Sie drückte mich an ihren wallenden Busen und sprach mit dem ganzen Zauber der weiblichen Lippe, wenn sie von Mitleid überfließt, zu mir: ist Ihnen wieder wohl, lieber Graf?
Der süße Ton ihrer Stimme durchdrang mein Innerstes, und ein heftiges Zittern, das mich wie Fieberschauer erschütterte, war die Folge dieser Anrede.
Und hätte ich auch reden wollen, ich hätte es nicht gekonnt. Alle meine Empfindungen blieben nur halb empfunden, so Schlag auf Schlag durchkreutzte eine die andre, unterdrückte sie, und war von einer andern unterdrückt. Es war ein Zustand der Betäubung, wo ich vor lauter Gefühlen nichts fühlte, wo keines derselben dauernd genug war und Gewaltgenug hatte, das eiserne Band meiner Zunge zu lösen.
»Sie antworten mir nicht?« sagte sie im Tone der Aengstlichkeit – »Ich will – ach! – ich muß rufen!«
Das Wortrufenerweckte mich wie aus einem tiefen Schlafe. Das Bewußtseyn meiner ganzen jetzigen Lage flog meiner Seele vorüber und schnell folgte die That dem Gedanken: ich umschloß sie mit dem ganzen gewaltigen Feuer der Liebe.
Und indem ich sie an mein lautpochendes Herz drückte, fühlte ich, wie ihr rechter Arm, der um meinen Nacken lag, drey- viermal zuckte, als wenn man plötzlich erschrickt, und daß dieser Arm in der nächsten Sekunde darauf, sanft auf meiner Schulter liegen blieb.
Sie sagte noch ein paar Worte, die ich nicht verstand, ließ mich rasch los und that einen kurzen Schritt zurück. Nur ihre Linke hatte ich noch, und diese drückte ich an meinHerz, als ob ich sie in meine Brust hätte hineindrücken wollen.
»Ums Himmelswillen, sind Sies, oder« –
Die Worte erstarben ihr auf den Lippen. Das »oder« war der Hauch eines sanften Flüsterns, welches die Stelle des Lautes einnimmt, in dem Momente, wo die Seele fühlt, daß die Zunge im Begrif ist entweder unschickliche oder beleidigende Dinge zu sagen: sie verwandelt mit der Schnelligkeit eines Blitzstrahls den Hauch, der einen lauten Ton geben sollte, in jenes Flüstern, das kaum hörbar über die Lippen säuselt.
In dem Augenblicke, wo ihre Seele den ersten Gedanken mit dem zweyten verdrung, trat sie mir auch wieder näher, drückte sie auch meine Hand wieder feuriger. Ich umschloß sie von neuem, sie mich – und so in eins, so innig verschlungen, brennende Wange an brennende Wange fest geheftet, beyde nur einen Herzschlag fühlend, beyde fast eins – sanken wir, in unnennbare Wonne aufgelöst, zurück. OhneBewußtseyn, lebendigtodt, und doch voll Kraft, fühllos, und doch bis aufs innerste Mark bewegt, brannte und fror ich, starb und erwacht' ich wechselsweise, bis endlich meine ganze Lebenskraft in einen Hauch zusammen schoß, und sich in einen Seufzer auflöste, der kaum stark genug war, den süßen NamenMalchenüber meine bebende Lippen zu drängen. Mein Kopf glitt langsam von ihrem Busen herab, und ihre Rechte schob mich mit einem sanften Druck auf die Seite.
Plötzlich sprang die Thür auf und Rahm stürzte mit Wallern herein. Malchen drückte das halb geschlossene Auge ganz zu, und blieb ohne Bewegung auf dem Bette liegen. Aber ich stand vor ihr, beyde Arme fest an den Leibgedrückt, alle ihre Muskeln so straff angespannt, als ich Eichbäume hätte entwurzeln wollen. Mein starrer Blick schoß von Waller auf Rahm, von Rahm auf Waller, und nur zuweilen von der Seite auf Malchen, die ich hülflos liegen ließ, mit dem wilden Gedanken, der Kampf zwischen uns dreyen werde sie zeitig genug aufschrecken.
Rahm trat ein paar Schritte näher, hob das Licht auf, das er in der Hand hielt, und sah mir ins Gesicht. Stumm und sprachlos vor Erstaunen und Wuth, setzte er das Licht auf den Tisch und hielt sich mit beyden Händen fest an demselben. Der Tisch zitterte und krachte, bald stärker, bald schwächer, so wie ein innerer gewaltiger Sturm Rahmen ergriff und erschütterte.
Waller ging todtenblaß und auf den Zehen um ihn herum. Bey jedem Schritte, den er that, knickten die Gelenke des Fußes, worauf er trat, hörbar. »O, mein armes Weib!« sagte er endlich, indem er den Kopf furchtsamnach dem Bette hinstreckte und sich mit beyden Händen fest an Rahmen hielt. Je näher sein Kopf auf mich zu kam, desto weiter rückte ihm meine festgeballte Faust entgegen. »Eher soll sie ewig schlafen, als durchdicherweckt werden!« dies war der einzige helle Gedanke, dessen ich mich während dieser wechselseitigen Pantomime erinnere.
Mit dem einen Auge hütete ich den Grafen, mit dem andern seinen Freund. Bey der kleinsten Bewegung, die dieser machte, spannten sich meine Muskeln unwillkührlich straffer an, und auf meine Füße trat ich so fest, als wollte ich mich in den Boden tief hineinpflanzen, um unerschütterlich zu stehen, wenn man mich angriffe.
Ich weiß nicht, wie lange wir in dieser stummen Stellung blieben. Malchen regte sich endlich wieder, hüllte sich aber in eben dem Augenblicke mit einem:Ach Gott, was wird das werden!ins Kopfküssen. Ich konnte nur einen kleinen, flüchtigen Seitenblick aufsie, von Rahmen abmüßigen, aber durch alle meine Glieder schoß eine betäubende Hitze, die aus der Besorgniß entstand, sie möchte sich noch einmal regen und rufen; ich fühlte, daß mich der klagende Ton ihrer Stimme rührte, und auf einige Momente muthlos machte, darum wünschte ich, sie nicht mehr zu hören.
»O, helfen Sie doch!« rief der Graf, und sein Zittern erschütterte Rahmen, an den er sich immer noch fest hielt, und der Tisch, auf welchen sich dieser mit beyden flachen Händen gestützt hatte, zitterte und krachte. Rahm sah eine Zeitlang stumm vor sich hin, sodann schlug er die Augen auf und sah sich im Zimmer um, als ob er etwas suchte. Meine Blicke folgten den seinigen überall hin; wo sie ruhten, ruheten die meinigen; wandte er sie aber auf Malchen, so stellte ich mich ihnen entgegen – auch sehen sollte er mein Malchen nicht, auch nicht sehen! – Und angreifen? darauf stand Tod und Verderben.
Endlich verweilte sein Blick in der einen Ecke des Zimmers ein paar Augenblicke, und ich bemerkte, daß dort ein Degen stand. Sollte ich ihm zuvorkommen, und den Degen für mich nehmen? – Nein, durchaus nein! Denn unterdessen hätte sich der Graf dem Bette nähern können. Ich stand immer noch, wie in den Boden gewurzelt. Rahm riß sich von Wallern los, sprang nach dem Degen und faßte ihn, und plötzlich sah ich um mich und über mich, wie wenn der Boden unter mir einstürzte, und ich nun noch, um nicht zu versinken, mit verzweifelnder Aengstlichkeit nach etwas suchte, woran ich mich halten könnte. Die Schnelligkeit, womit ich dies that, leidet keine Vergleichung, und eben so wenig die gewaltsame Bewegung, die mich während dieser unsäglich kurzen Momente ergriff. Aber indem ich so nach Rettung um mich blickte, bemerkte ich ein Pistol neben mir über dem Bette. Sehen, fassen und spannen war eins!
»Sie ist geladen, um Gottes willen!« rief der Graf, indem er von weitem seine Hände nach mir ausstreckte, und dann schnell auf Rahmen zusprang, um ihm den Degen zu entwinden.
Er ist geschliffen, ich beschwöre dich, Rahm! sagte er zu diesem, und ward von ihm ungestüm zurückgestoßen. Aber er stellte sich von neuem zwischen uns, den Rücken nach mir gekehrt, und beyde Hände gegen Rahmen ausgebreitet. Dieser sah mit blitzendem Auge und zuckender Lippe über Wallers rechte Schulter, und über die linke schoß die Spitze seines Degens auf mich her; aber ich streckte ihm mein Pistol über die rechte Schulter des Grafen entgegen.
Da standen wir! Er stach nicht zu, und konnte nicht zustechen, ich schoß nicht, obgleich ich schießen konnte. Hatten sie doch mein Malchen noch nicht berührt! Nurdaraufstand Tod und Verderben.
Von beyden Seiten kein Wort, kein Laut – nur das Geräusch des Athems, der aus drey gefesselten Busen gewaltsam hervorbrach, nur das Zittern der Diele auf welcher wir standen!
In dem Augenblicke regte sich Malchen von neuem, und es erfolgte der vorige Ausruf. Ihre Stimme schien uns alle Drey gleichstark zu erschüttern; mir wollten die Sehnen des rechten Armes erschlaffen; ich fühlte, daß ich schwächer ward, und stärkte, in unsäglicher Anstrengung, um Muth zu behalten, Muth mit Muth. Unausbleiblich war hier Ohnmacht oder Raserey! Es ward letztre, und nun drang ich, in wilder Wuth, mit der Linken alles vor mir her wegstoßend, und die drohende Rechte aufgehoben, auf meine Gegner, packte den Grafen im Nacken, und hob und stürzte ihn über Rahmen hin. Beyde fielen. Rahm ließ den Degen fallen, ich mein Pistol, ich ergriff mit der Linken den Grafen, und mit der Rechten seinen Freund, und zerrte und schleppte sie nach der Thür, stieß mit dem Fuße widerdieselbe, sie sprang auf, und nun warf ich mich, mit Löwenstärke im Arme, und mit Tigerwuth im Herzen, auf beyde, und drängte sie zur Thür hinaus. Der Graf kollerte ein paar Stufen die Treppe hinab, und Rahm blieb wie ausser sich vor der Thüre liegen, die ich im Triumph zuschlug und verriegelte.
Nun ging ich, so kalt, als wäre nichts geschehen, putzte das Licht, setzte mich zu Malchen aufs Bette, und dabey war mir immer, als wenn ich lachen sollte.
So wird allerhöchste Glut zur Kälte, und allerhöchste Kälte zur Glut!
Aber dieser Zustand dauerte nicht zwey Minuten. Meine Glieder waren wie vom Rade zerschmettert, ich fühlte sie nicht, und konnte sie nicht regen, und meine Augen sanken zu, während ein kalter Schauer durch meine Adern fuhr, und meine Sinnen betäubte und gleichsam vernichtete.
Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustande blieb. Als ich die Augen aufschlug, erblickte ich Malchen mit dem Lichte in der Hand vor mir.
»Gott! er lebt wieder!« rief sie mit einer Stimme, deren unendlich rührende Modulation ich noch zu hören glaube. Sie sank halbohnmächtig in einen Lehnstuhl, und ich sprang auf und flog zu ihr. Ich nahm ihre Hand, und drückte meine Lippen fest auf die ihrigen. Sie kam wieder zu sich.
O, der erste Blick, der aus ihrem halbgeöfneten Auge langsam auf mich fiel – nie und nimmer werde ich ihn vergessen! Ein Meer von Wonne strömte aus ihm in mein erwärmtes Herz, unwillkührlich sank ich vor ihr auf die Kniee, und noch jetzt schäme ich mich dieser Stellung nicht. Das weibliche Auge, welchemdiehimmlische Güte entströmen konnte, verdiente Anbetung vom Manne. Sie legte ihre rechte Hand sanft auf meine Schulter und mit der linken hob sie mich auf. »O, ziehn Sie mich aus dieser Unruhe, Lemberg,« sagte sie, indem sie meine Hand ergriff und sie langsam an ihr Herz drückte: »oder ich sterbe unter Ihren Händen!«
Ich fühlte mich wie verjüngt und verklärt. Der Nebel der alle meine Geisteskräfte bis daher verhüllt hatte, schwand auf einmal, und ich sah mit geläutertem Auge auf das, was geschehen war, und geschehen würde. Ich zitterte nicht mehr, wenn ich Malchen ansah, sondern eine bescheidene Vertraulichkeit trat an die Stelle der Furcht, die mich sonst bey ihrem Andenken oder ihrem Anblicke befiel. Und sie selbst schien mich nicht zu fürchten, ihre Blicke verriethen nichts, als diejenige Unruhe, die aus hochgespannter Neugier entsteht, und zwey oder drey derselben sagten mir noch einmaldas Verlangen, das sie mir vorhin schon mit Worten zu erkennen gegeben hatte.
Nun stand ich nicht länger an, sie zu befriedigen. Ich erzählte ihr mit einer feurigen Beredtsamkeit die Geschichte dieses Abends: wie ich voll Verzweiflung ums Haus gelaufen, wie mich der Graf gerufen und geheimnißvoll in ihr Zimmer geführt habe; wie ich empfindungs- und gedankenlos in ihre Arme gesunken sey. –
»O, ich wußte, daß es der Graf nicht war!« sagte sie und schien in eben dem Augenblick über dies Geständniß herzlich zu erschrecken. Sie wandte ihren Blick von mir, legte die linke Hand vor die Augen und der helle Inkarnat der Unschuld glühete auf ihren Wangen.
»Sie wußten – Sie wußten es?« rief ich: »O, wie konnten Sie das wissen?« Ich drang in sie, aber sie schwieg. Es entstand eine lange Pause, die aber nicht ängstlich war, denn ich hielt Malchen fest umschlossen. Ihr rechter Arm ruhete auf meiner linken Schulter,so daß ihre Finger dicht über meiner Herzgrube lagen, und ihr linker Arm, drückte meinen rechten, den ich um sie geschlungen hatte, fest an ihr Herz. Ihr Haupt ließ sie, um ihre Lippen vor den meinigen zu schützen, lächelnd auf die linke Schulter zurücksinken.
Ach, in dieser Stellung hätte ich sterben wollen! Ein sanftes Feuer durchfloß meine Adern, brannte auf meinen Wangen, glühete auf meinen Lippen, und o! in meinem Herzen lebte die sanftere Freude, die auf den ersten wilden Erguß des Entzückens zu folgen pflegt, und Bilder, unendlich schöner als Alles, was je eine feurige Einbildungskraft, die in Aether und Sonnenstrahl lebt und webt, gesehn und erfunden hat, wallten im Gewande der sanftern Morgenröthe meinem geistigen Auge vorüber. Himmel und Erde entschwanden meinem verklärten Blicke, und nichts als mich und Malchen, sah ich in dem gränzenlosen All, das sich mir zu Liebe in sein herrlichstes Feyergewand gekleidet hatte.
In Malchens Auge glänzte ein ganzer Himmel voll Wonne, in einen einzigen, reinen Kristalltropfen aufgelöst, der bebend und flimmernd über die glühende Wange herab rollte.
Unter diesen himmlischen Träumen würden wir noch Stunden zugebracht haben, wenn uns nicht ein Geräusch aufgeschreckt hätte. Ich sprang auf und lehnte mich gegen die Thür, mit einer Kraft, als wenn ich dem Stoße eines Riesen zu widerstehen gehabt hätte. Aber das Geräusch ließ nach, und ich hörte, daß man in halblautem Wortwechsel die Treppe hinunter ging. Es waren die beyden Freunde, die sich wieder aufgerafft hatten. »Morgen früh, soll sich alles aufklären,« sagte der Graf: »Ichbeschwöre dich, warte so lange, sonst ziehen wir das ganze Haus herbey!«
»O, wir sind sicher bis morgen früh« – rief ich und hüpfte zu Malchen: »Lustig, gutes Malchen, lustig!«
Ich that drey hohe Sprünge und sie lachte dazu.
»Wie wir uns so vergessen können!« sagte sie erröthend: »Ich glaube, wenn wir beyde morgen sterben sollten, wir dächten nicht daran! Aber, lieber Lemberg, wenn Sie sich entfernten, es wäre wohl besser!«
Ich erinnere mich in meinem Leben nicht so erschrocken zu seyn, als bey diesen Worten. Der helle Angstschweiß stand mir vor der Stirn, und wenn zehn Degenspitzen auf mich eingedrungen wären, um mich aus dem Zimmer zu vertreiben, so hätten sie meinen Muth nicht so niederschlagen können.
Vielleicht las sie in meinen Blicken, wie tödtlich sie mich erschreckt hatte, denn sie drang nicht weiter in mich und sagte nicht nein, als ich ihr versicherte: daß ich sie ewig nicht aus meinen Augen lassen würde. Mit Tagesanbruch sollte ihr Vater die ganze Geschichte erfahren, und dann über uns alle Recht sprechen; dann sollte er entscheiden, ob seine Tochter die Gattin eines Menschen bleiben könnte, der so wenig Gefühl für Ehre und Schande besäße, und dann – Aber ich hatte nicht Herz genug, ihr zu sagen, was dann geschehen sollte. Aber sie errieth es ohne meine Worte, das zeigte ihr heiteres Auge, welches sie langsam von meiner Hand auf die Erde gleiten ließ.
Wir gingen Arm in Arm in herzlicher Vertraulichkeit im Zimmer auf und ab, und ihre Zunge schien sich auf einmal zu lösen:
»O, wenn Sie wüßten, lieber Moriz – ach! ich muß Sie so nennen, denn dieser Name setzt mich in die glücklichsten Zeiten meinesLebens zurück – wenn Sie wüßten, wie man mich überrascht hat! – Vor drey Wochen erfuhr ich zuerst, daß ich an den Grafen verheyrathet werden sollte, und seit gestern bin ichs schon« –
Gewesen! Gewesen!unterbrach ich sie hitzig: Sie sollen sehen, Sie sollen sehen!
»Die erste Nachricht, von dem Unglücke, das mir bevorstand, bekam ich von meiner Mutter. Es war ein Brief von der Gräfin Waller an meinen Vater eingelaufen, worin sie anfangs die Verdienste und das Alter seiner Familie gehörig anerkannte, und gleich darauf mit dem Verlangen ihres Neffen hinterdrein kam. Er sollte mich in L** gesehen, und vom ersten Anblick an nichts sehnlicher gewünscht haben, als sich mit mir zu verbinden. Er sey Graf, reich, und einziger Erbe einer Tante, die einen Abgott aus ihm machte.«
»Sie wissen, wie offen das gute Herz meines Vaters gegen Schmeicheleyen ist, besonders wenn sie von dem Alter seiner Familie und seinen Kindern hergenommen sind. Ohne sich lange zu bedenken, ohne mich zu fragen, schreibt er mit der nächsten Post zurück, er wäre nicht abgeneigt, nur wünschte er seinen Schwiegersohn zu sehen. Dieser kommt in wenig Tagen an, und vollendet den Eindruck, den der Brief der Gräfin gemacht hatte.«
»Eh ichs mir versehe, kömmt mein Vater mit dem Grafen hieher und stellt mir ihn gleich bey der ersten Anrede als meinen künftigen Gemahl vor. Ich glaubte in den Boden zu sinken! Ach, mein Herz war schon zu voll, um noch eine größere Last zu tragen! Ich hatte Sie öfters unter unserm Fenster hingehen sehen, Ihr Anblick nach so langer Zeit hatte alle die Freuden von neuem in meinem Herzen aufgeweckt.« – –
»O, Lemberg (sie senkte ihr Haupt zärtlich auf meine Schulter) und Sie sahen nicht einmal zu mir herauf! Ach, und ich hätte Sie so gern gesprochen, hätte mich so gern unsrer frohen kleinen Spiele erinnert!«
»Anfangs glaubte ich, Sie wüßten es nicht, daß ich mich in L** befände. Unwiderstehlich ward am Ende mein Verlangen, Ihnen dies zu erkennen zu geben. Als Sie wieder einmal vorbeygingen (es war noch ein Offizier bey Ihnen) riß ich, wie ausser mir, das Fenster auf, und rief Ihnen nach:Wie kommen Sie hieher, Herr von Lemberg?Und kaum sahen Sie sich um, kaum grüßten Sie mich aus der Entfernung, und umsonst hatte ich die Augen der Vorübergehenden auf mich gezogen!«
Malchen zerdrückte ihre Thränen im Auge, aber mir liefen sie hell über die Backen. Ich suchte Worte, und fand keine, die mich hätten entschuldigen können.
»Von der Zeit an fühlte ich eine Art von Erbitterung auf Sie, aber sie machte mich unruhiger, als vorher meine Neugier. Sonst war ich stündlich am Fenster, um Ihnen zu zeigen, wie nahe ich Ihnen sey, jetzt eben so oft, um Ihnen zu zeigen, daß ich – böse auf Sie sey. Aber Beydes machten Sie mir unmöglich, denn Sie gönnten mir nicht einen einzigen vollen Blick, und schielten von der Seite, als ob Sie sich vor mir fürchteten.«
»In dieser Stimmung meines Herzens überraschte mich mein Vater. Alles redete und drang in mich, und zeigte mir das Glück, das ich mit dem Grafen machen würde. Alles, von der Gouvernante an bis zur jüngsten Pensionaire, pries mich glücklich: die eine, daß ich einen Grafen heyrathen, die andre, daß ich nun bald ein recht prächtiges Brautkleid anziehen würde. Eine Herzens Freundin von mir, die einen B** Grafen, ebenfalls ohne ihr Herz, geheyrathet hatte, wirkte durch ihr Beyspiel auch auf mich – So von allen Seitenbestürmt und überrascht, so ganz vergessen von dem, den ich unter allen meinen Jugendfreunden gerade zuletzt vergessen hätte« –
O, ich hatte Sie nicht vergessen! rief ich, und eine Thräne nach der andern tröpfelte auf ihre Hand, die ich fest an meine Brust drückte. –
»Ihm, diesem(sie zeigte lächelnd auf mich) zum Trotz, gab ich dem Grafen das Jawort, und bin – unglücklich!«
Glücklich, glücklich!rief ich, und mein argloses Herz, aus welchem dieser Ausruf hervordrang, pochte vor Freude, ihr dies versichern zu können. Denn sie gab mir ja deutlich zu verstehen, daß sie mich liebte, und daß ihr ganzes Glück davon abhienge, des Grafenlos zu werden, und dafürmich– – undmichkonnte sie ja haben!
Ich muß lächeln, wenn ich mich dieser kleinen Züge der unerkünstelten Unschuld erinnere. Man muß uns unsre damalige Unerfahrenheit zu Gute halten, denn, genau gerechnet, waren wir ja beyde noch Kinder. Aber gewiß ist es, daß uns diese Treuherzigkeit in jenen Augenblicken unbeschreiblich glücklich machte.
»Wenn ich nur auf der Stelle einen Boten gehabt hätte, (fuhr Malchen fort) so hätte ich Ihnen in Triumph verkündigen lassen, daß ich nun einenGrafenheyrathen würde. Wären Sie gerade durch unsre Straße gegangen, so hätte ich alles angewandt, es Ihnen zu verstehen zu geben: so eifrig war ich darauf bedacht, Ihnen zu zeigen, wie wenig ich mir nun aus Ihnen machte. Aber es gelang mir nicht. Doch gab ich noch nicht alle Hoffnung auf, weil mir der Hochzeittag noch bevorstand,wo Sie mir gewiß nicht ausweichen konnten. Daß Sie so oft, und durch so mancherley Bekannte und Unbekannte zur Hochzeit gebeten wurden, haben Sie mir zu danken. Ich wollte Sie durchaus sehen, um Ihnen zu zeigen, daß ich nun mit einem Grafen vermählt würde, da Sie« –
Malchen sah von der Seite, und nickte drey oder viermal mit dem Kopfe, wie Kinder nicken, die sich entzweyt haben, um einander zu sagen: ich kann doch spielen ohne dich!
»Aber es hieß, Sie wären krank und würden nicht kommen. Auf einmal verschwand alle meine Heiterkeit, und eine tödtliche Unruhe trat an ihre Stelle. Zuweilen war es mir ganz dunkel zu Muthe, als ob die ganze heutige Feyerlichkeit nur angestellt wäre um Sie zu kränken; und als Sie wirklich nicht kamen, hatte ich ein sehr sonderbares Gefühl, das mich überredete, nun würde auch aus der ganzen Heyrath nichts werden. Aberwelch ein unbeschreiblicher Schreck, als der Priester ins Zimmer trat! Noch zwey bis dreymal sah ich mich ängstlich nach Ihnen um, und als ich Sie nicht bemerkte – o, Moriz, ich hätte laut aufschreyen und aus dem Zimmer laufen mögen! Gesicht und Gehör verließen mich, vor meinen Augen ward alles schwarz, und, sobald ich das unglücklicheJaausgesprochen hatte, ward ich ohnmächtig!«
»Man ermunterte mich zwar, aber ich kam den ganzen Tag nicht zu mir selbst. Hundertmal war ich im Begriff meinen Bräutigam »lieber Moriz« zu nennen, hundertmal erstarb das Wort auf meiner Zunge. Noch nie hatte ich so oft und so lebhaft an Sie gedacht, als heute, wo es Verbrechen geworden war, an Sie zu denken. Aber ich konnte – ich konnte mein Herz nicht bändigen, das Sie ungestüm von mir forderte. Sie schwebten mir vor Augen, und meine Blicke hingen an Ihrem Bilde. Meine Muttermachte mir Vorwürfe, daß ich an dem glücklichsten Tage meines Lebens so still und traurig wäre, und meinen Bräutigam ängstigte. Aber – der zeigte eben so wenig aufrichtige Freude, als ich, und die Gesellschaft machte sich auf seine Kosten lustig.«
»O, wie oft suchte Sie mein nasses Auge unter den Zuschauern und Gästen! Verschwunden war jede unfreundliche Empfindung gegen Sie. Nun wünschte ich Sie zu sehen, um – Ihnen mein Unglück zu klagen, nicht, um über Sie zu triumphiren. Und wenn ich mich dann so ganz in mich und meinen Kummer verlor, so war mirs immer, als ob mir jemand ins Ohr raunte:Du sollst ihn sehen!Sehnsuchtsvoll irrte dann mein Auge von neuem umher, um Sie unter der Menge zu entdecken, aber vergebens, immer vergebens!«
»Das Andenken an die kommende Nacht schlug mich vollends zu Boden. Mein Vater eilte fast angelegentlicher, als es der Wohlstanderlaubte, die Gesellschaft zum Aufbruche zu bewegen. Ich bat ihn, so oft es sich unvermerkt thun ließ, nicht so zu eilen, aber er lachte über meine Verlegenheit. Alles verlor sich nach und nach, und endlich sah ich mich nur noch mit meiner Mutter und der Gräfin in dem weiten Zimmer allein. O, das Herz hätte mir springen mögen, als sie mich bey der Hand nahmen und hieher führten. Ich weinte und schluchzte laut, und alle ihre Tröstungen, so wenig als ihre Scherze, vermochten etwas über mich. Ich bat nur um einen einzigen Tag Aufschub, aber sie waren unerbittlich, und ließen mich endlich allein.«
»Mein voriger Zustand war nichts gegen den, in welchen ich nun gerieth. Nun war alle Hoffnung verschwunden!MöglicheUmstände konnten mich nicht retten, mein armes Herz hing sich also anunmögliche, um doch nicht ganz der Verzweiflung zu erliegen. Ich schwärmte wie im hitzigen Fieber, und – o, lieber, lieber Moriz, was gesteh ich Ihnennicht alles – Sie hatten den größ'ten Antheil an diesen Schwärmereyen. Ich vergaß über Ihnen den Grafen!«
»Aber ich hatte diesen letzten kleinen Trost nicht lange. Er erschien selbst und kam auf mich zu. Er war in der sichtbarsten Verlegenheit, und die Hand, womit er mich angriff, zitterte gewaltsamer, als die meinige. Auf seiner Stirn lag finstrer Mißmuth (so kam es mir vor) und seine Lippen, die er auf meine Hand drückte, waren eißkalt. Er klagte über Hitze und wüthendes Kopfweh, schwieg eine Zeitlang ganz, stammelte wieder ein paar Worte, und that endlich die Lichter bis auf ein Nachtlämpchen aus. Mit jedem erloschenen Lichtstrahl, erstarb ein Strahl meiner Hoffnung, und sie erlosch am Ende fast ganz, und flackerte nur noch zuweilen matt und bebend auf, wie das Lämpchen, das neben mir auf dem Tische stand. Und o! als er auch dies auslöschte, und um und um dickeFinsterniß im Zimmer lag – hin war meine Hoffnung, hin Gefühl und Bewußtseyn!«
»Ich erinnere mich nur noch ganz dunkel, daß der Graf nun angelegentlicher über Kopfschmerz klagte, und daß er endlich aus dem Zimmer ging, unter dem Vorwande, ein Flakon zu holen. Da war ich allein, in dem finstern, einsamen, todten Zimmer! Ich hörte nichts mehr, als das ängstliche Pochen meines eignen Herzens. Jetzt wünschte ich lebhaft, daß der Graf zurückkommen möchte. Ich tappte nach der Thür, fand sie, und machte sie leise auf, ich hörte jemand auf der Treppe, er kam näher, ich reichte ihm meine Hand – o, welch ein Unterschied! Aber ich hatte nicht Muth, mir denselben zu gestehen.«
»Statt der vorigen kalten, erwärmte jetzt eine feurige Hand die meinige, ein anderer Athemzug, ein festerer Tritt, ein Druck, der feuriger war, als des Grafen feurigste Umarmung – alles das hörte, fühlte ich – aber meine Brust war wie in Ketten geklemmt, ichhatte nicht Athem genug zu rufen, nicht Muth genug, zu zweifeln, nicht Kraft genug, mich loszuwinden. Ein dunkles, ahndendes Gefühl beschäftigte und erfüllte mein Herz, arbeitete und pochte in demselben, meine Augen sahen nichts, aber meine Hand leistete mir ihre Dienste – es war der Graf nicht, der mich in seine Arme schloß, er konnte es nicht seyn – »Und wer wäre es sonst?« lispelte es leise in meiner Seele, aber ich bekämpfte diesen Einwurf mit einem unüberzeugbaren, störrischen »er ist es nicht!« – Ach und er war es auch nicht! Moriz – Moriz – war es! das wußt' ich, das wußt' ich! Aber ich weiß nicht, woher ichs wußte!«
Mit diesen Worten warf sich Malchen in meine Arme und weg! über Erde und Himmel hinweg schwebten wir beyde!
Unter diesen Ergießungen wechselseitiger Zärtlichkeit brach der Tag an, und mit demselben ging ein neues Licht in meiner Seele auf. Denn bis daher hatte ich nur wenig, und gleichsam wider Willen an Vergangenheit und Zukunft gedacht. Jetzt machte ich mich auf große Begebenheiten gefaßt, und bestrebte mich, ihnen mit Unerschrockenheit zu begegnen. Aber Malchen war ausser sich vor ängstlicher Erwartung, und mein Muth schien ihre Angst zu vermehren, weil sie nicht Kräfte genug hatte, sich demselben anzuschließen.
Es pochte an der Thür und eine Stimme rief: Machen Sie auf, Herr von Lemberg! Malchen fuhr zusammen, aber ich sprang, den Degen in der Hand, nach der Thür, machte sie auf, und Gräfin Waller trat herein.
Sie machte die Miene eines Kaufmanns, der seinen Freunden lachend ankündigt, daß ihm eine kleine Spekulation, mit einem nicht nennenswerthen Verlust von funfzig tausend Thalern verunglückt sey. – »Guten Morgen, Frau mit drey Männern,« rief sie, indem sie auf Malchen zu hüpfte und vor Lachen ersticken wollte: »Hierdurch werden Sie (sie gab ihr ein zusammengelegtes Papier) hierdurch werden Sie zwey davon los: einen Grafen und ein Premier-Lieutenant, und nun wird Ihnen von selbst zufallen (indem sie sich nach der Thür zog, das Gesicht von mir abgewandt und die rechte Hand in der Lage, womit man Schellen auffängt)der Fähndrich!« – Husch! war sie zur Thür hinaus und mit schallendem Gelächter die Treppe hinunter. Nach einigen Minuten rollte ihr Wagen unter unserm Fenster hinweg und wir verloren sie bald aus den Augen.
Die Schrift war an den Obersten von Lehmniz, Malchens Vater überschrieben. Ich erboth mich, ihm dieselbe auf der Stelle auszuhändigen, denn ihr Inhalt ging mich (wie ich aus den Worten der Gräfin schloß) viel zu nahe an, als daß ich hätte ruhig dabey bleiben können. Aber Malchen wollte lieber, daß ich seine Ankunft erwarten sollte, denn sie fürchtete immer noch, von dem Grafen überrascht zu werden. Der Oberste kam endlich mit seiner Gemahlin.
»Nein,« sagte er, als er in die Thüre trat: »so ganz richtig ist es diese Nacht nicht zugegangen. Ich bin ein paarmal über dem Gepolter aufgewacht. Nu, wir wollen jetzt sehn!«
Er erstarrte, als ich ihm so auf einmal in die Augen fiel! »Was Henker und Hagel!« rief er, indem er mich wild beym Arme nahmund ans Fenster zog: »Fähndrich Springinsfeld in einer Nachtjacke bey meiner Tochter? Ich bitt' euch um Gottes willen, sprecht, sprecht!«
Frau von Lehmniz stand ohne Bewegung von der Seite, und sah uns mit starren Augen an. Malchen konnte eben so wenig sprechen als ich. Stillschweigend reichte ich dem Alten die Schrift der Gräfin. Er riß sie ungestüm auf und einige Stücke Papier fielen ihm entgegen. Ich hob sie auf, setzte sie zusammen, und sahe, daß es ein zerrißner Ehekontrakt war.
»Verwünschte Pfote,« rief der Alte: »verwünschte Pfote!« und alle seine Glieder zitterten. »Lies Jettchen, lies!« Er gab seiner Gemahlin die Schrift, und sie las:
»Es sind diese Nacht in der Brautkammer Dinge vorgefallen, die sich mit Menschenzungen nicht aussprechen lassen« –
»Ha, Fähndrich!« rief Malchens Vater, und packte mich vor der Brust. Malchen thateinen lauten Schrey, und Frau von Lehmniz suchte mich von ihm loszumachen. Ich hätte mich nicht gewehrt, und wenn er mich erdrosselt hätte!
Mein Gott! sagte Frau von Lehmniz – laß ihn doch nur los, bis ich alles gelesen habe!
»Nein,« rief er, »nein!« und dabey packte er mich noch grimmiger an, und schüttelte mich, daß mir die Zähne klapperten. Frau von Lehmniz las weiter:
»Mein Neffe hat zuweilen Anfälle von Unsinn und Verrückung, das hat er diese Nacht gezeigt. Ihre Tochter und der Fähndrich werden Ihnen erzählen« –
In dem Augenblicke nahm er Malchen bey der Hand und schüttelte sie eben so wie mich: »erzählt, erzählt!« rief er dabey wie ausser Athem. Hätte er Malchen noch einmal so geschüttelt, so wär' ich dazwischen gesprungen, aber er schien sich etwas zu mäßigen, und ich fing an zu erzählen. Während meiner Erzählungward die Hand, womit er mich fest hielt, immer lockerer, und endlich ließ er mich ganz los und behielt nur noch Malchens Hand, die er hitzig hin und herschleuderte. Zuweilen fragte er: ist das alles wahr, meine Tochter? Malchen nickte dann jedesmal mit dem Kopfe, und blickte dabey ihre Mutter ängstlich von der Seite an.
Während meiner Erzählung trat Fräulein Louise ins Zimmer. »Was willsiehier?« fuhr er sie an, und Louise machte die Thür unter allen Merkmalen des höchsten Erstaunens langsam wieder zu.
Als ich meine Erzählung geendigt hatte, sprang er auf, ging nachdenkend im Zimmer auf und ab – plötzlich ergriff er das Pistol und fuhr zur Thür hinaus. Ich stürzte hinterdrein. Er rannte die Treppen hinunter und rief eines Rufens: Wo ist er? Wo ist er? der –
Aber kein Graf zu hören und zu sehen! Fräulein Louise sprang herzu, und sagte: erist fort! »Warum,« schrie der Alte und griff nach ihrem Arm, »warum hast du ihn fort gelassen?« Das arme Mädchen zitterte und bebte und fiel mir halbohnmächtig entgegen. Ihr Vater ließ sie los, und blieb einige Augenblicke unbeweglich auf einem Flecke stehen. Auf einmal nahm er mich bey der Hand, schüttelte sie und sagte: bey denHaaren, hast du sie aus der Kammer geschleppt? – Ja, sagte ich, und die Treppe hinunter geworfen! Es schien, als ob er sich nach dieser Frage und Antwort ein wenig beruhigte. Er sah Louisen, die sich mit dem Kopfe gegen einen Pfeiler gelehnt hatte, an, und nahm sie bey der Hand. »Komm nur mit herauf Louischen,« sagte er sanft zu ihr, »daß du selbst siehst, daß du selbst hörst« – Er ward von neuem hitzig, aber nicht in dem Grade als vorher.
Wir gingen hinauf und fanden Malchen und ihre Mutter in Thränen. »Lies weiter!« sagte der Oberste und warf sich in einen Lehnstuhl, daß er laut krachte.
»alles erzählen!«
»Mein Gott, das hast du ja schon gelesen! sagte er zur Frau von Lehmniz und sie las weiter:
»Ihre Tochter wird mit einem Fähndrich, der seine gesunde fünf Sinne hat, besser fahren, als mit einem Grafen, der nicht richtig im Kopfe ist; deswegen erfolgt hierbey der Ehekontrakt zerrissen zurück und die Ehescheidung soll binnen hier und vier Wochen auf Ihrem Guthe seyn. Uebrigens würden Sie wohl thun, wenn Sie die ganze Sache schlafen ließen, und nicht durch einen unüberlegten Schritt uns alle, besonders aber Ihre arme Tochter, zum Gelächter machten. Ich habe mich deshalb entfernt, und Sie thun wohl, wenn Sie meinem Beyspiele folgen und sich nicht den Fingerzeigen der Welt aussetzen. Von meinem Neffen sage ich mich hiermit ein für allemal los, und Sie würden sehr ungerecht seyn, wenn Sie mich wolltenbüßen lassen, was er verbrochen hat. Wenn er Ihnen einmal in die Hände fallen sollte, (woran ich aber zweifle, denn er ist vor einer Stunde fort geritten und niemand weiß wohin) so werden Sie schon so mit ihm verfahren, (das traue ich Ihrem bekannten Gefühle für Ehre zu) daß er sich in Zukunft hüten wird, sich eine Gemahlin für einen Andern zu nehmen. Leben Sie wohl, und halten Sie die ganze Sache so geheim als möglich – das verlangt Ihre eigne und Ihrer Tochter Ehre.«
»Den Kopf spalt' ich ihm!« rief der Oberste: »darauf kann er rechnen! Und wäre das Weib nicht ein Weib – seht, Kinder! – Aber was meynst du, Jettchen – fuhr er zu seiner Gemahlin fort – der Blitzjunge hat die beyden Kerls bey den Haaren zur Thür herausgeschleppt? Hättest du ihm das wohl angesehen?«
Ja, das hat er gethan! rief Malchen und ihre Augen funkelten vor Freude. Frau von Lehmniz und Louischen sahen mich verwundert an. In den Mienen und Bewegungen der letztern zeigte sich eine aufs höchste gespannte Neugier; aber zum Unglück waren wir alle zu sehr vertieft, als daß wir auch die kleinste ihrer Fragen hätten beantworten können.
Aber, was soll nun werden? sagte Frau von Lehmniz.
»O, ich wollte, daß du mit deinen Fragen« – sagte der Alte: »Der Kopf ist mir ja so verrückt, daß ich noch nicht 'mal weiß, was geschehen ist, viel weniger, was geschehen soll. – Beym T** du kannst mir ja doch eine Viertelstunde Bedenkzeit gönnen!«
Wir wollen den Papa allein lassen! sagte Fräulein Louise – komm Malchen, du sollst mir erz–
»Durchaus nicht! Ihr sollt alle hier bleiben!« rief der Oberste. Louischen trat trostlos zurück.
»Noch eins, Jettchen« – sagte er zu Frau von Lehmniz: »examinire 'mal die da (auf Malchen zeigend) ob nicht – Henker! Du verstehst mich ja! Geh doch! Du weißt, als es noch kleine Krabben waren –«
Frau von Lehmniz nahm Malchen bey der Hand und führte sie zum Zimmer hinaus. Louischen wollte hinterdrein, aber die Thür ward ihr vor der Nase zugedrückt. Sie ging ans Fenster und die hellen Thränen schossen ihr über die Backen.
Mich nahm der Alte beyseite und sagte halblaut, halbleise: »Springinsfeld, hat der Teufel sein Spiel gehabt?«
Mir schoß mein ganzes Blut ins Gesicht und ich bebte ärger als ein Missethäter.
»Ja, Junge? Nicke nur, oder schüttle, wenn du es nicht sagen kannst!« Ich konnte weder nicken noch schütteln. Nickenwollt'ich nicht, und schüttelnkonnt'ich nicht, mithin stand mein Kopf wie eingerammelt.
Du sollst es ja nicht sagen! Nicke, oder schüttle doch nur! Du schüttelst nicht? Mithin ist es richtig! Nicht? – Du schüttelst nicht? – Es ist richtig, es ist richtig! rief er auf einmal und ließ mich los – Jettchen, komm 'rein, es ist richtig!
Frau von Lehmniz erschien mit Malchen. Er nahm die Hand der letztern und legte sie in die meinige. »Sieh, Jettchen,« sagte er zu Frau von Lehmniz und ein paar große Thränen stiegen ihm aus den Augenwinkeln: »Sieh nur – diese Kinder sollen sich heyrathen!«
»Heyrathen?« schrie Fräulein Louise und sprang mitten unter uns.
»Es ist ja richtig!« rief ihr Vater: »Kinder, es ist ja richtig! Was kann es anders werden? (er wandte sich zu seiner Gemahlin) Hast du's nicht auch richtig befunden?«
Malchen zerdrehete die Zipfel ihres Halstuches, ich sah an die Decke, und Fräulein Louise guckte andächtiglich durchs Fenster.
Nach einigen Minuten trat ein Offizier ins Zimmer, und foderte mich im Namen des Premier-Lieutenants Rahm auf Schuß oder Stich. Die drey Frauenzimmer erschraken von ganzem Herzen, aber der alte Husar hatte eine innerliche Freude. »Ich sekundire ihm,« rief er – »Aber sagen Sie dem Herrn von Rahm zurück: brave Kerls schlügen sich auf den Hieb! Um Neun Uhr kann er ins *** kommen, da soll er uns finden; und wenn ihmder(er zeigte auf mich) nicht genug giebt, so kriegt ers von mir – denn sehen Sie (auf Malchen zeigend) das Mädchen ist meine Tochter! Sagen Sie ihm das wieder!«
Bey den letztern Worten fingen die drey Weiber laut an zu schreien.
»Hast du es vergessen,« sagte er zur Frau von Lehmniz: – »Daß ich mich mit drey Oestreichern'rumgehauen habe? – Und du (zu Malchen) daßderdiese Nacht die beyden Kerls bey den Haaren zur Stube 'rausgeschleppt hat? – Also! – Und nun gebt mir keinen Laut von euch, daß ichs höre?«
Darauf schickte er seinen Jäger fort, der meine Uniform und Degen holen mußte. Während der Zeit nahm er mich beym Arm, und ging mit mir im Zimmer auf und ab. Zugleich horchte er, ob eine von den Damen wimmerte, und hörte er einen Seufzer, so drückte er jedesmal meinen Arm fest an sich, um mich aufmerksam darauf zu machen.
Als meine Uniform kam, half er sie mir anziehen. Seine Uhr legte er auf den Tisch, und wenn eine Viertelstunde vorbey war, sagte er es jedesmal. Endlich schlug es drey Viertel auf Neun, und es wurden zwey Pferde vorgeführt. Nun konnten die ernstlichsten Drohungen die Weiber nicht mehr zurückhalten. Sie hingen sich wechselsweise an mich und an den Vater, aber er sagte ihnen stattalles Trostes: Die Ehre ruft! Habt euch nicht so närrisch, Kinder! – Für Malchen behielt er seinen kräftigsten Trostspruch bis zuletzt auf, denn erst unten an der Treppe sagte er zu ihr: er soll dir ein paar Finger mitbringen zum Brautgeschenk; freuest du dich nicht darauf, Töchterchen? – Aber Töchterchen wurde ohnmächtig! Ohne sich weiter um sie zu bekümmern, nahm er mich bey der Hand und sagte: Närrchen, es war ja nicht mein Ernst!
»Springinsfeld,« sagte er unterwegs zu mir: »es wäre doch so übel nicht, wenn Du ihm ein paar Finger kürzer machtest! Warum streckt er sie nach verbotener Frucht aus. Sieh (er zeigte mir mit seinem Hirschfänger eine Bewegung) wenn du, eh er sichs versieht, mitdem Degen von der Seite herumfährst, so sind die Finger, die am Griffe liegen bloß, und du kannst sie ihm mit einem Hieb abnehmen. Dann ist die ganze Geschichte aus, und ihr seyd wieder gute Freunde!«
Ich mußte dem alten wunderlichen Manne versprechen, mein Möglichstes zu thun, um ihm zwey Finger abzunehmen, und wir kamen in ** an. Rahm erschien mit seinem Sekundanten kurz nach uns.
Rahms Anblick brachte mich aus aller Fassung. Alle Ideen der vorigen Nacht wurden in meinem Kopfe von neuem rege, und ich griff eben so rasch nach meinem Degen, als ich vor einigen Stunden nach dem Pistol griff. Ich zog und legte mich in Positur.
Rahm ließ mich nicht lange warten. Sein Degen pfiff auf mich ein, und Schlag auf Schlag fiel hier und da!
»Was ich dir gesagt habe, Fähndrich!« sagte der alte Husar, der mir zur Seite stand – »das Brautgeschenk!«
Aber ich hatte es mit keinem Neulinge zu thun! Rahms Streiche fielen so rasch, so hageldicht, so gewaltig, daß solch ein frischer Arm dazu gehörte, als der meinige war, wenn er nicht am Degengriff erstarren sollte.
Keiner von uns gab einen Laut, aber der Alte machte bey jedem Ausfall ein Feldgeschrey mit seinem »Was ich dir gesagt habe, Fähndrich!«
Wir thaten drey Gänge, und von beyden Seiten kein Tropfen Blut. »Brave Jungen, brave Jungen!« sagte der Alte während der Pause – »Aber was ich dir gesagt habe!«
Zum viertenmal stürzten wir auf einander, und Rahm schien seine ganze Wuth und Stärke zusammenzunehmen. Hitziger als vorher drang er auf mich ein, und mit jedem Hiebe stieg seine Erbitterung. Seine Streiche wurdenimmer gewaltiger, aber seine Paraden immer sorgloser und unordentlicher, und als er endlich einen wüthenden Kopfhieb auf mich führte, that ich einen Seitenschritt, und hieb ihm über den Arm, daß sein Degen sank und ein Strom von Blut an demselben herunterschoß.
»Victoria!« schrie der alte Husar, und sprang zwischen uns – »Alles gut, alles vergessen! Nun vertragt euch!«
Rahm reichte mir mit weggewandtem Gesichte seine linke Hand, und als mich der Alte zum Versöhnungskuß schob, drehete er den Kopf, und ließ mich sein Ohr küssen.
»Pfui« – sagte der Oberste, indem er sein Schnupftuch herauszog, und es Rahmen fest um seine Wunde wickelte – »Blut macht gut! Ihr sollt und müßt euch vertragen!« Darauf drehete er mir Rahms Mund entgegen. Rahm lächelte, und umschloß mich mit seiner linken recht herzlich. Der alte Lehmniz that einen Luftsprung. Wir halfen dem Lieutenantauf sein Pferd, und er war im Begriff mit seinem Sekundanten, ohne uns, davon zu reiten, aber der Oberste sprengte hinterdrein, und sagte: »Rahm, Ihr hättet eure Schuldigkeit nicht halb gethan, wenn Ihr nicht mit mir rittet, und euch nicht noch mit meiner Tochter vertrüget. Denn seht nur, das arme Mädchen habt Ihr am meisten beleidigt!«
Mir wurde warm bey diesen Worten.
»O, ersparen Sie mir diese Demüthigung,« erwiederte Rahm – »zu allem andern steh ich zu Befehl!«
»Nun gut, bey einer andern Gelegenheit! Aber sagt mir nur, warum hat der Windbeutel nicht zu meiner Tochter ins Bette gewollt? Sie ist doch, beym T**! nicht häßlich!«
Schön wie ein Engel! sagte Rahm, und bey mir stieg eine Art von Verdruß auf, daß er sich unterfing, dies zu sagen: Aber heute verlangen Sie keine weitläuftige Erzählung von mir. Waller heyrathete nicht Ihre Tochter, sondern Ihr Geld. Sein Vermögen war durchdie Lüfte, das hätten Sie bey der geringsten Nachforschung erfahren können. Seine Tante spürte Sie auf, bey einer Geschichte, die Lembergen betraf, und sie konnte nicht besser wählen, denn Sie sind der gutherzigste Mann von der Welt. Aber Waller hatte auf seiner Reise nachParismit seinem Vermögen –Allesverloren. Ich sollte das ersetzen, und er wollte das Geld nehmen! Dies sey Ihnen für heute genug. Wenn ich geheilt bin, erlauben Sie mir wohl einen Besuch auf Ihrem Guth?
»O, Du kömmst mit zur Hochzeit!« – erwiederte der Oberste: »Aber, das sag' ich dir: Hand von der Braut! Nun reit' in Gottes Namen, und laß dich verbinden!«
Er gab seinem Ungar die Spornen, und wir sprengten davon. Zu Hause empfingen sie uns mit lautem Freudengeschrey. Malchen musterte mich von oben bis unten, und eine sanfte Freude leuchtete aus ihren Augen, als sie mich so ganz unversehrt wiedersah. Unterdessen ließ ihr Vater anspannen, die Kutschefuhr vor, und die ganze Familie stieg ein. Ich begleitete sie bis vor das ** Thor, wo mich der Oberste umkehren hieß. Malchen streckte mir ihr weißes Händchen aus der Kutsche her, und ihr Vater rief: »In vier Wochen, Springinsfeld! Sobald die alte Schlange in D** die Scheidung schickt, schreibe ichs dir: dann sitz' auf und komm!«
Während der vier Wochen hatte Malchen fleißig an mich geschrieben, und ich eben so fleißig an sie. Dieser ganze Zeitraum war für mich eine unendliche Kette von Freuden, die nur glückliche Liebe, welche mit allem, was die Hoffnung Entzückendes hat, genährt wird, so rein und lauter, so abwechselnd und ewig neu über ein zärtliches Herz ausschütten kann. Ich brannte vor Ungeduld, Malchen zu sehen, ich zählte anfangs jeden Tag, dann jede Stunde und endlich jede Minute. Diese däuchten mir jetzt einzeln länger, als anfangs der ganze Zeitraum von vier Wochen.
Endlich kam der Brief, der mir Nachricht gab, daß die Ehescheidung ausgewirkt und schon auf dem Gute des Obersten sey.
»Nun komm, Moriz,« schrieb mir Malchen, »flieg in meine Arme. Meine Augensollen die ersten seyn, die Dich sehen, meine Arme die ersten, die Dich umschließen, meine Lippen die ersten, die auf den deinigen haften. Dein Athem soll mich zuerst anwehen, Dein Herz zuerst an dem meinigen pochen. Darum steige nicht vor dem Schlosse ab, wenn Du kömmst, sondern an der Gartenthür; sie soll offen stehen, und ich bin an derselben. Hand in Hand fliegen wir dann auf das Zimmer meines Vaters, und dann zu meiner Mutter, und dann überall hin. Ich schlafe nicht, bis ich Dich sehe, und werde nicht schlafen können, wenn ich Dich gesehen habe. Uebermorgen zwischen vier und sechs Uhr mußt Du bey mir seyn, und bist Du es nicht, so bist Du todt, oder Du liebst mich nicht mehr.«
Diese Zeilen gossen Feuer in meine Adern. Zu Fuße hätte ich fortlaufen mögen, wenn ich bedachte, daß mein Pferd erst gesattelt werden müßte. Ohne Urlaub wäre ich davon gesprengt,wenn mich nicht meine Kameraden gehalten hätten. Ich muß halb von Sinnen gewesen seyn.
»Zwischen vier und sechs Uhr muß ich da seyn!« sagte ich zu meinem General, als ich ihn um Urlaub bat, und glaubte ihm dadurch den allerkräftigsten Bewegungsgrund zur Erfüllung meiner Bitte angegeben zu haben.
»Es wird wohl etwas später werden, mein lieber Lemberg!« sagte der alte Krieger lächelnd, denn er wußte, wo es mir fehlte.
»Nicht eine Minute später,« sagte ich, »sie hält mich sonst entweder für untreu oder für todt!«
»Recht soldatische Bewegungsgründe, haben Sie zu Ihrer Reise, mein lieber Lemberg!« erwiederte er: »sie leuchten mir ein, und deßhalb sollen Sie morgen früh um neun Uhr den Urlaub haben!«
Ich erstarrte. Morgen früh um neun Uhr! Da hätte ich in sieben Stunden sechszehn Meilen reiten müssen. Unmöglich! Kaum hatte ich dies ausgerechnet, so drehete ich mich um, mitdem festen Entschluß, ohne Erlaubniß davon zu jagen.
»Sprudelkopf,« rief er ernsthaft: »ich weiß, was du willst! – Ein Soldat mußliebenundgehorchenkönnen. Hier ist dein Urlaub auf sechs Monat, schon geschrieben, aber du bekömmst ihn nicht eher als morgen früh um sechs Uhr. Nun steht es bey dir, zu bleiben oder zu reiten.«
Ich ging stillschweigend nach der Thür.
»Sag' zu meinem Johann,« rief er mir nach: »daß er sogleich aufsitzt, und auf jeder Station Pferde in meinem Namen bestellt. Ihrer kannst du dich bedienen. Sorge nun, daß deine Liebe soviel von ihren Rechten nachläßt, als die Subordination von den ihrigen. Reise glücklich!«
Er ging. Ich sah ihm stumm und verstürzt nach, und das helle Wasser stand mir in den Augen.
Welch eine Nacht hatte ich zuzubringen! Meine Liebe kämpfte unabläßig mit meiner Pflicht, besiegte sie, und ward von ihr besiegt. Meine Freunde thaten alles, um mich aufzuheitern, aber ich ward erst froh, als es sechs Uhr war. Der Adjutant brachte mir den Urlaub, und ich sprang auf mein Pferd, das schon seit zwey Stunden gesattelt vor meinem Quartiere gestanden hatte.
Armer Rappe! riefen meine Kameraden, und ich sprengte davon. Der Boden zitterte unter mir, und meine Haare und die Mähne meines Rosses sausten. Mein Geist war bey Malchen, und mein Körper sechszehn Meilen von ihr. Mein armes Pferd mußt' es entgelten, wenn jener durch irgend einen Zufall auf einige Minuten zu diesem zurückgerufen wurde.
Auf jeder Station schrieb man sich meinen und des Generals Namen sorgfältig auf, und versprach, Nachricht zu geben, ob die Pferde, die ich geritten, mit dem Leben davon kommen würden. Auf der letzten mußte ich mir das Pferd geradezu kaufen, weil der Postmeister dasjenige, was mich zu ihm gebracht hatte, vor seinem Hause umfallen sah.
Es war drey Viertel auf vier, als ich den Schloßthurm von Lehmniz erblickte. Beynah hätte ich vergessen, was mir Malchen so dringend aufgegeben hatte: durch den Garten mich dem Schlosse zu nähern.
Ein paar tausend Schritte von der Gartenmauer erhob sich ein kleiner Hügel, von dem ich alles übersehen konnte. Ich glaubte auf einer Terrasse mitten im Garten ein Frauenzimmer zu erblicken. Sie schien eilig die Terrasse herabzusteigen, als sie mich dahersprengen sahe. »Wer kann es anders seyn als Malchen,« rief ich laut: »sie eilt von der Terrasse, und mir entgegen!«
In wenig Minuten war ich an der Gartenthür; ich sprang vom Pferde, und band es an den ersten den besten Baum. Ich trat in den Garten; kein Malchen war da. »Und sie wollte doch an der Gartenthür seyn!« murmelte ich. – Ich ging die Allee hinan, die zur erwähnten Terrasse führte – kein Malchen zu sehen! – »Wenn sie auf der Terrasse war, konnte sie hundertmal herab zur Gartenthür und zurückgelaufen seyn, ehe ich den Garten erreichte« – murmelte ich wieder, und ich fühlte auf einmal die Kopfschmerzen, die mir die Luft und das Stoßen des Pferdes verursacht hatten. Als ich Malchen noch an der Gartenthür zu finden hoffte, fühlte ich sie nicht. Ich näherte mich der Terrasse. An dem Fuße derselben war ein chinesisches Gartenhäuschen, durch ein Seitenfenster sah ich hinein, und o! was sahe ich!
Malchen saß – mit einer Mannsperson in blauer Uniform auf einem Kanapee. Er hatte seinen linken Arm fest um sie geschlungen,sie ihren rechten um ihn. Sein Kopf ruhte an ihrer Brust, sie sahe schmachtend zu ihm hinab, er schmachtend zu ihr hinauf. Zuweilen schielten beyde, wie es mich dünkte, lächelnd nach dem Fenster, das vor ihnen war. Die Mannsperson kam mir sehr jung und sehr bekannt vor, aber ich hatte nicht Zeit, es zu untersuchen.
Die Bewegungen, die in dem unsäglich kurzen Momente, wo ich dies sah, gleichsam mörderisch mich ergriffen, mag keine Feder beschreiben, kein Pinsel malen, keine Zunge aussprechen. – Meinen Degen ziehen, in das Haus stürzen, der Mannsperson, die mir lachend entgegen sprang, und dadurch meine Wuth vermehrte, den Degen in die Seite stoßen, Malchen, die sich mir schreiend um den Hals warf, weit von mir wegschleudern, aus dem Lusthause in den Garten, durch die Allee zur Gartenthür hinausrennen, auf mein Pferd springen, und in gestrecktem Laufe davon eilen – alle diese gewaltsame Handlungen warendas Werk von zwey Minuten, deren schreckliche Qualen alles, was je ein menschliches Herz Grausames erduldet, was je die Einbildungskraft eines Menschenquälers Schmerzliches erdacht und erfunden hat, weit und weit übertrafen.
»Vier Pferde todt geritten,« sagte ich kalt und bitter: »um sie – in den Armen eines Andern zu sehen!« –
Diese Worte wiederholte ich einmal über das andre, indem ich jedesmal den Kopf langsam dazu schüttelte. Endlich erlag meine Seele dem Schmerze, meine Zunge ward stumm, mein Ohr taub, und mein starres Auge sahe nichts mehr als den Kopf meines Pferdes, das mich, wohin es wollte, im Sprunge forttrug.
Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, ehe meine Seele sich wieder so weit ermannte, daßsie einzelne Lichtstrahlen durch das Chaos von Empfindungen, die mein Herz zu sprengen drohten, zu werfen Gewalt genug hatte. Gewiß ist es, daß der Abend schon weit vorgerückt war, als mir die ersten Thränen, in die sich mein wilder Schmerz auflöste, über die Wangen herabrollten.
Ich wußte nicht, wohin mein Pferd mich getragen hatte, und dachte nicht eher daran, als bis mich ein gewaltiger Riß queer über das Gesicht, aufmerksam darauf machte. Ich befand mich in einem dicken Gebüsche, durch welches sich mein Pferd einen Weg bahnte, wahrscheinlich weil ich es von Zeit zu Zeit, ohne es zu wissen, gespornt hatte. Ich sprang ab. Jetzt fühlte ich erst, wie die körperlichen und geistigen Beschwerlichkeiten des Tages mich angegriffen hatten. Ich konnte mich nicht auf den Füßen erhalten, und meine Kniee sanken unwillkührlich unter mir zusammen. Mein Pferd blieb in einiger Entfernung von mir stehen,und stillte seinen Hunger mit den Blättern der umstehenden jungen Stauden.
Ich legte mich nieder. Auf meine Linke stemmte ich den Kopf, und mit der Rechten riß ich große Büschel Gras aus, und schleuderte sie weit von mir. Kein Seufzer, kein Laut kam über meine Lippen. Mein stummer Schmerz vergrub sich tief in mein Inneres, und da keine lindernde Tropfen über meine Wangen mehr flossen, mußte er in jenen ungestümen Bewegungen meiner rechten Hand sich ankündigen.
Malchen in den Armen eines Andern! Dieses Bild schwebte mir immerfort vor Augen, und peinigte mich am grausamsten. Zuweilen wurde es zwar von dem Bilde des Gestochenen verdrungen, aber dieses war mir bey weitem nicht so peinlich als jenes.
Unterdessen brach die Nacht ein. Mit ihr erhob sich ein Sturm, der in den Aesten und Wipfeln der umstehenden großen Eichen brauste, und sie bis auf die Wurzeln erschütterte.Um und neben mir rauschten und pfiffen die Blätter des Gebüsches, und große Regentropfen fielen mir einzeln auf Gesicht und Hände. Mein Pferd scharrte mit den Füßen, und wieherte vor Hunger und Kälte, während eine dicke Finsterniß alles was mich umgab in ihren schwarzen Schooß vergrub, und die ganze lebendige Schöpfung meiner Seele ähnlich zu machen schien.
Diese Empörung der Natur sagte der Empörung meines Herzens zu. Ich wickelte mich fest in meinen Oberrock, verbarg die Hände im Busen, das Gesicht unter meinem Schnupftuche, und dem Winde wandte ich gleichsam wie im Trotze den Rücken zu. So ganz in mich selbst versunken und verschlossen, sah ich den Bildern, die mir meine Einbildungskraft vorführte, mit Muth und Standhaftigkeit ins Gesicht, und endlich schien meine Seele ihrer gewohnt zu werden. Dies war Betäubung, aber eine sehr wohlthätige Betäubung, denn sie ließ Betrachtungen über die Zukunft in meiner Seele Raum.
Die Treulose je wiederzusehen, war ein Gedanke, vor dem ich zurückbebte, und doch schwebte sie immerfort vor mir. In meine Garnison zurückzukehren und mich von meinen Bekannten mit großen Augen ansehen, auch wohl aufziehen zu lassen, war ein zweyter, der mich um die Welt gejagt haben würde; und doch fühlte ich ein Verlangen, ihnen zu sagen, wie ich meinen Nebenbuhler bestraft hätte. Aber die Art, wie ich mich dabey benommen hatte, empörte mein Gefühl für Ehre, und machte mich schaamroth. Ich hatte ihn unversehens überfallen, und konnte fürchten, als Meuchelmörder verachtet und bestraft zu werden.
So vereinigten sich endlich Unwillen auf die Ungetreue, gekränkter Stolz, Furcht vor Verachtung, Schaam vor mir selbst, und endlich Angst des Mörders, um den Entschluß, nie wieder in meine Garnison zurückzukehren, in mir zur Reife zu bringen. Ich wollte bey einer andern Macht unter einem andern NamenDienste nehmen, sollte es auch nur als Gemeiner seyn, um mich dadurch auf immer den Nachforschungen meiner Freunde zu entziehen.
Kaum war dieser Entschluß gefaßt, so sprang ich auf, um ihn auszuführen. – Aber, wo war ich? Auf welchem Wege war ich in dieses Gebüsche gekommen? Wie sollte ich mich herausfinden? Ich nahm mein Pferd her, setzte den Fuß in den Steigbügel, um davon zu reiten, und setzte ihn wieder auf die Erde, um den Tag zu erwarten. Mitten unter diesen Bewegungen hörte ich einen Hund bellen, der, nach dem Schalle zu urtheilen, nicht weit von mir seyn konnte. Ich arbeitete mich nach der Seite, wo der Schall herzukommen schien, durch das Gebüsch und zog mein Pferd hinter mir her. Das Gebell des Hundes kam mir immer näher, und endlich gelangte ich auf einen lichten Platz, an dessen einem Ende ein dürftiges Licht durch Gebüsche schimmerte.
Wäre es mir auch nur von weitem wahrscheinlich gewesen, ohne fremde Hülfe aus dem Walde zu kommen, so hätte ich mich dem Lichte gewiß nicht genähert, weil ich mir einbildete, man würde alles, was mir begegnet war, auf meinem Gesichte lesen können; und wirklich ging ich auch nicht eher auf das Licht zu, als bis ich, nach verschiedenen Seiten hin, einen Weg aus dem Walde gesucht, aber nicht gefunden hatte.
Ich pochte mit zitternder Hand an den Fensterladen. »Wer ist da?« rief eine männliche Stimme. »Ein Reisender, der sich verirrt hat!« antwortete ich. »Will gleich aufmachen!« rief der Mann, und ich konnte es hören, wie er aus dem Bette sprang. »Um Gottes willen! ließ sich eine weibliche Stimmevernehmen: mache nicht auf, Mann, wer weiß, wer es ist; es können wohl mehr seyn als einer. Sie schlagen uns todt, noch ehe wir um Hülfe schreien können!«
Der Verdacht des Weibes machte, daß mir alle Glieder zitterten. Sie hielt mich für einen Mörder, das griff mir ans Herz. Hätte ich mich nicht für einen gehalten, würde ich nicht gezittert haben. Es fehlte wenig, so hätte ich mich von neuem in das Dickigt zurückbegeben.
Der Mann schien sich zu bedenken. Endlich sagte er: ich will meine Büchse nehmen, und in Gottes Namen aufmachen! »Und ich nehme die andere!« sagte die weibliche. – »Und ich des Vaters Hirschfänger!« eine dritte Stimme, die ich einem Knaben zuschrieb.
Die Thüre ging auf, und ein langer Mann, der in der rechten Hand ein Gewehr und in der linken eine Leuchte hielt, trat heraus. Hinter ihm stand eine halbangezogene Frauensperson, welcher die Haare wild um den Kopf hingen, und neben ihr ein Knabe, der in derrechten Hand einen bloßen Hirschfänger hatte, und mit der linken sich fest an dem Vater hielt.
Der Mann wiederholte seine Frage, und ich trat näher und gab ihm die vorige Antwort. Mein Pferd, dessen Zaum ich in meiner linken Hand hielt, streckte seinen Kopf über meine rechte Schulter, und gab den Laut von sich, den die Pferde hören lassen, wenn man ihnen zu fressen bringt, oder wenn sie nach einer Tagereise eine bekannte Herberge vor sich sehen.
Der Mann machte einen langen Hals, und leuchtete das Pferd an. – »Ey, alter Hans,« sagte er, und richtete, ohne sich um mich zu bekümmern, seine Worte an mein Pferd: »wie kömmst du hieher?« – Dieses sagte er mit einer Freude, als wenn er einen alten Freund, den er lange für todt gehalten, unverhofft wiedergefunden hätte. »Ach, unser Hans, Mutter!« rief der Knabe, und sprang hervor. »Wer hätte das gedacht?« sagte die Mutter, und trat auch zu meinem Pferde hin. Ich mochte sagen und fragen, was ich wollte,man hörte mich nicht. Ihre Furcht vor Räubern und Mördern schien völlig verschwunden zu seyn: wie konnten sie auch etwas Böses von einem Menschen erwarten, der sich als den Besitzer ihres alten geliebten Hansen ankündigte?
Der alte Hans war immer das dritte Wort, während ich von einer brennenden Ungeduld gefoltert wurde. Endlich ließ ich dem Knaben den Zügel, und er führte das Pferd in das Haus. Die Mutter nahm dem Vater die Laterne aus der Hand und leuchtete dem Buben. Ich folgte dem Vater in die Stube.
»Ja,« sagte er, »wenn Sie meinen Hans nicht gehabt hätten, würden Sie nimmermehr nach meinem Hause gekommen seyn. Ich habe ihn erst vor acht Tagen an den Postmeister zu G* verkauft. – Bleiben Sie nur diese Nacht bey mir, morgen in aller Frühe bringe ich Sie aus dem Walde!«
Ich ließ es mir nothgedrungen gefallen, und nachdem ich ihm über seinen Hans mitdrey Worten Auskunft gegeben hatte, erfuhr ich, daß ich mich in dem A* Gebiethe ohnweit W*, mithin sechs Meilen von Lehmniz und sieben Meilen von L* befände.
Der Alte ward sehr gesprächig, aber ich hörte wenig von allem was er sagte. Wie konnte ich es auch bey dem Sturme von Empfindungen, der in meiner Brust tobte? Ich stämmte mein Haupt auf beyde Hände, sah starr vor mich hin, und antwortete ihm endlich gar nicht mehr.
»Der junge Herr ist verdrüßlich,« sagte er zu Frau und Sohn, als sie zurückkamen, und mir erzählen wollten, daß sie den alten Hans in den Stall geführt und ihm zu fressen gegeben hätten: »Laßt ihn in Ruhe! – Doch setz' ihm zu Essen her,« fuhr er zur Frau fort, »wenn er etwa hungrig ist, und dann geh mit dem Jungen schlafen. Ich lege mich nicht mehr nieder, es ist bald zwey Uhr.«
Die Frau brachte Milch, Butter und Brod und entfernte sich mit dem Knaben. Der Altenäherte sich mir und sagte: »Junger Herr, hier ist zu essen, wenn Sie essen wollen, und dort mein Bette, wenn Sie schlafen wollen!« – Ich sah ihn gerührt an und reichte ihm stillschweigend meine Hand. Aber ich hatte weder Eßlust noch Schlaflust.
Sobald der Tag anbrach, setzte ich mich in Bewegung. Meinen Wirth fand ich bey meinem Pferde. Er hatte ihm zu Fressen gegeben, und war im Begriff, es zu striegeln. Ohne ihm ein Wort zu sagen, nahm ich Sattel und Zaum. Er wand mir beydes aus den Händen und sagte: ich sollte ihm die Freude lassen, seinen alten Hans zum letztenmale zu satteln. Diese Freude ließ ich ihm gern. Voller Ungeduld ging ich auf den Hof, denn er fing von neuem an zu bitten, daß ich doch noch ein Stündchen länger warten möchte. Man weiß schon, umwessentwillener bat.
Endlich nach langem Zaudern führte er ihn aus dem Stall, und ich sprang in den Sattel, ohne zu bedenken, daß ich nicht durchdie niedrige Hausthür würde reiten können. Ich mußte also wieder absteigen, und das Pferd durch das Haus führen. Vor der Thür sprang ich von neuem auf, und ritt davon. »He,« rief mir der Alte nach, »wissen Sie denn den Weg?« – Er schüttelte bedenklich den Kopf, und schien gar nicht mit sich einig werden zu können, was er aus mir machen und wie er sich mein Betragen erklären sollte.
Welch eine Pein für mich, daß ich meinem Wegweiser zu gefallen langsam reiten, länger als eine Stunde langsam reiten mußte. Die hellen Tropfen standen mir vor der Stirn, und tausendmal fragte ich ihn: kann ich den Weg nun allein finden? Endlich sagte er ja, und schon hatte ich die Füße aufgehoben, um meinem Pferde die Spornen zu geben, als es mir erst einfiel, dem guten Alten zu danken. Ich griff in meinen Beutel und reichte ihm, was mir in die Hand fiel.Erwollte nichts nehmen und ich brannte vor Eifer, es ihm zugeben, weil ich – fort mußte. Als er mir endlich zu viel Umstände machte, warf ich eine ganze Hand voll Silbergeld hitzig über ihn her, und sprengte davon. Er rief mir nach: »da heißts wohl recht, es schneyet Geld!« – Ich sah mich nicht nach ihm um – – »Adje Hans!« rief er noch stärker. –Mirhatte er keine glückliche Reise gewünscht.