Clara seufzte tief auf, aber sie sah freudiger dabei aus — es war als wenn eine Last von ihrer Seele genommen wäre.
»Ich weiß selber nicht einmal wohin die Sachen geschafft sind« sagte der Steuermann wieder, »und die Leute wissen auch nicht Bescheid.«
»Wir werden uns schon zurecht finden« sagte Frau Henkel — »ich bitte Sie recht sehr mir zwei Leute mitzugeben.«
»Von Herzen gern, wenn Sie es denn absolut wollen — heh Jahn und Görg — loopt mal gau daal in de Cajüt, und sackt die beiden Koffers op. — Sind sie herausgestellt, Madame?«
»Sie stehen vor unserer Thür.«
»Also flink Jungens, und dann gaat Jü mit Madame in de Stadt. — Kann ich Ihnen sonst noch mit etwas dienen?«
»Ich danke Ihnen Steuermann« sagte die Frau freundlich, aber gar wehmüthig lächelnd — »ich braucheNichtsweiter — leben Sie wohl. Vielleicht aber sehn wir uns recht bald wieder — wann wird Ihr Schiff fertig sein zur Rückfahrt?«
»Ja das hängt von der Fracht ab, Madame, aber ich denke dochspätestensin vier Wochen.«
»Ich danke Ihnen leben Sie wohl!« Sie ging, von Hedwig jetzt unterstützt, auf deren Schulter sie sich lehnte, langsam über die Planke an Land, und die Matrosen folgten ihr, mit den beiden Koffern auf den Schultern.
Maulbeere hatte seinen Karren hingesetzt, und war ein stummer, doch sehr aufmerksamer Zeuge der letzten Scene gewesen; jetzt aber, wieder unter das Lederband duckend, sagte er sehr förmlich zu dem Seemann, der noch auf der Planke stand und den Damen nachschaute.
»Erlauben mirjetztder Herr Steuermann daß ichauchhinaus darf?«
»Oh mit Vergnügen Herr Maulbeere«, rief der Seemann, lachend auf die Seite tretend — »thut mir unendlich leid Sie aufgehalten zu haben.«
»Bitte mich dem Herrn Capitain gehorsamst zu empfehlen« sagte der Passagier, ohne eine Miene zu verziehn, indem er an dem Steuermann vorbeischob. —
Die Matrosen die in der Nähe standen lachten, der Scheerenschleifer kümmerte sich aber nicht weiter um sie, fuhr in einen kurzen Trab die etwas schräg nach dem Land liegende Planke nieder, an der anderen Seite mit kräftigerem Anstoß hinauf, und verschwand bald darauf in dem am Lande wogenden Gedräng von Menschen.
DieJane Wilmingtoneiner jener mächtigen Mississippi-Dampfer, von denen hunderte die Wasser jenes riesigen Stromes befahren, lag zur Abfahrt fertig an der Levée von New-Orleans, mitten zwischen einigen dreißig anderen, ihr ganz ähnlichen Booten.
Keinen lebendigeren, geschäftigeren Platz giebt es auch wohl auf der Welt, so weit Handel und Schiffahrt Länder und Menschen mit einander verbinden, als die Dampfbootlandung von New-Orleans, besonders in dieser Jahreszeit. Die Stadt ist neuverjüngt; das gelbe Fieber das alljährlich im Spätsommer, bis Ende September, oft sogar bis in die ersten Tage des Oktober, New-Orleans fast entvölkert, die wohlhabenderen Bewohner nach dem gesünderen Norden hinaufscheucht, die Fremden decimirt, und der ganzen Stadt das Ansehn eines großen Leichenhauses giebt, von dessen tausenden von Leichen sich zuletzt selbst die Aasgeier in Ekel abwenden, hatte schon lange seine letzten Opfer gefordert, und der bis dahin gewaltsam zurückgehaltene Handel, der seine natürliche Strömung nach dieser mächtigsten Hafenstadt des Südens hat, brach sich jetzt wie gewaltsam wieder Bahn. Ganze Flotten von Dampfern, die scheu und ängstlich in der schweren Zeit den Platz gemieden, und sich mit geringer Fracht, und der ungeheueren Concurrenz wegen nur mit wenigen Passagieren begnügend, zwischen den oberen Staaten herumfuhren, und wenn sie ja Mannschaft nach der »Peststadt« bekommen konnten und es wagen wollten, nur eben hinunter fuhren, an Bord nahmen was Geld hatte seine Passage zu zahlen, und dann schnaubend und in Ballast wieder zurückeilten nach Norden auf, führten jetzt die tausende zurück in ihre verlassene Heimath, die der »Gelbe Jack« wie die Epidemie spottweise heißt, daraus vertrieben, und brachten zugleich die Schätze des Nordens den verödeten Waarenhäusern der Stadt.
Boot nach Boot kommt, die gelbe Fluth vor sich aufspritzend, den Strom nieder — noch ist es nicht elf Uhr Morgens, und das siebzehnte ist schon gelandet; gewaltige Fahrzeuge mit von vier bis acht Kesseln an Bord, viele mit einer Mannschaft von 50-60 Leuten, die breitenguards7bis hoch hinauf selbst über das höchste Deck mit einer ordentlichen Wand von Baumwollenballen umthürmt, andere, ihre oberen Decks wenigstens frei, aber dochbiszu denguardsim Wasser gehend,diegesalzenes Schweinefleisch in tausenden von Fässern von Cincinnati, Mehl von Ohio und Pensylvanien, Whiskey von eben daher, Blei von Missouri, Vieh von Kentucky, und feines Salz und Tabak aus Virginien herunter bringen.
Die Levée selbst liegt schon fest gepreßt unter einer riesigen Last all solcher Produkte, die der Norden hier hernieder schickt, baar Geld oder die Erzeugnisse der Tropen dafür einzutauschen — Baumwollenballen so weit das Auge reicht; Fleisch und Mehlfässer undwhiskey barrelsmit ihren rothen Böden und dem Cincinnati-Stempel; Kaffee- und Reissäcke zu tausenden als neue Fracht für die eingetroffenen Boote; Blei in schweren kurzen Barren; Syrop- und Zuckerfässer; Salzsäcke und dichtgeschnürte Ballen kostbarer Felle vom Norden; ein stehendes Waarenmagazin unter freiem Himmel von kaum berechenbarem Werth, Nachts unter dem Schutz von vielleicht ein oder zwei schläfrigen Wachen, seine Masse behauptend, während hunderte von Karren ununterbrochen daran arbeiten es abzutragen.
Und das Gewimmel von Menschen auf dem Platz, über den hie und da kleine Austerbuden wie gesprenkelt stehn, die Hungrigen zu erquicken, während die Häuser der ganzen Front ihre unteren Hallen verlockend öffnen den Durstigen jene Unzahl Mischungen geistiger Getränke zu bieten, wegen denen Amerika berühmt ist. Die Karrenführer selbst, meist Irländer und Neger mit wenigen Deutschen, eine wilde thätige, rauflustige Bande, die tausende von Bootsleuten der verschiedenen Dampfer, Feuermänner und Matrosen, die schwere Fässer vor sich her die Levée hinaufrollen, oder gewichtige Kaffee- und Reissäcke auf den Schultern niedertragen, oder mit stumpfen Handhaken, Stiefelziehern nicht unähnlich, riesige Baumwollenballen in Schwung bringen und herüber und hinüber werfen, als wären es Körbe mit Federn gefüllt — wie sie da schaffen und arbeiten, und lachen und fluchen. Und zwischen den kräftigen sonngebräunten Burschen mit aufgestreiften Ärmeln und offenen Hemdkragen, denen der Schweiß in hellen dicken Tropfen auf den rothen Stirnen perlt, und deren Sehnen wie Stricke an den markigen Armen herunter liegen, seht Ihr jene kleinen schmächtigen Gestalten in seidene Fracks oder lichte Oberröcke gekleidet, mit gewichsten Stiefeln und gegen die Sonne gespanntem Regenschirm, kleine Bücher in der Hand, und den gespitzten Bleistift mit den dünnen Lippen feuchtend? das sind die »clerks« oder Buchhalter der Kaufleute aus der Stadt, oder die der verschiedenen dortliegenden Dampfboote, Waaren überliefernd, oder übernehmend, und den Kopf voll Zeichen und Zahlen.
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Passagiere drängen dabei herüber und hinüber, denen sich die Bewohner der Stadt, in Geschäften oder Müssiggang, zu gesellen; der lebendige Franzose dessen Stamm ziemlich den vierten Theil der ganzen Stadt bevölkert, und sich selbst dem, im Besitz befindlichen Amerikaner gegenüber das Recht seiner Muttersprache in den Gerichtshöfen neben dem Englischen gesichert hat; der ruhige Spanier mit seinem breiträndigensombrero; der geschäftige Yankee, an der langen ungelenken Gestalt, dem knochigen Gesicht und den grauen lebendigen Augen kenntlich; zwischen ihnen der reiche Creole8mit seiner sonngebräunten Haut und der thätige Deutsche, der schweigsame Engländer und der feurige Italiener, durch ein Gewühl von Negern und Mulatten drängend, die mit Fracht auf und ab die Levée steigen, oder hin und her geschäftig laufen, und dabei lachen und singen, schreien und zanken.
Und da hindurch pressen die Züge der ankommenden Einwanderer, meist Deutsche in ihren Nationaltrachten, wie sie daheim den Bauerhof verlassen, auch viele Irländer in ärmlichen Kleidern, aber mit entschlossenen, fröhlichen Gesichtern, die meist ihr Gepäck selber den Dampfschiffen zuschultern, auf denen sie im Begriff sind die Fahrt in's Innere anzutreten.
Die Deutschen besonders tragen schwere hölzerne Kisten, gewöhnlich zwei und zwei zusammen; alte Truhen mit buntgemalten Kränzen von unmöglichen Blumen, und frommen Sprüchen geziert, über die hin keck und rücksichtslos der Name des Eigenthümers und das WortAmerika, mit schwarzer Farbe seinen Platz gesucht, während die Frauen, Kinder auf dem Arm und an der Hand, in weitbauschigen Ärmeln und kurzenRöcken, die braunen Stirnen der Sonne vertrauend preisgegeben, den Männern folgen. Jetzt stehn sie und suchen den Namen des Bootes für das sie sich bestimmt, von »Läufern« indeß überrannt, die sie dem oder jenem Dampfer werben wollen. Kleine Seelenverkäufer in ihrer Art, diese Burschen, und eigentlich wilde Schößlinge der Überseeischen Agenten, die auch ihre Procente habenproKopf, für alle die sie als Passagiere sicher auf ein Dampfboot liefern. Ob dann die Leute dorthin kommen wohin sie gerade wollen, und ob sie dort glücklich sind oder zu Grunde gehn, was kümmerts die; nur so und so viel Köpfe sicher an Bord, so und so vielescalins9dafür eingestrichen, aus dem fremden Volk mag dann werden was da will.
Die Deutschen geben sich aber am wenigsten mit den Leuten ab; wieder und wieder schon im alten Vaterland vor ihnen gewarnt, lassen sie sich wenigstens nicht mehr soleicht auf der Straße von ihnen abfangen, fallen ihnen aber sonst doch noch in die Hände. Haben sie jedoch erst einmal den Namen eines bestimmten Bootes, dann halten sie sich auch hartnäckig an dem fest, mögen die Bequemlichkeiten darauf sein wie sie wollen, schaffen ihre Sachen selber an Bord, und richten sich dann wieder, das alte Zwischendecks-Leben frisch im Gedächtniß, gar bald für die Tage die sie auf dem Wasser noch zubringen müssen, häuslich ein.
Das Alles wogt und drängt über die Levée von New-Orleans, und auf dem Strome herrscht gleiches reges Leben. Hier kommt ein schnaubender Dampfer, die Thüren vor den Kesseln weit aufgerissen daß die Hitze da ausströmen kann, und das Boot aussieht als ob es einen glühenden Rachen geöffnet habe, pfeilschnell bergab, zieht einen weiten Bogen in der schäumenden Fluth, und gleitet, von kundiger Hand geführt, genau in die Lücke ein die jenes andere Boot gelassen, das eben noch in Sicht, langsam stromauf dampft. Dort stößt ein anderes ab — seine Planken sind eingezogen, die die Verbindung mit dem Lande unterhielten, aber sein Deck schwärmt noch von Fremden aller Farben, die Geschäfte oder Neugier an Bord getrieben. Die Leute legen sich indessen unter dem gellenden Ho-y-oh! der Matrosen in lange ausgeschobene Stangen, den Bug zurückzuschieben, die Maschine beginnt zu arbeiten, und wie das breitmächtige Boot langsam nachzugeben beginnt und, dieguardsder beiden Nachbar-Dampfer reibend, sich rückwärts hinausdrängt aus der langen Reihe, springen an beiden Seiten die Müßiggänger und nicht an Bord Gehörigen hinüber auf andere Boote, nicht mit hinaus in den Strom genommen zu werden, denn der Capitain hielte wahrlich keine Secunde an ihretwegen, und der erste Landungsplatz wäre wahrscheinlich erst dreißig oder vierzig Miles10stromauf gewesen, wo er das erste Holz einnehmen mußte. Jetzt hat sich das schnaubende Boot frei gemacht und schießt mit vermehrter Kraft, über sein Steuer fort, eine Strecke in den Strom hinein — nun drängt sich der scharfe Bug hinauf, nach vorne ein, die Räder schlagen, die Wasser kräuseln, brechen sich unter der Gallion, und werden zu Schaum geschlagen von den peitschenden Radplanken, und fort schießt das gewaltige Fahrzeug von der ungeheueren Kraft getrieben, auf seiner Bahn. Die Schaar von Menschen aber, die eben dem einen Boot entsprang, eilt jetzt flüchtigen Laufs an Land das andere, eben gekommene Boot zu gewinnen; Kofferträger und Verkäufer, Boardinghaus-Wirthe und Taschendiebe — oft beide zu einer Klasse gehörend — Käufer und Zwischenhändler von jeder Farbe, jedem Stand, und das Drängen und Treiben beginnt von vorne an.
DieJane Wilmington, eben so überladen von Menschen wie alle übrigen abgehenden Boote, hatte das Zwischendeck dabei von Deutschen und Irischen Auswanderern mit ihren Kisten so vollgedrängt, daß an ein Hindurchgehn schon gar nicht mehr zu denken war, und wer wirklich hindurch oder hineinmußte, konnte sehen wie er eben über die Kisten und Koffer hin eine Passage fand. Und nicht um eine Idee besser sah es oben in der Cajüte aus, wo sich, als Lobensteins die schmale Treppe zum Boilerdeck hinauf gestiegen waren, die Männer, ihre Cigarren im Mund, die Hüte auf dem Kopf, Schulter an Schulter herumdrängten, hier in kleinen Gruppen standen und plauderten, dort an derbar(dem Schenkstand) ein Abschiedsglas mit irgend einem Bekannten leerten, oder auch eben nur, die Hände in den Taschen, müßig, und sehr zum Ärger einer Zahl von Kofferträgern umherschlenderten, die ihre Lasten auf Schulter oder Kopf, mit einem ununterbrochenen »please Sir — beg your pardon gentlemen« aus einem Knäuel in den anderen preßten, durchzukommen.
Lobensteins konnten kaum die für sie bestimmten, sehr elegant eingerichteten Cajüten erreichen, und der Professor hätte ohne Henkels Hülfe durch das Gewühl von Menschen im Leben nicht sein Gepäck zusammengefunden. Endlich war aber Alles glücklich an Bord, Eduard mit den letzten Koffern angekommen, und Capitain Siebelt hatte schon lange Abschied genommen und seinen bisherigen Passagieren eine glückliche Weiterreise gewünscht, als sich auch Henkel dem Professor wie den Frauen empfahl, seinen »eigenen Geschäften« wie er sagte, nachzugehn.
»Und grüßen Sie uns nur noch recht herzlich Ihre liebe Frau« bat ihn die Frau Professorin, als er auf dem Gangweg, vor der Damencajüte die hinter dem Radkasten liegt, sich verabschiedete, »und sie soll sich ja recht schonen — ich lasse sie herzlich darum bitten.«
»Und tausend Grüße und Küsse noch von uns« rief Anna — »lieber Gott, es wäre doch recht traurig wenn sie ihren Eintritt in das fremde Land gleich mit einer Krankheit beginnen sollte.«
»Und Sie besuchen uns also mit Clara noch diesen Herbst!« frug Marie, ihm scharf dabei in's Auge sehend — »Sie haben es versprochen.«
»Gewiß« sagte Henkel, ihr lächelnd die Hand entgegenstreckend.
»Ein Wort ein Mann!« rief Marie, zögernd ihre Hand in die seine legend.
»Sie haben doch die Adresse die ich Ihnen gegeben Herr Professor?« frug Henkel jetzt noch einmal — »dort draußen läutet die dritte Glocke und ich werde am Ende noch mit fortgeschleppt.«
»Und Claras Angst dann!« rief Anna.
»Es wäre allerdings fatal, aber noch kann ich abkommen.«
»Die Adresse habe ich, und denke daß ich ein Geschäft mit dem Herrn mache, wenn mir das Land nur irgend convenirt,« sagte der Professor.
»Es ist ein Ehrenmann, Sie können sich auf sein Wort verlassen.«
»Desto besser — also auf Wiedersehn!«
»Auf Wiedersehn!« rief Henkel und hatte wirklich nur noch eben Zeit dieguardsdes nächsten Bootes zu erreichen, ja mußte schon zu dem Zweck hinauf auf den Radkasten laufen und von dort hinüber springen, als die wackere Jane das Freie suchte, und wenige Minuten später lustig den vorangelaufenen Steamern nachdampfte.
Eine solche Menge von Menschen, alle nicht zum Boot gehörig, hatte sich dabei empfohlen, daß die wirklichen Passagiere mit Erstaunen, aber auch großer Befriedigung sahen, wie sie Raum genug behielten, und keineswegs gedrängt waren, und nur mit der ersten Stunde überstanden, die sie allerdings gebrauchten ihr verschiedenes Gepäck einiger Maßen in Ordnung zu bringen, konnten sie sich ganz dem Genuß der reizenden Gegend hingeben, an der das wackere Boot sie rasch hinaufführte.
Es giebt wohl kaum ein wunderlieblicheres Bild, so im Vorbeifliegen gesehn, als die Ufer des Mississippi überhalb New-Orleans. Mit Plantagen dicht besäet, deren reizende Pflanzerwohnungen aus einem Dickicht von Blüthenbüschen und fruchtschweren Orangenbäumen lauschig und still hervorschauen, schmiegen sich die kleinen, colonienähnlich gebauten Negerwohnungen dicht an diese an, und geben der ganzen Gegend einen so wohnlichen, geselligen Charakter, daß das Auge mit Entzücken auf ihnen weilt. Berge fehlen freilich im Hintergrund, den nur ein einziger dunkler Streifen Wald bildet — der Mississippi-Sumpf — aber die üppigen Felder, die sorgsam eingefenzt, so weit das Auge reicht dem Blick begegnen, die geschäftigen Schaaren weiß gekleideter Neger in den Feldern, theils beschäftigt Zuckerrohr zu schneiden, oder Baumwolle zu pflücken, die munteren Heerden auf den Weiden dazwischen, das rege Leben auf dem breiten bequemen Fahrweg, der zwischen der sich am ganzen Strom hinauferstreckenden Levée und den Fenzen der Plantagen hinläuft; die kleinen freundlichen Städtchen dabei am Ufer, die Kirchen mit ihren schlanken Thürmen, die gewaltigen Waarenhäuser, und dahinter die hohen dunklen Schornsteine der Zuckerfabriken, die aus dem dichten Laub der Fruchtbäume herüberschaun; das Alles fesselt das Auge des Fremden rasch genug, und hält ihn ordentlich an Deck gebannt, keinen Moment, keinen Punkt dieses freundlich sonnigen Bildes zu versäumen. Alles ist hier neu, alles eigenthümlich, und fehlen dem Fremden auch die Palmen, die seine Phantasie wohl meist dem Süden der vereinigten Staaten (oft selbst dem Norden) giebt, so bietet ihm doch auch die Vegetation schon des Neuen und Südlichen viel, ihn dafür wenigstens in etwas zu entschädigen. Stattliche Pecanbäume am Ufer, mit ihren schlanken Stämmen und schattigem Laub, und weiter drinnen im Land die riesigen hochwüchsigen Cypressen mit ihrer rothen Rinde und dem prachtvoll wehenden grauen Moos, die fruchtbedeckten Orangendickichte, die freundlichen Blumen geschmückten Gärten, mit ihren Tulpenbäumen, Rosenranken, und Granatbüschen, das Alles zeugt für die heiße Sonne dieser Breite, wäre nicht schon das wehende Zuckerrohr am Ufer und die eigenthümliche Baumwollenpflanze selbst Beweis genug auch ohne das.
So lichtbeschienen liegt das weite, wunderschöne Land dort ausgebreitet — ein Paradies, wenn man's so flüchtig sieht und auf bequemem raschem Boot daran vorübergleitet — aber es ist das nur die äußere Rinde des Ganzen, die blitzt und glänzt und in die Augen scheint, nicht alles ächt und Gold. Wie lieblich liegen jene acht oder neun Reihen gleichmäßig gebauter reinlicher Häuser mitten in diesem »Paradies« — dort wo wir gerade vorüber fahren sind große weitästige Feigenbäume vor die Thüren gepflanzt, kleine sauber gehaltene Gärtchen schließen sich daran, und vor den Thüren spielen Kinder — kleine schwarze, braune und gelbe lachende Gestalten mit frohem Jubel herüber und hinüber, von alten Leuten dabei beaufsichtigt die, zu alt zum Arbeiten, von ihren Herren jetzt das Gnadenbrod bekommen, und ihre übrige Lebenszeit, die ihnen Gott noch giebt, in Ruhe und Frieden verleben dürfen. —
Ruhe und Frieden! — dem alten Manne da, der das Kind auf dem Schooße hält und hätschelt und es küßt — Ihr könnt vom Boot aus die Thränen nicht sehn, die ihm die dunklen, tiefgefurchten Wangen hinunter rollen — ist vor drei Tagen seine Enkelin, ein bildhübsches Mädchen von achtzehn Jahren, nach Kentucky hinauf verkauft, und ein anderer Enkel von ihm, ein junger Bursch von zwölf Jahren, wurde blutig gepeitscht, weil er die Ruthen nicht selber, wie es der Aufseher befahl, von den Weiden schneiden wollte, mit denen die eigene Mutter geschlagen werden sollte. Der Knabe liegt jetzt da drinnen — in demselben freundlichen Haus vor dem der alte Feigenbaum steht — auf seinem harten Lager, mit blutigen, geschwollenen Gliedern und ächzt und stöhnt, und der Alte hat das kleine Kind auf dem Schooß, und küßt es und herzt es, und sieht im Geist schon die Peitsche gehalten, hört die scharfen entsetzlichen Streiche, die auf die zarte Haut des Lieblings niederfallen werden.
»Seht die reizenden Wohnungen an« haben viele Reisende geschrieben — »wie behaglich und warm sind eben dieseSclavenhier gebettet, und möchten sie mit den unglücklichen Armen unseres eigenen Vaterlandes tauschen, die mit fröstelnden Gliedern, in erbärmlichen zugichen Hütten ihre trockene Brodrinde oder faule Kartoffeln kauen, und sich das Haar raufen wenn ihnen die Kinder die Ärmchen entgegenstrecken undumsonstnach Nahrung schreien?« — Ich weiß es nicht; abereinElend wird nicht durch das andere gehoben, und tausende und tausende von ihnen würden lieber die letzte Brodrinde mit dem Kind theilen und mit ihm hungern, als daß sie es aus ihren Armen gerissen sähen, einem anderen, nicht geringeren Elend entgegengeschleudert zu werden. Die Weißen, die den lockeren sittlichen Verhältnissen jener Staaten nach, und in dem ungestörten unantastbaren Recht desHerrnschon alle Familienbande ihrer Sclaven außerdem mit Füßen treten, zerreißen diese auch nach Gutdünken durch Verkauf der einzelnen Glieder — der kleine Kreis der Sclaven, der nach schwerer Arbeit um das Feuer seiner Hütte sitzt, kann er selbst dieses Glück in Ruh genießen, wo er nicht sicher ist, ob nicht des Herren Wille schon morgen, schon heute Nacht, das liebste Kind aus ihrer Mitte nimmt — das vom Bord des Dampfers noch einmal die Hände nach ihnen hinüberstreckt, und todt — verloren ist für sie auf immer?
Die Sclaverei, das Brandmal der Civilisation, wird immer ihre Vertheidiger finden, die aus Eigennutz oder Unwissenheit diesem Fluch der Menschheit das Wort reden, und den faulen giftigen Kern mit der hie und da glatten Rinde entschuldigen wollen, wer aber in ihrem Kreis gelebt, die zitternden Geschöpfe unter dem Hammer des eisblütigen Tabakskauenden Auktionators gesehn, und die Thränen gezählt hat, wer dem Elend gefolgt ist, mit dem der Eigennutz hier unter dem frechen SchutzchristlicherGesetzeMenschenfoltert, der wird sich nur mit Abscheu von dem Elend wenden, dem er nicht steuern kann und darf — ob's ihm auch fast das Herz manchmal zerreißt.
Aber vorbei — vom Dampfboot aus sehen wir Nichts von alle dem; nur die freundlichen Dächer blitzen zu uns herüber aus dem Grün des Buschwerks, und die geschäftigen regen Gruppen, klein und zierlich mit scharfen Umrissen in der reinen Luft wie auf dem Spiegelbild einercamera obscura,geben der Scene ihren heiteren lebendigen Charakter.
Das Boot schießt und schäumt jetzt dicht am Ufer hin, und seine wildtanzenden Schlagwellen die hinter den Rädern drein tanzen, waschen und schleudern an dem so schon genug unterwühlten Ufer auf, und hetzen vergeblich hinter dem davonbrausenden Fahrzeug drein. Dort auf der Levée spielt ein munterer Trupp Creol-Poneys; die kleinen lebhaften Thiere halten, wie sie das riesige Fahrzeug herankommen sehn, wiehern und schnauben ihm mit offenen Nüstern entgegen, und stampfen den weichen Boden mit den unbeschlagenen Hufen, bis es ihnen fast gegenüber ist — Wetter noch einmal wie sie da die dicken langen Mähnen und die Schweife emporwerfen, und klappernd und tollend geht's die Levée entlang in wildem Lauf. — Hier treiben sich kleine Negerkinder am Ufer auf und ab; ein ganzer Schwarm ist's, und sie suchen Stücken schwimmenden Holzes aus der Fluth zu fischen, die der Strom zu ihnen niederführt. Eine alte Negerin sitzt dabei und paßt auf die unbändigsten, daß sie sich nicht zu keck hinauswagen an den tückischen Uferrand, der oft nur noch oben den dünnen Rasen über einen verrätherisch darunter kochenden Wirbel spannt. Selbst ihre alte Haut wäre vor Strafe nicht sicher, wenn sie eines der Kinder verunglücken ließe, denn sie sind fast so werthvoll wie die glatthaarigen feurigen Poneys dort.
Wie die kleine Bande schreit und singt und tanzt und jauchzt, als das Boot in Steinwurfs-Nähe an ihnen vorüber rauscht — glückliche Kinderzeit, in der die ganze Welt noch im rosigen Lichte liegt — selbst dem Sclaven.
Vorüber wühlt sich das Boot seine Bahn — ha was ist das? — was liegt da so gestreckt und glitternd in der Sonne mit seiner Schuppenhaut, blinzelt mit den kleinen tückischen Augen halb scheu halb trotzig herüber, und hebt den langen häßlichen Kopf empor? — ein Alligator ist's, ein tüchtiger Bursch, der seine fünfzehn Fuß wohl mißt, und sich hier sonnen wollte auf dem weichen feuchten, warmen Rasen, bis ihn die keuchende Maschine aufgestört. Das Boot will vorbei, aber er traut dem Frieden nicht; müßige Gesellen an Bord haben ihm schon ein paar Mal im Vorüberfahren die scharfen Kugeln auf den Pelz gebrannt und wenn es ihm auch gerade nicht schadete, war's ihm doch auch nicht eben angenehm. Jetzt regt er sich — es ist Zeit, denn der eine Cajütenpassagier ist richtig schon hineingesprungen in seine Coye seinen Reifel11zu holen für das bequeme Ziel.
»Dort liegt er!« zwanzig Arme deuten hinüber und freuen sich auf den Schuß, aber wie ein Stein rollt die schwerfällige Gestalt hinein in's Wasser, und die ihm etwas zu spät nachgeschickte Kugel zischte in die Fluth die über ihm zusammenschlägt.
Weiter — weiter — der Dampfer hält mehr in die Mitte des Flusses hinaus, einer Sandbank zu entgehen die sich an dieser Stelle hin gebildet hat, und dem tiefgehenden Boot gefährlich werden konnte. Ha was schwimmt dort im Strom — ein großer Vogel, der die Reise zu Floß nach New-Orleans macht? — es ist ein Aasgeier, der auf einem ertränkten und häßlich angeschwollenen Rinde sitzt, an dem er sich über und über gesättigt hat, und nun zu faul oder zu vollgefressen ist hier aus der Mitte des Stromes das feste Land wieder zu erreichen; er wartet ruhig bis sein ekles Fahrzeug näher zum Ufer kommt, oder treibt auch wohl noch mit bis zum anderen Morgen, den guten Bissen nicht sogleich zu verlieren.
Und da drüben? — Pilot um Gottes Willen ist das nicht eine menschliche Leiche die da schwimmt? — Wo? — dort? wohl möglich, das kommt oft vor und treibt wohl von Vicksburg oder Natchez oder aus Arkansas und dem Redriver nieder — »Aber wollen Sie nicht das Boot hinüberschicken? —« »Boot hinüber schicken wegen dem Cadaver? — Bah, da hätten wir viel zu thun; der ist gut aufgehoben.«
Weiter — weiter — was das für wunderliche Boote oder Fahrzeuge sind, denn Boote kann man sie nicht nennen, die mit vier oder fünf schläfrigen Gesellen an Bord, ohne Räder, ohne Segel langsam den Strom niedertreiben. Unförmlichen Kasten gleich, viereckig, von sechzig bis achtzig Fuß lang, und zwanzig Fuß breit, fünf oder sechs Fuß hoch mit einem rohen Gestell von Bretern von denen queerübergebogene auch das Dach bilden, aufgerichtet. Ein langes Ruder (von denen eines vorn und eines hinten angebracht ist, denn es bleibt sich gleich wie sie treiben), dient dazu es wenigstens in etwas zu steuern, und ein paar, oft auch zwei paar eben solche lange Seitenrudersweepsgenannt, die finnenähnlich an den Seiten sitzen und nur aus einem kurzen Bret an einer Stange schräg genagelt bestehn, dienen dazu manchmal das schwerfällige Fahrzeug einem drohendensnag,12einer Sandbank, oder einer unbequemen Gegenströmung aus dem Weg zu schieben. Die Arbeit ist aber anstrengend, und wenn nicht einmußda ist, rühren sich die faulen Burschen gewiß nicht.
Aber diese Archen — und sie werden in der That oft so genannt — so unscheinbar und roh sie aussehn, führen nicht selten kostbare Ladungen den Strom hinunter; Mehl und Fleisch, Whiskey, Äpfel, Mais, Butter, Hühner, Schmalz, wildes Heu, Tabak, getrocknetes Obst, Faßdauben und Reifen und lebendiges Vieh, Rinder, Schaafe, Schweine, Pferde, Maulthiere. In den Städten des Südens dann angekommen, landen sie ihr Boot, dessen vorderer Theil gleich zu einer Art Verkaufslokal, ziemlich frei von Waaren gelassen ist, und verkaufen nicht allein ihre Ladungen sondern auch das ganze Fahrzeug, dessen Planken auseinander geschlagen und wieder benutzt werden. Die Verkäufer aber, die Monate lang dazu gebraucht aus den verschiedenen Flüssen, Ohio und Missouri, Arkansas und Redriver, ja selbst aus den nördlichsten Strömen des großen Reiches, aus dem Illinois und Foxriver niederzuschwimmen, fahren an Bord der Dampfer in wenigen Tagen jetzt wieder zurück in ihre Heimath, vielleicht ein neues Boot bauen zu helfen und dieselbe Fahrt von vorne zu beginnen.
Wie sich so leise der blaue Rauch aus den flachen nieder geduckten Booten stiehlt, und langsam und gerade in die Höhe wirbelt — die Leute kochen ihr Abendbrod, und wenn es Nacht wird fahren sie an das nächste Land, werfen ein Tau um einen irgendwo eingestürzten oder selbst noch stehenden Baum, und liegen daran, bis ihnen Tageslicht wieder die freie Bahn zeigt, und sie nicht mehr der Gefahr ausgesetzt sind im Dunkel irgendwo auf den Strand zu treiben oder von einem, wenig darnach fragenden Dampfer überrannt zu werden.
Weiter — weiter der Abend naht — über den Strom streichen lange Züge von Wildenten und Gänsen — dort drüben an der kleinen Insel die mitten im Fluß liegt — der Mississippi zählt deren einige achtzig — hat sich ein großes Volk Pelikane auf der Sandbank zu Ruh gesetzt — sie schauen dem weit von ihnen ab vorbeibrausenden Dampfer ruhig nach, und nur manchmal ärgerlich nach einem unfern von ihnen auf einem alten Stamm sitzenden Loon oder Wassertruthahn hinüber, der ihnen mit seinem monoton melancholischen Schrei zu viel Lärmen an dem stillen Abend macht. Dort in den Wipfeln jener Cypressen geht ein Volk weißer und blauer Reiher zu Ruh; schlanke langhalsige Burschen, die sich die höchsten Spitzen der Bäume aussuchen, darauf zu schaukeln. — Und die Nacht, wie sie so still durch den Wald zieht, erst die Büsche und Dickichte füllt und die Schluchten, dann weiter und weiter preßt und sich zuletzt erst, wenn der Wald schon in tiefem Schweigen ruht, mit weißlichem Hauch auf den Strom legt, der jetzt noch einmal so rasch zu laufen, noch einmal so laut zu rauschen scheint.
Wie die Maschine da klappert, die Räder schlagen und schäumen, und der Dampf so scharf und zischend aus den schlanken Röhren fährt. Und die Fluth quirlt so dick und tückisch darunter hin, und hebt sich und springt hinten nach, wie ein bissiger Köter, der schnappend nach dem stolz vorbeitrabenden Roß hinüber fängt.
Die Arbeiter an den Plantagen ziehn zu Haus, muntere Lieder tönen von dort herüber wo die kleinen Feuer sichtbar werden, die Leute haben einen Arbeitstag hinter und eine freie Nacht vor sich, warum sollen sie nicht fröhlich sein? — bis die Negerglocke morgen früh um 4 Uhr tönt dürfen sie ruhen.
Und vorwärts wühlt und klappert und schnaubt das Boot; die Gluth der unter den Kesseln geschürten Feuer wirft einen rothen unheimlichen Schein links und rechts hinaus auf die Fluth, und vor den Kesseln, mit langen Schürstangen in der Hand, mit nacktem Oberleib, an dem der Schweiß in Strömen niederträuft, die Gesichter und Arme geschwärzt, und die Stirnen so heiß und glühend fast wie der Heerd an dem sie arbeiten, stehen die Feuerleute des Boots, rühren die flammenden Scheite durch- und ineinander, und werfen neue ein in die kleine Öffnung die zu dem Zweck über den Thüren gelassen. Es sind Neger und Weiße — meist freie Schwarze, oft aber auch Sclaven und zwischen ihnen die Söhne aller Stände, fast aller Welttheile, die mit der Schürstange und dem heißen Schweiß sich ihr Brod verdienen müssen im Lande der Freiheit. Manche Hand, die sich sonst nicht ohne glacirtes Leder der Luft preisgab hat hier den eisernen Schürer geführt, und mit dem Eimer die schmutzige Fluth heraufgezogen, einen frischen Labetrunk zu thun; manches Muttersöhnchen, das zu Hause gehätschelt und gepflegt und verzogen wurde, und den Zug meiden mußte und die kalte Nachtluft, hat hier eingeholt, was es daheim versäumt, und ist mit triefender Stirne und von der schweren Arbeit zitterndem Körper, hinausgesprungen auf den offenen Gangweg, von dem kalten einigen Luftstrom der sich dem Boot entgegenwarf die fieberheißen Glieder kühlen zu lassen und dann von Neuem in das Gluthenmeer der Kessel einzutauchen. Grafen und Barone, Referendare und Lieutenants haben neben und mit dem zäheren Neger hier schon oft geheitzt, mit ihm aus einer Schüssel gegessen, in einem Raum geschlafen, wie er behandelt und bezahlt und — sind nicht schlechter dadurch geworden; aber kräftiger und gesunder — wer von ihnen es eben aushielt und nicht vielleicht in New-Orleans im Pottersfield13oder an irgend einer Holzladung im Mississippi-Sumpf abgeladen und eingescharrt wurde.
»Flatboot ahead — look out to starbord!« schreit der Mann der ganz vorn oben auf das oberste Deck (hurricane deck) gestellt ist, dem Lootsen, der in dem kleinen Glashaus oben aufsteht, Nachricht zu geben wenn er irgend etwas im Strom sieht, das dem Boot gefährlich werden könnte, oder das sie vermeiden müssen — das Steuerrad dreht sich rasch, den Bug des Dampfers nach Larbord hinüber zu werfen, und dicht an ihnen vorbei, so dicht daß das Radhaus den einen auf Decke gelegtensweepdes unbehülflichen Fahrzeugs faßt und abreißt, und die dunkle schwerfällige Masse wie ein Schatten an ihnen vorüber fliegt, schießt das Boot vorbei. An Deck des Flatboots aber rennt die erschreckte und für Fahrzeug und Leben nicht mit Unrecht besorgte Mannschaft wild und kopflos durch einander, und schreit und flucht noch drohend nach, wie die Gefahr schon lange für sie vorüber ist, und die nachschäumenden Wellen den ungelenken Kasten nur noch tanzen und schaukeln machen.
Wie der Mond jetzt dort so still und freundlich über den niederen dunklen Waldstreifen heraufsteigt, und sein mildes Licht über die lauschigen Plätze am Ufer, über das matt glitzernde Wasser des Stromes gießt; dicht am Land schnauben wir wieder hin, und können jetzt das Rauschen der hohen stattlichen Bäume, das Quaken der Frösche hören, die in den Sümpfen drin ihre Nacht feiern. Und dort? — o wie so süß der leise Flötenlaut desmocking birdklingt, der sich im niedern Busche sein Nest gebaut hat, und jetzt die Kleinen in Schlaf singt, die auf den Zweigen träumen — die Amerikanische Nachtigall nennen ihn die Creolen, und er verdient's. Wie sich das so heimlich fährt, so dicht am Ufer hin, wenn man die Wellen an den Damm plätschern und das Lachen und Sprechen von Menschen am nahen Lande hört, in Sprunges Nähe fast an ihnen hingleitet und doch in einer ganz anderen, ganz verschiedenen Welt als jene lebt. Wie es dem Luftschiffer zu Muthe sein mag, der in stiller Nacht langsam und tief über dem großen Ameisenhaufen, den wir Menschen eine Stadt nennen, hingleitet, nieder in die erleuchteten Fenster, auf die rauchenden Schornsteine sieht, und dem Summen und Treiben der lebendigen Welt unter sich, der er in diesem Augenblick nicht mehr gehört, dann lauscht; so braust das Boot, eine kleine abgeschlossene Welt in sich selber mit seiner staatlichen und bürgerlichen Einrichtung, dem Ufer fremd an dem's vorüberschießt, dicht an dem dunklen Lande hin. Am Ufer drüben grünt's und blüht's, die Blumen duften stärker in der Nacht dort, im traulichen Familienkreis sammeln sich die Glieder um den geselligen Tisch — Hunde bellen — Gänse schnattern und die regelmäßigen Schläge der Axt, die Brennholz in die Küche liefert, tönen noch, selbst durch die Nacht im Takt herüber — Alles fremde Laute, und nicht dieser Welt gehörig, in der die Schürstange die blitzenden Funken zum schwarzen hohen Schlot hinaus gegen den dunklen Himmel jagt, und das Rasseln und Klappern der Maschine, das dumpfe Brausen der Räder, den Sang der Nachtigall vertreten muß.
Weiter — weiter — dort drüben leuchtet ein Feuer am Ufer, von einem Neger geschürt, der hier den Mosquitos zum Trotz die Wache hat. Es ist das ein Zeichen für die Dampfboote daß dort Holz zu verkaufen liegt, und die Landung gut ist, und der Neger, wenn er auf solche Art ein Boot in der Nacht zum Landen bringt, hat einen Viertel Dollar Prämie von seinem Herrn — dafür muß er sich aber den Schlaf selber abstehlen und zündet manches Feuer vergebens an. Die Glocke läutet jetzt, die Heizer werfen die Thüren auf, aus denen eine Gluth herausströmt Blei schmelzen zu machen, und die ihnen oft auf viele Schritte Entfernung die Kleider am Leib versengt, und Blasen in die Haut zieht. Der breite Bug dreht sich dem Lande zu, von dessen Levée aus Hunde klaffen, und Stimmen, auf die Frage von Deck aus, Preis und Art des Holzes herüberschreien. Vorn zu Starbord, ein zusammengerolltes Tau in der Hand, steht ein Matrose zum Wurf bereit, und sobald das Ende nur das Ufer erreichen kann, springen Neger, von denen indessen eine Menge zusammengelaufen, hinzu es zu fangen. Jetzt fliegt es aus, wird gefaßt, in Land gezogen dort in Hast um einen Baum oder Stumpf geschlagen und »hawl in!« tönt der Ruf; diedeckhandsan Bord fassen zu, und holen das Tau zurück an Bord so weit es reicht, es dort zu festigen, Planken werden ausgestoßen und die Bootsmannschaft mit einem Theil der Zwischendeckspassagiere, die ihre Passage billiger bekommen wenn sie sich verpflichten mit Holz zu tragen, strömen hinaus, schichten die einzelnen Scheite der lang aufgestapelten »Korde« auf die Schultern, und eilen damit an Bord zurück.
Wie eigen doch das aussieht — die hellen Feuer die auf der Levée jetzt zu lichter Gluth geschürt werden, daß sie hoch aufflammen und den Platz erleuchten, die neugierigen Gesichter der Neger mit den großen blitzenden Augen und hellen prachtvollen Zähnen, in ihren weißen Jacken und Röcken, Männer, Frauen und Kinder, die den Ort mit einem gewissen Wohlbehagen umdrängen auch einmal weiße Leute arbeiten zu sehn — eben wie Neger; der Verkäufer des Holzes selbst, gewöhnlich der Oberaufseher der Plantage, in lichtgestreifter Jacke und Hose, den breiträndigen Hut auf und das Pferd, von einem der Sclaven geführt, gesattelt hinter sich, mit den wildmalerischen Gestalten der Dampfbootleute, die sich neues Material holen für ihr nächtiges Werk. Rechts davon der stille Frieden des Landhauses mit seinen lauschigen Schatten, links das weißgemalte Boot mit den vielen hellerleuchteten Thüren und Fenstern, den buntgekleideten und gemischten Gestalten auf seiner Gallerie, und den riesig dunklen Schornsteinen, wie es da innerlich kochend und brausend aber festgebunden liegt, und nur mit den Rädern noch langsam, fast wie ungeduldig, gegen die Strömung anarbeitet, einem gefesselten Stier nicht unähnlich der mit den Füßen scharrt, und den Augenblick nicht erwarten kann der ihm wieder den Gebrauch seiner mächtigen Glieder giebt.
Wieder tönt die Glocke! »Alle an Bord« schallt der, den Leuten willkommene Ruf des Steuermanns — was noch am Lande ist und dort nicht hingehört eilt zurück, die Planken werden eingeholt »let go!« das Tau am Ufer losgeworfen, der Bug vom Lande mit langen dazu besonders gehaltenen Stangen abgestoßen, und schärfer schlagen die Räder ein — höher kräuselt die Fluth am Bug; der Koloß ist frei und arbeitet wieder, seine Bahn verfolgend, in den Strom hinaus.
Aber wir müssen uns auch zu dem Inneren des gewaltigen Bootes wenden, denen tausende unserer Landsleute Leben und Eigenthum auf Tage und Wochen anvertrauen, ihr weit im Lande d'rin gelegnes Ziel, sei es, in welchem Staat es wolle, zu erreichen.14
In der Cajüte, einem sehr geschmackvoll eingerichteten geräumigen Salon, der an beiden Seiten seine bequemenstateroomsoder Einzelcajüten für zwei Passagiere zusammen hatte, war die größte Zahl der Reisenden um die lange Tafel versammelt, die in der Mitte stand, und bei den Mahlzeiten zum Eßtisch, später in ihren einzelnen Theilen auseinander genommen, meist zu Spieltischen verwandt wurde. Hie und da hatte sich auch schon ein kleines Spiel arrangirt, und sich drei und drei zu einer Parthie Whist oder Eucre, oder zwei zu einem Schach oder Domino zusammengefunden; die Leute waren aber noch nicht recht bekannt mit einander geworden. Das unbehagliche Gefühl, sich selber fremd an einem Ort zu wissen, den man auf kurze Zeit zu seiner Heimath machen soll, hatte sich noch nicht überwinden lassen, und Manche gingen auch, theils allein, theils in Gesellschaft, in der Cajüte auf und ab, miteinander plaudernd und eben Bekanntschaft knüpfend.
Hopfgarten allein hatte noch eine Zeitlang volle Beschäftigung seine Coye, wie er sich das schon früher gedacht und ausgemalt, ordentlich herzurichten. Einlife preserver(Lebenserhalter) ein großer Ring von luftdichtem Zeug zum Aufblasen, hing vor allen Dingen über seinem Bett; er war dabei so fest überzeugt daß sie auf dieser Fahrt irgend ein —Unglückkonnte er es eigentlich nicht nennen, — aber irgend einen Zufall haben würden, daß er dem Professor schon die bittersten Vorwürfe gemacht hatte, sich nicht besser auf etwas derartiges vorgesehn, und besonders für die Damen die nöthigen Vorkehrungen getroffen zu haben. Außerdem hatte er aber, auch nach anderer Seite hin gerüstet zu sein, einen zweischneidigen Dolch und ein paar Pistolen bei sich, von denen der erste vorn unter seiner Weste, dem Auge verborgen, der Hand aber erreichbar, ruhte. Aber das nicht allein; er führte auch eine kleine Taschenapotheke mit, in der Heftpflaster, Charpie, Wundbalsam etc. etc. einen sehr vorragenden Platz einnahmen; ebenso war er mit Lanzetten, Verbänden, Bandagen etc. versehn, und besaß in der That Alles, einen menschlichen Körper nach allen Arten von Hieb-, Stich- und Schußwunden, Quetschungen, Brüchen etc. etc. wieder soviel nur irgend möglich auf die Beine zu helfen.
Nachdem er dieß nun Alles, soweit sich das hier thun ließ, sorgsam geordnet und zum augenblicklichen Gebrauch bereit gelegt, trat er durch die allgemeine Cajüte auf das vorn liegende Boilerdeck hinaus, wo Professor Lobenstein, die Hände auf dem Rücken, dem Gewirr von Sprachen und Menschen ein klein wenig entzogen zu sein, still und allein spatzieren ging, sich aber nicht besonders wohl darin zu fühlen schien. Unbehaglich dabei war ihm schon die, allerdings sonst höchst wohlthätige Einrichtung an Bord, die Herren und Damen, außer der Tischzeit in abgesonderte Räume verwiesen und getrennt zu sehn.DenHerren allerdings die Damen ihrer Verwandtschaft an Bord haben, ist es gestattet unter Umständen die Damencajüte zu betreten, aber die MengefremderDamenverleideteihm das bald, während es Herrn Hopfgarten den Besuch direkt abschnitt und unmöglich machte. Er konnte sich nur bei dem Professor nach ihrem Wohlbefinden erkundigen, und wie er darüber gute Auskunft erhalten, gingen die beiden Männer, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, eine Weile nebeneinander auf und ab, als Hopfgarten, jedenfalls seinen bis dahin verfolgten Ideeen Worte gebend, plötzlich sagte:
»Aber ich weiß doch nicht — sein Betragen in der letzten Zeit hat mir gar nicht gefallen.«
»Wessen Betragen?« frug der Professor erstaunt.
»Wessen Betragen? Henkels.«
»Aber wie kommen Sie denn jetzt auf Henkel?«
»Sprachen wir denn nicht von ihm?«
»Wir haben nicht daran gedacht; aber wie so — wie verstehn Sie das? sein Betragen in gesellschaftlicher Beziehung da weiß ich doch nicht; er hat sich immer höchst anständig benommen.«
»Oh das dank' ihm der Teufel!« rief Hopfgarten rasch, »nein ich meine sein Betragen gegen seine Frau.«
»Ich habe Nichts bemerkt was mir aufgefallen wäre« sagte der Professor gutmüthig.
»Das ist sehr leicht möglich« meinte Hopfgarten, »auffällig war aber jedenfalls, daß die beiden Leutchen die letzten Tage gar nicht mehr zusammen an Deck erschienen sind, oder wenn es geschah, kein Wort mit einander gewechselt haben. Was ich nicht gleich an Bord bemerkte oder beachtete, ist mir nachher, bei ruhigerem Nachdenken erst wieder ein- und aufgefallen und es muß etwas, kurz vor unserer Landung zwischen den beiden Gatten vorgefallen sein, was sie uns übrigen Passagiere eben nicht wollten merken lassen.«
»Wenn das wirklich der Fall war, so hatten sie da aber auch vollkommen recht« lachte der Professor — »es muß nicht Alles gleich an die große Glocke geschlagen werden, was zwischen Eheleute tritt und sie vielleicht auf kurze Stunden entzweit — das Alles gleicht sich dann bald wieder aus.«
»Ja das ist allerdings richtig« sagte Hopfgarten nachdenkend, »aber die plötzliche Krankheit der Dame dann nachher, das furchtbar bleiche Aussehn — das stille Wesen, sie die noch kurz vorher die lebendigste heiterste Frau unseres ganzen Schiffs gewesen war. Es kam uns nur das Land und die Landung und all das Neue dazwischen, und es thut mir jetzt wahrhaftig leid, nicht noch kurze Zeit in New-Orleans geblieben und der Sache besser auf die Spur gekommen zu sein. — Es war ein gar zu liebes nettes Weibchen,« setzte er nach kurzer Pause, wie mit sich selber redend, hinzu.
»Bah, junge Eheleute haben auch manchmal einen kleinen Tanz miteinander« sagte der Professor kopfschüttelnd, »und wenn das zum ersten Mal kommt, nimmt sich's die junge Frau gewöhnlich um so mehr zu Herzen, weil sie vielleicht bis dahin geglaubt hat, daß so etwas inihrerEhe gar nicht vorfallen könne, und solche Enttäuschung ist immer schmerzlich. Das giebt sich aber bald, und sind nur Gewitterwolken, die um so rascher wieder dem schönsten blauen Himmel weichen müssen.«
»Hm — ja — ich will es hoffen — wenn ich aber nur eine Idee hätte, daß der ManndieFrau schlecht behandelte oder unglücklich machte, wahrhaftig, ich kehrte mit dem nächsten Dampfboot wieder nach New-Orleans zurück und — «
»Und?« — frug der Professor ihn lachend dabei anschauend — »und was wollten Sie dann nachher thun? wie und auf welche Art könnten Sie sich in die Familienverhältnisse irgend eines Hauses mischen?« —
»Ich forderte ihn!« rief Hopfgarten entschlossen.
»Bah« sagte aber der Professor kopfschüttelnd, »damit würden Sie nicht einmal der Frau, noch weniger aber sich selber einen Gefallen thun — sichmitdem Mannfürdessen Frau schlagen, hahahaha, das wäre wahrhaftig nicht so übel. Übrigens« setzte er hinzu, als Hopfgarten mit fest verschränkten Armen finster und schweigend neben ihm auf- und abging »haben Sie sich da nur selber irgend etwas in den Kopf gesetzt, was wahrscheinlich nichts weiter ist als eine Geburt Ihrer Phantasie. Meine Töchter sind doch auch viel mit ihr zusammengewesen, und haben Nichts gemerkt.«
»Sie haben wahrscheinlich noch gar nicht mit ihnen darüber gesprochen?«
»Nein, allerdings nicht.«
»Nun sehn Sie — die Sache geht mir furchtbar im Kopf herum, aber es läßt sich in diesem Augenblick freilich Nichts dagegen thun, und in einigen Wochen denke ich so wieder unten in New-Orleans zu sein.«
»So rasch?«
»Vielleicht etwas später, das kommt eben auf Verhältnis an; jedenfalls werde ich einige Zeit das nördliche Land durchkreuzen und den Mississippi nach verschiedenen Richtungen befahren.«
»Ihrem alten Projekte nach?« lächelte der Professor.
»Zum Theil« lachte Hopfgarten, »aber doch auch in der Absicht das Land kennen zu lernen und dessen Charakter; ich bin deshalb besonders nach Amerika gekommen, und habe mir eben nur ein paar tausend Dollar zu der Reise ausgesetzt — sind die verthan, so gehe ich wieder nach Deutschland zurück.«
»Weshalb ist Herr von Benkendroff eigentlich nach Amerika gegangen?« frug der Professor.
»Gegründete Ursache zu haben über Amerika schimpfen zu können« lachte Hopfgarten — »ich bin fest überzeugt er hat keinen andern Grund. Ich freue mich schon darauf ihn nach einigen Wochen wieder zu sprechen.«
»Sie werden ihn dann aber schwerlich finden, denn er durchreist doch gewiß ebenfalls das Land.«
»Kommt aber auch sicher wieder nach New-Orleans zurück, und hat mir für dort schon seine Adresse gegeben. Doch es wird kühl, wir wollen hineingehen; Sie spielen ja Schach, da können wir uns die Zeit mit einer Parthie vertreiben.«
In dem großen hellerleuchteten Saal herrschte eine angenehme Temperatur; an den verschiedenen Tischen saßen jetzt mannichfaltige Gruppen spielend oder plaudernd, mit einer Flasche Wein oder gemischten spirituösen Getränken zwischen sich; es wurde gelacht und erzählt und das Ganze, mit den dazwischen herumgehenden Aufwärtern die neuen Vorrath von Getränken herbeitrugen, oder gebrauchte Gläser fortschafften, gab der Cajüte fast das Ansehn eines großen geräumigen und sehr eleganten Cafés in irgend einer bedeutenden Stadt — nur daß es über einen Krater gebaut stand, unter dem die Maschine hämmerte, die Räder wirbelten, die Kessel siedeten, und oft schon gerade ein solches sorgloses Stillleben miteinemfurchtbaren Schlag in Tod und Vernichtung geschleudert haben.Eindumpfer Knall — ein Prasseln und Brechen, ein gellender Schrei, und die zerstückten Leichname der fröhlichen lebenslustigen Menschen, die vergoldeten und mit Bildern behangenen, hellerleuchteten Wände flogen zerrissen, zerfleischt, zerstückt hinaus, und der gierige tanzende Strom spielte mit den entsetzlichen Resten.
Aber was thuts? — wir können deshalb nicht langsamer fahren, weil das und jenes Boot einmal seinen Kessel sprengte, und eine Anzahl Passagiere zu früh in die Ewigkeit sandte — auf dieser Fahrt wird es nicht gleich platzen lautet der gewöhnliche Trost der Reisenden, und kaum eine Stunde an Bord, vergessen sie die Gefahr, ja reizen sie wohl sogar noch selbst in dem oft still gedachten, oft laut geäußerten Wunsch, das oder jenes Boot was eben in Sicht vorausläuft, zu überholen. Niemand will auf einem langsamen Dampfer fahren, an die Möglichkeit einer Zerstörung wird kaum noch mehr gedacht, und das Völkchen lacht und plaudert und trinkt und schläft so sicher und ruhigüberdem Vulkan, wie — die buntere, wild gemischtere Schaar, diehinterder Maschine, im sogenannten Zwischendeck ihrLagerim eigentlichen Sinn des Wortes aufgeschlagen.
Was für ein Unterschied zwischen den beiden Plätzen, die nur durch eine Reihe Planken und dünner Balken voneinander getrennt liegen. — Oben Luxus und Bequemlichkeit, Alles vergoldet und tapezirt, mit Teppichen belegt und blank polirt, Licht und Glanz den ganzen Raum durchströmend, und elegant und reinlich gekleidete Leute im behaglichen Bewußtsein ungestörter Ruhe das Alles genießend — unten, nur rohe und unbehobelte Breter zu Verschlägen angeschlagen — Kisten und Koffer überall im Weg, der ja freie Boden von Tabakssaft schlüpfrig gemacht; eine Masse Volk, zusammengewürfelt aus allen Schichten der Gesellschaft, selbst bis zur letzten nieder, und in der letzten gar nicht selten am häufigsten vertreten, durch einander drängend und fluchend und schreiend — Niemand mit einem gewissen Platz, die Wenigen ausgenommen, die zuerst gekommen waren, und einen der Verschläge für sich besetzen konnten. Hier ein Trupp Bootsleute, schon halb betrunken, die vollen Flaschen noch zwischen sich auf einer Auswandererkiste, gleichviel wem sie gehört, die Nacht durchzuschwelgen und zu toben, weil sie doch keinen Platz haben sich hinzulegen; dort ein paar andere bei einem schmutzigen laufenden Talglicht — Privateigenthum — über einen Kasten und ein altes Spiel kaum erkennbarer Karten gebückt. Dort weinende und schreiende Kinder, die von ihren Müttern mit eben so gellender Stimme in Schlaf gesungen werden sollen, und dort drüben ein Bursche, der trotz allem Lärm und Toben, mitten in dem Gewirr ruhig an einem Pfeiler lehnt, und zum Besten seiner Bootsmannschaft, mit der er auf einem Flatboot den Strom herabgekommen, wie aller Anderen die es hören und nicht hören wollen, eine alte wahnsinnige Violine mishandelt.
Ein fast glühender Ofen, in solcher Temperatur gehalten die verschiedenen Töpfe und Geschirre mit Wasser zum Kochen zu bringen, in denen sich die verschiedenen Familien nach der Reihe ihr Abendbrod selber kochen müssen, wird besonders von den Frauen mit rothheißen Gesichtern umlagert, und verbreitet drückende Schwüle und einen fatalen Fettgeruch durch den ganzen, schon ohnedieß vollgedrängten und dunstigen Raum. Eine trübe mattbrennende Laterne wirft zu gleicher Zeit ein unsicheres zuckendes Licht über das Drängen und Treiben unter sich, und das Rasseln und Klappern und Schleifen und Schütteln der dicht daneben befindlichen Maschine donnert den Chor zu dem ganzen Lärm.
Ha was war das? — die hellen reinen glockenähnlichen Töne die da plötzlich das dumpfe Murmeln und laute Schreien, sogar die gellenden Kinderstimmen und scharfen Discorde der Violine überwältigen, und plötzlich aus all dem Wirrwarr herauszittern, sind sie nicht wie Öl in die stürmische See gegossen, dem sich die bäumenden Wellen selber, im Aufruhr der tobenden Elemente schmiegen? Selbst zum Ingenieur, der vorn an den Kesseln steht und eben den Stock gehoben hat die Dampfstärke zu proben, sind sie gedrungen, und er bleibt in der Stellung und biegt den Kopf zurück, dem ungewohnten, fremden Ton zu lauschen — das Toben und Kreischen vorher hatte er gar nicht mehr gehört. Und in dem Zwischendeck selbst — welch wunderbare Veränderung brachte der leise schwimmende Laut. Die Violine schweigt mitten in einer Parodie auf Alles was nur Harmonie und Takt genannt werden konnte, der Spieler vergißt seine Karten zu mischen, die Frauen den siedenden Topf vom Feuer zu nehmen, die schwatzenden, lachenden, singenden, brüllenden Gruppen öffnen sich und drängen, und suchen dem einen Orte zuzukommen. Selbst die Trinker stoßen nur noch ein wildes »Juch!« aus, und horchen der neuen wunderlichen Musik, die jetzt in weichen aber wunderbar harmonischen Tönen gerade aus dem Mittelpunkt des Zwischendecks herüber tönt, und von Niemand Anderem herrührte als unserem alten Bekannten, dem Polnischen Juden Veitel Kochmer.
Mit weiter keinem Gepäck als einem kleinen, mit altem Seehundsfell überzogenen Kistchen, das neben der Holzharmonika alle seine wie des Knaben irdische Habseligkeiten enthielt, hatte sich Veitel Kochmer, der aus Gott weiß welchem Grunde mehr Vertrauen zum Norden gefaßt zu haben schien Geld zu verdienen, oder sich vielleicht auch noch in der warmen Jahreszeit fürchtete ein so heißes Klima für seinen gefütterten Kaftan zu wählen, als New-Orleans um diese Zeit noch war, auf dem ersten besten Dampfer eingeschifft der stromauf ging, und hielt die Zeit jetzt für vollkommen passend, den Grund zu dem in Amerika zu erwerbenden Vermögen zu legen.
Auf einer gerade dort stehenden breitdeckeligen Kiste, die sich vortrefflich zum Resonanzboden eignete, breitete er bei dem Schein eines dazu geborgten Stückchen Lichts, seine Hölzer aus; die Umstehenden, neugierig was der wunderliche Fremde beginnen würde, gaben ihm gern Raum, und Veitel ließ jetzt die ersten Töne erschallen, die mit ihrer wunderbaren aber doch durchdringendenWeise, bis in die entfernteren Räume drangen, nur erst einmal die Aufmerksamkeit der Passagiere auf sich zu lenken. Das gelang ihm auch vollkommen, und von allen Seiten ergingen jetzt Aufforderungen an ihn zu spielen, und sein Instrument hören zu lassen. Veitel Kochmer war aber nicht der Mann der etwas umsonst gethan hätte, wo Aussicht auf Gewinn sich zeigte; so also einen Landsmann, den er sich schon unter den Passagieren aufgefunden und der vollkommen gut englisch sprach, in der Geschwindigkeit eine große Geschichte aufbindend, erzählte er ihm, daß er, der Musikus, ein armer eingewanderter Pole sei, der den politischen Verfolgungen in Europa entflohn, im Canal Schiffbruch gelitten und fast Alles verloren habe was er sein nannte, und nun gezwungen wäre sein Brod in dem neuen Vaterland, dem Lande der Freiheit, mit Musikmachen zu verdienen. Der Deutsche mußte das den Amerikanern übersetzen und hinzufügen, der arme Mann habe nur sein Instrument gestimmt und in Ordnung gebracht, und wolle damit, wenn es der Capitain erlaube, in die Cajüte hinauf gehn, um sich dort bei den Cajütspassagieren ein paar Dollar einsammeln zu können.
»Verdamm die Cajütspassagiere!« rief aber da Einer der Bootsleute dazwischen, der, die Taschen voll Geld von verkaufter Ladung, sich in seinem Stolz gekränkt fühlte, weniger gelten zu sollen als die »Swells« — »wir haben hier ebenso viel Geld wie die da oben, wenn nicht noch mehr, ob wir gleich im Zwischendeck fahren; sind eben so gutgentlemenwie die »fine folks« in der Cajüte, und wenn Musik eben für Geld zu haben ist, können wir's gerade so gut bezahlen.«
»Ja wohl, ja wohl!« schrieen Andere dazwischen, froh irgend etwas zu haben, ein paar Stunden der langweiligen Nacht zu vertreiben »spiel auf Pole, spiel auf, und wasdieDir da oben geben, geben wir Dir auch.«
Veitel Kochmer verlangte gar nicht mehr; die Cajüte lief ihm überdieß nicht weg, und er war gern bereit dem allgemeinen Verlangen zu willfahren. Der Knabe trat jetzt ebenfalls an seinen Platz, und die Zwischendeckspassagiere jauchzten und jubelten, als sie die merkwürdig reinen Flötentöne des Kindes hörten, wollten es auch im Anfang gar nicht glauben daß er es mit der Stimme allein mache, und drängten sich dicht um ihn her, und sahen ihm starr in's Gesicht, ob er nicht doch noch eine heimliche Flöte irgendwo versteckt habe. Die Sammlung fiel dabei viel reichhaltiger aus, als der Alte je gedacht haben mochte; Viertel Dollar regnete es von allen Seiten und Veitel füllte seine ganze Tasche mit Silber. Nach der Sammlung mußte er aber wieder spielen, und die Bootsleute besonders, die den Ton hier anzugeben schienen, verlangten jetzt auch ihnen bekannte Lieder, wie LordHowes hornpipe, Washingtons Marsch, Napoleons Retirade,the star spangled bannerund besonders denYankee doodle. Die Melodieen kannte aber der Alte nicht, und ein langer Yankee setzte sich vor ihn hin auf eine Kiste, spitzte den Mund und begann ihm die einzelnen Melodieen vorzupfeifen.
Die Unruhigsten der Schaar fingen aber schon an sich über das viele Musiciren, das ihnen überhaupt nicht laut genug war, und dessen fremden Melodieen sie, wie sie sich ausdrückten, »nicht verstanden«, zu ärgern und langweilen, und wie der Yankee die ihnen bekannten Weisen zu pfeifen begann, stimmten sie, jeder nach seiner eigenen Tonart, mit ein. Nicht einmal den Beginn eines ganz anderen Liedes respektirten sie dabei, und nach kaum einer Viertelstunde wogte ein Gewirr von Mistönen durch den Raum, daß der alte Polnische Jude sein Instrument in Verzweiflung einpackte und wegstellte.
Ein neuer Lärm, der am anderen Ende des Decks stattfand, lenkte aber auch die Aufmerksamkeit der Leute wieder nach anderer Richtung. Zwei Irländer waren sich über ihr Kartenspiel in die Haare gerathen, der Eine sollte betrogen haben und suchte jetzt seine Unschuld dem Andern mit der Faust zu beweisen; das aber war ein Spiel was dieser auch verstand, und die beiden stämmigen Burschen flogen in voller Wuth gegeneinander an, bald mit ordentlichem Boxen, wobei sie einander die Augen schwarz schlugen, bald wieder in einander gehakt mit Armen und Beinen, daß ihre Köpfe gegen Pfeiler und Kistenecken anschlugen, den Kampf zu entscheiden. Die Weiber kreischten, die Kinder schrieen dazu und die Männer jauchzten und jubelten, brüllten Hurrah und klatschten in die Hände.
Der Eine von ihnen bekam die Sache aber, da sich Niemand weiter hinein mischte, doch endlich satt, und schrie »genug!« wonach ihn sein Gegner für vollständig überzeugt hielt, und wurde von seinen Freunden halb besinnungslos fortgeschleppt; der Andere aber erging sich in seiner Freude in allerlei ungewöhnlichen Capriolen, schlug sich mit den flachen Händen auf die Lenden, krähte wie ein Hahn, sprang dann in tollem Übermuth im Deck herum, und bot Jedem der »gentlemen« fünf Dollar, der sich mit ihm prügeln wollte. Es dauerte lange ehe der, von Whiskey halbtolle Mensch konnte beruhigt und zu Ruhe gebracht werden. Der Abend war aber indessen auch weit vorgerückt, das Holztragen vorüber, und die Passagiere mußten daran denken Plätze zu suchen, wo sie sich für die Nacht nur einiger Maßen unterbringen konnten.
Viele hatten sich das weit leichter gedacht als es sich auswieß; die unverhältnißmäßig wenigen Coyen, da ein Dampfbootcapitain an Zwischendeckspassagieren aufnimmt was er eben bekommen kann, waren sämmtlich besetzt und in Beschlag genommen, die einzelnen Kisten zu kurz sich darauf auszustrecken, und der Boden selber so von Tabakssaft der kauenden Amerikaner verunreinigt, daß selbst ein solches Lager zur Unmöglichkeit wurde. Manche krümmten und rollten sich doch noch auf Kisten und Koffern, oft in den verdrehtesten Stellungen zusammen, Andere kauerten sich in eine Ecke, und suchten auf diese Art der Nacht eine Stunde Schlaf abzupressen. Wer so glücklich war irgend eine Art Rücklehne zu finden, setzte sich auf was er eben kam, und ein Theil versuchte sogar mit Auf- und Abgehen in dem vollgedrängten Deck die Nacht hinzubringen, mußte das aber bald aufgeben, und drückte sich nun in dem Maschinenraum auf dort aufgespeicherte Zuckerfässer, oder selbst auf dieguardshinaus, trotz der feuchten Nachtluft, wo der Zimmermann des Bootes eine Hobelbank stehen hatte, und die beiden Plätze, darunter und oben drauf, den vollen Werth einer Coye bekamen. Es war ein entsetzliches Gewirr von Gliedmaßen, das hierdurch, über- und ineinander lag.
Ein paar deutsche Familien, und unter ihnen die mit der Haidschnucke erst nach New-Orleans gekommenen Webersleute, hatten sich, so gut das gehen wollte, in die eine Ecke ihre Kasten zusammengerückt, wenigstens für die Frauen und Kinder einen in etwas geschützten Ort zu bekommen, und unfern von ihnen kauerte auf seinem kleinen Kistchen, den Knaben zu seinen Füßen, an einer Stelle, von der sie erst eine größere Kiste weggeschoben, Veitel Kochmer. Das an dem Abend eingenommene Geld hatte Veitel aber in einen leinenen Beutel gesteckt, und in eine Seitentasche seines Kaftans geschoben, die neben ihm ihrer Schwere wegen, mit auf dem Kistchen stand. Nicht vermeiden ließ es sich dabei, daß mehre der anderen Passagiere dicht um ihn herum ihren Platz nahmen, wie es der Raum gerade gestattete, und kaum ein wild gemischteres Bild ließ sich auf der Welt denken, als dieß Deck mit seinen bunt und toll zusammengewürfelten, halb liegenden, halb kauernden, über und durch einander gestreckten Gestalten, über welche das matte Licht der Laterne nur seinen ungewissen zitternden Schein warf, und hie und da dichte Schatten ließ, aus denen in der und jener Ecke ein paar Beine oder Arme, oder ein unnatürlich zurück gebeugter Kopf hervorschauten.
Es war indessen, im so schrofferen Gegensatz zu dem früheren Toben, still und ruhig hier geworden; nur hie und da tönte das regelmäßige Schnarchen eines der Glücklichen vor, die eine Coye erbeutet hatten und auf dem Rücken, wenn auch auf harten Planken, doch ausgestreckt liegen konnten, und Brust und Lunge frei behielten. Auch ein leise gemurmelter, aber darum nicht minder herzlich gemeinter Fluch theilte da und dort die Lippen Einer der ineinander gekrümmten Gestalten, wenn sich der Gegenmann oder Antipode im Schlafe streckte und ihm vielleicht mit den rauhen Füßen über Gesicht oder Brust fuhr. Die Maschine allein klapperte und schleifte dabei regelmäßig fort und der Ingenieur, der mit der Öllampe daran herumging, die einzelnen Gelenke derselben anzufeuchten, schien das einzige lebendige, bewußte Wesen in dem ganzen unteren Raum.
Philipp, der Knabe des Polen, war nach der Anstrengung des Abends fest eingeschlafen und lag, halb zurück an den Vater gelehnt, mit weit nach hinten gebeugtem Kopf und offenem Mund, die bleichen schönen, aber jetzt verzerrten Züge von der Laterne matt beleuchtet, da, und der Alte saß, den Kopf auf seinen schmutzigen Kaftan vorn stützend, in unruhigem Schlummer, in dem er auf- und niedernickte und das schwere, von seinem Hut voll beschattete Haupt bald auf die, bald auf jene Seite sinken ließ.
Zu seiner Rechten kauerte eine, in ein blaues kurzes Oberhemd, wie es die Bootsleute trugen, gekleidete Gestalt, deren Gesicht von einem breiträndigen Hut ebenfalls ganz bedeckt wurde. Halb über sich herüber, wenigstens die linke Schulter und einen Theil der Brust bedeckend, hatte der Mann einen alten hellen, aus einer wollenen Decke zugeschnittenen Rock, gleichsam als Schutz gegen die frischere Nachtluft gezogen, obgleich es in dem untern Deck noch warm genug war, das entbehren zu können, und auch er schien zu schlafen, und im Schlaf eben mehr und mehr, wie um ein bequemeres Lager zu bekommen, sich an seinen Nachbar anzulehnen. Der Pole, dem das unbequem wurde, sträubte sich im Anfang dagegen, aber in solchem Fall hören alle Rücksichten auf, und der schläfrige Gesell, drei, vier Mal angestoßen, knickte doch immer, so wie er wieder in Schlaf kam, nach seinem etwas höher sitzenden Nachbar hinüber, der ihn zuletzt mußte gewähren lassen, oder auch selber endlich darüber einschlief.
Aber der Bursche schliefnicht,denn unter dem breiten Rand des Hut's heraus blitzten von Zeit zu Zeit ein paar kleine stechende Augen scheu und forschend hervor, überflogen wie suchend den weiten Raum, und hafteten dann wieder mistrauisch und prüfend an der ruhigen Gestalt des Polen. Nach und nach, aber so langsam und allmählich, daß es kaum zu erkennen war, brachte er dabei den rechten Arm mehr und mehr unter seinen übergeschobenen Rock, und die kaum sichtbare aber geschäftige Thätigkeit seines Ellbogens verrieth, daß er ihn nicht nur zum Ausruhen dort hingehoben habe.
Veitel Kochmer nickte und schwankte indessen im Schlaf herüber und hinüber, als er auf einmal, den Kopf auf die Brust gesenkt, den rechten Arm an seiner Seite herunter hängend, daß der Ellbogen jedoch leicht auf dem Beutel mit Geld auflag, oder ihn wenigstens berührte — still und regungslos sitzen blieb. Seinem Nachbar, der jedenfalls ein bedeutendes Interesse dabei hatte ihn in Schlaf zu halten, mochte das verdächtig vorkommen, denn auch er rührte von diesem Augenblick kein Glied mehr, und athmete schwer und regelmäßig, ja schloß selbst unbewußt die Augen unter dem tiefen Schatten des Hutes, als ob das hätte sein Athmen bekräftigen können. So mochten die Beiden wohl etwa zehn Minuten gesessen haben, und kein Laut sonst als die schon vorerwähnten hatte die Stille bis dahin unterbrochen, da fing Veitel wieder an mit dem Kopf zu nicken, schwankte erst etwas rechts, dann etwas nach links hinüber, lehnte den Kopf zurück an das Mittelbret der hinter ihm befindlichen Coye, und fing an leise zu schnarchen. Aber der Bursche an seiner Seite traute dem Frieden noch immer nicht, und den eignen Kopf langsam emporhebend, wie in tiefem Schlaf unbewußt nach einer bequemeren Stellung suchend, blinzte sein Auge scheu nach dem bleichen bärtigen Angesicht des Nachbars auf. Das aber lag regungs- und ausdruckslos an der Bretwand an, und mit dem Drängen der Zeit, denn jeden Augenblick konnte irgend ein Lärm die Schläfer wecken, begann der bis dahin ruhig gebliebene Arm seine Thätigkeit wieder.
Wie die Maschine so still und ruhig mit ihren gewaltigen Armen und Hebeln hämmerte — wie dasflywheelschlug und schwirrte, und das Rauschen der mächtigen Räder, mit den rasch und regelmäßig einschlagendenbucketplanks15zum Takt dazwischen die Wellen peitschte, und sie schäumend hinter dem Boot hinauswarf. Wie so ruhig der Strom da draußen lag, daß man das Murmeln selbst der kleinen Wogen hören konnte, und die schlummernden Gestalten hier im Deck, von dem schon halb verlöschten Lichte der Laterne kaum noch beleuchtet, so ruhig und friedlich schliefen, als lägen sie daheim in ihren weichen Betten, und nicht über Kistendeckel und Fässer, Körbe und Schachteln hin, mit eingezwängten Gliedern. —
»Diebe! Mörder! Diebe!« ein gellender, kreischender Aufschrei schmetterte durch das Zwischendeck die Schläfer wach, und jagte sie, fertig angezogen wie sie ringsum lagen, so rasch empor, als ob sie von einem Zauberstab berührt, aus dem Boden heraufgesprungen wären.
»Hallo! wer ist todt? — wo brennts? — aufgeblasen — beiGott!« schrieen verschiedene Stimmen, von denen einzelne schon befürchteten, daß dem Boot irgend ein Unglück zugestoßen sei, wild und erschreckt durcheinander.
»Diebe — Mörder! Diebe — Diebe!« dröhnte aber Veitel Kochmers Stimme in gutem Polnischen Deutsch unverdrossen und gellend dazwischen, und die noch halb Schlaftrunkenen sahen wie der Mann mit dem wunderlich spitzen Bart und dem langen seidenen Rock, den sie schon vorher unten mit einer Frau, und oben mit einem Affen verglichen hatten, einen Andern, der sein Möglichstes versuchte von ihm wegzukommen, beim Rockschoß gefaßt hielt und die Hülfe der Übrigen anrief. Allein war er aber nicht im Stande den Mann länger im Griff zu behalten, und ehe die Übrigen sich besinnen und zuspringen konnten, riß der seinen Rockschoß aus dem krampfhaften Griff des Polen, und wollte mit einem Satz hinaus auf die offenen und vollkommen dunklenguardsdes Bootes springen, als sein Fuß in einem der anderen Schläfer, die hier queerüber der Passage lagen, hängen blieb, und er der Länge nach, mit einem lauten Aufschrei niederschlug. Im nächsten Moment hatten sich auch ein paar stämmige Kentuckier, die unfern von dort ebenfalls gelegen und jetzt aufgesprungen waren, über ihn geworfen und hielten ihn fest, und während er mit Armen und Beinen um sich schlug und austrat, schrie Veitel in einem fort, und ohne irgend eine der von allen Seiten an ihn gerichteten Fragen zu beantworten, »mein Geld — mein Geld — Gott der Gerechte mein Geld!«
»Aber zum Donnerwetter was ist los? — was brüllt der Bursche hier? — was hat der da verbrochen?« schrieen die Amerikaner durcheinander, die wohl eine undeutliche Ahnung haben mochten was geschehen sei, die Sache aber auch genauer erfahren wollten, und von dem Schreien des deutsch Redenden keine Sylbe verstanden.
»Mein Geld — mein Geld!« brüllte aber Veitel und warf sich über den Gefangenen, seine Hände und Taschen zu untersuchen, während sein früherer Dolmetscher den Übrigen die gerufenen Worte übersetzte. Alles drängte jetzt gegen den Gefangenen an, vor allen Dingen dascorpus delictizu finden, und den Verbrecher dadurch zu überführen; dieser aber hatte sich indessen, von den ihn Umdrängenden jedoch noch immer festgehalten, wieder aufgerichtet, und fing nun auch seinerseits an eine eigene Meinung über die Sache zu bekommen.
»Was, im Namen von Hölle und Verdammniß habt Ihr mit mir?« schrie er mit lauter trotziger Stimme, »seid Ihr toll oder betrunken, daß Ihr einen Menschen, den die verrückte Bestie von einem Halbaffen da aus dem Schlafe geschrieen, überfallt und festhaltet, als ob er irgend etwas verbrochen hätte? Was wollt Ihr von mir, was soll ich — weshalb preßt Ihr mir die Arme zusammen, als ob sie von Eisen wären — wer zum Teufel hat ein Recht mich so zu behandeln?«
»Nur ruhig,honey!« rief ihm aber Einer der Irländer, der jetzt seinen Rausch so ziemlich ausgeschlafen hatte, freundlich zu, »nimm's nur kaltblütig mein Herzchen, und wenn Du's nicht kaltblütig nehmen kannst, nimm's doch so.«
»Was wollt Ihr? — weshalb haltet Ihr mich? weil der verrückte Schuft da im Schlafe brüllt? — Da, such, was willst Du von mir, Canaille,ichhabe Nichts.«
»Mein Geld! mein Geld!« schrie aber der Israelit, mit zitternden Händen an dem Mann, freilich vergebens, herumfühlend — »er hat mein Geld gestohlen.«
Die nächsten Minuten war es kaum möglich ein weiteres Wort zu verstehn; Alles schrie, tobte, lachte und fluchte durcheinander, und der Ingenieur verließ seine Maschine, die Mannschaft vorn ihre Posten, und was noch wach an Bord war, drängte nach dem Zwischendeck zurück, zu sehn und zu hören was es da gebe. Veitel Kochmer war aber in der Zeit auch nicht müßig gewesen, und das Geld nicht an dem vermeintlichen Dieb findend, suchte er dort, von wo dieser aufgesprungen, und fand da den Sack auf der Erde liegen, mit einem kleinen scharfen und geöffneten Federmesser dicht daneben; rasch an seinen Kaftan fühlend entdeckte er dort zugleich einen breiten Schnitt, der diesen mit der Tasche vollständig offen gelegt, und sogar noch in den leinenen Sack hineingeschnitten hatte, so daß die Thatsache selber Allen, die ihn beim Suchen unterstützten, klar genug wurde. Der Mann mit dem blauen Überhemd leugnete aber Schnitt und Messer ab, wie überhaupt irgend etwas von dem Juden oder seinem Geld zu wissen; er habe dagesessen und fest geschlafen, und sei durch das Brüllen seines Nachbars aufgeschreckt worden, ja im Anfang der Meinung gewesen die Kessel wären geplatzt, und nur im Instinkt der Selbsterhaltung aufgesprungen.