink, damit er sieht, daß ich auf Ordnung halte, als Inspektor. (beiseite.) Wenn er fort ist, kann ich euch manchmal durch die Finger sehen, doch so lang er hier ist, muß ich euch auf die Finger klopfen. (Laut.) Habt ihr mich verstanden?

Alle (schreien). Ja.

Hänfling. So schreit nicht so und packt euch fort an eure Arbeit. Und wenn der gnäd'ge Herr frägt, wie man im Hause hier mit meiner Anordnung zufrieden ist, so antwortet als treue Diener Wahrheit und sagt, was ich seit vierzehn Tagen jedem eingelernt: Unser Herr Inspektor ist ein Engel. Dies merket euch, geht eures Wegs und bleibt fein dabei stehen.

Ein Bedienter. Wir gehen unsres Wegs und bleiben dabei stehen.(Ab.)

Zweite Szene.

Hänfling (allein). Für mich gibt's nichts Bequemeres auf der Welt, als das Befehlen; fast jeder hat Talent dazu, der Mensch ist ein geborner Kommandant, am besten seh' ich das bei meiner Frau. Ich für meinen Teil, wenn ich nicht Inspektor wäre, ich würde mir wenigstens einen Jagdhund halten, damit ich zu ihm sagen könnte (es wird geklopft) Herein!

Dritte Szene.Voriger. Gluthahn. Alzinde.

Gluthahn (hat Alzinden an der Hand, geht zur Türe herein). EuerG'streng' verzeihen, ich möcht'—(zu Alzinden.) So geh herein,mein liebe Alte, laß dich nicht so ziehen, es nützt dich nichts.(Zieht Alzinden herein.)

Alzinde. Sklavin bin ich eines Sklaven.

Hänfling. Nun, was ist das für ein Auftritt? was will dasLumpenpack?

Gluthahn. Werden Euer G'streng' nur nicht gar so ungnädig, ich bin der alte Gluthahn von der Windalm hint', und möchte gern mit dem gnäd'gen Herrn vom Haus hier reden; er kennt mich schon, ich bin sein Holzlieferant, und wenn er unsre Alm besteigt, so bleibt er bei mir über Nacht.

Hänfling (für sich). Das ist eine Bettelei. (Laut.) Er ist nicht hier.

Gluthahn. Ei jawohl, ich hab' ihn ja am Fenster g'sehn.

Hänfling. Er ist doch nicht hier, und wenn Er ihn an allenFenstern zugleich gesehen hätte.

Gluthahn. Ja so—(Heuchlerisch.) Bitt' gar schön, Euer G'streng', erlauben S' ihm's, daß er hier sein darf.

Hänfling. In solchem Anzug lass' ich niemand vor. Was hast du mit dem Weibe da, was drückst du ihr die Hände so zusammen?

Alzinde (welcher Gluthahn mit der linken Hand beide Hände zusammenklammert und sie so hält, spricht unruhig). O Fremdling, nimm dich meiner an.

Gluthahn (heimlich zu ihr). Wann's du was sagst zu ihm, ich bring' dich um.


Back to IndexNext