Nach dem Tode.

»Du mußt in eine Anstalt, nachher wird Alles besser werden,« und wie sie zusammenzuckte, fügte er noch mitleidig und traurig hinzu: »ich will Dich nicht quälen.«

Dann ging er hinaus. Wenn er gewünscht und gehofft hatte, seine Frau zu erschüttern, zu rühren und der Bereuenden vielleicht dann verzeihen zu können, so sah er sich bitter enttäuscht.

Er hatte nichts erreicht, höchstens den Riß, den nach seiner Ansicht ihre Morphiumsucht in die Ehe gebracht hatte, unheilbar gemacht und endlos vergrößert. Seinem Auge bot sich kein Ausweg. Er wollte und mußte sie in eine Heilanstalt bringen, aber selbst wenn sie dort körperlich geheilt werden sollte, konnte er nicht hoffen, daß ihre Seele wieder gesund werden würde.

Er hatte sie geliebt, jetzt hatte er ihre Liebe verloren. Mit heißem Schmerze fühlte er, daß seine Liebe zu der Kranken, Unglücklichen unerschütterlichtreu in seinem Herzen fortleben würde, so lange er lebte. Vielleicht konnte diese Liebe noch wachsen und zunehmen, wenn sie jemals sich hülflos und verzweifelt an ihn anklammern würde, aber er fühlte, daß sie das, was ihm und auch ihr früher selbstverständlich erschienen wäre, nicht thun würde – nie wieder. – Es stand etwas zwischen ihnen, was er nicht aus dem Wege zu räumen vermochte, weil es überwältigend und unfaßbar war, eine Leidenschaft – – »Morphium«. –

Er dachte auch einen Augenblick an den blutigen Schatten des todten Freundes. Nein, der stand nicht zwischen ihm und ihr, den hätte die Liebe des Mannes überwinden können; aber gegen den Dämon konnte er nicht kämpfen, der ihre Seele gefesselt hatte. Mit einem schweren Seufzer blieb er vor der Thür ihres Zimmers stehen. Dann ging er mit festen Schritten hinüber in's Kinderzimmer. Nacheinander hob er beide Kinder zu sich empor, drückte sie fest an die Brust und küßte sie innig.

»Meine Frau ist schwer krank, Fräulein, die armen Kinder werden manches entbehren müssen,« sagte er ernst.

»Was ich thun kann, um den Kindern die Mutter, so lange es nöthig sein wird, zu ersetzen, soll geschehen,« antwortete Hedwig Wagner einfach und schlicht.

In ihren grauen Augen standen Thränen, treu und freimüthig legte sie ihr Versprechen ab. Der Geheimrath gab ihr die Hand. Dann verließ er dieKinder; es war ihm, als hätte er sie in die Obhut eines Schutzengels gegeben.

Um so schnell wie möglich die Unterbringung seiner kranken Frau in einer geeigneten Anstalt zu veranlassen, begab er sich gleich darauf zu Professor Schrödter.

Lydia war, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, träumend und regungslos stehen geblieben. Ein weißes, langes Kleid floß weich herab an ihrer schlanken Gestalt, der schöngeformte, hochfrisirte Kopf sah reizend und jugendlich aus, aber die Augen waren glanzlos, die vorher brennenden Wangen waren fahl geworden, und die Hände hingen schlaff und müde herab.

Sie fühlte, daß Alles zu Ende war zwischen ihrem Manne und ihr. Sie hatte, seit sie Morphinistin war, nicht darüber nachgedacht, ob sie ihn noch liebe oder nicht. Still und unmerklich war die Liebe eingeschlafen in ihrem Herzen. Ein zartes verständnißvolles Benehmen des Mannes hätte sie vielleicht leise und sanft wieder erwecken können wie ein Sonnenstrahl eine Blüthe, die ein Nachtfrost geschlossen hat, aber seine brutale Moral, sein schroffer correcter Ehrbegriff hatte die zarte, sterbende Blüthe zertreten.

Sie hatte aufgehört, ihn zu lieben und konnte ihn auch nicht wieder lieben, nie, im Leben nicht wieder.

In erbittertem Kampfe stand er ihr gegenüber. Verachtung hatte er ihr entgegengeschleudert. Um ihr Laster auszurotten, wollte er sie in eine Heilanstaltbringen. Gegen sie, das zarte kranke Weib, rief er den rohen rücksichtslosen Arzt zu Hülfe, den sie verabscheute.

Es ist so leicht, einen wehrlosen, kranken Menschen zu peinigen und zu verfolgen. Darin liegt aber eine Gemeinheit, eine moralische Roheit, die doch wohl eben so verächtlich ist, wie die Pflichtvergessenheit einer Kranken. Lydia wußte, was das Wort in sich schließt »eine Entziehungscur.« Professor Schrödter garantirte zwar für seine »Entziehungscuren ohne Qualen«, aber nur ein Morphiumkranker kann ermessen, wie groß die Lüge ist, die in dieser Vorspiegelung liegt.

Ein Opfer dieser Qualen aber sollte sie nun sein, um nach dem Willen ihres Mannes ihren Pflichten zurückgegeben zu werden.

Sie dachte an Turnau. Nicht mehr mit Liebe, sondern mit Neid gedachte sie des glücklichen Todten. Er hatte den Genuß, den das Morphium gewährt, auskosten dürfen bis zum Ende, ihr dagegen riß man den goldenen Kelch von den Lippen, jetzt wo sie noch durstig war – durstiger als je.

Ihre Seele lechzte nach Betäubung, um die Schmach zu vergessen, die ihr angethan worden war. Von ihrer Krankheit, von ihrer Verirrung sprach ihr Mann; die Aerzte, die Welt würde davon sprechen; Nachsicht und Mitleid würde man ihr zu Theil werden lassen – und Achtung, äußere Achtung vielleicht auch wieder, ja – das – –

Der Todte aber hatte sie besser gekannt, als allelebenden Menschen. Er allein wußte, daß sie eine Schuldige – eine Ehrlose war.

»Der Tod ist der Sünde Sold«, das war das letzte Wort, was er ihr zurief von seiner blutigen Bahre. In frivolem Spotte hatte er gespielt mit dem Gedanken an ewige Dinge, und als dann der Tod kam, klammerte er, der Freigeist, sich an die Verheißung des Christenthums von der Gnade Gottes und dem ewigen Leben in Christus.

O, wie sie sich schämte; in der Tiefe ihrer Seele verging sie in Scham und in Reue. »Der Tod ist der Sünde Sold.« Es war ihr plötzlich wie eine Offenbarung. Auf seinen Grabstein sollte man den Spruch setzen. Aber der Spruch war für sie. Wenn Menschen schweigen, so reden die Steine. Zu ihr, nur zu ihr sollte er sprechen, dieser Stein; nur für sie galt die furchtbare Mahnung: »Der Tod ist der Sünde Sold.«

Mit einem wilden Schrei griff sie nach ihren hämmernden Schläfen. Dann stürzte sie vorwärts und riß die Schnur von ihrem Halse, an der sie den Schlüssel verbarg zu ihren »Schätzen.«

Sie kniete nieder an dem Schränkchen und schloß es mit zitternden Händen auf. Da standen sie alle, alle die kleinen Gläser, die sie bei dem Todten gefunden, es fehlte nicht eins.

Das erste beste ergriff sie und setzte es an die Lippen. Sie fühlte ein scharfes Brennen, aber sie wollte es überwinden, das Gläschen leer trinken.

Da ging hinter ihr eine Thür auf. Hedwig Wagnertrat ein, nahm ihr mit ruhiger Bestimmtheit das Gläschen vom Munde und verschloß den Schrank.

»Das geht nicht, gnädige Frau. Der Professor wird Ihnen so viel Morphium zutheilen, wie Sie bedürfen, um nicht zu leiden,« sagte das Mädchen.

Lydia antwortete keine Silbe. Scheu und traurig begegnete ihr Blick dem der Bonne. Dann verließ sie das Zimmer. Sie stieg die Treppe hinauf, mit einer Hand hielt sie ihr Kleid, die andere lag an der Stirn. »Die Steine reden, die Steine rufen.« – Leise und stockend sagte sie das vor sich hin, wieder, immer wieder.

Sie ging die ganze Treppe hinauf, schritt über den Boden, noch eine kleine Treppe höher und stieg endlich durch eine Klappe auf das platte Dach des hohen Hauses. Ein niedriges Geländer umgab die Plattform.

Lydia beugte sich darüber hinweg und starrte hinab auf das Steinpflaster des Hofes vor den Stallungen und Remisen.

Die Steine da unten schimmerten grau zu ihr empor. Ein röthlicher Sonnenstrahl glitt drüber hin.

Der Tod ist der Sünde Sold; – »die Steine reden, die Steine rufen.« Sie sah sich scheu um. Nein, es war ihr niemand gefolgt, sie war allein, frei, vielleicht zum letzten Male frei, ehe sie die Gefangenschaft des Irrenhauses umgab.

Wie wonnig ist doch die Freiheit, das edelste Menschenrecht – – – Sie hatte die Freiheit benutzt.

Ein Schrei, ein Fall – die Steine der Tiefe nahmen sie auf.

In der großen Universitätsklinik traten die Nachtwachen an. Auf jeder Station wachte eine Schwester, und an einzelnen Betten, wo es besonders verordnet war, sollten Hülfswärterinnen wachen. Vorläufig waren die zu diesem Dienste bestimmten Schwestern im Operationssaale versammelt; sie präparirten die nöthigen Medicamente, die Eisbeutel, die Getränke, die Compressen, kurz alles das, was in der Nacht möglicherweise gebraucht werden konnte.

Die Wärterinnen hielten sich, so lange bis ihnen eine genaue Angabe ihrer Arbeit zu Theil wurde, auf dem breiten Corridor auf und klatschten.

Das Elend einzelner Kranken, ihre Lebensverhältnisse, sowie die persönlichen Angelegenheiten der Aerzte und Schwestern bildeten den Gesprächsstoff. Die schauerlichen Einzelheiten der schwersten Unglücksfälle wurden mit wonnevollem Eifer besprochen, und hatte eine von diesen Mädchen und Frauen ein entsetzliches Menschenschicksal in kurzen Worten, und von den Ausrufen der Anderen oft unterbrochen, geschildert, so war auch gleich eine Andere da, die aus ihrer Spitalerfahrung etwas noch Trostloseres, noch Krasseres zu berichten wußte.

Trotz des tieftraurigen Gegenstandes, der bei der Unterhaltung vorherrschte, klang doch zuweilen ein unterdrücktes Kichern, ja sogar lautes Lachen aus diesem Kreise.

Die Oberschwester hatte den jüngeren Pflegerinnen die nöthigsten Anweisungen für die Nacht ertheilt und durchschritt nun den Corridor, um ihr Zimmer aufzusuchen. Die Wärterinnen, obgleich sie »weltlich« waren, drückten sich schweigend und zum Theil verlegen an die Wände, um in tiefster Ehrfurcht die würdige Dame an sich vorbeigehen zu lassen.

In keinem von Männern versehenen Dienst- oder Verwaltungszweige herrscht eine so unbedingte Unterordnung unter die Person des Vorgesetzten, wie in dem weiblichen Staatshaushalte eines kirchlichen Jungfrauenordens.

Das ganze weibliche Personal der Klinik unterwarf sich bedingungslos den Befehlen und Anordnungen der Schwester Domina, die als Leiterin der Anstalt hier voll und ganz die Würde der »Frau Mutter« vertrat.

Die Schwestern verließen das Operationszimmer, in welchem sie die Anordnungen ihrer Oberin empfangen hatten und traten auf den Corridor hinaus, um sich nach den Wärterinnen umzusehen, die ihnen für die schwersten Arbeitsleistungen der Nacht zur Hilfe zugetheilt waren.

Schwester Coelestina von der sechsten Männerstation erhielt allein drei Gehilfinnen für ihren Saal, Schwester Theophila ging mit zwei bewährten Hilfskräften nach der Diphteritis-Abtheilung der Kinderstation.Fast jede Schwester entfernte sich in Begleitung einer Wärterin, nur Schwester Clarissa schlug allein den Weg nach der dritten Frauenstation ein. Die Schwester Domina war der Ansicht, daß auf dem dritten Frauensaale momentan kein so schwerer Fall vorliege, daß die Stationsschwester nicht allein damit fertig werden sollte.

Lautlos, fast wie schwebend bewegte sich die dunkle, schlanke Gestalt der jungen Nonne durch die langen, schwach beleuchteten Gänge des großen Krankenhauses.

Im Hörsaale brannte das Gaslicht noch mit voller Flamme. Das war eine Nachlässigkeit des Heilgehülfen, dem die Reinigung und Ordnung dieses Raumes oblag. Schwester Clarissa verzichtete darauf, den Mann zur Erfüllung seiner Pflicht herbeizurufen, sie stieg auf einen Stuhl und erhob die Arme, um das Licht herunterzuschrauben. Wie ein dunkler Schatten breitete sich bei dieser Bewegung der Nonnenschleier aus, der ihren Oberkörper verhüllte; das Licht fiel ihr grell in das Gesicht, das sonst durch den Rand der Haube im Schatten gehalten wurde; unwillkürlich legte sie die Hand über die müden, vom Nachtwachen mit tiefen Ringen umgebenen Augen und blickte zur Seite.

Da stand das Gerippe, an dem die jungen Anatomen die ersten allgemeinen Studien über den Knochenbau des menschlichen Körpers zu machen pflegten. Schwester Clarissa war unzählige Male gleichgültig an dieser Erscheinung vorübergegangen, aber jetzt, in der Stille der Nacht schrak sie zusammen,als sie den grau-weißen Schädel so unmittelbar vor sich sah.

Sie schraubte die Gasflamme nieder, faßte mit beiden Händen das Kreuz, das an ihrer Gebetschnur hing und trat leise dem Gerippe gegenüber.

»O Du unergründlicher Gott, wo mag die Seele sein, die in diesem Körper gewohnt hat, ist sie bei Dir? Was aber mag dieser Mensch verbrochen haben, daß seine Gebeine nicht ruhen dürfen, wie die Gebeine Anderer? Ich – eine arme demüthige Magd des Herren – werde in wenigen Jahrzehnten auch nur noch ein Häuflein Gebeine sein,« betete sie, »o Du heilige Mutter, gieb meinem Leibe Ruhe und meiner Seele Erlösung. Wir sind von Erde genommen, und wir werden wieder zum Staube – wir – wir – aber dieser nicht. Seine Knochen sind präparirt, daß sie nicht zerfallen; sie sind mit Draht aneinander befestigt, und statt der heiligen Ruhe des Friedhofes umgiebt sie das lärmende Treiben der academischen Jugend, die in diesem Saale ein und aus geht. Was hat er verbrochen, welches ist die Schuld, die sich so straft, daß der Leib keine Ruhe findet, nachdem das müde Haupt dahingesunken ist auf das Kissen des Sterbebettes?«

Das schöne zarte Gesicht der jungen Schwester nahm einen tief wehmüthigen Ausdruck an. Sie wendete sich ab von dem Gerippe und nahm vom Katheder eine runde flache Glasschale herab.

In der Schale lag ein vom Haupte abgelöstes menschliches Antlitz, ohne Unterkiefer. Die Frauwar an einem Krebsleiden gestorben, das sich vom Nasenbein nach der Stirnhöhle ausgedehnt hatte. Aus diesem Grunde hatte einer der Professoren das Gesicht von der Leiche genommen, um an diesem Präparate die Krankheit zu demonstriren.

Rücksichtslos hatte das Secirmesser von den Mundwinkeln aus die Wangen durchschnitten und das Fleisch lag nun da, bläulich grau und eingeschrumpft. Die Augenhöhlen waren tief eingesunken und zeigten eine dunklere Farbe. Schwester Clarissa hatte die Todte, die vor einem halben Jahre gestorben war, gepflegt. Es war eine schöne, sanfte junge Mutter gewesen. Sie hatte gräßlich gelitten, der Gedanke an ihre Kinder, die mit dem Keime des Krebsleidens geboren und nach ihrer Ansicht demselben traurigen Schicksale wie ihre Mutter verfallen waren, hatte ihr das Sterben erschwert. Die junge Nonne hatte die Protestantin veranlaßt, das Abendmahl zu nehmen und hatte ihr dann die Augen zugedrückt. Diese Augen, die sie hier in der Hand hielt, in Alkohol und Aether präparirt.

Die Schwester glaubte an die Auferstehung des Fleisches. Das war ihr gelehrt unter denjenigen Dogmen der Kirche, an die zu glauben ein Erforderniß zur Seeligkeit ist.

Sie betrachtete sich als eine Braut des Herren und in den Kranken, die sie pflegte, erbarmte sie sich des irdischen Leibes dessen, auf den ihre Seele harrte. Mit demüthiger Arbeit und gläubigem Beten wartete sie auf die Stunde, in der der himmlische Bräutigamsie rufen würde zum Hochzeitsfeste. Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch hoffte sie einzugehen zur ewigen Herrlichkeit. Das heilige Feuer eines leidenschaftlichen Glaubens erfüllte die Seele dieses stillen, der Welt abgewandten Mädchens.

Jeder Buchstabe der kirchlichen Lehre war für sie eine Säule, an der man nicht rütteln durfte, ohne den ganzen Tempel zu gefährden, den sie dem Herrn in ihrem Herzen erbaut hatte. Die Auferstehung des Fleisches – ein Satz des Glaubensartikels selbst – aber war einer der Grundpfeiler, auf dem die Lehren, denen sie anhing, beruhten. Wie war dieser Lehrsatz aber zu vereinen mit diesem künstlichen Erhalten menschlicher Reste, das sie täglich und stündlich vor Augen hatte?

Sie erinnerte sich genau, daß ein junger Arzt damals mit einem Photographen nach der Anatomie gegangen war, um den Kopf der Todten, nachdem das Gesicht bis auf Unterkiefer und Zunge abgenommen war, zu photographiren. Die Theile, an denen die Krankheit ihr Zerstörungswerk vollbracht hatte, waren in der Photographie roth bezeichnet und das entsetzliche Bild war im Hörsaale den Studenten erklärt worden.

In grübelnden Gedanken verließ die Schwester das Auditorium und begab sich nach ihrer Station, um die Wache anzutreten.

Zu beiden Seiten des Saales lagen im Halbdunkel die Reihen der Betten. Die harten schmalen Lagerstätten waren weiß gedeckt. Weiß und sauber war die Kleidung der Kranken. Zwischen je zweiBetten war ein genügend großer Zwischenraum, um mehreren Personen freie Bewegung zu gestatten.

Da war kein weiches Kissen, in das die Köpfe der Schlafenden hätten einsinken können; keine Federdecke verwischte die Linien der ruhenden Körper, die sich hoch und meistens in unschönen Linien von den Matratzen abhoben, auf denen sie nur durch eine leichte wollene Decke verhüllt waren. Übrigens war das kein Nachtheil, denn es war warm im Saale; aber manche Kranke stöhnte doch und konnte keinen Schlaf finden auf diesen hygienisch correcten jedoch ungewohnt steifen Kissen.

Zwanzig Frauen und Mädchen befanden sich in dem Saale, darunter war indeß keine Schwerkranke. Die Oberschwester hatte gesagt, daß auf keinen Fall im Laufe der Nacht ein Todesfall zu erwarten sei.

Das Isolirzimmer der Station war leer.

Tröstend trat die bleiche Nonne an die verschiedenen Betten. Sie legte hier das Polster zurecht, strich dort die Tücher glatt, legte Eisbeutel auf die Stirn der Fiebernden und hielt das Trinkglas an heiße, durstige Lippen.

Im Allgemeinen hatte sie keine schweren Hilfsleistungen zu thun und ihre Vorgesetzte hatte Recht, wenn sie meinte, daß eine Wärterin hier überflüssig sei. Die Dienste der Wärterinnen mußten aus der Hauskasse besonders bezahlt werden.

Gegen zehn Uhr war es ziemlich still im Saale. Schwester Clarissa kniete vor dem Muttergottesbilde mit der kleinen Lampe in der Ecke und betete ihrevorgeschriebene Zahl ab. Die Kranken waren ruhig, zum größten Theil schliefen sie.

Plötzlich war es der wachehabenden Nonne, als höre sie das Glockensignal des Portiers. Sollte irgendwo ein Mensch verunglückt sein und wurde in der Nacht in die Klinik geschafft? Schwester Clarissa hatte das oft erlebt, sie vermuthete es auch jetzt, aber sie verließ ihren Saal nicht, um nachzusehen.

»Was nicht zu Euch kommt, kümmert Euch nicht.«

Dieser Grundsatz, der allerdings der weiblichen Neugierde schnurstracks entgegenläuft, wird den Novizen tausend und aber tausendmal eingeprägt. Bei Schwester Clarissa war er in Fleisch und Blut übergegangen, sie blieb ruhig bei ihrer Andachtsübung, trotzdem sie deutlich hörte, daß Schritte und Männerstimmen auf den Gängen der Station hörbar wurden. Dazwischen klang zuweilen ein einzelner, schriller, wie thierischer Laut.

Einige Kranke richteten sich auf. »Bleiben Sie ruhig liegen, es wird ein Kranker gebracht, unser Saal ist voll, wir werden auf keinen Fall gestört,« – so redete sie auf ihre Schutzbefohlenen ein.

Einige ängstigten sich bei den wilden unarticulirten Tönen, Andere wollten aus Neugierde aufstehen, aber sanft und bestimmt brachte die Schwester Alle zur Ruhe und hielt die Ordnung im Saale aufrecht.

Jetzt erschien ein Arzt in der Thür. »Schwester Clarissa, Sie bekommen jemanden in Ihr Isolirzimmer, haben Sie keine Wärterin?« fragte er.

»Nein, Herr Doktor, hier ist nichts Besonderes zu thun,« antwortete sie freundlich.

Einen Augenblick blieb die hohe, elegante Gestalt des jungen Arztes zögernd in der Thür stehen. »Das ist sehr unangenehm,« sagte er, »ich glaube, es ist kein anderes Isolirzimmer im Hause frei.«

»Auf den Frauenstationen nicht,« bemerkte ein Wärter, der sich neugierig näherte.

»Nun, dann müssen Sie eben Rath schaffen, Schwester,« entschied der Stationsarzt.

Er öffnete die Thür zum Isolirzimmer, und die Nonne eilte noch einmal in den Saal zurück. Sie trat an das Bett einer gutmüthig aussehenden Frau in mittleren Jahren, die Reconvalescentin war. »Wenn hier etwas nöthig ist, so klingeln Sie bitte, Frau Schulz,« flüsterte sie, »ich habe hier nebenan zu thun.«

Die Frau nickte verständnißvoll, und Schwester Clarissa huschte hinaus.

Als sie das kleine überaus einfache Zimmer neben dem großen Saale betrat, sah sie dort eine Bahre stehen, auf der eine weibliche Gestalt in dunklen Umrissen zu erkennen war. Die beiden Träger entfernten sich, und der Schutzmann, der den Transport geleitet hatte, blieb allein mit dem Arzte, dem Wärter und der Schwester zurück.

»Sie können mir also in keiner Weise Aufklärung darüber geben, wer die Person ist?« fragte Dr. Schlüter den Beamten.

»Herr Doktor, ich habe sie in einer Scheune gefunden,ganz verkommen, ohne Bewußtsein, ohne Nahrung, niemand war bei ihr. Von der Polizeiwache aus hat man mich mit ihr hierher geschickt. Der Besitzer der Scheune wird ja wohl irgend eine Auskunft geben können, es ist von der Polizei aus schon nach ihm geschickt.«

»Wenn wir die Kranke aufnehmen sollen, muß ich doch wissen, wer für sie bezahlt,« entgegnete der Arzt. »Alle Freistellen sind durch städtische Arme besetzt und ohne meinen Chef zu fragen, darf ich niemanden aufnehmen, dessen Papiere fehlen.«

»Schicken Sie nach dem Armenvorstand. Herr Doktor, die Polizei kann doch keinen todtkranken Menschen auf der Straße verhungern lassen.«

Doktor Schlüter sah das ein. »Für diese Nacht will ich sie behalten,« erklärte er zögernd, »das Weitere muß sich morgen früh finden.«

»Zu Befehlen, Herr Doktor,« antwortete der Schutzmann, machte kehrt und verließ mit dröhnenden Schritten das stille Haus der Leiden und Schmerzen.

Schwester Clarissa hatte wiederholt versucht, sich der leblosen Gestalt zu nähern, aber ein fürchterlicher Geruch, wie von einer verwesenden Leiche hatte sie stets wieder von der Bahre verscheucht. Trotzdem bewiesen die entsetzlichen Töne, die zuweilen aus dem weit offenen Munde der Bewußtlosen drangen, daß noch Leben in dieser schwarzen, formlosen Masse war.

Mit einem Ausrufe des Ekels fuhr der Arzt zurück, als er sich niederbeugte, um zu sehen, was für eine Verletzung oder Krankheit hier eigentlich vorliege.

»Ich kann sie erst untersuchen, wenn sie gebadet ist,« sagte er. »Jahn, Sie müssen der Schwester helfen. Hier kommt es nicht darauf an, ob ein Mann oder eine Frau anfaßt; wenn Sie nicht fertig werden, holen Sie noch einen Wärter.«

Ohne sich weiter zu wundern, hing sich der Wärter den Traggurt der Bahre über die Schultern; Schwester Clarissa faßte am anderen Ende an, und der Arzt folgte den Beiden nach der Badestube.

Während die Schwester die Wasserleitung aufdrehte, versuchte Jahn die klebrigen Lumpen von dem menschlichen Körper zu entfernen, der da vor ihm lag.

Bei der völligen Unbeweglichkeit der Glieder ergriff er eine Scheere und schnitt das Zeug streifenweise vom Leibe der Bewußtlosen.

Die Nonne hatte inzwischen das Bad zurechtgemacht und wandte sich dem Wärter zu, um ihm behülflich zu sein. Sie war seit zwei Jahren in der Klinik und hatte schon manchen blutigen und manchen widerwärtigen Anblick ertragen; aber als sie sich jetzt mit der Scheere in der Hand über den stinkenden Körper dieses Weibes beugte, stieß sie einen leisen Schrei aus und sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl nieder.

Wie eine dunkle Flüssigkeit rieselte es aus den Kleidern heraus, an der Bahre herab auf die Steine des Bodens. Aber nicht Blut und Schlamm, sondern jaucheartiger Schmutz und Haufen von Ungeziefer bedeckten diese Gestalt und diese Kleider. – DoktorSchlüter erkannte, daß die Aufgabe dieses Bades über weibliche Kräfte ging und rücksichtslos schellte er nach dem Oberwärter der nächsten Männerstation. Als dieser erschien, zog er sich selbst zurück, denn die Luft in dem kleinen, heißen Raume fing an unerträglich zu werden.

Die beiden Männer rissen die Reste der Lumpen herunter, legten den kaum noch erkennbaren Frauenkörper ins Wasser, bearbeiteten ihn mit Seife, Karbol und Bürsten und die Schwester sammelte die schmutzigen Zeugstücke in einen Sack, der später im Kesselhause verbrannt wurde. Dann reinigte und desinfizirte sie den Raum, schnitt die Haare der Gebadeten dicht an der Kopfhaut ab, und die beiden Wärter erneuerten mehrmals das Wasser in der Badewanne, ehe sie die jetzt furchtbar schreiende und tobende Person abrieben und auf der Bahre festbanden.

Der Oberwärter wendete sich mitleidig an die barmherzige Jungfrau: »Was, fromme Schwester, das haben Sie sich nicht gedacht, als Sie ins Kloster gingen, daß Ihnen mal so etwas – solche – erlauben Sie gütigst – Schweinerei unter die Finger kommen würde?«

Schwester Clarissa neigte das Gesichtchen tief über die Bahre. »Je schwerer die Arbeit ist, um so größer ist die Abtödtung des irdischen Menschen und seiner sündigen natürlichen Empfindungen,« antwortete sie. »In unserem Brevier steht: Du sollst wie eine Leiche werden.«

»Meine Tochter möchte auch ins Kloster, aberwenn sie nach einem solchen Brevier dort leben müssen, dann werde ich mir doch erst noch einmal überlegen, ob ich's erlaube,« brummte der Mann. Dann faßte er mit Jahn die Bahre an, und der traurige Zug bewegte sich langsam zurück nach der dritten Frauenstation.

Dr. Schlüter wurde nun wieder geholt und die beiden Wärter entfernten sich, als sie sahen, daß die Unglückliche sich auf dem warmen, trockenen Lager einigermaßen ruhig zu verhalten schien.

»Da scheint uns ja die Polizei ein nettes Subject hergeschickt zu haben,« bemerkte er im Eintreten, »Sie haben mir wirklich leid gethan, Schwester Clarissa.«

Die Kranke brüllte auf wie ein Thier.

»Um Gotteswillen,« rief der Arzt nervös, »die ganze Station kommt ja in Aufruhr, machen Sie so schnell wie möglich eine Morphiumeinspritzung.«

Die Schwester holte das kleine Etui aus der Tasche, füllte die Spritze an einem Wandschranke und kniete am Bette nieder, um an dem abgezehrten, bräunlichen Körper eine geeignete Stelle zu suchen, wo sie den Stich machen konnte.

Der junge Mann ließ dabei unwillkürlich sein Auge auf ihrem edlen, durchgeistigten Antlitze ruhen.

Die Nonne war höchstens zwei oder dreiundzwanzig Jahr alt; seit zwei Jahren war sie hier, ein Jahr war sie als Lehrschwester im Mutterhause gewesen, und drei Jahre hatte sie, wie jede Andere, im Noviziate zubringen müssen. Sie hatte also mit sechszehn oder siebenzehn Jahren schon die Welt verlassen.

Dr. Schlüter hatte sehr freie religiöse Ansichten und glaubte eigentlich auch nicht an vollkommene Frauentugend. Seit zwei Jahren aber sah er dieses wunderschöne Mädchen in seinem frommen, aufopfernden Wirken, in seinem stillen Entsagen.

Er war ein sehr hübscher Mann und in der Gesellschaft, sowie bei seinen Patientinnen fand er zuweilen ein Entgegenkommen, das durchaus geeignet war, seine wenig idealen Anschauungen von der Frauenwelt zu bestätigen.

Wie sonderbar war es doch, daß dieses junge Mädchen ihn noch nie anders angesehen hatte, als mit dem ruhigen Blick einer Gehülfin, die genau aufpaßte, wenn er sprach, um seine Anordnung gewissenhaft ausführen zu können. Sollte es denn möglich sein, daß ein Weib wunschlos aufwuchs und ohne Anfechtung durch's Leben gehen konnte, um wunschlos zu bleiben und wie eine Heilige zu sterben?

Er verglich das süße, fromme Gesicht mit den verzerrten Zügen des verkommenen Weibes, dem sie in liebevoller Selbstverleugnung diente. War es möglich, daß diese beiden Frauen einer Welt, einer Kultur, einem Vaterlande angehörten? Er sann und sann, er begriff den Abgrund, in den das verlorene, sterbende Geschöpf versunken war; aber er begriff die Höhe nicht, auf die der Engelsfittich des Glaubens das reine Mädchen gehoben hatte, hoch, hoch empor über alle anderen Frauen, die er kannte und vor denen sie doch bescheiden zurücktrat.

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Daswäre doch der größte Geniestreich meines Lebens, wenn ich mich in eine schöne Nonne verlieben würde, wie der selige Luther,« sagte er zu sich selbst.

Das Morphium hatte inzwischen seine Wirkung gethan, und Schwester Clarissa fragte, ob sie etwas zur Untersuchung holen solle.

»Nein, nein, ich danke, ich habe Alles bei mir,« sagte er hastig und setzte sein Hörrohr auf die Brust der Kranken.

Die Untersuchung dauerte ziemlich lange, es herrschte Todtenstille in dem kleinen Zimmer. Doctor Schlüter trat vom Bett zurück und sah sehr nachdenklich und ernst aus.

»Schwester,« sagte er, »es wäre ja eine Schmach für die Armenpflege und schließlich sogar für die Polizei, aber ich glaube, wir haben hier den Hungertod vor uns.«

»Sie lebt ja noch, wenn es das ist, wird sie zu retten sein,« entgegnete die Schwester sanft.

»Kaum,« antwortete er. »Sie ist am Typhus erkrankt, hat sich vielleicht selbst in jene Scheune geschleppt, wo man sie gefunden hat, und hat dort ganz allein bewußtlos und ohne jede Pflege gelegen. Bewegen konnte sie sich nicht, niemand sah nach ihr und so ist sie am Ende verhungert. Es mögen neun oder zehn Tage her sein, seit der Magen zum letzten Male Nahrung erhalten hat, die Krankheit hat das Uebrige gethan, und wir haben hier nun das letzte Stadium des Hungertyphus. Versuchen Sie immerhin, ihr etwas Rothwein oder Milch zu geben.« –

Die Schwester war nicht entsetzt, lange nicht so erschüttert wie der Arzt. Ein Menschenleben – was war das denn in der Fülle der Ewigkeit? Aber eine Menschenseele – sicher hatte die Unglückliche die Tröstungen der Religion noch nicht empfangen. Sie war im Begriffe, die letzte Reise anzutreten, ohne die Wegzehrung, die die Kirche dafür spenden kann, empfangen zu haben.

»Wird sie noch einmal zu sich kommen?«

Er sah überrascht auf bei der ängstlichen Frage, dann lächelte er. – »Ach so, ich verstehe, sie soll wohl noch communiciren? Nein, Schwester Clarissa, dazu ist es zu spät. Das Bewußtsein wird wahrscheinlich nicht zurückkehren, weil der körperliche Widerstand gegen das Bad die letzten Kräfte verzehrt hat. Wenn Sie noch etwas für sie thun wollen, so geben sie ihr noch einmal Morphium, wenn die letzten Schmerzen kommen. Gute Nacht, Schwester, ich schicke Ihnen so bald wie möglich eine Ablösung.«

Er wollte gehen, an der Thür kehrte er noch einmal um und trat an das Bett. Er schlug die Decke zurück und fuhr leicht mit der Hand über den erhöhten und gekrümmten Rücken des scelettartig abgezehrten Körpers.

»Eine interessante Verbildung,« sagte er mehr zu sich selbst, als zu der Pflegerin, »eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates und dabei eine Verkümmerung des Brustkorbes, die eine höchst anormale Lage aller inneren Theile bedingt. – Wissen Sie, Schwester, diese Verwachsung ist schuld,daß sie so unheimlich fremdartig aussah, als sie auf der Trage gebracht wurde. – Na, gute Nacht, hoffentlich brauchen Sie mich nicht mehr.«

Er ging jetzt wirklich, und die Schwester kniete nieder mit dem Rosenkranze in beiden Händen. Sie küßte das Kreuz und fing dann an, den theilweise sinnlosen Text eines alten Sterbeliedes zu beten: »O Du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes – – – – – – – – – – – –«

Sie betete so lange wie die Leidende ruhig blieb. Bei dem ersten wilden Schrei, der aus dem noch immer offenen Munde drang, erhob sie sich und führte die Schlundsonde ein.

Zuerst versuchte sie etwas Milch zu geben, aber der erschöpfte Magen nahm sie nicht mehr an. Die Pflegerin vermischte nun Rothwein mit einigen Tropfen Morphium und flößte das ein.

Der Versuch erwies sich als unausführbar, die Rettung kam wirklich zu spät, die Auflösung hatte augenscheinlich schon begonnen. Angstvoll betrachtete die junge Schwester das gelbe, häßliche, von schwarzen Flecken entstellte Gesicht. Sie wartete auf ein letztes Wiederaufdämmern des Bewußtseins.

Vergebens – geheimnißvoll und grausig trat der Tod ein und erfüllte mit seiner Nähe das enge Gemach.

Sie fühlte die Gewalt der unsichtbaren Macht, die dieses verlorene Leben an sich riß und erwürgte, aber sie war hülflos dem Dämon gegenüber, densie so gerne verscheucht hätte bis der Tag kam, bis ein Priester geholt werden konnte, der nach dem Glauben der Nonne im Stande war, die Engel der Verdammniß zu verscheuchen, die ihre Krallen ausstreckten, um diese Seele zu sich hinabzuziehen in das ewige Nichts.

Sie hatte schon an manchem Sterbebette gebetet, und sie kannte den Tod. Oft war ihr gewesen, als wären drei Personen im Zimmer, sie und der Sterbende und eine milde, himmlische Lichtgestalt, die einen müden Erdenpilger mit sanfter Hand hinüberführte in die ewige Heimath. Wie einen trauten Freund hatte sie ihn oft willkommen geheißen den Verklärer und Erlöser, dessen Nähe das Ende aller Qual und den Anfang des wahren Lebens bedeutete.

Wie anders war das an diesem Sterbebette! In ihrer jungfräulichen Reinheit ahnte sie, daß sie eine Verlorene vor sich hatte. Die verfallenen Züge sprachen von einem wüsten, wilden Leben in Elend und Schuld. Diese wie Vogelklauen gekrümmten Finger hatten gewiß niemals die Gebetschnur gehalten, sich niemals gefaltet erhoben zum Altare des Herrn.

Tiefer, tiefer Unfrieden, der ganze Jammer des Lasters hatte diesen Zügen seinen Stempel aufgedrückt. Dieses Weib war sicher eine entsetzliche Megäre gewesen, vielleicht war sie nicht einmal vor den gemeinsten Verbrechen zurückgeschreckt. –

Nun kam der Tod. In finsterer Nacht der Bewußtlosigkeit nahm er sie hin, die betende Nonnefühlte seinen eisigen Hauch, der den Körper der Sterbenden umhüllte.

»O, wie furchtbar ist doch das Sterben derer, die nicht Gottes Kinder sind,« seufzte sie und sah dann zu, wie eine entsetzliche körperliche Qual die Brust der Sterbenden umklammerte. Sie wischte ihr den kalten Schweiß von der Stirn und lauschte auf ihr Stöhnen und Aechzen.

Jetzt bewegten sich die Lippen, die so starr und bläulich bisher offen gestanden hatten. »Hund, verfluchter Hund« tönte es leise und dann ein Fluch, der halb erstickt und unverständlich blieb.

Schwester Clarissa machte das Zeichen des Kreuzes über das Bett, da fuhr die Hand der Sterbenden gegen ihren Arm, das Kreuz blieb unvollendet und der Schwester war es, als ob eine finstere, unheimliche Macht diese Bewegung mit dem Gliede der Sünderin ausgeführt habe, um das Heil zu hindern, das sich mit dem Zeichen des Segens auf die Unglückliche hätte hernieder senken können.

Sie wagte nicht, den Kreuzschlag zu wiederholen, sondern griff fast mechanisch nach der Morphiumspritze in ihrer Tasche, um der Sterbenden die letzte Erleichterung zu verschaffen, die Menschenhände ihr gewähren konnten.

Dann wachte sie an diesem Sterbebette die ganze endlos lange Nacht hindurch. Sie war überzeugt, eine ahnende Erkenntniß von den ewigen Qualen der Unseligen erhalten zu haben und bat alle Heiligen und Märtyrer, ihr Jammer und Leid im Erdenlebenzu Theil werden zu lassen, damit sie, wenn ihr Ende nahte, dereinst mit dem Namen des Herrn auf den Lippen aus diesem Leben scheiden könne.

Die Verhungerte litt entsetzlich. Nie hatte die junge Schwester einen ähnlichen Todeskampf gesehen. Wild bäumte der verkrüppelte Körper der Sterbenden sich in die Höhe, die Schwester mußte förmlich mit ihr ringen, um sie nieder zu halten auf dem Lager. Schließlich legte sie ihr einen Gurt über Brust und Beine und befestigte die Schnallen unter der Bettstelle, wie bei einer Tobsüchtigen.

Nun folgte ein leises Wimmern, dann ein Stöhnen und Jammern der höchsten Angst, und doch war der ganze Kampf nur körperliche Auflösung, der Geist kehrte nicht wieder zurück in diese elende Hülle.

Als der Morgen dämmerte, änderte sich die Farbe des Gesichtes. Die große fleischige Nase wurde weiß, die Wangen überzog eine fahle Blässe, die Schatten um die Augen vertieften sich, die Lippen färbten sich schwärzlich.

Die Fittiche des Todesengels rauschten über dem Lager – ein letzter wilder Schmerzensschrei erscholl, ein Zucken fuhr durch alle Glieder .....

O du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes ...

Die Nonne betete an einem Todtenbette.

Mit linder Hand drückte sie die Lider auf die gebrochenen Augen herab, legte ein Tuch über das Gesicht der Leiche und kehrte zurück an den Altar im Saale, um vor dem Gnadenbilde ihre Gebete fortzusetzen.

Am anderen Morgen erschien ein evangelischer Oberprediger in der Klinik. Die Vorstandsdamen des Frauenvereins ließen durch ihn ihre Unterstützung anbieten. Man hatte erfahren, daß eine unbekannte Frauensperson in bewußtlosem Zustande eingeliefert war, und man erklärte sich bereit für die Unglückliche und Nothleidende einzutreten.

Dr. Schlüter hörte die großmüthige, liebenswürdige Rede des geistlichen Herrn ruhig an.

»Ich bedaure, daß Sie sich umsonst bemüht haben, Herr Oberprediger,« sagte er, »die fragliche Kranke ist bereits im Laufe der Nacht gestorben.«

»O, das bedaure ich aufrichtig. Hoffentlich wird man die Leiche recognosciren – jedenfalls, wie dem auch sein möge – die Begräbnißkosten – –«

»O, bitte Hochwürden,« unterbrach ihn der lächelnde Arzt, »von Begräbnißkosten kann gar keine Rede sein, wir besorgen das schon von der Anatomie aus.«

»Wirklich? Das ist ja sehr menschenfreundlich, dann habe ich hier wohl nichts mehr zu thun und werde meinen Damen Bericht erstatten.«

Die Herren reichten sich in verbindlichster Weise die Hände, und der Herr Pastor empfahl sich in der festen Ueberzeugung, daß Alles vortrefflich erledigt sei.

Bald nach ihm erschien bei dem Stationsarzte wieder ein fremder wohlthätiger Herr.

Die Armenverwaltung war von der Polizei benachrichtigt, was für ein seltener und überaus trauriger Fall sich der Wirksamkeit dieser hochgeschätzten, wohllöblichen Behörde entzogen habe. Die Armenverwaltungwar bereit, die Verpflegungskosten für die Unbekannte zu tragen. Man erwartete natürlich eine angemessene Preisermäßigung.

Wieder hörte der Arzt mit lächelnder, verbindlicher Miene und Haltung die wohlgesetzte Rede des Herrn Stadtrathes mit an. »In der That, Herr Stadtrath, es ist im höchsten Maaße zu bedauern,« erwiderte er, »die Armenverwaltung bekümmert sich doch sonst um Schwerkranke, ihrem scharfen Auge entgeht selten ein Fall von wirklicher Noth. Der lag hier vor.«

»Gewiß, gewiß, verehrter Herr Doctor, ich habe das bereits erfahren, es soll sofort etwas geschehen – –«

»Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Stadtrath, die Hilfe der Armenverwaltung kommt zu spät, die unbekannte Arme ist bereits im Laufe der Nacht verstorben.«

»Unglaublich! An welcher Krankheit denn?«

»Am Typhus – wenigstens war das die Krankheit, die hier vorlag. Gestorben ist die Person eigentlich daran nicht direct.«

Typhus! Der Herr Armenpfleger gerieth ganz außer sich über die bodenlose Unwissenheit des Landstreichervolkes, das in dieser Krankheit wahrscheinlich nur ein ganz unbedenkliches Unwohlsein gesehen hatte, das irgend welcher Pflege nicht bedurfte.

»Denken Sie sich, Herr Doctor,« erklärte der würdige Herr mit großem Eifer, »diese Scheune gehört einem Ackerbürger, der sich in höchst reducirten Verhältnissen befindet. Das Bauwerk ist vollständig unbenutzbar und baufällig, aber der Besitzer scheutdie Reparaturkosten und hat die Baracke auch gar nicht gebraucht, da er seine Ernte auf dem Halme verkauft hat. Um wenigstens einen minimalen Nutzen zu erzielen, vermiethet er das einsam gelegene Obdach zuweilen an fahrendes Volk. Eine solche Bande, die kürzlich dort hauste, muß die hilflose Schwerkranke zurückgelassen haben.«

»Man weiß keine Namen?«

»Natürlich nicht, dieses Volk bezahlt einen Unterschlupf um so besser, je weniger man es daselbst controllirt. Kommen und gehen ohne Anmeldung und Abmeldung, das lieben diese Leute, ihre Lasten dagegen, Krankenpflege, Steuerzahlen und was dergleichen mehr ist, die wissen sie von sich abzuschieben.«

»Ein trostloses Leben,« bemerkte der jüngere Mann.

»Lustig genug für diese Sorte,« entgegnete der Andere ärgerlich.

»Uebrigens ist es eine wahre Ehrenrettung für die Behörden, die diesen Fall bedauerlicher Weise übersehen haben, daß die Person wenigstens nicht verhungert ist. Man fand Reste von Brod und Kartoffeln, die man ihr wohl in dem Glauben hingelegt hatte, sie würde sich erholen und sobald als möglich der Gesellschaft nachkommen!«

»Das ist anzunehmen, Herr Stadtrath.«

»Gewiß. Uebrigens würde ja gradezu fahrlässige Tödtung vorliegen, wenn einer der Angehörigen gewußt hätte, daß die Person durch die Vernachlässigung, der sie unterlag, dem Tode überliefert wurde. Aber so ist dieses Volk, die Angst vor der Polizei istso groß, daß sie lieber sterben und verderben, als sich an eine Behörde wenden, die bei aller Strenge gegen ihre Vergehen, sie in ihrer letzten leiblichen Noth doch nicht im Stiche lassen würde.«

»Ja, es ist zu beklagen, daß das tiefste Elend oft so lichtscheu ist, daß man es überhaupt nicht sieht,« entgegnete der Arzt.

»Glauben Sie mir, Herr Doctor,« versicherte der alte Herr, der sich über das Verständniß freute, das er hier fand, »das Amt eines Armenvaters ist dornenvoll und verantwortungsreich. Es giebt Fälle von Elend, denen man beim besten Willen kaum beizukommen vermag, o Sie glauben gar nicht, was uns da manchmal vor Augen gebracht wird – es ist zuweilen gradezu himmelschreiend.«

»Es giebt, wie ich hier auf meinem Posten als Polikliniker ebenfalls erfahre, Fälle von Menschenleid und Noth, von tiefster Verzweiflung und Verkommenheit, die sich jeder öffentlichen Kenntniß entziehen, aber wer zu lesen versteht, findet die Geschichte solcher Fälle oft zwischen den Zeilen des kürzesten, trockensten Polizeiberichtes.« –

»Sie meinen? O – hm indessen, die Heimathgemeinde wird ja wohl aufzufinden sein, indeß vorläufig – die Begräbnißkosten – –«

»O bitte, Herr Stadtrath,« unterbrach Dr. Schlüter lächelnd, »damit wird die städtische Armenkasse in keiner Weise belästigt werden, das besorgt die Universität.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine die Anatomie.«

»Ah so, ich verstehe, meinen verbindlichsten Dank.«

Sehr befriedigt über die Wendung, die diese fatale Sache für den Säckel einer hochlöblichen städtischen Armenverwaltung genommen hatte, entfernte sich der Herr Stadtrath. Dr. Schlüter begleitete ihn zur Thür und sah dann nach der Uhr. Die beiden Besuche hatten ihn länger aufgehalten, als er gedacht hatte. Um zehn Uhr war die Section angesagt, und er hatte kaum noch Zeit, sich dazu umzukleiden.

Der Chef der Klinik hielt vor einem großen Kreise junger Mediciner einen Vortrag an der Leiche. Wegen der Mißbildung des Rückens lag der nackte Körper auf der Seite. Der Secirtisch war blank gescheuert und kalt. Die Leiche sah bei dem elektrischen Lichte, das grell auf sie fiel, schauerlich grün aus, mit grauschwarzen Todtenflecken am ganzen Leibe. Der geschorene Kopf mit dem unedlen Profil und dem offenen Munde machte einen fratzenhaften Eindruck.

Blitzend und eisig fuhr das Instrument des Professors in den Körper hinein und machte den ersten Schnitt. Die weitere anatomische Arbeit besorgten die Assistenten und Diener, aber der Professor erklärte, zeigte, sprach und lehrte. Der Vortrag war äußerst geistvoll, der Gegenstand hochinteressant.

Die Universitätskasse ruinirte sich nicht bei den Begräbnißkosten dieser Todten, die inneren Organe, die alle mißgestaltet und ungewöhnlich waren, kamen fast ausnahmslos in Spiritus. Die Knochen des ganzen Körpers einschließlich des Kopfes wurden vomFleische befreit, präparirt, gekocht, mit Chlor abgerieben, mit Draht verbunden, und es entstand aus ihnen das schönste anormale Scelett, was je eine medicinische Hochschule besessen hatte.

Der Diener der Anatomie trug am späten Abend eine festzugeschraubte Kiste mit menschlichen Resten zum Todtengräber.

Früh, ehe der Kirchhof belebt wurde, grub man dort ein Loch und schüttete es zu. Die Winde des Himmels aber trugen Samen darauf von Kräutern und Gras. Es wächst überall eigenthümlich üppiges Gras in den vergessensten Winkeln der Kirchhöfe.

Die Polizei stellte unermüdliche Nachforschungen an nach jenen Vagabunden, die ein sterbendes Weib hülflos und allein in einer baufälligen Scheune verlassen hatten.

Die Schuldigen wurden ermittelt und wegen fahrlässiger Tödtung verhört, man konnte ihnen aber nichts nachweisen und ließ sie laufen.

In der Klinik erschien ein Polizei-Commissar, um in den Papieren der Anstalt nachträglich den Namen jener Todten einzutragen, die hier geendet hatte, ohne daß man wußte, wer sie war. Sie hieß Karoline Schwarz; der Beamte theilte es dem Stationsarzte mit, der gleichgültig die Achseln zuckte.

»Ich kann sie Ihnen übrigens zeigen,« sagte Dr. Schlüter und führte den Herrn in den Hörsaal vor ein prachtvoll aufgebautes weibliches Gerippe. Man sah die Fehler, die die Natur bei der Bildungdieser Knochen gemacht hatte, und das erschien den Herren außerordentlich interessant.

Für Schwester Clarissa war die Aufstellung dieses Präparates »eine Anfechtung« – wie der kirchliche Ausdruck dafür lautet.

Sie war nicht im Stande, daran vorüberzugehen wie an den anderen anatomischen Gegenständen ihrer Umgebung. Sie konnte diese grau-gelben Knochen nicht sehen, ohne an den grausigen Todeskampf zu denken, den sie mit angesehen hatte. Unaufhörlich stellte sie sich vor, wie die Seele, nachdem sie den Körper verlassen hatte, hindurchgeglitten sei durch das kalte, schaurige, endlose Nichts des Jenseits, um vergebens den Herrn zu suchen und seine Gnade.

Sie glaubte zu ahnen oder beinah zu wissen, wie dann die Teufel die Seele ergriffen hätten und in den ewigen Pfuhl des Fegefeuers geworfen. Und sie, in der heiligen Armuth, die sie gelobt hatte, besaß nicht die Mittel, um Seelen-Messen zu ihrer Erlösung lesen zu lassen.

Der dogmatische Glaube, der bis dahin Halt und Stütze der Jungfrau bei ihrem schweren Berufe gewesen war, bereitete ihr jetzt zum ersten Mal auch Schmerzen.

Hätte sie dem Dr. Schlüter die Unruhe anvertraut, die sie innerlich verzehrte, so würde er wahrscheinlich gesagt haben, sie sei durch Ueberanstrengung in einen krankhaft nervösen Zustand gekommen. Er würde ihr Diensterleichterung und Mittel für Nervenleidengegeben und sie vielleicht noch von ganzem Herzen bedauert haben.

Die Nonne aber vertraute ihr Leid nicht dem Arzte, sondern dem Beichtvater. Der Priester hatte nicht die Einsicht, sie seinerseits an einen Arzt zu weisen, sondern sagte ihr, die ohnehin von drei Nächten nur zwei schlief – sie möge ihren Leib kasteien und von den Stunden, die ihr zum Schlafe gewährt seien, noch eine in jeder Nacht der Fürbitte widmen.

So betete und wachte das zarte junge Mädchen und hoffte, eine Verdammte damit zu erlösen. Der Kaplan aber hatte das Richtige getroffen, um ihr die Ruhe zurückzugeben. Er kannte ganz genau den Glaubenszwang, der auf die Seelen der Novizen ausgeübt wird.

»Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie werden Gott schauen.« Nach diesem Grundsatze behandelte er seine Beichtkinder, sofern sie Ordensleute waren.

Schwester Clarissa glaubte, daß sie ein Werk zur Seligkeit thue und fühlte sich glücklich dabei. Körperlich aber überstieg die Sache ganz entschieden ihre Kräfte.

Ihr zartes Gesicht nahm eine durchsichtige Blässe an, die Hände kamen wachsweiß aus den schwarzen Aermeln hervor, und die großen grauen Augen leuchteten mit verklärten Blicken unter dem dunklen Nonnenschleier, der über der weißen Stirnbinde lag.

Dr. Schlüter sah die Veränderung, die mit ihr vorging. Er versuchte ihr Vertrauen zu erlangen, aber das war ganz vergeblich.

All seinen theilnehmenden ärztlichen Fragen nach ihrem Befinden wich sie scheu und verlegen aus. Er brachte nichts aus ihr heraus und wendete sich deshalb an die Schwester Domina.

Sofort befahl die Oberin, daß Schwester Clarissa wegen nervöser Folgen von Ueberanstrengung auf einen Monat von allen Nachtwachen zu dispensiren sei. Außerdem wurde ihr erlaubt, jeden Nachmittag eine Stunde im Garten der Anstalt zuzubringen.

Diese Maßregeln waren der jungen Schwester außerordentlich unangenehm, indessen die Gefühle der Ordensleute werden so eingezwängt und eingeschraubt durch die seelische Bevormundung, die ihnen zu jeder Zeit zu Theil wird, daß eine Nonne ein für alle Mal jede Aeußerung ihrer Gefühle unterdrückt und sich schweigend fügt.

Es war grade Hochsommer, und der Aufenthalt in der freien Luft schien wirklich eine Spur von rosiger Farbe auf das weiße Gesichtchen in der düsteren Umrahmung zu zaubern. Dr. Schlüter sah sie mit Befriedigung auf einer Bank sitzen unter einer blühenden Linde. Die schmalen weißen Hände hielten ein Buch. Unter den gesenkten Wimpern tropften schwere Thränen hervor und fielen auf die Blätter.

Der Arzt sah das reizende Geschöpf von seinem Zimmer aus. Er bemerkte, daß sie weinte und ging hinaus in den Garten, um sich ungenirt neben sie auf die Bank zu setzen.

»Warum weinen Sie, Schwester,« fragte er freundlich. »Sie sind doch todt für die Welt. Wieist es möglich, daß ein irdischer Kummer den Frieden stören kann, den Sie gefunden haben?«

»Ich habe einen Zweifel.« – Zögernd, gepreßt rang sich das Geständniß von ihren bebenden Lippen. Der Zweifel mußte sie wohl sehr beunruhigen, daß sie sich entschloß, ihn vor einem Kinde der Welt laut werden zu lassen.

»Sie – einen Zweifel?« Er war mehr als erstaunt. »Natürlich meinen Sie einen religiösen Zweifel, nicht wahr?«

»Nicht ganz,« antwortete sie ängstlich, »es ist eigentlich ein historischer Zweifel.«

»Wie – was?«

Sie erklärte ihm schnell, was sie meinte. »Sehen Sie, ich lese das Leben der h. Agathe. Das Buch ist mit hoher erzbischöflicher Genehmigung herausgegeben und besonders für Ordensfrauen zum Lesen bestimmt. Sie wissen ja, wie die Heilige verstümmelt wurde, weil sie dem Kaiser Diocletian nicht als Heidin anhängen wollte.

Nach ihrer Marterung verließ sie der Kaiser, und sie blieb sterbend in den Armen der ihren zurück. Da – da schritt über den Markt die Jungfrau Maria.« ....

»Nun und was weiter?«

»Herr Doctor, die Jungfrau Maria war schon lange todt, als der Kaiser Diocletian lebte.«

Der Arzt freute sich über die Entdeckung, daß die einzige Schwester, die ihm interessant war, aus gebildeten Kreisen zu stammen schien.

Er lächelte. »Aber Schwester Clarissa, da würde ja die Weltgeschichte aufhören.«

»Bitte, lesen Sie.«

Sie reichte ihm das Buch, und der freigeistige junge Gelehrte las nun die Stelle.

Er gab das Buch zurück. »Beruhigen Sie sich, liebe Schwester,« sagte er, »eine solche Erscheinung nach hundert Jahren macht der heiligen Jungfrau weiter keine Schwierigkeiten. Sie ist ja seitdem öfter erschienen, nach Bedarf wird sie auch noch ferner erscheinen.«

»Also Sie erklären das durch eine Erscheinung?« fragte sie glücklich. Er wunderte sich, daß sie die Ironie seines Tones nicht bemerkte.

»Ja, ich denke, daß es hier so gemeint ist. Die Mutter Gottes ist ja im Fleische auferstanden. Das heißt, Sie glauben doch an die Auferstehung des Fleisches?«

»Ja.«

Sie sagte es so feierlich, so bestimmt; aus ihren tiefen Augen leuchtete das Feuer einer so wahren Askese, daß er plötzlich begann, sich unsicher ihr gegenüber zu fühlen. Es war ja recht gut, daß sie mit seiner Erklärung des Gegenstandes, der sie so unglücklich gemacht hatte, zufrieden gewesen war.

Er wollte den günstigen Eindruck nicht wieder verwischen und versuchte es lieber zu ermitteln wie weit dieser grüblerische, fanatisch beeinflußte Geist eigentlich mit wirklicher Bildung ausgestattet sei.

Ganz ohne Uebergang fragte er sie plötzlich, ob sie jemals den Faust gelesen habe.

Sie sah ihn verwundert an. »O ja, in der Welt, ehe ich ins Noviziat eintrat.«

»Wie alt waren Sie bei Ihrem Eintritte?«

»Achtzehn Jahr.«

»Was haben Sie seitdem gelesen?«

»Nur religiöse Bücher, alles Andere ist uns verboten.«

»Und genügt Ihnen das ein für alle Mal?«

»Es muß mir genügen.«

Diese energische Zucht, die die Kirche an dem Geist derer übt, die sich ihr ganz widmen, imponirte ihm.

Er fragte sie nach diesem und jenem und kam zu dem Ergebniß, daß sie eine tüchtige Schulbildung genossen habe, wie sie nur Töchter der höheren Stände erhalten. Bei seinen Fragen nach ihren früheren Verhältnissen schwieg sie.

Einmal lächelte sie auch und sagte: »O ja, damals, als ich noch lebte; aber sehen Sie, ich bin doch nun todt für die Welt.«

Er sah ihre lieblichen Lippen und ihre kleinen weißen Zähne an, wie sie das so lächelnd sagte, und der Sinn ihrer Worte blieb ihm in diesem Augenblicke fremd. Er sah darin eine etwas überspannte, mädchenhafte Auffassung des klösterlichen Berufes, nicht eine Bestätigung des furchtbaren Befehls, den die Kirche ihren Jüngern zuruft: Du sollst wie eine Leiche werden.

Die Schulbildung war da, aber dann war nichts hinzugekommen, als einseitiges medicinisches Wissen,kirchliche Schulung aller Empfindungen und eine gewisse trostlose Lebenserfahrung, deren einzigen Mittelpunkt das Krankenbett bildete. Keine gesellschaftlichen Formen, keine Fähigkeit zum Plaudern und Scherzen.

Und dabei war dieses Mädchen so wunderbar schön! Noch niemals hatte er um eines reizenden Gesichtes willen geistig eine solche Forschungsreise nach Herz und Bildung unternommen wie hier, bei diesem frommen, tüchtigen, klugen Mädchen.

Er bedauerte in seinem Herzen, daß sie Nonne war, nicht weil sie ihn persönlich so sehr interessirte, sondern weil es ihm leid that, daß diesem Geiste ein für alle Mal die Flügel gebunden waren.

Und so wie diese Eine, denken tausende von Mädchen, die den Schleier tragen. Sie dienen der Allgemeinheit still und entsagend. Niemand achtet auf sie, niemand beschäftigt sich mit ihnen. Die Psychologie in der modernen Kunst dringt bis in die tiefste Herzenstiefe der Weltkinder ein, die Kinder der Kirche aber übersieht sie.

»Weltdamen, Schauspielerinnen, Bauernmädchen, Kellnerinnen, ja sogar Dirnen werden beachtet, ans Licht gezogen und interessant gemacht durch das Interesse, das Kunst und Wissenschaft an ihnen nehmen. Ihr Aeußeres wie ihr Seelenleben wird geschildert, wird studirt und wird schließlich rückwirkend durch diese Beachtung, die es findet, beeinflußt. – Wer beachtet, wer schildert das Seelenleben moderner Nonnen?«

Der junge Kliniker machte hier einen schwachen Versuch dazu. Er konnte sich der Ueberzeugung nichtverschließen, daß auch die frommen Schwestern äußerlich mit der Zeit fortschreiten. Sie besitzen, wie er täglich sah, eine große chirurgische Geschicklichkeit und so viel medicinische und sogar anatomische Kenntnisse, daß sie die besten und beliebtesten Gehilfinnen der Aerzte bei der Ausübung ihres Berufes bilden. Aber dennoch war Dr. Schlüter der Ansicht, daß der größte Theil der Schwestern im Denken und Fühlen, im Glauben und Beten zurückgeblieben sei im tiefsten, dunkelsten Mittelalter.

Es würde ihn lebhaft interessirt haben, das Leben der h. Agathe oder auch das der h. Elisabeth einmal durchlesen zu können. Er wußte, daß Schwester Clarissa diese Bücher zuweilen den Kranken, die ihres Glaubens waren, zu lesen gab. Er sah prüfend auf das Gesicht der neben ihm Sitzenden, ehe er es wagte, um diese Bücher zu bitten.

Auf den reinen lieblichen Zügen lag aber nichts, als der Ausdruck himmlischen Friedens. Sie schien mit ihren Gedanken so fern von ihm, so fern von allen irdischen Dingen zu weilen, daß er es nicht wagte, noch einmal wieder ein Gespräch mit ihr anzufangen. Wie unschuldig rein war es doch, daß sie so ruhig neben ihm sitzen blieb und nicht den geringsten Anstoß daran nahm, daß er sie aufgesucht hatte.

Er verabschiedete sich freundlich und kehrte in sein Zimmer zurück, ohne die Bücher, die ihn interessirten, erbeten zu haben. –

Im Laufe der Nacht starb in der Anstalt ein neugeborenesKind. Es hatte nur wenige Stunden gelebt, und die Mutter wurde, schwer krank an einem typhösen Fieber, aus dem Saale der Wöchnerinnen entfernt und in das Isolirzimmer der dritten Station gebracht.

Schwester Clarissa pflegte die Kranke mit aufopfernder Pflichttreue, aber ohne persönliches Interesse. Wäre das unglückliche Mädchen unter ihren Händen gestorben, so würde sie ruhig für die rechtzeitige Ertheilung der Sacramente gesorgt haben, hätte für ihre Person die vorgeschriebenen Gebete gesprochen und im Uebrigen nicht weiter an den Fall gedacht.

Die Unglückliche starb aber nicht. Die pflegende Schwester sah, wie leise, von Schwäche fast überwältigt, daß Leben und die Besinnung zurückkehrte.

Dr. Schlüter blickte freundlich auf die Kranke herab, wie sie sich aufrichtete und ihn bat, ein paar Minuten bei ihr zu bleiben.

»Gerne Barbara« – er vermied es, sie Fräulein zu nennen – »warum sollte ich wohl jetzt nicht einige Minuten Zeit für Sie haben? Wissen Sie nicht, daß Sie mich schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?«

»Herr Doctor,« stotterte das Mädchen in tiefster Verlegenheit, und über die eingesunkenen Wangen huschte ein Schein von Erröthen. »Herr Doctor waren Sie – Sie auch dabei?«

»Sie meinen bei Ihrer Entbindung, Barbara?«

Sie nickte und sah mit tief unglücklichem Ausdrucke auf ihre mageren Hände herab.

»Nun, mein Gott, was ist denn dabei, ich habe das schon oft erlebt, deshalb brauchen Sie sich nicht zu geniren.«

Sie sah angstvoll zu ihm auf. »Lebte das Kind?« hauchte sie.

»Ja, es lebte, aber es war noch nicht lebensfähig, es ist nach einigen Stunden gestorben. Machen Sie sich keinen Kummer, das Unglück wäre größer, wenn Sie das Kind jetzt hätten.«

»Für dieses Leben ja,« erwiderte die Kranke, »aber Schwester Clarissa sagt, das Unglück in diesem Leben wäre ein Zeichen von der Liebe des Herrn.«

»Ach, das haben Sie falsch verstanden,« versuchte er zu trösten, »die Schwester hat gemeint, Sie möchten dem Kinde weiter nicht nachtrauern, nicht wahr Schwester Clarissa?«

»Ich meine, dieses Leben ist nur eine Station auf der Pilgerfahrt zur Heimath. Was wir hier erdulden, ist vergänglich; das unvergängliche Leid oder die ewige Freude beginnt erst nach dem Tode,« erwiderte sie.

Der Arzt sah sie mißbilligend an. »Schwester ich muß Ihnen, als Ihr Stationschef, dessen Gehilfin Sie sind, sagen, daß es nachtheilig für die Kranken ist, wenn Sie mit ihnen über den Tod sprechen.«

Die Schwester schwieg.

»Das hat die Schwester nicht gethan,« sagte Barbara.

»Nun, wovon ist denn aber die Rede?«

»Von dem Kinde, Herr Doctor. Sie haben dasKind gesehen, sagen Sie mir, o Gott ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, sagen Sie mir die Wahrheit, ist mein Kind vor seinem Tode getauft?«

»Getauft? Aber ich bitte Sie, wer hätte es denn taufen sollen?«

Die arme Mutter schrie laut auf und warf sich auf das Kissen zurück, sie weinte leidenschaftlich.

»Barbara, werden Sie ruhig, Sie schaden sich, ich befehle es, wenn Sie nicht aufhören zu schreien, gehe ich mit der Schwester hinaus.«

»O, mein Kind,« schluchzte sie, »mein Kind hat nun keinen Antheil an dem Opfer Christi, es gehört nicht zu ihm, es ist verloren, ich werde es nie – niemals wiedersehen.«

Er zögerte nun einen Augenblick, ob er etwas sagen dürfe, was er selbst nicht glaubte, endlich entschloß er sich es zu thun – als Arzt, um ihrer Aufregung willen. »Was wollen Sie denn eigentlich,« polterte er ein wenig ungeschickt – »wiedersehen? Natürlich werden Sie Ihr todtes Kind in diesem Leben nicht wiedersehen, aber später – – nach dem Tode – – –«

Sie richtete sich etwas auf, mit dem Rücken halb nach oben, auf die Ellbogen gestützt. Um das bleiche Gesicht hing das wirre blonde Haar, die tiefliegenden blauen Augen richteten sich mit dem Ausdruck der höchsten Angst auf Schwester Clarissa.

»Schwester,« stöhnte sie, »bei den Schmerzen der heiligen Jungfrau, bei dem Blute Christi, sagen Siemir die Wahrheit – werde ich es wiedersehen, das ungetaufte Kind – – nach dem Tode?«

Ein harter Zug entstellte den Mund der Nonne. »Nein,« sagte sie kurz und rauh.

Die Kranke wurde bewußtlos, und die Pflegerin ging dem besorgten Arzte sachgemäß und ruhig zur Hand, wie immer. –

Nach einer Viertelstunde verließ Dr. Schlüter das Isolirzimmer. Die Kranke lag mit den nöthigen Mitteln versehen ruhig athmend mit geschlossenen Augen da. Er hatte keine ernstlichen Besorgnisse für sie, das Interesse aber, das sich eine kurze Zeit für die Tochter der römischen Kirche in seinem Herzen geregt hatte, war erloschen.

Er war hart angeprallt an die Scheidewand, durch die der Glaube und das Gelübde der Nonne diese von ihm, von der Welt und von allem Denken und Thun der meisten Menschen trennte.

Einen Augenblick hatte es ihm weh gethan, dieses harte kalte »nein«, mit dem sie etwas bestätigte, was sie für wahr hielt; aber von allen Liebesschmerzen, die er je um dieses süßen Mädchenantlitzes willen empfunden, hatte ihn dieser Augenblick geheilt.

Ihm schien es jetzt auf einmal, als ob dieses Gesicht, das er zuweilen von Locken umrahmt sich geträumt hatte, gar nirgend anders hingehöre, als unter die weiße Haube, die so kalt und streng vom schwarzen Schleier rings umwallt, die Stirn verhüllte.

Er sah nur noch die barmherzige Schwester, die ihm zur Hand ging, düster in der Erscheinung, unnahbarim Wesen und unergründlich räthselhaft im Glauben. Er machte es jetzt wie alle anderen Aerzte. Er bediente sich der Schwester, die ihm zur Verfügung stand, wo er sie brauchte, aber ihre Person beschäftigte ihn nicht mehr.

Er hätte es selbst nicht gedacht, daß es ihm so wenig zu Herzen gehen würde, als bald darauf die schöne, junge Nonne in eine Irrenanstalt geschickt wurde, wo ein noch viel schwererer Beruf ihrer wartete, als hier.

Auf die dritte Frauenstation kam Schwester Maximile, die viel älter war als Schwester Clarissa, und Dr. Schlüter lebte sich ganz gut ein mit dieser neuen Arbeitskraft. Im Wesen und Benehmen hatte er überhaupt noch nie eine Verschiedenheit zwischen zwei Nonnen bemerkt, sie waren und gaben sich Alle wie aus einer Schablone gepreßt.

Schwester Clarissa war eigentlich gar nicht anders gewesen, wie diese gewöhnlichen Schablonen-Schwestern; sonderbar, daß er es versucht hatte, ihr näher zu treten. Ihre Augen – ja das war es, in ihren Augen hatte etwas gelegen, das er für Geist gehalten hatte und das schließlich nichts Anderes gewesen war, als Fanatismus.

Der junge Gelehrte hatte übrigens nicht viel Zeit, über diese Sache nachzudenken und die Pflegerinnen in der Anstalt zu beobachten. Sein Beruf beschäftigte ihn in hohem Maaße. Er besorgte die Station, hatte oft bei seinem Chef zu assistiren und beschäftigte sich außerdem mit anatomischen Arbeiten. Im Herbsthielt er seine ersten gut besuchten Vorträge als Privatdocent; die Bacteriologie kostete ihm unendlich viel Zeit und complicirte seine Arbeiten ganz bedeutend.

Von vielen Seiten wurde versucht, ihn in gesellige Kreise zu ziehen, aber er wich allen Vergnügungen, besonders solchen, wo er Damen treffen konnte, aus. Schwester Clarissa hatte ihn unsagbar angezogen und dann plötzlich seine ganze Seele zurückgestoßen. Eine Wunde hatte das seinem Herzen nicht gerade zugefügt, aber eine Wand hatte es errichtet zwischen ihm und dem weiblichen Geschlechte. Sein Herz war fortan umpanzert, und die schönsten Augen, die ihm oft freundlich genug entgegen blickten, ließen ihn kalt.

Er kam mit der Zeit zu der Ueberzeugung, daß die fromme Schwester ganz unschuldig an der Enttäuschung war, die er empfand. Er hielt es für das höchste Ziel der Humanität, dem Menschen zu helfen, ihn zu trösten und zu erfreuen, so lange er auf Erden wandelte und sie – sie erachtete die Freuden und Schätze dieser Welt gering, um jener herrlichen Verheißung willen, die sie für sich und Andere erhoffte – – nach dem Tode.

Tod und Leben, Welt und Kirche, das waren die Gegensätze, die ihn auf ewig von ihr schieden. Sie aber war mit keinem Wort, mit keiner Miene, wahrscheinlich mit keinem Gedanken sich selbst untreu geworden. Wie die Nonne sein soll, so war sie – so gab sie sich, so dachte und fühlte sie. Wenn je in ihrer Brust eine Leidenschaft gelebt hatte, so hatte sie sie überwunden. Das aber, was er zu überwindenhatte, war nicht einmal eine Leidenschaft, sondern nur ein inniges Wohlgefallen, ein Interesse – – – ach, was – es war, so sagte er sich selbst und so glaubte er es zuletzt auch, überhaupt kein persönliches, sondern nur ein allgemeines Interesse gewesen. – Diese interessante Species – eine moderne Nonne, war etwas Besonderes, etwas, was man anderswo eben nicht trifft, weder in Büchern, noch im Leben.

Hier war ihm diese Erscheinung täglich vor Augen getreten, der Psycholog in ihm war erwacht, er hatte geforscht in dieser schwer zugänglichen keuschen Seele und das Ergebniß – – – – ja, das Ergebniß war hinter den Erwartungen des gelehrten Forschers zurückgeblieben. Er dachte noch zuweilen mit leisem Schauder an ihren starren dogmatischen Glauben zurück. Das Fleisch abtödten und dem Geiste leben – die Welt verachten, verlassen, vergessen, um einer anderen Welt willen, von der wir nichts Bestimmtes wissen, die vielleicht nichts ist als ein Traum. Wie mittelalterlich, wie fremdartig das doch war!

Als echt moderner Mann dachte er gar nicht daran, einen Aufklärungsversuch oder sonst ein romantisches Unternehmen zu riskiren, um die Seele, die er auf einem Irrweg glaubte, zum Lichte der Aufklärung und Wahrheit zurückzuführen. Er zuckte die Achseln und wendete sich von der Jungfrau mit den »unmöglichen Ansichten« bedauernd ab. Seine eigene innere Ruhe und Selbstzufriedenheit wurden nicht ernstlich dadurch bedroht.

Er stand im Hörsaale, die letzten Strahlen derHerbstsonne fielen auf sein blondes, wohlfrisirtes Haupt und verloren sich hinter ihm in den leeren Rippen des verkrümmten Scelettes, vor dem er stand. Der Todtenschädel war weit vornüber geneigt und hing beinahe über dem Kopfe des jungen Docenten. –

Seine Vorlesung war zu Ende, die Studenten entfernten sich, und einer von den jüngsten unter ihnen, ein hübscher eleganter Pole, trat noch einmal mit seinem Hefte in der Hand an den Lehrer heran, ihn um irgend eine Erklärung zu bitten.

Eifrig setzte dieser dem Jüngling die Sache auseinander, um die es sich handelte, und so überhörten Beide in dem Gewirre von Stimmen und Schritten der sich entfernenden jungen Leute, wie ein bettelhaft gekleideter Mann, von einem braunen, zigeunerhaft aussehenden Mädchen begleitet, den Saal betrat. –


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