[pg 136]Capitel 6.Die Weberfamilie.Nicht weit von Heilingen, und in Hörweite der Domglocke selbst, in ziemlich bergigem, aber unendlich malerischem Land, lag ein kleines armes Dorf, dessen Bewohner, da ihre Felder gerade nicht zu den besten gehörten, sich kümmerlich, aber meist ehrlich, mit verschiedenen Handwerken und Gewerben, mit Holzschnitzen wie auch hie und da mit dem Webstuhl, ernährten. Das Dorf hieß eigentlich »Zur Stelle«, welchen Namen aber die Bewohner im Laufe der Zeit, und mit Hülfe ihres Dialekts, zu dem vonZurschtelumgearbeitet hatten, und mochte etwa dreißig Häuser und Hütten, mit der doppelten Anzahl von Familien, wie der sechsfachen von Kindern zählen. Es ist eine wunderliche Thatsache, daß man in den ärmlichsten Distrikten stets die meisten Kinder findet.Mitten im Dorf lag eins der besseren Häuser; es war weiß getüncht, und hinter den sauber gehaltenen Fenstern[pg 137]hingen weiße, reinliche Gardinen. Vor dem Hause, über dessen Thüre ein frommer Spruch mit rothen und grünen Buchstaben angeschrieben war, stand ein Brunnen- und Röhrtrog, und ein kleiner Koven an der Seite desselben, zeigte in der nach außen befestigten Klappe des Futterkastens dann und wann den schmuzigen Rüssel eines seine Kartoffelschalen kauenden Schweines. Auch ein ordentlich gehaltenes Staket umgab das Haus wie den kleinen Hofraum, und die Wohnung stach sehr zu ihrem Vortheil gegen manche der Nachbarhäuser ab.Im Inneren selber sah es ebenfalls sehr reinlich, aber nichtsdestoweniger sehr ärmlich aus. In der einen Ecke stand ein großer, viereckiger, sauber gescheuerter Tisch aus Tannenholz, an zweien der Wände waren Bänke aus dem nämlichen Material befestigt, und um den großen viereckigen Kachelofen, der fast den achten Theil der Stube einnahm, hingen verschiedene Kochgeräthschaften, während auf darüber angebrachten Regalen die braunen Kaffeekannen und geblümten Tassen gewissermaßen mit als Zierrath zur Schau ausstanden. Die dritte Ecke füllte der Webstuhl des Mannes aus, und dem gegenüber stand eine riesengroße, braunangestrichene Kommode, mit Messinghenkeln und Griffen und fünf Schiebladen, die, mit wirklich rührender Eitelkeit als eine Art von Nipptisch benutzt, zwei mit bunten Blumen bemalte Henkelgläser, eine vergoldete Tasse mit der Aufschrift »der guten Mutter« — ein Geschenk aus früherer Zeit — und ein gelb irdenes aber allerdings sehr wenig benutztes Dintenfaß trug, während dahinter, in zwei ordinairen Stangengläsern, in dem einen Schilfblü[pg 138]thenbüschel, und in dem anderen große stattliche Aehren von Roggen, Waizen, Gerste und Hafer standen, zur Erinnerung an eine frühere segensreiche Erndte.Die Bewohner der kleinen Stube paßten genau in ihre Umgebung; es war eine, nicht mehr ganz junge aber doch rüstige Frau, in die nicht unschöne Bauertracht der dortigen Gegend gekleidet, die an ihrem Spinnrad saß und eifrig das Rädchen schnurren ließ, während die rechte Hand manchmal eine neben ihr stehende Wiege berührte, den darin ruhenden kleinen Säugling, der immer wieder die großen dunklen Augen zu ihr aufschlug, endlich in Schlaf zu bringen. Sie war reinlich, aber in die gröbsten Stoffe gekleidet, ebenso der Bube von etwa vier Jahren, der ihr zu Füßen mit einer kleinen Mulde auf dem über die Diele gestreuten Sand »Schiff« spielte.Außerdem war noch eine vierte Person im Zimmer, die alte Mutter der Frau, eine Greisin von nahe an siebzig Jahren, die auch noch ihr Spinnrad drehte, sich aber mit dem hinter den noch warmen Ofen gesetzt hatte, weil ihr das heutige naßkalte, unfreundliche Wetter fröstelnd durch die alten Glieder zog. Es war eine gutmüthige, aber mürrische alte Frau, selten zufrieden mit dem was sich ihr gerade bot, und unermüdlich darin, sich und ihren Kindern die Last vorzuwerfen die sie ihnen mache, und den lieben Gott täglich zu bitten daß er sie doch bald zu sich nähme. Nur eine kleine, ganz kurze Frist erbat sie sich immer noch — dann wollte sie gerne sterben. Erst; wie das Aelteste geboren war, wollte sie das[pg 139]noch gerne laufen sehn; dann hätte sie gern erlebt wie es zum ersten Mal in die Schule ging; dann war es Frühjahr geworden und sie hoffte nur noch einmal neue Kartoffeln zu essen, zu Jacobi aber wollte sie noch einmal von dem Pflaumenbaum die Früchte kosten, den ihr »Seliger« noch gepflanzt. Wie der Herbst kam wünschte sie im Frühjahr begraben zu werden, und die knospenden Maiblumen weckten den Wunsch nach den Astern, ihrer Lieblingsblume, von denen sie sich eigenhändig ein schmales Beet in den kleinen Garten dicht am Hause gepflanzt. So lebt und webt die Hoffnung in unseren Herzen mit immer neuer, nie sterbender Kraft, und je älter wir werden, desto mehr lernen wir die schöne Erde lieb gewinnen, desto mehr klammern wir uns an sie, und wollen uns gar nicht mehr von ihr trennen.Der Tag neigte sich dem Abend zu; der Mann war in die Stadt gegangen seine Steuern zu zahlen, und Manches einzukaufen was sie nothwendig im Hause brauchten — zum Ersatz dafür hatte er das zweite Schwein, das sie bis dahin gehalten, hineingetrieben, und der Erlös sollte seine Ausgaben bestreiten.Der Regen wurde jetzt wieder heftiger, die großen schweren Tropfen schlugen gegen das Fenster, und das Kind wurde vollständig munter und fing an zu schreien. Die Mutter schob ihr Spinnrad zurück, nahm das Kleine aus der Wiege, und ging damit trällernd im Zimmer auf und ab. Die Alte spann indeß ruhig weiter, und suchte mit zitternder leiser Stimme ein[pg 140]geistliches Lied zu singen, und mit dem Rad trat sie den Takt dazu. Sonst sprach keine ein Wort.Endlich wurde die Hausthür geöffnet, Jemand kam von draußen herein, und strich sich die Füße auf den Steinen und der Strohdecke ab, und sie hörten gleich darauf wie der zurückkehrende Vater und Gatte seinen großen rothblauwollenen Schirm auf die Steine stieß, das Wasser so viel wie möglich davon abzuschütteln, und den Mantel auszog und über den großen Schleifstein hing der draußen im Flur stand, wie er das gewöhnlich that. Die Frau öffnete rasch die Thür den Mann zu begrüßen, der den Hut abnahm, sich die nassen Haare aus der Stirn strich, und das Kind küßte, das sie ihm entgegenhielt.»Jesus ist das ein Wetter, Gottlieb,« sagte sie dabei, als sie ihm den Hut aus der Hand nahm und neben den Ofen an den Nagel hing, »komm nur herein, daß Du 'was Trockenes auf den Leib bekommst; wo hast Du denn den Jungen? — ist er nicht bei Dir?« setzte sie, fast ängstlich, hinzu.»Er ist draußen bei Lehmann's hineingegangen, denen wir ein paar Sachen aus der Stadt mitgebracht,« sagte der Mann — »wird wohl gleich kommen — wie geht's Frau? — wie geht's Mutter? — ha, das regnet einmal heute was vom Himmel herunter will; was nur d'raus werden soll wenn das Wetter so fort bleibt. Ein paar gute trockene Tage haben wir gehabt, und jetzt wieder Guß auf Guß — Guß auf Guß, als ob sie uns unsere paar Stücken Feld noch hinunter in die Wiesen waschen wollten. Von dem einen Acker ist die Saat[pg 141]schon halb fortgespült — wenn dasmal das Korn misräth, weiß ich nicht wo der arme Mann das Brod hernehmen soll.«»Klag nicht, Gottlieb,« sagte aber die Frau freundlich — »es geht noch Vielen schlechter wie uns, und was sollen da dieganzarmen Leute sagen. Lieber Gott, es ist viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben sein Auskommen und ein Dach über dem Kopf hat und gesund ist, sollte sich nicht versündigen.«Sie hatte dabei das Kind auf die Erde gesetzt, holte den Topf aus der Röhre, in der, trotz der vorgerückten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte, der alten, fröstelnden Mutter wegen, und goß den darin heiß gehaltenen Kaffee — sie nannten das braune Getränk von gebrannten gelben Rüben und Gerste wenigstens so — in die eine braune Kanne, damit sich der Mann, der den ganzen Tag draußen im Regen herumgezogen war, daran erquicken könne. Zugleich auch deckte sie ein weißes Tuch über den Tisch, auf den sie noch Butter und Brod stellte, die versäumte Mittagsmahlzeit wenigstens in etwas nachzuholen. Der Mann setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch goß, und schnitt sich ein großes Stück Brod ab, das er mit Butter bestrich und verzehrte. Er sprach kein Wort dabei, und beendete still seine Mahlzeit, schob dann die Tasse und den Butterteller zurück, nahm das Kleinste, das die Mutter zu ihm auf die Erde gesetzt hatte, herauf auf sein linkes Knie, blieb, den rechten Ellbogen auf den Tisch gestützt, den Kopf gegen die Wand gelehnt, regungslos sitzen, und schaute still und schweigend nach[pg 142]dem Fenster hinüber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind draußen gepeitscht, hohl und heftig anschlugen.Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit scheuem Blick betrachtet; es war irgend etwas vorgefallen, aber sie wagte nicht zu fragen, denn Gottlieb, so seelensgut er auch sonst sein mochte, hatte doch auch seine »verdrießlichen Stunden« und war dann, wenn gestört, oft rauh und unfreundlich; aber eine eigene Angst überkam sie plötzlich. Ihr ältester Sohn — der Hans — war nicht mit zu Hause gekommen — konnte dem — heiliger Gott, wie ein Stich traf es sie in's Herz und sie sprang erschreckt von ihrem Stuhl auf und auf den Mann zu.»Gottlieb — um aller Heiligen Willen wo ist der Hans? — es ist — es ist ihm doch nicht etwa ein Unglück geschehn?«»Der Hans?« sagte der Mann aber ruhig und sah erstaunt zu ihr auf, »was fällt Dir denn ein? was soll denn dem Hans zugestoßen sein? ich habe Dir ja gesagt daß er bei Lehmann's etwas abgegeben hat, und dort wahrscheinlich das Wetter abwarten wird.«»Ich weiß nicht,« sagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlast von der Seele gewälzt wurde — »aber Du bist so sonderbar heut Abend, so still und ernst, und da schlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, über den Hans. Ist etwas vorgefallen Gottlieb? — «Gottlieb schüttelte den Kopf langsam und sagte. — »Nicht daß ich wüßte — nichts Besonderes wenigstens,[pg 143]oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage vorfällt — Geld zahlen.«»War es denn so viel?« sagte die Frau leise und schüchtern.Der Mann schwieg einen Augenblick und sah still vor sich nieder; endlich erwiederte er seufzend:»Das Schwein ist d'rauf gegangen, und vier Thaler Siebzehn Groschen sind immer noch mit Gerichtskosten und der alten Proceßgeschichte mit der Brückenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte, stehen geblieben, und ich muß sie bis zum ersten Juli nachzahlen, unter Androhung von Pfändung.«»Nun lieber Gott,« sagte die Frau tröstend — »wenn das das Schlimmste ist, läßt sich's noch ertragen; da verkaufen wir eben das andere Schwein und behelfen uns so. Wie wenig Leute im Dorf haben überhaupt eins zu schlachten, und leben doch; warum sollen wir nicht eben so gut ohne eins leben können als die.«»Ja,« sagte der Mann leise und still vor sich hin brütend — »verkaufen und immer nur verkaufen, ein Stück nach dem anderen, und während wo anders die Leute mit jedem Jahr ihr kleines Besitzthum vergrößern, und für ihre Kinder etwas zurücklegen können, sieht man es hier mehr und mehr zusammenschmelzen, unter Müh und Plack das ganze Jahr lang.«»Aber kannst Du's ändern?« sagte die Frau leise und fuhr, wie der Mann schwieg und mit der Faust die Stirn[pg 144]stützend vor sich nieder starrte, schüchtern fort — »arbeitest Du nicht von früh bis spät fleißig und unverdrossen? gönnst Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine nöthige Beschäftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringste vorzuwerfen?«»Nein,« sagte der Mann, während er die Hand auf den Tisch sinken ließ und die Frau voll und fest ansah — »nein, aber das ist es ja eben, was mir am Leben frißt. Wir können nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir jetzt thun, und jetzt sind wir noch jung und kräftig, unsere Kinder noch klein und gesund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurück, wird es mit jedem Jahr schlechter und schlimmer. Wie nun soll das werden, wenn uns erst einmal Krankheit heimsuchte, wenn die Kinder heranwachsen und mehr brauchen, wenn wir selber älter werden und nicht mehr so zugreifen können wie jetzt? — Schon jetzt können wir uns nicht mehr in der theueren Zeit oben halten — das eine Schwein ist verkauft, das andere wird noch fort müssen; unser Acker ist kleiner geworden in den letzten zehn Jahren, unsere Bedürfnisse aber sind gewachsen — wie soll das enden?«»Aber Gottlieb,« sagte die Frau freundlich — »wie kommen Dir jetzt doch nur solche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht? Mann, Mann, Du bist doch sonst so ruhig, und hast immer vertrauungsvoll in die Zukunft gesehn, wie sind Dir auf einmal solche schwarze Gedanken durch den Sinn gefahren?«Die alte Mutter hatte, schon so lange wie die Beiden[pg 145]mit einander gesprochen, ihr Spinnrad ruhen lassen, und dem Gespräch aufmerksam zugehört; dabei schüttelte sie fortwährend mit dem Kopf, und sagte endlich mit ihrer schrillen, scharf klingenden Stimme:»Ja wohl, ja wohl — das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Mäuler kommen — mehr Mäuler sind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt mich todt; schlagt mich todt daß ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz mache — schlagt mich todt.«»Mutter,« bat die Frau, in Todesangst daß sie dem Manne mit solcher Rede wehe thun würde, dennergerade hatte sie immer auf das Freundlichste behandelt, und Alles gethan was in seinen Kräften stand, ihr jede Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verschaffen — »wie dürft Ihr nur so etwas reden; versündigt Ihr Euch denn nicht?«»Wir haben noch genug für uns Alle Mutter,« sagte aber der Mann freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun mochte — »nur für spätere Zeit ist mir bange; Sie aber wären die Letzte die darunter leiden sollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unsere Schuldigkeit in unserer Jugend gethan, wie Sie, dann ist es nicht mehr wie Pflicht und Schuldigkeit der Jüngeren für ihre Eltern zu sorgen — wenn sie nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlassen werden.«Die Alte war wieder still geworden, sah noch eine Zeit lang vor sich nieder, und begann dann auf's Neue ihre Arbeit,[pg 146]aber die Frau fuhr fort und sagte, fast mit einem leisen Vorwurf im Ton zu ihrem Mann.»Siehst Du Gottlieb, das hast Du nun davon mit Deinen trüben und traurigen Ideen; Du machst Dir und mir und der Mutter nur das Herz schwer, und nützest und hilfst doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird's schon machen und lenken; Er hat die Welt so viele Jahrhunderte hindurch in ihrer Bahn gehalten, und die Menschen darauf geschirmt und gepflegt, wie unser Herr Pastor sagt, Er wird's auch schon weiter thun, und wir dürfen uns eigentlich gar nicht sorgen und kümmern um den »nächsten Tag.«»Doch, doch Frau,« sagte aber der Mann, aufstehend und jetzt, die Hände in den Hosentaschen, in der Stube auf und ab gehend — »doch Frau, der Mannmuß, denn wenn er'snichtthäte, wär er ein schlechter Hausvater, und ihm allein fielen dann all die schweren Folgen zur Last, die daraus entständen. Ich kann Dir das nicht so mit Worten deutlich machen, wie mir's neulich der Schulmeister, mit dem ich darüber sprach, erklärte, aber der meinte es wäre etwa so wie wenn Einer im Wasser wäre. Da sei es auch nicht genug daß man sich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum schwämme eben nur nicht zu ertrinken, das thäte nicht einmal ein unvernünftiges Stück Vieh; nein des Menschen, des verständigen Menschen Pflicht sei es sich schon im Wasser nach dem festen Lande umzusehn, ob man das nirgends erreichen könne, denn zuletzt würde man da im Wasser, man möchte noch so tapfer schwimmen, doch müde, und ließen erst einmal die Kräfte[pg 147]nach, dann hülfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man sänke eben langsam zu Boden.«»Ich verstehe nicht recht was Du damit meinst,« sagte die Frau, »aber Du siehst mich so sonderbar dabei an — hast Du noch 'was anderes dahinter?«»Nein und Ja,« sagte der Mann nach kleiner Pause, indem er sich mit dem Rücken an den Ofen lehnte, und langsam dazu mit dem Kopfe nickte, »eigentlich nicht, denn Gott da oben weiß daß es wahr ist, und weiß wie, und ob's einmal enden kann; aber dann — dann hab' ich allerdings noch was dahinter, denn ich meine — ich meine — « er schwieg und es war augenscheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich scheue so mit blanken klaren Worten heraus zu sagen, die Frau aber, die eben damit beschäftigt war das Geschirr hinaus zu räumen, setzte die Kanne wieder auf den Tisch, sah den Mann erstaunt an, ging dann langsam zu ihm an den Ofen und sagte leise, vor ihm stehen bleibend:»Geh her, Gottlieb — Du hast 'was, was Dich drückt und willst nicht mit der Sprache heraus — es ist irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt, was Du nicht sagen magst. Du darfst doch nichtsitzen?«»Sitzen? — weshalb?« lächelte der Mann kopfschüttelnd — »ich habe nie etwas Böses gethan.«»Nun was ist's denn, so sprich doch nur, denn Du ängstigst mich ja mehr mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmste gleich vornheraus erzählst — dem Hans fehlt doch Nichts?«[pg 148]»Was soll dem Hans fehlen, närrische Frau — wenn's aufhört zu gießen wird er schon kommen.«»Und was ist's denn? — gelt, Du sagst mir's?«»Ich muß Dir's wohl sagen;« seufzte der Mann, »nun sieh Hanne, ich meine — ich habe so darüber nachgedacht, daß es jetzt hier in Deutschland immer schlechter wird mit uns — und daß wir's zu Nichts mehr bringen können, trotz aller Arbeit, trotz allem Fleiß, und daß jetzt — daß jetzt doch so viele Menschen hinüber ziehen — «»Hinüber ziehen?« frug die Frau erstaunt, fast erschreckt, und legte die Hand fest auf's Herz, als ob sie die aufsteigende Angst und Ahnung über etwas Großes, Schreckliches da hinunter und zurückdrücken wolle, eh sie zu Tage käme — »wo hinüber Gottlieb?«»Nach Amerika;« sagte der Mann leise — so leise daß sie das Wort wohl nicht einmal verstand, und nur an der Bewegung der Lippen es sah und errieth. Wie ein Schlag aber traf sie die Wirklichkeit ihres Verdachts, und ohne ein Wort zu erwiedern, ohne eine Sylbe weiter zu sagen, setzte sie sich auf den, dicht am Ofen stehenden Stuhl, deckte ihr Gesicht mit der Schürze zu und saß eine lange, lange Weile still und regungslos. Auch der Mann wagte nicht zu sprechen — er hatte den Gedanken wohl schon eine Zeit lang mit sich herumgetragen, aber sich immer davor gefürchtet ihm Worte zu geben, sogar gegen sich selbst, wie viel weniger denn gegen die Frau. Jetzt war es heraus, und er betrachtete nur scheu die Wirkung die er hervorgebracht.[pg 149]Auch die alte Mutter saß, mit der Hand auf dem Rad das sie im Drehen aufgehalten, und horchte nach den Beiden hinüber, was sie mitsammen hatten, und wie die so still waren und kein Wort mehr sprachen, mochte es ihr auch unheimlich vorkommen und sie sagte laut und mürrisch:»Nun Gottlieb was giebt's — was hast wieder Du mit der Hanne — was habt Ihr denn daß Ihr so still und heimlich thut — macht Einem nicht auch noch Angst unnützer Weise — was ist nun wieder los?«»Ja Mutter,« sagte der Mann jetzt, der sich gewaltsam Muth faßte über das, was nun doch nicht länger mehr verschwiegen bleiben konnte und besprochen werdenmußte, auch laut zu reden, daß er's vom Herzen herunter bekam — »es geht mit uns hier den Krebsgang, und ich habe eben zu Hannen gesagt daß uns zuletzt nichts anderes übrig bleiben würde als — als es eben auch wie andere zu machen, und — «»Und? — und was zu machen?« frug die alte Frau gespannt —»Alsauszuwandern,« sagte der Mann mit einem plötzlichen Ruck und seufzte dann tief auf, als ob er selber froh wäre es los zu sein.»Herr Du meine Güte!« rief die alte Frau, ließ die Hände erschreckt in den Schooß sinken und lehnte sich in ihren Stuhl zurück, während ihr alle Glieder am Leibe flogen — »Herr Du meine Güte!« wiederholte sie noch einmal, und die Finger falteten sich unwillkürlich zusammen, so hatte sie der Schreck getroffen.[pg 150]»Auswandern,« sagte aber auch jetzt Gottliebs Frau mit tonloser Stimme, und ließ die Schürze vom Gesicht herunterfallen — »auswandern, das ist ein schweres — schweres Wort Gottlieb — hast Du Dir das auch recht — recht reiflich überlegt?«»Tag und Nacht die ganze letzte Woche hindurch,« rief aber der Mann, der jetzt, da das Eis einmal gebrochen war, wieder Leben und Wärme gewann. »Wie ein Mühlstein hat's mir auf der Seele gelegen, und ich habe lange und tapfer dagegen angekämpft, aber es wäre das Beste für uns, was wir auf der weiten Gotteswelt thun könnten; und wenn auch nicht einmal für uns, wenn wir selber auch schwere und bittere Zeiten durchzumachen hätten, doch für die Kinder, die einmal den Segen erndten, den wir mit unserem Schweiß, unseren Thränen gesäet.«»Auswandern? ja,« sagte aber jetzt die Großmutter, mit dem Kopfe nickend und schüttelnd, als ob sie den schrecklichen Gedanken wieder von sich abwerfen wollte — »ja wohin es euch lüstet, aber erst wenn ich todt bin. Die paar Tage müßt Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder sonst schlagt mich todt, werft mich in's Wasser, oder schlagt mich mit dem Beil auf den Kopf daß ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt könnt Ihr mich doch nicht mehr umherschleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr, wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt schlagt mich vorher todt.«[pg 151]»Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar so häßlich reden wollten,« sagte die Frau traurig, während der Mann wieder zum Tisch ging, sich dort auf den Stuhl setzte, und den Kopf in die Hand stützte — »Sie sind noch wohl und rüstig und werden, will's Gott, noch manches Jahr leben und sich Ihrer Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und sich ihr Brod suchen müssen, da gehören Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient mit Mühe und Noth und banger Sorge schon vor langen Jahren, wie wir noch klein und unbehülflich waren, wie unsere Kinder jetzt.«»Wozu mich mitnehmen,« sagte aber die Frau, störrisch dabei mit dem Oberkörper herüber und hinüber schwankend, »unterwegs müßtet Ihr mich doch aus dem großen Schiff hinaus in's Wasser werfen, die Fische zu füttern. Bleibe im Lande und nähre Dich redlich, das istmeinSpruch und meines Leberecht Spruch von alter Zeit her gewesen, und wir haben uns wohl dabei befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will oben zur Decke 'naus und fliegen und schwimmen, anstatt hübsch auf der Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum ist's denn früher gegangen? — nein Gott bewahre, jetzt soll Alles mit Eisenbahnen und Dampf gehen und keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand — schlagt mich todt, dann seid Ihr mich los und könnt hingehn wohin Ihr wollt.«Und die alte Mutter stand auf, rückte ihr Spinnrad bei[pg 152]Seite, und humpelte, noch immer vor sich hin murmelnd und grollend, aus der Stube hinaus.»Sie meint es nicht so bös, Gottlieb,« sagte die Frau zu dem Mann tretend und ihre Hand auf seine Schulter legend, »es ist eine alte Frau die an ihrer Heimath mit ganzem Herzen hängt und sich vor der Reise fürchtet.«»Und Du nicht, Hanne?« rief der Mann sich rasch nach ihr umdrehend, und ihre Hand ergreifend — »Du nicht? Du würdest Dich dazu entschließen können unsere Heimath hier, unser Häuschen, unser Feld zu verlassen, und mit mir und den Kindern über das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?«Die Frau schwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes — endlich sagte sie leise — »So weit fort? — und muß es denn sein, ist es denn gar nicht möglich mehr, daß wir hier gut und ehrlich durchkommen durch die Welt, wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb, es ist gar hart so von zu Hause fortzugehn, die Thür zuzuschließen und zu denken daß man nun nie und nimmer wieder dahin zurückkommt — «Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und sagte endlich:»Du hast recht Hanne; es ist ein schwerer, recht schwerer Schritt, und man sollte ihn sich wohl vorher überlegen ehe man ihn thut, denn zurück kann man nicht wieder, wenn man nicht wenigstens Alles opfern will, was Einem bis dahin[pg 153]noch zu eigen gehört hat. Thun wir aber recht nur allein an uns zu denken? — Sieh, wir schleppen uns vielleicht noch wenn auch kümmerlich, doch ehrlich, durch, bis wir einmal sterben, und wenn es auch hart ist, daß es Einem nachher im Alter schlechter gehn soll wie in der Jugend, brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben daß wir verhungerten; aber die Kinder — die Kinder — was wird aus denen? Unser kleines Grundstück ist die Jahre über kleiner und kleiner geworden; mit dem Geschäft geht's auch kümmerlicher wie bisher — neue, geschicktere Arbeiter, junge Burschen die noch keine Familie haben und weniger brauchen, sitzen in den Dörfern herum, und die Fabriken und Maschinen geben uns ohnedies den Todesstoß. Stahl und Holz braucht Nichts zu essen und arbeitet unermüdet Tag und Nacht durch, und die Räder und Walzen und Hämmer klopfen und drehen und schwingen ununterbrochen fort gegen den Schweiß des armen Arbeiters der darüber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darüber, es muß wohl schon so recht sein, denn Gott hat's den Menschen selber gelehrt und die Welt muß vorwärts gehn — wir älteren Leute können uns aber eben nicht mehr darein schicken, können nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne anfangen, wenigstens hier im Lande nicht wo Einem die Hände nach allen Seiten hin gebunden sind, und darum ist mir der Gedanke gekommen auszuwandern. Da drüben über dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch einen großen gewaltigen Fleck Erde liegen, für uns arme Leute bestimmt, den Maschinen und Räderwerken zu entgehn; dort haben wir[pg 154]Platz uns zu bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu leben, sondern kann auch vielleicht für sich und die Kinder was vorwärts bringen und braucht sich nicht mehr vor der Zukunft zu fürchten und vor Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unsern Kindern da einmal anders übrig, als in Dienst zu gehn und sich bei fremden Leuten doch herumzuschlagen ihr Lebelang.«»Und die Mutter?« sagte die Frau, sich ängstlich nach der Thüre umsehend — »was würde aus der alten Frau auf dem Meere?«»Was aus so vielen alten Frauen da wird, liebes Herz,« sagte aber der Mann, augenscheinlich mit froherem, freudigeren Herzen, als er bei dem eigenen Weib nicht den Widerstand fand, den er vielleicht gefürchtet — »sie gewöhnen sich an das neue Leben, sobald sie das alte nicht mehr um sich sehen, und die Seeluft soll kräftigen und stärken.«»Aber sie wird nicht mit uns wollen.«»Sie wird ihre Kinder nicht verlassen,« tröstete sie der Mann, »und ohne sie dürften wir ja auch gar nicht fort.«Die Frau reichte ihm schweigend die Hand, die er herzlich drückte, und wandte sich dann, und wollte eben das Zimmer verlassen, als draußen Jemand die Thür aufriß und in das Haus trat. Das Unwetter hatte jetzt seinen höchsten Grad erreicht, und der Regen schlug in ordentlichen Güssen gegen die Fenster an, während der Wind die Wipfel der Bäume herüber und hinüber schüttelte und die Blüthen von den Zweigen riß mit rauher Hand.Capitel 6[pg 155]»Schönen Gruß mit einander,« sagte dabei eine rauhe Stimme, während die Stubenthür halb geöffnet wurde — »darf man hinein kommen?«»Gott grüß Euch,« sagte die Frau — »kommt nur herein, bei dem Wetter ist's bös draußen sein — es tobt ja, als ob der letzte Tag hereinbrechen sollte.«Der Fremde hing seinen Hut und Mantel draußen ab und trat mit nochmaligem Gruß in die Stube.»Gott grüß Euch,« sagte auch Gottlieb — »da, nehmt Euch einen Stuhl und setzt Euch zum Ofen; es ist heut unfreundlich draußen, und man kann ein Bischen Feuer brauchen.«»Sauwetter verdammtes,« fluchte der Mann, als er der Einladung Folge geleitet und sich die nassen Haare aus der Stirne strich — »ich wollte erst sehen daß ich die Schenke erreichte; hier um die Ecke herum kam der Wind aber so gepfiffen daß er mich bald von den Füßen hob, und es war gerade als ob sie Einem von da oben einen Eimer voll Wasser nach dem andern entgegen gossen. Schönes Wetter für Enten, aber für keine Menschen.«Es war eine rauhe, kräftige Gestalt, der Mann, mit krausem dicken schwarzen Bart und ein paar tiefliegenden unstäten Augen, in einen groben braunen Tuchrock gekleidet, wie ihn die Fleischer nicht selten auf dem Lande tragen. Die ebenfalls braunen Hosen hatte er dabei heraufgekrempelt, bis fast unter das Knie, mit seinen derben Wasserstiefeln besser durch alle Pfützen und Schlammwege hindurch zu können; die aus ungeborenem Kalbfell gemachte Weste war ihm bis an den[pg 156]Hals hinauf zugeknöpft, und eine lange silberne Kette, an der die in der Westentasche steckende Uhr befindlich war, hing ihm darüber hin.»Ihr seid wohl weit von hier zu Haus?« frug Gottlieb nach einer längeren Pause, in der er den Mann und dessen Aeußeres flüchtig nur betrachtet hatte — »hab' Euch wenigstens noch nicht hier bei uns gesehen.«»Zehn Stunden etwa,« sagte der Fremde, seine Pfeife jetzt aus der Brusttasche seines Rockes nehmend und mit Stahl und Schwamm, den er bei sich führte, entzündend — »wie weit ist's noch bis Heilingen.«»Eine tüchtige Stunde — wenn der Weg jetzt nicht so schrecklich wäre, könnte man's recht bequem in kürzerer Zeit gehn.«»Hm — ist noch verdammt weit, puh wie das draußen stürmt; und die Pflaumenblüthen pflückt's beim Armvoll herunter — Pflaumenmuß wird theuer werden nächsten Herbst.«»Das weiß Gott,« sagte Gottlieb — »es wird Alles theuer, immer mehr jedes Jahr, langsam aber Sicher.«»Bah, es geschieht denen recht die hier bleiben, wenn sie nicht hier bleiben müssen; 's giebt Plätze die besser sind.«»Wollt Ihr auch auswandern?« sagte Gottlieb rasch.»Auswandern? — nach Amerika? — hm — ich weiß noch nicht,« brummte der Fremde, sich den Bart streichend — »es wäre aber möglich daß sie Einen noch dazu trieben. Sind das Euere Kinder?«»Ja. — «»Habt Ihr noch mehr?«[pg 157]»Noch einen Jungen von elf und ein halb Jahr.«»Und Ihr seid ein Weber?« sagte der Fremde mit einem Blick auf den Webstuhl — »auch schwere Zeiten für derlei Arbeit, mit einer Familie durchzukommen.«»Ja wohl, schwere Zeiten,« seufzte Gottlieb, als in diesem Augenblick die Thür draußen wieder aufging und die Mutter laut ausrief: —»Der Hans, lieber Himmel kommt der in dem Wetter.«Es war Hans, der älteste Sohn des Webers, durch und durch naß, aber mit frischem gesunden Gesicht und rothen Backen, auf denen das Regenwasser in großen Perlen stand.»Guten Tag mit einander,« sagte er, als er in's Zimmer trat und die triefende Mütze vom Kopf riß — »guten Tag Mutter.«»Guten Tag Hans, aber wo um Gottes Willen kommst Du in dem Regen her; warum hast Du das Wetter nicht bei Lehmann's abgewartet?«»Es wurde mir zu spät Mutter und ich war hungrig geworden; habe auch noch heute Abend dem Vater etwas zu helfen.«»Ein derber Junge,« sagte der Fremde, der sich den Knaben indeß mit finsterem Blick betrachtet hatte — »kann wohl schon ordentlich mit arbeiten.«»Ach ja, er packt tüchtig mit zu,« sagte der Vater — »lieber Gott in jetziger Zeit muß Alles mit Brod verdienen helfen.«»Die Kinder fressen Einen arm,« sagte der Fremde.[pg 158]»Habt Ihr Kinder?« frug Gottlieb.»Ich? — hm, ja,« sagte der Fremde nach einer Pause — »könnte noch Jemandem abgeben davon.«»Ich möchte keins hergeben,« sagte die Frau rasch, und küßte das Jüngste, das sie eben wieder aufgenommen hatte um es zu füttern, »Kinder sind ein Segen Gottes.«»Ja — so sprechen die Leute wenigstens,« sagte der Fremde trocken, »aber ich glaube es läßt nach mit Regnen; ich werde die Schenke wohl jetzt erreichen können.«»Wollt Ihr nicht vielleicht erst eine heiße Tasse Kaffee trinken?« frug die Frau, das Kind auf dem linken Arm, zum Ofen gehend, die dort warmgestellte Kanne wieder vorzuholen.»Danke, danke,« sagte aber der Fremde abwehrend — »kann das warme Zeug nicht vertragen; ein Glas Branntwein ist mir lieber.«»Das thut mir leid,« sagte der Mann, »den kann ich Euch nicht anbieten; ich habe keinen im Hause.«»Thut auch Nichts,« lachte der Fremde; »so lange halt ich's schon noch aus. Sind doch hülflose Dinger so junge Menschen, ehe sie die Kinderschuh ausgetreten haben,« setzte er dann hinzu, als das Jüngste das Mäulchen nach dem schon einmal gereichten Löffel vorstreckte — »was machte nun so ein jung Ding, wenn man es hinsetzte und sich selber überließe.«»Ach Du lieber Gott,« sagte die Frau bedauernd — »so ein armer Wurm müßte ja elendiglich umkommen.«»Bis den Nachbarn das Geschrei zu arg würde und sie kämen und es fütterten,« lachte der Andere.[pg 159]»Dafür haben die Kinder Eltern,« sagte die Frau, das kleine, die Aermchen zu ihr ausstreckende Mädchen liebkosend und küssend, »die sorgen schon dafür daß kein Nachbar danach zu sehen braucht.«»Wenn die aber einmal plötzlich stürben, wie dann?« frug der Fremde, mit einem Seitenblick auf die Frau, indem er seinen Rock wieder zuknöpfte und sich zum Gehen rüstete.»Dann ist Gott im Himmel,« sagte Hanne, mit einem frommen vertrauungsvollen Blick nach oben.»Ja, das ist wahr;« sagte der Fremde mit einem leichtfertigen Lächeln, »der hat allerdings die große Kinderbewahranstalt. Aber es hat wirklich aufgehört mit Gießen,« unterbrach er sich rasch, »den Augenblick will ich doch lieber benutzen. So schön Dank für gegebenes Quartier Ihr Leute, und gut Glück.«»Bitte, Ihr habt für Nichts zu danken, behüt' Euch Gott,« sagte Gottlieb freundlich.»Behüt' Euch Gott;« sagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal zunickend, nahm draußen wieder den nassen Mantel um, drückte sich den breiträndigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenstock, der daneben in der Ecke lehnte, auf, und verließ rasch das Haus, die Richtung nach der Schenke einschlagend.»Mich freut's daß er fort ist,« sagte die Frau, die dem Knaben gerade das Essen auf den Tisch setzte und den Kaffee einschenkte — »bewahr uns Gott, was hatte der Mann für ein finstres Gesicht und ein barsches Wesen; nicht schlafen[pg 160]könnt' ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir wüßte. In dem Gesicht liegt auch nichts Gutes — und wie er fluchte und über die Kinder sprach — ob er nur wirklich selber welche hat.«»Er sagt's ja,« bestätigte Gottlieb — »aber mir schien's ein Fleischer zu sein, seinem Gewerbe nach, und die sind immer rauh und derb, meinen's aber nicht immer so bös.«»So bess're ihn Gott,« sagte die Frau mit einem Seufzer, »und je seltener er unseren Weg kreuzt, desto besser.«[pg 161]Capitel 7.Nach Amerika.»Nach Amerika!« — Leser, erinnerst Du Dich noch der Märchen in »Tausend und eine Nacht«, wo das kleine Wörtchen »Sesam« dem, der es weiß, die Thore zu ungezählten Schätzen öffnet? hast Du von den Zaubersprüchen gehört, die vor alten Zeiten weise Männer gekannt, Geister heraufzurufen aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu machen? — Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkühne Menschenkind das sie gesprochen, bebte zurück vor der furchtbaren Gewalt die es heraufbeschworen.Die Zeiten sind vorüber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das rechte Wort vergessen sie zu rufen — aber ein anderes dafür gefunden, das kaum minder stark[pg 162]miteinemSchlage das Kind aus den Armen der Eltern, den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhältnissen und Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reißt, in dem es bis dahin mit seinen stärksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.»Nach Amerika,« leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft prüfen sollte, seinen Muth stählen — »nach Amerika,« flüstert der Verzweifelte der hier am Rand des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde — »nach Amerika,« sagt still und entschlossen der Arme, der mit männlicher Kraft und doch immer und immer wieder vergebens, gegen die Macht der Verhältnisse angekämpft, der um sein »tägliches Brod« mit blutigem Schweiß gebeten — und es nicht erhalten, der keine Hülfe für sich und die Seinen hier im Vaterlande sieht, und doch nicht bettelnwill, nicht stehlenkann— »nach Amerika« lacht der Verbrecher nach glücklich verübtem Raub, frohlockend der fernen Küste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt vor dem Arm des beleidigten Rechts — »nach Amerika,« jubelt der Idealist, der wirklichen Welt zürnend, weil sie eben wirklich ist, und über den Ocean drüben ein Bild erhoffend, das dem, in seinem eigenen tollen Hirn erzeugten, gleicht — »nach Amerika« und mit dem einen Wort liegt hinter ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes früheres Leben, Wirken, Schaffen — liegen die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknüpft, liegen die Hoffnungen die sie für hier gehegt, die Sorgen die sie gedrückt —»nach Amerika!«[pg 163]So gährt und keimt der Saame um uns her — hier noch als leiser, kaum verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und Kasten. Der Bauer draußen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain der ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer geärgert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit über dem Meer drüben, in dem fetten, herrlichen Land; — der Handwerker in seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt mit Neuerungen und großen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden die ihm bis dahin noch geblieben inseineThür zu locken; der Künstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der über einer freieren Entwickelung brütet, und von einem Lande schwärmt wo Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Hände binden; — der Kaufmann hinter seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Büchern zieht und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, von einem neuen, andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefüllten Waarenhäusern träumt; in Tausenden von ihnen drängt's und treibt's und quält's, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach außen die alte frühere Ruhe wahren, in ihren Herzen glüht und glimmt der Funke schon — ein stiller aber ein gefährlicher Brand. Jeder Bericht über das ferne Land wird gelesen und überdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend für den Kranken. Vorsichtig und ängstlich, und weit herum um ihr Ziel, daß man die Absicht nicht errathen[pg 164]soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding — nach Leuten die vordem »hinüber« gezogen und denen es gut gegangen — nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk — für Andere natürlich, nicht für sich etwa — sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinüber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wünschen daß es dem wohl geht, und häufen mehr und mehr Zunder für sich selber auf.So ringt und drängt und wühlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter densalto mortalegethan, und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war — aus dem, aus jenem Grund — und täglich, stündlich noch hören wir von anderen, von denen wir im Leben nie geglaubt daßsieje an Amerika gedacht, wie sie mit Weib und Kind, mit Hab' und Gut hinüberziehn. Unddort? — noch liegt ein dichter Schleier über ihrem Schicksal dort, doch Gottes Sonne scheint ja überall — Dir aber lieber Leser, greif ich aus dem Leben noch hie und da ein paar Freunde heraus, die wir begleiten wollen auf dem weiten Weg.* * * * *Oben in der Brandstraße — nicht weit vom Brandthor entfernt, und dem Gasthaus zum Löwen schräg gegenüber, wohnte Professor Lobenstein mit seiner Familie, in der ersten Etage eines, zwar sehr alten, aber auch sehr wohnlich eingerichteten Hauses, das ihm eigen gehörte.[pg 165]Der Professor war ein Mann, gerade an der anderen Seite der »besseren Jahre«, etwa einundfünfzig alt, aber rüstig und gesund, nur erst mit einzelnen grauen Haaren zwischen den rabenschwarzen Locken, die ihm über die bleiche, aber hohe und geistvolle Stirn fielen, wie mit fast jugendlichem, elastischem Gang und Wesen. Ein tüchtiger Kopf dabei, hatte erjuraundcameraliastudirt, und einen großen Schatz von Kenntnissen aufgehäuft; auch in manchem, mit schweren mühsamen Nachtwachen erkauften Werk der Welt, der undankbaren Welt das Resultat seiner Studien und Forschungen gebracht und dargelegt. Unzufrieden aber mit dem Erfolg, und der kalten Aufnahme die es gefunden, wandte er sich später wieder von den bis dahin bevorzugten juristischen Wissenschaften ganz ab und allein seinem Lieblingsstudium den Cameralien zu, in denen er besonders der Gewerbskunde seine Thätigkeit widmete, auch mit einem Buchhändler in Heilingen eine Gewerbszeitung gründete und herausgab.Hierin hatte er Unglück; der Buchhändler machte bankerott und er übernahm die Zeitung, mit ziemlich großen Verlusten schon, allein.So vortrefflich aber Professor Lobenstein in der Theorie seiner Wissenschaft bewandert sein mochte, so wenig sattelfest war er es in der Praxis, und seine Zeitung wollte und wollte keinen Boden gewinnen. Mit fabelhaftem Fleiß suchte er dem zu begegnen, umsonst — umsonst auch daß er Capital nach Capital in das, zuletzt nur noch zur Ehrensache gewordene Unternehmen steckte. Sein Haus bekam Hypothek auf Hypo[pg 166]thek und mit einer höchst ungünstigen politischen Periode, in der ihm eine große Anzahl Abonnenten absprang, trafen ihn auch so bedeutende pecuniäre Verluste, daß er sich endlich genöthigt sah sein Blatt vollständig aufzugeben. Es war das das schwerste Opfer, das er bis dahin gebracht.Professor Lobenstein hatte eine ziemlich starke Familie, eine Frau, zwei erwachsene Töchter von siebzehn und zwanzig Jahren, einen Sohn von achtzehn, und zwei kleinere Kinder, einen Knaben von acht und ein Mädchen von sieben Jahren. Wenn auch nicht in Reichthum doch in einem gewissen Wohlstand erzogen, war aber der Familie bis jetzt das schwere Wort »Nahrungssorgen« fremd geblieben; der Professor hatte immer, was man so nennt, ein Haus gemacht, und sich in einem Umgangskreis bewegt, der ihnen schon an und für sich eine gewisse Verpflichtung auferlegte Manches mitzumachen, was seinen, sonst mehr einfachen Neigungen eben nicht Bedürfniß schien. Das Alles sollte, jamußtesich jetzt ändern, denn wenn er auch aus den Trümmern seines Vermögens, nach allen erlittenen Verlusten, einen kleinen Theil zu retten vermochte, genügte der nicht, das bisherige Leben fortzuführen. Die Wahl blieb ihm jetzt allein, von Neuem eine Laufbahn mit geringeren Mitteln anzufangen, und sich und den Seinen schwere und ungewohnte Entbehrungen an einem Orte aufzuerlegen, wo ihn Alles und Jedes an frühere und bessere Zeiten erinnerte oder — es war eine schwere Stunde in der ihm das Bild zum ersten Mal vor die Seele stieg — in einem anderen Welttheil, ungekannt, aber[pg 167]auch nicht bemitleidet oder verspottet, ein vollkommen neuesLebenzu beginnen.Aber die Frauen? — würden sie den Mühseligkeiten einer so langen Reise, einer Ansiedlung drüben in einem noch wilden Lande gewachsen sein? — Daß er selber die Beschwerden eines solchen Lebens leicht ertragen würde, daran zweifelte er keinen Augenblick; er hatte so viel über Amerika gelesen, sich mit den dortigen Verhältnissen aus allen erschienenen Schriften so vertraut gemacht, daß er Alles kannte was ihn dort erwartete, und einem derartigen Wirken eher mit Freude und Lust, als Bangen entgegenging; aber durfte er seine Frau all den sie erwartenden Unbequemlichkeiten und Strapatzen aussetzen? durfte er seine Töchter aus ihrem geselligen glücklichen Leben reißen, und ihnen mit einem Schlage alle jene Vergnügungen entziehen, die ihnen hier schon mehr als Erholung, die ihnen fast Bedürfniß geworden?Einen langen und schweren Kampf kämpfte er mit sich selber, Monate lang, und er wurde alt in der Zeit; die Augen lagen tief in ihren Höhlen und seine Züge bekamen etwas Mattes und Abgespanntes, das sie sonst, in seiner schwersten Arbeitszeit noch nie gehabt. Wenn auch die Kinder dabei sich leicht mit einem vorgeschützten Unwohlsein beruhigen ließen, dem scharfen Blick der Gattin entging die Sorge nicht, die an seinem Herzen heimlich, aber desto gewaltiger nagte, und ihren dringenden, ängstlichen Bitten konnte er zuletzt nicht länger widerstehen. Was sie doch zuletzt hätte erfahrenmüssen, vertraute er ihr an und wenn es die arme Frau[pg 168]auch wie ein Schlag aus heiterem Himmel traf, nahm sie das Ganze doch viel ruhiger auf als er erwartet, gefürchtet, und damit eine schwere Last vonseinemHerzen — auf das ihre. Aber leichter trägt sich die getheilte, und bereden konnten sie jetzt zusammen was zu thun, welchen Weg zu gehen, die Möglichkeit besprechen die sich hier ihrem Leben bot, die Möglichkeit errwägen, die ihnen dort eine andere freiere Zukunft öffnete. Und die Kinder? wohin Mütter und Vater gingen folgten die ja gern; nur die Scene wechselte für sie, anderen, vielleicht selbst bunteren Bildern Raum zu geben, und Kummer und Sorge kannten die ja nicht.An demselben Abend waren die beiden ältesten Töchter zu einem kleinen Fest, dem Geburtstag einer Freundin, eingeladen und hatten schon den ganzen Tag mit rastlosen Fingern an dem bunten blitzenden Ballstaat genäht. Der Vater begleitete sie dorthin, nur die Mutter blieb daheim, Kopfschmerz vorschützend, und die Sorge um das jüngste Kind, das mit einem leichten Unwohlsein in seinem Bettchen lag. Aber gegen zehn Uhr schlummerte es sanft und ruhig auf dem weichen Lager ein, und daneben, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, saß die Mutter und weinte — weinte als ob sie mit dieser Thränenfluth all den Gram und Kummer fortwaschen wollte, der jetzt, ein dunkler Wolkensaum, am Horizonte ihres Glücks erschien, und wild und drohend höher und höher stieg.Lachend und plaudernd kehrten die Töchter, mit dem Vater spät in der Nacht zurück; den leichten, sorglosen Herzen lag die Welt noch, ein weiter Garten offen da,[pg 169]und was etwa an wuchernden Giftpflanzen dazwischen stand, mischte noch sein fastgrünes Laub, dem jungen Auge nicht erkennbar, mit Blum' und Blüthenpracht.Aber der Moment näherte sich auch, wo mit der vorgerückten Jahreszeit all' die nöthigen und mannichfaltigen Vorbereitungen zu einer so langen Reise, zu einer gänzlichen Umgestaltung aller ihrer Verhältnisse, getroffen werdenmußten; auch schien die Zeit eine passende für den Sohn, der, von der Schule gerade abgegangen, eben sein Abiturienten-Examen glücklich bestanden hatte. Der Vater wünschte allerdings daß er hier erst studiren, und ihnen dann später, wenn er etwas Tüchtiges gelernt, vielleicht folgen sollte, dachte ihm aber doch die freie Wahl zu lassen, und seinem Herzen keinen Zwang aufzuerlegen.Am nächsten Morgen nach dem Balle nun — es war spät mit Aufstehn geworden nach der durchschwärmten Nacht und die zweite Tochter Marie eben erst zum Kaffee herübergekommen, während der Sohn das Haus schon, irgend eines notwendigen Ganges wegen verlassen hatte — saß der Vater, ungewohnter Weise nicht in seiner Studirstube an der Arbeit, sondern im Sopha, aus der langen Pfeife den Dampf in weißen Kräußelwolken von sich blasend, und die Mutter am Nähtisch, Kleider ausbessernd für das Jüngste, das in seinem herübergeschafften Bettchen wieder mit klaren Augen seine Puppe schaukelte.»Schon ausgeschlafen, Väterchen?« sagte Marie als sie, etwas beschämt, die Letzte am Kaffeetische Platz genommen,[pg 170]»ich habe wohl recht lange heut geschlafen, aber — was ist Dir denn? — und der Mutter auch?« — rief sie vom Stuhl wieder aufspringend, als sie das ungewohnte ernste Wesen der Eltern gewahrte — »bist Du böse auf mich, Mütterchen?«»Nein mein Kind,« sagte diese und zwang ein Lächeln auf die Lippen, »aber der Vater hat Euch etwas recht Ernstes heute zu sagen, etwas von dem wir noch nicht wissen, ob es Euch betrüben wird oder nicht.«»Der Vater?« rief Marie erschreckt, und auch Anna, die älteste Tochter, sah ängstlich zu ihm auf; Professor Lobenstein aber, so in die Enge und zum Aeußersten getrieben, hustete, paffte den Dampf ein paar Mal scharf vor sich hin, die Pfeife ordentlich in Gluth zu bringen, und sagte:»Ja Kinder, Ihr wißt — wir — wir haben doch in den letzten Tagen viel über Nord-Amerika gesprochen, und auch Manches gelesen — «»Ja, die herrlichen Romane von Cooper,« rief Marie rasch.»Und die schrecklichen Berichte im Tageblatt,« lächelte Anna.»Der Doctor Haide ist ein Esel,« sagte der Professor, den Rauch wieder ein paar Mal rasch ausstoßend — »wenn der hätte in Amerika ordentlich arbeiten wollen, brauchte er sich jetzt nicht von einer Winkeladvocatur und vom Schimpfen auf freisinnige Leute zu ernähren; über dessen Berichte wollen wir uns keine Sorgen machen, aber — « er schwieg wieder einen Augenblick und sah, wie furchtsam, nach der Frau hinüber. Die jedoch arbeitete um so emsiger weiter, und selber mit dem[pg 171]Bedürfniß dem, was ihn schon so lange gedrückt, endlich einmal Worte zu geben, fuhr er rasch fort — »ich habe eine Frage an Euch zu thun, Kinder — Hättet Ihr — hättet Ihr wohl selber Lust hinüber nach — nach Amerika zu gehn?«»Nach Amerika?« rief Anna rasch und auch wohl erschreckt. Marie aber sprang auf, schlug in die Hände und rief jubelnd:»Nach Amerika? oh das wäre ja prächtig — das wäre herrlich — nicht wahr da sind auch Bälle, Väterchen?«Die Mutter seufzte tief auf und der Vater zog wieder, etwas verlegen an der Bernsteinspitze.»Hm — ich weiß nicht,« sagte er langsam mit dem Kopf schüttelnd — »wo wir im Anfang hinwollten, werden wohl keine sein. Hängst Du so an Bällen, Marie?«»Ich tanze gern,« lächelte das junge fröhliche Mädchen etwas verlegen und schüchtern.»Nun tanzen wirst Du dort hoffentlich auch können, mein Kind,« sagte der Vater freundlich — »wenn auch nicht gerade gleich auf solchen Bällen wie wir sie hier gewohnt sind — das Leben ist dort einfacher.«»Oh, und bis zum nächsten Fasching sind wir gewiß auch wieder zurück,« rief Marie.Der Vater schwieg erst eine kleine Weile, und sagte dann leise aber entschlossen.»Wir wollenganzhinüberziehn, mein Kind.«»Auswandern?« rief die ältere Schwester fast erschreckt — das Wort, dessen Bedeutung sie noch gar nicht vollkommen[pg 172]verstand, traf sie mit einem unbekannten ahnenden Gefühl von Schmerz und Leid — »und die Mutter?«»Ihr werdet mich doch nicht wollen allein zurücklassen?« lächelte die Frau, sich gewaltsam zwingend über den Schmerz dieser Stunde.»Mutter!« sagte Anna, warf die Arme um ihren Nacken und küßte sie.»Und Eduard?« frug Marie.»Bleibt, wenn er meinem Rathe folgt, noch hier bis er ausstudirt und etwas ordentliches gelernt hat,« sagte der Vater — »wo nicht, hat er seinen freien Willen und mag uns begleiten; sowie er zu Hause kommt werde ich mit ihm sprechen.«»Aber — « rief Marie — »wer verwaltet unterdessen unser Haus?«»Wenn wir einmal fort sind von hier,« sagte der Professor ausweichend, »kann uns auch das Haus nichts mehr nützen, und ich werde es verkaufen.«»Verkaufen? — unser Haus und den Garten?« riefen Maria und Anna fast wie aus einem Munde erschreckt und rasch —»Unser freundliches Stübchen, wo wir als Kinder gespielt,« setzte Marie traurig hinzu.»Und die Bäume die Vater alle gepflanzt — die Laube, die wir uns selbst gebaut, und die so schön geworden ist in diesem Jahr,« sagte Anna leise — »verlassen wollt' ich es ja gern, wenn wir Alle gehn, aber daß fremde Menschen jetzt darin hausen sollen, die vielleicht gar nicht wissen wie wir das[pg 173]Alles gehegt und gepflegt und — « ihr Blick fiel in diesem Augenblick auf der Mutter, halb von ihr abgewandte bleiche Züge, und faßte das Blitzen einer heimlich fallenden Thräne. Anna erschrak und wurde todtenbleich — hier lag mehr verborgen als man ihnen gesagt, und heimlicher Gram, heimliche Sorge nagte an der Eltern Herzen, durfte sie die vermehren? Sie schwieg einen Augenblick und sah sinnend vor sich nieder, dann aber Mariens Hand ergreifend sagte sie mit leichterem vielleicht gezwungen fröhlicherem Ton:»Aber wir wollen nicht klagen; Vater und Mutter wissen am Besten was sie zu thun haben, und was uns gut ist, und dort baut uns Vater dann ein anderes Haus, und wir selber pflanzen uns ein neues Gärtchen, schöner als das unsere hier.«»Aber ich bliebe hier, wenn ich an Vaters Stelle wäre,« schmollte Marie, »und was wird Herr Kellmann dazu sagen, wenn er es erfährt? der ist so immer gegen Amerika, und hat sich schon oft mit Vater darüber gezankt.«»Ach der macht mir die geringste Sorge,« sagte Anna in ihrem Schmerz lächelnd — »wenn manfürAmerika spricht, schimpft er aus Leibeskräften, und citirt Gott weiß was für Stellen aus Briefen und Zeitungen, alles Günstige zu widerlegen, oder wenigstens stark zu bezweifeln, und kommt Jemand der das Land ordentlich angreift, dann hab' ich auch schon gesehn, daß er den Handschuh wacker dafür aufnimmt, und man wirklich glauben sollte er bekäme so und so viel für den Kopf, Leute zu bereden hinüberzuziehn. Das ist ein wunderlicher Kauz, der die meiste Zeit selber nicht weiß was er will,[pg 174]und ich glaube, wenn es Jemand recht ordentlich bei ihm darauf anlegte, könnte man ihn selber, nur durch Widersprechen, dahin bringen, daß er in eigener Person hinüberginge.«»Herr Kellmann?« lachte Marie — »nundenmöcht' ich in Amerika sehn.«»Und wer weiß, ob Dir das nicht noch passirt,« bestätigte der Vater, mit dem Kopfe nickend.»Und darf ich mein neues seidenes Kleid mitnehmen, Mama?« frug das junge lebenslustige Mädchen jetzt die Mutter — »hier lassen möcht' ich es doch nicht gern, und drüben im Wald — «»Liebes Kind, wir werden auch nicht mitten in den Wald gehn,« sagte die Mutter, die indessen heimlich die verrätherische Thräne aus dem Auge geschüttelt, freundlich dabei der zu ihr getretenen Tochter die Stirn streichend und küssend, »denkt es Euch nicht so schlimm. Der Vater wird uns schon einen Platz aussuchen, wo wir wenigstens unter Menschen und der Cultur nicht ganz verschlossen sind — er hielte es ja dort sonst selber nicht aus.«»Aber warum gehst Du nur, Väterchen?« bat Marie — »es ist doch hier so wunderhübsch in Heilingen, und was wir da drüben haben, wissen wir noch nicht.«Der Professor, zu dem Anna ängstlich aufsah, hatte seinen Sitz verlassen und ging, langsam dabei mit dem Kopf nickend, im Zimmer auf und ab; er fühlte daß er, auch den Töchtern gegenüber, diesen eine Erklärung seines Handelns schuldig sei, denn er riß sie aus einem liebgewonnenen Leben heraus,[pg 175]und führte sie vielen, vielen Entbehrungen — er durfte sich das nicht leugnen — entgegen. Von ihrer späteren Haltung dabei hing auch viel ihrer Aller Glück, ihrer Aller Zufriedenheit ab, und sie waren alt genug ihrem Urtheil zu vertrauen. Aber es kostete ihm der Entschluß einen schweren Kampf, und wo ihm die Frau war auf halbem Weg entgegen gekommen, fürchtete er hier gerade, nicht Widerstand zu finden, denn dafür hatten sie ihn zu lieb, aber Schmerz und Sorge zu wecken in den jungen Herzen, denen er die ungebetenen Gäste gern noch fern gehalten hätte so lang als möglich. Sie standen jedoch an einem wichtigen, bedeutungsvollen Abschnitt ihres Lebens, und mußtensehen, wohin der Weg sie führte.In kurzen, einfachen Worten, frei vom Herzen weg, und zu den Herzen sprechend, weil sie aus dem Herzen kamen, schilderte er ihnen jetzt die veränderte Lage in die er, durch das gezwungene Aufgeben seiner Zeitschrift sowohl, wie durch manche schwere, ihn betroffene Verluste gekommen. Er verheimlichte ihnen nicht länger daß er einen Theil — einen großen Theil seines Vermögens eingebüßt, und das ihm selber liebe Haus nicht verkaufen würde, wenn ihn eben nicht — die Verhältnisse dazuzwängen. Aber noch blieb ihnen genug nach einem fernen Welttheil überzusiedeln und dort, mit bescheideneren Bedürfnissen, von Neuem zu beginnen; Amerika mit seiner ungeheuren Lebenskraft bot ihnen nach allen Seiten hin die Möglichkeit der Existenz, und das gut und zweckmäßig angelegte kleine Capital konnte dort gute Zinsen tragen für spätere Zeit. Hatten sie sich dann etwas verdient, waren die Hoff[pg 176]nungen, mit denen sie hinüber gingen, Wahrheit geworden, und sehnte sich ihr Herz noch nach dem Vaterland, wer hinderte sie dann zurückzukehren zu den theueren Plätzen, die ihnen ewig lieb bleiben würden in der Erinnerung?Dem Professor war es leichter um die Brust geworden, wie er das Eis nur erst gebrochen. Selbst überzeugt von dem was er sprach, wurde er warm, indem er den Gedanken weiter dachte, und seine Phantasie verlor sich zuletzt sogar, Luftschlösser aufbauend, zauberschnell in weiter Ferne. Der Professor ging mit dem Menschen durch, und die leicht gerötheten Wangen belebte ein eigenes, inneres Feuer. Und die Mutter saß dabei, still und schweigend, und ängstlich bemüht, in der wiederaufgenommenen Arbeit die eigene Bewegung zu verbergen. Marie und Anna aber, die des Vaters Hände erfaßt und in den ihren hielten, schmiegten ihre Häupter an seine Schultern und flüsterten; die großen, zu ihm aufgeschlagenen Augen voll von Thränen.»Genug, genug, Väterchen; mal' uns das Alles nicht so prächtig aus — wohin Du und Mutter gehn, gehn auch wir, und wär' es mitten hinein in den wildesten Wald. Kein unzufriedenes Wort sollst Du dabei von uns hören, keine Klage, kein böses Gesicht weiter — keine Thräne — nur die hier sind uns so ganz von selber über die Backen gelaufen, weil wir die Mutter weinen sahen. Mit Lieb und Lust wollen wir das Leben dort beginnen — «»Und Kühe und Hühner schaffen wir uns an!« rief Marie,[pg 177]»und die Kühe melken wir selber und machen Butter und Käse.«»Wie gut,« sagte Anna, daß wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante waren, und dort das Alles zum Spaß gelernt haben; jetzt wird es uns nützen.«»Aber nicht wahr, Mütterchen, nun weinst Du auch nicht mehr,« rief Marie, zur Mutter hinübergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und sie küssend — »drüben wird schon Alles hübsch werden. Und ein paar von den großen Holzschuhen nehm' ich mir mit, wie sie die Bauern tragen, für draußen bei nassem Wetter; hei wie wir da herumpatschen wollen und schaffen und arbeiten; und plätten thun wir auch selbst, dafür nimmst Du kein Mädchen mehr.«Den frohen, leichten Herzen schwammen schon die gewaltigen Umrisse ihrer ganzen fernen, so ungewissen Zukunft, in den einzelnen bunten Kleinigkeiten zusammen, die ihrem Geist, von dem Reiz der Neuheit mit frischem Duft überhaucht, entstiegen. Nur die Lichtpunkte erspähte der, in die Ferne arglos hinausschauende Blick, und die goß er sich lustig zusammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der düstere Hintergrund, den das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die einzelnen Lichter stärker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu können, und der Himmel spannte sich blau und rein über ihren glücklichen Häuptern.
[pg 136]Capitel 6.Die Weberfamilie.Nicht weit von Heilingen, und in Hörweite der Domglocke selbst, in ziemlich bergigem, aber unendlich malerischem Land, lag ein kleines armes Dorf, dessen Bewohner, da ihre Felder gerade nicht zu den besten gehörten, sich kümmerlich, aber meist ehrlich, mit verschiedenen Handwerken und Gewerben, mit Holzschnitzen wie auch hie und da mit dem Webstuhl, ernährten. Das Dorf hieß eigentlich »Zur Stelle«, welchen Namen aber die Bewohner im Laufe der Zeit, und mit Hülfe ihres Dialekts, zu dem vonZurschtelumgearbeitet hatten, und mochte etwa dreißig Häuser und Hütten, mit der doppelten Anzahl von Familien, wie der sechsfachen von Kindern zählen. Es ist eine wunderliche Thatsache, daß man in den ärmlichsten Distrikten stets die meisten Kinder findet.Mitten im Dorf lag eins der besseren Häuser; es war weiß getüncht, und hinter den sauber gehaltenen Fenstern[pg 137]hingen weiße, reinliche Gardinen. Vor dem Hause, über dessen Thüre ein frommer Spruch mit rothen und grünen Buchstaben angeschrieben war, stand ein Brunnen- und Röhrtrog, und ein kleiner Koven an der Seite desselben, zeigte in der nach außen befestigten Klappe des Futterkastens dann und wann den schmuzigen Rüssel eines seine Kartoffelschalen kauenden Schweines. Auch ein ordentlich gehaltenes Staket umgab das Haus wie den kleinen Hofraum, und die Wohnung stach sehr zu ihrem Vortheil gegen manche der Nachbarhäuser ab.Im Inneren selber sah es ebenfalls sehr reinlich, aber nichtsdestoweniger sehr ärmlich aus. In der einen Ecke stand ein großer, viereckiger, sauber gescheuerter Tisch aus Tannenholz, an zweien der Wände waren Bänke aus dem nämlichen Material befestigt, und um den großen viereckigen Kachelofen, der fast den achten Theil der Stube einnahm, hingen verschiedene Kochgeräthschaften, während auf darüber angebrachten Regalen die braunen Kaffeekannen und geblümten Tassen gewissermaßen mit als Zierrath zur Schau ausstanden. Die dritte Ecke füllte der Webstuhl des Mannes aus, und dem gegenüber stand eine riesengroße, braunangestrichene Kommode, mit Messinghenkeln und Griffen und fünf Schiebladen, die, mit wirklich rührender Eitelkeit als eine Art von Nipptisch benutzt, zwei mit bunten Blumen bemalte Henkelgläser, eine vergoldete Tasse mit der Aufschrift »der guten Mutter« — ein Geschenk aus früherer Zeit — und ein gelb irdenes aber allerdings sehr wenig benutztes Dintenfaß trug, während dahinter, in zwei ordinairen Stangengläsern, in dem einen Schilfblü[pg 138]thenbüschel, und in dem anderen große stattliche Aehren von Roggen, Waizen, Gerste und Hafer standen, zur Erinnerung an eine frühere segensreiche Erndte.Die Bewohner der kleinen Stube paßten genau in ihre Umgebung; es war eine, nicht mehr ganz junge aber doch rüstige Frau, in die nicht unschöne Bauertracht der dortigen Gegend gekleidet, die an ihrem Spinnrad saß und eifrig das Rädchen schnurren ließ, während die rechte Hand manchmal eine neben ihr stehende Wiege berührte, den darin ruhenden kleinen Säugling, der immer wieder die großen dunklen Augen zu ihr aufschlug, endlich in Schlaf zu bringen. Sie war reinlich, aber in die gröbsten Stoffe gekleidet, ebenso der Bube von etwa vier Jahren, der ihr zu Füßen mit einer kleinen Mulde auf dem über die Diele gestreuten Sand »Schiff« spielte.Außerdem war noch eine vierte Person im Zimmer, die alte Mutter der Frau, eine Greisin von nahe an siebzig Jahren, die auch noch ihr Spinnrad drehte, sich aber mit dem hinter den noch warmen Ofen gesetzt hatte, weil ihr das heutige naßkalte, unfreundliche Wetter fröstelnd durch die alten Glieder zog. Es war eine gutmüthige, aber mürrische alte Frau, selten zufrieden mit dem was sich ihr gerade bot, und unermüdlich darin, sich und ihren Kindern die Last vorzuwerfen die sie ihnen mache, und den lieben Gott täglich zu bitten daß er sie doch bald zu sich nähme. Nur eine kleine, ganz kurze Frist erbat sie sich immer noch — dann wollte sie gerne sterben. Erst; wie das Aelteste geboren war, wollte sie das[pg 139]noch gerne laufen sehn; dann hätte sie gern erlebt wie es zum ersten Mal in die Schule ging; dann war es Frühjahr geworden und sie hoffte nur noch einmal neue Kartoffeln zu essen, zu Jacobi aber wollte sie noch einmal von dem Pflaumenbaum die Früchte kosten, den ihr »Seliger« noch gepflanzt. Wie der Herbst kam wünschte sie im Frühjahr begraben zu werden, und die knospenden Maiblumen weckten den Wunsch nach den Astern, ihrer Lieblingsblume, von denen sie sich eigenhändig ein schmales Beet in den kleinen Garten dicht am Hause gepflanzt. So lebt und webt die Hoffnung in unseren Herzen mit immer neuer, nie sterbender Kraft, und je älter wir werden, desto mehr lernen wir die schöne Erde lieb gewinnen, desto mehr klammern wir uns an sie, und wollen uns gar nicht mehr von ihr trennen.Der Tag neigte sich dem Abend zu; der Mann war in die Stadt gegangen seine Steuern zu zahlen, und Manches einzukaufen was sie nothwendig im Hause brauchten — zum Ersatz dafür hatte er das zweite Schwein, das sie bis dahin gehalten, hineingetrieben, und der Erlös sollte seine Ausgaben bestreiten.Der Regen wurde jetzt wieder heftiger, die großen schweren Tropfen schlugen gegen das Fenster, und das Kind wurde vollständig munter und fing an zu schreien. Die Mutter schob ihr Spinnrad zurück, nahm das Kleine aus der Wiege, und ging damit trällernd im Zimmer auf und ab. Die Alte spann indeß ruhig weiter, und suchte mit zitternder leiser Stimme ein[pg 140]geistliches Lied zu singen, und mit dem Rad trat sie den Takt dazu. Sonst sprach keine ein Wort.Endlich wurde die Hausthür geöffnet, Jemand kam von draußen herein, und strich sich die Füße auf den Steinen und der Strohdecke ab, und sie hörten gleich darauf wie der zurückkehrende Vater und Gatte seinen großen rothblauwollenen Schirm auf die Steine stieß, das Wasser so viel wie möglich davon abzuschütteln, und den Mantel auszog und über den großen Schleifstein hing der draußen im Flur stand, wie er das gewöhnlich that. Die Frau öffnete rasch die Thür den Mann zu begrüßen, der den Hut abnahm, sich die nassen Haare aus der Stirn strich, und das Kind küßte, das sie ihm entgegenhielt.»Jesus ist das ein Wetter, Gottlieb,« sagte sie dabei, als sie ihm den Hut aus der Hand nahm und neben den Ofen an den Nagel hing, »komm nur herein, daß Du 'was Trockenes auf den Leib bekommst; wo hast Du denn den Jungen? — ist er nicht bei Dir?« setzte sie, fast ängstlich, hinzu.»Er ist draußen bei Lehmann's hineingegangen, denen wir ein paar Sachen aus der Stadt mitgebracht,« sagte der Mann — »wird wohl gleich kommen — wie geht's Frau? — wie geht's Mutter? — ha, das regnet einmal heute was vom Himmel herunter will; was nur d'raus werden soll wenn das Wetter so fort bleibt. Ein paar gute trockene Tage haben wir gehabt, und jetzt wieder Guß auf Guß — Guß auf Guß, als ob sie uns unsere paar Stücken Feld noch hinunter in die Wiesen waschen wollten. Von dem einen Acker ist die Saat[pg 141]schon halb fortgespült — wenn dasmal das Korn misräth, weiß ich nicht wo der arme Mann das Brod hernehmen soll.«»Klag nicht, Gottlieb,« sagte aber die Frau freundlich — »es geht noch Vielen schlechter wie uns, und was sollen da dieganzarmen Leute sagen. Lieber Gott, es ist viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben sein Auskommen und ein Dach über dem Kopf hat und gesund ist, sollte sich nicht versündigen.«Sie hatte dabei das Kind auf die Erde gesetzt, holte den Topf aus der Röhre, in der, trotz der vorgerückten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte, der alten, fröstelnden Mutter wegen, und goß den darin heiß gehaltenen Kaffee — sie nannten das braune Getränk von gebrannten gelben Rüben und Gerste wenigstens so — in die eine braune Kanne, damit sich der Mann, der den ganzen Tag draußen im Regen herumgezogen war, daran erquicken könne. Zugleich auch deckte sie ein weißes Tuch über den Tisch, auf den sie noch Butter und Brod stellte, die versäumte Mittagsmahlzeit wenigstens in etwas nachzuholen. Der Mann setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch goß, und schnitt sich ein großes Stück Brod ab, das er mit Butter bestrich und verzehrte. Er sprach kein Wort dabei, und beendete still seine Mahlzeit, schob dann die Tasse und den Butterteller zurück, nahm das Kleinste, das die Mutter zu ihm auf die Erde gesetzt hatte, herauf auf sein linkes Knie, blieb, den rechten Ellbogen auf den Tisch gestützt, den Kopf gegen die Wand gelehnt, regungslos sitzen, und schaute still und schweigend nach[pg 142]dem Fenster hinüber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind draußen gepeitscht, hohl und heftig anschlugen.Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit scheuem Blick betrachtet; es war irgend etwas vorgefallen, aber sie wagte nicht zu fragen, denn Gottlieb, so seelensgut er auch sonst sein mochte, hatte doch auch seine »verdrießlichen Stunden« und war dann, wenn gestört, oft rauh und unfreundlich; aber eine eigene Angst überkam sie plötzlich. Ihr ältester Sohn — der Hans — war nicht mit zu Hause gekommen — konnte dem — heiliger Gott, wie ein Stich traf es sie in's Herz und sie sprang erschreckt von ihrem Stuhl auf und auf den Mann zu.»Gottlieb — um aller Heiligen Willen wo ist der Hans? — es ist — es ist ihm doch nicht etwa ein Unglück geschehn?«»Der Hans?« sagte der Mann aber ruhig und sah erstaunt zu ihr auf, »was fällt Dir denn ein? was soll denn dem Hans zugestoßen sein? ich habe Dir ja gesagt daß er bei Lehmann's etwas abgegeben hat, und dort wahrscheinlich das Wetter abwarten wird.«»Ich weiß nicht,« sagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlast von der Seele gewälzt wurde — »aber Du bist so sonderbar heut Abend, so still und ernst, und da schlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, über den Hans. Ist etwas vorgefallen Gottlieb? — «Gottlieb schüttelte den Kopf langsam und sagte. — »Nicht daß ich wüßte — nichts Besonderes wenigstens,[pg 143]oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage vorfällt — Geld zahlen.«»War es denn so viel?« sagte die Frau leise und schüchtern.Der Mann schwieg einen Augenblick und sah still vor sich nieder; endlich erwiederte er seufzend:»Das Schwein ist d'rauf gegangen, und vier Thaler Siebzehn Groschen sind immer noch mit Gerichtskosten und der alten Proceßgeschichte mit der Brückenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte, stehen geblieben, und ich muß sie bis zum ersten Juli nachzahlen, unter Androhung von Pfändung.«»Nun lieber Gott,« sagte die Frau tröstend — »wenn das das Schlimmste ist, läßt sich's noch ertragen; da verkaufen wir eben das andere Schwein und behelfen uns so. Wie wenig Leute im Dorf haben überhaupt eins zu schlachten, und leben doch; warum sollen wir nicht eben so gut ohne eins leben können als die.«»Ja,« sagte der Mann leise und still vor sich hin brütend — »verkaufen und immer nur verkaufen, ein Stück nach dem anderen, und während wo anders die Leute mit jedem Jahr ihr kleines Besitzthum vergrößern, und für ihre Kinder etwas zurücklegen können, sieht man es hier mehr und mehr zusammenschmelzen, unter Müh und Plack das ganze Jahr lang.«»Aber kannst Du's ändern?« sagte die Frau leise und fuhr, wie der Mann schwieg und mit der Faust die Stirn[pg 144]stützend vor sich nieder starrte, schüchtern fort — »arbeitest Du nicht von früh bis spät fleißig und unverdrossen? gönnst Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine nöthige Beschäftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringste vorzuwerfen?«»Nein,« sagte der Mann, während er die Hand auf den Tisch sinken ließ und die Frau voll und fest ansah — »nein, aber das ist es ja eben, was mir am Leben frißt. Wir können nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir jetzt thun, und jetzt sind wir noch jung und kräftig, unsere Kinder noch klein und gesund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurück, wird es mit jedem Jahr schlechter und schlimmer. Wie nun soll das werden, wenn uns erst einmal Krankheit heimsuchte, wenn die Kinder heranwachsen und mehr brauchen, wenn wir selber älter werden und nicht mehr so zugreifen können wie jetzt? — Schon jetzt können wir uns nicht mehr in der theueren Zeit oben halten — das eine Schwein ist verkauft, das andere wird noch fort müssen; unser Acker ist kleiner geworden in den letzten zehn Jahren, unsere Bedürfnisse aber sind gewachsen — wie soll das enden?«»Aber Gottlieb,« sagte die Frau freundlich — »wie kommen Dir jetzt doch nur solche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht? Mann, Mann, Du bist doch sonst so ruhig, und hast immer vertrauungsvoll in die Zukunft gesehn, wie sind Dir auf einmal solche schwarze Gedanken durch den Sinn gefahren?«Die alte Mutter hatte, schon so lange wie die Beiden[pg 145]mit einander gesprochen, ihr Spinnrad ruhen lassen, und dem Gespräch aufmerksam zugehört; dabei schüttelte sie fortwährend mit dem Kopf, und sagte endlich mit ihrer schrillen, scharf klingenden Stimme:»Ja wohl, ja wohl — das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Mäuler kommen — mehr Mäuler sind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt mich todt; schlagt mich todt daß ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz mache — schlagt mich todt.«»Mutter,« bat die Frau, in Todesangst daß sie dem Manne mit solcher Rede wehe thun würde, dennergerade hatte sie immer auf das Freundlichste behandelt, und Alles gethan was in seinen Kräften stand, ihr jede Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verschaffen — »wie dürft Ihr nur so etwas reden; versündigt Ihr Euch denn nicht?«»Wir haben noch genug für uns Alle Mutter,« sagte aber der Mann freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun mochte — »nur für spätere Zeit ist mir bange; Sie aber wären die Letzte die darunter leiden sollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unsere Schuldigkeit in unserer Jugend gethan, wie Sie, dann ist es nicht mehr wie Pflicht und Schuldigkeit der Jüngeren für ihre Eltern zu sorgen — wenn sie nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlassen werden.«Die Alte war wieder still geworden, sah noch eine Zeit lang vor sich nieder, und begann dann auf's Neue ihre Arbeit,[pg 146]aber die Frau fuhr fort und sagte, fast mit einem leisen Vorwurf im Ton zu ihrem Mann.»Siehst Du Gottlieb, das hast Du nun davon mit Deinen trüben und traurigen Ideen; Du machst Dir und mir und der Mutter nur das Herz schwer, und nützest und hilfst doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird's schon machen und lenken; Er hat die Welt so viele Jahrhunderte hindurch in ihrer Bahn gehalten, und die Menschen darauf geschirmt und gepflegt, wie unser Herr Pastor sagt, Er wird's auch schon weiter thun, und wir dürfen uns eigentlich gar nicht sorgen und kümmern um den »nächsten Tag.«»Doch, doch Frau,« sagte aber der Mann, aufstehend und jetzt, die Hände in den Hosentaschen, in der Stube auf und ab gehend — »doch Frau, der Mannmuß, denn wenn er'snichtthäte, wär er ein schlechter Hausvater, und ihm allein fielen dann all die schweren Folgen zur Last, die daraus entständen. Ich kann Dir das nicht so mit Worten deutlich machen, wie mir's neulich der Schulmeister, mit dem ich darüber sprach, erklärte, aber der meinte es wäre etwa so wie wenn Einer im Wasser wäre. Da sei es auch nicht genug daß man sich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum schwämme eben nur nicht zu ertrinken, das thäte nicht einmal ein unvernünftiges Stück Vieh; nein des Menschen, des verständigen Menschen Pflicht sei es sich schon im Wasser nach dem festen Lande umzusehn, ob man das nirgends erreichen könne, denn zuletzt würde man da im Wasser, man möchte noch so tapfer schwimmen, doch müde, und ließen erst einmal die Kräfte[pg 147]nach, dann hülfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man sänke eben langsam zu Boden.«»Ich verstehe nicht recht was Du damit meinst,« sagte die Frau, »aber Du siehst mich so sonderbar dabei an — hast Du noch 'was anderes dahinter?«»Nein und Ja,« sagte der Mann nach kleiner Pause, indem er sich mit dem Rücken an den Ofen lehnte, und langsam dazu mit dem Kopfe nickte, »eigentlich nicht, denn Gott da oben weiß daß es wahr ist, und weiß wie, und ob's einmal enden kann; aber dann — dann hab' ich allerdings noch was dahinter, denn ich meine — ich meine — « er schwieg und es war augenscheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich scheue so mit blanken klaren Worten heraus zu sagen, die Frau aber, die eben damit beschäftigt war das Geschirr hinaus zu räumen, setzte die Kanne wieder auf den Tisch, sah den Mann erstaunt an, ging dann langsam zu ihm an den Ofen und sagte leise, vor ihm stehen bleibend:»Geh her, Gottlieb — Du hast 'was, was Dich drückt und willst nicht mit der Sprache heraus — es ist irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt, was Du nicht sagen magst. Du darfst doch nichtsitzen?«»Sitzen? — weshalb?« lächelte der Mann kopfschüttelnd — »ich habe nie etwas Böses gethan.«»Nun was ist's denn, so sprich doch nur, denn Du ängstigst mich ja mehr mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmste gleich vornheraus erzählst — dem Hans fehlt doch Nichts?«[pg 148]»Was soll dem Hans fehlen, närrische Frau — wenn's aufhört zu gießen wird er schon kommen.«»Und was ist's denn? — gelt, Du sagst mir's?«»Ich muß Dir's wohl sagen;« seufzte der Mann, »nun sieh Hanne, ich meine — ich habe so darüber nachgedacht, daß es jetzt hier in Deutschland immer schlechter wird mit uns — und daß wir's zu Nichts mehr bringen können, trotz aller Arbeit, trotz allem Fleiß, und daß jetzt — daß jetzt doch so viele Menschen hinüber ziehen — «»Hinüber ziehen?« frug die Frau erstaunt, fast erschreckt, und legte die Hand fest auf's Herz, als ob sie die aufsteigende Angst und Ahnung über etwas Großes, Schreckliches da hinunter und zurückdrücken wolle, eh sie zu Tage käme — »wo hinüber Gottlieb?«»Nach Amerika;« sagte der Mann leise — so leise daß sie das Wort wohl nicht einmal verstand, und nur an der Bewegung der Lippen es sah und errieth. Wie ein Schlag aber traf sie die Wirklichkeit ihres Verdachts, und ohne ein Wort zu erwiedern, ohne eine Sylbe weiter zu sagen, setzte sie sich auf den, dicht am Ofen stehenden Stuhl, deckte ihr Gesicht mit der Schürze zu und saß eine lange, lange Weile still und regungslos. Auch der Mann wagte nicht zu sprechen — er hatte den Gedanken wohl schon eine Zeit lang mit sich herumgetragen, aber sich immer davor gefürchtet ihm Worte zu geben, sogar gegen sich selbst, wie viel weniger denn gegen die Frau. Jetzt war es heraus, und er betrachtete nur scheu die Wirkung die er hervorgebracht.[pg 149]Auch die alte Mutter saß, mit der Hand auf dem Rad das sie im Drehen aufgehalten, und horchte nach den Beiden hinüber, was sie mitsammen hatten, und wie die so still waren und kein Wort mehr sprachen, mochte es ihr auch unheimlich vorkommen und sie sagte laut und mürrisch:»Nun Gottlieb was giebt's — was hast wieder Du mit der Hanne — was habt Ihr denn daß Ihr so still und heimlich thut — macht Einem nicht auch noch Angst unnützer Weise — was ist nun wieder los?«»Ja Mutter,« sagte der Mann jetzt, der sich gewaltsam Muth faßte über das, was nun doch nicht länger mehr verschwiegen bleiben konnte und besprochen werdenmußte, auch laut zu reden, daß er's vom Herzen herunter bekam — »es geht mit uns hier den Krebsgang, und ich habe eben zu Hannen gesagt daß uns zuletzt nichts anderes übrig bleiben würde als — als es eben auch wie andere zu machen, und — «»Und? — und was zu machen?« frug die alte Frau gespannt —»Alsauszuwandern,« sagte der Mann mit einem plötzlichen Ruck und seufzte dann tief auf, als ob er selber froh wäre es los zu sein.»Herr Du meine Güte!« rief die alte Frau, ließ die Hände erschreckt in den Schooß sinken und lehnte sich in ihren Stuhl zurück, während ihr alle Glieder am Leibe flogen — »Herr Du meine Güte!« wiederholte sie noch einmal, und die Finger falteten sich unwillkürlich zusammen, so hatte sie der Schreck getroffen.[pg 150]»Auswandern,« sagte aber auch jetzt Gottliebs Frau mit tonloser Stimme, und ließ die Schürze vom Gesicht herunterfallen — »auswandern, das ist ein schweres — schweres Wort Gottlieb — hast Du Dir das auch recht — recht reiflich überlegt?«»Tag und Nacht die ganze letzte Woche hindurch,« rief aber der Mann, der jetzt, da das Eis einmal gebrochen war, wieder Leben und Wärme gewann. »Wie ein Mühlstein hat's mir auf der Seele gelegen, und ich habe lange und tapfer dagegen angekämpft, aber es wäre das Beste für uns, was wir auf der weiten Gotteswelt thun könnten; und wenn auch nicht einmal für uns, wenn wir selber auch schwere und bittere Zeiten durchzumachen hätten, doch für die Kinder, die einmal den Segen erndten, den wir mit unserem Schweiß, unseren Thränen gesäet.«»Auswandern? ja,« sagte aber jetzt die Großmutter, mit dem Kopfe nickend und schüttelnd, als ob sie den schrecklichen Gedanken wieder von sich abwerfen wollte — »ja wohin es euch lüstet, aber erst wenn ich todt bin. Die paar Tage müßt Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder sonst schlagt mich todt, werft mich in's Wasser, oder schlagt mich mit dem Beil auf den Kopf daß ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt könnt Ihr mich doch nicht mehr umherschleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr, wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt schlagt mich vorher todt.«[pg 151]»Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar so häßlich reden wollten,« sagte die Frau traurig, während der Mann wieder zum Tisch ging, sich dort auf den Stuhl setzte, und den Kopf in die Hand stützte — »Sie sind noch wohl und rüstig und werden, will's Gott, noch manches Jahr leben und sich Ihrer Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und sich ihr Brod suchen müssen, da gehören Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient mit Mühe und Noth und banger Sorge schon vor langen Jahren, wie wir noch klein und unbehülflich waren, wie unsere Kinder jetzt.«»Wozu mich mitnehmen,« sagte aber die Frau, störrisch dabei mit dem Oberkörper herüber und hinüber schwankend, »unterwegs müßtet Ihr mich doch aus dem großen Schiff hinaus in's Wasser werfen, die Fische zu füttern. Bleibe im Lande und nähre Dich redlich, das istmeinSpruch und meines Leberecht Spruch von alter Zeit her gewesen, und wir haben uns wohl dabei befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will oben zur Decke 'naus und fliegen und schwimmen, anstatt hübsch auf der Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum ist's denn früher gegangen? — nein Gott bewahre, jetzt soll Alles mit Eisenbahnen und Dampf gehen und keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand — schlagt mich todt, dann seid Ihr mich los und könnt hingehn wohin Ihr wollt.«Und die alte Mutter stand auf, rückte ihr Spinnrad bei[pg 152]Seite, und humpelte, noch immer vor sich hin murmelnd und grollend, aus der Stube hinaus.»Sie meint es nicht so bös, Gottlieb,« sagte die Frau zu dem Mann tretend und ihre Hand auf seine Schulter legend, »es ist eine alte Frau die an ihrer Heimath mit ganzem Herzen hängt und sich vor der Reise fürchtet.«»Und Du nicht, Hanne?« rief der Mann sich rasch nach ihr umdrehend, und ihre Hand ergreifend — »Du nicht? Du würdest Dich dazu entschließen können unsere Heimath hier, unser Häuschen, unser Feld zu verlassen, und mit mir und den Kindern über das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?«Die Frau schwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes — endlich sagte sie leise — »So weit fort? — und muß es denn sein, ist es denn gar nicht möglich mehr, daß wir hier gut und ehrlich durchkommen durch die Welt, wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb, es ist gar hart so von zu Hause fortzugehn, die Thür zuzuschließen und zu denken daß man nun nie und nimmer wieder dahin zurückkommt — «Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und sagte endlich:»Du hast recht Hanne; es ist ein schwerer, recht schwerer Schritt, und man sollte ihn sich wohl vorher überlegen ehe man ihn thut, denn zurück kann man nicht wieder, wenn man nicht wenigstens Alles opfern will, was Einem bis dahin[pg 153]noch zu eigen gehört hat. Thun wir aber recht nur allein an uns zu denken? — Sieh, wir schleppen uns vielleicht noch wenn auch kümmerlich, doch ehrlich, durch, bis wir einmal sterben, und wenn es auch hart ist, daß es Einem nachher im Alter schlechter gehn soll wie in der Jugend, brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben daß wir verhungerten; aber die Kinder — die Kinder — was wird aus denen? Unser kleines Grundstück ist die Jahre über kleiner und kleiner geworden; mit dem Geschäft geht's auch kümmerlicher wie bisher — neue, geschicktere Arbeiter, junge Burschen die noch keine Familie haben und weniger brauchen, sitzen in den Dörfern herum, und die Fabriken und Maschinen geben uns ohnedies den Todesstoß. Stahl und Holz braucht Nichts zu essen und arbeitet unermüdet Tag und Nacht durch, und die Räder und Walzen und Hämmer klopfen und drehen und schwingen ununterbrochen fort gegen den Schweiß des armen Arbeiters der darüber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darüber, es muß wohl schon so recht sein, denn Gott hat's den Menschen selber gelehrt und die Welt muß vorwärts gehn — wir älteren Leute können uns aber eben nicht mehr darein schicken, können nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne anfangen, wenigstens hier im Lande nicht wo Einem die Hände nach allen Seiten hin gebunden sind, und darum ist mir der Gedanke gekommen auszuwandern. Da drüben über dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch einen großen gewaltigen Fleck Erde liegen, für uns arme Leute bestimmt, den Maschinen und Räderwerken zu entgehn; dort haben wir[pg 154]Platz uns zu bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu leben, sondern kann auch vielleicht für sich und die Kinder was vorwärts bringen und braucht sich nicht mehr vor der Zukunft zu fürchten und vor Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unsern Kindern da einmal anders übrig, als in Dienst zu gehn und sich bei fremden Leuten doch herumzuschlagen ihr Lebelang.«»Und die Mutter?« sagte die Frau, sich ängstlich nach der Thüre umsehend — »was würde aus der alten Frau auf dem Meere?«»Was aus so vielen alten Frauen da wird, liebes Herz,« sagte aber der Mann, augenscheinlich mit froherem, freudigeren Herzen, als er bei dem eigenen Weib nicht den Widerstand fand, den er vielleicht gefürchtet — »sie gewöhnen sich an das neue Leben, sobald sie das alte nicht mehr um sich sehen, und die Seeluft soll kräftigen und stärken.«»Aber sie wird nicht mit uns wollen.«»Sie wird ihre Kinder nicht verlassen,« tröstete sie der Mann, »und ohne sie dürften wir ja auch gar nicht fort.«Die Frau reichte ihm schweigend die Hand, die er herzlich drückte, und wandte sich dann, und wollte eben das Zimmer verlassen, als draußen Jemand die Thür aufriß und in das Haus trat. Das Unwetter hatte jetzt seinen höchsten Grad erreicht, und der Regen schlug in ordentlichen Güssen gegen die Fenster an, während der Wind die Wipfel der Bäume herüber und hinüber schüttelte und die Blüthen von den Zweigen riß mit rauher Hand.Capitel 6[pg 155]»Schönen Gruß mit einander,« sagte dabei eine rauhe Stimme, während die Stubenthür halb geöffnet wurde — »darf man hinein kommen?«»Gott grüß Euch,« sagte die Frau — »kommt nur herein, bei dem Wetter ist's bös draußen sein — es tobt ja, als ob der letzte Tag hereinbrechen sollte.«Der Fremde hing seinen Hut und Mantel draußen ab und trat mit nochmaligem Gruß in die Stube.»Gott grüß Euch,« sagte auch Gottlieb — »da, nehmt Euch einen Stuhl und setzt Euch zum Ofen; es ist heut unfreundlich draußen, und man kann ein Bischen Feuer brauchen.«»Sauwetter verdammtes,« fluchte der Mann, als er der Einladung Folge geleitet und sich die nassen Haare aus der Stirne strich — »ich wollte erst sehen daß ich die Schenke erreichte; hier um die Ecke herum kam der Wind aber so gepfiffen daß er mich bald von den Füßen hob, und es war gerade als ob sie Einem von da oben einen Eimer voll Wasser nach dem andern entgegen gossen. Schönes Wetter für Enten, aber für keine Menschen.«Es war eine rauhe, kräftige Gestalt, der Mann, mit krausem dicken schwarzen Bart und ein paar tiefliegenden unstäten Augen, in einen groben braunen Tuchrock gekleidet, wie ihn die Fleischer nicht selten auf dem Lande tragen. Die ebenfalls braunen Hosen hatte er dabei heraufgekrempelt, bis fast unter das Knie, mit seinen derben Wasserstiefeln besser durch alle Pfützen und Schlammwege hindurch zu können; die aus ungeborenem Kalbfell gemachte Weste war ihm bis an den[pg 156]Hals hinauf zugeknöpft, und eine lange silberne Kette, an der die in der Westentasche steckende Uhr befindlich war, hing ihm darüber hin.»Ihr seid wohl weit von hier zu Haus?« frug Gottlieb nach einer längeren Pause, in der er den Mann und dessen Aeußeres flüchtig nur betrachtet hatte — »hab' Euch wenigstens noch nicht hier bei uns gesehen.«»Zehn Stunden etwa,« sagte der Fremde, seine Pfeife jetzt aus der Brusttasche seines Rockes nehmend und mit Stahl und Schwamm, den er bei sich führte, entzündend — »wie weit ist's noch bis Heilingen.«»Eine tüchtige Stunde — wenn der Weg jetzt nicht so schrecklich wäre, könnte man's recht bequem in kürzerer Zeit gehn.«»Hm — ist noch verdammt weit, puh wie das draußen stürmt; und die Pflaumenblüthen pflückt's beim Armvoll herunter — Pflaumenmuß wird theuer werden nächsten Herbst.«»Das weiß Gott,« sagte Gottlieb — »es wird Alles theuer, immer mehr jedes Jahr, langsam aber Sicher.«»Bah, es geschieht denen recht die hier bleiben, wenn sie nicht hier bleiben müssen; 's giebt Plätze die besser sind.«»Wollt Ihr auch auswandern?« sagte Gottlieb rasch.»Auswandern? — nach Amerika? — hm — ich weiß noch nicht,« brummte der Fremde, sich den Bart streichend — »es wäre aber möglich daß sie Einen noch dazu trieben. Sind das Euere Kinder?«»Ja. — «»Habt Ihr noch mehr?«[pg 157]»Noch einen Jungen von elf und ein halb Jahr.«»Und Ihr seid ein Weber?« sagte der Fremde mit einem Blick auf den Webstuhl — »auch schwere Zeiten für derlei Arbeit, mit einer Familie durchzukommen.«»Ja wohl, schwere Zeiten,« seufzte Gottlieb, als in diesem Augenblick die Thür draußen wieder aufging und die Mutter laut ausrief: —»Der Hans, lieber Himmel kommt der in dem Wetter.«Es war Hans, der älteste Sohn des Webers, durch und durch naß, aber mit frischem gesunden Gesicht und rothen Backen, auf denen das Regenwasser in großen Perlen stand.»Guten Tag mit einander,« sagte er, als er in's Zimmer trat und die triefende Mütze vom Kopf riß — »guten Tag Mutter.«»Guten Tag Hans, aber wo um Gottes Willen kommst Du in dem Regen her; warum hast Du das Wetter nicht bei Lehmann's abgewartet?«»Es wurde mir zu spät Mutter und ich war hungrig geworden; habe auch noch heute Abend dem Vater etwas zu helfen.«»Ein derber Junge,« sagte der Fremde, der sich den Knaben indeß mit finsterem Blick betrachtet hatte — »kann wohl schon ordentlich mit arbeiten.«»Ach ja, er packt tüchtig mit zu,« sagte der Vater — »lieber Gott in jetziger Zeit muß Alles mit Brod verdienen helfen.«»Die Kinder fressen Einen arm,« sagte der Fremde.[pg 158]»Habt Ihr Kinder?« frug Gottlieb.»Ich? — hm, ja,« sagte der Fremde nach einer Pause — »könnte noch Jemandem abgeben davon.«»Ich möchte keins hergeben,« sagte die Frau rasch, und küßte das Jüngste, das sie eben wieder aufgenommen hatte um es zu füttern, »Kinder sind ein Segen Gottes.«»Ja — so sprechen die Leute wenigstens,« sagte der Fremde trocken, »aber ich glaube es läßt nach mit Regnen; ich werde die Schenke wohl jetzt erreichen können.«»Wollt Ihr nicht vielleicht erst eine heiße Tasse Kaffee trinken?« frug die Frau, das Kind auf dem linken Arm, zum Ofen gehend, die dort warmgestellte Kanne wieder vorzuholen.»Danke, danke,« sagte aber der Fremde abwehrend — »kann das warme Zeug nicht vertragen; ein Glas Branntwein ist mir lieber.«»Das thut mir leid,« sagte der Mann, »den kann ich Euch nicht anbieten; ich habe keinen im Hause.«»Thut auch Nichts,« lachte der Fremde; »so lange halt ich's schon noch aus. Sind doch hülflose Dinger so junge Menschen, ehe sie die Kinderschuh ausgetreten haben,« setzte er dann hinzu, als das Jüngste das Mäulchen nach dem schon einmal gereichten Löffel vorstreckte — »was machte nun so ein jung Ding, wenn man es hinsetzte und sich selber überließe.«»Ach Du lieber Gott,« sagte die Frau bedauernd — »so ein armer Wurm müßte ja elendiglich umkommen.«»Bis den Nachbarn das Geschrei zu arg würde und sie kämen und es fütterten,« lachte der Andere.[pg 159]»Dafür haben die Kinder Eltern,« sagte die Frau, das kleine, die Aermchen zu ihr ausstreckende Mädchen liebkosend und küssend, »die sorgen schon dafür daß kein Nachbar danach zu sehen braucht.«»Wenn die aber einmal plötzlich stürben, wie dann?« frug der Fremde, mit einem Seitenblick auf die Frau, indem er seinen Rock wieder zuknöpfte und sich zum Gehen rüstete.»Dann ist Gott im Himmel,« sagte Hanne, mit einem frommen vertrauungsvollen Blick nach oben.»Ja, das ist wahr;« sagte der Fremde mit einem leichtfertigen Lächeln, »der hat allerdings die große Kinderbewahranstalt. Aber es hat wirklich aufgehört mit Gießen,« unterbrach er sich rasch, »den Augenblick will ich doch lieber benutzen. So schön Dank für gegebenes Quartier Ihr Leute, und gut Glück.«»Bitte, Ihr habt für Nichts zu danken, behüt' Euch Gott,« sagte Gottlieb freundlich.»Behüt' Euch Gott;« sagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal zunickend, nahm draußen wieder den nassen Mantel um, drückte sich den breiträndigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenstock, der daneben in der Ecke lehnte, auf, und verließ rasch das Haus, die Richtung nach der Schenke einschlagend.»Mich freut's daß er fort ist,« sagte die Frau, die dem Knaben gerade das Essen auf den Tisch setzte und den Kaffee einschenkte — »bewahr uns Gott, was hatte der Mann für ein finstres Gesicht und ein barsches Wesen; nicht schlafen[pg 160]könnt' ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir wüßte. In dem Gesicht liegt auch nichts Gutes — und wie er fluchte und über die Kinder sprach — ob er nur wirklich selber welche hat.«»Er sagt's ja,« bestätigte Gottlieb — »aber mir schien's ein Fleischer zu sein, seinem Gewerbe nach, und die sind immer rauh und derb, meinen's aber nicht immer so bös.«»So bess're ihn Gott,« sagte die Frau mit einem Seufzer, »und je seltener er unseren Weg kreuzt, desto besser.«[pg 161]Capitel 7.Nach Amerika.»Nach Amerika!« — Leser, erinnerst Du Dich noch der Märchen in »Tausend und eine Nacht«, wo das kleine Wörtchen »Sesam« dem, der es weiß, die Thore zu ungezählten Schätzen öffnet? hast Du von den Zaubersprüchen gehört, die vor alten Zeiten weise Männer gekannt, Geister heraufzurufen aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu machen? — Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkühne Menschenkind das sie gesprochen, bebte zurück vor der furchtbaren Gewalt die es heraufbeschworen.Die Zeiten sind vorüber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das rechte Wort vergessen sie zu rufen — aber ein anderes dafür gefunden, das kaum minder stark[pg 162]miteinemSchlage das Kind aus den Armen der Eltern, den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhältnissen und Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reißt, in dem es bis dahin mit seinen stärksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.»Nach Amerika,« leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft prüfen sollte, seinen Muth stählen — »nach Amerika,« flüstert der Verzweifelte der hier am Rand des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde — »nach Amerika,« sagt still und entschlossen der Arme, der mit männlicher Kraft und doch immer und immer wieder vergebens, gegen die Macht der Verhältnisse angekämpft, der um sein »tägliches Brod« mit blutigem Schweiß gebeten — und es nicht erhalten, der keine Hülfe für sich und die Seinen hier im Vaterlande sieht, und doch nicht bettelnwill, nicht stehlenkann— »nach Amerika« lacht der Verbrecher nach glücklich verübtem Raub, frohlockend der fernen Küste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt vor dem Arm des beleidigten Rechts — »nach Amerika,« jubelt der Idealist, der wirklichen Welt zürnend, weil sie eben wirklich ist, und über den Ocean drüben ein Bild erhoffend, das dem, in seinem eigenen tollen Hirn erzeugten, gleicht — »nach Amerika« und mit dem einen Wort liegt hinter ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes früheres Leben, Wirken, Schaffen — liegen die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknüpft, liegen die Hoffnungen die sie für hier gehegt, die Sorgen die sie gedrückt —»nach Amerika!«[pg 163]So gährt und keimt der Saame um uns her — hier noch als leiser, kaum verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und Kasten. Der Bauer draußen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain der ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer geärgert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit über dem Meer drüben, in dem fetten, herrlichen Land; — der Handwerker in seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt mit Neuerungen und großen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden die ihm bis dahin noch geblieben inseineThür zu locken; der Künstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der über einer freieren Entwickelung brütet, und von einem Lande schwärmt wo Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Hände binden; — der Kaufmann hinter seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Büchern zieht und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, von einem neuen, andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefüllten Waarenhäusern träumt; in Tausenden von ihnen drängt's und treibt's und quält's, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach außen die alte frühere Ruhe wahren, in ihren Herzen glüht und glimmt der Funke schon — ein stiller aber ein gefährlicher Brand. Jeder Bericht über das ferne Land wird gelesen und überdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend für den Kranken. Vorsichtig und ängstlich, und weit herum um ihr Ziel, daß man die Absicht nicht errathen[pg 164]soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding — nach Leuten die vordem »hinüber« gezogen und denen es gut gegangen — nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk — für Andere natürlich, nicht für sich etwa — sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinüber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wünschen daß es dem wohl geht, und häufen mehr und mehr Zunder für sich selber auf.So ringt und drängt und wühlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter densalto mortalegethan, und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war — aus dem, aus jenem Grund — und täglich, stündlich noch hören wir von anderen, von denen wir im Leben nie geglaubt daßsieje an Amerika gedacht, wie sie mit Weib und Kind, mit Hab' und Gut hinüberziehn. Unddort? — noch liegt ein dichter Schleier über ihrem Schicksal dort, doch Gottes Sonne scheint ja überall — Dir aber lieber Leser, greif ich aus dem Leben noch hie und da ein paar Freunde heraus, die wir begleiten wollen auf dem weiten Weg.* * * * *Oben in der Brandstraße — nicht weit vom Brandthor entfernt, und dem Gasthaus zum Löwen schräg gegenüber, wohnte Professor Lobenstein mit seiner Familie, in der ersten Etage eines, zwar sehr alten, aber auch sehr wohnlich eingerichteten Hauses, das ihm eigen gehörte.[pg 165]Der Professor war ein Mann, gerade an der anderen Seite der »besseren Jahre«, etwa einundfünfzig alt, aber rüstig und gesund, nur erst mit einzelnen grauen Haaren zwischen den rabenschwarzen Locken, die ihm über die bleiche, aber hohe und geistvolle Stirn fielen, wie mit fast jugendlichem, elastischem Gang und Wesen. Ein tüchtiger Kopf dabei, hatte erjuraundcameraliastudirt, und einen großen Schatz von Kenntnissen aufgehäuft; auch in manchem, mit schweren mühsamen Nachtwachen erkauften Werk der Welt, der undankbaren Welt das Resultat seiner Studien und Forschungen gebracht und dargelegt. Unzufrieden aber mit dem Erfolg, und der kalten Aufnahme die es gefunden, wandte er sich später wieder von den bis dahin bevorzugten juristischen Wissenschaften ganz ab und allein seinem Lieblingsstudium den Cameralien zu, in denen er besonders der Gewerbskunde seine Thätigkeit widmete, auch mit einem Buchhändler in Heilingen eine Gewerbszeitung gründete und herausgab.Hierin hatte er Unglück; der Buchhändler machte bankerott und er übernahm die Zeitung, mit ziemlich großen Verlusten schon, allein.So vortrefflich aber Professor Lobenstein in der Theorie seiner Wissenschaft bewandert sein mochte, so wenig sattelfest war er es in der Praxis, und seine Zeitung wollte und wollte keinen Boden gewinnen. Mit fabelhaftem Fleiß suchte er dem zu begegnen, umsonst — umsonst auch daß er Capital nach Capital in das, zuletzt nur noch zur Ehrensache gewordene Unternehmen steckte. Sein Haus bekam Hypothek auf Hypo[pg 166]thek und mit einer höchst ungünstigen politischen Periode, in der ihm eine große Anzahl Abonnenten absprang, trafen ihn auch so bedeutende pecuniäre Verluste, daß er sich endlich genöthigt sah sein Blatt vollständig aufzugeben. Es war das das schwerste Opfer, das er bis dahin gebracht.Professor Lobenstein hatte eine ziemlich starke Familie, eine Frau, zwei erwachsene Töchter von siebzehn und zwanzig Jahren, einen Sohn von achtzehn, und zwei kleinere Kinder, einen Knaben von acht und ein Mädchen von sieben Jahren. Wenn auch nicht in Reichthum doch in einem gewissen Wohlstand erzogen, war aber der Familie bis jetzt das schwere Wort »Nahrungssorgen« fremd geblieben; der Professor hatte immer, was man so nennt, ein Haus gemacht, und sich in einem Umgangskreis bewegt, der ihnen schon an und für sich eine gewisse Verpflichtung auferlegte Manches mitzumachen, was seinen, sonst mehr einfachen Neigungen eben nicht Bedürfniß schien. Das Alles sollte, jamußtesich jetzt ändern, denn wenn er auch aus den Trümmern seines Vermögens, nach allen erlittenen Verlusten, einen kleinen Theil zu retten vermochte, genügte der nicht, das bisherige Leben fortzuführen. Die Wahl blieb ihm jetzt allein, von Neuem eine Laufbahn mit geringeren Mitteln anzufangen, und sich und den Seinen schwere und ungewohnte Entbehrungen an einem Orte aufzuerlegen, wo ihn Alles und Jedes an frühere und bessere Zeiten erinnerte oder — es war eine schwere Stunde in der ihm das Bild zum ersten Mal vor die Seele stieg — in einem anderen Welttheil, ungekannt, aber[pg 167]auch nicht bemitleidet oder verspottet, ein vollkommen neuesLebenzu beginnen.Aber die Frauen? — würden sie den Mühseligkeiten einer so langen Reise, einer Ansiedlung drüben in einem noch wilden Lande gewachsen sein? — Daß er selber die Beschwerden eines solchen Lebens leicht ertragen würde, daran zweifelte er keinen Augenblick; er hatte so viel über Amerika gelesen, sich mit den dortigen Verhältnissen aus allen erschienenen Schriften so vertraut gemacht, daß er Alles kannte was ihn dort erwartete, und einem derartigen Wirken eher mit Freude und Lust, als Bangen entgegenging; aber durfte er seine Frau all den sie erwartenden Unbequemlichkeiten und Strapatzen aussetzen? durfte er seine Töchter aus ihrem geselligen glücklichen Leben reißen, und ihnen mit einem Schlage alle jene Vergnügungen entziehen, die ihnen hier schon mehr als Erholung, die ihnen fast Bedürfniß geworden?Einen langen und schweren Kampf kämpfte er mit sich selber, Monate lang, und er wurde alt in der Zeit; die Augen lagen tief in ihren Höhlen und seine Züge bekamen etwas Mattes und Abgespanntes, das sie sonst, in seiner schwersten Arbeitszeit noch nie gehabt. Wenn auch die Kinder dabei sich leicht mit einem vorgeschützten Unwohlsein beruhigen ließen, dem scharfen Blick der Gattin entging die Sorge nicht, die an seinem Herzen heimlich, aber desto gewaltiger nagte, und ihren dringenden, ängstlichen Bitten konnte er zuletzt nicht länger widerstehen. Was sie doch zuletzt hätte erfahrenmüssen, vertraute er ihr an und wenn es die arme Frau[pg 168]auch wie ein Schlag aus heiterem Himmel traf, nahm sie das Ganze doch viel ruhiger auf als er erwartet, gefürchtet, und damit eine schwere Last vonseinemHerzen — auf das ihre. Aber leichter trägt sich die getheilte, und bereden konnten sie jetzt zusammen was zu thun, welchen Weg zu gehen, die Möglichkeit besprechen die sich hier ihrem Leben bot, die Möglichkeit errwägen, die ihnen dort eine andere freiere Zukunft öffnete. Und die Kinder? wohin Mütter und Vater gingen folgten die ja gern; nur die Scene wechselte für sie, anderen, vielleicht selbst bunteren Bildern Raum zu geben, und Kummer und Sorge kannten die ja nicht.An demselben Abend waren die beiden ältesten Töchter zu einem kleinen Fest, dem Geburtstag einer Freundin, eingeladen und hatten schon den ganzen Tag mit rastlosen Fingern an dem bunten blitzenden Ballstaat genäht. Der Vater begleitete sie dorthin, nur die Mutter blieb daheim, Kopfschmerz vorschützend, und die Sorge um das jüngste Kind, das mit einem leichten Unwohlsein in seinem Bettchen lag. Aber gegen zehn Uhr schlummerte es sanft und ruhig auf dem weichen Lager ein, und daneben, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, saß die Mutter und weinte — weinte als ob sie mit dieser Thränenfluth all den Gram und Kummer fortwaschen wollte, der jetzt, ein dunkler Wolkensaum, am Horizonte ihres Glücks erschien, und wild und drohend höher und höher stieg.Lachend und plaudernd kehrten die Töchter, mit dem Vater spät in der Nacht zurück; den leichten, sorglosen Herzen lag die Welt noch, ein weiter Garten offen da,[pg 169]und was etwa an wuchernden Giftpflanzen dazwischen stand, mischte noch sein fastgrünes Laub, dem jungen Auge nicht erkennbar, mit Blum' und Blüthenpracht.Aber der Moment näherte sich auch, wo mit der vorgerückten Jahreszeit all' die nöthigen und mannichfaltigen Vorbereitungen zu einer so langen Reise, zu einer gänzlichen Umgestaltung aller ihrer Verhältnisse, getroffen werdenmußten; auch schien die Zeit eine passende für den Sohn, der, von der Schule gerade abgegangen, eben sein Abiturienten-Examen glücklich bestanden hatte. Der Vater wünschte allerdings daß er hier erst studiren, und ihnen dann später, wenn er etwas Tüchtiges gelernt, vielleicht folgen sollte, dachte ihm aber doch die freie Wahl zu lassen, und seinem Herzen keinen Zwang aufzuerlegen.Am nächsten Morgen nach dem Balle nun — es war spät mit Aufstehn geworden nach der durchschwärmten Nacht und die zweite Tochter Marie eben erst zum Kaffee herübergekommen, während der Sohn das Haus schon, irgend eines notwendigen Ganges wegen verlassen hatte — saß der Vater, ungewohnter Weise nicht in seiner Studirstube an der Arbeit, sondern im Sopha, aus der langen Pfeife den Dampf in weißen Kräußelwolken von sich blasend, und die Mutter am Nähtisch, Kleider ausbessernd für das Jüngste, das in seinem herübergeschafften Bettchen wieder mit klaren Augen seine Puppe schaukelte.»Schon ausgeschlafen, Väterchen?« sagte Marie als sie, etwas beschämt, die Letzte am Kaffeetische Platz genommen,[pg 170]»ich habe wohl recht lange heut geschlafen, aber — was ist Dir denn? — und der Mutter auch?« — rief sie vom Stuhl wieder aufspringend, als sie das ungewohnte ernste Wesen der Eltern gewahrte — »bist Du böse auf mich, Mütterchen?«»Nein mein Kind,« sagte diese und zwang ein Lächeln auf die Lippen, »aber der Vater hat Euch etwas recht Ernstes heute zu sagen, etwas von dem wir noch nicht wissen, ob es Euch betrüben wird oder nicht.«»Der Vater?« rief Marie erschreckt, und auch Anna, die älteste Tochter, sah ängstlich zu ihm auf; Professor Lobenstein aber, so in die Enge und zum Aeußersten getrieben, hustete, paffte den Dampf ein paar Mal scharf vor sich hin, die Pfeife ordentlich in Gluth zu bringen, und sagte:»Ja Kinder, Ihr wißt — wir — wir haben doch in den letzten Tagen viel über Nord-Amerika gesprochen, und auch Manches gelesen — «»Ja, die herrlichen Romane von Cooper,« rief Marie rasch.»Und die schrecklichen Berichte im Tageblatt,« lächelte Anna.»Der Doctor Haide ist ein Esel,« sagte der Professor, den Rauch wieder ein paar Mal rasch ausstoßend — »wenn der hätte in Amerika ordentlich arbeiten wollen, brauchte er sich jetzt nicht von einer Winkeladvocatur und vom Schimpfen auf freisinnige Leute zu ernähren; über dessen Berichte wollen wir uns keine Sorgen machen, aber — « er schwieg wieder einen Augenblick und sah, wie furchtsam, nach der Frau hinüber. Die jedoch arbeitete um so emsiger weiter, und selber mit dem[pg 171]Bedürfniß dem, was ihn schon so lange gedrückt, endlich einmal Worte zu geben, fuhr er rasch fort — »ich habe eine Frage an Euch zu thun, Kinder — Hättet Ihr — hättet Ihr wohl selber Lust hinüber nach — nach Amerika zu gehn?«»Nach Amerika?« rief Anna rasch und auch wohl erschreckt. Marie aber sprang auf, schlug in die Hände und rief jubelnd:»Nach Amerika? oh das wäre ja prächtig — das wäre herrlich — nicht wahr da sind auch Bälle, Väterchen?«Die Mutter seufzte tief auf und der Vater zog wieder, etwas verlegen an der Bernsteinspitze.»Hm — ich weiß nicht,« sagte er langsam mit dem Kopf schüttelnd — »wo wir im Anfang hinwollten, werden wohl keine sein. Hängst Du so an Bällen, Marie?«»Ich tanze gern,« lächelte das junge fröhliche Mädchen etwas verlegen und schüchtern.»Nun tanzen wirst Du dort hoffentlich auch können, mein Kind,« sagte der Vater freundlich — »wenn auch nicht gerade gleich auf solchen Bällen wie wir sie hier gewohnt sind — das Leben ist dort einfacher.«»Oh, und bis zum nächsten Fasching sind wir gewiß auch wieder zurück,« rief Marie.Der Vater schwieg erst eine kleine Weile, und sagte dann leise aber entschlossen.»Wir wollenganzhinüberziehn, mein Kind.«»Auswandern?« rief die ältere Schwester fast erschreckt — das Wort, dessen Bedeutung sie noch gar nicht vollkommen[pg 172]verstand, traf sie mit einem unbekannten ahnenden Gefühl von Schmerz und Leid — »und die Mutter?«»Ihr werdet mich doch nicht wollen allein zurücklassen?« lächelte die Frau, sich gewaltsam zwingend über den Schmerz dieser Stunde.»Mutter!« sagte Anna, warf die Arme um ihren Nacken und küßte sie.»Und Eduard?« frug Marie.»Bleibt, wenn er meinem Rathe folgt, noch hier bis er ausstudirt und etwas ordentliches gelernt hat,« sagte der Vater — »wo nicht, hat er seinen freien Willen und mag uns begleiten; sowie er zu Hause kommt werde ich mit ihm sprechen.«»Aber — « rief Marie — »wer verwaltet unterdessen unser Haus?«»Wenn wir einmal fort sind von hier,« sagte der Professor ausweichend, »kann uns auch das Haus nichts mehr nützen, und ich werde es verkaufen.«»Verkaufen? — unser Haus und den Garten?« riefen Maria und Anna fast wie aus einem Munde erschreckt und rasch —»Unser freundliches Stübchen, wo wir als Kinder gespielt,« setzte Marie traurig hinzu.»Und die Bäume die Vater alle gepflanzt — die Laube, die wir uns selbst gebaut, und die so schön geworden ist in diesem Jahr,« sagte Anna leise — »verlassen wollt' ich es ja gern, wenn wir Alle gehn, aber daß fremde Menschen jetzt darin hausen sollen, die vielleicht gar nicht wissen wie wir das[pg 173]Alles gehegt und gepflegt und — « ihr Blick fiel in diesem Augenblick auf der Mutter, halb von ihr abgewandte bleiche Züge, und faßte das Blitzen einer heimlich fallenden Thräne. Anna erschrak und wurde todtenbleich — hier lag mehr verborgen als man ihnen gesagt, und heimlicher Gram, heimliche Sorge nagte an der Eltern Herzen, durfte sie die vermehren? Sie schwieg einen Augenblick und sah sinnend vor sich nieder, dann aber Mariens Hand ergreifend sagte sie mit leichterem vielleicht gezwungen fröhlicherem Ton:»Aber wir wollen nicht klagen; Vater und Mutter wissen am Besten was sie zu thun haben, und was uns gut ist, und dort baut uns Vater dann ein anderes Haus, und wir selber pflanzen uns ein neues Gärtchen, schöner als das unsere hier.«»Aber ich bliebe hier, wenn ich an Vaters Stelle wäre,« schmollte Marie, »und was wird Herr Kellmann dazu sagen, wenn er es erfährt? der ist so immer gegen Amerika, und hat sich schon oft mit Vater darüber gezankt.«»Ach der macht mir die geringste Sorge,« sagte Anna in ihrem Schmerz lächelnd — »wenn manfürAmerika spricht, schimpft er aus Leibeskräften, und citirt Gott weiß was für Stellen aus Briefen und Zeitungen, alles Günstige zu widerlegen, oder wenigstens stark zu bezweifeln, und kommt Jemand der das Land ordentlich angreift, dann hab' ich auch schon gesehn, daß er den Handschuh wacker dafür aufnimmt, und man wirklich glauben sollte er bekäme so und so viel für den Kopf, Leute zu bereden hinüberzuziehn. Das ist ein wunderlicher Kauz, der die meiste Zeit selber nicht weiß was er will,[pg 174]und ich glaube, wenn es Jemand recht ordentlich bei ihm darauf anlegte, könnte man ihn selber, nur durch Widersprechen, dahin bringen, daß er in eigener Person hinüberginge.«»Herr Kellmann?« lachte Marie — »nundenmöcht' ich in Amerika sehn.«»Und wer weiß, ob Dir das nicht noch passirt,« bestätigte der Vater, mit dem Kopfe nickend.»Und darf ich mein neues seidenes Kleid mitnehmen, Mama?« frug das junge lebenslustige Mädchen jetzt die Mutter — »hier lassen möcht' ich es doch nicht gern, und drüben im Wald — «»Liebes Kind, wir werden auch nicht mitten in den Wald gehn,« sagte die Mutter, die indessen heimlich die verrätherische Thräne aus dem Auge geschüttelt, freundlich dabei der zu ihr getretenen Tochter die Stirn streichend und küssend, »denkt es Euch nicht so schlimm. Der Vater wird uns schon einen Platz aussuchen, wo wir wenigstens unter Menschen und der Cultur nicht ganz verschlossen sind — er hielte es ja dort sonst selber nicht aus.«»Aber warum gehst Du nur, Väterchen?« bat Marie — »es ist doch hier so wunderhübsch in Heilingen, und was wir da drüben haben, wissen wir noch nicht.«Der Professor, zu dem Anna ängstlich aufsah, hatte seinen Sitz verlassen und ging, langsam dabei mit dem Kopf nickend, im Zimmer auf und ab; er fühlte daß er, auch den Töchtern gegenüber, diesen eine Erklärung seines Handelns schuldig sei, denn er riß sie aus einem liebgewonnenen Leben heraus,[pg 175]und führte sie vielen, vielen Entbehrungen — er durfte sich das nicht leugnen — entgegen. Von ihrer späteren Haltung dabei hing auch viel ihrer Aller Glück, ihrer Aller Zufriedenheit ab, und sie waren alt genug ihrem Urtheil zu vertrauen. Aber es kostete ihm der Entschluß einen schweren Kampf, und wo ihm die Frau war auf halbem Weg entgegen gekommen, fürchtete er hier gerade, nicht Widerstand zu finden, denn dafür hatten sie ihn zu lieb, aber Schmerz und Sorge zu wecken in den jungen Herzen, denen er die ungebetenen Gäste gern noch fern gehalten hätte so lang als möglich. Sie standen jedoch an einem wichtigen, bedeutungsvollen Abschnitt ihres Lebens, und mußtensehen, wohin der Weg sie führte.In kurzen, einfachen Worten, frei vom Herzen weg, und zu den Herzen sprechend, weil sie aus dem Herzen kamen, schilderte er ihnen jetzt die veränderte Lage in die er, durch das gezwungene Aufgeben seiner Zeitschrift sowohl, wie durch manche schwere, ihn betroffene Verluste gekommen. Er verheimlichte ihnen nicht länger daß er einen Theil — einen großen Theil seines Vermögens eingebüßt, und das ihm selber liebe Haus nicht verkaufen würde, wenn ihn eben nicht — die Verhältnisse dazuzwängen. Aber noch blieb ihnen genug nach einem fernen Welttheil überzusiedeln und dort, mit bescheideneren Bedürfnissen, von Neuem zu beginnen; Amerika mit seiner ungeheuren Lebenskraft bot ihnen nach allen Seiten hin die Möglichkeit der Existenz, und das gut und zweckmäßig angelegte kleine Capital konnte dort gute Zinsen tragen für spätere Zeit. Hatten sie sich dann etwas verdient, waren die Hoff[pg 176]nungen, mit denen sie hinüber gingen, Wahrheit geworden, und sehnte sich ihr Herz noch nach dem Vaterland, wer hinderte sie dann zurückzukehren zu den theueren Plätzen, die ihnen ewig lieb bleiben würden in der Erinnerung?Dem Professor war es leichter um die Brust geworden, wie er das Eis nur erst gebrochen. Selbst überzeugt von dem was er sprach, wurde er warm, indem er den Gedanken weiter dachte, und seine Phantasie verlor sich zuletzt sogar, Luftschlösser aufbauend, zauberschnell in weiter Ferne. Der Professor ging mit dem Menschen durch, und die leicht gerötheten Wangen belebte ein eigenes, inneres Feuer. Und die Mutter saß dabei, still und schweigend, und ängstlich bemüht, in der wiederaufgenommenen Arbeit die eigene Bewegung zu verbergen. Marie und Anna aber, die des Vaters Hände erfaßt und in den ihren hielten, schmiegten ihre Häupter an seine Schultern und flüsterten; die großen, zu ihm aufgeschlagenen Augen voll von Thränen.»Genug, genug, Väterchen; mal' uns das Alles nicht so prächtig aus — wohin Du und Mutter gehn, gehn auch wir, und wär' es mitten hinein in den wildesten Wald. Kein unzufriedenes Wort sollst Du dabei von uns hören, keine Klage, kein böses Gesicht weiter — keine Thräne — nur die hier sind uns so ganz von selber über die Backen gelaufen, weil wir die Mutter weinen sahen. Mit Lieb und Lust wollen wir das Leben dort beginnen — «»Und Kühe und Hühner schaffen wir uns an!« rief Marie,[pg 177]»und die Kühe melken wir selber und machen Butter und Käse.«»Wie gut,« sagte Anna, daß wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante waren, und dort das Alles zum Spaß gelernt haben; jetzt wird es uns nützen.«»Aber nicht wahr, Mütterchen, nun weinst Du auch nicht mehr,« rief Marie, zur Mutter hinübergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und sie küssend — »drüben wird schon Alles hübsch werden. Und ein paar von den großen Holzschuhen nehm' ich mir mit, wie sie die Bauern tragen, für draußen bei nassem Wetter; hei wie wir da herumpatschen wollen und schaffen und arbeiten; und plätten thun wir auch selbst, dafür nimmst Du kein Mädchen mehr.«Den frohen, leichten Herzen schwammen schon die gewaltigen Umrisse ihrer ganzen fernen, so ungewissen Zukunft, in den einzelnen bunten Kleinigkeiten zusammen, die ihrem Geist, von dem Reiz der Neuheit mit frischem Duft überhaucht, entstiegen. Nur die Lichtpunkte erspähte der, in die Ferne arglos hinausschauende Blick, und die goß er sich lustig zusammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der düstere Hintergrund, den das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die einzelnen Lichter stärker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu können, und der Himmel spannte sich blau und rein über ihren glücklichen Häuptern.
[pg 136]Capitel 6.Die Weberfamilie.Nicht weit von Heilingen, und in Hörweite der Domglocke selbst, in ziemlich bergigem, aber unendlich malerischem Land, lag ein kleines armes Dorf, dessen Bewohner, da ihre Felder gerade nicht zu den besten gehörten, sich kümmerlich, aber meist ehrlich, mit verschiedenen Handwerken und Gewerben, mit Holzschnitzen wie auch hie und da mit dem Webstuhl, ernährten. Das Dorf hieß eigentlich »Zur Stelle«, welchen Namen aber die Bewohner im Laufe der Zeit, und mit Hülfe ihres Dialekts, zu dem vonZurschtelumgearbeitet hatten, und mochte etwa dreißig Häuser und Hütten, mit der doppelten Anzahl von Familien, wie der sechsfachen von Kindern zählen. Es ist eine wunderliche Thatsache, daß man in den ärmlichsten Distrikten stets die meisten Kinder findet.Mitten im Dorf lag eins der besseren Häuser; es war weiß getüncht, und hinter den sauber gehaltenen Fenstern[pg 137]hingen weiße, reinliche Gardinen. Vor dem Hause, über dessen Thüre ein frommer Spruch mit rothen und grünen Buchstaben angeschrieben war, stand ein Brunnen- und Röhrtrog, und ein kleiner Koven an der Seite desselben, zeigte in der nach außen befestigten Klappe des Futterkastens dann und wann den schmuzigen Rüssel eines seine Kartoffelschalen kauenden Schweines. Auch ein ordentlich gehaltenes Staket umgab das Haus wie den kleinen Hofraum, und die Wohnung stach sehr zu ihrem Vortheil gegen manche der Nachbarhäuser ab.Im Inneren selber sah es ebenfalls sehr reinlich, aber nichtsdestoweniger sehr ärmlich aus. In der einen Ecke stand ein großer, viereckiger, sauber gescheuerter Tisch aus Tannenholz, an zweien der Wände waren Bänke aus dem nämlichen Material befestigt, und um den großen viereckigen Kachelofen, der fast den achten Theil der Stube einnahm, hingen verschiedene Kochgeräthschaften, während auf darüber angebrachten Regalen die braunen Kaffeekannen und geblümten Tassen gewissermaßen mit als Zierrath zur Schau ausstanden. Die dritte Ecke füllte der Webstuhl des Mannes aus, und dem gegenüber stand eine riesengroße, braunangestrichene Kommode, mit Messinghenkeln und Griffen und fünf Schiebladen, die, mit wirklich rührender Eitelkeit als eine Art von Nipptisch benutzt, zwei mit bunten Blumen bemalte Henkelgläser, eine vergoldete Tasse mit der Aufschrift »der guten Mutter« — ein Geschenk aus früherer Zeit — und ein gelb irdenes aber allerdings sehr wenig benutztes Dintenfaß trug, während dahinter, in zwei ordinairen Stangengläsern, in dem einen Schilfblü[pg 138]thenbüschel, und in dem anderen große stattliche Aehren von Roggen, Waizen, Gerste und Hafer standen, zur Erinnerung an eine frühere segensreiche Erndte.Die Bewohner der kleinen Stube paßten genau in ihre Umgebung; es war eine, nicht mehr ganz junge aber doch rüstige Frau, in die nicht unschöne Bauertracht der dortigen Gegend gekleidet, die an ihrem Spinnrad saß und eifrig das Rädchen schnurren ließ, während die rechte Hand manchmal eine neben ihr stehende Wiege berührte, den darin ruhenden kleinen Säugling, der immer wieder die großen dunklen Augen zu ihr aufschlug, endlich in Schlaf zu bringen. Sie war reinlich, aber in die gröbsten Stoffe gekleidet, ebenso der Bube von etwa vier Jahren, der ihr zu Füßen mit einer kleinen Mulde auf dem über die Diele gestreuten Sand »Schiff« spielte.Außerdem war noch eine vierte Person im Zimmer, die alte Mutter der Frau, eine Greisin von nahe an siebzig Jahren, die auch noch ihr Spinnrad drehte, sich aber mit dem hinter den noch warmen Ofen gesetzt hatte, weil ihr das heutige naßkalte, unfreundliche Wetter fröstelnd durch die alten Glieder zog. Es war eine gutmüthige, aber mürrische alte Frau, selten zufrieden mit dem was sich ihr gerade bot, und unermüdlich darin, sich und ihren Kindern die Last vorzuwerfen die sie ihnen mache, und den lieben Gott täglich zu bitten daß er sie doch bald zu sich nähme. Nur eine kleine, ganz kurze Frist erbat sie sich immer noch — dann wollte sie gerne sterben. Erst; wie das Aelteste geboren war, wollte sie das[pg 139]noch gerne laufen sehn; dann hätte sie gern erlebt wie es zum ersten Mal in die Schule ging; dann war es Frühjahr geworden und sie hoffte nur noch einmal neue Kartoffeln zu essen, zu Jacobi aber wollte sie noch einmal von dem Pflaumenbaum die Früchte kosten, den ihr »Seliger« noch gepflanzt. Wie der Herbst kam wünschte sie im Frühjahr begraben zu werden, und die knospenden Maiblumen weckten den Wunsch nach den Astern, ihrer Lieblingsblume, von denen sie sich eigenhändig ein schmales Beet in den kleinen Garten dicht am Hause gepflanzt. So lebt und webt die Hoffnung in unseren Herzen mit immer neuer, nie sterbender Kraft, und je älter wir werden, desto mehr lernen wir die schöne Erde lieb gewinnen, desto mehr klammern wir uns an sie, und wollen uns gar nicht mehr von ihr trennen.Der Tag neigte sich dem Abend zu; der Mann war in die Stadt gegangen seine Steuern zu zahlen, und Manches einzukaufen was sie nothwendig im Hause brauchten — zum Ersatz dafür hatte er das zweite Schwein, das sie bis dahin gehalten, hineingetrieben, und der Erlös sollte seine Ausgaben bestreiten.Der Regen wurde jetzt wieder heftiger, die großen schweren Tropfen schlugen gegen das Fenster, und das Kind wurde vollständig munter und fing an zu schreien. Die Mutter schob ihr Spinnrad zurück, nahm das Kleine aus der Wiege, und ging damit trällernd im Zimmer auf und ab. Die Alte spann indeß ruhig weiter, und suchte mit zitternder leiser Stimme ein[pg 140]geistliches Lied zu singen, und mit dem Rad trat sie den Takt dazu. Sonst sprach keine ein Wort.Endlich wurde die Hausthür geöffnet, Jemand kam von draußen herein, und strich sich die Füße auf den Steinen und der Strohdecke ab, und sie hörten gleich darauf wie der zurückkehrende Vater und Gatte seinen großen rothblauwollenen Schirm auf die Steine stieß, das Wasser so viel wie möglich davon abzuschütteln, und den Mantel auszog und über den großen Schleifstein hing der draußen im Flur stand, wie er das gewöhnlich that. Die Frau öffnete rasch die Thür den Mann zu begrüßen, der den Hut abnahm, sich die nassen Haare aus der Stirn strich, und das Kind küßte, das sie ihm entgegenhielt.»Jesus ist das ein Wetter, Gottlieb,« sagte sie dabei, als sie ihm den Hut aus der Hand nahm und neben den Ofen an den Nagel hing, »komm nur herein, daß Du 'was Trockenes auf den Leib bekommst; wo hast Du denn den Jungen? — ist er nicht bei Dir?« setzte sie, fast ängstlich, hinzu.»Er ist draußen bei Lehmann's hineingegangen, denen wir ein paar Sachen aus der Stadt mitgebracht,« sagte der Mann — »wird wohl gleich kommen — wie geht's Frau? — wie geht's Mutter? — ha, das regnet einmal heute was vom Himmel herunter will; was nur d'raus werden soll wenn das Wetter so fort bleibt. Ein paar gute trockene Tage haben wir gehabt, und jetzt wieder Guß auf Guß — Guß auf Guß, als ob sie uns unsere paar Stücken Feld noch hinunter in die Wiesen waschen wollten. Von dem einen Acker ist die Saat[pg 141]schon halb fortgespült — wenn dasmal das Korn misräth, weiß ich nicht wo der arme Mann das Brod hernehmen soll.«»Klag nicht, Gottlieb,« sagte aber die Frau freundlich — »es geht noch Vielen schlechter wie uns, und was sollen da dieganzarmen Leute sagen. Lieber Gott, es ist viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben sein Auskommen und ein Dach über dem Kopf hat und gesund ist, sollte sich nicht versündigen.«Sie hatte dabei das Kind auf die Erde gesetzt, holte den Topf aus der Röhre, in der, trotz der vorgerückten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte, der alten, fröstelnden Mutter wegen, und goß den darin heiß gehaltenen Kaffee — sie nannten das braune Getränk von gebrannten gelben Rüben und Gerste wenigstens so — in die eine braune Kanne, damit sich der Mann, der den ganzen Tag draußen im Regen herumgezogen war, daran erquicken könne. Zugleich auch deckte sie ein weißes Tuch über den Tisch, auf den sie noch Butter und Brod stellte, die versäumte Mittagsmahlzeit wenigstens in etwas nachzuholen. Der Mann setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch goß, und schnitt sich ein großes Stück Brod ab, das er mit Butter bestrich und verzehrte. Er sprach kein Wort dabei, und beendete still seine Mahlzeit, schob dann die Tasse und den Butterteller zurück, nahm das Kleinste, das die Mutter zu ihm auf die Erde gesetzt hatte, herauf auf sein linkes Knie, blieb, den rechten Ellbogen auf den Tisch gestützt, den Kopf gegen die Wand gelehnt, regungslos sitzen, und schaute still und schweigend nach[pg 142]dem Fenster hinüber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind draußen gepeitscht, hohl und heftig anschlugen.Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit scheuem Blick betrachtet; es war irgend etwas vorgefallen, aber sie wagte nicht zu fragen, denn Gottlieb, so seelensgut er auch sonst sein mochte, hatte doch auch seine »verdrießlichen Stunden« und war dann, wenn gestört, oft rauh und unfreundlich; aber eine eigene Angst überkam sie plötzlich. Ihr ältester Sohn — der Hans — war nicht mit zu Hause gekommen — konnte dem — heiliger Gott, wie ein Stich traf es sie in's Herz und sie sprang erschreckt von ihrem Stuhl auf und auf den Mann zu.»Gottlieb — um aller Heiligen Willen wo ist der Hans? — es ist — es ist ihm doch nicht etwa ein Unglück geschehn?«»Der Hans?« sagte der Mann aber ruhig und sah erstaunt zu ihr auf, »was fällt Dir denn ein? was soll denn dem Hans zugestoßen sein? ich habe Dir ja gesagt daß er bei Lehmann's etwas abgegeben hat, und dort wahrscheinlich das Wetter abwarten wird.«»Ich weiß nicht,« sagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlast von der Seele gewälzt wurde — »aber Du bist so sonderbar heut Abend, so still und ernst, und da schlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, über den Hans. Ist etwas vorgefallen Gottlieb? — «Gottlieb schüttelte den Kopf langsam und sagte. — »Nicht daß ich wüßte — nichts Besonderes wenigstens,[pg 143]oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage vorfällt — Geld zahlen.«»War es denn so viel?« sagte die Frau leise und schüchtern.Der Mann schwieg einen Augenblick und sah still vor sich nieder; endlich erwiederte er seufzend:»Das Schwein ist d'rauf gegangen, und vier Thaler Siebzehn Groschen sind immer noch mit Gerichtskosten und der alten Proceßgeschichte mit der Brückenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte, stehen geblieben, und ich muß sie bis zum ersten Juli nachzahlen, unter Androhung von Pfändung.«»Nun lieber Gott,« sagte die Frau tröstend — »wenn das das Schlimmste ist, läßt sich's noch ertragen; da verkaufen wir eben das andere Schwein und behelfen uns so. Wie wenig Leute im Dorf haben überhaupt eins zu schlachten, und leben doch; warum sollen wir nicht eben so gut ohne eins leben können als die.«»Ja,« sagte der Mann leise und still vor sich hin brütend — »verkaufen und immer nur verkaufen, ein Stück nach dem anderen, und während wo anders die Leute mit jedem Jahr ihr kleines Besitzthum vergrößern, und für ihre Kinder etwas zurücklegen können, sieht man es hier mehr und mehr zusammenschmelzen, unter Müh und Plack das ganze Jahr lang.«»Aber kannst Du's ändern?« sagte die Frau leise und fuhr, wie der Mann schwieg und mit der Faust die Stirn[pg 144]stützend vor sich nieder starrte, schüchtern fort — »arbeitest Du nicht von früh bis spät fleißig und unverdrossen? gönnst Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine nöthige Beschäftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringste vorzuwerfen?«»Nein,« sagte der Mann, während er die Hand auf den Tisch sinken ließ und die Frau voll und fest ansah — »nein, aber das ist es ja eben, was mir am Leben frißt. Wir können nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir jetzt thun, und jetzt sind wir noch jung und kräftig, unsere Kinder noch klein und gesund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurück, wird es mit jedem Jahr schlechter und schlimmer. Wie nun soll das werden, wenn uns erst einmal Krankheit heimsuchte, wenn die Kinder heranwachsen und mehr brauchen, wenn wir selber älter werden und nicht mehr so zugreifen können wie jetzt? — Schon jetzt können wir uns nicht mehr in der theueren Zeit oben halten — das eine Schwein ist verkauft, das andere wird noch fort müssen; unser Acker ist kleiner geworden in den letzten zehn Jahren, unsere Bedürfnisse aber sind gewachsen — wie soll das enden?«»Aber Gottlieb,« sagte die Frau freundlich — »wie kommen Dir jetzt doch nur solche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht? Mann, Mann, Du bist doch sonst so ruhig, und hast immer vertrauungsvoll in die Zukunft gesehn, wie sind Dir auf einmal solche schwarze Gedanken durch den Sinn gefahren?«Die alte Mutter hatte, schon so lange wie die Beiden[pg 145]mit einander gesprochen, ihr Spinnrad ruhen lassen, und dem Gespräch aufmerksam zugehört; dabei schüttelte sie fortwährend mit dem Kopf, und sagte endlich mit ihrer schrillen, scharf klingenden Stimme:»Ja wohl, ja wohl — das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Mäuler kommen — mehr Mäuler sind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt mich todt; schlagt mich todt daß ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz mache — schlagt mich todt.«»Mutter,« bat die Frau, in Todesangst daß sie dem Manne mit solcher Rede wehe thun würde, dennergerade hatte sie immer auf das Freundlichste behandelt, und Alles gethan was in seinen Kräften stand, ihr jede Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verschaffen — »wie dürft Ihr nur so etwas reden; versündigt Ihr Euch denn nicht?«»Wir haben noch genug für uns Alle Mutter,« sagte aber der Mann freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun mochte — »nur für spätere Zeit ist mir bange; Sie aber wären die Letzte die darunter leiden sollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unsere Schuldigkeit in unserer Jugend gethan, wie Sie, dann ist es nicht mehr wie Pflicht und Schuldigkeit der Jüngeren für ihre Eltern zu sorgen — wenn sie nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlassen werden.«Die Alte war wieder still geworden, sah noch eine Zeit lang vor sich nieder, und begann dann auf's Neue ihre Arbeit,[pg 146]aber die Frau fuhr fort und sagte, fast mit einem leisen Vorwurf im Ton zu ihrem Mann.»Siehst Du Gottlieb, das hast Du nun davon mit Deinen trüben und traurigen Ideen; Du machst Dir und mir und der Mutter nur das Herz schwer, und nützest und hilfst doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird's schon machen und lenken; Er hat die Welt so viele Jahrhunderte hindurch in ihrer Bahn gehalten, und die Menschen darauf geschirmt und gepflegt, wie unser Herr Pastor sagt, Er wird's auch schon weiter thun, und wir dürfen uns eigentlich gar nicht sorgen und kümmern um den »nächsten Tag.«»Doch, doch Frau,« sagte aber der Mann, aufstehend und jetzt, die Hände in den Hosentaschen, in der Stube auf und ab gehend — »doch Frau, der Mannmuß, denn wenn er'snichtthäte, wär er ein schlechter Hausvater, und ihm allein fielen dann all die schweren Folgen zur Last, die daraus entständen. Ich kann Dir das nicht so mit Worten deutlich machen, wie mir's neulich der Schulmeister, mit dem ich darüber sprach, erklärte, aber der meinte es wäre etwa so wie wenn Einer im Wasser wäre. Da sei es auch nicht genug daß man sich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum schwämme eben nur nicht zu ertrinken, das thäte nicht einmal ein unvernünftiges Stück Vieh; nein des Menschen, des verständigen Menschen Pflicht sei es sich schon im Wasser nach dem festen Lande umzusehn, ob man das nirgends erreichen könne, denn zuletzt würde man da im Wasser, man möchte noch so tapfer schwimmen, doch müde, und ließen erst einmal die Kräfte[pg 147]nach, dann hülfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man sänke eben langsam zu Boden.«»Ich verstehe nicht recht was Du damit meinst,« sagte die Frau, »aber Du siehst mich so sonderbar dabei an — hast Du noch 'was anderes dahinter?«»Nein und Ja,« sagte der Mann nach kleiner Pause, indem er sich mit dem Rücken an den Ofen lehnte, und langsam dazu mit dem Kopfe nickte, »eigentlich nicht, denn Gott da oben weiß daß es wahr ist, und weiß wie, und ob's einmal enden kann; aber dann — dann hab' ich allerdings noch was dahinter, denn ich meine — ich meine — « er schwieg und es war augenscheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich scheue so mit blanken klaren Worten heraus zu sagen, die Frau aber, die eben damit beschäftigt war das Geschirr hinaus zu räumen, setzte die Kanne wieder auf den Tisch, sah den Mann erstaunt an, ging dann langsam zu ihm an den Ofen und sagte leise, vor ihm stehen bleibend:»Geh her, Gottlieb — Du hast 'was, was Dich drückt und willst nicht mit der Sprache heraus — es ist irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt, was Du nicht sagen magst. Du darfst doch nichtsitzen?«»Sitzen? — weshalb?« lächelte der Mann kopfschüttelnd — »ich habe nie etwas Böses gethan.«»Nun was ist's denn, so sprich doch nur, denn Du ängstigst mich ja mehr mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmste gleich vornheraus erzählst — dem Hans fehlt doch Nichts?«[pg 148]»Was soll dem Hans fehlen, närrische Frau — wenn's aufhört zu gießen wird er schon kommen.«»Und was ist's denn? — gelt, Du sagst mir's?«»Ich muß Dir's wohl sagen;« seufzte der Mann, »nun sieh Hanne, ich meine — ich habe so darüber nachgedacht, daß es jetzt hier in Deutschland immer schlechter wird mit uns — und daß wir's zu Nichts mehr bringen können, trotz aller Arbeit, trotz allem Fleiß, und daß jetzt — daß jetzt doch so viele Menschen hinüber ziehen — «»Hinüber ziehen?« frug die Frau erstaunt, fast erschreckt, und legte die Hand fest auf's Herz, als ob sie die aufsteigende Angst und Ahnung über etwas Großes, Schreckliches da hinunter und zurückdrücken wolle, eh sie zu Tage käme — »wo hinüber Gottlieb?«»Nach Amerika;« sagte der Mann leise — so leise daß sie das Wort wohl nicht einmal verstand, und nur an der Bewegung der Lippen es sah und errieth. Wie ein Schlag aber traf sie die Wirklichkeit ihres Verdachts, und ohne ein Wort zu erwiedern, ohne eine Sylbe weiter zu sagen, setzte sie sich auf den, dicht am Ofen stehenden Stuhl, deckte ihr Gesicht mit der Schürze zu und saß eine lange, lange Weile still und regungslos. Auch der Mann wagte nicht zu sprechen — er hatte den Gedanken wohl schon eine Zeit lang mit sich herumgetragen, aber sich immer davor gefürchtet ihm Worte zu geben, sogar gegen sich selbst, wie viel weniger denn gegen die Frau. Jetzt war es heraus, und er betrachtete nur scheu die Wirkung die er hervorgebracht.[pg 149]Auch die alte Mutter saß, mit der Hand auf dem Rad das sie im Drehen aufgehalten, und horchte nach den Beiden hinüber, was sie mitsammen hatten, und wie die so still waren und kein Wort mehr sprachen, mochte es ihr auch unheimlich vorkommen und sie sagte laut und mürrisch:»Nun Gottlieb was giebt's — was hast wieder Du mit der Hanne — was habt Ihr denn daß Ihr so still und heimlich thut — macht Einem nicht auch noch Angst unnützer Weise — was ist nun wieder los?«»Ja Mutter,« sagte der Mann jetzt, der sich gewaltsam Muth faßte über das, was nun doch nicht länger mehr verschwiegen bleiben konnte und besprochen werdenmußte, auch laut zu reden, daß er's vom Herzen herunter bekam — »es geht mit uns hier den Krebsgang, und ich habe eben zu Hannen gesagt daß uns zuletzt nichts anderes übrig bleiben würde als — als es eben auch wie andere zu machen, und — «»Und? — und was zu machen?« frug die alte Frau gespannt —»Alsauszuwandern,« sagte der Mann mit einem plötzlichen Ruck und seufzte dann tief auf, als ob er selber froh wäre es los zu sein.»Herr Du meine Güte!« rief die alte Frau, ließ die Hände erschreckt in den Schooß sinken und lehnte sich in ihren Stuhl zurück, während ihr alle Glieder am Leibe flogen — »Herr Du meine Güte!« wiederholte sie noch einmal, und die Finger falteten sich unwillkürlich zusammen, so hatte sie der Schreck getroffen.[pg 150]»Auswandern,« sagte aber auch jetzt Gottliebs Frau mit tonloser Stimme, und ließ die Schürze vom Gesicht herunterfallen — »auswandern, das ist ein schweres — schweres Wort Gottlieb — hast Du Dir das auch recht — recht reiflich überlegt?«»Tag und Nacht die ganze letzte Woche hindurch,« rief aber der Mann, der jetzt, da das Eis einmal gebrochen war, wieder Leben und Wärme gewann. »Wie ein Mühlstein hat's mir auf der Seele gelegen, und ich habe lange und tapfer dagegen angekämpft, aber es wäre das Beste für uns, was wir auf der weiten Gotteswelt thun könnten; und wenn auch nicht einmal für uns, wenn wir selber auch schwere und bittere Zeiten durchzumachen hätten, doch für die Kinder, die einmal den Segen erndten, den wir mit unserem Schweiß, unseren Thränen gesäet.«»Auswandern? ja,« sagte aber jetzt die Großmutter, mit dem Kopfe nickend und schüttelnd, als ob sie den schrecklichen Gedanken wieder von sich abwerfen wollte — »ja wohin es euch lüstet, aber erst wenn ich todt bin. Die paar Tage müßt Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder sonst schlagt mich todt, werft mich in's Wasser, oder schlagt mich mit dem Beil auf den Kopf daß ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt könnt Ihr mich doch nicht mehr umherschleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr, wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt schlagt mich vorher todt.«[pg 151]»Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar so häßlich reden wollten,« sagte die Frau traurig, während der Mann wieder zum Tisch ging, sich dort auf den Stuhl setzte, und den Kopf in die Hand stützte — »Sie sind noch wohl und rüstig und werden, will's Gott, noch manches Jahr leben und sich Ihrer Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und sich ihr Brod suchen müssen, da gehören Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient mit Mühe und Noth und banger Sorge schon vor langen Jahren, wie wir noch klein und unbehülflich waren, wie unsere Kinder jetzt.«»Wozu mich mitnehmen,« sagte aber die Frau, störrisch dabei mit dem Oberkörper herüber und hinüber schwankend, »unterwegs müßtet Ihr mich doch aus dem großen Schiff hinaus in's Wasser werfen, die Fische zu füttern. Bleibe im Lande und nähre Dich redlich, das istmeinSpruch und meines Leberecht Spruch von alter Zeit her gewesen, und wir haben uns wohl dabei befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will oben zur Decke 'naus und fliegen und schwimmen, anstatt hübsch auf der Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum ist's denn früher gegangen? — nein Gott bewahre, jetzt soll Alles mit Eisenbahnen und Dampf gehen und keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand — schlagt mich todt, dann seid Ihr mich los und könnt hingehn wohin Ihr wollt.«Und die alte Mutter stand auf, rückte ihr Spinnrad bei[pg 152]Seite, und humpelte, noch immer vor sich hin murmelnd und grollend, aus der Stube hinaus.»Sie meint es nicht so bös, Gottlieb,« sagte die Frau zu dem Mann tretend und ihre Hand auf seine Schulter legend, »es ist eine alte Frau die an ihrer Heimath mit ganzem Herzen hängt und sich vor der Reise fürchtet.«»Und Du nicht, Hanne?« rief der Mann sich rasch nach ihr umdrehend, und ihre Hand ergreifend — »Du nicht? Du würdest Dich dazu entschließen können unsere Heimath hier, unser Häuschen, unser Feld zu verlassen, und mit mir und den Kindern über das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?«Die Frau schwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes — endlich sagte sie leise — »So weit fort? — und muß es denn sein, ist es denn gar nicht möglich mehr, daß wir hier gut und ehrlich durchkommen durch die Welt, wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb, es ist gar hart so von zu Hause fortzugehn, die Thür zuzuschließen und zu denken daß man nun nie und nimmer wieder dahin zurückkommt — «Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und sagte endlich:»Du hast recht Hanne; es ist ein schwerer, recht schwerer Schritt, und man sollte ihn sich wohl vorher überlegen ehe man ihn thut, denn zurück kann man nicht wieder, wenn man nicht wenigstens Alles opfern will, was Einem bis dahin[pg 153]noch zu eigen gehört hat. Thun wir aber recht nur allein an uns zu denken? — Sieh, wir schleppen uns vielleicht noch wenn auch kümmerlich, doch ehrlich, durch, bis wir einmal sterben, und wenn es auch hart ist, daß es Einem nachher im Alter schlechter gehn soll wie in der Jugend, brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben daß wir verhungerten; aber die Kinder — die Kinder — was wird aus denen? Unser kleines Grundstück ist die Jahre über kleiner und kleiner geworden; mit dem Geschäft geht's auch kümmerlicher wie bisher — neue, geschicktere Arbeiter, junge Burschen die noch keine Familie haben und weniger brauchen, sitzen in den Dörfern herum, und die Fabriken und Maschinen geben uns ohnedies den Todesstoß. Stahl und Holz braucht Nichts zu essen und arbeitet unermüdet Tag und Nacht durch, und die Räder und Walzen und Hämmer klopfen und drehen und schwingen ununterbrochen fort gegen den Schweiß des armen Arbeiters der darüber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darüber, es muß wohl schon so recht sein, denn Gott hat's den Menschen selber gelehrt und die Welt muß vorwärts gehn — wir älteren Leute können uns aber eben nicht mehr darein schicken, können nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne anfangen, wenigstens hier im Lande nicht wo Einem die Hände nach allen Seiten hin gebunden sind, und darum ist mir der Gedanke gekommen auszuwandern. Da drüben über dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch einen großen gewaltigen Fleck Erde liegen, für uns arme Leute bestimmt, den Maschinen und Räderwerken zu entgehn; dort haben wir[pg 154]Platz uns zu bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu leben, sondern kann auch vielleicht für sich und die Kinder was vorwärts bringen und braucht sich nicht mehr vor der Zukunft zu fürchten und vor Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unsern Kindern da einmal anders übrig, als in Dienst zu gehn und sich bei fremden Leuten doch herumzuschlagen ihr Lebelang.«»Und die Mutter?« sagte die Frau, sich ängstlich nach der Thüre umsehend — »was würde aus der alten Frau auf dem Meere?«»Was aus so vielen alten Frauen da wird, liebes Herz,« sagte aber der Mann, augenscheinlich mit froherem, freudigeren Herzen, als er bei dem eigenen Weib nicht den Widerstand fand, den er vielleicht gefürchtet — »sie gewöhnen sich an das neue Leben, sobald sie das alte nicht mehr um sich sehen, und die Seeluft soll kräftigen und stärken.«»Aber sie wird nicht mit uns wollen.«»Sie wird ihre Kinder nicht verlassen,« tröstete sie der Mann, »und ohne sie dürften wir ja auch gar nicht fort.«Die Frau reichte ihm schweigend die Hand, die er herzlich drückte, und wandte sich dann, und wollte eben das Zimmer verlassen, als draußen Jemand die Thür aufriß und in das Haus trat. Das Unwetter hatte jetzt seinen höchsten Grad erreicht, und der Regen schlug in ordentlichen Güssen gegen die Fenster an, während der Wind die Wipfel der Bäume herüber und hinüber schüttelte und die Blüthen von den Zweigen riß mit rauher Hand.Capitel 6[pg 155]»Schönen Gruß mit einander,« sagte dabei eine rauhe Stimme, während die Stubenthür halb geöffnet wurde — »darf man hinein kommen?«»Gott grüß Euch,« sagte die Frau — »kommt nur herein, bei dem Wetter ist's bös draußen sein — es tobt ja, als ob der letzte Tag hereinbrechen sollte.«Der Fremde hing seinen Hut und Mantel draußen ab und trat mit nochmaligem Gruß in die Stube.»Gott grüß Euch,« sagte auch Gottlieb — »da, nehmt Euch einen Stuhl und setzt Euch zum Ofen; es ist heut unfreundlich draußen, und man kann ein Bischen Feuer brauchen.«»Sauwetter verdammtes,« fluchte der Mann, als er der Einladung Folge geleitet und sich die nassen Haare aus der Stirne strich — »ich wollte erst sehen daß ich die Schenke erreichte; hier um die Ecke herum kam der Wind aber so gepfiffen daß er mich bald von den Füßen hob, und es war gerade als ob sie Einem von da oben einen Eimer voll Wasser nach dem andern entgegen gossen. Schönes Wetter für Enten, aber für keine Menschen.«Es war eine rauhe, kräftige Gestalt, der Mann, mit krausem dicken schwarzen Bart und ein paar tiefliegenden unstäten Augen, in einen groben braunen Tuchrock gekleidet, wie ihn die Fleischer nicht selten auf dem Lande tragen. Die ebenfalls braunen Hosen hatte er dabei heraufgekrempelt, bis fast unter das Knie, mit seinen derben Wasserstiefeln besser durch alle Pfützen und Schlammwege hindurch zu können; die aus ungeborenem Kalbfell gemachte Weste war ihm bis an den[pg 156]Hals hinauf zugeknöpft, und eine lange silberne Kette, an der die in der Westentasche steckende Uhr befindlich war, hing ihm darüber hin.»Ihr seid wohl weit von hier zu Haus?« frug Gottlieb nach einer längeren Pause, in der er den Mann und dessen Aeußeres flüchtig nur betrachtet hatte — »hab' Euch wenigstens noch nicht hier bei uns gesehen.«»Zehn Stunden etwa,« sagte der Fremde, seine Pfeife jetzt aus der Brusttasche seines Rockes nehmend und mit Stahl und Schwamm, den er bei sich führte, entzündend — »wie weit ist's noch bis Heilingen.«»Eine tüchtige Stunde — wenn der Weg jetzt nicht so schrecklich wäre, könnte man's recht bequem in kürzerer Zeit gehn.«»Hm — ist noch verdammt weit, puh wie das draußen stürmt; und die Pflaumenblüthen pflückt's beim Armvoll herunter — Pflaumenmuß wird theuer werden nächsten Herbst.«»Das weiß Gott,« sagte Gottlieb — »es wird Alles theuer, immer mehr jedes Jahr, langsam aber Sicher.«»Bah, es geschieht denen recht die hier bleiben, wenn sie nicht hier bleiben müssen; 's giebt Plätze die besser sind.«»Wollt Ihr auch auswandern?« sagte Gottlieb rasch.»Auswandern? — nach Amerika? — hm — ich weiß noch nicht,« brummte der Fremde, sich den Bart streichend — »es wäre aber möglich daß sie Einen noch dazu trieben. Sind das Euere Kinder?«»Ja. — «»Habt Ihr noch mehr?«[pg 157]»Noch einen Jungen von elf und ein halb Jahr.«»Und Ihr seid ein Weber?« sagte der Fremde mit einem Blick auf den Webstuhl — »auch schwere Zeiten für derlei Arbeit, mit einer Familie durchzukommen.«»Ja wohl, schwere Zeiten,« seufzte Gottlieb, als in diesem Augenblick die Thür draußen wieder aufging und die Mutter laut ausrief: —»Der Hans, lieber Himmel kommt der in dem Wetter.«Es war Hans, der älteste Sohn des Webers, durch und durch naß, aber mit frischem gesunden Gesicht und rothen Backen, auf denen das Regenwasser in großen Perlen stand.»Guten Tag mit einander,« sagte er, als er in's Zimmer trat und die triefende Mütze vom Kopf riß — »guten Tag Mutter.«»Guten Tag Hans, aber wo um Gottes Willen kommst Du in dem Regen her; warum hast Du das Wetter nicht bei Lehmann's abgewartet?«»Es wurde mir zu spät Mutter und ich war hungrig geworden; habe auch noch heute Abend dem Vater etwas zu helfen.«»Ein derber Junge,« sagte der Fremde, der sich den Knaben indeß mit finsterem Blick betrachtet hatte — »kann wohl schon ordentlich mit arbeiten.«»Ach ja, er packt tüchtig mit zu,« sagte der Vater — »lieber Gott in jetziger Zeit muß Alles mit Brod verdienen helfen.«»Die Kinder fressen Einen arm,« sagte der Fremde.[pg 158]»Habt Ihr Kinder?« frug Gottlieb.»Ich? — hm, ja,« sagte der Fremde nach einer Pause — »könnte noch Jemandem abgeben davon.«»Ich möchte keins hergeben,« sagte die Frau rasch, und küßte das Jüngste, das sie eben wieder aufgenommen hatte um es zu füttern, »Kinder sind ein Segen Gottes.«»Ja — so sprechen die Leute wenigstens,« sagte der Fremde trocken, »aber ich glaube es läßt nach mit Regnen; ich werde die Schenke wohl jetzt erreichen können.«»Wollt Ihr nicht vielleicht erst eine heiße Tasse Kaffee trinken?« frug die Frau, das Kind auf dem linken Arm, zum Ofen gehend, die dort warmgestellte Kanne wieder vorzuholen.»Danke, danke,« sagte aber der Fremde abwehrend — »kann das warme Zeug nicht vertragen; ein Glas Branntwein ist mir lieber.«»Das thut mir leid,« sagte der Mann, »den kann ich Euch nicht anbieten; ich habe keinen im Hause.«»Thut auch Nichts,« lachte der Fremde; »so lange halt ich's schon noch aus. Sind doch hülflose Dinger so junge Menschen, ehe sie die Kinderschuh ausgetreten haben,« setzte er dann hinzu, als das Jüngste das Mäulchen nach dem schon einmal gereichten Löffel vorstreckte — »was machte nun so ein jung Ding, wenn man es hinsetzte und sich selber überließe.«»Ach Du lieber Gott,« sagte die Frau bedauernd — »so ein armer Wurm müßte ja elendiglich umkommen.«»Bis den Nachbarn das Geschrei zu arg würde und sie kämen und es fütterten,« lachte der Andere.[pg 159]»Dafür haben die Kinder Eltern,« sagte die Frau, das kleine, die Aermchen zu ihr ausstreckende Mädchen liebkosend und küssend, »die sorgen schon dafür daß kein Nachbar danach zu sehen braucht.«»Wenn die aber einmal plötzlich stürben, wie dann?« frug der Fremde, mit einem Seitenblick auf die Frau, indem er seinen Rock wieder zuknöpfte und sich zum Gehen rüstete.»Dann ist Gott im Himmel,« sagte Hanne, mit einem frommen vertrauungsvollen Blick nach oben.»Ja, das ist wahr;« sagte der Fremde mit einem leichtfertigen Lächeln, »der hat allerdings die große Kinderbewahranstalt. Aber es hat wirklich aufgehört mit Gießen,« unterbrach er sich rasch, »den Augenblick will ich doch lieber benutzen. So schön Dank für gegebenes Quartier Ihr Leute, und gut Glück.«»Bitte, Ihr habt für Nichts zu danken, behüt' Euch Gott,« sagte Gottlieb freundlich.»Behüt' Euch Gott;« sagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal zunickend, nahm draußen wieder den nassen Mantel um, drückte sich den breiträndigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenstock, der daneben in der Ecke lehnte, auf, und verließ rasch das Haus, die Richtung nach der Schenke einschlagend.»Mich freut's daß er fort ist,« sagte die Frau, die dem Knaben gerade das Essen auf den Tisch setzte und den Kaffee einschenkte — »bewahr uns Gott, was hatte der Mann für ein finstres Gesicht und ein barsches Wesen; nicht schlafen[pg 160]könnt' ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir wüßte. In dem Gesicht liegt auch nichts Gutes — und wie er fluchte und über die Kinder sprach — ob er nur wirklich selber welche hat.«»Er sagt's ja,« bestätigte Gottlieb — »aber mir schien's ein Fleischer zu sein, seinem Gewerbe nach, und die sind immer rauh und derb, meinen's aber nicht immer so bös.«»So bess're ihn Gott,« sagte die Frau mit einem Seufzer, »und je seltener er unseren Weg kreuzt, desto besser.«
Nicht weit von Heilingen, und in Hörweite der Domglocke selbst, in ziemlich bergigem, aber unendlich malerischem Land, lag ein kleines armes Dorf, dessen Bewohner, da ihre Felder gerade nicht zu den besten gehörten, sich kümmerlich, aber meist ehrlich, mit verschiedenen Handwerken und Gewerben, mit Holzschnitzen wie auch hie und da mit dem Webstuhl, ernährten. Das Dorf hieß eigentlich »Zur Stelle«, welchen Namen aber die Bewohner im Laufe der Zeit, und mit Hülfe ihres Dialekts, zu dem vonZurschtelumgearbeitet hatten, und mochte etwa dreißig Häuser und Hütten, mit der doppelten Anzahl von Familien, wie der sechsfachen von Kindern zählen. Es ist eine wunderliche Thatsache, daß man in den ärmlichsten Distrikten stets die meisten Kinder findet.
Mitten im Dorf lag eins der besseren Häuser; es war weiß getüncht, und hinter den sauber gehaltenen Fenstern[pg 137]hingen weiße, reinliche Gardinen. Vor dem Hause, über dessen Thüre ein frommer Spruch mit rothen und grünen Buchstaben angeschrieben war, stand ein Brunnen- und Röhrtrog, und ein kleiner Koven an der Seite desselben, zeigte in der nach außen befestigten Klappe des Futterkastens dann und wann den schmuzigen Rüssel eines seine Kartoffelschalen kauenden Schweines. Auch ein ordentlich gehaltenes Staket umgab das Haus wie den kleinen Hofraum, und die Wohnung stach sehr zu ihrem Vortheil gegen manche der Nachbarhäuser ab.
Im Inneren selber sah es ebenfalls sehr reinlich, aber nichtsdestoweniger sehr ärmlich aus. In der einen Ecke stand ein großer, viereckiger, sauber gescheuerter Tisch aus Tannenholz, an zweien der Wände waren Bänke aus dem nämlichen Material befestigt, und um den großen viereckigen Kachelofen, der fast den achten Theil der Stube einnahm, hingen verschiedene Kochgeräthschaften, während auf darüber angebrachten Regalen die braunen Kaffeekannen und geblümten Tassen gewissermaßen mit als Zierrath zur Schau ausstanden. Die dritte Ecke füllte der Webstuhl des Mannes aus, und dem gegenüber stand eine riesengroße, braunangestrichene Kommode, mit Messinghenkeln und Griffen und fünf Schiebladen, die, mit wirklich rührender Eitelkeit als eine Art von Nipptisch benutzt, zwei mit bunten Blumen bemalte Henkelgläser, eine vergoldete Tasse mit der Aufschrift »der guten Mutter« — ein Geschenk aus früherer Zeit — und ein gelb irdenes aber allerdings sehr wenig benutztes Dintenfaß trug, während dahinter, in zwei ordinairen Stangengläsern, in dem einen Schilfblü[pg 138]thenbüschel, und in dem anderen große stattliche Aehren von Roggen, Waizen, Gerste und Hafer standen, zur Erinnerung an eine frühere segensreiche Erndte.
Die Bewohner der kleinen Stube paßten genau in ihre Umgebung; es war eine, nicht mehr ganz junge aber doch rüstige Frau, in die nicht unschöne Bauertracht der dortigen Gegend gekleidet, die an ihrem Spinnrad saß und eifrig das Rädchen schnurren ließ, während die rechte Hand manchmal eine neben ihr stehende Wiege berührte, den darin ruhenden kleinen Säugling, der immer wieder die großen dunklen Augen zu ihr aufschlug, endlich in Schlaf zu bringen. Sie war reinlich, aber in die gröbsten Stoffe gekleidet, ebenso der Bube von etwa vier Jahren, der ihr zu Füßen mit einer kleinen Mulde auf dem über die Diele gestreuten Sand »Schiff« spielte.
Außerdem war noch eine vierte Person im Zimmer, die alte Mutter der Frau, eine Greisin von nahe an siebzig Jahren, die auch noch ihr Spinnrad drehte, sich aber mit dem hinter den noch warmen Ofen gesetzt hatte, weil ihr das heutige naßkalte, unfreundliche Wetter fröstelnd durch die alten Glieder zog. Es war eine gutmüthige, aber mürrische alte Frau, selten zufrieden mit dem was sich ihr gerade bot, und unermüdlich darin, sich und ihren Kindern die Last vorzuwerfen die sie ihnen mache, und den lieben Gott täglich zu bitten daß er sie doch bald zu sich nähme. Nur eine kleine, ganz kurze Frist erbat sie sich immer noch — dann wollte sie gerne sterben. Erst; wie das Aelteste geboren war, wollte sie das[pg 139]noch gerne laufen sehn; dann hätte sie gern erlebt wie es zum ersten Mal in die Schule ging; dann war es Frühjahr geworden und sie hoffte nur noch einmal neue Kartoffeln zu essen, zu Jacobi aber wollte sie noch einmal von dem Pflaumenbaum die Früchte kosten, den ihr »Seliger« noch gepflanzt. Wie der Herbst kam wünschte sie im Frühjahr begraben zu werden, und die knospenden Maiblumen weckten den Wunsch nach den Astern, ihrer Lieblingsblume, von denen sie sich eigenhändig ein schmales Beet in den kleinen Garten dicht am Hause gepflanzt. So lebt und webt die Hoffnung in unseren Herzen mit immer neuer, nie sterbender Kraft, und je älter wir werden, desto mehr lernen wir die schöne Erde lieb gewinnen, desto mehr klammern wir uns an sie, und wollen uns gar nicht mehr von ihr trennen.
Der Tag neigte sich dem Abend zu; der Mann war in die Stadt gegangen seine Steuern zu zahlen, und Manches einzukaufen was sie nothwendig im Hause brauchten — zum Ersatz dafür hatte er das zweite Schwein, das sie bis dahin gehalten, hineingetrieben, und der Erlös sollte seine Ausgaben bestreiten.
Der Regen wurde jetzt wieder heftiger, die großen schweren Tropfen schlugen gegen das Fenster, und das Kind wurde vollständig munter und fing an zu schreien. Die Mutter schob ihr Spinnrad zurück, nahm das Kleine aus der Wiege, und ging damit trällernd im Zimmer auf und ab. Die Alte spann indeß ruhig weiter, und suchte mit zitternder leiser Stimme ein[pg 140]geistliches Lied zu singen, und mit dem Rad trat sie den Takt dazu. Sonst sprach keine ein Wort.
Endlich wurde die Hausthür geöffnet, Jemand kam von draußen herein, und strich sich die Füße auf den Steinen und der Strohdecke ab, und sie hörten gleich darauf wie der zurückkehrende Vater und Gatte seinen großen rothblauwollenen Schirm auf die Steine stieß, das Wasser so viel wie möglich davon abzuschütteln, und den Mantel auszog und über den großen Schleifstein hing der draußen im Flur stand, wie er das gewöhnlich that. Die Frau öffnete rasch die Thür den Mann zu begrüßen, der den Hut abnahm, sich die nassen Haare aus der Stirn strich, und das Kind küßte, das sie ihm entgegenhielt.
»Jesus ist das ein Wetter, Gottlieb,« sagte sie dabei, als sie ihm den Hut aus der Hand nahm und neben den Ofen an den Nagel hing, »komm nur herein, daß Du 'was Trockenes auf den Leib bekommst; wo hast Du denn den Jungen? — ist er nicht bei Dir?« setzte sie, fast ängstlich, hinzu.
»Er ist draußen bei Lehmann's hineingegangen, denen wir ein paar Sachen aus der Stadt mitgebracht,« sagte der Mann — »wird wohl gleich kommen — wie geht's Frau? — wie geht's Mutter? — ha, das regnet einmal heute was vom Himmel herunter will; was nur d'raus werden soll wenn das Wetter so fort bleibt. Ein paar gute trockene Tage haben wir gehabt, und jetzt wieder Guß auf Guß — Guß auf Guß, als ob sie uns unsere paar Stücken Feld noch hinunter in die Wiesen waschen wollten. Von dem einen Acker ist die Saat[pg 141]schon halb fortgespült — wenn dasmal das Korn misräth, weiß ich nicht wo der arme Mann das Brod hernehmen soll.«
»Klag nicht, Gottlieb,« sagte aber die Frau freundlich — »es geht noch Vielen schlechter wie uns, und was sollen da dieganzarmen Leute sagen. Lieber Gott, es ist viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben sein Auskommen und ein Dach über dem Kopf hat und gesund ist, sollte sich nicht versündigen.«
Sie hatte dabei das Kind auf die Erde gesetzt, holte den Topf aus der Röhre, in der, trotz der vorgerückten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte, der alten, fröstelnden Mutter wegen, und goß den darin heiß gehaltenen Kaffee — sie nannten das braune Getränk von gebrannten gelben Rüben und Gerste wenigstens so — in die eine braune Kanne, damit sich der Mann, der den ganzen Tag draußen im Regen herumgezogen war, daran erquicken könne. Zugleich auch deckte sie ein weißes Tuch über den Tisch, auf den sie noch Butter und Brod stellte, die versäumte Mittagsmahlzeit wenigstens in etwas nachzuholen. Der Mann setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch goß, und schnitt sich ein großes Stück Brod ab, das er mit Butter bestrich und verzehrte. Er sprach kein Wort dabei, und beendete still seine Mahlzeit, schob dann die Tasse und den Butterteller zurück, nahm das Kleinste, das die Mutter zu ihm auf die Erde gesetzt hatte, herauf auf sein linkes Knie, blieb, den rechten Ellbogen auf den Tisch gestützt, den Kopf gegen die Wand gelehnt, regungslos sitzen, und schaute still und schweigend nach[pg 142]dem Fenster hinüber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind draußen gepeitscht, hohl und heftig anschlugen.
Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit scheuem Blick betrachtet; es war irgend etwas vorgefallen, aber sie wagte nicht zu fragen, denn Gottlieb, so seelensgut er auch sonst sein mochte, hatte doch auch seine »verdrießlichen Stunden« und war dann, wenn gestört, oft rauh und unfreundlich; aber eine eigene Angst überkam sie plötzlich. Ihr ältester Sohn — der Hans — war nicht mit zu Hause gekommen — konnte dem — heiliger Gott, wie ein Stich traf es sie in's Herz und sie sprang erschreckt von ihrem Stuhl auf und auf den Mann zu.
»Gottlieb — um aller Heiligen Willen wo ist der Hans? — es ist — es ist ihm doch nicht etwa ein Unglück geschehn?«
»Der Hans?« sagte der Mann aber ruhig und sah erstaunt zu ihr auf, »was fällt Dir denn ein? was soll denn dem Hans zugestoßen sein? ich habe Dir ja gesagt daß er bei Lehmann's etwas abgegeben hat, und dort wahrscheinlich das Wetter abwarten wird.«
»Ich weiß nicht,« sagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlast von der Seele gewälzt wurde — »aber Du bist so sonderbar heut Abend, so still und ernst, und da schlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, über den Hans. Ist etwas vorgefallen Gottlieb? — «
Gottlieb schüttelte den Kopf langsam und sagte. — »Nicht daß ich wüßte — nichts Besonderes wenigstens,[pg 143]oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage vorfällt — Geld zahlen.«
»War es denn so viel?« sagte die Frau leise und schüchtern.
Der Mann schwieg einen Augenblick und sah still vor sich nieder; endlich erwiederte er seufzend:
»Das Schwein ist d'rauf gegangen, und vier Thaler Siebzehn Groschen sind immer noch mit Gerichtskosten und der alten Proceßgeschichte mit der Brückenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte, stehen geblieben, und ich muß sie bis zum ersten Juli nachzahlen, unter Androhung von Pfändung.«
»Nun lieber Gott,« sagte die Frau tröstend — »wenn das das Schlimmste ist, läßt sich's noch ertragen; da verkaufen wir eben das andere Schwein und behelfen uns so. Wie wenig Leute im Dorf haben überhaupt eins zu schlachten, und leben doch; warum sollen wir nicht eben so gut ohne eins leben können als die.«
»Ja,« sagte der Mann leise und still vor sich hin brütend — »verkaufen und immer nur verkaufen, ein Stück nach dem anderen, und während wo anders die Leute mit jedem Jahr ihr kleines Besitzthum vergrößern, und für ihre Kinder etwas zurücklegen können, sieht man es hier mehr und mehr zusammenschmelzen, unter Müh und Plack das ganze Jahr lang.«
»Aber kannst Du's ändern?« sagte die Frau leise und fuhr, wie der Mann schwieg und mit der Faust die Stirn[pg 144]stützend vor sich nieder starrte, schüchtern fort — »arbeitest Du nicht von früh bis spät fleißig und unverdrossen? gönnst Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine nöthige Beschäftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringste vorzuwerfen?«
»Nein,« sagte der Mann, während er die Hand auf den Tisch sinken ließ und die Frau voll und fest ansah — »nein, aber das ist es ja eben, was mir am Leben frißt. Wir können nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir jetzt thun, und jetzt sind wir noch jung und kräftig, unsere Kinder noch klein und gesund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurück, wird es mit jedem Jahr schlechter und schlimmer. Wie nun soll das werden, wenn uns erst einmal Krankheit heimsuchte, wenn die Kinder heranwachsen und mehr brauchen, wenn wir selber älter werden und nicht mehr so zugreifen können wie jetzt? — Schon jetzt können wir uns nicht mehr in der theueren Zeit oben halten — das eine Schwein ist verkauft, das andere wird noch fort müssen; unser Acker ist kleiner geworden in den letzten zehn Jahren, unsere Bedürfnisse aber sind gewachsen — wie soll das enden?«
»Aber Gottlieb,« sagte die Frau freundlich — »wie kommen Dir jetzt doch nur solche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht? Mann, Mann, Du bist doch sonst so ruhig, und hast immer vertrauungsvoll in die Zukunft gesehn, wie sind Dir auf einmal solche schwarze Gedanken durch den Sinn gefahren?«
Die alte Mutter hatte, schon so lange wie die Beiden[pg 145]mit einander gesprochen, ihr Spinnrad ruhen lassen, und dem Gespräch aufmerksam zugehört; dabei schüttelte sie fortwährend mit dem Kopf, und sagte endlich mit ihrer schrillen, scharf klingenden Stimme:
»Ja wohl, ja wohl — das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Mäuler kommen — mehr Mäuler sind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt mich todt; schlagt mich todt daß ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz mache — schlagt mich todt.«
»Mutter,« bat die Frau, in Todesangst daß sie dem Manne mit solcher Rede wehe thun würde, dennergerade hatte sie immer auf das Freundlichste behandelt, und Alles gethan was in seinen Kräften stand, ihr jede Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verschaffen — »wie dürft Ihr nur so etwas reden; versündigt Ihr Euch denn nicht?«
»Wir haben noch genug für uns Alle Mutter,« sagte aber der Mann freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun mochte — »nur für spätere Zeit ist mir bange; Sie aber wären die Letzte die darunter leiden sollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unsere Schuldigkeit in unserer Jugend gethan, wie Sie, dann ist es nicht mehr wie Pflicht und Schuldigkeit der Jüngeren für ihre Eltern zu sorgen — wenn sie nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlassen werden.«
Die Alte war wieder still geworden, sah noch eine Zeit lang vor sich nieder, und begann dann auf's Neue ihre Arbeit,[pg 146]aber die Frau fuhr fort und sagte, fast mit einem leisen Vorwurf im Ton zu ihrem Mann.
»Siehst Du Gottlieb, das hast Du nun davon mit Deinen trüben und traurigen Ideen; Du machst Dir und mir und der Mutter nur das Herz schwer, und nützest und hilfst doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird's schon machen und lenken; Er hat die Welt so viele Jahrhunderte hindurch in ihrer Bahn gehalten, und die Menschen darauf geschirmt und gepflegt, wie unser Herr Pastor sagt, Er wird's auch schon weiter thun, und wir dürfen uns eigentlich gar nicht sorgen und kümmern um den »nächsten Tag.«
»Doch, doch Frau,« sagte aber der Mann, aufstehend und jetzt, die Hände in den Hosentaschen, in der Stube auf und ab gehend — »doch Frau, der Mannmuß, denn wenn er'snichtthäte, wär er ein schlechter Hausvater, und ihm allein fielen dann all die schweren Folgen zur Last, die daraus entständen. Ich kann Dir das nicht so mit Worten deutlich machen, wie mir's neulich der Schulmeister, mit dem ich darüber sprach, erklärte, aber der meinte es wäre etwa so wie wenn Einer im Wasser wäre. Da sei es auch nicht genug daß man sich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum schwämme eben nur nicht zu ertrinken, das thäte nicht einmal ein unvernünftiges Stück Vieh; nein des Menschen, des verständigen Menschen Pflicht sei es sich schon im Wasser nach dem festen Lande umzusehn, ob man das nirgends erreichen könne, denn zuletzt würde man da im Wasser, man möchte noch so tapfer schwimmen, doch müde, und ließen erst einmal die Kräfte[pg 147]nach, dann hülfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man sänke eben langsam zu Boden.«
»Ich verstehe nicht recht was Du damit meinst,« sagte die Frau, »aber Du siehst mich so sonderbar dabei an — hast Du noch 'was anderes dahinter?«
»Nein und Ja,« sagte der Mann nach kleiner Pause, indem er sich mit dem Rücken an den Ofen lehnte, und langsam dazu mit dem Kopfe nickte, »eigentlich nicht, denn Gott da oben weiß daß es wahr ist, und weiß wie, und ob's einmal enden kann; aber dann — dann hab' ich allerdings noch was dahinter, denn ich meine — ich meine — « er schwieg und es war augenscheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich scheue so mit blanken klaren Worten heraus zu sagen, die Frau aber, die eben damit beschäftigt war das Geschirr hinaus zu räumen, setzte die Kanne wieder auf den Tisch, sah den Mann erstaunt an, ging dann langsam zu ihm an den Ofen und sagte leise, vor ihm stehen bleibend:
»Geh her, Gottlieb — Du hast 'was, was Dich drückt und willst nicht mit der Sprache heraus — es ist irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt, was Du nicht sagen magst. Du darfst doch nichtsitzen?«
»Sitzen? — weshalb?« lächelte der Mann kopfschüttelnd — »ich habe nie etwas Böses gethan.«
»Nun was ist's denn, so sprich doch nur, denn Du ängstigst mich ja mehr mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmste gleich vornheraus erzählst — dem Hans fehlt doch Nichts?«
[pg 148]»Was soll dem Hans fehlen, närrische Frau — wenn's aufhört zu gießen wird er schon kommen.«
»Und was ist's denn? — gelt, Du sagst mir's?«
»Ich muß Dir's wohl sagen;« seufzte der Mann, »nun sieh Hanne, ich meine — ich habe so darüber nachgedacht, daß es jetzt hier in Deutschland immer schlechter wird mit uns — und daß wir's zu Nichts mehr bringen können, trotz aller Arbeit, trotz allem Fleiß, und daß jetzt — daß jetzt doch so viele Menschen hinüber ziehen — «
»Hinüber ziehen?« frug die Frau erstaunt, fast erschreckt, und legte die Hand fest auf's Herz, als ob sie die aufsteigende Angst und Ahnung über etwas Großes, Schreckliches da hinunter und zurückdrücken wolle, eh sie zu Tage käme — »wo hinüber Gottlieb?«
»Nach Amerika;« sagte der Mann leise — so leise daß sie das Wort wohl nicht einmal verstand, und nur an der Bewegung der Lippen es sah und errieth. Wie ein Schlag aber traf sie die Wirklichkeit ihres Verdachts, und ohne ein Wort zu erwiedern, ohne eine Sylbe weiter zu sagen, setzte sie sich auf den, dicht am Ofen stehenden Stuhl, deckte ihr Gesicht mit der Schürze zu und saß eine lange, lange Weile still und regungslos. Auch der Mann wagte nicht zu sprechen — er hatte den Gedanken wohl schon eine Zeit lang mit sich herumgetragen, aber sich immer davor gefürchtet ihm Worte zu geben, sogar gegen sich selbst, wie viel weniger denn gegen die Frau. Jetzt war es heraus, und er betrachtete nur scheu die Wirkung die er hervorgebracht.
[pg 149]Auch die alte Mutter saß, mit der Hand auf dem Rad das sie im Drehen aufgehalten, und horchte nach den Beiden hinüber, was sie mitsammen hatten, und wie die so still waren und kein Wort mehr sprachen, mochte es ihr auch unheimlich vorkommen und sie sagte laut und mürrisch:
»Nun Gottlieb was giebt's — was hast wieder Du mit der Hanne — was habt Ihr denn daß Ihr so still und heimlich thut — macht Einem nicht auch noch Angst unnützer Weise — was ist nun wieder los?«
»Ja Mutter,« sagte der Mann jetzt, der sich gewaltsam Muth faßte über das, was nun doch nicht länger mehr verschwiegen bleiben konnte und besprochen werdenmußte, auch laut zu reden, daß er's vom Herzen herunter bekam — »es geht mit uns hier den Krebsgang, und ich habe eben zu Hannen gesagt daß uns zuletzt nichts anderes übrig bleiben würde als — als es eben auch wie andere zu machen, und — «
»Und? — und was zu machen?« frug die alte Frau gespannt —
»Alsauszuwandern,« sagte der Mann mit einem plötzlichen Ruck und seufzte dann tief auf, als ob er selber froh wäre es los zu sein.
»Herr Du meine Güte!« rief die alte Frau, ließ die Hände erschreckt in den Schooß sinken und lehnte sich in ihren Stuhl zurück, während ihr alle Glieder am Leibe flogen — »Herr Du meine Güte!« wiederholte sie noch einmal, und die Finger falteten sich unwillkürlich zusammen, so hatte sie der Schreck getroffen.
[pg 150]»Auswandern,« sagte aber auch jetzt Gottliebs Frau mit tonloser Stimme, und ließ die Schürze vom Gesicht herunterfallen — »auswandern, das ist ein schweres — schweres Wort Gottlieb — hast Du Dir das auch recht — recht reiflich überlegt?«
»Tag und Nacht die ganze letzte Woche hindurch,« rief aber der Mann, der jetzt, da das Eis einmal gebrochen war, wieder Leben und Wärme gewann. »Wie ein Mühlstein hat's mir auf der Seele gelegen, und ich habe lange und tapfer dagegen angekämpft, aber es wäre das Beste für uns, was wir auf der weiten Gotteswelt thun könnten; und wenn auch nicht einmal für uns, wenn wir selber auch schwere und bittere Zeiten durchzumachen hätten, doch für die Kinder, die einmal den Segen erndten, den wir mit unserem Schweiß, unseren Thränen gesäet.«
»Auswandern? ja,« sagte aber jetzt die Großmutter, mit dem Kopfe nickend und schüttelnd, als ob sie den schrecklichen Gedanken wieder von sich abwerfen wollte — »ja wohin es euch lüstet, aber erst wenn ich todt bin. Die paar Tage müßt Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder sonst schlagt mich todt, werft mich in's Wasser, oder schlagt mich mit dem Beil auf den Kopf daß ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt könnt Ihr mich doch nicht mehr umherschleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr, wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt schlagt mich vorher todt.«
[pg 151]»Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar so häßlich reden wollten,« sagte die Frau traurig, während der Mann wieder zum Tisch ging, sich dort auf den Stuhl setzte, und den Kopf in die Hand stützte — »Sie sind noch wohl und rüstig und werden, will's Gott, noch manches Jahr leben und sich Ihrer Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und sich ihr Brod suchen müssen, da gehören Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient mit Mühe und Noth und banger Sorge schon vor langen Jahren, wie wir noch klein und unbehülflich waren, wie unsere Kinder jetzt.«
»Wozu mich mitnehmen,« sagte aber die Frau, störrisch dabei mit dem Oberkörper herüber und hinüber schwankend, »unterwegs müßtet Ihr mich doch aus dem großen Schiff hinaus in's Wasser werfen, die Fische zu füttern. Bleibe im Lande und nähre Dich redlich, das istmeinSpruch und meines Leberecht Spruch von alter Zeit her gewesen, und wir haben uns wohl dabei befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will oben zur Decke 'naus und fliegen und schwimmen, anstatt hübsch auf der Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum ist's denn früher gegangen? — nein Gott bewahre, jetzt soll Alles mit Eisenbahnen und Dampf gehen und keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand — schlagt mich todt, dann seid Ihr mich los und könnt hingehn wohin Ihr wollt.«
Und die alte Mutter stand auf, rückte ihr Spinnrad bei[pg 152]Seite, und humpelte, noch immer vor sich hin murmelnd und grollend, aus der Stube hinaus.
»Sie meint es nicht so bös, Gottlieb,« sagte die Frau zu dem Mann tretend und ihre Hand auf seine Schulter legend, »es ist eine alte Frau die an ihrer Heimath mit ganzem Herzen hängt und sich vor der Reise fürchtet.«
»Und Du nicht, Hanne?« rief der Mann sich rasch nach ihr umdrehend, und ihre Hand ergreifend — »Du nicht? Du würdest Dich dazu entschließen können unsere Heimath hier, unser Häuschen, unser Feld zu verlassen, und mit mir und den Kindern über das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?«
Die Frau schwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes — endlich sagte sie leise — »So weit fort? — und muß es denn sein, ist es denn gar nicht möglich mehr, daß wir hier gut und ehrlich durchkommen durch die Welt, wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb, es ist gar hart so von zu Hause fortzugehn, die Thür zuzuschließen und zu denken daß man nun nie und nimmer wieder dahin zurückkommt — «
Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und sagte endlich:
»Du hast recht Hanne; es ist ein schwerer, recht schwerer Schritt, und man sollte ihn sich wohl vorher überlegen ehe man ihn thut, denn zurück kann man nicht wieder, wenn man nicht wenigstens Alles opfern will, was Einem bis dahin[pg 153]noch zu eigen gehört hat. Thun wir aber recht nur allein an uns zu denken? — Sieh, wir schleppen uns vielleicht noch wenn auch kümmerlich, doch ehrlich, durch, bis wir einmal sterben, und wenn es auch hart ist, daß es Einem nachher im Alter schlechter gehn soll wie in der Jugend, brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben daß wir verhungerten; aber die Kinder — die Kinder — was wird aus denen? Unser kleines Grundstück ist die Jahre über kleiner und kleiner geworden; mit dem Geschäft geht's auch kümmerlicher wie bisher — neue, geschicktere Arbeiter, junge Burschen die noch keine Familie haben und weniger brauchen, sitzen in den Dörfern herum, und die Fabriken und Maschinen geben uns ohnedies den Todesstoß. Stahl und Holz braucht Nichts zu essen und arbeitet unermüdet Tag und Nacht durch, und die Räder und Walzen und Hämmer klopfen und drehen und schwingen ununterbrochen fort gegen den Schweiß des armen Arbeiters der darüber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darüber, es muß wohl schon so recht sein, denn Gott hat's den Menschen selber gelehrt und die Welt muß vorwärts gehn — wir älteren Leute können uns aber eben nicht mehr darein schicken, können nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne anfangen, wenigstens hier im Lande nicht wo Einem die Hände nach allen Seiten hin gebunden sind, und darum ist mir der Gedanke gekommen auszuwandern. Da drüben über dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch einen großen gewaltigen Fleck Erde liegen, für uns arme Leute bestimmt, den Maschinen und Räderwerken zu entgehn; dort haben wir[pg 154]Platz uns zu bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu leben, sondern kann auch vielleicht für sich und die Kinder was vorwärts bringen und braucht sich nicht mehr vor der Zukunft zu fürchten und vor Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unsern Kindern da einmal anders übrig, als in Dienst zu gehn und sich bei fremden Leuten doch herumzuschlagen ihr Lebelang.«
»Und die Mutter?« sagte die Frau, sich ängstlich nach der Thüre umsehend — »was würde aus der alten Frau auf dem Meere?«
»Was aus so vielen alten Frauen da wird, liebes Herz,« sagte aber der Mann, augenscheinlich mit froherem, freudigeren Herzen, als er bei dem eigenen Weib nicht den Widerstand fand, den er vielleicht gefürchtet — »sie gewöhnen sich an das neue Leben, sobald sie das alte nicht mehr um sich sehen, und die Seeluft soll kräftigen und stärken.«
»Aber sie wird nicht mit uns wollen.«
»Sie wird ihre Kinder nicht verlassen,« tröstete sie der Mann, »und ohne sie dürften wir ja auch gar nicht fort.«
Die Frau reichte ihm schweigend die Hand, die er herzlich drückte, und wandte sich dann, und wollte eben das Zimmer verlassen, als draußen Jemand die Thür aufriß und in das Haus trat. Das Unwetter hatte jetzt seinen höchsten Grad erreicht, und der Regen schlug in ordentlichen Güssen gegen die Fenster an, während der Wind die Wipfel der Bäume herüber und hinüber schüttelte und die Blüthen von den Zweigen riß mit rauher Hand.
Capitel 6
»Schönen Gruß mit einander,« sagte dabei eine rauhe Stimme, während die Stubenthür halb geöffnet wurde — »darf man hinein kommen?«
»Gott grüß Euch,« sagte die Frau — »kommt nur herein, bei dem Wetter ist's bös draußen sein — es tobt ja, als ob der letzte Tag hereinbrechen sollte.«
Der Fremde hing seinen Hut und Mantel draußen ab und trat mit nochmaligem Gruß in die Stube.
»Gott grüß Euch,« sagte auch Gottlieb — »da, nehmt Euch einen Stuhl und setzt Euch zum Ofen; es ist heut unfreundlich draußen, und man kann ein Bischen Feuer brauchen.«
»Sauwetter verdammtes,« fluchte der Mann, als er der Einladung Folge geleitet und sich die nassen Haare aus der Stirne strich — »ich wollte erst sehen daß ich die Schenke erreichte; hier um die Ecke herum kam der Wind aber so gepfiffen daß er mich bald von den Füßen hob, und es war gerade als ob sie Einem von da oben einen Eimer voll Wasser nach dem andern entgegen gossen. Schönes Wetter für Enten, aber für keine Menschen.«
Es war eine rauhe, kräftige Gestalt, der Mann, mit krausem dicken schwarzen Bart und ein paar tiefliegenden unstäten Augen, in einen groben braunen Tuchrock gekleidet, wie ihn die Fleischer nicht selten auf dem Lande tragen. Die ebenfalls braunen Hosen hatte er dabei heraufgekrempelt, bis fast unter das Knie, mit seinen derben Wasserstiefeln besser durch alle Pfützen und Schlammwege hindurch zu können; die aus ungeborenem Kalbfell gemachte Weste war ihm bis an den[pg 156]Hals hinauf zugeknöpft, und eine lange silberne Kette, an der die in der Westentasche steckende Uhr befindlich war, hing ihm darüber hin.
»Ihr seid wohl weit von hier zu Haus?« frug Gottlieb nach einer längeren Pause, in der er den Mann und dessen Aeußeres flüchtig nur betrachtet hatte — »hab' Euch wenigstens noch nicht hier bei uns gesehen.«
»Zehn Stunden etwa,« sagte der Fremde, seine Pfeife jetzt aus der Brusttasche seines Rockes nehmend und mit Stahl und Schwamm, den er bei sich führte, entzündend — »wie weit ist's noch bis Heilingen.«
»Eine tüchtige Stunde — wenn der Weg jetzt nicht so schrecklich wäre, könnte man's recht bequem in kürzerer Zeit gehn.«
»Hm — ist noch verdammt weit, puh wie das draußen stürmt; und die Pflaumenblüthen pflückt's beim Armvoll herunter — Pflaumenmuß wird theuer werden nächsten Herbst.«
»Das weiß Gott,« sagte Gottlieb — »es wird Alles theuer, immer mehr jedes Jahr, langsam aber Sicher.«
»Bah, es geschieht denen recht die hier bleiben, wenn sie nicht hier bleiben müssen; 's giebt Plätze die besser sind.«
»Wollt Ihr auch auswandern?« sagte Gottlieb rasch.
»Auswandern? — nach Amerika? — hm — ich weiß noch nicht,« brummte der Fremde, sich den Bart streichend — »es wäre aber möglich daß sie Einen noch dazu trieben. Sind das Euere Kinder?«
»Ja. — «
»Habt Ihr noch mehr?«
[pg 157]»Noch einen Jungen von elf und ein halb Jahr.«
»Und Ihr seid ein Weber?« sagte der Fremde mit einem Blick auf den Webstuhl — »auch schwere Zeiten für derlei Arbeit, mit einer Familie durchzukommen.«
»Ja wohl, schwere Zeiten,« seufzte Gottlieb, als in diesem Augenblick die Thür draußen wieder aufging und die Mutter laut ausrief: —
»Der Hans, lieber Himmel kommt der in dem Wetter.«
Es war Hans, der älteste Sohn des Webers, durch und durch naß, aber mit frischem gesunden Gesicht und rothen Backen, auf denen das Regenwasser in großen Perlen stand.
»Guten Tag mit einander,« sagte er, als er in's Zimmer trat und die triefende Mütze vom Kopf riß — »guten Tag Mutter.«
»Guten Tag Hans, aber wo um Gottes Willen kommst Du in dem Regen her; warum hast Du das Wetter nicht bei Lehmann's abgewartet?«
»Es wurde mir zu spät Mutter und ich war hungrig geworden; habe auch noch heute Abend dem Vater etwas zu helfen.«
»Ein derber Junge,« sagte der Fremde, der sich den Knaben indeß mit finsterem Blick betrachtet hatte — »kann wohl schon ordentlich mit arbeiten.«
»Ach ja, er packt tüchtig mit zu,« sagte der Vater — »lieber Gott in jetziger Zeit muß Alles mit Brod verdienen helfen.«
»Die Kinder fressen Einen arm,« sagte der Fremde.
[pg 158]»Habt Ihr Kinder?« frug Gottlieb.
»Ich? — hm, ja,« sagte der Fremde nach einer Pause — »könnte noch Jemandem abgeben davon.«
»Ich möchte keins hergeben,« sagte die Frau rasch, und küßte das Jüngste, das sie eben wieder aufgenommen hatte um es zu füttern, »Kinder sind ein Segen Gottes.«
»Ja — so sprechen die Leute wenigstens,« sagte der Fremde trocken, »aber ich glaube es läßt nach mit Regnen; ich werde die Schenke wohl jetzt erreichen können.«
»Wollt Ihr nicht vielleicht erst eine heiße Tasse Kaffee trinken?« frug die Frau, das Kind auf dem linken Arm, zum Ofen gehend, die dort warmgestellte Kanne wieder vorzuholen.
»Danke, danke,« sagte aber der Fremde abwehrend — »kann das warme Zeug nicht vertragen; ein Glas Branntwein ist mir lieber.«
»Das thut mir leid,« sagte der Mann, »den kann ich Euch nicht anbieten; ich habe keinen im Hause.«
»Thut auch Nichts,« lachte der Fremde; »so lange halt ich's schon noch aus. Sind doch hülflose Dinger so junge Menschen, ehe sie die Kinderschuh ausgetreten haben,« setzte er dann hinzu, als das Jüngste das Mäulchen nach dem schon einmal gereichten Löffel vorstreckte — »was machte nun so ein jung Ding, wenn man es hinsetzte und sich selber überließe.«
»Ach Du lieber Gott,« sagte die Frau bedauernd — »so ein armer Wurm müßte ja elendiglich umkommen.«
»Bis den Nachbarn das Geschrei zu arg würde und sie kämen und es fütterten,« lachte der Andere.
[pg 159]»Dafür haben die Kinder Eltern,« sagte die Frau, das kleine, die Aermchen zu ihr ausstreckende Mädchen liebkosend und küssend, »die sorgen schon dafür daß kein Nachbar danach zu sehen braucht.«
»Wenn die aber einmal plötzlich stürben, wie dann?« frug der Fremde, mit einem Seitenblick auf die Frau, indem er seinen Rock wieder zuknöpfte und sich zum Gehen rüstete.
»Dann ist Gott im Himmel,« sagte Hanne, mit einem frommen vertrauungsvollen Blick nach oben.
»Ja, das ist wahr;« sagte der Fremde mit einem leichtfertigen Lächeln, »der hat allerdings die große Kinderbewahranstalt. Aber es hat wirklich aufgehört mit Gießen,« unterbrach er sich rasch, »den Augenblick will ich doch lieber benutzen. So schön Dank für gegebenes Quartier Ihr Leute, und gut Glück.«
»Bitte, Ihr habt für Nichts zu danken, behüt' Euch Gott,« sagte Gottlieb freundlich.
»Behüt' Euch Gott;« sagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal zunickend, nahm draußen wieder den nassen Mantel um, drückte sich den breiträndigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenstock, der daneben in der Ecke lehnte, auf, und verließ rasch das Haus, die Richtung nach der Schenke einschlagend.
»Mich freut's daß er fort ist,« sagte die Frau, die dem Knaben gerade das Essen auf den Tisch setzte und den Kaffee einschenkte — »bewahr uns Gott, was hatte der Mann für ein finstres Gesicht und ein barsches Wesen; nicht schlafen[pg 160]könnt' ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir wüßte. In dem Gesicht liegt auch nichts Gutes — und wie er fluchte und über die Kinder sprach — ob er nur wirklich selber welche hat.«
»Er sagt's ja,« bestätigte Gottlieb — »aber mir schien's ein Fleischer zu sein, seinem Gewerbe nach, und die sind immer rauh und derb, meinen's aber nicht immer so bös.«
»So bess're ihn Gott,« sagte die Frau mit einem Seufzer, »und je seltener er unseren Weg kreuzt, desto besser.«
[pg 161]Capitel 7.Nach Amerika.»Nach Amerika!« — Leser, erinnerst Du Dich noch der Märchen in »Tausend und eine Nacht«, wo das kleine Wörtchen »Sesam« dem, der es weiß, die Thore zu ungezählten Schätzen öffnet? hast Du von den Zaubersprüchen gehört, die vor alten Zeiten weise Männer gekannt, Geister heraufzurufen aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu machen? — Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkühne Menschenkind das sie gesprochen, bebte zurück vor der furchtbaren Gewalt die es heraufbeschworen.Die Zeiten sind vorüber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das rechte Wort vergessen sie zu rufen — aber ein anderes dafür gefunden, das kaum minder stark[pg 162]miteinemSchlage das Kind aus den Armen der Eltern, den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhältnissen und Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reißt, in dem es bis dahin mit seinen stärksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.»Nach Amerika,« leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft prüfen sollte, seinen Muth stählen — »nach Amerika,« flüstert der Verzweifelte der hier am Rand des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde — »nach Amerika,« sagt still und entschlossen der Arme, der mit männlicher Kraft und doch immer und immer wieder vergebens, gegen die Macht der Verhältnisse angekämpft, der um sein »tägliches Brod« mit blutigem Schweiß gebeten — und es nicht erhalten, der keine Hülfe für sich und die Seinen hier im Vaterlande sieht, und doch nicht bettelnwill, nicht stehlenkann— »nach Amerika« lacht der Verbrecher nach glücklich verübtem Raub, frohlockend der fernen Küste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt vor dem Arm des beleidigten Rechts — »nach Amerika,« jubelt der Idealist, der wirklichen Welt zürnend, weil sie eben wirklich ist, und über den Ocean drüben ein Bild erhoffend, das dem, in seinem eigenen tollen Hirn erzeugten, gleicht — »nach Amerika« und mit dem einen Wort liegt hinter ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes früheres Leben, Wirken, Schaffen — liegen die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknüpft, liegen die Hoffnungen die sie für hier gehegt, die Sorgen die sie gedrückt —»nach Amerika!«[pg 163]So gährt und keimt der Saame um uns her — hier noch als leiser, kaum verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und Kasten. Der Bauer draußen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain der ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer geärgert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit über dem Meer drüben, in dem fetten, herrlichen Land; — der Handwerker in seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt mit Neuerungen und großen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden die ihm bis dahin noch geblieben inseineThür zu locken; der Künstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der über einer freieren Entwickelung brütet, und von einem Lande schwärmt wo Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Hände binden; — der Kaufmann hinter seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Büchern zieht und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, von einem neuen, andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefüllten Waarenhäusern träumt; in Tausenden von ihnen drängt's und treibt's und quält's, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach außen die alte frühere Ruhe wahren, in ihren Herzen glüht und glimmt der Funke schon — ein stiller aber ein gefährlicher Brand. Jeder Bericht über das ferne Land wird gelesen und überdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend für den Kranken. Vorsichtig und ängstlich, und weit herum um ihr Ziel, daß man die Absicht nicht errathen[pg 164]soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding — nach Leuten die vordem »hinüber« gezogen und denen es gut gegangen — nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk — für Andere natürlich, nicht für sich etwa — sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinüber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wünschen daß es dem wohl geht, und häufen mehr und mehr Zunder für sich selber auf.So ringt und drängt und wühlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter densalto mortalegethan, und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war — aus dem, aus jenem Grund — und täglich, stündlich noch hören wir von anderen, von denen wir im Leben nie geglaubt daßsieje an Amerika gedacht, wie sie mit Weib und Kind, mit Hab' und Gut hinüberziehn. Unddort? — noch liegt ein dichter Schleier über ihrem Schicksal dort, doch Gottes Sonne scheint ja überall — Dir aber lieber Leser, greif ich aus dem Leben noch hie und da ein paar Freunde heraus, die wir begleiten wollen auf dem weiten Weg.* * * * *Oben in der Brandstraße — nicht weit vom Brandthor entfernt, und dem Gasthaus zum Löwen schräg gegenüber, wohnte Professor Lobenstein mit seiner Familie, in der ersten Etage eines, zwar sehr alten, aber auch sehr wohnlich eingerichteten Hauses, das ihm eigen gehörte.[pg 165]Der Professor war ein Mann, gerade an der anderen Seite der »besseren Jahre«, etwa einundfünfzig alt, aber rüstig und gesund, nur erst mit einzelnen grauen Haaren zwischen den rabenschwarzen Locken, die ihm über die bleiche, aber hohe und geistvolle Stirn fielen, wie mit fast jugendlichem, elastischem Gang und Wesen. Ein tüchtiger Kopf dabei, hatte erjuraundcameraliastudirt, und einen großen Schatz von Kenntnissen aufgehäuft; auch in manchem, mit schweren mühsamen Nachtwachen erkauften Werk der Welt, der undankbaren Welt das Resultat seiner Studien und Forschungen gebracht und dargelegt. Unzufrieden aber mit dem Erfolg, und der kalten Aufnahme die es gefunden, wandte er sich später wieder von den bis dahin bevorzugten juristischen Wissenschaften ganz ab und allein seinem Lieblingsstudium den Cameralien zu, in denen er besonders der Gewerbskunde seine Thätigkeit widmete, auch mit einem Buchhändler in Heilingen eine Gewerbszeitung gründete und herausgab.Hierin hatte er Unglück; der Buchhändler machte bankerott und er übernahm die Zeitung, mit ziemlich großen Verlusten schon, allein.So vortrefflich aber Professor Lobenstein in der Theorie seiner Wissenschaft bewandert sein mochte, so wenig sattelfest war er es in der Praxis, und seine Zeitung wollte und wollte keinen Boden gewinnen. Mit fabelhaftem Fleiß suchte er dem zu begegnen, umsonst — umsonst auch daß er Capital nach Capital in das, zuletzt nur noch zur Ehrensache gewordene Unternehmen steckte. Sein Haus bekam Hypothek auf Hypo[pg 166]thek und mit einer höchst ungünstigen politischen Periode, in der ihm eine große Anzahl Abonnenten absprang, trafen ihn auch so bedeutende pecuniäre Verluste, daß er sich endlich genöthigt sah sein Blatt vollständig aufzugeben. Es war das das schwerste Opfer, das er bis dahin gebracht.Professor Lobenstein hatte eine ziemlich starke Familie, eine Frau, zwei erwachsene Töchter von siebzehn und zwanzig Jahren, einen Sohn von achtzehn, und zwei kleinere Kinder, einen Knaben von acht und ein Mädchen von sieben Jahren. Wenn auch nicht in Reichthum doch in einem gewissen Wohlstand erzogen, war aber der Familie bis jetzt das schwere Wort »Nahrungssorgen« fremd geblieben; der Professor hatte immer, was man so nennt, ein Haus gemacht, und sich in einem Umgangskreis bewegt, der ihnen schon an und für sich eine gewisse Verpflichtung auferlegte Manches mitzumachen, was seinen, sonst mehr einfachen Neigungen eben nicht Bedürfniß schien. Das Alles sollte, jamußtesich jetzt ändern, denn wenn er auch aus den Trümmern seines Vermögens, nach allen erlittenen Verlusten, einen kleinen Theil zu retten vermochte, genügte der nicht, das bisherige Leben fortzuführen. Die Wahl blieb ihm jetzt allein, von Neuem eine Laufbahn mit geringeren Mitteln anzufangen, und sich und den Seinen schwere und ungewohnte Entbehrungen an einem Orte aufzuerlegen, wo ihn Alles und Jedes an frühere und bessere Zeiten erinnerte oder — es war eine schwere Stunde in der ihm das Bild zum ersten Mal vor die Seele stieg — in einem anderen Welttheil, ungekannt, aber[pg 167]auch nicht bemitleidet oder verspottet, ein vollkommen neuesLebenzu beginnen.Aber die Frauen? — würden sie den Mühseligkeiten einer so langen Reise, einer Ansiedlung drüben in einem noch wilden Lande gewachsen sein? — Daß er selber die Beschwerden eines solchen Lebens leicht ertragen würde, daran zweifelte er keinen Augenblick; er hatte so viel über Amerika gelesen, sich mit den dortigen Verhältnissen aus allen erschienenen Schriften so vertraut gemacht, daß er Alles kannte was ihn dort erwartete, und einem derartigen Wirken eher mit Freude und Lust, als Bangen entgegenging; aber durfte er seine Frau all den sie erwartenden Unbequemlichkeiten und Strapatzen aussetzen? durfte er seine Töchter aus ihrem geselligen glücklichen Leben reißen, und ihnen mit einem Schlage alle jene Vergnügungen entziehen, die ihnen hier schon mehr als Erholung, die ihnen fast Bedürfniß geworden?Einen langen und schweren Kampf kämpfte er mit sich selber, Monate lang, und er wurde alt in der Zeit; die Augen lagen tief in ihren Höhlen und seine Züge bekamen etwas Mattes und Abgespanntes, das sie sonst, in seiner schwersten Arbeitszeit noch nie gehabt. Wenn auch die Kinder dabei sich leicht mit einem vorgeschützten Unwohlsein beruhigen ließen, dem scharfen Blick der Gattin entging die Sorge nicht, die an seinem Herzen heimlich, aber desto gewaltiger nagte, und ihren dringenden, ängstlichen Bitten konnte er zuletzt nicht länger widerstehen. Was sie doch zuletzt hätte erfahrenmüssen, vertraute er ihr an und wenn es die arme Frau[pg 168]auch wie ein Schlag aus heiterem Himmel traf, nahm sie das Ganze doch viel ruhiger auf als er erwartet, gefürchtet, und damit eine schwere Last vonseinemHerzen — auf das ihre. Aber leichter trägt sich die getheilte, und bereden konnten sie jetzt zusammen was zu thun, welchen Weg zu gehen, die Möglichkeit besprechen die sich hier ihrem Leben bot, die Möglichkeit errwägen, die ihnen dort eine andere freiere Zukunft öffnete. Und die Kinder? wohin Mütter und Vater gingen folgten die ja gern; nur die Scene wechselte für sie, anderen, vielleicht selbst bunteren Bildern Raum zu geben, und Kummer und Sorge kannten die ja nicht.An demselben Abend waren die beiden ältesten Töchter zu einem kleinen Fest, dem Geburtstag einer Freundin, eingeladen und hatten schon den ganzen Tag mit rastlosen Fingern an dem bunten blitzenden Ballstaat genäht. Der Vater begleitete sie dorthin, nur die Mutter blieb daheim, Kopfschmerz vorschützend, und die Sorge um das jüngste Kind, das mit einem leichten Unwohlsein in seinem Bettchen lag. Aber gegen zehn Uhr schlummerte es sanft und ruhig auf dem weichen Lager ein, und daneben, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, saß die Mutter und weinte — weinte als ob sie mit dieser Thränenfluth all den Gram und Kummer fortwaschen wollte, der jetzt, ein dunkler Wolkensaum, am Horizonte ihres Glücks erschien, und wild und drohend höher und höher stieg.Lachend und plaudernd kehrten die Töchter, mit dem Vater spät in der Nacht zurück; den leichten, sorglosen Herzen lag die Welt noch, ein weiter Garten offen da,[pg 169]und was etwa an wuchernden Giftpflanzen dazwischen stand, mischte noch sein fastgrünes Laub, dem jungen Auge nicht erkennbar, mit Blum' und Blüthenpracht.Aber der Moment näherte sich auch, wo mit der vorgerückten Jahreszeit all' die nöthigen und mannichfaltigen Vorbereitungen zu einer so langen Reise, zu einer gänzlichen Umgestaltung aller ihrer Verhältnisse, getroffen werdenmußten; auch schien die Zeit eine passende für den Sohn, der, von der Schule gerade abgegangen, eben sein Abiturienten-Examen glücklich bestanden hatte. Der Vater wünschte allerdings daß er hier erst studiren, und ihnen dann später, wenn er etwas Tüchtiges gelernt, vielleicht folgen sollte, dachte ihm aber doch die freie Wahl zu lassen, und seinem Herzen keinen Zwang aufzuerlegen.Am nächsten Morgen nach dem Balle nun — es war spät mit Aufstehn geworden nach der durchschwärmten Nacht und die zweite Tochter Marie eben erst zum Kaffee herübergekommen, während der Sohn das Haus schon, irgend eines notwendigen Ganges wegen verlassen hatte — saß der Vater, ungewohnter Weise nicht in seiner Studirstube an der Arbeit, sondern im Sopha, aus der langen Pfeife den Dampf in weißen Kräußelwolken von sich blasend, und die Mutter am Nähtisch, Kleider ausbessernd für das Jüngste, das in seinem herübergeschafften Bettchen wieder mit klaren Augen seine Puppe schaukelte.»Schon ausgeschlafen, Väterchen?« sagte Marie als sie, etwas beschämt, die Letzte am Kaffeetische Platz genommen,[pg 170]»ich habe wohl recht lange heut geschlafen, aber — was ist Dir denn? — und der Mutter auch?« — rief sie vom Stuhl wieder aufspringend, als sie das ungewohnte ernste Wesen der Eltern gewahrte — »bist Du böse auf mich, Mütterchen?«»Nein mein Kind,« sagte diese und zwang ein Lächeln auf die Lippen, »aber der Vater hat Euch etwas recht Ernstes heute zu sagen, etwas von dem wir noch nicht wissen, ob es Euch betrüben wird oder nicht.«»Der Vater?« rief Marie erschreckt, und auch Anna, die älteste Tochter, sah ängstlich zu ihm auf; Professor Lobenstein aber, so in die Enge und zum Aeußersten getrieben, hustete, paffte den Dampf ein paar Mal scharf vor sich hin, die Pfeife ordentlich in Gluth zu bringen, und sagte:»Ja Kinder, Ihr wißt — wir — wir haben doch in den letzten Tagen viel über Nord-Amerika gesprochen, und auch Manches gelesen — «»Ja, die herrlichen Romane von Cooper,« rief Marie rasch.»Und die schrecklichen Berichte im Tageblatt,« lächelte Anna.»Der Doctor Haide ist ein Esel,« sagte der Professor, den Rauch wieder ein paar Mal rasch ausstoßend — »wenn der hätte in Amerika ordentlich arbeiten wollen, brauchte er sich jetzt nicht von einer Winkeladvocatur und vom Schimpfen auf freisinnige Leute zu ernähren; über dessen Berichte wollen wir uns keine Sorgen machen, aber — « er schwieg wieder einen Augenblick und sah, wie furchtsam, nach der Frau hinüber. Die jedoch arbeitete um so emsiger weiter, und selber mit dem[pg 171]Bedürfniß dem, was ihn schon so lange gedrückt, endlich einmal Worte zu geben, fuhr er rasch fort — »ich habe eine Frage an Euch zu thun, Kinder — Hättet Ihr — hättet Ihr wohl selber Lust hinüber nach — nach Amerika zu gehn?«»Nach Amerika?« rief Anna rasch und auch wohl erschreckt. Marie aber sprang auf, schlug in die Hände und rief jubelnd:»Nach Amerika? oh das wäre ja prächtig — das wäre herrlich — nicht wahr da sind auch Bälle, Väterchen?«Die Mutter seufzte tief auf und der Vater zog wieder, etwas verlegen an der Bernsteinspitze.»Hm — ich weiß nicht,« sagte er langsam mit dem Kopf schüttelnd — »wo wir im Anfang hinwollten, werden wohl keine sein. Hängst Du so an Bällen, Marie?«»Ich tanze gern,« lächelte das junge fröhliche Mädchen etwas verlegen und schüchtern.»Nun tanzen wirst Du dort hoffentlich auch können, mein Kind,« sagte der Vater freundlich — »wenn auch nicht gerade gleich auf solchen Bällen wie wir sie hier gewohnt sind — das Leben ist dort einfacher.«»Oh, und bis zum nächsten Fasching sind wir gewiß auch wieder zurück,« rief Marie.Der Vater schwieg erst eine kleine Weile, und sagte dann leise aber entschlossen.»Wir wollenganzhinüberziehn, mein Kind.«»Auswandern?« rief die ältere Schwester fast erschreckt — das Wort, dessen Bedeutung sie noch gar nicht vollkommen[pg 172]verstand, traf sie mit einem unbekannten ahnenden Gefühl von Schmerz und Leid — »und die Mutter?«»Ihr werdet mich doch nicht wollen allein zurücklassen?« lächelte die Frau, sich gewaltsam zwingend über den Schmerz dieser Stunde.»Mutter!« sagte Anna, warf die Arme um ihren Nacken und küßte sie.»Und Eduard?« frug Marie.»Bleibt, wenn er meinem Rathe folgt, noch hier bis er ausstudirt und etwas ordentliches gelernt hat,« sagte der Vater — »wo nicht, hat er seinen freien Willen und mag uns begleiten; sowie er zu Hause kommt werde ich mit ihm sprechen.«»Aber — « rief Marie — »wer verwaltet unterdessen unser Haus?«»Wenn wir einmal fort sind von hier,« sagte der Professor ausweichend, »kann uns auch das Haus nichts mehr nützen, und ich werde es verkaufen.«»Verkaufen? — unser Haus und den Garten?« riefen Maria und Anna fast wie aus einem Munde erschreckt und rasch —»Unser freundliches Stübchen, wo wir als Kinder gespielt,« setzte Marie traurig hinzu.»Und die Bäume die Vater alle gepflanzt — die Laube, die wir uns selbst gebaut, und die so schön geworden ist in diesem Jahr,« sagte Anna leise — »verlassen wollt' ich es ja gern, wenn wir Alle gehn, aber daß fremde Menschen jetzt darin hausen sollen, die vielleicht gar nicht wissen wie wir das[pg 173]Alles gehegt und gepflegt und — « ihr Blick fiel in diesem Augenblick auf der Mutter, halb von ihr abgewandte bleiche Züge, und faßte das Blitzen einer heimlich fallenden Thräne. Anna erschrak und wurde todtenbleich — hier lag mehr verborgen als man ihnen gesagt, und heimlicher Gram, heimliche Sorge nagte an der Eltern Herzen, durfte sie die vermehren? Sie schwieg einen Augenblick und sah sinnend vor sich nieder, dann aber Mariens Hand ergreifend sagte sie mit leichterem vielleicht gezwungen fröhlicherem Ton:»Aber wir wollen nicht klagen; Vater und Mutter wissen am Besten was sie zu thun haben, und was uns gut ist, und dort baut uns Vater dann ein anderes Haus, und wir selber pflanzen uns ein neues Gärtchen, schöner als das unsere hier.«»Aber ich bliebe hier, wenn ich an Vaters Stelle wäre,« schmollte Marie, »und was wird Herr Kellmann dazu sagen, wenn er es erfährt? der ist so immer gegen Amerika, und hat sich schon oft mit Vater darüber gezankt.«»Ach der macht mir die geringste Sorge,« sagte Anna in ihrem Schmerz lächelnd — »wenn manfürAmerika spricht, schimpft er aus Leibeskräften, und citirt Gott weiß was für Stellen aus Briefen und Zeitungen, alles Günstige zu widerlegen, oder wenigstens stark zu bezweifeln, und kommt Jemand der das Land ordentlich angreift, dann hab' ich auch schon gesehn, daß er den Handschuh wacker dafür aufnimmt, und man wirklich glauben sollte er bekäme so und so viel für den Kopf, Leute zu bereden hinüberzuziehn. Das ist ein wunderlicher Kauz, der die meiste Zeit selber nicht weiß was er will,[pg 174]und ich glaube, wenn es Jemand recht ordentlich bei ihm darauf anlegte, könnte man ihn selber, nur durch Widersprechen, dahin bringen, daß er in eigener Person hinüberginge.«»Herr Kellmann?« lachte Marie — »nundenmöcht' ich in Amerika sehn.«»Und wer weiß, ob Dir das nicht noch passirt,« bestätigte der Vater, mit dem Kopfe nickend.»Und darf ich mein neues seidenes Kleid mitnehmen, Mama?« frug das junge lebenslustige Mädchen jetzt die Mutter — »hier lassen möcht' ich es doch nicht gern, und drüben im Wald — «»Liebes Kind, wir werden auch nicht mitten in den Wald gehn,« sagte die Mutter, die indessen heimlich die verrätherische Thräne aus dem Auge geschüttelt, freundlich dabei der zu ihr getretenen Tochter die Stirn streichend und küssend, »denkt es Euch nicht so schlimm. Der Vater wird uns schon einen Platz aussuchen, wo wir wenigstens unter Menschen und der Cultur nicht ganz verschlossen sind — er hielte es ja dort sonst selber nicht aus.«»Aber warum gehst Du nur, Väterchen?« bat Marie — »es ist doch hier so wunderhübsch in Heilingen, und was wir da drüben haben, wissen wir noch nicht.«Der Professor, zu dem Anna ängstlich aufsah, hatte seinen Sitz verlassen und ging, langsam dabei mit dem Kopf nickend, im Zimmer auf und ab; er fühlte daß er, auch den Töchtern gegenüber, diesen eine Erklärung seines Handelns schuldig sei, denn er riß sie aus einem liebgewonnenen Leben heraus,[pg 175]und führte sie vielen, vielen Entbehrungen — er durfte sich das nicht leugnen — entgegen. Von ihrer späteren Haltung dabei hing auch viel ihrer Aller Glück, ihrer Aller Zufriedenheit ab, und sie waren alt genug ihrem Urtheil zu vertrauen. Aber es kostete ihm der Entschluß einen schweren Kampf, und wo ihm die Frau war auf halbem Weg entgegen gekommen, fürchtete er hier gerade, nicht Widerstand zu finden, denn dafür hatten sie ihn zu lieb, aber Schmerz und Sorge zu wecken in den jungen Herzen, denen er die ungebetenen Gäste gern noch fern gehalten hätte so lang als möglich. Sie standen jedoch an einem wichtigen, bedeutungsvollen Abschnitt ihres Lebens, und mußtensehen, wohin der Weg sie führte.In kurzen, einfachen Worten, frei vom Herzen weg, und zu den Herzen sprechend, weil sie aus dem Herzen kamen, schilderte er ihnen jetzt die veränderte Lage in die er, durch das gezwungene Aufgeben seiner Zeitschrift sowohl, wie durch manche schwere, ihn betroffene Verluste gekommen. Er verheimlichte ihnen nicht länger daß er einen Theil — einen großen Theil seines Vermögens eingebüßt, und das ihm selber liebe Haus nicht verkaufen würde, wenn ihn eben nicht — die Verhältnisse dazuzwängen. Aber noch blieb ihnen genug nach einem fernen Welttheil überzusiedeln und dort, mit bescheideneren Bedürfnissen, von Neuem zu beginnen; Amerika mit seiner ungeheuren Lebenskraft bot ihnen nach allen Seiten hin die Möglichkeit der Existenz, und das gut und zweckmäßig angelegte kleine Capital konnte dort gute Zinsen tragen für spätere Zeit. Hatten sie sich dann etwas verdient, waren die Hoff[pg 176]nungen, mit denen sie hinüber gingen, Wahrheit geworden, und sehnte sich ihr Herz noch nach dem Vaterland, wer hinderte sie dann zurückzukehren zu den theueren Plätzen, die ihnen ewig lieb bleiben würden in der Erinnerung?Dem Professor war es leichter um die Brust geworden, wie er das Eis nur erst gebrochen. Selbst überzeugt von dem was er sprach, wurde er warm, indem er den Gedanken weiter dachte, und seine Phantasie verlor sich zuletzt sogar, Luftschlösser aufbauend, zauberschnell in weiter Ferne. Der Professor ging mit dem Menschen durch, und die leicht gerötheten Wangen belebte ein eigenes, inneres Feuer. Und die Mutter saß dabei, still und schweigend, und ängstlich bemüht, in der wiederaufgenommenen Arbeit die eigene Bewegung zu verbergen. Marie und Anna aber, die des Vaters Hände erfaßt und in den ihren hielten, schmiegten ihre Häupter an seine Schultern und flüsterten; die großen, zu ihm aufgeschlagenen Augen voll von Thränen.»Genug, genug, Väterchen; mal' uns das Alles nicht so prächtig aus — wohin Du und Mutter gehn, gehn auch wir, und wär' es mitten hinein in den wildesten Wald. Kein unzufriedenes Wort sollst Du dabei von uns hören, keine Klage, kein böses Gesicht weiter — keine Thräne — nur die hier sind uns so ganz von selber über die Backen gelaufen, weil wir die Mutter weinen sahen. Mit Lieb und Lust wollen wir das Leben dort beginnen — «»Und Kühe und Hühner schaffen wir uns an!« rief Marie,[pg 177]»und die Kühe melken wir selber und machen Butter und Käse.«»Wie gut,« sagte Anna, daß wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante waren, und dort das Alles zum Spaß gelernt haben; jetzt wird es uns nützen.«»Aber nicht wahr, Mütterchen, nun weinst Du auch nicht mehr,« rief Marie, zur Mutter hinübergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und sie küssend — »drüben wird schon Alles hübsch werden. Und ein paar von den großen Holzschuhen nehm' ich mir mit, wie sie die Bauern tragen, für draußen bei nassem Wetter; hei wie wir da herumpatschen wollen und schaffen und arbeiten; und plätten thun wir auch selbst, dafür nimmst Du kein Mädchen mehr.«Den frohen, leichten Herzen schwammen schon die gewaltigen Umrisse ihrer ganzen fernen, so ungewissen Zukunft, in den einzelnen bunten Kleinigkeiten zusammen, die ihrem Geist, von dem Reiz der Neuheit mit frischem Duft überhaucht, entstiegen. Nur die Lichtpunkte erspähte der, in die Ferne arglos hinausschauende Blick, und die goß er sich lustig zusammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der düstere Hintergrund, den das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die einzelnen Lichter stärker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu können, und der Himmel spannte sich blau und rein über ihren glücklichen Häuptern.
»Nach Amerika!« — Leser, erinnerst Du Dich noch der Märchen in »Tausend und eine Nacht«, wo das kleine Wörtchen »Sesam« dem, der es weiß, die Thore zu ungezählten Schätzen öffnet? hast Du von den Zaubersprüchen gehört, die vor alten Zeiten weise Männer gekannt, Geister heraufzurufen aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu machen? — Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkühne Menschenkind das sie gesprochen, bebte zurück vor der furchtbaren Gewalt die es heraufbeschworen.
Die Zeiten sind vorüber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das rechte Wort vergessen sie zu rufen — aber ein anderes dafür gefunden, das kaum minder stark[pg 162]miteinemSchlage das Kind aus den Armen der Eltern, den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhältnissen und Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reißt, in dem es bis dahin mit seinen stärksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.
»Nach Amerika,« leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft prüfen sollte, seinen Muth stählen — »nach Amerika,« flüstert der Verzweifelte der hier am Rand des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde — »nach Amerika,« sagt still und entschlossen der Arme, der mit männlicher Kraft und doch immer und immer wieder vergebens, gegen die Macht der Verhältnisse angekämpft, der um sein »tägliches Brod« mit blutigem Schweiß gebeten — und es nicht erhalten, der keine Hülfe für sich und die Seinen hier im Vaterlande sieht, und doch nicht bettelnwill, nicht stehlenkann— »nach Amerika« lacht der Verbrecher nach glücklich verübtem Raub, frohlockend der fernen Küste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt vor dem Arm des beleidigten Rechts — »nach Amerika,« jubelt der Idealist, der wirklichen Welt zürnend, weil sie eben wirklich ist, und über den Ocean drüben ein Bild erhoffend, das dem, in seinem eigenen tollen Hirn erzeugten, gleicht — »nach Amerika« und mit dem einen Wort liegt hinter ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes früheres Leben, Wirken, Schaffen — liegen die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknüpft, liegen die Hoffnungen die sie für hier gehegt, die Sorgen die sie gedrückt —»nach Amerika!«
[pg 163]So gährt und keimt der Saame um uns her — hier noch als leiser, kaum verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und Kasten. Der Bauer draußen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain der ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer geärgert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit über dem Meer drüben, in dem fetten, herrlichen Land; — der Handwerker in seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt mit Neuerungen und großen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden die ihm bis dahin noch geblieben inseineThür zu locken; der Künstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der über einer freieren Entwickelung brütet, und von einem Lande schwärmt wo Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Hände binden; — der Kaufmann hinter seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Büchern zieht und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, von einem neuen, andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefüllten Waarenhäusern träumt; in Tausenden von ihnen drängt's und treibt's und quält's, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach außen die alte frühere Ruhe wahren, in ihren Herzen glüht und glimmt der Funke schon — ein stiller aber ein gefährlicher Brand. Jeder Bericht über das ferne Land wird gelesen und überdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend für den Kranken. Vorsichtig und ängstlich, und weit herum um ihr Ziel, daß man die Absicht nicht errathen[pg 164]soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding — nach Leuten die vordem »hinüber« gezogen und denen es gut gegangen — nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk — für Andere natürlich, nicht für sich etwa — sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinüber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wünschen daß es dem wohl geht, und häufen mehr und mehr Zunder für sich selber auf.
So ringt und drängt und wühlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter densalto mortalegethan, und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war — aus dem, aus jenem Grund — und täglich, stündlich noch hören wir von anderen, von denen wir im Leben nie geglaubt daßsieje an Amerika gedacht, wie sie mit Weib und Kind, mit Hab' und Gut hinüberziehn. Unddort? — noch liegt ein dichter Schleier über ihrem Schicksal dort, doch Gottes Sonne scheint ja überall — Dir aber lieber Leser, greif ich aus dem Leben noch hie und da ein paar Freunde heraus, die wir begleiten wollen auf dem weiten Weg.
* * * * *
Oben in der Brandstraße — nicht weit vom Brandthor entfernt, und dem Gasthaus zum Löwen schräg gegenüber, wohnte Professor Lobenstein mit seiner Familie, in der ersten Etage eines, zwar sehr alten, aber auch sehr wohnlich eingerichteten Hauses, das ihm eigen gehörte.
[pg 165]Der Professor war ein Mann, gerade an der anderen Seite der »besseren Jahre«, etwa einundfünfzig alt, aber rüstig und gesund, nur erst mit einzelnen grauen Haaren zwischen den rabenschwarzen Locken, die ihm über die bleiche, aber hohe und geistvolle Stirn fielen, wie mit fast jugendlichem, elastischem Gang und Wesen. Ein tüchtiger Kopf dabei, hatte erjuraundcameraliastudirt, und einen großen Schatz von Kenntnissen aufgehäuft; auch in manchem, mit schweren mühsamen Nachtwachen erkauften Werk der Welt, der undankbaren Welt das Resultat seiner Studien und Forschungen gebracht und dargelegt. Unzufrieden aber mit dem Erfolg, und der kalten Aufnahme die es gefunden, wandte er sich später wieder von den bis dahin bevorzugten juristischen Wissenschaften ganz ab und allein seinem Lieblingsstudium den Cameralien zu, in denen er besonders der Gewerbskunde seine Thätigkeit widmete, auch mit einem Buchhändler in Heilingen eine Gewerbszeitung gründete und herausgab.
Hierin hatte er Unglück; der Buchhändler machte bankerott und er übernahm die Zeitung, mit ziemlich großen Verlusten schon, allein.
So vortrefflich aber Professor Lobenstein in der Theorie seiner Wissenschaft bewandert sein mochte, so wenig sattelfest war er es in der Praxis, und seine Zeitung wollte und wollte keinen Boden gewinnen. Mit fabelhaftem Fleiß suchte er dem zu begegnen, umsonst — umsonst auch daß er Capital nach Capital in das, zuletzt nur noch zur Ehrensache gewordene Unternehmen steckte. Sein Haus bekam Hypothek auf Hypo[pg 166]thek und mit einer höchst ungünstigen politischen Periode, in der ihm eine große Anzahl Abonnenten absprang, trafen ihn auch so bedeutende pecuniäre Verluste, daß er sich endlich genöthigt sah sein Blatt vollständig aufzugeben. Es war das das schwerste Opfer, das er bis dahin gebracht.
Professor Lobenstein hatte eine ziemlich starke Familie, eine Frau, zwei erwachsene Töchter von siebzehn und zwanzig Jahren, einen Sohn von achtzehn, und zwei kleinere Kinder, einen Knaben von acht und ein Mädchen von sieben Jahren. Wenn auch nicht in Reichthum doch in einem gewissen Wohlstand erzogen, war aber der Familie bis jetzt das schwere Wort »Nahrungssorgen« fremd geblieben; der Professor hatte immer, was man so nennt, ein Haus gemacht, und sich in einem Umgangskreis bewegt, der ihnen schon an und für sich eine gewisse Verpflichtung auferlegte Manches mitzumachen, was seinen, sonst mehr einfachen Neigungen eben nicht Bedürfniß schien. Das Alles sollte, jamußtesich jetzt ändern, denn wenn er auch aus den Trümmern seines Vermögens, nach allen erlittenen Verlusten, einen kleinen Theil zu retten vermochte, genügte der nicht, das bisherige Leben fortzuführen. Die Wahl blieb ihm jetzt allein, von Neuem eine Laufbahn mit geringeren Mitteln anzufangen, und sich und den Seinen schwere und ungewohnte Entbehrungen an einem Orte aufzuerlegen, wo ihn Alles und Jedes an frühere und bessere Zeiten erinnerte oder — es war eine schwere Stunde in der ihm das Bild zum ersten Mal vor die Seele stieg — in einem anderen Welttheil, ungekannt, aber[pg 167]auch nicht bemitleidet oder verspottet, ein vollkommen neuesLebenzu beginnen.
Aber die Frauen? — würden sie den Mühseligkeiten einer so langen Reise, einer Ansiedlung drüben in einem noch wilden Lande gewachsen sein? — Daß er selber die Beschwerden eines solchen Lebens leicht ertragen würde, daran zweifelte er keinen Augenblick; er hatte so viel über Amerika gelesen, sich mit den dortigen Verhältnissen aus allen erschienenen Schriften so vertraut gemacht, daß er Alles kannte was ihn dort erwartete, und einem derartigen Wirken eher mit Freude und Lust, als Bangen entgegenging; aber durfte er seine Frau all den sie erwartenden Unbequemlichkeiten und Strapatzen aussetzen? durfte er seine Töchter aus ihrem geselligen glücklichen Leben reißen, und ihnen mit einem Schlage alle jene Vergnügungen entziehen, die ihnen hier schon mehr als Erholung, die ihnen fast Bedürfniß geworden?
Einen langen und schweren Kampf kämpfte er mit sich selber, Monate lang, und er wurde alt in der Zeit; die Augen lagen tief in ihren Höhlen und seine Züge bekamen etwas Mattes und Abgespanntes, das sie sonst, in seiner schwersten Arbeitszeit noch nie gehabt. Wenn auch die Kinder dabei sich leicht mit einem vorgeschützten Unwohlsein beruhigen ließen, dem scharfen Blick der Gattin entging die Sorge nicht, die an seinem Herzen heimlich, aber desto gewaltiger nagte, und ihren dringenden, ängstlichen Bitten konnte er zuletzt nicht länger widerstehen. Was sie doch zuletzt hätte erfahrenmüssen, vertraute er ihr an und wenn es die arme Frau[pg 168]auch wie ein Schlag aus heiterem Himmel traf, nahm sie das Ganze doch viel ruhiger auf als er erwartet, gefürchtet, und damit eine schwere Last vonseinemHerzen — auf das ihre. Aber leichter trägt sich die getheilte, und bereden konnten sie jetzt zusammen was zu thun, welchen Weg zu gehen, die Möglichkeit besprechen die sich hier ihrem Leben bot, die Möglichkeit errwägen, die ihnen dort eine andere freiere Zukunft öffnete. Und die Kinder? wohin Mütter und Vater gingen folgten die ja gern; nur die Scene wechselte für sie, anderen, vielleicht selbst bunteren Bildern Raum zu geben, und Kummer und Sorge kannten die ja nicht.
An demselben Abend waren die beiden ältesten Töchter zu einem kleinen Fest, dem Geburtstag einer Freundin, eingeladen und hatten schon den ganzen Tag mit rastlosen Fingern an dem bunten blitzenden Ballstaat genäht. Der Vater begleitete sie dorthin, nur die Mutter blieb daheim, Kopfschmerz vorschützend, und die Sorge um das jüngste Kind, das mit einem leichten Unwohlsein in seinem Bettchen lag. Aber gegen zehn Uhr schlummerte es sanft und ruhig auf dem weichen Lager ein, und daneben, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, saß die Mutter und weinte — weinte als ob sie mit dieser Thränenfluth all den Gram und Kummer fortwaschen wollte, der jetzt, ein dunkler Wolkensaum, am Horizonte ihres Glücks erschien, und wild und drohend höher und höher stieg.
Lachend und plaudernd kehrten die Töchter, mit dem Vater spät in der Nacht zurück; den leichten, sorglosen Herzen lag die Welt noch, ein weiter Garten offen da,[pg 169]und was etwa an wuchernden Giftpflanzen dazwischen stand, mischte noch sein fastgrünes Laub, dem jungen Auge nicht erkennbar, mit Blum' und Blüthenpracht.
Aber der Moment näherte sich auch, wo mit der vorgerückten Jahreszeit all' die nöthigen und mannichfaltigen Vorbereitungen zu einer so langen Reise, zu einer gänzlichen Umgestaltung aller ihrer Verhältnisse, getroffen werdenmußten; auch schien die Zeit eine passende für den Sohn, der, von der Schule gerade abgegangen, eben sein Abiturienten-Examen glücklich bestanden hatte. Der Vater wünschte allerdings daß er hier erst studiren, und ihnen dann später, wenn er etwas Tüchtiges gelernt, vielleicht folgen sollte, dachte ihm aber doch die freie Wahl zu lassen, und seinem Herzen keinen Zwang aufzuerlegen.
Am nächsten Morgen nach dem Balle nun — es war spät mit Aufstehn geworden nach der durchschwärmten Nacht und die zweite Tochter Marie eben erst zum Kaffee herübergekommen, während der Sohn das Haus schon, irgend eines notwendigen Ganges wegen verlassen hatte — saß der Vater, ungewohnter Weise nicht in seiner Studirstube an der Arbeit, sondern im Sopha, aus der langen Pfeife den Dampf in weißen Kräußelwolken von sich blasend, und die Mutter am Nähtisch, Kleider ausbessernd für das Jüngste, das in seinem herübergeschafften Bettchen wieder mit klaren Augen seine Puppe schaukelte.
»Schon ausgeschlafen, Väterchen?« sagte Marie als sie, etwas beschämt, die Letzte am Kaffeetische Platz genommen,[pg 170]»ich habe wohl recht lange heut geschlafen, aber — was ist Dir denn? — und der Mutter auch?« — rief sie vom Stuhl wieder aufspringend, als sie das ungewohnte ernste Wesen der Eltern gewahrte — »bist Du böse auf mich, Mütterchen?«
»Nein mein Kind,« sagte diese und zwang ein Lächeln auf die Lippen, »aber der Vater hat Euch etwas recht Ernstes heute zu sagen, etwas von dem wir noch nicht wissen, ob es Euch betrüben wird oder nicht.«
»Der Vater?« rief Marie erschreckt, und auch Anna, die älteste Tochter, sah ängstlich zu ihm auf; Professor Lobenstein aber, so in die Enge und zum Aeußersten getrieben, hustete, paffte den Dampf ein paar Mal scharf vor sich hin, die Pfeife ordentlich in Gluth zu bringen, und sagte:
»Ja Kinder, Ihr wißt — wir — wir haben doch in den letzten Tagen viel über Nord-Amerika gesprochen, und auch Manches gelesen — «
»Ja, die herrlichen Romane von Cooper,« rief Marie rasch.
»Und die schrecklichen Berichte im Tageblatt,« lächelte Anna.
»Der Doctor Haide ist ein Esel,« sagte der Professor, den Rauch wieder ein paar Mal rasch ausstoßend — »wenn der hätte in Amerika ordentlich arbeiten wollen, brauchte er sich jetzt nicht von einer Winkeladvocatur und vom Schimpfen auf freisinnige Leute zu ernähren; über dessen Berichte wollen wir uns keine Sorgen machen, aber — « er schwieg wieder einen Augenblick und sah, wie furchtsam, nach der Frau hinüber. Die jedoch arbeitete um so emsiger weiter, und selber mit dem[pg 171]Bedürfniß dem, was ihn schon so lange gedrückt, endlich einmal Worte zu geben, fuhr er rasch fort — »ich habe eine Frage an Euch zu thun, Kinder — Hättet Ihr — hättet Ihr wohl selber Lust hinüber nach — nach Amerika zu gehn?«
»Nach Amerika?« rief Anna rasch und auch wohl erschreckt. Marie aber sprang auf, schlug in die Hände und rief jubelnd:
»Nach Amerika? oh das wäre ja prächtig — das wäre herrlich — nicht wahr da sind auch Bälle, Väterchen?«
Die Mutter seufzte tief auf und der Vater zog wieder, etwas verlegen an der Bernsteinspitze.
»Hm — ich weiß nicht,« sagte er langsam mit dem Kopf schüttelnd — »wo wir im Anfang hinwollten, werden wohl keine sein. Hängst Du so an Bällen, Marie?«
»Ich tanze gern,« lächelte das junge fröhliche Mädchen etwas verlegen und schüchtern.
»Nun tanzen wirst Du dort hoffentlich auch können, mein Kind,« sagte der Vater freundlich — »wenn auch nicht gerade gleich auf solchen Bällen wie wir sie hier gewohnt sind — das Leben ist dort einfacher.«
»Oh, und bis zum nächsten Fasching sind wir gewiß auch wieder zurück,« rief Marie.
Der Vater schwieg erst eine kleine Weile, und sagte dann leise aber entschlossen.
»Wir wollenganzhinüberziehn, mein Kind.«
»Auswandern?« rief die ältere Schwester fast erschreckt — das Wort, dessen Bedeutung sie noch gar nicht vollkommen[pg 172]verstand, traf sie mit einem unbekannten ahnenden Gefühl von Schmerz und Leid — »und die Mutter?«
»Ihr werdet mich doch nicht wollen allein zurücklassen?« lächelte die Frau, sich gewaltsam zwingend über den Schmerz dieser Stunde.
»Mutter!« sagte Anna, warf die Arme um ihren Nacken und küßte sie.
»Und Eduard?« frug Marie.
»Bleibt, wenn er meinem Rathe folgt, noch hier bis er ausstudirt und etwas ordentliches gelernt hat,« sagte der Vater — »wo nicht, hat er seinen freien Willen und mag uns begleiten; sowie er zu Hause kommt werde ich mit ihm sprechen.«
»Aber — « rief Marie — »wer verwaltet unterdessen unser Haus?«
»Wenn wir einmal fort sind von hier,« sagte der Professor ausweichend, »kann uns auch das Haus nichts mehr nützen, und ich werde es verkaufen.«
»Verkaufen? — unser Haus und den Garten?« riefen Maria und Anna fast wie aus einem Munde erschreckt und rasch —
»Unser freundliches Stübchen, wo wir als Kinder gespielt,« setzte Marie traurig hinzu.
»Und die Bäume die Vater alle gepflanzt — die Laube, die wir uns selbst gebaut, und die so schön geworden ist in diesem Jahr,« sagte Anna leise — »verlassen wollt' ich es ja gern, wenn wir Alle gehn, aber daß fremde Menschen jetzt darin hausen sollen, die vielleicht gar nicht wissen wie wir das[pg 173]Alles gehegt und gepflegt und — « ihr Blick fiel in diesem Augenblick auf der Mutter, halb von ihr abgewandte bleiche Züge, und faßte das Blitzen einer heimlich fallenden Thräne. Anna erschrak und wurde todtenbleich — hier lag mehr verborgen als man ihnen gesagt, und heimlicher Gram, heimliche Sorge nagte an der Eltern Herzen, durfte sie die vermehren? Sie schwieg einen Augenblick und sah sinnend vor sich nieder, dann aber Mariens Hand ergreifend sagte sie mit leichterem vielleicht gezwungen fröhlicherem Ton:
»Aber wir wollen nicht klagen; Vater und Mutter wissen am Besten was sie zu thun haben, und was uns gut ist, und dort baut uns Vater dann ein anderes Haus, und wir selber pflanzen uns ein neues Gärtchen, schöner als das unsere hier.«
»Aber ich bliebe hier, wenn ich an Vaters Stelle wäre,« schmollte Marie, »und was wird Herr Kellmann dazu sagen, wenn er es erfährt? der ist so immer gegen Amerika, und hat sich schon oft mit Vater darüber gezankt.«
»Ach der macht mir die geringste Sorge,« sagte Anna in ihrem Schmerz lächelnd — »wenn manfürAmerika spricht, schimpft er aus Leibeskräften, und citirt Gott weiß was für Stellen aus Briefen und Zeitungen, alles Günstige zu widerlegen, oder wenigstens stark zu bezweifeln, und kommt Jemand der das Land ordentlich angreift, dann hab' ich auch schon gesehn, daß er den Handschuh wacker dafür aufnimmt, und man wirklich glauben sollte er bekäme so und so viel für den Kopf, Leute zu bereden hinüberzuziehn. Das ist ein wunderlicher Kauz, der die meiste Zeit selber nicht weiß was er will,[pg 174]und ich glaube, wenn es Jemand recht ordentlich bei ihm darauf anlegte, könnte man ihn selber, nur durch Widersprechen, dahin bringen, daß er in eigener Person hinüberginge.«
»Herr Kellmann?« lachte Marie — »nundenmöcht' ich in Amerika sehn.«
»Und wer weiß, ob Dir das nicht noch passirt,« bestätigte der Vater, mit dem Kopfe nickend.
»Und darf ich mein neues seidenes Kleid mitnehmen, Mama?« frug das junge lebenslustige Mädchen jetzt die Mutter — »hier lassen möcht' ich es doch nicht gern, und drüben im Wald — «
»Liebes Kind, wir werden auch nicht mitten in den Wald gehn,« sagte die Mutter, die indessen heimlich die verrätherische Thräne aus dem Auge geschüttelt, freundlich dabei der zu ihr getretenen Tochter die Stirn streichend und küssend, »denkt es Euch nicht so schlimm. Der Vater wird uns schon einen Platz aussuchen, wo wir wenigstens unter Menschen und der Cultur nicht ganz verschlossen sind — er hielte es ja dort sonst selber nicht aus.«
»Aber warum gehst Du nur, Väterchen?« bat Marie — »es ist doch hier so wunderhübsch in Heilingen, und was wir da drüben haben, wissen wir noch nicht.«
Der Professor, zu dem Anna ängstlich aufsah, hatte seinen Sitz verlassen und ging, langsam dabei mit dem Kopf nickend, im Zimmer auf und ab; er fühlte daß er, auch den Töchtern gegenüber, diesen eine Erklärung seines Handelns schuldig sei, denn er riß sie aus einem liebgewonnenen Leben heraus,[pg 175]und führte sie vielen, vielen Entbehrungen — er durfte sich das nicht leugnen — entgegen. Von ihrer späteren Haltung dabei hing auch viel ihrer Aller Glück, ihrer Aller Zufriedenheit ab, und sie waren alt genug ihrem Urtheil zu vertrauen. Aber es kostete ihm der Entschluß einen schweren Kampf, und wo ihm die Frau war auf halbem Weg entgegen gekommen, fürchtete er hier gerade, nicht Widerstand zu finden, denn dafür hatten sie ihn zu lieb, aber Schmerz und Sorge zu wecken in den jungen Herzen, denen er die ungebetenen Gäste gern noch fern gehalten hätte so lang als möglich. Sie standen jedoch an einem wichtigen, bedeutungsvollen Abschnitt ihres Lebens, und mußtensehen, wohin der Weg sie führte.
In kurzen, einfachen Worten, frei vom Herzen weg, und zu den Herzen sprechend, weil sie aus dem Herzen kamen, schilderte er ihnen jetzt die veränderte Lage in die er, durch das gezwungene Aufgeben seiner Zeitschrift sowohl, wie durch manche schwere, ihn betroffene Verluste gekommen. Er verheimlichte ihnen nicht länger daß er einen Theil — einen großen Theil seines Vermögens eingebüßt, und das ihm selber liebe Haus nicht verkaufen würde, wenn ihn eben nicht — die Verhältnisse dazuzwängen. Aber noch blieb ihnen genug nach einem fernen Welttheil überzusiedeln und dort, mit bescheideneren Bedürfnissen, von Neuem zu beginnen; Amerika mit seiner ungeheuren Lebenskraft bot ihnen nach allen Seiten hin die Möglichkeit der Existenz, und das gut und zweckmäßig angelegte kleine Capital konnte dort gute Zinsen tragen für spätere Zeit. Hatten sie sich dann etwas verdient, waren die Hoff[pg 176]nungen, mit denen sie hinüber gingen, Wahrheit geworden, und sehnte sich ihr Herz noch nach dem Vaterland, wer hinderte sie dann zurückzukehren zu den theueren Plätzen, die ihnen ewig lieb bleiben würden in der Erinnerung?
Dem Professor war es leichter um die Brust geworden, wie er das Eis nur erst gebrochen. Selbst überzeugt von dem was er sprach, wurde er warm, indem er den Gedanken weiter dachte, und seine Phantasie verlor sich zuletzt sogar, Luftschlösser aufbauend, zauberschnell in weiter Ferne. Der Professor ging mit dem Menschen durch, und die leicht gerötheten Wangen belebte ein eigenes, inneres Feuer. Und die Mutter saß dabei, still und schweigend, und ängstlich bemüht, in der wiederaufgenommenen Arbeit die eigene Bewegung zu verbergen. Marie und Anna aber, die des Vaters Hände erfaßt und in den ihren hielten, schmiegten ihre Häupter an seine Schultern und flüsterten; die großen, zu ihm aufgeschlagenen Augen voll von Thränen.
»Genug, genug, Väterchen; mal' uns das Alles nicht so prächtig aus — wohin Du und Mutter gehn, gehn auch wir, und wär' es mitten hinein in den wildesten Wald. Kein unzufriedenes Wort sollst Du dabei von uns hören, keine Klage, kein böses Gesicht weiter — keine Thräne — nur die hier sind uns so ganz von selber über die Backen gelaufen, weil wir die Mutter weinen sahen. Mit Lieb und Lust wollen wir das Leben dort beginnen — «
»Und Kühe und Hühner schaffen wir uns an!« rief Marie,[pg 177]»und die Kühe melken wir selber und machen Butter und Käse.«
»Wie gut,« sagte Anna, daß wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante waren, und dort das Alles zum Spaß gelernt haben; jetzt wird es uns nützen.«
»Aber nicht wahr, Mütterchen, nun weinst Du auch nicht mehr,« rief Marie, zur Mutter hinübergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und sie küssend — »drüben wird schon Alles hübsch werden. Und ein paar von den großen Holzschuhen nehm' ich mir mit, wie sie die Bauern tragen, für draußen bei nassem Wetter; hei wie wir da herumpatschen wollen und schaffen und arbeiten; und plätten thun wir auch selbst, dafür nimmst Du kein Mädchen mehr.«
Den frohen, leichten Herzen schwammen schon die gewaltigen Umrisse ihrer ganzen fernen, so ungewissen Zukunft, in den einzelnen bunten Kleinigkeiten zusammen, die ihrem Geist, von dem Reiz der Neuheit mit frischem Duft überhaucht, entstiegen. Nur die Lichtpunkte erspähte der, in die Ferne arglos hinausschauende Blick, und die goß er sich lustig zusammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der düstere Hintergrund, den das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die einzelnen Lichter stärker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu können, und der Himmel spannte sich blau und rein über ihren glücklichen Häuptern.