»Geschäft? — wir sind Bauern.«
»Bauern? — hm, das ist allerdings schon schwieriger, aber für eine Weile könntet Ihr auch schon einmal was anderes angreifen. Wenn der Mensch Lust hat geht Alles.«
»Hier werden wir auch wohl noch gefragt werden ob wir Lust haben« brummte der Erste wieder.
»Aber wo ist die Arbeit zu kriegen?« frug jetzt eine der Frauen, »lieber Gott wir wollen ja gerne arbeiten, wenn wir nur für uns und die Kinder Brod haben.«
»Brod?« lachte der Fremde, »um Brod allein wird man auch hier eine Hand regen — wenn nicht Fleisch und Gemüse und Kaffee wie das sonst Nöthige dabei ist, soll's der Henker holen; für Brod allein würden wir hier wenig Arbeiter bekommen. — Aber hier auf der Straße könnt Ihr doch nicht liegen bleiben« setzte er dann hinzu, indem er seine Uhr aus der Tasche nahm und nach der Zeit sah; »es ist jetzt eben halb zwölf, wenn Ihr Euch dazu haltet, könnt Ihr noch gerade zum Mittagsessen im Gasthaus sein.«
»Mittagsessen« seufzte aber eine der Frauen — »die paar Groschen die wir noch haben, dürfen wir nicht für Mittagessen hinauswerfen, wer weiß ob nicht Einer von uns krank wird in dem fremden Land, und dann brauchen wir sie nöthiger.«
»Ja krank — jetzt wird Niemand hier mehr krank« lachte der Deutsche, »jetzt haben wir hier die gesunde Zeit, da ist's in New-Orleans besser wohnen wie in New-York. Aber Ihr braucht kein Geld um in ein Wirthshaus zu gehn.«
»Na, umsonst werden sie uns auch nicht hier füttern.«
»Nein — das würdet Ihr auch gar nicht verlangen« sagte ihr neuer Freund ganz unbefangen, »aber Ihr geht ganz einfach in das erste beste Gasthaus, stellt Eure Sachen dort ein, eßt und trinkt was Ihr braucht, und zahlt so bald Ihr könnt. Glaubt Ihr denn nicht daß so etwas alle Tage hier vorkommt?«
»Ja aber wo würden sie uns denn da so aufnehmen?« frug der Mann verwundert.
»Wo? ich sage Euch ja im ersten besten Gasthaus — ich gehe mit Euch die nächste Straße hinunter, und ich wette wir sind noch keine tausend Schritt gegangen, so seid Ihr zu Haus und könnt Euere Beine unter einen gedeckten Tisch strecken.«
»Du, das ist Einer von denen wo sie uns in Deutschland von erzählt haben« flüsterte der eine dem anderen Bauer zu, »daß sie den Deutschen auflauern und sie seelenverkaufen.«
»Schaafskopfverkaufen hätte ich bald gesagt« brummte aber der Andere eben so leise — »ein gedeckter Tisch wird unseren Seelen wahrhaftig keinen Schaden thun — ich glaube nur nicht daß er's kann.«
»Aber wenn es nun doch Einer von denen ist, die einem armen Auswanderer auch das Letzte abjagen was er mitgebracht hat?«
»Und was soll erunsdenn etwa abjagen, unser Geld? — da wird er sich schneiden, und unsere Sachen? — die dürfen sie uns nicht nehmen, das leidet die Regierung nicht.«
»Ja die Regierung wird sich was d'rum kümmern« meinte der Erste wieder.
»Na adieu Ihr Leute« sagte der Mann jetzt, indem er sich den Hut etwas fester in die Stirn drückte, und sich abdrehte, als ob er gehen wollte, »ich sehe es gefällt Euch hier auf der Levée, und hier in Amerika kann Jeder thun was er will; hier sind wir Alle freie Leute.«
»Aber warten Sie doch nur noch einmal einen Augenblick« rief die eine der Frauen ängstlich und besorgt — »lieber Gott, wenn Sie uns Arbeit verschaffen könnten, die wollen wir ja doch gar so gerne haben; sagen Sie uns nurwie.«
»Ja Kinder aus dem Ärmel kann ich sie auch nicht schütteln« lachte der Fremde, »aber ich habe eine Menge Bekannte hier, die viel Leute brauchen, und am liebsten Deutsche anstellen, und wenn Ihr Euch eben, wie ich das wohl glaube, keiner Arbeit scheut, so sollt Ihr da bald untergebracht sein, und zwar nicht etwa wie in Deutschland mit sechzehn oder achtzehn Thaler Lohnjährlich, und einer Kost die man hier kaum seinen Schweinen vorwerfen würde, sondern mit drei Mal Fleisch täglich, wie es überall Sitte ist, und mit Kaffee Morgens und Abends Thee.
»Und da sollen wir so lange in das Wirthshaus gehn?«
»Wenn Ihr lieber hier auf der Levée sitzen bleibt kann's mir auch recht sein« lachte der Mann, »wenn Euch aber Euere Kinder hier krank werden, könnt Ihr einem Doktor eben so viel bezahlen nach ihnen zu sehn, wie Ihr in Deutschland das ganze Jahr verdient habt — nachher ist Euer Geld gut angelegt. Aber wie gesagt, Jeder thut hier was ihn freut. Ich will mich aber doch für Euch nach Arbeit umsehn, und wenn Ihr hier bleiben wollt, so komme ich morgen oder übermorgen wieder her, und sage Euch Antwort.«
»Darf denn einmal Einer von uns mit Ihnen gehn?« frug da der Erste wieder, »daß wir nur erst einmal den Platz finden wo sie uns aufnehmen, denn unsere Sachen möchten wir nicht in Versatz geben; man weiß nachher nicht wie's wird.«
»Aber Euere Sachen müßt Ihr doch unter Dach und Fach bringen« lachte der Mann, »seid Ihr närrische Burschen! die könnt Ihr doch nicht derweile vor die Thür setzen, und wenn Ihr eine ganze Woche alle zusammen im Wirthshaus läget, zahlte die nächste Woche Arbeitslohn Euere sämmtlichen Schulden.«
»Und was bekommt man hier den Monat?«
»Das geht hier nicht Monatweis, das geht nach dem Tag; die Leute die an der Levée und auf den Dampfbooten arbeiten, bekommen einen Dollarpr.Tag.«
»Ja, aber da brauchen sie Niemanden mehr.«
»Seid Ihr überall an der Levée gewesen?« frug der Mann, »die Levée ist wohl sieben englische Meilen lang.«
»Überall wohl nicht, aber doch anvielenPlätzen.«
»Nun ja,vielen, das will Nichts sage; nein ich werde Euch gleich einedray29wie man hier sagt, oder einen Güterkarren besorgen, Euere Sachen in die Stadt zu schaffen, und dann sind wir in zehn Minuten untergebracht.«
»Oh dazu brauchen wir keinen Karren« riefen aber die beiden; »die packen wir auf und tragen sie selber, wenn's weiter Nichts ist — die Frauen tragen die zwei da, und wir die hier, mein Junge bleibt bei den Übrigen zurück und die holen wir dann nachher.«
»Gut, wie Ihr wollt; aber Leute das muß ich Euch gleich sagen, lange Zeit kann ich hier nicht mehr stehn bleiben, denn ich habe noch viel zu thun, und hier schon mehr Zeit versäumt als ich vor meiner eignen Familie verantworten möchte. Wir haben hier ein Sprichwort in Amerika »Zeit ist Geld« und das werdet Ihr wohl noch ebenfalls kennen lernen.«
Es bedurfte übrigens keines weiteren Zuredens von seiner Seite, denn den armen Teufeln, die sich noch vor wenigen Minuten vor Hunger und Noth gefürchtet hatten, stak der versprochene gedeckte Tisch jetzt im Kopf, auf dem sie im Geist jetzt schon alle geträumten Herrlichkeiten der neuen Welt aufgestapelt sahen, und nach kurzer Berathung untereinander griffen sie ihre großen, mit eisernen Henkeln versehenen Koffer auf und baten den Fremden, hinter dem sie gleich darauf herkeuchten, ihnen den Weg zu zeigen.
Sie hatten nicht weit zu gehn; gleich die nächste Straße hinauf, die nach der Vorstadt Lafayette hineinlief, über die zweite Queerstraße hin, leuchtete ihnen schon von fern ein großes weißes Schild entgegen, auf dem mit großen schwarzen Buchstaben die Worte »Deutsches Gasthaus zum deutschen Vaterland« standen.
»Dort ist gleich ein deutsches Wirthshaus; wollen wir anfragen?« frug sie ihr Führer.
»Ja wenn Sie glauben« meinte der eine Oldenburger.
»Eins ist so gut wie das Andere,« sagte Jener achselzuckend — »setzt nur erst einmal Euere Kiste vor die Thür, und wir wollen hinein gehn und mit dem Mann sprechen; nachher könnt Ihr ja dann noch immer thun was Euch gut dünkt.«
Dagegen ließ sich Nichts sagen, und die Männer betraten gleich darauf einen kleinen, ziemlich engen Saal, der als Schenkzimmer benutzt und durch einen etwas schmutzigen weißen Vorhang von dem nächsten Gemach, in dem sie viele Stimmen hörten, getrennt wurde. Ein Schenktisch war hier an der einen Seite aufgestellt, auf dem eine Masse umgedrehte leere Gläser und einige kleine Flaschen standen, während dahinter, auf langen Regalen, drei oder vier Reihen mit verschiedenen Spirituosen gefüllte gläserne Karaffen geordnet und mit dazwischengelegten Orangen und Citronen verziert waren. Hinter dem Schenktisch, oder der »bar« wie ein solcher Platz in Amerika genannt wird, stand ein junger stämmiger Bursche von vielleicht fünf oder sechs und zwanzig Jahren, mit glatt zurückgekämmten blonden Haaren, fast auffallend großen Ohren, stieren, aus dem Kopf ordentlich herausstehenden blauen Augen, und einem sehr runden, halb geöffneten Mund, was ihm ein sehr erstauntes überraschtes Aussehn gab, sonst aber so leicht und bequem an- oder vielmehr ausgezogen, wie das nur irgend möglich war. Er trug Sommerhosen und Weste, aber weder Rock noch Jacke, und die Hemdsärmel bis hoch über die Ellbogen aufgekrempelt, wobei er die sehnigen muskulösen Arme auf dem Schenktisch, etwas weit auseinander, aufgestemmt hatte, und mit vorgebeugtem Körper die Neuangekommenen gerade so anstarrte, als ob er sich nur erst einen von ihnen aussuchen und diesem dann augenblicklich auf den Hals springen werde.
»Hallo Jimmy« rief der Fremde in ziemlich vertraulichem Ton, als er zwei von den Männern, die verlegen an der Thür stehn blieben, hier eingeführt hatte — »wie gehts Mann, immer noch frisch und munter?«
»Ja wohl Schentelmen« sagte Jimmy, drei frische Gläser auf dem Tisch umdrehend und die Frage etwa so beantwortend, als ob sich der Mann erkundigt hätte ob er noch etwas zu trinken habe — »was Ihr Herz begehrt — was solls sein?«
»Nun ich nehme einen Gin cocktail«30sagte der Führer — »und was trinkt Ihr, Leute? — kommt nur herein, das geht jetzt in Einem hin, und trinken müssen wir doch.«
Die Deutschen bedurften erst noch einer Nöthigung, während sie der Ausschenker oderbarkeeper,wie diese Leute sämmtlich heißen, mit immer höher steigendenAugenbrauenund immer stierer werdenden Augen, ohne einen Blick von ihnen zu verwenden, anstarrte. Endlich entschlossen sie sich nach einem Glas Bier zu fragen, das sie durch eine ihnen merkwürdig erscheinende Vorrichtung aus einem Zinnrohre eingeschenkt bekamen, das mit einem niedergebogenen Schlauch versehn aus dem Schenktisch auflief, und durch ein hinter demselben angebrachtes Pumpwerk aus dem Keller, oder wenigstens dem in die Erde gegrabenen Faß herauf, gespeißt wurde.
»Nun Jimmy trinkst Du Nichts?« sagte der Fremde.
Illustration Capitel 9Capitel 9.Click toENLARGE
»Thank you«31sagte Jimmy, füllte sich in ein Glas ein paar Tropfen Brandy, und goß es auf einen Schwung hinter, fuhr dann mit den geleerten Gläsern blitzschnell unter den Schenktisch in einen dort angebrachten Kübel mit Wasser, schwenkte und trocknete die Gläser, die wieder auf ihren alten Platz kamen, und seinen Händen dann eine gleiche Gefälligkeit erweisend stemmte er die Arme wieder wie vorher auf den Tisch und sagte:
»Two bits!«32
Der Fremde rief ihm aber auf Englisch ein paar Worte zu, welche die Auswanderer nicht verstanden und derbarkeeper,der sie jetzt noch viel stierer ansah als vorher sagte plötzlich.
»Hier boarden?«
»Die Leute verstehn noch kein Englisch Jimmy, und wissen nicht was boarden ist —wohnenwollen sie hier allerdings — habt Ihr Platz?«
»Lots« lautete die lakonische Antwort.
»Gut, dann zeigt ihnen einen Platz wo sie ihr Gepäck unterbringen und wohin wir die Frauen mit den Kindern schaffen können — wie viel macht es die Wocheà person?«
»Drei Dollar ohne Bitteres — «
»Unsinn, Bitteres, wenn sie trinken wollen zahlen sie's apart; sie werden auch schwerlich eine Woche hier sein, sondern gleich auf Arbeit gehn — hier Nichts im Hause, Jimmy?«
»Arbeit?« lachte der Barkeeper mit einem breiten Grinsen wobei ihm die Augen fast aus dem Kopf herausfielen — »wir sind froh daß wir selber Nichts zu thun haben.«
»Nun macht Nichts, wollen das schon besorgen — Also schafft die Sachen nur hier herein, der Mann da wird Euch gleich eine Stelle zeigen, wohin Ihr sie bringen könnt, und Jimmy, seid so gut notirt es Euch — sieben Personen« setzte er dann auf Englisch hinzu »und die vier Kinder können wir zwei rechnen.«
»Alles in Ordnung Mr. Messerschmidt« antwortete ihm derbarkeeperebenso — »doch Alles sicher?«
»Alles — « sagte der Mann, der sich der Deutschen so freundlich angenommen, und dann sich wieder in ihrer Sprache zu ihnen wendend, setzte er hinzu — »Euere Tochter da, werde ich wahrscheinlich selber bei einer entfernten Verwandten von mir unterbringen können, darüber bringe ich Euch aber erst morgen Antwort; unter der Zeit laßt es Euch übrigens wohl sein und macht's Euch bequem. Ihr habt hier ein eben so gutes Recht zu wohnen wie jeder Andere und bezahlt eben so gut dafür, ob nun das gleich baar auf den Tisch oder erst in drei oder vier Wochen ist, bleibt sich ganz gleich. SogoodbyeJimmy — adieu Ihr Leute — ich werde morgen einmal wieder nachfragen wie es Euch geht.«
Der Mann verließ mit einem freundlichen Kopfnicken gegen die Leute das Schenkzimmer, und die Oldenburger, von dem Barkeeper dazu angewiesen, vor dem sich die Kinder aber fürchteten, weil er ihnen heimlich Gesichter schnitt — schafften bald ihre großen hölzernen Koffer mit Geschirr und Allem, seitwärts von der Hausthüre über einen engen Hof, eine schmale wacklige Stiege hinauf und in ein kleines Käfterchen, das der Mann ein Zimmer nannte, und wo fünf Betten so dicht neben einander aufgestellt waren, daß sie auch eben so gut als eines gelten konnten. In die mittelsten mußte man auch in der That über die beiden Eckbetten hin oder über ihre Fußenden hinübersteigen.
Ungemüthlich genug sah der Platz ohne dem aus; die Betten waren noch nicht einmal gemacht, und das Bettzeug sah gelb und gebraucht aus, mit kleinen Blutflecken hie und da wie gesprenkelt, ein böses Zeichen vorhandenen Ungeziefers. Die Fenster waren ebenfalls seit Jahren nicht gewaschen, und die Spinnweben füllten die Ecken mit ihren Generationen. Zwischendeckspassagiere sind aber in der Art gerade nicht eigen, und an solche »Unbequemlichkeiten« wie sie es gewöhnlich nennen, noch vom Schiff aus viel zu sehr gewöhnt, wenigstens gleich in den ersten Tagen dagegen zu protestiren, besonders wenn sie wenig oder gar kein Geld bei sich haben, und sich dadurch gedrückt und nur geduldet fühlen. Die Oldenburger nun gar dachten nicht daran sich auch nur über das Geringste zu beschweren, hatten sie doch ein Dach gefunden unter dem sie gegen Regen geschützt lagen, und ein gedeckter Tisch war ihnen ebenfalls versprochen worden. Was konnten sie mehr verlangen, wo sie noch wenige Stunden vorher in Verzweiflung an der Levée draußen gesessen, und keinen Platz gewußt hatten ihr Haupt hinzulegen.
Noch waren sie übrigens mit dem Ordnen ihres Gepäcks nicht einmal fertig, als eine Klingel unten tönte, und der Barkeeper wieder in das Zimmer stierte und ihnen ankündigte es wäre »zu Dinner gebellt worden.«33
»Dinner gebellt?« rief der eine von den Männern erstaunt — »wirhaben keinen Hund mit.«
»Hund mit? — wer spricht denn von einem Hund?« brummte aber der Barkeeper, »zu Dinner ist gebellt — das Essen ist fertig und Ihr müßt Euch bereit halten; wenn's wieder läutet wird gegessen; aber die Männer kommen zuerst dran, und nachher die Weibsen mit den Kindern — s'ist wegen dem Platz.«
»Ja so« sagte der Mann, »nun versteh' ich's — wir können noch kein englisch.«
Der Barkeeper sah sie wieder eine ganze Weile, ohne eine Miene zu verziehen stier an, drehte sich dann um, schnitt dem jüngsten Kind ein so furchtbares Gesicht daß dieses laut aufschrie, und schlug dann die Thür hinter sich in's Schloß daß die Scheiben klirrten.
»Ist das ein sonderbarer Mensch« rief die eine Frau, »und wie er spricht — aber wir sollen jetzt zum Essen hinunter gehn — ich fürchte mich ordentlich.«
»Fürchten? — vor dem Essen? na ja« sagte ihr Mann — »ich möcht' mir lieber die Ärmel dazu aufstreifen, so 'nen Hunger hab' ich; aber kommt nur, da bimmelts schon wieder — was der nur mit demBellenwollte?«
Es blieb ihnen indeß keine lange Zeit zu weiteren Betrachtungen, denn die Glocke unten läutete allerdings schon wieder, und die Männer schlugen sich deshalb rasch den Staub ein wenig mit den Händen von den Ärmeln, demRockkragenund den Hosen vorn herunter, und stiegen die Treppe nieder, wo ihnen das merkwürdige Gesicht des Barkeepers, der seine Nase an einer der Fensterscheiben des vorderen Gebäudes breit und weiß drückte, und dadurch nur noch wunderlicher aussah, schon zunickte sie sollten machen daß sie herein kämen. Das ließen sie sich denn auch nicht zweimal sagen, und betraten gleich darauf einen ziemlich geräumigen Speisesaal, in dem eine lange Tafel aufgestellt, mit Speisen bedeckt, und schon auch fast vollständig von Gästen besetzt war.
»Hallo die Oldenburger!« rief ihnen da eine bekannte Stimme vom anderen Ende der Tafel, wo noch ein paar freie Sitze waren, entgegen, »wo kommtIhrher, vom Schiff?«
Die Leute schauten überrascht dorthin, und erkannten jetzt zu ihrem Erstaunen eine ganze Menge bekannte Gesichter an der Tafel, die, so wenig sie sich an Bord um sie bekümmert hatten, jetzt doch freundlich grüßend nach ihnen herübernickten, und ganz zufrieden damit schienen unter den vielen Fremden um sie her ebenfalls Bekannte zu treffen.
In der That hatten sich aber wirklich ein paar ganze Coyen von den Zwischendeckspassagieren der Haidschnucke hier versammelt, von denen die meisten schon am ersten Morgen nach ihrer Ankunft, und zwar durch einen in der Stadt gefundenen Deutschen herrecommandirt, eingezogen waren.
Herr Messerschmidt mußte in dieser Zeit ungemein thätig gewesen sein, und die Oldenburger sahen die Leute hier richtig wieder Coyenweis, alter Gewohnheit nach, neben einander sitzen und erkannten die Herren Steinert, Mehlmeier und Schultze, und neben diesen den schwärmerischen Theobald, während nur ein paar Stühle weiter, durch ein paar fremde Gesichter getrennt, auch Herrn Theobalds anderer Coyengenosse und Schlafkamerad der finstere schwarze Gesell der sich Meier an Bord nannte, Platz genommen. Aber seine Frau saß nicht neben ihm, obgleich mehrere andere Frauen zugegen und keineswegs, wie der Barkeeper gegen die Oldenburger angedeutet hatte, von der ersten Tafel ausgeschlossen waren.
Diese ließen sich aber immer noch mit einer gewissen Scheu an dem, für ihre Begriffe kostbar besetzten Tische nieder; das verlor sich jedoch schon bedeutend nach der Suppe, und verschwand gänzlich wie sie die rege Geschäftigkeit der um sie her Essenden bemerkten, bis sie eben so tapfer zulangten als irgend Einer der Übrigen.
Das Gespräch bei Tisch führte indessen fast allein ihr früherer Reisegefährte Steinert, der hier schon so zu Hause schien, als ob er seit Jahren Stammgast gewesen, und mit allen Leuten bei Tisch auch bekannt geworden sein mußte, denn er nannte sie sämmtlich bei Namen, und lachte und erzählte nach Herzenslust. Mehlmeier amüsirte sich dabei am meisten über seine Witze, die er aber etwas schwer begriff, und gewöhnlich erst dann an zu lachen fing, wenn die Übrigen das Erzählte schon beinah wieder vergessen hatten. Da er aber bei seinem Lachen ein sehr weinerliches Gesicht schnitt, merkten das nur seine nächsten Bekannten.
Schultze beobachtete wieder nach seiner gewohnten Weise die ganze Tischgesellschaft, hielt, wenn das heimlich und unbemerkt geschehen konnte, seine aufgehobene und breitgedrehte Hand halb unter die verschiedenen Physionomieen und Profile und fuhr dann, wenn sich Einer der also auf's Korn genommen zufällig nach ihm umdrehte, so zusammen und griff rasch nach Messer oder Gabel oder seinem Glase, als ob er irgend etwas Böses begangen hätte und dabei erwischt wäre.
Theobald auf der einen Seite und Meier auf der anderen sprachen bei Tisch kein Wort und beendeten, wie die meisten der Gäste, so rasch als möglich ihre Mahlzeit, und als Alle aufgestanden waren, wurden die Teller und Messer und Gabeln gewechselt, dann die Frauen und Kinder mit den Hausgenossen in den indeß von den Übrigen geräumten Speisesaal gerufen, und die zweite Tafel hielt, unter dem Vorsitz des Barkeepers der einen mächtigen Rinderbraten unter sie vertheilte, ihre Mahlzeit.
Nach Tisch zerstreuten sich fast sämmtliche Gäste durch die Stadt, ein Theil seinen Geschäften nachgehend, ein anderer, der noch keine hatte, zum Vergnügen oder aus langer Weile durch die Straßen zu schlendern, die für sie des Neuen und Eigenthümlichen auch genug boten. Das Abendessen war auf sechs Uhr angesetzt worden, und verlief dann in eben der Ordnung wie der Mittagstisch, nur mit dem Unterschied daß die meisten der Gäste nicht mehr ausgingen, oder nach einem kürzern Spatziergang durch die Stadt oder über die Levée, die um diese Tageszeit den Sammelplatz der vornehmen Welt von New-Orleans bildet, wieder in das Gasthaus zurückzukehren, und dort bei einem Glase gutem französischen Wein oder schlechtem Cincinnati-Bier die Erlebnisse des Tages zu besprechen.
Heute aber ging es besonders lebhaft in der kleinen, hinter dem Schenkzimmer gelegenen Gaststube her, denn der Dampfer von New-York war mit neuen deutschen Zeitungen eingetroffen, und den eben erst angekommenen Passagieren, die seit ihrer Abfahrt von dort auch keine Sylbe aus der Heimath gehört, war es besonders ein ganz eigenthümliches Gefühl, Berichte von Monate alten Daten als eben Geschehenes zu erhalten, und sich darüber zu freuen.
Vor allem Anderen wurde die Politik durchgenommen — die Leute durften sich hier eine Güte thun und frei und ungescheut über Verhältnisse schimpfen, denen sie dort entgangen waren; dann kamen die Hofnachrichten aus einem Königlichen Blatt, in dem die Privatnachrichten über die hohen und höchsten Herrschaften, und wann allerhöchst dieselben zu speisen geruht etc., etc., etc., laut vorgelesen und mit Jubel begrüßt wurden. Die Ordensverleihungen wurden ebenfalls laut und gewissenhaft vorgelesen bis die Leute die spaltenweisen Austheilungen satt bekamen und Anderes hören wollten.
»Oh hören Sie auf mit dem Unsinn,« rief Herr Schultze endlich, sich die Hände reibend, »wir sind hier froh, daß wir nichts mehr damit zu thun haben; Herr Steinert, lesen Sie uns etwas Gescheuteres vor.«
»Etwas Gescheutes verlangen Sie aus einer deutschen Zeitung sehr verehrter Herr Reisegefährte?« rief aber der Weinreisende über das Blatt nach ihm hinüber lachend, »da thut es mir leid Ihnen nicht willfahren zu können, ich müßte Ihnen sonst hinten die Subhastationen oder Steckbriefe vorlesen, von denen ich da drüben in der Weserzeitung eine ganze Menge gesehen habe.«
»Apropos Steckbriefe,« rief Mehlmeier mit seiner feinen Stimme, »haben Sie wohl schon nachgesehn, ob sie dem armen Jungen keinen hinterher schicken, der mit der Haidschnucke so glücklich fortgekommen ist? — wie hieß er doch gleich, Berger glaub ich?«
»Ja wohl Carl Berger,« rief Steinert, »da wollen wir doch gleich einmal sehen, bitte — erlauben Sie einen Augenblick« sagte er dabei, seinem Nachbar, einem kleinen dürren Männchen mit einer Brille, der ungeheuere Ähnlichkeit mit einem kleinen deutschen Beamten hatte, sich aber schon längere Zeit in New-Orleans aufhielt, die Zeitung, in der dieser gerade las, ohne weiteres aus der Hand nehmend.
»Bitte tausend Mal um Entschuldigung,« sagte der kleine Mann sehr artig, »ich glaubte sie würde nicht gebraucht.«
»Bitte — bitte« — murmelte Steinert zerstreut, mit den Augen dabei die klein gedruckten Spalten der gerichtlichen Ankündigungen überfliegend — »Über den Nachlaß des am 12. Februar verstorbenen Fuhrmanns; — das ist Nichts — auf den herrschaftlichen Gütern zu Hellbhausen sollen am 5. nächsten Monats — auch Nichts — hier kommen die Steckbriefe — der Korbmacher Carl Christoph Hinterleben von Ehlstein — der war's nicht, aber halt wahrhaftig« — rief er plötzlich, mit der linken Hand dabei auf den Tisch schlagend — »hier haben wir ihn« —
»Der unten signalisirte Lohgerber, Carl Eduard Berger, zwanzig Jahr alt, hat sich seiner Militairpflicht heimlicher Weise durch die Flucht entzogen, und werden sämmtliche Justiz- und Polizeibehörden ersucht — ja wohl — versteht sich von selbst — alle Justiz- und Polizeibehörden ersucht den besagten Carl Eduard Berger zu arretiren und hierher abzuliefern!«
»Dem fuhr es damals übrigens verdammt dicht am Leder vorbei; wenn sie ihn erwischt hätten wär es ihm schlecht gegangen. Wetter noch einmal es muß doch ein ganz wundervolles Gefühl sein, wenn man irgendwo was ausgefressen hat, mit den Rothkragen auf der Ferse am Ende glücklich Salzwasser erreicht, und nun draußen frank und frei, miteinemSchlage jeder Furcht vor Verfolgung enthoben, »durch die Wellen streicht, Fridolin«.«
»Nun sogar gefährlich sind die Leute doch auch nicht immer,« lächelte Herr Schultze freundlich vor sich hin, »wissen Sie die Gesellschaft, die uns die Herrn mit den egalen Mützen selber noch im Hafen an Bord brachten?« —
»Oh Doris, wärst Du nur verschwiegen,« citirte Steinert seinen Lieblingsschriftsteller; »was hilft es solche Sachen an die große Glocke zu schlagen.«
»Nein, das seh ich aber gar nicht ein,« sagte Herr Schultze, »wenn die Regierungen indiscret genug sind ehrlichen Menschen zuzumuthen mit solchem Gesindel eine solche Reise zusammenzumachen, weiß ich auch nicht warumwirso discret sein sollen nicht darüber zu sprechen, oder vielmehr darüber zu schimpfen.«
»Aha,« sagte ein anderer Deutscher, der ebenfalls mit ihnen an einem Tisch saß und bis jetzt den Gesprächen der Einwanderer aufmerksam zugehört hatte, indem er immer die Sprecher mit seinen kleinen lebendigen Augen fest und stechend ansah; der Mann trug einen großen rothen Schnurrbart, hatte sonst aber, außer einer rothen Nase und etwas bramarbasirend zusammengezogenen Stirnfalten, viel Gutmüthiges im Gesicht — »aha,« sagte dieser jetzt, »wieder eine Sendung von Correktionsfleisch mitgekommen? — könnte es der Regierung der Vereinigten Staaten wahrhaftig nicht verdenken, wenn sie Gleiches mit Gleichem vergälte und auch einmal eine SendungihresAuswurfs mit guten Pässen versehn nach Deutschland hinüberschickte. Drüben schimpft das Gesindel auf unser Land, und thut dabei alles Mögliche was in seinen Kräften steht die Bevölkerung hier zu vergiften — hilft ihnen aber doch Nichts, den Neidpilzen, die sich über unsere freie Verfassung ärgern, und denen es ein Dorn im Fleische ist daß wir hier in einerRepublikglücklich leben; es ist als ob sie den Ocean mit ein paar Eimern Schmutz trüben wollten.«
»Sie sehn die Sache zu schwarz an, verehrter Herr,« nahm Steinert das Gespräch auf, »den Leutchen daheim liegt weniger daran hier in Amerika eine wesentliche Veränderung hervorzubringen, als nur die einzelnen Individuen los zu werden. Ihr Vergleich mit dem Meer ist aber vortrefflich. Amerika nimmt diese Körper in sich auf, verarbeitet sie, theilt ihnen seine Reine mit und läutert sich selber — halb zog sie ihn, halb ging er mit, und ward nicht mehr gesehn.«
»Papperlapapp!« rief aber der Mann mit dem großen Schnurrbart, dem an Steinert's Beistand in seiner Ansicht gar Nichts gelegen schien, »das klingt auswendig vernünftig, und ist inwendig baarer Unsinn — läutert sich — ja wohl läutert es sich, nimmt aber »diese Körper«, wie Sie das Gesindel nennen, nicht in sich auf, sondern hängt sie an Galgen oder Baum, was gerade am bequemsten und nächsten ist.«
»Hängen,« sagte Steinert, der sich durch die Bemerkung beleidigt fühlte, unwillig mit dem Kopfe schüttelnd — »Nürnberger — hat sich was — füreinenSchurken liefert Deutschland auch dafür dem rohen Lande hiertausendehrliche Hände undgeistreiche Köpfedazwischen, die Schwung hier in die Geschäfte bringen, die den Amerikanern zeigen müssen, wo Barthel eigentlich den Most holt.«
»Die habenSiewohl mit herüber gebracht?« sagte der Rothbart wieder mit einem boshaften Blick auf den Weinreisenden; dieser aber hielt es unter seiner Würde sich mit dem »ungebildeten Menschen« in weiteres Gespräch einzulassen und nahm, ohne etwas auf die Frage zu erwiedern, und indessen Herr Schultze aus einem anderen Blatte jetzt einige politische Neuigkeiten vorlas, seine Zeitung wieder vor.
»Beim Obertribunal kam kürzlich folgender interessanter Proceß in Kassationsinstanz« — las Schultze — »zur Entscheidung — Kläger war das Handlungshaus J. M. Oppenheimer in Rodach am Main — Verklagter der Justiz Commissar Ohnewetter in — «
»Scheußlich — niederträchtig!« unterbrach Steinert da plötzlich, ohne sich weiter um die Vorlesung zu kümmern, den erstaunt zu ihm aufsehenden Schultze, »nein das ist nichtswürdig.«
»Was ist denn, was giebts?« frugen die Andern dazwischen, neugierig durch die Ausrufungen gemacht.
»Nein abominabel!« rief aber Steinert noch einmal, »ha das Schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.«
»Na, wer ist nun wieder todt, Herr Steinert?« frug Mehlmeier aus seiner Ecke vor, in der er sich ganz gemüthlich mit einem Glas Eierpunsch niedergelassen hatte — »war er lange krank?«
»Nein hören Sie nur,« rief aber Steinert in gerechter Entrüstung dem Mann, dem er vorher die Zeitung weggenommen hatte, jetzt auch das Licht vor der Nase wegziehend und vor sich hin rückend, »man sollte wirklich kaum glauben, daß etwas derartiges möglich wäre.«
»Aber zum Teufel so schießen Sie doch einmal los!« rief Herr Schultze, der endlich ungeduldig wurde, und über seine Brille, die er beim Lesen aufsetzen mußte, mit seitwärts gehaltenem Kopfe nach dem Besitzer der Weserzeitung hinüber sah, »was ist denn vorgefallen.«
»Man sollte doch wirklich nicht denken daß die menschliche Natur einer derartigen Scheußlichkeit fähig wäre,« sagte aber Steinert, also aufgefordert, die Zeitung jetzt etwas näher zu dem occupirten Licht herüberziehend, »da steht von Hannover aus, über dem Steckbrief von zwei Menschen — es ist nur gut daß sämmtliche Steckbriefe gerade so eingerichtet sind, daß sie immer gleich auf eine ganze Gemeinde passen — ein Bericht, den ich Ihnen einmal vorlesen werde. — Von einem Greise will ich singen, der neunzig Jahr die Welt gesehn, — also passen sie auf.«
»Waldenhayn den 29. August. Am Dienstag Abend den 18. August ds. J. verließen der unfern des Dorfes an einer etwas vom Wege abseits gelegenen alten Försterswohnung, zur Zeit nicht mehr ansässige und schon gekündigt seiende, auch schon seit längeren Jahren in keinem guten Ruf, und die letzten sechs Monate sogar unter polizeilicher Aufsicht stehende — hah — erlauben Sie erst einmal meine Herren daß ich absetze, um Athem zu holen — der Canzleistyl kann einem Schnellläufer die Lunge zuschnüren — polizeilicher Aufsicht stehende Carl Heinrich Steffen, von den Dorfbewohnern seines schwarzen Haares und Bartes wegen gewöhnlich »der schwarze Steffen« genannt, und unter diesem Namen auch in dortiger Gegend überall bekannt, mit seiner Frau der Johanna, Julie, Gertrude Steffen, geborene Melzer, heimlicher Weise seine mit ihr in rechtmäßiger Ehe erzeugten drei Kinder wie ein unehelich erzeugtes Mädchen, indem sie dieselben Abends unter dem Vorwand auf das Amt citirt zu sein verließen, und allem Vermuthen nach ihren Weg nach Amerika oder sonst in das Ausland genommen haben, und bis jetzt aber noch nicht ermittelt werden konnten. Die Kinder wurden von den nächsten, etwa eine Viertelstunde von dem entlegenen Haus wohnenden Nachbarn, erst am fünften Tag halb verhungert gefunden, da sich dieselben durch eine vorgeschobene Lüge der unnatürlichen Eltern, die ihnen erzählt hatten, daß ein toller Hund die Gegend draußen unsicher mache, nicht getraut hatten — der Satz nimmt wieder kein Ende — nicht getraut hatten den äußeren Weg zu betreten. Die Kinder sind in den Altern von 9, 5, 3 und 1½ Jahr alt — es ist scheußlich, wahrhaftig und kaum zu glauben — 1½ Jahr und einstweilen von der Gemeinde von Waldenhayn theils, theils von dem dortigen Geistlichen versorgt und vor augenblicklichem Mangel geschützt worden. Donnerwetter der junge hübsche Bursche der Georg Donner, das war ja der Sohn von dem Pastor in Waldenhayn.«
»Na und nun weiter?« frug der alte Soldat mit dem rothen Schnurrbart, »kreuz Element sie werden die schurkischen Eltern doch wohl erwischt haben.«
»Ja erwischen,« sagte Steinert, unwillig mit dem Fuße stampfend, »da hier drunter steht der Steckbrief von den Beiden, mit einer freundlichen Bitte an alle Polizei- und Justizbehörden die beiden unnatürlichen Eltern im »Betretungsfalle«, ja, hat sich was — im Betretungsfalle nach dem Amt Ohnleben zurück- und abzuliefern.«
»Das ist ja furchtbar, wenn man sich das so bedenkt,« sagte der kleine ängstliche Mann neben Herrn Steinert, indem er die eigene Brille abnahm und auswischte und dann halb schüchtern die Hand nach der Zeitung ausstreckte, die Steinert neben sich hingelegt hatte, sie aber rasch und wie erschreckt wieder zurückzog, als dieser, ohne seiner Bemerkung einer Antwort zu würdigen, noch einmal danach griff.
»Ich begreife nur nicht daß sie ihn nicht wieder erwischt haben,« sagte Herr Schultze.
»Er wird sich wohlheimlichfortgemacht haben,« meinte Mehlmeier und sah sich erstaunt um, als die Übrigen lachten.
»Und solche Scheusale kommen dann alle nach Amerika,« rief der Mann mit dem rothen Schnurrbart, »und nachher soll man's den Amerikanern verdenken, wenn sie von uns Fremden Nichts wollen.«
Die Unterhaltung wurde hier plötzlich durch den etwas ungestümen Eintritt eines anderen Reisegefährten und zwar des Dichters Theobald unterbrochen, der übrigens in einem sehr außergewöhnlichen Zustand, mit zerrissenem Rock, blutigem Gesicht und außerdem noch in furchtbarer Aufregung die Thüre hinter sich zu, sich selber in einen Stuhl warf, und ein Glas Punsch von dem aus dem Schenkzimmer ab- und zugehenden Barkeeper forderte.
»Hallo Herr Theobald?« sagte Mehlmeier, der der Thür am nächsten saß und die jedenfalls mishandelte und bös zugerichtete Gestalt des kleinen schmächtigen Mannes etwas erstaunt betrachtete — »wie sehn Sie denn aus? was haben Sie denn angefangen und wo sind Sie gewesen?«
»Ha Rache — Rache!« knirschte aber nur der Poet als einzige Antwort durch die Zähne — »Rache will ich haben und wenn ich mir Blitze vom Himmel dafür borgen sollte.«
»Würden Sie schwerlich eine Leihanstalt dazu finden,« sagte der Mann mit dem rothen Schnurrbart, »übrigens sehen Sie gerade so aus, als ob Sie einem Irischen Draymann unter die Fäuste gerathen wären, was neu eingewanderten Deutschen manchmal passirt. Sie können wahrscheinlich noch nicht boxen.«
»Boxen?« wiederholte Theobald aber entrüstet, »boxen Sie einmal, wenn eine halbe Straße über Sie herfällt und Sie mishandelt — boxen — ha wenn mir die Canaillen freien Raum mit dem Schuft gegeben hätten, erlebtejetzt nicht mehr — «
UndSiesäßen dann in der Calabouse und könnten Betrachtungen über die innere Polizei Louisianas anstellen,« sagte der Rothbart trocken.
»Aber so erzählen Sie doch nur,« rief Steinert; er hatte die Zeitung bei dem trostlosen Anblick ihres Reisegefährten zur Seite geworfen, die sich jetzt der Mann mit der grünen Brille rasch herüber nahm, die augenblicklich freie Zeit zu benutzen — »was ist geschehn, was ist vorgefallen? Donnerwetter Mann, Sie haben famoses Glück. Sie kamen hierher Schicksale zu erleben und darüber schreiben zu können, und sind da gleich in eine Goldquelle hineingefallen, die Ihnen reichhaltigen und kostbaren Stoff zu Ihren Versen liefern kann.«
»Ich danke Ihnen für die Goldquelle,« rief Theobald, »die man mit der eigenen Haut bezahlen muß; aber Stoff hab' ich allerdings gefundenBändezu schreiben, und bei Gott, ich werde ihn benutzen.«
»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen« —
»Gut, so hören Sie; ich gehe oben in der Stadt über einen großen freien Platz, auf dem ein höchst ungeschicktes steinernes Gebäude, ein großes Dach eigentlich nur von viereckigen steinernen Pfeilern getragen steht.«
»Oh das ist ein Markthaus,« sagte der Rothbart.
»Schön,« fuhr Theobald fort, »also in diesem Markthaus, wo aber nicht viel zu verkaufen war« —
»Da müssen Sie Morgens hinkommen.«
»Bitte, unterbrechen Sie mich nicht alle Augenblicke — also in diesem Markthaus reizten meine Aufmerksamkeit einzelne, hell erleuchtete Stände, auf denen große Messing- und Kupfer-Maschinen mit Hähnen unten daran zum Ausschenken standen, wie auch die kleinen, reinlich gedeckten Tische mit deliciösem Backwerk und Kaffee- und Theegeschirr bedeckt waren. Allerliebste junge Mädchen« —
»Na erzählen Sie uns nicht die alte Geschichte,« unterbrach ihn der Rothbart da wieder, »um das zu sehn, brauchen Sie nur um die nächste Ecke zu gehn; da stehn auch welche.«
»Aberwirkennen es noch nicht, verehrter Herr,« sagte Schultze, »bitte fahren Sie fort lieber Theobald, und lassen Sie sich nicht irre machen von — von dem Herrn da.«
»Allerliebste junge Mädchen standen daneben und credenzten den Spatziergängern, die an ihren Tischen stehen blieben, Kaffee, Thee oder Chokolade, und ich war auch zu einem der Tische gegangen, an dem ein reizendes Kind mit etwas dunkler Haut aber wundervollen Augen und langen kastanienbraunen Locken —
Die freie kühne Stirn von ihnen überwalltUnd in dem Blick, mit zauberischer Gewalt,Den ganzen weiten Himmel offen,Auf mich hernieder sah. — Betroffen,Ja zitternd fast von Lust und LiebeswahnBetrete ich des holden Mädchens NäheUnd frage — stammle halb verzücktVon solcher nie geahnten SchöneOh Holde sprich — «
Die freie kühne Stirn von ihnen überwalltUnd in dem Blick, mit zauberischer Gewalt,Den ganzen weiten Himmel offen,Auf mich hernieder sah. — Betroffen,Ja zitternd fast von Lust und LiebeswahnBetrete ich des holden Mädchens NäheUnd frage — stammle halb verzücktVon solcher nie geahnten SchöneOh Holde sprich — «
»Ich bin verrückt,« fiel hier der Rothbart trocken ein, den Reim completirend; während sich aber Theobald stolz und indignirt von ihm abwandte, erklärten sich die übrigen Gäste sämmtlich über den ewigen Störenfried entrüstet, und Steinert besonders, der aufstand und in einer wohlgesetzten Rede den Mann zu vernichten suchte, wandte sich dann wieder an den Dichter und sagte —
»Lassen Sie sich nicht irre machen Herr Theobald — Sie wissen wohl — ein dicker fetter Mops ging einst im Mondenschein spatzieren — erzählen Sie nur weiter; fahren Sie fort in Ihrer treulich begonnenen Improvisation — Sie haben aufmerksame, theilnehmende Zuhörer — da ist auch Ihr Punsch, der wird Ihnen gut thun.«
Theobald trank einen tüchtigen Schluck, aber den poetischen Anlauf, den er genommen, fand er nicht wieder, und erzählte nun den Reisegefährten mit prosaischen aber dadurch auch kürzeren Worten, wie er über den Markt gegangen, bei einem wunderhübschen, etwas dunkelhäutigen Mädchen stehen geblieben und in Gedanken eine Tasse dünnen Kaffees nach der anderen, jedesmal für 6¼centdie Tasse, getrunken habe, als eine arme, abgerissene alte Frau, vor Fieberfrost schüttelnd, herangekommen sei, und sich dicht neben den Kaffeestand an einen Pfeiler gekauert habe. Das junge Mädchen erkundigte sich theilnehmend bei ihr was ihr fehle und schenkte ihr dann eine Tasse heißen Kaffee ein, die die kranke Alte mit zitternden Händen nahm und austrank, und mit innigem Dank wieder zurückreichen wollte, als ein Mann, derselbe der ihm dieß Gasthaus recommandirt habe, als er ihn am ersten Tag zufällig auf der Straße traf, über den Weg wegsprang, der Frau die Tasse aus der Hand riß und auf die Steine warf, daß sie in tausend Scherben zersplitterte, und dann auf das holde, vor Angst jetzt zitternde Kind lossprang, sie zweimal mit aller Kraft auf die furchtgebleichten Wangen schlug, und sie indeutscherSprache mit den nichtswürdigsten Worten ausschalt und schimpfte, weil sie den Kaffee, der ihrem Herrn gehöre, verschenke, und die Tassen, aus denen kein Gentleman dann wieder werde trinken wollen, solch schmutzigem alten Drachen zum Gebrauch in die Hände gebe.
»Das war zu viel« rief Theobald, in der Erinnerung an die erlebte Schandthat noch einmal von seinem Stuhle aufspringend; »ein deutsches Mädchen, denn dafür mußte ich die Unglückliche jetzt halten, vor meinen Augen also mishandelt zu sehn, konnte ich nicht ertragen, und mit zwei Sätzen auf den Elenden zuspringend, faßte ich ihn bei der Brust, schleuderte ihn zurück und schwur ihm, daß ich ihn zu Boden schlagen würde, wenn er noch eine Hand gegen das Kind aufhebe, das ich von diesem Augenblick an untermeinenSchutz gekommen.« »Was?« schrie da der Bube, zu feige mir selber männlich entgegen zu treten — »was? — wollenSiesich hier einmischen wenn ich meineSclavinzüchtige, — Sie Abolitionist Sie?« — Und wie er das Wort sprach, und dann noch einer Zahl vorübergehender Menschen etwas in Englischer Sprache zurief, das ich nicht verstehen konnte, schrieen die plötzlich »Ein Abolitionist — ein Abolitionist« und noch eine Masse anderes Zeug und fielen über mich her, rissen mir den Rock in Stücken, schlugen mich über den Kopf, und hätten mich, glaub' ich, erwürgt, wenn nicht glücklicher Weise ein paar Policeydiener zu meiner Rettung herbeigekommen wären, die mich in Schutz nahmen und der Rotte aus den Händen rissen.«
»Scheußlich — nichtswürdig — niederträchtig!« schrieen die Deutschen in gerechter Entrüstung, nur der Mann mit dem rothen Schnurrbart drehte diesen langsam in die Höhe und sagte:
»Sie können sich gratuliren daß Sie dießmal so weggekommen sind; wer unter den Wölfen ist muß mit ihnen heulen, und wer in einem Sclavenstaat leben will und nicht das Maul halten kann, dem wäre wohler er hätte das Land nie gesehen!«
»So, meinen Sie?« rief aber Theobald, noch von der vorigen malitiösen Bemerkung entrüstet — »ich werde ihnen aber hier beweisen was ich zu thun im Stande bin — sie haben mich gereizt und sie sollen meine Rache fühlen.«
»Gefährlich ist's den Leu zu wecken« sagte Steinert.
»Und was können Sie thun?« frug der Rothbart achselzuckend.
»Was ich thun kann?« rief Theobald, den Rest seines Punsches auf einen Zug leerend — »ich habe eine Waffe die sie zu Boden schmettern, und den Zorn der Völker auf sie niederrufen, nein noch schlimmer, die sie der eigenen Schaam und Verachtung preis geben soll.«
»Und wenn's eine Kanone wäre mit lauter Spitzkugeln geladen« sagte der Mann kopfschüttelnd, »und wenn sie mit Dampf gefeuert würde, können Sie Nichts gegen diese Masse und gegen Gewalt ausrichten.«
»Es ist mehr wie das!« rief aber Theobald mit freudigem Selbstbewußtsein — »es ist meineFeder!«
»Bah« sagte der Rothbart, trank sein Glas aus, stand auf und verließ das Zimmer.
»Wer ist denn der unverschämte Gesell?« frug Steinert, als jener die Thür hinter sich zugemacht hatte und draußen mit dem Barkeeper abrechnete — »wo kommt er her und was treibt er?«
»Wenn Sie mir erlauben verehrter Herr« sagte der kleine Mann mit der grünen Brille, indem er diese abnahm und sich entschuldigend gegen Herrn Steinert verbeugte, »so ist dieser Herr, so unscheinbar er da saß und aussah, Einer der reichsten Leute in der Stadt, der vier Häuser in Canalstreet und einen halbensquareinTchapitoulas streetbesitzt.«
»Den Teufel auch« rief Steinert.
»Meine beiden Ohren stehen Ihnen zu Diensten wenn ich nicht die Wahrheit rede,« bekräftigte aber der Höfliche seine Worte, »der Herr mit dem langen rothen Schnurrbart weiß kaum wie reich er ist, besucht aber regelmäßig sämmtliche deutsche Wirthshäuser in denen Auswanderer einkehren, unterhält sich mit ihnen und hat, wenn sie ihm gefallen, schon Manchens Glück gemacht.«
»Ja zum Donnerwetter Herr, warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt?« fuhr ihn Steinert an, während sich der kleine Mann mit einem schüchternen Achselzucken etwas weiter von ihm fort und wieder hinter seine grüne Brille zurückzog, Theobald aber, durch die schlechte Behandlung und den starken Punsch erregt, schwor daß der Mann, und wenn er ein Millionair wäre, kein Herz im Busen und keine Ader für Poesie habe, und verließ nach dieser anatomischen Behauptung rasch das Zimmer sein eignes Lager zu suchen, oder sich wenigstens der beschmutzten und zerrißnen Kleider zu entledigen.
Die übrigen Gäste blieben noch eine Zeitlang, theils politisirend, theils über die hiesigen Verhältnisse plaudernd, zusammen, bis endlich Einer nach dem Anderen sein Glas austrank, entweder zu Bett zu gehn, oder die eigene Wohnung aufzusuchen. Nur ein einzelner Mann, der den ganzen Abend still und lautlos in der dunkelsten Ecke des Zimmers gesessen und seinen Grog für sich allein getrunken hatte, ohne mit Einem der Übrigen zu verkehren, blieb noch zurück und bestellte, als der großäugige Barkeeper vor ihm stehen blieb, als ob er ihm ebenfalls andeuten wolle daß es Zeit sei zu Bett zu gehn, noch ein letztes Glas als Abendtrunk.
Als der Bursche hinaus in das Schenkzimmer ging, wo er sein heißes Wasser stehen hatte, ihm das zu bereiten, trat der Fremde (es war ein alter Bekannter von uns, und der Mann der sich an Bord der Haidschnucke Meier genannt hatte) langsam zu dem Tisch an dem die Zeitungen lagen, griff sich die Weserzeitung heraus, suchte ein paar Secunden darin, und riß dann den Theil des Blattes, auf dem der vorgelesene Steckbrief stand, ab.
»Hallo Sir — das sind neue Zeitungen« schrie ihn aber der Barkeeper an, der in diesem Augenblick mit dem bestellten dampfenden Grog wieder zurück in's Zimmer kam — »wer hat Euch erlaubt da ein Stück herauszureißen?«
»So?« sagte der Mann vollkommen ruhig; indem er das Stück zusammendrehte und über dem Licht entzündete, sich seine Pfeife anzubrennen — »ich glaubte es wären alte.«
»Na ja, und nun verbrennen Sie's noch — «
»Was kostet denn so eine Nummer — «
»Was kostet so eine Nummer? — die sind hier gar nicht wieder zu bekommen.«
»Das thut mir sehr leid« sagte der Mann achselzuckend, nahm das Glas, während der Fidibus ihm in der Hand bis auf den Stumpf verbrannte, trank es auf einen Zug aus, und verließ dann ebenfalls das Zimmer.
1: Die Amerikanische Flagge ist weiß und roth gestreift mit einem blauen Viereck in der oberen Ecke am Fahnenstock, das weiße Sterne führt. Im Beginn der Union war deren Zahl 13, nach Anzahl der Staaten, aber mit jedem neu hinzukommenden Staat wurde auch ein Stern hinzugefügt.
2: »Von wo kommt ihr her?«
3: Der Mississippi heißt in der bilderreichen Sprache der Indianer der »Vater der Wasser.«
4: Es giebt Dampfboote auf dem Mississippi, die solcher Art 4000 Amerikanische Ballen Baumwolle tragen.
5: Die Levée von New-Orleans ist von New-Orleans selber nicht zu trennen, denn sie macht den Hauptbestandtheil der Stadt aus und ist ihr einziger Schutz gegen den oft 12-15 Fuß höher steigenden Strom. Das ganze Ufer des Mississippi ist nämlich so niedrig, und war den jährlichen Überschwemmungen des gewaltigen Stromes so ausgesetzt, daß die Ansiedler, das werthvolle Land urbar zu erhalten, einen hohen Damm am ganzen Ufer des Stromes hin errichten mußten. Die Franzosen, unter deren Regierung dieser Damm besonders angelegt wurde, gaben ihm den Namen Levée, den die Amerikaner später adoptirten, und die Levée von New-Orleans, die jetzt an der ganzen Stadt über acht Engl. Meilen weit herunter läuft ist, mit einer durchschnittlichen Breite von 100 Fuß und 15 Fuß über niedriger Wasser-Höhe angelegt, ein eben so langer Landungs- und Stapelplatz der ungeheuren Waarenmassen, die dort täglich aus dem Inneren und für das Innere bestimmt, gelandet und geschifft werden, und läuft nach der Stadt zu in einem sanften Abhang nieder, während nach dem Strom hin, wo dieser selber eine nicht unbedeutende Strecke neuen Alluviallandes angespühlt hat, hie und da schon hölzerne Werfte errichtet werden mußten, die Waaren trocken und leicht landen zu können.
6: Etwa ein halber Thaler.
7: Die Amerikanischen Dampfboote erhalten durch diese breitenguardsetwas sehr Eigenthümliches, da sie von dem eigentlichen, oft — etwa sehr schmalen Rumpf des Bootes ab, eine Art Vorbau rings um dieses selber bilden, wodurch es nicht seltenüberdem Wasser fast die doppelte Breite seinesunterWasser befindlichen Rumpfes bekommt. Von dem äußersten Rand derguardab laufen dabei die unteren Stützen des Zwischen-Decks, in dem sich auchüberdem Wasser, die Maschine mit den Kesseln befindet, und auf diesen ruht die Cajüte — der große oft prachtvoll eingerichtete Salon, mit den Schlafplätzen der Passagiere und oberen Officiere des Bootes.
8: Es ist ein ziemlich allgemeines Vorurtheil in Deutschland, daß man unter dem Wort Kreole sich einen von Indianischen Blut Entsprossenen denkt. Creole bedeutet in Amerika und Westindien, wo das Wort besonders gebräuchlich ist und (wahrscheinlich voncriar,erschaffen, herstammend) einen im Lande selber aber von rein Europäischen Eltern Geborenen. Die Halbabkömmlinge der Indianer, Mischlinge von Europäern (oder Creolen) und Indianern heißen Mestizen.
9:Escalinwird der spanische Real genannt, der in Nord-Amerika noch andere Namen hat; so heißt er, besonders in den Südlichen Staatenbit, in New-YorkShilling. Es ist Spanisches Geld von 12½centoder ein Achtel Dollar Werth. Das wirklich Amerikanische Geld nach Decimaleintheilung kennt nur als kleinere Silbermünzedimes(10cent) undhalf dimes(5cent).
10: Englische Meilen, etwas über vier auf die deutsche.
11:Rifleheißt im Allgemeinen die Amerikanische lange Büchse, obgleichrifledeigentlich nur »gezogen, mit Zügen versehn« bedeutet.
12: Im Flußbett festsitzende Stämme.
13: Pottersfield wird in New-Orleans der Begräbnißplatz genannt, auf den die Armen kommen, die kein Grab in den gemauerten Behaltern bezahlen können.
14: Die Beschreibung des Bootes selber mag mir der Leser erlassen, ich habe derartige Fahrzeuge schon flüchtig in meinen Streif- und Jagdzügen, ganz ausführlich aber in den Mississippibildern 2ter Band in der Erzählung »Sieben Tage auf einem Amerikanischen Dampfboot« geschildert, und muß ihn darauf verweisen.
15: Die einzelnen Schaufeln am Rad.
16: Virginien.
17: Holztragen, Holztragen meine Burschen.
18: DasBowieknife(sprich Buih), nach seinem Erfinder so genannt, ist ein schweres Messer etwa 12 Zoll lang und drei am Heft breit, mit einer Stärke im unteren Rücken von reichlich ein Viertel, oft ein Drittel Zoll, was ihm zum Hieb eine furchtbare und gefährliche Wucht giebt. Die Spitze ist gebogen und nach hinten etwas ausgeschnitten, aber an beiden Seiten haarscharf, und dieß Messer, selbst in der Hand eines ganz schwachen Menschen, eine entsetzliche Waffe.
19: Die von der reinen Afrikanischen Race Abstammenden heißen Neger; Abkömmlinge von Weißen und Negern — Mulatten, und von Weißen und Mulatten — Quadroonen — Alle, in den Vereinigten Staaten unter dem allgemeinen BegriffFarbigeoder dem Spottnamen Nigger begriffen. Die Kinder von Weißen und Quadroonen — da sich die Quadroonen selber oft kaum von Weißen in Farbe und Haar unterscheiden lassen, sind, selber wenn die Quadroonin Sclavin wäre,frei.
20: Kein Zutritt.
21: Die ersten Anfänge einer Farm, das eben erst urbar gemachte Land.
22:frameHäuser heißen in Amerika die von einem hölzernen Gestell gebauten und auswendig mit Bretern übernagelten Gebäude.
23: erster Klasse.
24:to take careSorge für etwas tragen.
25:to catchfangen.
26:to be in a fix,sich in schwieriger Lage befinden.
27:gumvon Gumbaum nennt man in den ersten Ansiedlungen abgesägte Stöcke hohler Gumbäume, die von den »Settlern« theils zum Aufbewahren von Salz und anderen Sachen, wie auch als Stühle benutzt werden.
28: Hügelrücken.
29: Die kleinen Güterkarren.
30: Eine eigene Mischung von Genevre, Wasser, Zucker und bitteren Tropfen.
31: Dank Euch.
32: Zwei Bit — der Bit eine Amerikanische, im Süden der Vereinigten Staaten sogenannte Geldmünze von 12½ Cent, etwa 5 Silbergroschen an Werth.
33:DinnerMittagessenbelldie Glocke in dem schauerlich verderbten Dialekt der Amerik. Deutschen »zum Mittagsessen geläutet.«
TRANSCRIBER'S NOTE — ZUR KENNTNISNAHME
Contemporary spellings have generally been retained even when inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been corrected and some names regularised; missing punctuation has been silently added.
Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende Zeichensetzung wurde ergänzt.
The following additional changes have been made; they can be identified in the body of the text by a grey dotted underline:
Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen und sind im Text grau unterstrichelt: