[pg 212]Capitel 9.Rüstungen.»Nach New-Orleans!«»Das ausgezeichnet schöne, 360 Last große, schnellsegelnde, kupferfeste und gekupferte dreimastige Bremer Schiff erster Klasse:Die Haidschnucke, CapitainE. Siebelt, mit vorzüglicher Gelegenheit für Cajüts- und Zwischendecks-Passagiere — wird am 30. August expedirt.Agent dafür, I. G. Weigel,Hauptagent des Central-Bureau's für Norddeutsche Auswanderung in Heilingen, am Markt Nr. 17.«Diese Anzeige stand am Morgen nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfällen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur desselben, hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt wollen vorübergehen lassen, einige entsetzliche Mordgeschichten und falsche Bankerotte aus den Vereinigten Staaten,[pg 213]wie zur Entmuthigung aller Auswanderungslustigen, in der nämlichen Nummer seines Blattes abzudrucken.Weigel war wüthend darüber, und schrieb augenblicklich einen anderen Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er ganz naiv erklärte, »sich dadurch selber blamiren würde.« Uebrigens sei die Sache auch schon erledigt, indem die Schiffsanzeigefür, sein Artikel abergegenAmerika und die Auswanderung wäre, und er es sich zum Grundsatz gemacht hätte, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu beleuchten — wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einrücken lassen, sei er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er möge ihn deshalb, wenn er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen.Die Abfahrt dieses Schiffes war aber für Heilingen in so fern von nicht unbedeutender Wichtigkeit, als sich mehre Familien dieser Stadt ernstlich dahin entschlossen hatten, mit demselben nach Amerika auszuwandern. So unter Anderen Professor Lobenstein, der sein Haus jetzt verkauft, und der Stadt überhaupt durch seine beabsichtigte Auswanderung höchst willkommenen Stoff zu den mannichfaltigsten Vermuthungen und Erörterungen geliefert hatte. Ja mehrere Kaffeegesellschaften der näheren Bekannten Lobenstein's waren wirklich nur einzig und allein zu dem Zweck gegeben worden, sich einmal ordentlich über die Sache »aussprechen« zu können.Auch in dem Dollinger'schen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende Veränderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika erhielt, nach denen seine An[pg 214]wesenheit dort, dringend nothwendig geworden. Zwei Wechsel trafen zugleich für ihn ein, wie ziemlich starke Aufträge zu Ankäufen in Tuchen und Seidenwaaren von seinem Haus, welches Geschäft er mit Herrn Dollinger in Gemeinschaft auszuführen gedachte.Der alte Herr Dollinger, so schwer es ihm auch wurde, und so lange er sich dagegen gesträubt, mußte da wohl endlich seine Einwilligung zu der Verbindung Clara's mit dem jungen Amerikanischen Kaufmann, über dessen Familie und Geschäft in New-Orleans er von einem dortigen Geschäftsfreund das Beste erfahren hatte, geben. Nur wunderte man sich dort, daß der junge Henkel in Nord-Deutschland sei, während man ihn auf einer größern Tour durch Italien und Griechenland vermuthet. Die Leute dort konnten nicht wissen daß der junge Mann auf dem Rhein andere Pläne für seine Zukunft geschaffen, als er sie früher vielleicht ausgesonnen.Am letzten Sonntag war also, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und Clara, das liebe holde Mädchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners — wie man ihn überall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun freilich noch, in der kurzen Zeit all die nöthigen und so mannichfachen Vorbereitungen zu einer Reise nach Amerika für die junge Frau zu treffen. Es sollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reise werden, denn Henkel hatte sich schon selber fest erklärt, seinen künftigen Wohnsitz keineswegs in Amerika, sondern in Havre nehmen zu wollen, wo überdies, der bedeutenden Geschäftsverbindung wegen mit diesem Hafen, ein Associé[pg 215]des Hauses sich aufhalten mußte. Ein oder zwei Monate gedachten die jungen Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen, was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung sehr erleichterte, und spätestens im März oder April schon wieder nach Europa zurückkehren zu können. Die ganze Reise war dadurch wirklich fast nur zu einer etwas längeren Vergnügungsfahrt geworden.Auch für Clara's Mutter war das Bewußtsein, ihr Kind nicht für immer zu verlieren und bald wieder in die Arme schließen zu können, eine unendliche Beruhigung, und selbst hierzu hatte es ihr einen großen Kampf gekostet, ihre Einwilligung zu geben. Clara selbst aber hing mit ganzem Herzen an dem theuren Mann, und fühlte sich vollkommen glücklich in einer Verbindung, die seit sie den Fremden kennen und lieben gelernt, ihr das Ziel ihrer irdischen Wünsche geschienen.Was war ihr die Reise, was die Gefahr und Mühseligkeit derselben? sie wäre ihm in eine Wildniß gefolgt, und hätte sich doch glücklich an seiner Seite gefühlt.Der junge Henkel wünschte nun die Ueberfahrt in einem Englischen Dampfer nach New-York, und von da mit einem Amerikanischen Dampfschiff nach New-Orleans zu bewerkstelligen, Clara fürchtete sich aber an Bord eines Dampfers zu gehn, theils der doppelten Gefahr, theils der unangenehmen Bewegung derselben in schwerem Wetter wegen, von der sie viel gehört, und da es sich jetzt gerade so traf daß eine ihr befreundete Familie, Professor Lobenstein's, ebenfalls nach New-Orleans, und in einem Segelschiff von Bremen ab auswan[pg 216]derte, bat sie mit diesen reisen zu dürfen. Henkel selber schien nicht recht damit einverstanden, fügte sich aber doch endlich den Bitten seiner jungen Frau.Wenn aber bei Dollinger's im Haus wenig mehr als Wäsche und Kleider herzurichten waren, nur zu einer Reise nicht zu einer Uebersiedlung nach Amerika, und man diese schon großenteils gepackt und vorausgeschickt hatte, die letzten Stunden in der Heimath durch kein Aussuchen und Packen gestört zu haben, so schien dagegen bei Professor Lobenstein das ganze Haus von innen nach außen gekehrt zu sein.Der Professor nämlich hatte auf keinerlei Weise bewogen werden können mit seinen Sachen eine Auction anzustellen, und nur das Nothwendigste mitzunehmen, da Fracht und Spesen unterwegs ein wirkliches Capital auffressen würden, für das er sich Alles was er dort brauchte auch an Ort und Stelle neu anschaffen könnte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus verschiedenen Schriften die statistisch aufgestellten Arbeitslöhne der verschiedenen Handwerker, wie die Preise der Provisionen, und bewieß ihnen auf das Klarste und Unumstößlichste was jedes einzelne Stück Meublen und Hausgeräth in notwendiger Folgerung in Amerika kosten müsse. Eben so hatte er sich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberschlag der verschiedenen Frachtpreise nach New-Orleans, und von da in's Innere gemacht, bis er endlich zu dem obigen Resultat gekommen, und nun auch augenblicklich eine Anzahl Tischler in Arbeit setzte, lauter neue Kisten für seine Sachen anzufertigen.[pg 217]Eine große Anzahl von diesen war nun schon, gepackt und mit eisernen Reifen beschlagen, als Fracht vorausgeschickt, eine andere Sendung sollte heute abgehn, und die letzten dann in den nächsten Tagen befördert werden, noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Kellmann selbst, dem Hause eng befreundet, hatte dahin mehrere Aufträge übernommen, und kam heute Morgen, Bericht über die Ausführung derselben abzustatten.Er selber war natürlich mit der ganzen Uebersiedlung gar nicht einverstanden, hatte aber doch, als er alle Gründe des Professors dafür gehört, weit weniger dagegen gesagt, als die Familie im Anfang vermuthet und auch wohl gefürchtet haben mochte. Der Professor sei eben ein Professor, meinte er nur, und wo der einmal seinen Kopf aufgesetzt habe, ließ sich auch Nichts mehr abstreiten oder gar dagegen beweisen, man müsse ihn eben sich selber überlassen, und — es thue ihm nur um die Familie leid. Nichtsdestoweniger gab er sich jede erdenkliche Mühe ihnen, wo er es nur irgend vermochte, beizustehn, wobei er den Professor doch von manchem unüberlegten oder unpraktischen Schritt zurückhielt. So kämpfte er, und zwar glücklicher Weise mit Erfolg, gegen die unglückselige Idee des Professors an, sich hier, trotz Allem was er darüber schon gelesen, von dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drüben nicht »in Gefahr kommen« von Amerikanischen und betrügerischen Landspeculanten hintergangen zu werden, und seine Berechnung sämmtlicher Kosten gleich[pg 218]hier an Ort und Stelle machen können, was ihm nicht möglich sei, wenn er die Contracte nicht in der Tasche habe.Kellmann, auf dessen praktisches und gesundes Urtheil er sonst überhaupt viel gab, machte ihn mit seinen ernstlichen Vorstellungen aber doch stutzig, und noch eine authentische Person über die dortigen Verhältnis zu hören, wandte er sich zuletzt an den jungen Henkel, und bat diesen um Meinung und Rath über die, ihm allerdings sehr am Herzen liegende Sache. Dieser rieth ihm aber ebenfalls auf das Entschiedenste ab, sein Geld hier an eine solche Speculation wegzuwerfen, denn dieser Weigel scheine ihm, was er bis jetzt von ihm gesehn, eine keineswegs volles Vertrauen verdienende Persönlichkeit. Er solle warten bis sie drüben wären, dort habe er Zeit genug (Kellmann hatte ihm dasselbe gesagt), und finde er in New-Orleans oder Missouri nichts Besseres, so sei er selber vielleicht im Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er einmal auf einem Jagdzug in's innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet hätte.»Und der Preis?«»Er würde zufrieden sein.« Damit war die Sache für jetzt abgemacht; freilich zu Weigels Verdruß, der die Farm, wie er sich ausdrückte, nun noch »zur Verfügung« behielt.Es mochte etwa Morgens um elf sein, als Kellmann Professor Lobensteins besuchte. Das Haus war am vorigen Tag öffentlich verauctionirt und von einem reichen Weinhändler in Heilingen erstanden worden, die Familie aber jetzt in angestrengter Arbeit eifrig bemüht das unangenehme Gefühl[pg 219]nicht allein zu verscheuchen, sondern auch eines vor dem anderen zu verbergen, »zumerstenMale in dereigenenHeimathfremdzu sein;« zum ersten Mal fremd in den Räumen, die ihrer Kindheit Spiele gesehn, und Zeuge gewesen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Träume.Der erste schwere Schritt zu einem neuen Leben und Wirken war aber damit geschehn; freilich auch zu gleicher Zeit die Brücke abgebrochen, die noch zurück hätte führen können in das Vaterland. Das Band war damit zerrissen, das sie noch an dieses knüpfte, und wunderbarer Weise hatte sich jetzt, wie sie sich gestern noch fast Alle gefürchtet vor dem Gedanken die lieben theueren Räume zu verlassen, ein fremdes unheimliches Gefühl zwischen sie und das Haus geworfen, und sieersehntenden Augenblick wo sie hinaus konnten, fort, nur fort von hier — aus den Erinnerungen fort. Und doch sprachen sie das nicht aus gegen einander; Jedes hielt sich nur allein für so thöricht und kindisch, mit den quälenden Gedanken; keines wußte daß das Gefühl in ihrer Aller inneres Leben verwoben sei, und in des Herzens feinsten Fasern Wurzel schlug.Die Stimmung Aller, so sehr sie sich auch hüteten dem was sie dachten Worte zu geben, war denn auch an dem ganzen Morgen schon eine stille, gedrückte gewesen, und Kellmann's Erscheinen befreite Alle wie von einer Last. Unten auf der Treppe wurde der aber schon laut.»Na, ist das ein Vergnügen zu so einer Auswanderungsfamilie in's Haus zu kommen,« rief er, als er sich mit zusammengehaltenen Schößen zwischen einer Reihe Kistendeckel hin[pg 220]durchdrückte, die, mit den Nägeln nach außen, an der Wand lehnten, und dabei noch über eine Unzahl Körbe und Schachteln wegsteigen mußte, nur in die Stube zu kommen.»Nehmen Sie sich in Acht, lieber Kellmann,« rief ihm der Professor, der seine Stimme gehört hatte, aus der halbgeöffneten Thüre entgegen (er konnte diese nicht ganz aufmachen da ebenfalls eine Kiste dahinter stand). »Sie möchten sich da draußen die Kleider zerreißen.«»Ist schon bereits geschehen,« brummte Kellmann, indem er versuchte einen Blick nach seinem, allerdings beschädigten Rücktheil zu gewinnen, »meine Güte, wie sieht das bei Ihnen aus — ah guten Morgen meine Damen — und schon so fleißig? — was um Gottes Willen nähen Sie denn da? — Getraidesäcke für die nächste Erndte?«»Fehlgeschossen Herr Kellmann,« rief ihm aber Marie, die sich gern mit dem freundlichen Mann neckte, entgegen — »Jacken sind das für uns, in den Busch, zwischen den Dornen und Schlingpflanzen, die uns sonst das leichte Zeug von den Schultern rissen. Warten Sie einen Augenblick, da können Sie uns gleich Ihre Meinung sagen; die meinige ist gerade fertig, und ich will sie eben anprobiren. Lassen Sie nur, ich werde schon allein fertig, dort drüben müssen wir überdies Alles allein machen — So — nun, wie gefalle ich Ihnen darin?«»Gar nicht,« sagte Kellmann mürrisch, »ich sähe Sie weit lieber in einem leichten Ballkleid und mit Ihrem gewöhnlichen heiteren Gesicht, als in der Sackleinwand und — hm — das verdammte Amerika. Geht denn Eduard jetzt noch mit,[pg 221]oder bleibt er da? wo steckt er denn wieder? — der ist immer fort wenn ich komme.«»Der geht mit, lieber Kellmann,« rief der Professor, »er konnte sich nicht dazu entschließen, seine Eltern und Geschwister allein in die Welt ziehn zu lassen, wo er ihnen vielleicht, zum ersten Mal in seinem Leben, nützlich sein würde, und ist jetzt noch in der Geschwindigkeit zu einem Tischler gegangen, die paar Wochen wenigstens zu benutzen, und doch eine Idee von dem Handwerk zu gewinnen; wer weiß was wir da Alles zu thun bekommen.«»Wird auch was recht's davon in den paar Tagen profitiren,« brummte Kellmann — »bei wem ist er denn, bei Leupold?«»Leupold?« rief der Professor, »der geht ja mit unserem Schiff nach New-Orleans.«»Der Tischlermeister Leupold wandert auch aus?« rief Kellmann laut und verwundert.»Hat sein Häuschen und seine Werkstätte verkauft, und ist jetzt wahrscheinlich schon unterwegs nach Bremen,« betätigte ihm der Professor.»Na nu ist mir's aber doch über den Spaß,« rief Kellmann — »da läuft ja halb Heilingen fort; jetzt freut mich mein Leben; nächstens werden wir uns unsere Schränke und Schuhe und Röcke selber machen können wenn wir 'was haben wollen; ich darf nur gleich den meinigen zum Schneider schicken daß er ihn mir noch ausbessert, ehe er auch durchbrennt. S'ist wirklich zum Verzweifeln.«[pg 222]»Lieber Gott,« sagte der Professor — »die Leute verlangen nur Ellbogenraum sich zu rühren; sie wollen einen Platz haben, der ihren Bedürfnissen Befriedigung verspricht.«»Da haben Sie gleich den faulen Fleck,« rief Kellmann, »Bedürfnisse befriedigen, wenn die Leute lebten wie ihre Voreltern gelebt haben, und nicht mit jedem Jahre auch neue Bedürfnisse kennen lernten und befriedigt haben wollten, so hätten wir alle Platz, und das verwünschte Amerika könnte sehen wo es Hände und Fäuste bekäm zuzupacken und ihm den Boden zu bestellen. Aber ich will mich nicht länger ärgern — laßt sie laufen, nachher wird's hier erst recht gemüthlich — apropos — Ihren Freund Weigel haben sie gestern Abend im rothen Drachen hinausgeworfen — er wollte Dienstleute, ich glaube einen Schäfer, verlocken nach seinem gerühmten Amerika auszuwandern.«»MeinenFreund?« sagte der Professor achselzuckend, »ich habe mit Herrn Weigel nie in einer solchen Beziehung gestanden, aber ich achte ihn als einen Mann der ein gutes Herz mit einer tüchtigen Portion gesundem Menschenverstand verbindet, und besonders schätzenswerthe statistische Kenntnisse Amerika's besitzt.«»Bah!« sagte Kellmann, den Kopf auf die Seite werfend, und mit den Fingern schnalzend, »so viel für seine statistischen Kenntnisse;unverschämtist er, das halt' ich für seine Hauptforce, und er wirft Ihnen da mit der größten Kaltblütigkeit eine Masse Zahlen in den Bart, denen man nicht gleich widersprechen kann, weil sich der Gegenbeweis eben nicht führen[pg 223]läßt. Wenn das Alles wahr ist was er über Amerika sagt, wäreerder größte Esel wenn er nicht selber hinüberginge.«»Seine Verhältnisse gestatten es ihm nicht, wie er mich oft versichert hat,« vertheidigte ihn aber der Professor.»Ja, das kennen wir schon,« sagte Kellmann, »und wenn mich irgend etwas glauben machen könnte daßerwirklich Amerika kennt, so wäre es der Umstand daß er selber nicht hinübergeht.«»Im rothen Drachen war ja wohl gestern ein kleines Fest?« frug die Frau Professorin dazwischen, die das unerquickliche Gespräch abzubrechen wünschte.»Ja, für die Dienstleute von Hohleck,« sagte Kellmann, »und Schollfeld und ich waren ebenfalls hinausgegangen um den Spaß mit anzusehn.«»Und ihr Freund, der lange Actuar war nicht dabei?« lachte Marie.»Er kam später nach,« sagte Kellmann — »der arme Teufel ist jetzt auch immer verdrießlich und niederschlagen.«»Er hat sein Kind verloren,« sagte Anna mitleidig.»Ja, und zu Hause fühlt er sich auch wohl nicht so recht wohl und behaglich.«»Wir haben davon gehört,« sagte die Professorin — »seine Frau soll eigenwillig und heftig sein, und ihm oft gar unangenehme Scenen bereiten.«»Seine Frau ist — « fuhr Kellmann auf, aber er unterbrach sich selber wieder, und trommelte eine Weile mit den Fingern auf dem vor ihm stehenden Tisch.[pg 224]»Was ist Ihnen denn nur heute, Herr Kellmann?« sagte aber Marie, jetzt zu ihm tretend und seinen Arm berührend — »Sie schneiden ja heut Morgen ein so bitterböses Gesicht, wie ich noch fast in meinem Leben nicht an Ihnen gesehn. Ist Ihnen irgend etwas Aergerliches begegnet? — oder — Sie sind doch nicht böse mit uns?«»Böse mit Ihnen? lieber Gott Mariechen,« sagte Kellmann herzlich ihre Hand ergreifend — »ich müßte böse mit Ihnen sein daß Sie fortgehn und mich hier allein zurücklassen; sonst wüßt' ich wahrhaftig nicht weshalb.«»So kommen Sie mit,« lachte Marie, indem sie neckisch zu ihm aufsah.Kellmann seufzte tief auf, sagte dann aber kopfschüttelnd, und mit der Hand über seine Stirn streichend, als ob er sich daraus all' die trüben Gedanken verscheuchen wollte —»Nach Amerika? — ja, weiter fehlte mir gar Nichts; aber heute sind es wirklich andere Sachen die mir im Kopf herumgehn.«»Ist etwas vorgefallen, und können wir Ihnen helfen, lieber Herr Kellmann?« sagte Anna freundlich.»Ach Gott nein,« sagte der kleine Mann seufzend — »es ist ein Stück von dem allgemeinen Elend, das über den ganzen Erdball hinspielt, und das uns gewöhnlich mit einem unheimlichen Gefühl, auch nicht außer dem Bereich desselben zu liegen, durchschauert, wenn wir ihm einmal auf unserem Lebenspfad begegnen. Sie sahen mich als ich vor dritthalb Stunden etwa drüben aus dem Löwen kam?«[pg 225]»Ja, Sie grüßten ja herauf,« sagte die Professorin —»Nun gut; ich war dort, einem armen Mädchen nachzufragen, das wir gestern Abend spät auf der Straße trafen, und das ich dorthin schickte Nachtquartier zu suchen« — Und nun erzählte ihnen Kellmann mit kurzen Worten das gestrige Zusammentreffen mit des unglücklichen Loßenwerder Schwester, und ebenfalls daß sich schon jetzt herauszustellen scheine, wie der arme Teufel von Loßenwerder unschuldig in Verdacht gerathen sei. Nur in reiner Verzweiflung mochte er sich den Tod gegeben haben, als man ihm das letzte, einzige das er auf der Welt hatte — seinen ehrlichen Namen — nehmen wollte — oder eigentlich schon von Gerichts wegen genommen hatte. Unsere wackeren Polizeigesetze halten ja nun einmal jeden Menschen für einen Spitzbuben, bis er nicht durch Atteste genügend dargethan hat daß — »gegen ihn noch nichts Gravirendes bekannt geworden.«»Und was geschieht jetzt mit dem armen, armen Mädchen?« frugen fast gleichzeitig Marie und Anna — »lieber Gott, hier in der fremden Stadt, allein, ohne Mittel, ohne Freunde, wie entsetzlich müßte es da sein, wenn sie vielleicht aus rohem Munde zuerst die furchtbare Nachricht vernähme.«»Gestern Abend,« sagte Herr Kellmann etwas verlegen, »kam uns das Ganze wirklich so schnell und überraschend, daß wir nicht die geringste Zeit zum Ueberlegen behielten; wir — wir gaben ihr nur ein paar Groschen und schickten sie in den Löwen, hier gegenüber, um da zu übernachten, damit sie nicht in der Stadt nach ihrem Bruder früge, und die entsetzliche[pg 226]Geschichte gleich in der ersten Viertelstunde erführe; heute Morgen wollte ich dann selber herkommen und sehn was sich thun ließ — «»Und jetzt? — weiß sie was geschehen ist? frug die Professorin mitleidig die Hände faltend — Herr Kellmann zuckte mit den Achseln und sagte:»Sie ist fort — «»Fort? — wohin?« riefen die Frauen.»Kein Mensch konnte mir darüber Auskunft geben, gestern Abend war sie richtig dort angekommen, und ihres dürftigen Aussehns wegen in die Gesindestube gewiesen, und dort muß sie unglückseliger Weise ihren Namen genannt, vielleicht nach ihrem Bruder gefragt und das Schrecklichste gleich erfahren haben, denn sie war, selbst ihr Bündel im Stich lassend, hinausgelaufen in Nacht und Nebel und — und nicht wieder zurückgekehrt.«»Du lieber Gott,« sagte Anna, »wenn sie sich nur kein Leides gethan.«»Ich bin gleich zu Ledermann und dann auf die Polizei gegangen, diese aufmerksam zu machen,« sagte Kellmann etwas kleinlaut, »werde auch selber noch mein möglichstes thun das arme Ding wieder aufzufinden, aber — ich weiß wahrhaftig nicht wo man die eigentlich suchen soll, denn sie kennt ja keinen einzigen Menschen in der Stadt.«»Und in ihres Bruders früherem Logis? — «»Hat sie Niemand gesehn — ich war dort.«[pg 227]»Waren Sie auch schon — auf dem Kirchhof?« frug ihn Marie jetzt leise und schüchtern.«»Wahrhaftig, daran hatte ich gar nicht gedacht,« sagte Kellmann rasch seinen Stuhl zurückschiebend, »die Möglichkeit ist da, und ich will keinen Augenblick mehr versäumen — vielleicht ist es jetzt noch nicht zu spät.«»Und Sie sagen uns Antwort?«»Sowie ich etwas Bestimmtes über sie weiß — aber — aber was dann mit ihr anfangen? — hier in der Stadtkannsie nicht bleiben,« sagte Kellmann, die Thürklinke schon in der Hand, »und überhaupt scheint mir ihr schwächlicher Körper zu grober Handarbeit gar nicht geeignet.«»Vielleicht bietet sich da für die Schwester in demselben Haus ein Ausweg,« rief Anna plötzlich, »das für den Bruder ja so viel gut zu machen, wenn er wirklich unschuldig gelitten. Gestern Nachmittag noch klagte mir Clara ihr Leid, daß ihre Kammerjungfer, mit der sie sehr zufrieden ist, und die ihr bis dahin fest versprochen mitzugehn, plötzlich anderes Sinnes geworden wäre, und sich jetzt weigerte Heilingen zu verlassen. Clara ist so seelensgut, sie würde gewiß Alles thun was nur in ihren Kräften steht, das arme Kind den herben Verlust vergessen zu machen.»Aber wird sich das Mädchen selber dazu eignen?« sagte Kellmann.»Weshalb nicht,« rief aber auch jetzt Marie — »bringen Sie die Arme nur hierher, sobald Sie sie finden, und nehmen sie Henkel's nicht mit, findet Papa gewiß einen Ausweg.«[pg 228]»Ja, Papa einen Ausweg,« sagte aber der Professor — »ich kannNiemandenmehr mitnehmen Kinder, so viel solltet Ihr eigentlich jetzt schon wissen, denn wir sind Leute genug.«»Ach wenn sie überhaupt gehen will,« rief Kellmann, »die Passage bringen wir hier schon zusammen, und wenn sich Fräulein Anna bei Frau Henkel für sie verwenden will, wär' es ein Glück für das arme Mädchen, den hiesigen für sie so trüben Verhältnissen so rasch wieder entrissen zu werden. Doch jetzt leben Sie wohl — ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und hoffe Ihnen bald günstige Nachrichten bringen zu können.«* * * * *Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieberanfall bekommen, und sich am anderen Morgen auf seinem Bureau entschuldigen lassen. Erst um zehn Uhr etwa fühlte er sich etwas besser, und beschloß ein wenig an die frische Luft zu gehn, in dem sonnigen Morgen draußen die trüben quälenden Gedanken zu verscheuchen.Er ging auf den Kirchhof, das Grab seines kleinen Lieblings zu besuchen, und nahm einen Monatsrosenstock mit hinaus, ihn darauf zu pflanzen.Der Weg der zu dem Grab, zwischen den andern Hügeln hin, führte, lief eine kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelassen und von Unkraut überwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut fast versteckter flacher Hügel war[pg 229]dort aufgeworfen, über dem kein Kreuz den Namen des Hingeschiedenen kündete, keine Blume ein sorgendes Herz verrieth, das dem Entschlafenen die stille Thräne nachgeweint. Und dort? — in das hohe, feuchte Gras geschmiegt, lag eine schlanke Mädchengestalt, Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen aufgelösten Locken ruhten.»Lieber Gott,« sagte der Actuar, mit dem Blumenstock im Arm neben ihr stehen bleibend, leise vor sich hin — »es ist doch noch viel, viel Elend in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um's Herz ist, sollte man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgesichter vor, sondern geben sich wie sie sind, und wenn es auch eben kein Trost sein sollte andere Menschen unglücklich zu sehn, ist es doch jedenfalls einer, zu wissen daß man es nicht allein ist.« Und sich langsam abwendend schritt er dem Grabe seines Kindes zu, setzte den Blumentopf auf den kleinen Hügel, und sich selber dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines anderen Menschen deckte.Dort blieb er lange, das Gesicht mit den Händen bedeckt, und regungslos in seiner Stellung verharrend, seinen schmerzlichen Gedanken überlassen, bis die Sonne höher und höher stieg, und ein stechender Kopfschmerz ihn mahnte den, den heißen Strahlen vollkommen ausgesetzten Platz zu verlassen, wenn er sich nicht noch kränker machen wollte als er schon war. Er stand auf, und sah sich nach dem Todtengräber um, diesen zu bitten den Blumenstock für ihn einzusetzen, und fand ihn auch,[pg 230]nicht weit von dort entfernt, mit einem neuen Grabe beschäftigt. Langsam seinen Spaten schulternd ging er mit ihm zu dem verlangten Platz, und dort sein Handwerksgeräth neben sich in den Boden stoßend und sich den Schweiß von derglühendenStirne trocknend, sagte er freundlich:»Warmer Tag heute, Herr Actuar — sehn Sie einmal was für ein schönesStöckchen; das müssen wir aber ordentlich angießen, sonst vertrocknet es gleich in der lockeren Erde — werde Ihnen das schon besorgen.«»Bitte sein Sie so gut,« sagte Ledermann, und der Mann nahm den Stock auf, drehte ihn um und schlug mit der flachen Hand unter den Topf, diesen locker und los zu bekommen.»Kennen Sie das junge Mädchen was da auf dem Grabe an der Mauer liegt?« frug der Actuar jetzt, als sein Blick wieder zufällig dort hinüber streifte — »dort drüben meine ich.«»Ja ich weiß schon,« sagte der Mann, ohne den Kopf zu wenden und mit seiner Arbeit beschäftigt — »nein — sie saß vor dem Kirchhofsgitter schon heut' Morgen wie ichöffnete, um drei Uhrfrüh, und muß die ganze Nacht da zugebracht haben. Wie ich das Thor aufmachte frug sie mich nur nach dem Grabe eines armen Teufels, den wir hier vor kurzer Zeit zu Ruh gebracht, und ist seit der Zeit nicht von dort weggegangen. Das kommt manchmal vor.«»Und wer liegt da begraben?« frug Ledermann schnell, dem ein plötzlicher Gedanke an das Mädchen von gestern Abend aufstieg.Capitel 9»Dort an der Mauer?« sagte derTodtengräber, »ih Sie[pg 231]wissen ja, der kleine bucklige Bursche, der von der Brücke gesprungen war, und sich den Kopf aufgeschlagen hatte.«Dem Actuar fuhr es mit einem eisigen Stich durchs Herz, aber er erwiederte Nichts, gab dem Mann eine Kleinigkeit für seine Dienstleistung, und ging dann langsam, als ihn dieser wieder verlassen und seine frühere Arbeit aufgenommen hatte, zu Loßenwerder's Grab, wo die Trauernde noch still und regungslos in ihrem Jammer lag. Nur das krampfhafte Zittern des Körpers verrieth das darin wohnende Leben.»Liebes Kind,« sagte Ledermann leise — das Mädchen bewegte sich nicht — »mein liebes Kind,« sagte er lauter, und berührte ihre Schulter mit seinem Finger. Langsam hob sie das bleiche, Thränen überströmte Gesicht zu ihm empor, und als sie den fremden Mann neben sich sah, richtete sie sich verwirrt, beschämt aus ihrer Stellung auf.»Aber wie können Sie sich hier so Stunden lang in das feuchte Gras werfen,« sagte der Actuar mit freundlichem Vorwurf — »Siemüssenja krank werden — nicht wahr, Sie kennen mich nicht mehr?«Das Mädchen sah ihn groß und verwundert an, und schüttelte dann langsam mit dem Kopf.»Ich sprach gestern Abend mit Ihnen, draußen vor dem Thor, wo die Musik in dem Hause war,« sagte Ledermann — »hatten Sie gar keine Ahnung von dem Schicksal des Bruders?«»Keine,« sagte die Arme leise, das Köpfchen wieder senkend.[pg 232]»Und wo erfuhren Sie seinen Tod?«Das Mädchen schauderte zusammen als sie des Augenblicks gedachte, und sagte endlich, wie mit angstgepreßter Stimme:»Gestern Abend in dem Haus — die Leute in der Gesindestube frugen mich wo ich herkäme und um meinen Namen, und dann —»Und dann?« frug der Actuar mitleidig, als das Mädchen schwieg und ihr Antlitz wieder zitternd in den Händen barg —»Dann sagten sie« — setzte das Mädchen, am ganzen Körper bebend hinzu — »daß Einer der so hieß — und sie spotteten dabei über sein Gebrechen — daß Einer — hier — « sie vermochte nicht auszureden und warf sich, rücksichtslos um den neben ihr stehenden Fremden, und in krampfhafter Verzweiflung, wieder auf das Grab nieder, das sie laut schluchzend mit ihren Armen umschlang, und den Bruder rief, sie zu sich zu nehmen in sein stilles, kühles Bett.Nur mit Mühe, und herzlichen tröstenden Worten die er zu ihr sprach, brachte sie Ledermann, als sich ihr Schmerz in etwas ausgetobt, endlich dahin sich etwas zu fassen und zu beruhigen, und ihm mehr über ihr Schicksal und sich selber zu sagen. Sie hieß Hedwig, war funfzehn Jahr alt und hatte bis zu ihrem elften Jahr bei einer entfernten armen Verwandten zugebracht, nach deren Tode sie, ein Kind noch, bei fremden Leuten in Dienst gehen mußte. Ihre Elteren schienen in besseren Verhältnissen gelebt zu haben, waren aber früh ge[pg 233]storben, und die Waisen sich selber überlassen gewesen. Ihr um zehn Jahr älterer Bruder Franz hatte sie dabei noch immer dann und wann von dem Wenigen was er selber verdiente, unterstützt, auch ihr vor einigen Monaten — und das mußte etwa grade vor seinem Tode gewesen sein, geschrieben, daß er recht sparsam lebe, und bald so viel zusammen zu haben hoffe mit ihr, der Schwester, nach Amerika auszuwandern, dort vielleicht ein kleines Geschäft oder irgend etwas Anderes anzufangen, ehrlich durch die Welt zu kommen. Hedwigs Aussage nach mußte er ihr auch die genaue Summe geschrieben haben, die er besaß, und als sie der Actuar dringend bat ihm den Brief zu verschaffen, wenn es irgend möglich sei, da der vielleicht vollständig des Bruders Unschuld beweisen konnte, zog sie aus ihrer Brust das zusammengefaltete und dort bis jetzt sorgfältig bewahrte Papier. Es war das letzte was sie von ihm bekommen, und als Monat nach Monat verstrich und keine neue Nachricht kam, wurde sie zuletzt unruhig und schrieb nach Heilingen. Aber auch hierauf erhielt sie keine Antwort und nicht mehr im Stande die Ungewißheit zu ertragen, verließ sie ihren Dienst und machte sich, mit wenigen Groschen in der Tasche auf, den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen. Und ihr Empfang? großer Gott mit Spott und Hohn wurde ihr Bruder — das einzige noch auf der Welt ihr gehörende Wesen, das sie mehr als sich selber liebte — eines furchtbaren Verbrechens beschuldigt, in Folge dessen er sich selber das Leben genommen, und schlimmer, gewaltiger noch als die Nachricht seines Todes, erschütterte das reine,[pg 234]vertrauensvolle Herz des armen Kindes der ersteZweifelan den Hingeschiedenen, der doch heimlich und quälend in ihr aufsteigen wollte, wie sie sich auch dagegen sträubte; und dochwußtesie daß er keiner schlechten Handlung fähig gewesen sei.Während dieser Erzählung flossen ihre Thränen stärker; wenn aber der Schmerz auch nur mehr aufgerüttelt wurde durch das Wiederdurchleben vergangener Scenen, fand sie doch auch einen Trost in dem Aussprechen über ihren Verlust. Der Actuar überlas indeß flüchtig den Brief, und den Datum mit dem verübten Raub vergleichend sah er, ob Loßenwerder nun schuldig oder unschuldig sei, daß jenes, bei ihm gefundene Geld sein Eigenthum gewesen sein müsse, schon vor dem Tag, und nicht mehr als Beweis gegen ihn gelten konnte.So traf sie Kellmann, der von Lobensteins direct auf den Gottesacker gegangen war, das arme Mädchen aufzusuchen. Mit wenigen Worten sagte ihm der Actuar was er von ihr erfahren, und der gutmüthige kleine Kürschner setzte sich neben sie auf das Grab des Bruders, nahm ihre Hand in die seine, und diese streichelnd sprach er ihr Muth und Hoffnung in das arme gequälte Herz. Sie sollte nicht mehr allein stehn auf der Welt; er wollte Freunde für sie finden, die sich ihrer annähmen, und sie Beide, Ledermann und er, wollten nicht ruhen noch rasten bis ihres Bruders Name wieder ehrlich gemacht sei vor der ganzen Stadt; lieber Gott, sie konnten ja nichts mehr für den Armen thun.Hedwig weinte, während er sprach; aber die Thränen lösten ihren Schmerz — die freundlichen Worte; oh die ersten[pg 235]wieder seit so langer, langer Zeit die sie gehört, thaten ihr wohl und bannten die Verzweiflung aus ihrem Herzen, der sie ja sonst wohl rettungslos verfallen wäre. Wieviel Segen hat schon ein herzliches Wort gebracht, dem Unglücklichen gespendet — wie viele Thränen getrocknet, wie manches Weh, wenn es nicht heilen konnte, doch gelindert.Kellmann erbot sich dann auch, sie zu seiner Mutter zu führen, wo sie wenigstens bleiben konnte bis sich etwas Weiteres entschieden. Von Amerika sagte er ihr noch Nichts, die nächsten Tage mochten sie erst mit dem Gedanken vertrauter machen, wenn sie hörte wie viel Leute die auch ihren Bruder gekannt und liebe Freunde von ihm selber seien, gerade jetzt nach dort hinübergingen.Hedwig zögerte noch schüchtern das gütige Erbieten anzunehmen, aber die Worte klangen so herzlich, so gut gemeint, sie stand so hülflos, so allein in der weiten Welt, der fremde Mann erschien ihr wie ein Engel des Himmels in ihrem Schmerz, und unter Thränen nahm sie seine Hand und dankte ihm, und sagte daß sie ihm folgen würde, wohin er sie führe.[pg 236]Capitel 10.Die beiden Familien.Der Leser muß mir noch, ehe wir unsere weitere Wanderung zusammen antreten, zu zwei Stellen folgen, in Lage und Art freilich gar sehr verschieden. Den Characteren, die wir dort finden, begegnen wir später wieder, theils auf der Reise, theils in ihrem neugewählten Vaterland.An der Hannöverschen Grenze lag ein kleines Dorf, Waldenhayn mit Namen, und fast versteckt zwischen mächtigen Linden und Fruchtbäumen, die es von allen Seiten dicht umgaben.Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ortschaft überschauenden Hügel stand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das sein Dach über gute und glückliche Menschen gespannt hatte, Jahrzehnte lang — und heute? — Guter Gott welche Veränderung in dem Haus — der Vater, Pastor Donner, still und ernst in seinem Sorgen[pg 237]stuhl, und, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, ordentlich eingehüllt in eine dichte Tabakswolke, die Mutter mit verweinten Augen, und doch immer geschäftig herüber- und hinübergehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu besorgen die sie immer wieder vergaß, ehe sie nur das andere Zimmer betreten.Der älteste Sohn Georg ging zu Schiff — ging nach Amerika über das weite, wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort für den unruhigen Geist das Glück zu suchen, das er hier nicht fand, und »wann würden sie ihn — ja würden sie ihn je wieder sehen?« Oh es ist ein großer Schmerz für ein Elternherz ein Kind in der Blüthe der Jahre zu verlieren — wie viel Sorge, wie viel schlaflose Nächte hat es gemacht, bis es wuchs und gedieh; welche Hoffnungen knüpften sich an das junge Wesen, und blühten und reisten mit ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch unsicheren Fuß vor Stoß und Fall zu schützen, wie ängstlich jedem bösen Eindruck gewehrt, der Herz oder Geist hätte vergiften können. Und nun das Alles preiszugeben der Welt, ihren Verführungen, ihren Gefahren für Geist und Körper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu sehn auf die stürmischen Wogen des Lebens — sich selbst überlassen, und der eigenen, vielleicht doch noch zu schwachen Kraft. Wie viele heimliche Thränen werden da geweint, wie trüb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter — Krankheit wird es erfassen und halten, und keine liebende Hand in der Nähe sein, es zu pflegen[pg 238]und ihm den Schweiß von der heißen, glühenden Stirn zu trocknen, die Verführung ihre falschen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und keine treu warnende Stimme ihm zur Seite stehn — Noth und Mangel vielleicht in bitterem Weh auf ihm lasten, und Niemand da sein, der ihm Hülfe bringt, und den Unglücklichen tröstet und unterstützt — Mutter und Vater sind fern, fern von dem Geliebten, seine Klage dringt nicht herüber zu ihnen — ihr Trost und Hülfswort nicht zurück zu ihm.Und ein solcher Abschied dann — der Tod pocht nicht viel härter an des Glückes Thor, und das Bewußtsein den Geschiedenen still und geschützt in kühler Erde zu wissen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, ist oft noch weniger bitter als dieserfreiwilligeTod — der Fortgang über's Meer, in eine fremde, ungekannte Welt — vielleicht so ohne Wiederkehr wie jener, und ohne jedes beruhigende Gefühl der Sicherheit. Der Scheidende ist da noch immer besser, weit besser daran als die Zurückbleibenden; ihm liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde draußen, jede Meile Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen Schmerz zu haften. Er hat auch zu sorgen, für sich und sein Gepäck, seine ganze Zukunft ist ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben — ein ungewohnt Geschäft bis jetzt — und fremde Landschaft, fremde Scenen wechseln so rasch an ihm vorüber, daß jedes Bild einen Theil des alten Schmerzes fortführt mit sich. Selbst der Gedanke an die Verlassenen hat nicht das Herbe, Bittere für ihn, als es für[pg 239]diese hat, wenn sie sein gedenken, und sich mit Vermuthungen quälen müssen wie es jetzt ihm geht, was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt.Er weißin welchem Kreis die Seinen sich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen, häuslichen Beschäftigungen, ihr gleichmäßiges Wirken und Schaffen, und sein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt seinen festen Anhaltspunkt an sie sich unverkümmert fort, bis das Bild, von anderen dicht umdrängt in weiter immer weiterer Ferne langsam erbleicht, und nur noch auf dem Hintergrund des Herzens wie schlummernd liegt, in seinen Träumen ihn zu segnen, oder dereinst, wenn die Welt ihn kalt und rauh von sich stößt, und er allein und freundlos sich da fühlt, wieder aufzuglühen in aller Frische und Wärme, ein Trost und Hoffnungsziel, dem armen, einsamen Wanderer.Georg war ein junger lebenskräftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit dunkelbraunen, vollen, ihm frei und ungescheitelt über die offene sonngebräunte Stirn fallenden Locken, schwarzen klaren Augen und freien, gutmüthigen Zügen, die selbst eine breite dunkle Narbe über den rechten Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entstellen konnte. Er hatte Medicin studirt, und sich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiß verdient, aber die Aussichten für einen jungen Arzt waren trüb und unversprechend in seiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er schon so viel gelesen und gehört, zog ihn mächtig an. Sein Vater konnte und wollte dieses Streben nicht bei ihm unterdrücken; auch er erkannte die Banden, die hier einen kräftigen Geist so leicht in Fesseln legen, und ehrte den Wunsch[pg 240]und Drang der jungen, nach Thaten dürstenden Brust, einen Schauplatz zu finden für ihr Sehnen und Wirken, wenn er sich auch wohl selber dann wieder mit einem schweren Seufzer gestehen mußte, wie manche Hoffnung der Sohn zertrümmert, wie manche Erwartung er getäuscht sehn würde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer aufsteigenden Sonne, von warmem Lichte übergossen winkte. Und wie würde sich sein Herz dann bewähren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden, Flaggen- und Blumengeschmückten Wällen seiner eigenen Luftschlösser aufschaute, wenn es an deren Trümmern stand? oh daß er dann hätte an seiner Seite stehen und ihn leiten dürfen den dunklen, schmalen Pfad zum wahren Glück — retten ihn dann vor sich selbst und seinem bittern Weh.Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb sich selbst den Augenblick vergiften, wo sich der Himmel noch blau und rein über seiner Zukunft spannte. Georg selbst sah auch Nichts von solchen trüben Bildern, die das Herz des Vaters oft mit banger Trauer füllten; ihm war das Thor jetzt weit und frei geöffnet, das hinaus in's Leben führte und an dessen Schwelle er stand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag schwer auf seiner Seele.Am schwersten freilich trug gerade diese Stunde, weil ganz und ungetheilt, das Mutterherz. Nicht dachtesiein diesem Augenblick an die Hoffnungen die dem Sohne in der Welt draußen blühen, an die Gefahren die ihm drohen könnten; sie sah und fühlte Nichts, als die Trennung von demKind, den Abschied von dem Heißgeliebten, und wie im Traum hatte sie[pg 241]schon den ganzen Tag ihren gewöhnlichen Beschäftigungen obgelegen, wie im Traum noch einmal seine Lieblingsgerichte bereitet für den Abend, den letzten Abend, den er im Vaterhause zubringen würde.Lieber Gott, die Speisen kamen Abends auf den Tisch und wurden gegessen, aber Keiner von allen, die jüngsten Geschwister ausgenommen, schmeckten was sie aßen; man sprach dabei über das an dem Nachmittag fortgesandte Gepäck, über das Wetter, über die Uhr die zehn Minuten vorging — Georg trug Grüße auf an alle seine Bekannte, die sich noch seiner erinnerten. Er hatte an dem Tag noch selber ein paar Briefe schreiben wollen, war aber nicht dazu gekommen — Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; so wollte er einen Absenker von dem Rosenstock mitnehmen der vor der Mutter Fenster blühte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber während dem Essen stand die Schwester — unvermißt — vom Tische auf, ging hinaus, grub einen Absenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem sich die Thränen in die Augen zwangen — er mochte kämpfen dagegen wie er wollte als er die Gabe sah. Die Mutter stand vom Tisch auf und ging hinaus — nicht ein Wort wurde gesprochen so lange sie fort war. Die Speisen verschwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die Mutter kam zurück und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man konnte den langsamen Gang der Uhr hören, an der Wand.Da endlich füllte der Vater sein Glas bis zum Rand,[pg 242]hob es mit der Linken und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des Sohnes, zum Trost vielleicht der Mutter sprechen wollen, aber die Worte schwollen ihm im Mund — er brachte eine volle Minute keine Sylbe über die Lippen, und sich gewaltsam fassend und zusammennehmend sagte er endlich.»Auf ein frohes Wiedersehn Georg!«Georg preßte des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den Geschwistern zu — und die Mutter hob ihr Glas und stieß mit dem Sohne an, aber mehr vermochte das Mutterherz nicht — zu lange hatte sie jetzt gewaltsam gegen ihr eigenes Gefühl an- und den Schmerz niedergekämpft, den Anderen zu Liebe; länger war sie es nicht im Stande, und das Glas mit zitternder Hand niedersetzend, daß der Wein über und auf das Tischtuch floß, stand sie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und schluchzte laut.»Mutter, liebe — liebe Mutter — «»Mein Kind — mein Kind,« jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an Heftigkeit, wie der mächtig aber still dahinwälzende Strom schäumend hinausdonnert in's Freie, wo er sich erst einmal Bahn gebrochen aus seinem Bett — »mein liebes — liebes Kind.«»Aber Mutter,« bat der Pastor, »fasse Dich; es ist ja doch nur vielleicht auf kurze Zeit, bis sich der Junge draußen die Hörner abgelaufen, und ihm die Heimath anders aussieht wie jetzt; dann kommt er wieder.«»Liebe — liebe Mutter,« flüsterte Georg, sie innig an sich[pg 243]schließend, und auch ihm erstickten unaufhaltsam fließende Thränen die Stimme.Die Geschwister weinten auch, und der Vater war aufgestanden und ein paar Mal mit raschen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich aber nur seine eigene Fassung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne stehn, und sie langsam trennend sagte er mit sanfter, bittender Stimme:»Kommt Kinder, kommt — macht Euch selber nicht das Herz zum Brechen schwer; das ist unrecht. Ueberdies quält Ihr Euch zweimal, und habt morgen früh noch dasselbe Leid. Es ist eine lange Trennung, aber keine Trennung für's Leben — wir sind Alle noch rüstig und gesund, und werden uns, will es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme schließen können.«»Aber Du schreibst bald, Georg,« flüsterte die Mutter sich mit aller Kraft zusammennehmend — »Du läßt uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du versprichst mir das?«»Gewiß Mutter, gewiß — so oft ich kann — aber ängstigt Euch nur auch nicht, wenn einmal ein Brief länger ausbleibt als gewöhnlich; der Weg ist weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn.«»So, und jetzt zu Bett Kinder,« mahnte der Vater — »es ist spät geworden, sehr spät, und Du mußt früh wieder heraus Georg, die Post nicht zu versäumen; sind Deine Koffer hinübergeschafft?«»Es ist Alles drüben,« sagte die Mutter, sich aus den[pg 244]Armen des Sohnes windend und ihre Thränen trocknend, »nur sein Ueberrock ist noch hier, den er anzieht, und die kleine Tasche in die er morgen früh sein Nacht- und Waschzeug steckt — doch das besorg' ich schon selber und werd' es nicht vergessen. Ich bin früh auf, Georg, Du mußt ja doch auch noch Deinen Kaffee haben bevor Du gehst.«»Gute Nacht Mutter!« rief Georg, umschlang sie noch einmal und küßte ihr Lippen, Augen und Stirn, »gute Nacht meine gute, gute Mutter — gute Nacht!«»Gute Nacht mein Georg, mein Kind,« sagte die arme Frau unter Thränen — »schlaf nur jetzt recht aus — zum letzten Mal unter unserem Dach — für die nächste Zeit wenigstens,« setzte sie rasch hinzu — »denn mit Gottes Beistand hoff' ich soll es nicht das letzte Mal gewesen sein — und — und meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehst — wo Du weilst — was Du thust — — er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!«Georg beugte sich unwillkürlich dem ernsten heiligen Wort — seine ganze Gestalt zitterte dabei, und die Mutter mußte sich endlich mit freundlicher Gewalt aus seinen Armen winden; dann aber floh sie auch hastigen Schrittes aus dem Zimmer, sich in dem eigenen Kämmerlein recht, recht herzlich auszuweinen.Die Geschwister sagten dem Bruder jetzt gute Nacht — die älteste Schwester Louise hing lange an seinem Hals, aber riß sich los, den Schmerz der Eltern nicht zu vermehren. Die Jüngeren küßten ihn auf die Wangen und sagten. »Gute[pg 245]Nacht Georg — weck' uns nicht zu spät morgen früh, daß wir Dir auch noch können glückliche Reise wünschen.«Georg küßte sie herzlich und bat sie brav und gut zu sein, und Vater und Mutter Freude — viel Freude zu machen, denn er selber ginge nun fort, und die Eltern würden deshalb recht traurig sein.»Gute Nacht Georg,« sagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen waren, und Alle, außer ihm, das Zimmer verlassen hatten, »habe keine Angst daß Du die Post morgen verschläfst, ich wache schon auf zur rechten Zeit — gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht selber wieder an, und mach' mir das Herz nicht schwer vor der Zeit — aber Georg, um Gottes Willen was ist Dir? — sei ein Mann — Nun ja — so lange die Frauen da waren hat es mir auch das Herz fast abgedrückt — man darf es sie ja nicht so merken lassen, sonst zerfließen sie ganz — «»Mein lieber — lieber Vater,« schluchzte Georg an seinem Halse.«»Mein guter, guter Sohn!« flüsterte der Pastor, des Kindes Stirne küssend, und jetzt selber im Innersten ergriffen und bewegt — »bleibe brav — bleibe so brav wie Du bist — ich kann Dir nichts Besseres wünschen — trage Gott im Herzen und Dich selbst, und — Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir folgt auf allen Deinen Wegen.«»Mein Vater!«»So mein Sohn — jetzt gute Nacht und bete zu Deinem[pg 246]Schöpfer daß er uns morgen in der schweren Abschiedsstunde stärkt — gute Nacht mein Georg — gute Nacht.«Leise machte er sich los aus des Sohnes Arm, küßte ihn noch einmal, und verließ dann rasch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf dem Stuhle sitzen wo ihn der Vater verlassen, das Gesicht in seinen Händen bergend.»Gute Nacht,« flüsterte er endlich leise und kaum hörbar, als Alles schon im Hause still war, und zu Ruhe gegangen — »gute Nacht Ihr Lieben und Gott schütze Euch und mich; aber nicht möglich wäre es mir, die furchtbare Trennungsstunde noch einmal durchzuleben, nicht möcht' ich Dir Vater, Dir Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es ist vorbei — Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath selber liegt, ein schöner Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an's Werk« setzte er fest und entschlossen hinzu, »und ob das Herz darüber brechen will, »durch« ist mein Wahlspruch jetzt, durch Nacht zum Licht —durch.«Und mit den, fest zwischen den zusammengebissenen Zähnen gemurmelten Worten stand er auf, und sein Schlafzimmer öffnend warf er den Rock ab, und badete Gesicht und Nacken in kühlem Wasser. Dann, als er die Glut die ihn durchtobte, in etwas gelöscht, packte er den kleinen Nachtsack mit den, sorglich für ihn auf dem Waschtisch ausgebreiteten Gegenständen, zog sich wieder an, knöpfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht war kalt, und nach der gehabten Aufregung fröstelten ihn die Glieder, und im Zimmer umherschauend fiel sein Blick auf den, unter dem Spiegel stehenden, für ihn ein[pg 247]geschlagenen Rosenstock. Rasch barg er ihn in der weiten Tasche seines Ueberrocks, öffnete dann das Fenster, das in den Garten hinaus und von da über den Kirchhof führte, der Landstraße zu, und schwang sich auf das Fensterbret.»Ade!« flüsterte er, »ade Du trautes, liebes Haus, ade — Gott halte seine Hand über Dir, und schütze die lieben Menschen — ade, ade.« Und von dem Bret hinunterspringend in den Garten, durcheilte er diesen, schwang sich leicht über die Kirchhofmauer, die er als Kind unzählige Male überklettert, und schritt dann langsam und traurig seinen einsam dunklen Weg entlang.* * * * *Noch hob sich die Sonne nicht über den östlichen Fichtenhang, und der dämmernde Tag grüßte eben die schlummernde Erde, als sich die Mutter von ihrem Lager hob, das Mädchen weckte daß es Feuer in der Küche mache, den Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu sagen. Pastor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen — die Gedanken und Sorgen ließen ihn nicht ruhen, und wie aus bösem Traum fuhr er oft empor, mit einem wehen Stich durch's Herz zurückzusinken,daßes eben kein Traum sei, der ihn bedrücke und quäle.Er stand auf, zog sich an, und während die Mutter draußen in der Küche sorgte, dem Sohn ein rasches Frühstück zu bereiten, ging der Vater hin ihn zu wecken.[pg 248]»Georg!« sagte er, als er die Thür öffnete, die in des Sohnes Kammer führte — »Georg — es wird Zeit — heiliger Gott!« unterbrach er sich aber rasch und erschreckt als er das Gemach leer, das Bett unberührt und keine Spur mehr von dem Kinde fand — »heiliger, erbarmender Gott — er ist fort.« Und wie er sich auch vorgenommen sich zu fassen, und der Frau, dem Kind, die letzten Augenblicke nicht mehr zu erschweren, durch seine eigene Schwäche, traf ihnderSchlag doch zu hart — zu unerwartet. In diesem Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und sah wie der Vater sich erschüttert von der Thür abwandte und das Antlitz in den Händen barg.»Mein Sohn — mein Kind!« stammelte sie, in der sie durchzuckenden Ahnung des Geschehenen, der sie wie ein jäher Schlag in's Herz traf — »wo ist — wo ist Georg?« Aber der Vater zog sie an die Brust, und ihre Stirn, auf die seine heißen Thränen fielen, küssend, flüsterte er leise:»Er hat uns den Schmerz des Abschiedes sparen wollen, Louise — er ist fort.«»Fort!« hauchte die Frau — kaum noch den Sinn der Worte fassend, und brach bewußtlos in den Armen des Gatten zusammen.* * * * *Außerhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demselben Kirchspiel gehörend, und dicht an der Grenze des bis hier herniederlaufenden Holzes, stand ein kleines, schon halb verfallenes[pg 249]Haus, das früher einmal von einem Forstgehülfen des herrschaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war. Der Mann der es kaufte aber, hatte früher ebenfalls in herrschaftlichen Diensten gestanden, und dann das Metzger-Handwerk getrieben; sein wildes, liederliches Leben jedoch ließ sein Geschäft nicht fördern, noch vorwärts gehn. Er schien auch keine rechte Lust an einer regelmäßigen Arbeit zu haben, heirathete dann, als er Alles was er sein nannte, durchgebracht, ein Mädchen vom herrschaftlichen Gut, das den Dienst dort verlassen mußte und von dem Herrn selber eine Abstandssumme bekam, und kaufte mit dem Gelde eben das kleine unwohnliche Gebäude, das er nichtsdestoweniger bezog, und sich jetzt angeblich vom Viehhandel ernährte. Er zog im Lande herüber und hinüber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb er sich in den Wirthshäusern herum, wo er trank und spielte, und den schlimmsten Ruf im Lande hatte, den ein Mensch haben kann, ohne daß jedoch die Polizei den mindesten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die ordentlichen Leute zogen sich von ihm zurück; Niemand mochte Umgang mit ihm oder seinem Weibe haben, und auf dem Weg zu seinem Hause wuchs Gras; wen dort nicht ein besonderes Geschäft hinführte, betrat ihn nimmer.So hatte der »schwarze Steffen,« wie er im Lande seines dunklen Haares und Aussehns wegen hieß, sechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und sein Weib ihm, außer dem Kind das sie in die Ehe gebracht, noch drei andere geboren. In der[pg 250]letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn auf, daß er sich nämlich unter der Hand mit Wilddieben einlasse, und — wenn auch vielleicht nicht selber wildere, doch das Gestohlene kaufe und unterbringe.Sicher ist, daß nicht alles Fleisch was er zu Markte führte, im Stall gemästet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht so sehr langer Zeit, ein Forstgehülfe, in Ausübung seiner Pflicht, erschossen worden, wurde die Aufsicht über den schwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu Kragen konnte, so scharf geführt, und diesem zuletzt so unerträglich, daß er schon ein paar Mal mit den Forstbeamten im Wirthshaus Streit gesucht und gefunden, und ihm zuletzt von der Herrschaft, nach lange geübter Nachsicht, der Befehl zugestellt wurde, das auf den Abbruch damals erstandene Haus, von dem übrigens kein Ziegel mehr sein gehörte, zu räumen und abzutragen oder stehen zu lassen, wie es ihm gefalle, seinen Wohnsitz aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom ersten des nächsten Monats an.Steffen war heute einmal ausnahmsweise den ganzen Tag zu Haus geblieben, und hatte manche von seinen Sachen, wobei ihm die Frau half, zusammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten wenig darauf; sie waren gewohnt daß der Vater oft fortging, und dann immer mehre, manchmal sogar acht Tage fortblieb, ehe sie ihn wieder zu sehen bekamen, oder auch nur von ihm hörten. Fragen, wohin er ging, durften sie nie.Der Vater war übrigens mürrischer heute als je — er[pg 251]sprach fast kein Wort, trank aber oft aus der Flasche, die zum ersten Mal offen in der Stube stand, und woraus sich auch die Mutter zweimal einschenkte, und sich dann zu dem jüngsten Kinde setzte, und es auf den Schoos nahm und küßte.»Weshalb weinst Du, Mama?« sagte das zweite Kind, ein Junge von etwas über fünf Jahren — »hat Dir Jemand 'was zu Leid gethan?«»Weil sie eine Närrin ist,« brummte der Vater, der die Frage gehört hatte, und jetzt einen ärgerlichen Blick nach der Frau schoß — »ich dächte wir hätten nun genug darüber geschwatzt und die Sache wär' abgemacht.«»Nun ja — ich sage ja auch kein Wort mehr dagegen,« erwiederte die Frau — »es — es überkommt Einen nur noch manchmal so — nachher wird's besser und — es geht ja doch nun einmal nicht anders,« setzte sie still und schwer vor sich hinseufzend, hinzu.Steffen entgegnete nichts weiter darauf, schickte aber bald darauf, unter irgend einem Vorwand, die Kinder mitsammen hinaus in den Garten, und sagte dann, als er sich mit der Frau allein sah, mürrisch und finster.»Du flennst und flennst, und wirst die Bälge noch zuletzt aufmerksam und ängstlich machen mit Deiner Heulerei — kannst Du sie hier ernähren, so bleib da, ich habe Nichts dagegen; kannst Du's aber nicht, dann sei auch vernünftig und mach' jetzt keine dummen Streiche — es wär' ein Spaß, wenn sie uns abfaßten, und Du weißt am Besten was uns nachher bevorstünde.«[pg 252]Die Frau war schlank und voll gewachsen, mit besonders kleinen Händen und Füßen, mußte auch einmal in früheren Jahren wirklich schön gewesen sein, und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, hätte sie eben etwas gethan sich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeußeren ging sie, wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachlässigt; die ungeordneten Haare wurden durch einen zerbrochenen, ächten Schildpatkamm, und durch ein schwarzes abgescheuertes Sammetband, in dem vorn eine große bronzene Broche mit einem unächten Turquis saß, gehalten; in den Ohren hingen ihr ebenfalls lange emaillirte unächte Ohrringe, die mit dazu beigetragen hatten ihr bei ihren bescheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der »stolzen Jule« zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem Schnitt gemacht, zeigte unausgebesserte Risse, und Spuren von Fett, in Streifen und Flecken, die schlecht zu dem blitzenden falschen Schmucke paßten.Auch in den Augen selber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch jetzt einem mächtigeren Gefühl gewichen war, denn nur manchmal, bei den rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog sich dann ein eigener fester Zug von Trotz und Zorn.»Ich hab' Dir genug zu Willen gethan, daß ich mit Dir gehe und die Kinder zurücklasse,« sagte sie dann nach kleiner Weile — »wenn's mir das Herz dabei zusammenzieht, wärst Du schlimmer wie ein Thier, wolltest Du's mir wehren. Der Wolf läßt seine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort — «[pg 253]»Der Wolf hat auch draußen zu leben, und für die Jungen Milch — wer giebt's uns?« zischte der Mann zwischen den zusammgebissenen Zähnen durch — »wir könnten krepiren hier im Nest, keine Katze miaute deshalb im ganzen Kreis.«»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte die Frau, »und das ist das Einzige was mich freut, daß wir ihnen jetzt einen Streich spielen — den Lumpen. Und wie sie schreien und schimpfen werden — aber ernähren müßen sie sie doch, davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut's Einem freilich immer, die armen Dinger, die noch Nichts von der Welt wissen und begreifen, so allein zurückzulassen — wenn ich das Jüngste nur mitnehmen dürfte — « setzte sie leise hinzu.»Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Gewäsch,« rief aber der Mann finster und ärgerlich — »ich dächte das hätten wir über und genug besprochen und überlegt, und wären einig darüber.«»Ueberlegt gar nicht,« sagte aber die Frau, die Brauen fest zusammenziehend — »wenn ich davon anfing hast Du mich immer grob angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem Anderen. Ich weiß daß ich nicht zu den Weichen gehöre, aber — Mutter bleibt doch Mutter, und — 's ist immer ein häßlich unnatürlich Ding.«»Papperlapapp!« sagte der Mann den Kopf herüber und hinüber werfend — »unnatürlich — natürlich ist's allerdings nicht daß die Scheunen ringsherum voll liegen, und das reiche Lumpenpack das Geld mit vollen Fausten zum Fenster hinaus[pg 254]wirft, während wir hier trocken Brod nagen sollen, und das nicht einmal immer kriegen — schöne Natürlichkeit das.«»Wenn Du nur nicht den dummen Streich mit dem — «»Halt's Maul!« brummte aber der Mann mürrisch — »ich sollte mich wohl erwischen und anzeigen lassen, daß ich jetzt im Zuchthaus säß und spänn — Gott verdamm mich, ich schösse eher die ganze Bande über den Haufen, einen nach dem anderen — bist Du nun fertig mit Deinen Sachen?«»Ja!« sagte die Frau leise und unwillkürlich zusammenschaudernd — »es kann fort gehn.«»Wir wollen aber doch warten bis es dunkel ist,« sagte Steffen nach kleiner Pause; »besser ist besser, und der Märtens unten an der Straße braucht nicht gleich zu wissen daß wir fortgefahren sind, beide zusammen, seine Nase hineinzustecken vor der Zeit; er ist mir so schon ein paar Mal hier oben herumgekrochen, wo er Nichts zu suchen hatte.«»Aber wenn sie uns nun doch vor der Zeit vermissen?« sagte die Frau, »und unserer Spur nachgehn; wenn's jetzt schlimm ist, nachher wird's erst bös, und wir dürften dann nur gleich mit Sack und Pack abziehn.«»In's Arbeitshaus, eh? — nein, eine Weile halt' ich sie uns schon von den Hacken, und Gefahr daß sie uns finden, hat es auch nicht. Wo wir zur Eisenbahn kommen bin ich bekannt, und habe schon manchmal Vieh da gekauft, wenn sie auch eben meinen Namen nicht wissen, und wenn wir fortgehn, lasse ich einen alten Hut von mir und das gelbe Tuch von Dir unten an dem tiefen Wasserloch unter den Erlen. Sobald[pg 255]Jemand hier in der Gegend vermißt wird, suchen sie dort immer zuerst, und der Schulze im Dorf hat das Pulver nicht erfunden, dem ist leicht was aufgehängt. Bis sie eine Weile stromab geangelt haben, sind wir hoffentlich unterwegs, und wenn nicht unter, doch über dem Wasser. Aber ich will jetzt noch einmal hinunter zum Märtens gehn und Mehl holen; es ist auch heute der gewöhnliche Tag, und hierher kommt nachher keiner so leicht, nimm Du indeß die Kinder vor, und instruire sie wie sie sich zu verhalten haben.«Und seine Mütze aufgreifend steckte Steffen die Hände in die Taschen, und schlenderte langsam den Hang hinunter dem nächsten, eine gute Viertelstunde entfernten Hause zu, während die Frau die Kinder zu sich hereinrief, das Jüngste, ein kleines liebes Mädchen von anderthalb Jahren, auf den Schoos nahm, und sich damit still und lautlos in die Ecke setzte.Die Sonne neigte sich indessen ihrem Untergang, und der Vater kam nach etwa einer Stunde, als es schon völlig dunkel geworden war zurück — die Mutter saß noch immer mit dem Kind auf dem Schoos, das bei ihr eingeschlafen war, und hielt es fest an sich gedrückt.»So Jule, es ist Zeit,« sagte der Mann, seine Arbeitsjacke abwerfend und den Rock anziehend, »weiß die Albertine was sie zu thun hat?«Die Frau zitterte am ganzen Leib, aber sie erwiederte kein Wort, stand auf, küßte das Kind das sie auf dem Arm trug,[pg 256]und legte es in sein Bettchen — einen Kasten, der in der Ecke der Stube stand.»Albertine,« sagte sie dann zu der Aeltesten, und wandte sich von der düster brennenden Oellampe, die Steffen auf den Ofen gestellt hatte, ab, daß die Tochter ihr nicht in die jetzt wirklich todtenbleichen Züge schauen sollte — »ich gehe mit dem Vater heute Abend eine Weile fort — den Karl bring ich erst noch zu Bett — sollten wir morgen früh nicht bei Zeiten da sein, so — so zieh die Kinder an und gieb ihnen zu essen — der Brodschrank ist offen, und Milch steht unter der Diele in der Schüssel — Du paßt mir auf daß den Kleinen Nichts passirt — Du — Du bist ja schon ein großes Mädchen.«»Und geht mir nicht vor die Thür morgen, bis wir nicht wieder da sind,« sagte Steffen, »wie ich heut Abend drunten gehört habe, ist hier ein toller Hund herumgelaufen. Das Beste wird sein Ihr haltet die Hausthür zu, daß er nicht etwa gar herein kommt.«Die Frau hatte dabei das etwa dreijährige Mädchen das indeß gar schläfrig geworden war, ausgezogen und in sein Bettchen gelegt — und der Junge, Carl, saß auf der Bank am Fenster, noch auf sein Abendbrod wartend. Aber er sah auch erstaunt dabei die Eltern an, die noch nie so spät Abends fortgegangen waren, und auch wohl noch nie, oder doch nur selten gar so freundlich mit ihnen gesprochen hatten.»Was für ein Hund ist es, Vater?« frug er jetzt, da der Gedanke an den tollgewordenen Hund ihn besonders interessiren[pg 257]mochte — »Märtens' Bello? der kennt mich, und beißt mich nicht.«»Nein, der große Türk aus dem Dorfe unten,« sagte Steffen — »der den Müller auch schon einmal gebissen hat.«»Oh der ist schlimm!« rief der Knabe erschreckt — »da geh' ich gewiß nicht hinaus.«»Geh' nun zu Bett Carl, es ist spät,« sagte der Vater.»Ich habe mein Abendbrod noch nicht,« brummte der arme kleine Bursch.»So? — dann wird Dir's Albertine geben — und — seid brav und folgt ihr — «Er gab dem Knaben und ältesten Mädchen die Hand, und ging zu den Bettchen der Kleinen die er küßte; dann aber als ob er sich einer solchen Regung schäme, richtete er sich rasch wieder auf, drückte den Hut in die Stirn, und sagte, das Zimmer verlassend, und noch in der Thür sich umdrehend:»Ich warte auf Dich unten am Wasser — mach schnell!«»Sei ein gut Kind Albertine, und hab mir gut auf die Kleinen Acht,« flüsterte die Frau jetzt dem Mädchen zu, das eben dem Bruder ein Stück Brod und Salz gegeben hatte, an dem der aß und verwundert dabei hinter den Vater her aus der Thür, und nach der Mutter schaute, die lange — o lange Zeit nicht so freundlich mit ihnen gesprochen hatte.»Aber Mutter wo geht Ihr nur hin?« — frug das Mädchen, der das Benehmen der Eltern ebenfalls auffiel, verwundert.»Auf's Amt,« sagte die Frau, auf die Frage schon vor[pg 258]bereitet — »wir müssen morgen früh mit Tagesanbruch in der Stadt sein, und wollen gehn so lang's kühl ist.«»Und wann kommst Du wieder?«»Hoffentlich morgen gegen Abend — wenn wir fertig werden; auf dem Amt sind sie aber gar weitläufig — manchmal dauert's länger als man denkt. Geht mir aber nicht vor die Thür, Ihr habt zu essen genug — jedenfalls sind wir morgen Abend um die Zeit wieder da — und acht' mir auf die Kleinen, Tine — sei ein vernünftig gutes Mädchen — Du bist groß genug. Und — wenn Jemand nach uns fragen sollte, so sag nur wir wären in den Wald gegangen, und kämen gleich wieder — es wird aber wohl Niemand fragen,« — setzte sie leise, und wie zu ihrer eigenen Beruhigung hinzu.Sie sah sich im Zimmer um, ob sie Nichts vergessen habe — ihr Bündel lag aber versteckt draußen vor der Thür, wie der Mann seine gepackte Jagdtasche ebenfalls draußen verborgen gehabt und jetzt mitgenommen hatte. Ihr Blick überflog auch nur flüchtig den kleinen Raum, und haftete dann auf dem Bettchen des jüngsten Kindes — sie konnte nicht widerstehn, und trat noch einmal zu dem schlummernden Kind.»Geh doch hinaus Tine, und hole ein paar Stücken Holz herein, so lang ich noch hier bin, daß Du morgen früh Kaffee kochen kannst — ich bleibe so lang bei den Kindern,« setzte sie langsam und ohne das älteste Mädchen dabei anzusehn, hinzu. Dieses ging, und in wilder, fast ängstlicher Hast küßte die Frau jetzt die kleine, schon sanft schlummernde Line, und hob dann[pg 259]das Jüngste aus seinem Kasten, auf dessen rosige Lippen sie den eigenen Mund in wilder Heftigkeit preßte, bis es schrie. Die Thränen — die Mutterkonntesich nicht ganz verleugnen in dem Augenblick — liefen ihr dabei voll und schwer die Wangen hinunter, und erst als sie das Aelteste mit dem Holz zurückkehren hörte, legte sie das leicht beruhigte Kind wieder auf sein Lager, und küßte den Jungen, dem die Thränen auch anfingen in die Augen zu steigen. Er wußte freilich nicht recht weshalb, und nur vielleicht weil er die Mutter weinen sah, wurd' es ihm auch so weh und weich um's Herz.»Aber Mutter, was ist Dir nur heute Abend?« sagte das Mädchen, dem die außergewöhnliche Bewegung derselben unmöglich entgehen konnte — »was habt Ihr nur, Du und der Vater?«»Bah — der Vater war garstig mit mir, und wir haben uns gezankt,« sagte die Mutter, das Gesicht abwendend von dem Kind.Ein scharfer Pfiff von draußen her schlug an ihr Ohr, und sie fuhr erschreckt in die Höhe.»Ja — ich komme schon!« murmelte sie, kaum hörbar, vor sich hin, »so adieu Albertine — hab auf die Kinder Acht, und —behüt Euch Gott!« und mit dem, wie scheu geflüsterten und vielleicht seit langer, langer Zeit nicht ausgesprochenen Segen, verließ sie rasch das Zimmer und das Haus.[pg 260]»Was zum Teufel trödelst Du denn da drin, und läßt mich eine Stunde hier warten?« rief der Mann mürrisch, als sie ihn endlich an der verabredeten Stelle traf — aber die Frau erwiederte kein Wort, und die fieberheiße Stirn in die Hand pressend, folgte sie dem, jetzt ebenfalls finster und schweigend Voranschreitenden, durch die Nacht.
[pg 212]Capitel 9.Rüstungen.»Nach New-Orleans!«»Das ausgezeichnet schöne, 360 Last große, schnellsegelnde, kupferfeste und gekupferte dreimastige Bremer Schiff erster Klasse:Die Haidschnucke, CapitainE. Siebelt, mit vorzüglicher Gelegenheit für Cajüts- und Zwischendecks-Passagiere — wird am 30. August expedirt.Agent dafür, I. G. Weigel,Hauptagent des Central-Bureau's für Norddeutsche Auswanderung in Heilingen, am Markt Nr. 17.«Diese Anzeige stand am Morgen nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfällen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur desselben, hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt wollen vorübergehen lassen, einige entsetzliche Mordgeschichten und falsche Bankerotte aus den Vereinigten Staaten,[pg 213]wie zur Entmuthigung aller Auswanderungslustigen, in der nämlichen Nummer seines Blattes abzudrucken.Weigel war wüthend darüber, und schrieb augenblicklich einen anderen Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er ganz naiv erklärte, »sich dadurch selber blamiren würde.« Uebrigens sei die Sache auch schon erledigt, indem die Schiffsanzeigefür, sein Artikel abergegenAmerika und die Auswanderung wäre, und er es sich zum Grundsatz gemacht hätte, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu beleuchten — wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einrücken lassen, sei er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er möge ihn deshalb, wenn er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen.Die Abfahrt dieses Schiffes war aber für Heilingen in so fern von nicht unbedeutender Wichtigkeit, als sich mehre Familien dieser Stadt ernstlich dahin entschlossen hatten, mit demselben nach Amerika auszuwandern. So unter Anderen Professor Lobenstein, der sein Haus jetzt verkauft, und der Stadt überhaupt durch seine beabsichtigte Auswanderung höchst willkommenen Stoff zu den mannichfaltigsten Vermuthungen und Erörterungen geliefert hatte. Ja mehrere Kaffeegesellschaften der näheren Bekannten Lobenstein's waren wirklich nur einzig und allein zu dem Zweck gegeben worden, sich einmal ordentlich über die Sache »aussprechen« zu können.Auch in dem Dollinger'schen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende Veränderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika erhielt, nach denen seine An[pg 214]wesenheit dort, dringend nothwendig geworden. Zwei Wechsel trafen zugleich für ihn ein, wie ziemlich starke Aufträge zu Ankäufen in Tuchen und Seidenwaaren von seinem Haus, welches Geschäft er mit Herrn Dollinger in Gemeinschaft auszuführen gedachte.Der alte Herr Dollinger, so schwer es ihm auch wurde, und so lange er sich dagegen gesträubt, mußte da wohl endlich seine Einwilligung zu der Verbindung Clara's mit dem jungen Amerikanischen Kaufmann, über dessen Familie und Geschäft in New-Orleans er von einem dortigen Geschäftsfreund das Beste erfahren hatte, geben. Nur wunderte man sich dort, daß der junge Henkel in Nord-Deutschland sei, während man ihn auf einer größern Tour durch Italien und Griechenland vermuthet. Die Leute dort konnten nicht wissen daß der junge Mann auf dem Rhein andere Pläne für seine Zukunft geschaffen, als er sie früher vielleicht ausgesonnen.Am letzten Sonntag war also, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und Clara, das liebe holde Mädchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners — wie man ihn überall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun freilich noch, in der kurzen Zeit all die nöthigen und so mannichfachen Vorbereitungen zu einer Reise nach Amerika für die junge Frau zu treffen. Es sollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reise werden, denn Henkel hatte sich schon selber fest erklärt, seinen künftigen Wohnsitz keineswegs in Amerika, sondern in Havre nehmen zu wollen, wo überdies, der bedeutenden Geschäftsverbindung wegen mit diesem Hafen, ein Associé[pg 215]des Hauses sich aufhalten mußte. Ein oder zwei Monate gedachten die jungen Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen, was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung sehr erleichterte, und spätestens im März oder April schon wieder nach Europa zurückkehren zu können. Die ganze Reise war dadurch wirklich fast nur zu einer etwas längeren Vergnügungsfahrt geworden.Auch für Clara's Mutter war das Bewußtsein, ihr Kind nicht für immer zu verlieren und bald wieder in die Arme schließen zu können, eine unendliche Beruhigung, und selbst hierzu hatte es ihr einen großen Kampf gekostet, ihre Einwilligung zu geben. Clara selbst aber hing mit ganzem Herzen an dem theuren Mann, und fühlte sich vollkommen glücklich in einer Verbindung, die seit sie den Fremden kennen und lieben gelernt, ihr das Ziel ihrer irdischen Wünsche geschienen.Was war ihr die Reise, was die Gefahr und Mühseligkeit derselben? sie wäre ihm in eine Wildniß gefolgt, und hätte sich doch glücklich an seiner Seite gefühlt.Der junge Henkel wünschte nun die Ueberfahrt in einem Englischen Dampfer nach New-York, und von da mit einem Amerikanischen Dampfschiff nach New-Orleans zu bewerkstelligen, Clara fürchtete sich aber an Bord eines Dampfers zu gehn, theils der doppelten Gefahr, theils der unangenehmen Bewegung derselben in schwerem Wetter wegen, von der sie viel gehört, und da es sich jetzt gerade so traf daß eine ihr befreundete Familie, Professor Lobenstein's, ebenfalls nach New-Orleans, und in einem Segelschiff von Bremen ab auswan[pg 216]derte, bat sie mit diesen reisen zu dürfen. Henkel selber schien nicht recht damit einverstanden, fügte sich aber doch endlich den Bitten seiner jungen Frau.Wenn aber bei Dollinger's im Haus wenig mehr als Wäsche und Kleider herzurichten waren, nur zu einer Reise nicht zu einer Uebersiedlung nach Amerika, und man diese schon großenteils gepackt und vorausgeschickt hatte, die letzten Stunden in der Heimath durch kein Aussuchen und Packen gestört zu haben, so schien dagegen bei Professor Lobenstein das ganze Haus von innen nach außen gekehrt zu sein.Der Professor nämlich hatte auf keinerlei Weise bewogen werden können mit seinen Sachen eine Auction anzustellen, und nur das Nothwendigste mitzunehmen, da Fracht und Spesen unterwegs ein wirkliches Capital auffressen würden, für das er sich Alles was er dort brauchte auch an Ort und Stelle neu anschaffen könnte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus verschiedenen Schriften die statistisch aufgestellten Arbeitslöhne der verschiedenen Handwerker, wie die Preise der Provisionen, und bewieß ihnen auf das Klarste und Unumstößlichste was jedes einzelne Stück Meublen und Hausgeräth in notwendiger Folgerung in Amerika kosten müsse. Eben so hatte er sich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberschlag der verschiedenen Frachtpreise nach New-Orleans, und von da in's Innere gemacht, bis er endlich zu dem obigen Resultat gekommen, und nun auch augenblicklich eine Anzahl Tischler in Arbeit setzte, lauter neue Kisten für seine Sachen anzufertigen.[pg 217]Eine große Anzahl von diesen war nun schon, gepackt und mit eisernen Reifen beschlagen, als Fracht vorausgeschickt, eine andere Sendung sollte heute abgehn, und die letzten dann in den nächsten Tagen befördert werden, noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Kellmann selbst, dem Hause eng befreundet, hatte dahin mehrere Aufträge übernommen, und kam heute Morgen, Bericht über die Ausführung derselben abzustatten.Er selber war natürlich mit der ganzen Uebersiedlung gar nicht einverstanden, hatte aber doch, als er alle Gründe des Professors dafür gehört, weit weniger dagegen gesagt, als die Familie im Anfang vermuthet und auch wohl gefürchtet haben mochte. Der Professor sei eben ein Professor, meinte er nur, und wo der einmal seinen Kopf aufgesetzt habe, ließ sich auch Nichts mehr abstreiten oder gar dagegen beweisen, man müsse ihn eben sich selber überlassen, und — es thue ihm nur um die Familie leid. Nichtsdestoweniger gab er sich jede erdenkliche Mühe ihnen, wo er es nur irgend vermochte, beizustehn, wobei er den Professor doch von manchem unüberlegten oder unpraktischen Schritt zurückhielt. So kämpfte er, und zwar glücklicher Weise mit Erfolg, gegen die unglückselige Idee des Professors an, sich hier, trotz Allem was er darüber schon gelesen, von dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drüben nicht »in Gefahr kommen« von Amerikanischen und betrügerischen Landspeculanten hintergangen zu werden, und seine Berechnung sämmtlicher Kosten gleich[pg 218]hier an Ort und Stelle machen können, was ihm nicht möglich sei, wenn er die Contracte nicht in der Tasche habe.Kellmann, auf dessen praktisches und gesundes Urtheil er sonst überhaupt viel gab, machte ihn mit seinen ernstlichen Vorstellungen aber doch stutzig, und noch eine authentische Person über die dortigen Verhältnis zu hören, wandte er sich zuletzt an den jungen Henkel, und bat diesen um Meinung und Rath über die, ihm allerdings sehr am Herzen liegende Sache. Dieser rieth ihm aber ebenfalls auf das Entschiedenste ab, sein Geld hier an eine solche Speculation wegzuwerfen, denn dieser Weigel scheine ihm, was er bis jetzt von ihm gesehn, eine keineswegs volles Vertrauen verdienende Persönlichkeit. Er solle warten bis sie drüben wären, dort habe er Zeit genug (Kellmann hatte ihm dasselbe gesagt), und finde er in New-Orleans oder Missouri nichts Besseres, so sei er selber vielleicht im Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er einmal auf einem Jagdzug in's innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet hätte.»Und der Preis?«»Er würde zufrieden sein.« Damit war die Sache für jetzt abgemacht; freilich zu Weigels Verdruß, der die Farm, wie er sich ausdrückte, nun noch »zur Verfügung« behielt.Es mochte etwa Morgens um elf sein, als Kellmann Professor Lobensteins besuchte. Das Haus war am vorigen Tag öffentlich verauctionirt und von einem reichen Weinhändler in Heilingen erstanden worden, die Familie aber jetzt in angestrengter Arbeit eifrig bemüht das unangenehme Gefühl[pg 219]nicht allein zu verscheuchen, sondern auch eines vor dem anderen zu verbergen, »zumerstenMale in dereigenenHeimathfremdzu sein;« zum ersten Mal fremd in den Räumen, die ihrer Kindheit Spiele gesehn, und Zeuge gewesen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Träume.Der erste schwere Schritt zu einem neuen Leben und Wirken war aber damit geschehn; freilich auch zu gleicher Zeit die Brücke abgebrochen, die noch zurück hätte führen können in das Vaterland. Das Band war damit zerrissen, das sie noch an dieses knüpfte, und wunderbarer Weise hatte sich jetzt, wie sie sich gestern noch fast Alle gefürchtet vor dem Gedanken die lieben theueren Räume zu verlassen, ein fremdes unheimliches Gefühl zwischen sie und das Haus geworfen, und sieersehntenden Augenblick wo sie hinaus konnten, fort, nur fort von hier — aus den Erinnerungen fort. Und doch sprachen sie das nicht aus gegen einander; Jedes hielt sich nur allein für so thöricht und kindisch, mit den quälenden Gedanken; keines wußte daß das Gefühl in ihrer Aller inneres Leben verwoben sei, und in des Herzens feinsten Fasern Wurzel schlug.Die Stimmung Aller, so sehr sie sich auch hüteten dem was sie dachten Worte zu geben, war denn auch an dem ganzen Morgen schon eine stille, gedrückte gewesen, und Kellmann's Erscheinen befreite Alle wie von einer Last. Unten auf der Treppe wurde der aber schon laut.»Na, ist das ein Vergnügen zu so einer Auswanderungsfamilie in's Haus zu kommen,« rief er, als er sich mit zusammengehaltenen Schößen zwischen einer Reihe Kistendeckel hin[pg 220]durchdrückte, die, mit den Nägeln nach außen, an der Wand lehnten, und dabei noch über eine Unzahl Körbe und Schachteln wegsteigen mußte, nur in die Stube zu kommen.»Nehmen Sie sich in Acht, lieber Kellmann,« rief ihm der Professor, der seine Stimme gehört hatte, aus der halbgeöffneten Thüre entgegen (er konnte diese nicht ganz aufmachen da ebenfalls eine Kiste dahinter stand). »Sie möchten sich da draußen die Kleider zerreißen.«»Ist schon bereits geschehen,« brummte Kellmann, indem er versuchte einen Blick nach seinem, allerdings beschädigten Rücktheil zu gewinnen, »meine Güte, wie sieht das bei Ihnen aus — ah guten Morgen meine Damen — und schon so fleißig? — was um Gottes Willen nähen Sie denn da? — Getraidesäcke für die nächste Erndte?«»Fehlgeschossen Herr Kellmann,« rief ihm aber Marie, die sich gern mit dem freundlichen Mann neckte, entgegen — »Jacken sind das für uns, in den Busch, zwischen den Dornen und Schlingpflanzen, die uns sonst das leichte Zeug von den Schultern rissen. Warten Sie einen Augenblick, da können Sie uns gleich Ihre Meinung sagen; die meinige ist gerade fertig, und ich will sie eben anprobiren. Lassen Sie nur, ich werde schon allein fertig, dort drüben müssen wir überdies Alles allein machen — So — nun, wie gefalle ich Ihnen darin?«»Gar nicht,« sagte Kellmann mürrisch, »ich sähe Sie weit lieber in einem leichten Ballkleid und mit Ihrem gewöhnlichen heiteren Gesicht, als in der Sackleinwand und — hm — das verdammte Amerika. Geht denn Eduard jetzt noch mit,[pg 221]oder bleibt er da? wo steckt er denn wieder? — der ist immer fort wenn ich komme.«»Der geht mit, lieber Kellmann,« rief der Professor, »er konnte sich nicht dazu entschließen, seine Eltern und Geschwister allein in die Welt ziehn zu lassen, wo er ihnen vielleicht, zum ersten Mal in seinem Leben, nützlich sein würde, und ist jetzt noch in der Geschwindigkeit zu einem Tischler gegangen, die paar Wochen wenigstens zu benutzen, und doch eine Idee von dem Handwerk zu gewinnen; wer weiß was wir da Alles zu thun bekommen.«»Wird auch was recht's davon in den paar Tagen profitiren,« brummte Kellmann — »bei wem ist er denn, bei Leupold?«»Leupold?« rief der Professor, »der geht ja mit unserem Schiff nach New-Orleans.«»Der Tischlermeister Leupold wandert auch aus?« rief Kellmann laut und verwundert.»Hat sein Häuschen und seine Werkstätte verkauft, und ist jetzt wahrscheinlich schon unterwegs nach Bremen,« betätigte ihm der Professor.»Na nu ist mir's aber doch über den Spaß,« rief Kellmann — »da läuft ja halb Heilingen fort; jetzt freut mich mein Leben; nächstens werden wir uns unsere Schränke und Schuhe und Röcke selber machen können wenn wir 'was haben wollen; ich darf nur gleich den meinigen zum Schneider schicken daß er ihn mir noch ausbessert, ehe er auch durchbrennt. S'ist wirklich zum Verzweifeln.«[pg 222]»Lieber Gott,« sagte der Professor — »die Leute verlangen nur Ellbogenraum sich zu rühren; sie wollen einen Platz haben, der ihren Bedürfnissen Befriedigung verspricht.«»Da haben Sie gleich den faulen Fleck,« rief Kellmann, »Bedürfnisse befriedigen, wenn die Leute lebten wie ihre Voreltern gelebt haben, und nicht mit jedem Jahre auch neue Bedürfnisse kennen lernten und befriedigt haben wollten, so hätten wir alle Platz, und das verwünschte Amerika könnte sehen wo es Hände und Fäuste bekäm zuzupacken und ihm den Boden zu bestellen. Aber ich will mich nicht länger ärgern — laßt sie laufen, nachher wird's hier erst recht gemüthlich — apropos — Ihren Freund Weigel haben sie gestern Abend im rothen Drachen hinausgeworfen — er wollte Dienstleute, ich glaube einen Schäfer, verlocken nach seinem gerühmten Amerika auszuwandern.«»MeinenFreund?« sagte der Professor achselzuckend, »ich habe mit Herrn Weigel nie in einer solchen Beziehung gestanden, aber ich achte ihn als einen Mann der ein gutes Herz mit einer tüchtigen Portion gesundem Menschenverstand verbindet, und besonders schätzenswerthe statistische Kenntnisse Amerika's besitzt.«»Bah!« sagte Kellmann, den Kopf auf die Seite werfend, und mit den Fingern schnalzend, »so viel für seine statistischen Kenntnisse;unverschämtist er, das halt' ich für seine Hauptforce, und er wirft Ihnen da mit der größten Kaltblütigkeit eine Masse Zahlen in den Bart, denen man nicht gleich widersprechen kann, weil sich der Gegenbeweis eben nicht führen[pg 223]läßt. Wenn das Alles wahr ist was er über Amerika sagt, wäreerder größte Esel wenn er nicht selber hinüberginge.«»Seine Verhältnisse gestatten es ihm nicht, wie er mich oft versichert hat,« vertheidigte ihn aber der Professor.»Ja, das kennen wir schon,« sagte Kellmann, »und wenn mich irgend etwas glauben machen könnte daßerwirklich Amerika kennt, so wäre es der Umstand daß er selber nicht hinübergeht.«»Im rothen Drachen war ja wohl gestern ein kleines Fest?« frug die Frau Professorin dazwischen, die das unerquickliche Gespräch abzubrechen wünschte.»Ja, für die Dienstleute von Hohleck,« sagte Kellmann, »und Schollfeld und ich waren ebenfalls hinausgegangen um den Spaß mit anzusehn.«»Und ihr Freund, der lange Actuar war nicht dabei?« lachte Marie.»Er kam später nach,« sagte Kellmann — »der arme Teufel ist jetzt auch immer verdrießlich und niederschlagen.«»Er hat sein Kind verloren,« sagte Anna mitleidig.»Ja, und zu Hause fühlt er sich auch wohl nicht so recht wohl und behaglich.«»Wir haben davon gehört,« sagte die Professorin — »seine Frau soll eigenwillig und heftig sein, und ihm oft gar unangenehme Scenen bereiten.«»Seine Frau ist — « fuhr Kellmann auf, aber er unterbrach sich selber wieder, und trommelte eine Weile mit den Fingern auf dem vor ihm stehenden Tisch.[pg 224]»Was ist Ihnen denn nur heute, Herr Kellmann?« sagte aber Marie, jetzt zu ihm tretend und seinen Arm berührend — »Sie schneiden ja heut Morgen ein so bitterböses Gesicht, wie ich noch fast in meinem Leben nicht an Ihnen gesehn. Ist Ihnen irgend etwas Aergerliches begegnet? — oder — Sie sind doch nicht böse mit uns?«»Böse mit Ihnen? lieber Gott Mariechen,« sagte Kellmann herzlich ihre Hand ergreifend — »ich müßte böse mit Ihnen sein daß Sie fortgehn und mich hier allein zurücklassen; sonst wüßt' ich wahrhaftig nicht weshalb.«»So kommen Sie mit,« lachte Marie, indem sie neckisch zu ihm aufsah.Kellmann seufzte tief auf, sagte dann aber kopfschüttelnd, und mit der Hand über seine Stirn streichend, als ob er sich daraus all' die trüben Gedanken verscheuchen wollte —»Nach Amerika? — ja, weiter fehlte mir gar Nichts; aber heute sind es wirklich andere Sachen die mir im Kopf herumgehn.«»Ist etwas vorgefallen, und können wir Ihnen helfen, lieber Herr Kellmann?« sagte Anna freundlich.»Ach Gott nein,« sagte der kleine Mann seufzend — »es ist ein Stück von dem allgemeinen Elend, das über den ganzen Erdball hinspielt, und das uns gewöhnlich mit einem unheimlichen Gefühl, auch nicht außer dem Bereich desselben zu liegen, durchschauert, wenn wir ihm einmal auf unserem Lebenspfad begegnen. Sie sahen mich als ich vor dritthalb Stunden etwa drüben aus dem Löwen kam?«[pg 225]»Ja, Sie grüßten ja herauf,« sagte die Professorin —»Nun gut; ich war dort, einem armen Mädchen nachzufragen, das wir gestern Abend spät auf der Straße trafen, und das ich dorthin schickte Nachtquartier zu suchen« — Und nun erzählte ihnen Kellmann mit kurzen Worten das gestrige Zusammentreffen mit des unglücklichen Loßenwerder Schwester, und ebenfalls daß sich schon jetzt herauszustellen scheine, wie der arme Teufel von Loßenwerder unschuldig in Verdacht gerathen sei. Nur in reiner Verzweiflung mochte er sich den Tod gegeben haben, als man ihm das letzte, einzige das er auf der Welt hatte — seinen ehrlichen Namen — nehmen wollte — oder eigentlich schon von Gerichts wegen genommen hatte. Unsere wackeren Polizeigesetze halten ja nun einmal jeden Menschen für einen Spitzbuben, bis er nicht durch Atteste genügend dargethan hat daß — »gegen ihn noch nichts Gravirendes bekannt geworden.«»Und was geschieht jetzt mit dem armen, armen Mädchen?« frugen fast gleichzeitig Marie und Anna — »lieber Gott, hier in der fremden Stadt, allein, ohne Mittel, ohne Freunde, wie entsetzlich müßte es da sein, wenn sie vielleicht aus rohem Munde zuerst die furchtbare Nachricht vernähme.«»Gestern Abend,« sagte Herr Kellmann etwas verlegen, »kam uns das Ganze wirklich so schnell und überraschend, daß wir nicht die geringste Zeit zum Ueberlegen behielten; wir — wir gaben ihr nur ein paar Groschen und schickten sie in den Löwen, hier gegenüber, um da zu übernachten, damit sie nicht in der Stadt nach ihrem Bruder früge, und die entsetzliche[pg 226]Geschichte gleich in der ersten Viertelstunde erführe; heute Morgen wollte ich dann selber herkommen und sehn was sich thun ließ — «»Und jetzt? — weiß sie was geschehen ist? frug die Professorin mitleidig die Hände faltend — Herr Kellmann zuckte mit den Achseln und sagte:»Sie ist fort — «»Fort? — wohin?« riefen die Frauen.»Kein Mensch konnte mir darüber Auskunft geben, gestern Abend war sie richtig dort angekommen, und ihres dürftigen Aussehns wegen in die Gesindestube gewiesen, und dort muß sie unglückseliger Weise ihren Namen genannt, vielleicht nach ihrem Bruder gefragt und das Schrecklichste gleich erfahren haben, denn sie war, selbst ihr Bündel im Stich lassend, hinausgelaufen in Nacht und Nebel und — und nicht wieder zurückgekehrt.«»Du lieber Gott,« sagte Anna, »wenn sie sich nur kein Leides gethan.«»Ich bin gleich zu Ledermann und dann auf die Polizei gegangen, diese aufmerksam zu machen,« sagte Kellmann etwas kleinlaut, »werde auch selber noch mein möglichstes thun das arme Ding wieder aufzufinden, aber — ich weiß wahrhaftig nicht wo man die eigentlich suchen soll, denn sie kennt ja keinen einzigen Menschen in der Stadt.«»Und in ihres Bruders früherem Logis? — «»Hat sie Niemand gesehn — ich war dort.«[pg 227]»Waren Sie auch schon — auf dem Kirchhof?« frug ihn Marie jetzt leise und schüchtern.«»Wahrhaftig, daran hatte ich gar nicht gedacht,« sagte Kellmann rasch seinen Stuhl zurückschiebend, »die Möglichkeit ist da, und ich will keinen Augenblick mehr versäumen — vielleicht ist es jetzt noch nicht zu spät.«»Und Sie sagen uns Antwort?«»Sowie ich etwas Bestimmtes über sie weiß — aber — aber was dann mit ihr anfangen? — hier in der Stadtkannsie nicht bleiben,« sagte Kellmann, die Thürklinke schon in der Hand, »und überhaupt scheint mir ihr schwächlicher Körper zu grober Handarbeit gar nicht geeignet.«»Vielleicht bietet sich da für die Schwester in demselben Haus ein Ausweg,« rief Anna plötzlich, »das für den Bruder ja so viel gut zu machen, wenn er wirklich unschuldig gelitten. Gestern Nachmittag noch klagte mir Clara ihr Leid, daß ihre Kammerjungfer, mit der sie sehr zufrieden ist, und die ihr bis dahin fest versprochen mitzugehn, plötzlich anderes Sinnes geworden wäre, und sich jetzt weigerte Heilingen zu verlassen. Clara ist so seelensgut, sie würde gewiß Alles thun was nur in ihren Kräften steht, das arme Kind den herben Verlust vergessen zu machen.»Aber wird sich das Mädchen selber dazu eignen?« sagte Kellmann.»Weshalb nicht,« rief aber auch jetzt Marie — »bringen Sie die Arme nur hierher, sobald Sie sie finden, und nehmen sie Henkel's nicht mit, findet Papa gewiß einen Ausweg.«[pg 228]»Ja, Papa einen Ausweg,« sagte aber der Professor — »ich kannNiemandenmehr mitnehmen Kinder, so viel solltet Ihr eigentlich jetzt schon wissen, denn wir sind Leute genug.«»Ach wenn sie überhaupt gehen will,« rief Kellmann, »die Passage bringen wir hier schon zusammen, und wenn sich Fräulein Anna bei Frau Henkel für sie verwenden will, wär' es ein Glück für das arme Mädchen, den hiesigen für sie so trüben Verhältnissen so rasch wieder entrissen zu werden. Doch jetzt leben Sie wohl — ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und hoffe Ihnen bald günstige Nachrichten bringen zu können.«* * * * *Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieberanfall bekommen, und sich am anderen Morgen auf seinem Bureau entschuldigen lassen. Erst um zehn Uhr etwa fühlte er sich etwas besser, und beschloß ein wenig an die frische Luft zu gehn, in dem sonnigen Morgen draußen die trüben quälenden Gedanken zu verscheuchen.Er ging auf den Kirchhof, das Grab seines kleinen Lieblings zu besuchen, und nahm einen Monatsrosenstock mit hinaus, ihn darauf zu pflanzen.Der Weg der zu dem Grab, zwischen den andern Hügeln hin, führte, lief eine kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelassen und von Unkraut überwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut fast versteckter flacher Hügel war[pg 229]dort aufgeworfen, über dem kein Kreuz den Namen des Hingeschiedenen kündete, keine Blume ein sorgendes Herz verrieth, das dem Entschlafenen die stille Thräne nachgeweint. Und dort? — in das hohe, feuchte Gras geschmiegt, lag eine schlanke Mädchengestalt, Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen aufgelösten Locken ruhten.»Lieber Gott,« sagte der Actuar, mit dem Blumenstock im Arm neben ihr stehen bleibend, leise vor sich hin — »es ist doch noch viel, viel Elend in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um's Herz ist, sollte man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgesichter vor, sondern geben sich wie sie sind, und wenn es auch eben kein Trost sein sollte andere Menschen unglücklich zu sehn, ist es doch jedenfalls einer, zu wissen daß man es nicht allein ist.« Und sich langsam abwendend schritt er dem Grabe seines Kindes zu, setzte den Blumentopf auf den kleinen Hügel, und sich selber dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines anderen Menschen deckte.Dort blieb er lange, das Gesicht mit den Händen bedeckt, und regungslos in seiner Stellung verharrend, seinen schmerzlichen Gedanken überlassen, bis die Sonne höher und höher stieg, und ein stechender Kopfschmerz ihn mahnte den, den heißen Strahlen vollkommen ausgesetzten Platz zu verlassen, wenn er sich nicht noch kränker machen wollte als er schon war. Er stand auf, und sah sich nach dem Todtengräber um, diesen zu bitten den Blumenstock für ihn einzusetzen, und fand ihn auch,[pg 230]nicht weit von dort entfernt, mit einem neuen Grabe beschäftigt. Langsam seinen Spaten schulternd ging er mit ihm zu dem verlangten Platz, und dort sein Handwerksgeräth neben sich in den Boden stoßend und sich den Schweiß von derglühendenStirne trocknend, sagte er freundlich:»Warmer Tag heute, Herr Actuar — sehn Sie einmal was für ein schönesStöckchen; das müssen wir aber ordentlich angießen, sonst vertrocknet es gleich in der lockeren Erde — werde Ihnen das schon besorgen.«»Bitte sein Sie so gut,« sagte Ledermann, und der Mann nahm den Stock auf, drehte ihn um und schlug mit der flachen Hand unter den Topf, diesen locker und los zu bekommen.»Kennen Sie das junge Mädchen was da auf dem Grabe an der Mauer liegt?« frug der Actuar jetzt, als sein Blick wieder zufällig dort hinüber streifte — »dort drüben meine ich.«»Ja ich weiß schon,« sagte der Mann, ohne den Kopf zu wenden und mit seiner Arbeit beschäftigt — »nein — sie saß vor dem Kirchhofsgitter schon heut' Morgen wie ichöffnete, um drei Uhrfrüh, und muß die ganze Nacht da zugebracht haben. Wie ich das Thor aufmachte frug sie mich nur nach dem Grabe eines armen Teufels, den wir hier vor kurzer Zeit zu Ruh gebracht, und ist seit der Zeit nicht von dort weggegangen. Das kommt manchmal vor.«»Und wer liegt da begraben?« frug Ledermann schnell, dem ein plötzlicher Gedanke an das Mädchen von gestern Abend aufstieg.Capitel 9»Dort an der Mauer?« sagte derTodtengräber, »ih Sie[pg 231]wissen ja, der kleine bucklige Bursche, der von der Brücke gesprungen war, und sich den Kopf aufgeschlagen hatte.«Dem Actuar fuhr es mit einem eisigen Stich durchs Herz, aber er erwiederte Nichts, gab dem Mann eine Kleinigkeit für seine Dienstleistung, und ging dann langsam, als ihn dieser wieder verlassen und seine frühere Arbeit aufgenommen hatte, zu Loßenwerder's Grab, wo die Trauernde noch still und regungslos in ihrem Jammer lag. Nur das krampfhafte Zittern des Körpers verrieth das darin wohnende Leben.»Liebes Kind,« sagte Ledermann leise — das Mädchen bewegte sich nicht — »mein liebes Kind,« sagte er lauter, und berührte ihre Schulter mit seinem Finger. Langsam hob sie das bleiche, Thränen überströmte Gesicht zu ihm empor, und als sie den fremden Mann neben sich sah, richtete sie sich verwirrt, beschämt aus ihrer Stellung auf.»Aber wie können Sie sich hier so Stunden lang in das feuchte Gras werfen,« sagte der Actuar mit freundlichem Vorwurf — »Siemüssenja krank werden — nicht wahr, Sie kennen mich nicht mehr?«Das Mädchen sah ihn groß und verwundert an, und schüttelte dann langsam mit dem Kopf.»Ich sprach gestern Abend mit Ihnen, draußen vor dem Thor, wo die Musik in dem Hause war,« sagte Ledermann — »hatten Sie gar keine Ahnung von dem Schicksal des Bruders?«»Keine,« sagte die Arme leise, das Köpfchen wieder senkend.[pg 232]»Und wo erfuhren Sie seinen Tod?«Das Mädchen schauderte zusammen als sie des Augenblicks gedachte, und sagte endlich, wie mit angstgepreßter Stimme:»Gestern Abend in dem Haus — die Leute in der Gesindestube frugen mich wo ich herkäme und um meinen Namen, und dann —»Und dann?« frug der Actuar mitleidig, als das Mädchen schwieg und ihr Antlitz wieder zitternd in den Händen barg —»Dann sagten sie« — setzte das Mädchen, am ganzen Körper bebend hinzu — »daß Einer der so hieß — und sie spotteten dabei über sein Gebrechen — daß Einer — hier — « sie vermochte nicht auszureden und warf sich, rücksichtslos um den neben ihr stehenden Fremden, und in krampfhafter Verzweiflung, wieder auf das Grab nieder, das sie laut schluchzend mit ihren Armen umschlang, und den Bruder rief, sie zu sich zu nehmen in sein stilles, kühles Bett.Nur mit Mühe, und herzlichen tröstenden Worten die er zu ihr sprach, brachte sie Ledermann, als sich ihr Schmerz in etwas ausgetobt, endlich dahin sich etwas zu fassen und zu beruhigen, und ihm mehr über ihr Schicksal und sich selber zu sagen. Sie hieß Hedwig, war funfzehn Jahr alt und hatte bis zu ihrem elften Jahr bei einer entfernten armen Verwandten zugebracht, nach deren Tode sie, ein Kind noch, bei fremden Leuten in Dienst gehen mußte. Ihre Elteren schienen in besseren Verhältnissen gelebt zu haben, waren aber früh ge[pg 233]storben, und die Waisen sich selber überlassen gewesen. Ihr um zehn Jahr älterer Bruder Franz hatte sie dabei noch immer dann und wann von dem Wenigen was er selber verdiente, unterstützt, auch ihr vor einigen Monaten — und das mußte etwa grade vor seinem Tode gewesen sein, geschrieben, daß er recht sparsam lebe, und bald so viel zusammen zu haben hoffe mit ihr, der Schwester, nach Amerika auszuwandern, dort vielleicht ein kleines Geschäft oder irgend etwas Anderes anzufangen, ehrlich durch die Welt zu kommen. Hedwigs Aussage nach mußte er ihr auch die genaue Summe geschrieben haben, die er besaß, und als sie der Actuar dringend bat ihm den Brief zu verschaffen, wenn es irgend möglich sei, da der vielleicht vollständig des Bruders Unschuld beweisen konnte, zog sie aus ihrer Brust das zusammengefaltete und dort bis jetzt sorgfältig bewahrte Papier. Es war das letzte was sie von ihm bekommen, und als Monat nach Monat verstrich und keine neue Nachricht kam, wurde sie zuletzt unruhig und schrieb nach Heilingen. Aber auch hierauf erhielt sie keine Antwort und nicht mehr im Stande die Ungewißheit zu ertragen, verließ sie ihren Dienst und machte sich, mit wenigen Groschen in der Tasche auf, den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen. Und ihr Empfang? großer Gott mit Spott und Hohn wurde ihr Bruder — das einzige noch auf der Welt ihr gehörende Wesen, das sie mehr als sich selber liebte — eines furchtbaren Verbrechens beschuldigt, in Folge dessen er sich selber das Leben genommen, und schlimmer, gewaltiger noch als die Nachricht seines Todes, erschütterte das reine,[pg 234]vertrauensvolle Herz des armen Kindes der ersteZweifelan den Hingeschiedenen, der doch heimlich und quälend in ihr aufsteigen wollte, wie sie sich auch dagegen sträubte; und dochwußtesie daß er keiner schlechten Handlung fähig gewesen sei.Während dieser Erzählung flossen ihre Thränen stärker; wenn aber der Schmerz auch nur mehr aufgerüttelt wurde durch das Wiederdurchleben vergangener Scenen, fand sie doch auch einen Trost in dem Aussprechen über ihren Verlust. Der Actuar überlas indeß flüchtig den Brief, und den Datum mit dem verübten Raub vergleichend sah er, ob Loßenwerder nun schuldig oder unschuldig sei, daß jenes, bei ihm gefundene Geld sein Eigenthum gewesen sein müsse, schon vor dem Tag, und nicht mehr als Beweis gegen ihn gelten konnte.So traf sie Kellmann, der von Lobensteins direct auf den Gottesacker gegangen war, das arme Mädchen aufzusuchen. Mit wenigen Worten sagte ihm der Actuar was er von ihr erfahren, und der gutmüthige kleine Kürschner setzte sich neben sie auf das Grab des Bruders, nahm ihre Hand in die seine, und diese streichelnd sprach er ihr Muth und Hoffnung in das arme gequälte Herz. Sie sollte nicht mehr allein stehn auf der Welt; er wollte Freunde für sie finden, die sich ihrer annähmen, und sie Beide, Ledermann und er, wollten nicht ruhen noch rasten bis ihres Bruders Name wieder ehrlich gemacht sei vor der ganzen Stadt; lieber Gott, sie konnten ja nichts mehr für den Armen thun.Hedwig weinte, während er sprach; aber die Thränen lösten ihren Schmerz — die freundlichen Worte; oh die ersten[pg 235]wieder seit so langer, langer Zeit die sie gehört, thaten ihr wohl und bannten die Verzweiflung aus ihrem Herzen, der sie ja sonst wohl rettungslos verfallen wäre. Wieviel Segen hat schon ein herzliches Wort gebracht, dem Unglücklichen gespendet — wie viele Thränen getrocknet, wie manches Weh, wenn es nicht heilen konnte, doch gelindert.Kellmann erbot sich dann auch, sie zu seiner Mutter zu führen, wo sie wenigstens bleiben konnte bis sich etwas Weiteres entschieden. Von Amerika sagte er ihr noch Nichts, die nächsten Tage mochten sie erst mit dem Gedanken vertrauter machen, wenn sie hörte wie viel Leute die auch ihren Bruder gekannt und liebe Freunde von ihm selber seien, gerade jetzt nach dort hinübergingen.Hedwig zögerte noch schüchtern das gütige Erbieten anzunehmen, aber die Worte klangen so herzlich, so gut gemeint, sie stand so hülflos, so allein in der weiten Welt, der fremde Mann erschien ihr wie ein Engel des Himmels in ihrem Schmerz, und unter Thränen nahm sie seine Hand und dankte ihm, und sagte daß sie ihm folgen würde, wohin er sie führe.[pg 236]Capitel 10.Die beiden Familien.Der Leser muß mir noch, ehe wir unsere weitere Wanderung zusammen antreten, zu zwei Stellen folgen, in Lage und Art freilich gar sehr verschieden. Den Characteren, die wir dort finden, begegnen wir später wieder, theils auf der Reise, theils in ihrem neugewählten Vaterland.An der Hannöverschen Grenze lag ein kleines Dorf, Waldenhayn mit Namen, und fast versteckt zwischen mächtigen Linden und Fruchtbäumen, die es von allen Seiten dicht umgaben.Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ortschaft überschauenden Hügel stand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das sein Dach über gute und glückliche Menschen gespannt hatte, Jahrzehnte lang — und heute? — Guter Gott welche Veränderung in dem Haus — der Vater, Pastor Donner, still und ernst in seinem Sorgen[pg 237]stuhl, und, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, ordentlich eingehüllt in eine dichte Tabakswolke, die Mutter mit verweinten Augen, und doch immer geschäftig herüber- und hinübergehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu besorgen die sie immer wieder vergaß, ehe sie nur das andere Zimmer betreten.Der älteste Sohn Georg ging zu Schiff — ging nach Amerika über das weite, wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort für den unruhigen Geist das Glück zu suchen, das er hier nicht fand, und »wann würden sie ihn — ja würden sie ihn je wieder sehen?« Oh es ist ein großer Schmerz für ein Elternherz ein Kind in der Blüthe der Jahre zu verlieren — wie viel Sorge, wie viel schlaflose Nächte hat es gemacht, bis es wuchs und gedieh; welche Hoffnungen knüpften sich an das junge Wesen, und blühten und reisten mit ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch unsicheren Fuß vor Stoß und Fall zu schützen, wie ängstlich jedem bösen Eindruck gewehrt, der Herz oder Geist hätte vergiften können. Und nun das Alles preiszugeben der Welt, ihren Verführungen, ihren Gefahren für Geist und Körper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu sehn auf die stürmischen Wogen des Lebens — sich selbst überlassen, und der eigenen, vielleicht doch noch zu schwachen Kraft. Wie viele heimliche Thränen werden da geweint, wie trüb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter — Krankheit wird es erfassen und halten, und keine liebende Hand in der Nähe sein, es zu pflegen[pg 238]und ihm den Schweiß von der heißen, glühenden Stirn zu trocknen, die Verführung ihre falschen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und keine treu warnende Stimme ihm zur Seite stehn — Noth und Mangel vielleicht in bitterem Weh auf ihm lasten, und Niemand da sein, der ihm Hülfe bringt, und den Unglücklichen tröstet und unterstützt — Mutter und Vater sind fern, fern von dem Geliebten, seine Klage dringt nicht herüber zu ihnen — ihr Trost und Hülfswort nicht zurück zu ihm.Und ein solcher Abschied dann — der Tod pocht nicht viel härter an des Glückes Thor, und das Bewußtsein den Geschiedenen still und geschützt in kühler Erde zu wissen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, ist oft noch weniger bitter als dieserfreiwilligeTod — der Fortgang über's Meer, in eine fremde, ungekannte Welt — vielleicht so ohne Wiederkehr wie jener, und ohne jedes beruhigende Gefühl der Sicherheit. Der Scheidende ist da noch immer besser, weit besser daran als die Zurückbleibenden; ihm liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde draußen, jede Meile Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen Schmerz zu haften. Er hat auch zu sorgen, für sich und sein Gepäck, seine ganze Zukunft ist ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben — ein ungewohnt Geschäft bis jetzt — und fremde Landschaft, fremde Scenen wechseln so rasch an ihm vorüber, daß jedes Bild einen Theil des alten Schmerzes fortführt mit sich. Selbst der Gedanke an die Verlassenen hat nicht das Herbe, Bittere für ihn, als es für[pg 239]diese hat, wenn sie sein gedenken, und sich mit Vermuthungen quälen müssen wie es jetzt ihm geht, was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt.Er weißin welchem Kreis die Seinen sich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen, häuslichen Beschäftigungen, ihr gleichmäßiges Wirken und Schaffen, und sein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt seinen festen Anhaltspunkt an sie sich unverkümmert fort, bis das Bild, von anderen dicht umdrängt in weiter immer weiterer Ferne langsam erbleicht, und nur noch auf dem Hintergrund des Herzens wie schlummernd liegt, in seinen Träumen ihn zu segnen, oder dereinst, wenn die Welt ihn kalt und rauh von sich stößt, und er allein und freundlos sich da fühlt, wieder aufzuglühen in aller Frische und Wärme, ein Trost und Hoffnungsziel, dem armen, einsamen Wanderer.Georg war ein junger lebenskräftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit dunkelbraunen, vollen, ihm frei und ungescheitelt über die offene sonngebräunte Stirn fallenden Locken, schwarzen klaren Augen und freien, gutmüthigen Zügen, die selbst eine breite dunkle Narbe über den rechten Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entstellen konnte. Er hatte Medicin studirt, und sich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiß verdient, aber die Aussichten für einen jungen Arzt waren trüb und unversprechend in seiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er schon so viel gelesen und gehört, zog ihn mächtig an. Sein Vater konnte und wollte dieses Streben nicht bei ihm unterdrücken; auch er erkannte die Banden, die hier einen kräftigen Geist so leicht in Fesseln legen, und ehrte den Wunsch[pg 240]und Drang der jungen, nach Thaten dürstenden Brust, einen Schauplatz zu finden für ihr Sehnen und Wirken, wenn er sich auch wohl selber dann wieder mit einem schweren Seufzer gestehen mußte, wie manche Hoffnung der Sohn zertrümmert, wie manche Erwartung er getäuscht sehn würde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer aufsteigenden Sonne, von warmem Lichte übergossen winkte. Und wie würde sich sein Herz dann bewähren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden, Flaggen- und Blumengeschmückten Wällen seiner eigenen Luftschlösser aufschaute, wenn es an deren Trümmern stand? oh daß er dann hätte an seiner Seite stehen und ihn leiten dürfen den dunklen, schmalen Pfad zum wahren Glück — retten ihn dann vor sich selbst und seinem bittern Weh.Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb sich selbst den Augenblick vergiften, wo sich der Himmel noch blau und rein über seiner Zukunft spannte. Georg selbst sah auch Nichts von solchen trüben Bildern, die das Herz des Vaters oft mit banger Trauer füllten; ihm war das Thor jetzt weit und frei geöffnet, das hinaus in's Leben führte und an dessen Schwelle er stand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag schwer auf seiner Seele.Am schwersten freilich trug gerade diese Stunde, weil ganz und ungetheilt, das Mutterherz. Nicht dachtesiein diesem Augenblick an die Hoffnungen die dem Sohne in der Welt draußen blühen, an die Gefahren die ihm drohen könnten; sie sah und fühlte Nichts, als die Trennung von demKind, den Abschied von dem Heißgeliebten, und wie im Traum hatte sie[pg 241]schon den ganzen Tag ihren gewöhnlichen Beschäftigungen obgelegen, wie im Traum noch einmal seine Lieblingsgerichte bereitet für den Abend, den letzten Abend, den er im Vaterhause zubringen würde.Lieber Gott, die Speisen kamen Abends auf den Tisch und wurden gegessen, aber Keiner von allen, die jüngsten Geschwister ausgenommen, schmeckten was sie aßen; man sprach dabei über das an dem Nachmittag fortgesandte Gepäck, über das Wetter, über die Uhr die zehn Minuten vorging — Georg trug Grüße auf an alle seine Bekannte, die sich noch seiner erinnerten. Er hatte an dem Tag noch selber ein paar Briefe schreiben wollen, war aber nicht dazu gekommen — Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; so wollte er einen Absenker von dem Rosenstock mitnehmen der vor der Mutter Fenster blühte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber während dem Essen stand die Schwester — unvermißt — vom Tische auf, ging hinaus, grub einen Absenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem sich die Thränen in die Augen zwangen — er mochte kämpfen dagegen wie er wollte als er die Gabe sah. Die Mutter stand vom Tisch auf und ging hinaus — nicht ein Wort wurde gesprochen so lange sie fort war. Die Speisen verschwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die Mutter kam zurück und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man konnte den langsamen Gang der Uhr hören, an der Wand.Da endlich füllte der Vater sein Glas bis zum Rand,[pg 242]hob es mit der Linken und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des Sohnes, zum Trost vielleicht der Mutter sprechen wollen, aber die Worte schwollen ihm im Mund — er brachte eine volle Minute keine Sylbe über die Lippen, und sich gewaltsam fassend und zusammennehmend sagte er endlich.»Auf ein frohes Wiedersehn Georg!«Georg preßte des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den Geschwistern zu — und die Mutter hob ihr Glas und stieß mit dem Sohne an, aber mehr vermochte das Mutterherz nicht — zu lange hatte sie jetzt gewaltsam gegen ihr eigenes Gefühl an- und den Schmerz niedergekämpft, den Anderen zu Liebe; länger war sie es nicht im Stande, und das Glas mit zitternder Hand niedersetzend, daß der Wein über und auf das Tischtuch floß, stand sie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und schluchzte laut.»Mutter, liebe — liebe Mutter — «»Mein Kind — mein Kind,« jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an Heftigkeit, wie der mächtig aber still dahinwälzende Strom schäumend hinausdonnert in's Freie, wo er sich erst einmal Bahn gebrochen aus seinem Bett — »mein liebes — liebes Kind.«»Aber Mutter,« bat der Pastor, »fasse Dich; es ist ja doch nur vielleicht auf kurze Zeit, bis sich der Junge draußen die Hörner abgelaufen, und ihm die Heimath anders aussieht wie jetzt; dann kommt er wieder.«»Liebe — liebe Mutter,« flüsterte Georg, sie innig an sich[pg 243]schließend, und auch ihm erstickten unaufhaltsam fließende Thränen die Stimme.Die Geschwister weinten auch, und der Vater war aufgestanden und ein paar Mal mit raschen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich aber nur seine eigene Fassung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne stehn, und sie langsam trennend sagte er mit sanfter, bittender Stimme:»Kommt Kinder, kommt — macht Euch selber nicht das Herz zum Brechen schwer; das ist unrecht. Ueberdies quält Ihr Euch zweimal, und habt morgen früh noch dasselbe Leid. Es ist eine lange Trennung, aber keine Trennung für's Leben — wir sind Alle noch rüstig und gesund, und werden uns, will es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme schließen können.«»Aber Du schreibst bald, Georg,« flüsterte die Mutter sich mit aller Kraft zusammennehmend — »Du läßt uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du versprichst mir das?«»Gewiß Mutter, gewiß — so oft ich kann — aber ängstigt Euch nur auch nicht, wenn einmal ein Brief länger ausbleibt als gewöhnlich; der Weg ist weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn.«»So, und jetzt zu Bett Kinder,« mahnte der Vater — »es ist spät geworden, sehr spät, und Du mußt früh wieder heraus Georg, die Post nicht zu versäumen; sind Deine Koffer hinübergeschafft?«»Es ist Alles drüben,« sagte die Mutter, sich aus den[pg 244]Armen des Sohnes windend und ihre Thränen trocknend, »nur sein Ueberrock ist noch hier, den er anzieht, und die kleine Tasche in die er morgen früh sein Nacht- und Waschzeug steckt — doch das besorg' ich schon selber und werd' es nicht vergessen. Ich bin früh auf, Georg, Du mußt ja doch auch noch Deinen Kaffee haben bevor Du gehst.«»Gute Nacht Mutter!« rief Georg, umschlang sie noch einmal und küßte ihr Lippen, Augen und Stirn, »gute Nacht meine gute, gute Mutter — gute Nacht!«»Gute Nacht mein Georg, mein Kind,« sagte die arme Frau unter Thränen — »schlaf nur jetzt recht aus — zum letzten Mal unter unserem Dach — für die nächste Zeit wenigstens,« setzte sie rasch hinzu — »denn mit Gottes Beistand hoff' ich soll es nicht das letzte Mal gewesen sein — und — und meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehst — wo Du weilst — was Du thust — — er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!«Georg beugte sich unwillkürlich dem ernsten heiligen Wort — seine ganze Gestalt zitterte dabei, und die Mutter mußte sich endlich mit freundlicher Gewalt aus seinen Armen winden; dann aber floh sie auch hastigen Schrittes aus dem Zimmer, sich in dem eigenen Kämmerlein recht, recht herzlich auszuweinen.Die Geschwister sagten dem Bruder jetzt gute Nacht — die älteste Schwester Louise hing lange an seinem Hals, aber riß sich los, den Schmerz der Eltern nicht zu vermehren. Die Jüngeren küßten ihn auf die Wangen und sagten. »Gute[pg 245]Nacht Georg — weck' uns nicht zu spät morgen früh, daß wir Dir auch noch können glückliche Reise wünschen.«Georg küßte sie herzlich und bat sie brav und gut zu sein, und Vater und Mutter Freude — viel Freude zu machen, denn er selber ginge nun fort, und die Eltern würden deshalb recht traurig sein.»Gute Nacht Georg,« sagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen waren, und Alle, außer ihm, das Zimmer verlassen hatten, »habe keine Angst daß Du die Post morgen verschläfst, ich wache schon auf zur rechten Zeit — gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht selber wieder an, und mach' mir das Herz nicht schwer vor der Zeit — aber Georg, um Gottes Willen was ist Dir? — sei ein Mann — Nun ja — so lange die Frauen da waren hat es mir auch das Herz fast abgedrückt — man darf es sie ja nicht so merken lassen, sonst zerfließen sie ganz — «»Mein lieber — lieber Vater,« schluchzte Georg an seinem Halse.«»Mein guter, guter Sohn!« flüsterte der Pastor, des Kindes Stirne küssend, und jetzt selber im Innersten ergriffen und bewegt — »bleibe brav — bleibe so brav wie Du bist — ich kann Dir nichts Besseres wünschen — trage Gott im Herzen und Dich selbst, und — Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir folgt auf allen Deinen Wegen.«»Mein Vater!«»So mein Sohn — jetzt gute Nacht und bete zu Deinem[pg 246]Schöpfer daß er uns morgen in der schweren Abschiedsstunde stärkt — gute Nacht mein Georg — gute Nacht.«Leise machte er sich los aus des Sohnes Arm, küßte ihn noch einmal, und verließ dann rasch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf dem Stuhle sitzen wo ihn der Vater verlassen, das Gesicht in seinen Händen bergend.»Gute Nacht,« flüsterte er endlich leise und kaum hörbar, als Alles schon im Hause still war, und zu Ruhe gegangen — »gute Nacht Ihr Lieben und Gott schütze Euch und mich; aber nicht möglich wäre es mir, die furchtbare Trennungsstunde noch einmal durchzuleben, nicht möcht' ich Dir Vater, Dir Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es ist vorbei — Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath selber liegt, ein schöner Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an's Werk« setzte er fest und entschlossen hinzu, »und ob das Herz darüber brechen will, »durch« ist mein Wahlspruch jetzt, durch Nacht zum Licht —durch.«Und mit den, fest zwischen den zusammengebissenen Zähnen gemurmelten Worten stand er auf, und sein Schlafzimmer öffnend warf er den Rock ab, und badete Gesicht und Nacken in kühlem Wasser. Dann, als er die Glut die ihn durchtobte, in etwas gelöscht, packte er den kleinen Nachtsack mit den, sorglich für ihn auf dem Waschtisch ausgebreiteten Gegenständen, zog sich wieder an, knöpfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht war kalt, und nach der gehabten Aufregung fröstelten ihn die Glieder, und im Zimmer umherschauend fiel sein Blick auf den, unter dem Spiegel stehenden, für ihn ein[pg 247]geschlagenen Rosenstock. Rasch barg er ihn in der weiten Tasche seines Ueberrocks, öffnete dann das Fenster, das in den Garten hinaus und von da über den Kirchhof führte, der Landstraße zu, und schwang sich auf das Fensterbret.»Ade!« flüsterte er, »ade Du trautes, liebes Haus, ade — Gott halte seine Hand über Dir, und schütze die lieben Menschen — ade, ade.« Und von dem Bret hinunterspringend in den Garten, durcheilte er diesen, schwang sich leicht über die Kirchhofmauer, die er als Kind unzählige Male überklettert, und schritt dann langsam und traurig seinen einsam dunklen Weg entlang.* * * * *Noch hob sich die Sonne nicht über den östlichen Fichtenhang, und der dämmernde Tag grüßte eben die schlummernde Erde, als sich die Mutter von ihrem Lager hob, das Mädchen weckte daß es Feuer in der Küche mache, den Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu sagen. Pastor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen — die Gedanken und Sorgen ließen ihn nicht ruhen, und wie aus bösem Traum fuhr er oft empor, mit einem wehen Stich durch's Herz zurückzusinken,daßes eben kein Traum sei, der ihn bedrücke und quäle.Er stand auf, zog sich an, und während die Mutter draußen in der Küche sorgte, dem Sohn ein rasches Frühstück zu bereiten, ging der Vater hin ihn zu wecken.[pg 248]»Georg!« sagte er, als er die Thür öffnete, die in des Sohnes Kammer führte — »Georg — es wird Zeit — heiliger Gott!« unterbrach er sich aber rasch und erschreckt als er das Gemach leer, das Bett unberührt und keine Spur mehr von dem Kinde fand — »heiliger, erbarmender Gott — er ist fort.« Und wie er sich auch vorgenommen sich zu fassen, und der Frau, dem Kind, die letzten Augenblicke nicht mehr zu erschweren, durch seine eigene Schwäche, traf ihnderSchlag doch zu hart — zu unerwartet. In diesem Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und sah wie der Vater sich erschüttert von der Thür abwandte und das Antlitz in den Händen barg.»Mein Sohn — mein Kind!« stammelte sie, in der sie durchzuckenden Ahnung des Geschehenen, der sie wie ein jäher Schlag in's Herz traf — »wo ist — wo ist Georg?« Aber der Vater zog sie an die Brust, und ihre Stirn, auf die seine heißen Thränen fielen, küssend, flüsterte er leise:»Er hat uns den Schmerz des Abschiedes sparen wollen, Louise — er ist fort.«»Fort!« hauchte die Frau — kaum noch den Sinn der Worte fassend, und brach bewußtlos in den Armen des Gatten zusammen.* * * * *Außerhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demselben Kirchspiel gehörend, und dicht an der Grenze des bis hier herniederlaufenden Holzes, stand ein kleines, schon halb verfallenes[pg 249]Haus, das früher einmal von einem Forstgehülfen des herrschaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war. Der Mann der es kaufte aber, hatte früher ebenfalls in herrschaftlichen Diensten gestanden, und dann das Metzger-Handwerk getrieben; sein wildes, liederliches Leben jedoch ließ sein Geschäft nicht fördern, noch vorwärts gehn. Er schien auch keine rechte Lust an einer regelmäßigen Arbeit zu haben, heirathete dann, als er Alles was er sein nannte, durchgebracht, ein Mädchen vom herrschaftlichen Gut, das den Dienst dort verlassen mußte und von dem Herrn selber eine Abstandssumme bekam, und kaufte mit dem Gelde eben das kleine unwohnliche Gebäude, das er nichtsdestoweniger bezog, und sich jetzt angeblich vom Viehhandel ernährte. Er zog im Lande herüber und hinüber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb er sich in den Wirthshäusern herum, wo er trank und spielte, und den schlimmsten Ruf im Lande hatte, den ein Mensch haben kann, ohne daß jedoch die Polizei den mindesten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die ordentlichen Leute zogen sich von ihm zurück; Niemand mochte Umgang mit ihm oder seinem Weibe haben, und auf dem Weg zu seinem Hause wuchs Gras; wen dort nicht ein besonderes Geschäft hinführte, betrat ihn nimmer.So hatte der »schwarze Steffen,« wie er im Lande seines dunklen Haares und Aussehns wegen hieß, sechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und sein Weib ihm, außer dem Kind das sie in die Ehe gebracht, noch drei andere geboren. In der[pg 250]letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn auf, daß er sich nämlich unter der Hand mit Wilddieben einlasse, und — wenn auch vielleicht nicht selber wildere, doch das Gestohlene kaufe und unterbringe.Sicher ist, daß nicht alles Fleisch was er zu Markte führte, im Stall gemästet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht so sehr langer Zeit, ein Forstgehülfe, in Ausübung seiner Pflicht, erschossen worden, wurde die Aufsicht über den schwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu Kragen konnte, so scharf geführt, und diesem zuletzt so unerträglich, daß er schon ein paar Mal mit den Forstbeamten im Wirthshaus Streit gesucht und gefunden, und ihm zuletzt von der Herrschaft, nach lange geübter Nachsicht, der Befehl zugestellt wurde, das auf den Abbruch damals erstandene Haus, von dem übrigens kein Ziegel mehr sein gehörte, zu räumen und abzutragen oder stehen zu lassen, wie es ihm gefalle, seinen Wohnsitz aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom ersten des nächsten Monats an.Steffen war heute einmal ausnahmsweise den ganzen Tag zu Haus geblieben, und hatte manche von seinen Sachen, wobei ihm die Frau half, zusammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten wenig darauf; sie waren gewohnt daß der Vater oft fortging, und dann immer mehre, manchmal sogar acht Tage fortblieb, ehe sie ihn wieder zu sehen bekamen, oder auch nur von ihm hörten. Fragen, wohin er ging, durften sie nie.Der Vater war übrigens mürrischer heute als je — er[pg 251]sprach fast kein Wort, trank aber oft aus der Flasche, die zum ersten Mal offen in der Stube stand, und woraus sich auch die Mutter zweimal einschenkte, und sich dann zu dem jüngsten Kinde setzte, und es auf den Schoos nahm und küßte.»Weshalb weinst Du, Mama?« sagte das zweite Kind, ein Junge von etwas über fünf Jahren — »hat Dir Jemand 'was zu Leid gethan?«»Weil sie eine Närrin ist,« brummte der Vater, der die Frage gehört hatte, und jetzt einen ärgerlichen Blick nach der Frau schoß — »ich dächte wir hätten nun genug darüber geschwatzt und die Sache wär' abgemacht.«»Nun ja — ich sage ja auch kein Wort mehr dagegen,« erwiederte die Frau — »es — es überkommt Einen nur noch manchmal so — nachher wird's besser und — es geht ja doch nun einmal nicht anders,« setzte sie still und schwer vor sich hinseufzend, hinzu.Steffen entgegnete nichts weiter darauf, schickte aber bald darauf, unter irgend einem Vorwand, die Kinder mitsammen hinaus in den Garten, und sagte dann, als er sich mit der Frau allein sah, mürrisch und finster.»Du flennst und flennst, und wirst die Bälge noch zuletzt aufmerksam und ängstlich machen mit Deiner Heulerei — kannst Du sie hier ernähren, so bleib da, ich habe Nichts dagegen; kannst Du's aber nicht, dann sei auch vernünftig und mach' jetzt keine dummen Streiche — es wär' ein Spaß, wenn sie uns abfaßten, und Du weißt am Besten was uns nachher bevorstünde.«[pg 252]Die Frau war schlank und voll gewachsen, mit besonders kleinen Händen und Füßen, mußte auch einmal in früheren Jahren wirklich schön gewesen sein, und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, hätte sie eben etwas gethan sich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeußeren ging sie, wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachlässigt; die ungeordneten Haare wurden durch einen zerbrochenen, ächten Schildpatkamm, und durch ein schwarzes abgescheuertes Sammetband, in dem vorn eine große bronzene Broche mit einem unächten Turquis saß, gehalten; in den Ohren hingen ihr ebenfalls lange emaillirte unächte Ohrringe, die mit dazu beigetragen hatten ihr bei ihren bescheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der »stolzen Jule« zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem Schnitt gemacht, zeigte unausgebesserte Risse, und Spuren von Fett, in Streifen und Flecken, die schlecht zu dem blitzenden falschen Schmucke paßten.Auch in den Augen selber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch jetzt einem mächtigeren Gefühl gewichen war, denn nur manchmal, bei den rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog sich dann ein eigener fester Zug von Trotz und Zorn.»Ich hab' Dir genug zu Willen gethan, daß ich mit Dir gehe und die Kinder zurücklasse,« sagte sie dann nach kleiner Weile — »wenn's mir das Herz dabei zusammenzieht, wärst Du schlimmer wie ein Thier, wolltest Du's mir wehren. Der Wolf läßt seine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort — «[pg 253]»Der Wolf hat auch draußen zu leben, und für die Jungen Milch — wer giebt's uns?« zischte der Mann zwischen den zusammgebissenen Zähnen durch — »wir könnten krepiren hier im Nest, keine Katze miaute deshalb im ganzen Kreis.«»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte die Frau, »und das ist das Einzige was mich freut, daß wir ihnen jetzt einen Streich spielen — den Lumpen. Und wie sie schreien und schimpfen werden — aber ernähren müßen sie sie doch, davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut's Einem freilich immer, die armen Dinger, die noch Nichts von der Welt wissen und begreifen, so allein zurückzulassen — wenn ich das Jüngste nur mitnehmen dürfte — « setzte sie leise hinzu.»Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Gewäsch,« rief aber der Mann finster und ärgerlich — »ich dächte das hätten wir über und genug besprochen und überlegt, und wären einig darüber.«»Ueberlegt gar nicht,« sagte aber die Frau, die Brauen fest zusammenziehend — »wenn ich davon anfing hast Du mich immer grob angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem Anderen. Ich weiß daß ich nicht zu den Weichen gehöre, aber — Mutter bleibt doch Mutter, und — 's ist immer ein häßlich unnatürlich Ding.«»Papperlapapp!« sagte der Mann den Kopf herüber und hinüber werfend — »unnatürlich — natürlich ist's allerdings nicht daß die Scheunen ringsherum voll liegen, und das reiche Lumpenpack das Geld mit vollen Fausten zum Fenster hinaus[pg 254]wirft, während wir hier trocken Brod nagen sollen, und das nicht einmal immer kriegen — schöne Natürlichkeit das.«»Wenn Du nur nicht den dummen Streich mit dem — «»Halt's Maul!« brummte aber der Mann mürrisch — »ich sollte mich wohl erwischen und anzeigen lassen, daß ich jetzt im Zuchthaus säß und spänn — Gott verdamm mich, ich schösse eher die ganze Bande über den Haufen, einen nach dem anderen — bist Du nun fertig mit Deinen Sachen?«»Ja!« sagte die Frau leise und unwillkürlich zusammenschaudernd — »es kann fort gehn.«»Wir wollen aber doch warten bis es dunkel ist,« sagte Steffen nach kleiner Pause; »besser ist besser, und der Märtens unten an der Straße braucht nicht gleich zu wissen daß wir fortgefahren sind, beide zusammen, seine Nase hineinzustecken vor der Zeit; er ist mir so schon ein paar Mal hier oben herumgekrochen, wo er Nichts zu suchen hatte.«»Aber wenn sie uns nun doch vor der Zeit vermissen?« sagte die Frau, »und unserer Spur nachgehn; wenn's jetzt schlimm ist, nachher wird's erst bös, und wir dürften dann nur gleich mit Sack und Pack abziehn.«»In's Arbeitshaus, eh? — nein, eine Weile halt' ich sie uns schon von den Hacken, und Gefahr daß sie uns finden, hat es auch nicht. Wo wir zur Eisenbahn kommen bin ich bekannt, und habe schon manchmal Vieh da gekauft, wenn sie auch eben meinen Namen nicht wissen, und wenn wir fortgehn, lasse ich einen alten Hut von mir und das gelbe Tuch von Dir unten an dem tiefen Wasserloch unter den Erlen. Sobald[pg 255]Jemand hier in der Gegend vermißt wird, suchen sie dort immer zuerst, und der Schulze im Dorf hat das Pulver nicht erfunden, dem ist leicht was aufgehängt. Bis sie eine Weile stromab geangelt haben, sind wir hoffentlich unterwegs, und wenn nicht unter, doch über dem Wasser. Aber ich will jetzt noch einmal hinunter zum Märtens gehn und Mehl holen; es ist auch heute der gewöhnliche Tag, und hierher kommt nachher keiner so leicht, nimm Du indeß die Kinder vor, und instruire sie wie sie sich zu verhalten haben.«Und seine Mütze aufgreifend steckte Steffen die Hände in die Taschen, und schlenderte langsam den Hang hinunter dem nächsten, eine gute Viertelstunde entfernten Hause zu, während die Frau die Kinder zu sich hereinrief, das Jüngste, ein kleines liebes Mädchen von anderthalb Jahren, auf den Schoos nahm, und sich damit still und lautlos in die Ecke setzte.Die Sonne neigte sich indessen ihrem Untergang, und der Vater kam nach etwa einer Stunde, als es schon völlig dunkel geworden war zurück — die Mutter saß noch immer mit dem Kind auf dem Schoos, das bei ihr eingeschlafen war, und hielt es fest an sich gedrückt.»So Jule, es ist Zeit,« sagte der Mann, seine Arbeitsjacke abwerfend und den Rock anziehend, »weiß die Albertine was sie zu thun hat?«Die Frau zitterte am ganzen Leib, aber sie erwiederte kein Wort, stand auf, küßte das Kind das sie auf dem Arm trug,[pg 256]und legte es in sein Bettchen — einen Kasten, der in der Ecke der Stube stand.»Albertine,« sagte sie dann zu der Aeltesten, und wandte sich von der düster brennenden Oellampe, die Steffen auf den Ofen gestellt hatte, ab, daß die Tochter ihr nicht in die jetzt wirklich todtenbleichen Züge schauen sollte — »ich gehe mit dem Vater heute Abend eine Weile fort — den Karl bring ich erst noch zu Bett — sollten wir morgen früh nicht bei Zeiten da sein, so — so zieh die Kinder an und gieb ihnen zu essen — der Brodschrank ist offen, und Milch steht unter der Diele in der Schüssel — Du paßt mir auf daß den Kleinen Nichts passirt — Du — Du bist ja schon ein großes Mädchen.«»Und geht mir nicht vor die Thür morgen, bis wir nicht wieder da sind,« sagte Steffen, »wie ich heut Abend drunten gehört habe, ist hier ein toller Hund herumgelaufen. Das Beste wird sein Ihr haltet die Hausthür zu, daß er nicht etwa gar herein kommt.«Die Frau hatte dabei das etwa dreijährige Mädchen das indeß gar schläfrig geworden war, ausgezogen und in sein Bettchen gelegt — und der Junge, Carl, saß auf der Bank am Fenster, noch auf sein Abendbrod wartend. Aber er sah auch erstaunt dabei die Eltern an, die noch nie so spät Abends fortgegangen waren, und auch wohl noch nie, oder doch nur selten gar so freundlich mit ihnen gesprochen hatten.»Was für ein Hund ist es, Vater?« frug er jetzt, da der Gedanke an den tollgewordenen Hund ihn besonders interessiren[pg 257]mochte — »Märtens' Bello? der kennt mich, und beißt mich nicht.«»Nein, der große Türk aus dem Dorfe unten,« sagte Steffen — »der den Müller auch schon einmal gebissen hat.«»Oh der ist schlimm!« rief der Knabe erschreckt — »da geh' ich gewiß nicht hinaus.«»Geh' nun zu Bett Carl, es ist spät,« sagte der Vater.»Ich habe mein Abendbrod noch nicht,« brummte der arme kleine Bursch.»So? — dann wird Dir's Albertine geben — und — seid brav und folgt ihr — «Er gab dem Knaben und ältesten Mädchen die Hand, und ging zu den Bettchen der Kleinen die er küßte; dann aber als ob er sich einer solchen Regung schäme, richtete er sich rasch wieder auf, drückte den Hut in die Stirn, und sagte, das Zimmer verlassend, und noch in der Thür sich umdrehend:»Ich warte auf Dich unten am Wasser — mach schnell!«»Sei ein gut Kind Albertine, und hab mir gut auf die Kleinen Acht,« flüsterte die Frau jetzt dem Mädchen zu, das eben dem Bruder ein Stück Brod und Salz gegeben hatte, an dem der aß und verwundert dabei hinter den Vater her aus der Thür, und nach der Mutter schaute, die lange — o lange Zeit nicht so freundlich mit ihnen gesprochen hatte.»Aber Mutter wo geht Ihr nur hin?« — frug das Mädchen, der das Benehmen der Eltern ebenfalls auffiel, verwundert.»Auf's Amt,« sagte die Frau, auf die Frage schon vor[pg 258]bereitet — »wir müssen morgen früh mit Tagesanbruch in der Stadt sein, und wollen gehn so lang's kühl ist.«»Und wann kommst Du wieder?«»Hoffentlich morgen gegen Abend — wenn wir fertig werden; auf dem Amt sind sie aber gar weitläufig — manchmal dauert's länger als man denkt. Geht mir aber nicht vor die Thür, Ihr habt zu essen genug — jedenfalls sind wir morgen Abend um die Zeit wieder da — und acht' mir auf die Kleinen, Tine — sei ein vernünftig gutes Mädchen — Du bist groß genug. Und — wenn Jemand nach uns fragen sollte, so sag nur wir wären in den Wald gegangen, und kämen gleich wieder — es wird aber wohl Niemand fragen,« — setzte sie leise, und wie zu ihrer eigenen Beruhigung hinzu.Sie sah sich im Zimmer um, ob sie Nichts vergessen habe — ihr Bündel lag aber versteckt draußen vor der Thür, wie der Mann seine gepackte Jagdtasche ebenfalls draußen verborgen gehabt und jetzt mitgenommen hatte. Ihr Blick überflog auch nur flüchtig den kleinen Raum, und haftete dann auf dem Bettchen des jüngsten Kindes — sie konnte nicht widerstehn, und trat noch einmal zu dem schlummernden Kind.»Geh doch hinaus Tine, und hole ein paar Stücken Holz herein, so lang ich noch hier bin, daß Du morgen früh Kaffee kochen kannst — ich bleibe so lang bei den Kindern,« setzte sie langsam und ohne das älteste Mädchen dabei anzusehn, hinzu. Dieses ging, und in wilder, fast ängstlicher Hast küßte die Frau jetzt die kleine, schon sanft schlummernde Line, und hob dann[pg 259]das Jüngste aus seinem Kasten, auf dessen rosige Lippen sie den eigenen Mund in wilder Heftigkeit preßte, bis es schrie. Die Thränen — die Mutterkonntesich nicht ganz verleugnen in dem Augenblick — liefen ihr dabei voll und schwer die Wangen hinunter, und erst als sie das Aelteste mit dem Holz zurückkehren hörte, legte sie das leicht beruhigte Kind wieder auf sein Lager, und küßte den Jungen, dem die Thränen auch anfingen in die Augen zu steigen. Er wußte freilich nicht recht weshalb, und nur vielleicht weil er die Mutter weinen sah, wurd' es ihm auch so weh und weich um's Herz.»Aber Mutter, was ist Dir nur heute Abend?« sagte das Mädchen, dem die außergewöhnliche Bewegung derselben unmöglich entgehen konnte — »was habt Ihr nur, Du und der Vater?«»Bah — der Vater war garstig mit mir, und wir haben uns gezankt,« sagte die Mutter, das Gesicht abwendend von dem Kind.Ein scharfer Pfiff von draußen her schlug an ihr Ohr, und sie fuhr erschreckt in die Höhe.»Ja — ich komme schon!« murmelte sie, kaum hörbar, vor sich hin, »so adieu Albertine — hab auf die Kinder Acht, und —behüt Euch Gott!« und mit dem, wie scheu geflüsterten und vielleicht seit langer, langer Zeit nicht ausgesprochenen Segen, verließ sie rasch das Zimmer und das Haus.[pg 260]»Was zum Teufel trödelst Du denn da drin, und läßt mich eine Stunde hier warten?« rief der Mann mürrisch, als sie ihn endlich an der verabredeten Stelle traf — aber die Frau erwiederte kein Wort, und die fieberheiße Stirn in die Hand pressend, folgte sie dem, jetzt ebenfalls finster und schweigend Voranschreitenden, durch die Nacht.
[pg 212]Capitel 9.Rüstungen.»Nach New-Orleans!«»Das ausgezeichnet schöne, 360 Last große, schnellsegelnde, kupferfeste und gekupferte dreimastige Bremer Schiff erster Klasse:Die Haidschnucke, CapitainE. Siebelt, mit vorzüglicher Gelegenheit für Cajüts- und Zwischendecks-Passagiere — wird am 30. August expedirt.Agent dafür, I. G. Weigel,Hauptagent des Central-Bureau's für Norddeutsche Auswanderung in Heilingen, am Markt Nr. 17.«Diese Anzeige stand am Morgen nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfällen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur desselben, hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt wollen vorübergehen lassen, einige entsetzliche Mordgeschichten und falsche Bankerotte aus den Vereinigten Staaten,[pg 213]wie zur Entmuthigung aller Auswanderungslustigen, in der nämlichen Nummer seines Blattes abzudrucken.Weigel war wüthend darüber, und schrieb augenblicklich einen anderen Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er ganz naiv erklärte, »sich dadurch selber blamiren würde.« Uebrigens sei die Sache auch schon erledigt, indem die Schiffsanzeigefür, sein Artikel abergegenAmerika und die Auswanderung wäre, und er es sich zum Grundsatz gemacht hätte, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu beleuchten — wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einrücken lassen, sei er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er möge ihn deshalb, wenn er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen.Die Abfahrt dieses Schiffes war aber für Heilingen in so fern von nicht unbedeutender Wichtigkeit, als sich mehre Familien dieser Stadt ernstlich dahin entschlossen hatten, mit demselben nach Amerika auszuwandern. So unter Anderen Professor Lobenstein, der sein Haus jetzt verkauft, und der Stadt überhaupt durch seine beabsichtigte Auswanderung höchst willkommenen Stoff zu den mannichfaltigsten Vermuthungen und Erörterungen geliefert hatte. Ja mehrere Kaffeegesellschaften der näheren Bekannten Lobenstein's waren wirklich nur einzig und allein zu dem Zweck gegeben worden, sich einmal ordentlich über die Sache »aussprechen« zu können.Auch in dem Dollinger'schen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende Veränderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika erhielt, nach denen seine An[pg 214]wesenheit dort, dringend nothwendig geworden. Zwei Wechsel trafen zugleich für ihn ein, wie ziemlich starke Aufträge zu Ankäufen in Tuchen und Seidenwaaren von seinem Haus, welches Geschäft er mit Herrn Dollinger in Gemeinschaft auszuführen gedachte.Der alte Herr Dollinger, so schwer es ihm auch wurde, und so lange er sich dagegen gesträubt, mußte da wohl endlich seine Einwilligung zu der Verbindung Clara's mit dem jungen Amerikanischen Kaufmann, über dessen Familie und Geschäft in New-Orleans er von einem dortigen Geschäftsfreund das Beste erfahren hatte, geben. Nur wunderte man sich dort, daß der junge Henkel in Nord-Deutschland sei, während man ihn auf einer größern Tour durch Italien und Griechenland vermuthet. Die Leute dort konnten nicht wissen daß der junge Mann auf dem Rhein andere Pläne für seine Zukunft geschaffen, als er sie früher vielleicht ausgesonnen.Am letzten Sonntag war also, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und Clara, das liebe holde Mädchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners — wie man ihn überall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun freilich noch, in der kurzen Zeit all die nöthigen und so mannichfachen Vorbereitungen zu einer Reise nach Amerika für die junge Frau zu treffen. Es sollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reise werden, denn Henkel hatte sich schon selber fest erklärt, seinen künftigen Wohnsitz keineswegs in Amerika, sondern in Havre nehmen zu wollen, wo überdies, der bedeutenden Geschäftsverbindung wegen mit diesem Hafen, ein Associé[pg 215]des Hauses sich aufhalten mußte. Ein oder zwei Monate gedachten die jungen Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen, was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung sehr erleichterte, und spätestens im März oder April schon wieder nach Europa zurückkehren zu können. Die ganze Reise war dadurch wirklich fast nur zu einer etwas längeren Vergnügungsfahrt geworden.Auch für Clara's Mutter war das Bewußtsein, ihr Kind nicht für immer zu verlieren und bald wieder in die Arme schließen zu können, eine unendliche Beruhigung, und selbst hierzu hatte es ihr einen großen Kampf gekostet, ihre Einwilligung zu geben. Clara selbst aber hing mit ganzem Herzen an dem theuren Mann, und fühlte sich vollkommen glücklich in einer Verbindung, die seit sie den Fremden kennen und lieben gelernt, ihr das Ziel ihrer irdischen Wünsche geschienen.Was war ihr die Reise, was die Gefahr und Mühseligkeit derselben? sie wäre ihm in eine Wildniß gefolgt, und hätte sich doch glücklich an seiner Seite gefühlt.Der junge Henkel wünschte nun die Ueberfahrt in einem Englischen Dampfer nach New-York, und von da mit einem Amerikanischen Dampfschiff nach New-Orleans zu bewerkstelligen, Clara fürchtete sich aber an Bord eines Dampfers zu gehn, theils der doppelten Gefahr, theils der unangenehmen Bewegung derselben in schwerem Wetter wegen, von der sie viel gehört, und da es sich jetzt gerade so traf daß eine ihr befreundete Familie, Professor Lobenstein's, ebenfalls nach New-Orleans, und in einem Segelschiff von Bremen ab auswan[pg 216]derte, bat sie mit diesen reisen zu dürfen. Henkel selber schien nicht recht damit einverstanden, fügte sich aber doch endlich den Bitten seiner jungen Frau.Wenn aber bei Dollinger's im Haus wenig mehr als Wäsche und Kleider herzurichten waren, nur zu einer Reise nicht zu einer Uebersiedlung nach Amerika, und man diese schon großenteils gepackt und vorausgeschickt hatte, die letzten Stunden in der Heimath durch kein Aussuchen und Packen gestört zu haben, so schien dagegen bei Professor Lobenstein das ganze Haus von innen nach außen gekehrt zu sein.Der Professor nämlich hatte auf keinerlei Weise bewogen werden können mit seinen Sachen eine Auction anzustellen, und nur das Nothwendigste mitzunehmen, da Fracht und Spesen unterwegs ein wirkliches Capital auffressen würden, für das er sich Alles was er dort brauchte auch an Ort und Stelle neu anschaffen könnte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus verschiedenen Schriften die statistisch aufgestellten Arbeitslöhne der verschiedenen Handwerker, wie die Preise der Provisionen, und bewieß ihnen auf das Klarste und Unumstößlichste was jedes einzelne Stück Meublen und Hausgeräth in notwendiger Folgerung in Amerika kosten müsse. Eben so hatte er sich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberschlag der verschiedenen Frachtpreise nach New-Orleans, und von da in's Innere gemacht, bis er endlich zu dem obigen Resultat gekommen, und nun auch augenblicklich eine Anzahl Tischler in Arbeit setzte, lauter neue Kisten für seine Sachen anzufertigen.[pg 217]Eine große Anzahl von diesen war nun schon, gepackt und mit eisernen Reifen beschlagen, als Fracht vorausgeschickt, eine andere Sendung sollte heute abgehn, und die letzten dann in den nächsten Tagen befördert werden, noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Kellmann selbst, dem Hause eng befreundet, hatte dahin mehrere Aufträge übernommen, und kam heute Morgen, Bericht über die Ausführung derselben abzustatten.Er selber war natürlich mit der ganzen Uebersiedlung gar nicht einverstanden, hatte aber doch, als er alle Gründe des Professors dafür gehört, weit weniger dagegen gesagt, als die Familie im Anfang vermuthet und auch wohl gefürchtet haben mochte. Der Professor sei eben ein Professor, meinte er nur, und wo der einmal seinen Kopf aufgesetzt habe, ließ sich auch Nichts mehr abstreiten oder gar dagegen beweisen, man müsse ihn eben sich selber überlassen, und — es thue ihm nur um die Familie leid. Nichtsdestoweniger gab er sich jede erdenkliche Mühe ihnen, wo er es nur irgend vermochte, beizustehn, wobei er den Professor doch von manchem unüberlegten oder unpraktischen Schritt zurückhielt. So kämpfte er, und zwar glücklicher Weise mit Erfolg, gegen die unglückselige Idee des Professors an, sich hier, trotz Allem was er darüber schon gelesen, von dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drüben nicht »in Gefahr kommen« von Amerikanischen und betrügerischen Landspeculanten hintergangen zu werden, und seine Berechnung sämmtlicher Kosten gleich[pg 218]hier an Ort und Stelle machen können, was ihm nicht möglich sei, wenn er die Contracte nicht in der Tasche habe.Kellmann, auf dessen praktisches und gesundes Urtheil er sonst überhaupt viel gab, machte ihn mit seinen ernstlichen Vorstellungen aber doch stutzig, und noch eine authentische Person über die dortigen Verhältnis zu hören, wandte er sich zuletzt an den jungen Henkel, und bat diesen um Meinung und Rath über die, ihm allerdings sehr am Herzen liegende Sache. Dieser rieth ihm aber ebenfalls auf das Entschiedenste ab, sein Geld hier an eine solche Speculation wegzuwerfen, denn dieser Weigel scheine ihm, was er bis jetzt von ihm gesehn, eine keineswegs volles Vertrauen verdienende Persönlichkeit. Er solle warten bis sie drüben wären, dort habe er Zeit genug (Kellmann hatte ihm dasselbe gesagt), und finde er in New-Orleans oder Missouri nichts Besseres, so sei er selber vielleicht im Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er einmal auf einem Jagdzug in's innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet hätte.»Und der Preis?«»Er würde zufrieden sein.« Damit war die Sache für jetzt abgemacht; freilich zu Weigels Verdruß, der die Farm, wie er sich ausdrückte, nun noch »zur Verfügung« behielt.Es mochte etwa Morgens um elf sein, als Kellmann Professor Lobensteins besuchte. Das Haus war am vorigen Tag öffentlich verauctionirt und von einem reichen Weinhändler in Heilingen erstanden worden, die Familie aber jetzt in angestrengter Arbeit eifrig bemüht das unangenehme Gefühl[pg 219]nicht allein zu verscheuchen, sondern auch eines vor dem anderen zu verbergen, »zumerstenMale in dereigenenHeimathfremdzu sein;« zum ersten Mal fremd in den Räumen, die ihrer Kindheit Spiele gesehn, und Zeuge gewesen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Träume.Der erste schwere Schritt zu einem neuen Leben und Wirken war aber damit geschehn; freilich auch zu gleicher Zeit die Brücke abgebrochen, die noch zurück hätte führen können in das Vaterland. Das Band war damit zerrissen, das sie noch an dieses knüpfte, und wunderbarer Weise hatte sich jetzt, wie sie sich gestern noch fast Alle gefürchtet vor dem Gedanken die lieben theueren Räume zu verlassen, ein fremdes unheimliches Gefühl zwischen sie und das Haus geworfen, und sieersehntenden Augenblick wo sie hinaus konnten, fort, nur fort von hier — aus den Erinnerungen fort. Und doch sprachen sie das nicht aus gegen einander; Jedes hielt sich nur allein für so thöricht und kindisch, mit den quälenden Gedanken; keines wußte daß das Gefühl in ihrer Aller inneres Leben verwoben sei, und in des Herzens feinsten Fasern Wurzel schlug.Die Stimmung Aller, so sehr sie sich auch hüteten dem was sie dachten Worte zu geben, war denn auch an dem ganzen Morgen schon eine stille, gedrückte gewesen, und Kellmann's Erscheinen befreite Alle wie von einer Last. Unten auf der Treppe wurde der aber schon laut.»Na, ist das ein Vergnügen zu so einer Auswanderungsfamilie in's Haus zu kommen,« rief er, als er sich mit zusammengehaltenen Schößen zwischen einer Reihe Kistendeckel hin[pg 220]durchdrückte, die, mit den Nägeln nach außen, an der Wand lehnten, und dabei noch über eine Unzahl Körbe und Schachteln wegsteigen mußte, nur in die Stube zu kommen.»Nehmen Sie sich in Acht, lieber Kellmann,« rief ihm der Professor, der seine Stimme gehört hatte, aus der halbgeöffneten Thüre entgegen (er konnte diese nicht ganz aufmachen da ebenfalls eine Kiste dahinter stand). »Sie möchten sich da draußen die Kleider zerreißen.«»Ist schon bereits geschehen,« brummte Kellmann, indem er versuchte einen Blick nach seinem, allerdings beschädigten Rücktheil zu gewinnen, »meine Güte, wie sieht das bei Ihnen aus — ah guten Morgen meine Damen — und schon so fleißig? — was um Gottes Willen nähen Sie denn da? — Getraidesäcke für die nächste Erndte?«»Fehlgeschossen Herr Kellmann,« rief ihm aber Marie, die sich gern mit dem freundlichen Mann neckte, entgegen — »Jacken sind das für uns, in den Busch, zwischen den Dornen und Schlingpflanzen, die uns sonst das leichte Zeug von den Schultern rissen. Warten Sie einen Augenblick, da können Sie uns gleich Ihre Meinung sagen; die meinige ist gerade fertig, und ich will sie eben anprobiren. Lassen Sie nur, ich werde schon allein fertig, dort drüben müssen wir überdies Alles allein machen — So — nun, wie gefalle ich Ihnen darin?«»Gar nicht,« sagte Kellmann mürrisch, »ich sähe Sie weit lieber in einem leichten Ballkleid und mit Ihrem gewöhnlichen heiteren Gesicht, als in der Sackleinwand und — hm — das verdammte Amerika. Geht denn Eduard jetzt noch mit,[pg 221]oder bleibt er da? wo steckt er denn wieder? — der ist immer fort wenn ich komme.«»Der geht mit, lieber Kellmann,« rief der Professor, »er konnte sich nicht dazu entschließen, seine Eltern und Geschwister allein in die Welt ziehn zu lassen, wo er ihnen vielleicht, zum ersten Mal in seinem Leben, nützlich sein würde, und ist jetzt noch in der Geschwindigkeit zu einem Tischler gegangen, die paar Wochen wenigstens zu benutzen, und doch eine Idee von dem Handwerk zu gewinnen; wer weiß was wir da Alles zu thun bekommen.«»Wird auch was recht's davon in den paar Tagen profitiren,« brummte Kellmann — »bei wem ist er denn, bei Leupold?«»Leupold?« rief der Professor, »der geht ja mit unserem Schiff nach New-Orleans.«»Der Tischlermeister Leupold wandert auch aus?« rief Kellmann laut und verwundert.»Hat sein Häuschen und seine Werkstätte verkauft, und ist jetzt wahrscheinlich schon unterwegs nach Bremen,« betätigte ihm der Professor.»Na nu ist mir's aber doch über den Spaß,« rief Kellmann — »da läuft ja halb Heilingen fort; jetzt freut mich mein Leben; nächstens werden wir uns unsere Schränke und Schuhe und Röcke selber machen können wenn wir 'was haben wollen; ich darf nur gleich den meinigen zum Schneider schicken daß er ihn mir noch ausbessert, ehe er auch durchbrennt. S'ist wirklich zum Verzweifeln.«[pg 222]»Lieber Gott,« sagte der Professor — »die Leute verlangen nur Ellbogenraum sich zu rühren; sie wollen einen Platz haben, der ihren Bedürfnissen Befriedigung verspricht.«»Da haben Sie gleich den faulen Fleck,« rief Kellmann, »Bedürfnisse befriedigen, wenn die Leute lebten wie ihre Voreltern gelebt haben, und nicht mit jedem Jahre auch neue Bedürfnisse kennen lernten und befriedigt haben wollten, so hätten wir alle Platz, und das verwünschte Amerika könnte sehen wo es Hände und Fäuste bekäm zuzupacken und ihm den Boden zu bestellen. Aber ich will mich nicht länger ärgern — laßt sie laufen, nachher wird's hier erst recht gemüthlich — apropos — Ihren Freund Weigel haben sie gestern Abend im rothen Drachen hinausgeworfen — er wollte Dienstleute, ich glaube einen Schäfer, verlocken nach seinem gerühmten Amerika auszuwandern.«»MeinenFreund?« sagte der Professor achselzuckend, »ich habe mit Herrn Weigel nie in einer solchen Beziehung gestanden, aber ich achte ihn als einen Mann der ein gutes Herz mit einer tüchtigen Portion gesundem Menschenverstand verbindet, und besonders schätzenswerthe statistische Kenntnisse Amerika's besitzt.«»Bah!« sagte Kellmann, den Kopf auf die Seite werfend, und mit den Fingern schnalzend, »so viel für seine statistischen Kenntnisse;unverschämtist er, das halt' ich für seine Hauptforce, und er wirft Ihnen da mit der größten Kaltblütigkeit eine Masse Zahlen in den Bart, denen man nicht gleich widersprechen kann, weil sich der Gegenbeweis eben nicht führen[pg 223]läßt. Wenn das Alles wahr ist was er über Amerika sagt, wäreerder größte Esel wenn er nicht selber hinüberginge.«»Seine Verhältnisse gestatten es ihm nicht, wie er mich oft versichert hat,« vertheidigte ihn aber der Professor.»Ja, das kennen wir schon,« sagte Kellmann, »und wenn mich irgend etwas glauben machen könnte daßerwirklich Amerika kennt, so wäre es der Umstand daß er selber nicht hinübergeht.«»Im rothen Drachen war ja wohl gestern ein kleines Fest?« frug die Frau Professorin dazwischen, die das unerquickliche Gespräch abzubrechen wünschte.»Ja, für die Dienstleute von Hohleck,« sagte Kellmann, »und Schollfeld und ich waren ebenfalls hinausgegangen um den Spaß mit anzusehn.«»Und ihr Freund, der lange Actuar war nicht dabei?« lachte Marie.»Er kam später nach,« sagte Kellmann — »der arme Teufel ist jetzt auch immer verdrießlich und niederschlagen.«»Er hat sein Kind verloren,« sagte Anna mitleidig.»Ja, und zu Hause fühlt er sich auch wohl nicht so recht wohl und behaglich.«»Wir haben davon gehört,« sagte die Professorin — »seine Frau soll eigenwillig und heftig sein, und ihm oft gar unangenehme Scenen bereiten.«»Seine Frau ist — « fuhr Kellmann auf, aber er unterbrach sich selber wieder, und trommelte eine Weile mit den Fingern auf dem vor ihm stehenden Tisch.[pg 224]»Was ist Ihnen denn nur heute, Herr Kellmann?« sagte aber Marie, jetzt zu ihm tretend und seinen Arm berührend — »Sie schneiden ja heut Morgen ein so bitterböses Gesicht, wie ich noch fast in meinem Leben nicht an Ihnen gesehn. Ist Ihnen irgend etwas Aergerliches begegnet? — oder — Sie sind doch nicht böse mit uns?«»Böse mit Ihnen? lieber Gott Mariechen,« sagte Kellmann herzlich ihre Hand ergreifend — »ich müßte böse mit Ihnen sein daß Sie fortgehn und mich hier allein zurücklassen; sonst wüßt' ich wahrhaftig nicht weshalb.«»So kommen Sie mit,« lachte Marie, indem sie neckisch zu ihm aufsah.Kellmann seufzte tief auf, sagte dann aber kopfschüttelnd, und mit der Hand über seine Stirn streichend, als ob er sich daraus all' die trüben Gedanken verscheuchen wollte —»Nach Amerika? — ja, weiter fehlte mir gar Nichts; aber heute sind es wirklich andere Sachen die mir im Kopf herumgehn.«»Ist etwas vorgefallen, und können wir Ihnen helfen, lieber Herr Kellmann?« sagte Anna freundlich.»Ach Gott nein,« sagte der kleine Mann seufzend — »es ist ein Stück von dem allgemeinen Elend, das über den ganzen Erdball hinspielt, und das uns gewöhnlich mit einem unheimlichen Gefühl, auch nicht außer dem Bereich desselben zu liegen, durchschauert, wenn wir ihm einmal auf unserem Lebenspfad begegnen. Sie sahen mich als ich vor dritthalb Stunden etwa drüben aus dem Löwen kam?«[pg 225]»Ja, Sie grüßten ja herauf,« sagte die Professorin —»Nun gut; ich war dort, einem armen Mädchen nachzufragen, das wir gestern Abend spät auf der Straße trafen, und das ich dorthin schickte Nachtquartier zu suchen« — Und nun erzählte ihnen Kellmann mit kurzen Worten das gestrige Zusammentreffen mit des unglücklichen Loßenwerder Schwester, und ebenfalls daß sich schon jetzt herauszustellen scheine, wie der arme Teufel von Loßenwerder unschuldig in Verdacht gerathen sei. Nur in reiner Verzweiflung mochte er sich den Tod gegeben haben, als man ihm das letzte, einzige das er auf der Welt hatte — seinen ehrlichen Namen — nehmen wollte — oder eigentlich schon von Gerichts wegen genommen hatte. Unsere wackeren Polizeigesetze halten ja nun einmal jeden Menschen für einen Spitzbuben, bis er nicht durch Atteste genügend dargethan hat daß — »gegen ihn noch nichts Gravirendes bekannt geworden.«»Und was geschieht jetzt mit dem armen, armen Mädchen?« frugen fast gleichzeitig Marie und Anna — »lieber Gott, hier in der fremden Stadt, allein, ohne Mittel, ohne Freunde, wie entsetzlich müßte es da sein, wenn sie vielleicht aus rohem Munde zuerst die furchtbare Nachricht vernähme.«»Gestern Abend,« sagte Herr Kellmann etwas verlegen, »kam uns das Ganze wirklich so schnell und überraschend, daß wir nicht die geringste Zeit zum Ueberlegen behielten; wir — wir gaben ihr nur ein paar Groschen und schickten sie in den Löwen, hier gegenüber, um da zu übernachten, damit sie nicht in der Stadt nach ihrem Bruder früge, und die entsetzliche[pg 226]Geschichte gleich in der ersten Viertelstunde erführe; heute Morgen wollte ich dann selber herkommen und sehn was sich thun ließ — «»Und jetzt? — weiß sie was geschehen ist? frug die Professorin mitleidig die Hände faltend — Herr Kellmann zuckte mit den Achseln und sagte:»Sie ist fort — «»Fort? — wohin?« riefen die Frauen.»Kein Mensch konnte mir darüber Auskunft geben, gestern Abend war sie richtig dort angekommen, und ihres dürftigen Aussehns wegen in die Gesindestube gewiesen, und dort muß sie unglückseliger Weise ihren Namen genannt, vielleicht nach ihrem Bruder gefragt und das Schrecklichste gleich erfahren haben, denn sie war, selbst ihr Bündel im Stich lassend, hinausgelaufen in Nacht und Nebel und — und nicht wieder zurückgekehrt.«»Du lieber Gott,« sagte Anna, »wenn sie sich nur kein Leides gethan.«»Ich bin gleich zu Ledermann und dann auf die Polizei gegangen, diese aufmerksam zu machen,« sagte Kellmann etwas kleinlaut, »werde auch selber noch mein möglichstes thun das arme Ding wieder aufzufinden, aber — ich weiß wahrhaftig nicht wo man die eigentlich suchen soll, denn sie kennt ja keinen einzigen Menschen in der Stadt.«»Und in ihres Bruders früherem Logis? — «»Hat sie Niemand gesehn — ich war dort.«[pg 227]»Waren Sie auch schon — auf dem Kirchhof?« frug ihn Marie jetzt leise und schüchtern.«»Wahrhaftig, daran hatte ich gar nicht gedacht,« sagte Kellmann rasch seinen Stuhl zurückschiebend, »die Möglichkeit ist da, und ich will keinen Augenblick mehr versäumen — vielleicht ist es jetzt noch nicht zu spät.«»Und Sie sagen uns Antwort?«»Sowie ich etwas Bestimmtes über sie weiß — aber — aber was dann mit ihr anfangen? — hier in der Stadtkannsie nicht bleiben,« sagte Kellmann, die Thürklinke schon in der Hand, »und überhaupt scheint mir ihr schwächlicher Körper zu grober Handarbeit gar nicht geeignet.«»Vielleicht bietet sich da für die Schwester in demselben Haus ein Ausweg,« rief Anna plötzlich, »das für den Bruder ja so viel gut zu machen, wenn er wirklich unschuldig gelitten. Gestern Nachmittag noch klagte mir Clara ihr Leid, daß ihre Kammerjungfer, mit der sie sehr zufrieden ist, und die ihr bis dahin fest versprochen mitzugehn, plötzlich anderes Sinnes geworden wäre, und sich jetzt weigerte Heilingen zu verlassen. Clara ist so seelensgut, sie würde gewiß Alles thun was nur in ihren Kräften steht, das arme Kind den herben Verlust vergessen zu machen.»Aber wird sich das Mädchen selber dazu eignen?« sagte Kellmann.»Weshalb nicht,« rief aber auch jetzt Marie — »bringen Sie die Arme nur hierher, sobald Sie sie finden, und nehmen sie Henkel's nicht mit, findet Papa gewiß einen Ausweg.«[pg 228]»Ja, Papa einen Ausweg,« sagte aber der Professor — »ich kannNiemandenmehr mitnehmen Kinder, so viel solltet Ihr eigentlich jetzt schon wissen, denn wir sind Leute genug.«»Ach wenn sie überhaupt gehen will,« rief Kellmann, »die Passage bringen wir hier schon zusammen, und wenn sich Fräulein Anna bei Frau Henkel für sie verwenden will, wär' es ein Glück für das arme Mädchen, den hiesigen für sie so trüben Verhältnissen so rasch wieder entrissen zu werden. Doch jetzt leben Sie wohl — ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und hoffe Ihnen bald günstige Nachrichten bringen zu können.«* * * * *Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieberanfall bekommen, und sich am anderen Morgen auf seinem Bureau entschuldigen lassen. Erst um zehn Uhr etwa fühlte er sich etwas besser, und beschloß ein wenig an die frische Luft zu gehn, in dem sonnigen Morgen draußen die trüben quälenden Gedanken zu verscheuchen.Er ging auf den Kirchhof, das Grab seines kleinen Lieblings zu besuchen, und nahm einen Monatsrosenstock mit hinaus, ihn darauf zu pflanzen.Der Weg der zu dem Grab, zwischen den andern Hügeln hin, führte, lief eine kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelassen und von Unkraut überwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut fast versteckter flacher Hügel war[pg 229]dort aufgeworfen, über dem kein Kreuz den Namen des Hingeschiedenen kündete, keine Blume ein sorgendes Herz verrieth, das dem Entschlafenen die stille Thräne nachgeweint. Und dort? — in das hohe, feuchte Gras geschmiegt, lag eine schlanke Mädchengestalt, Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen aufgelösten Locken ruhten.»Lieber Gott,« sagte der Actuar, mit dem Blumenstock im Arm neben ihr stehen bleibend, leise vor sich hin — »es ist doch noch viel, viel Elend in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um's Herz ist, sollte man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgesichter vor, sondern geben sich wie sie sind, und wenn es auch eben kein Trost sein sollte andere Menschen unglücklich zu sehn, ist es doch jedenfalls einer, zu wissen daß man es nicht allein ist.« Und sich langsam abwendend schritt er dem Grabe seines Kindes zu, setzte den Blumentopf auf den kleinen Hügel, und sich selber dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines anderen Menschen deckte.Dort blieb er lange, das Gesicht mit den Händen bedeckt, und regungslos in seiner Stellung verharrend, seinen schmerzlichen Gedanken überlassen, bis die Sonne höher und höher stieg, und ein stechender Kopfschmerz ihn mahnte den, den heißen Strahlen vollkommen ausgesetzten Platz zu verlassen, wenn er sich nicht noch kränker machen wollte als er schon war. Er stand auf, und sah sich nach dem Todtengräber um, diesen zu bitten den Blumenstock für ihn einzusetzen, und fand ihn auch,[pg 230]nicht weit von dort entfernt, mit einem neuen Grabe beschäftigt. Langsam seinen Spaten schulternd ging er mit ihm zu dem verlangten Platz, und dort sein Handwerksgeräth neben sich in den Boden stoßend und sich den Schweiß von derglühendenStirne trocknend, sagte er freundlich:»Warmer Tag heute, Herr Actuar — sehn Sie einmal was für ein schönesStöckchen; das müssen wir aber ordentlich angießen, sonst vertrocknet es gleich in der lockeren Erde — werde Ihnen das schon besorgen.«»Bitte sein Sie so gut,« sagte Ledermann, und der Mann nahm den Stock auf, drehte ihn um und schlug mit der flachen Hand unter den Topf, diesen locker und los zu bekommen.»Kennen Sie das junge Mädchen was da auf dem Grabe an der Mauer liegt?« frug der Actuar jetzt, als sein Blick wieder zufällig dort hinüber streifte — »dort drüben meine ich.«»Ja ich weiß schon,« sagte der Mann, ohne den Kopf zu wenden und mit seiner Arbeit beschäftigt — »nein — sie saß vor dem Kirchhofsgitter schon heut' Morgen wie ichöffnete, um drei Uhrfrüh, und muß die ganze Nacht da zugebracht haben. Wie ich das Thor aufmachte frug sie mich nur nach dem Grabe eines armen Teufels, den wir hier vor kurzer Zeit zu Ruh gebracht, und ist seit der Zeit nicht von dort weggegangen. Das kommt manchmal vor.«»Und wer liegt da begraben?« frug Ledermann schnell, dem ein plötzlicher Gedanke an das Mädchen von gestern Abend aufstieg.Capitel 9»Dort an der Mauer?« sagte derTodtengräber, »ih Sie[pg 231]wissen ja, der kleine bucklige Bursche, der von der Brücke gesprungen war, und sich den Kopf aufgeschlagen hatte.«Dem Actuar fuhr es mit einem eisigen Stich durchs Herz, aber er erwiederte Nichts, gab dem Mann eine Kleinigkeit für seine Dienstleistung, und ging dann langsam, als ihn dieser wieder verlassen und seine frühere Arbeit aufgenommen hatte, zu Loßenwerder's Grab, wo die Trauernde noch still und regungslos in ihrem Jammer lag. Nur das krampfhafte Zittern des Körpers verrieth das darin wohnende Leben.»Liebes Kind,« sagte Ledermann leise — das Mädchen bewegte sich nicht — »mein liebes Kind,« sagte er lauter, und berührte ihre Schulter mit seinem Finger. Langsam hob sie das bleiche, Thränen überströmte Gesicht zu ihm empor, und als sie den fremden Mann neben sich sah, richtete sie sich verwirrt, beschämt aus ihrer Stellung auf.»Aber wie können Sie sich hier so Stunden lang in das feuchte Gras werfen,« sagte der Actuar mit freundlichem Vorwurf — »Siemüssenja krank werden — nicht wahr, Sie kennen mich nicht mehr?«Das Mädchen sah ihn groß und verwundert an, und schüttelte dann langsam mit dem Kopf.»Ich sprach gestern Abend mit Ihnen, draußen vor dem Thor, wo die Musik in dem Hause war,« sagte Ledermann — »hatten Sie gar keine Ahnung von dem Schicksal des Bruders?«»Keine,« sagte die Arme leise, das Köpfchen wieder senkend.[pg 232]»Und wo erfuhren Sie seinen Tod?«Das Mädchen schauderte zusammen als sie des Augenblicks gedachte, und sagte endlich, wie mit angstgepreßter Stimme:»Gestern Abend in dem Haus — die Leute in der Gesindestube frugen mich wo ich herkäme und um meinen Namen, und dann —»Und dann?« frug der Actuar mitleidig, als das Mädchen schwieg und ihr Antlitz wieder zitternd in den Händen barg —»Dann sagten sie« — setzte das Mädchen, am ganzen Körper bebend hinzu — »daß Einer der so hieß — und sie spotteten dabei über sein Gebrechen — daß Einer — hier — « sie vermochte nicht auszureden und warf sich, rücksichtslos um den neben ihr stehenden Fremden, und in krampfhafter Verzweiflung, wieder auf das Grab nieder, das sie laut schluchzend mit ihren Armen umschlang, und den Bruder rief, sie zu sich zu nehmen in sein stilles, kühles Bett.Nur mit Mühe, und herzlichen tröstenden Worten die er zu ihr sprach, brachte sie Ledermann, als sich ihr Schmerz in etwas ausgetobt, endlich dahin sich etwas zu fassen und zu beruhigen, und ihm mehr über ihr Schicksal und sich selber zu sagen. Sie hieß Hedwig, war funfzehn Jahr alt und hatte bis zu ihrem elften Jahr bei einer entfernten armen Verwandten zugebracht, nach deren Tode sie, ein Kind noch, bei fremden Leuten in Dienst gehen mußte. Ihre Elteren schienen in besseren Verhältnissen gelebt zu haben, waren aber früh ge[pg 233]storben, und die Waisen sich selber überlassen gewesen. Ihr um zehn Jahr älterer Bruder Franz hatte sie dabei noch immer dann und wann von dem Wenigen was er selber verdiente, unterstützt, auch ihr vor einigen Monaten — und das mußte etwa grade vor seinem Tode gewesen sein, geschrieben, daß er recht sparsam lebe, und bald so viel zusammen zu haben hoffe mit ihr, der Schwester, nach Amerika auszuwandern, dort vielleicht ein kleines Geschäft oder irgend etwas Anderes anzufangen, ehrlich durch die Welt zu kommen. Hedwigs Aussage nach mußte er ihr auch die genaue Summe geschrieben haben, die er besaß, und als sie der Actuar dringend bat ihm den Brief zu verschaffen, wenn es irgend möglich sei, da der vielleicht vollständig des Bruders Unschuld beweisen konnte, zog sie aus ihrer Brust das zusammengefaltete und dort bis jetzt sorgfältig bewahrte Papier. Es war das letzte was sie von ihm bekommen, und als Monat nach Monat verstrich und keine neue Nachricht kam, wurde sie zuletzt unruhig und schrieb nach Heilingen. Aber auch hierauf erhielt sie keine Antwort und nicht mehr im Stande die Ungewißheit zu ertragen, verließ sie ihren Dienst und machte sich, mit wenigen Groschen in der Tasche auf, den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen. Und ihr Empfang? großer Gott mit Spott und Hohn wurde ihr Bruder — das einzige noch auf der Welt ihr gehörende Wesen, das sie mehr als sich selber liebte — eines furchtbaren Verbrechens beschuldigt, in Folge dessen er sich selber das Leben genommen, und schlimmer, gewaltiger noch als die Nachricht seines Todes, erschütterte das reine,[pg 234]vertrauensvolle Herz des armen Kindes der ersteZweifelan den Hingeschiedenen, der doch heimlich und quälend in ihr aufsteigen wollte, wie sie sich auch dagegen sträubte; und dochwußtesie daß er keiner schlechten Handlung fähig gewesen sei.Während dieser Erzählung flossen ihre Thränen stärker; wenn aber der Schmerz auch nur mehr aufgerüttelt wurde durch das Wiederdurchleben vergangener Scenen, fand sie doch auch einen Trost in dem Aussprechen über ihren Verlust. Der Actuar überlas indeß flüchtig den Brief, und den Datum mit dem verübten Raub vergleichend sah er, ob Loßenwerder nun schuldig oder unschuldig sei, daß jenes, bei ihm gefundene Geld sein Eigenthum gewesen sein müsse, schon vor dem Tag, und nicht mehr als Beweis gegen ihn gelten konnte.So traf sie Kellmann, der von Lobensteins direct auf den Gottesacker gegangen war, das arme Mädchen aufzusuchen. Mit wenigen Worten sagte ihm der Actuar was er von ihr erfahren, und der gutmüthige kleine Kürschner setzte sich neben sie auf das Grab des Bruders, nahm ihre Hand in die seine, und diese streichelnd sprach er ihr Muth und Hoffnung in das arme gequälte Herz. Sie sollte nicht mehr allein stehn auf der Welt; er wollte Freunde für sie finden, die sich ihrer annähmen, und sie Beide, Ledermann und er, wollten nicht ruhen noch rasten bis ihres Bruders Name wieder ehrlich gemacht sei vor der ganzen Stadt; lieber Gott, sie konnten ja nichts mehr für den Armen thun.Hedwig weinte, während er sprach; aber die Thränen lösten ihren Schmerz — die freundlichen Worte; oh die ersten[pg 235]wieder seit so langer, langer Zeit die sie gehört, thaten ihr wohl und bannten die Verzweiflung aus ihrem Herzen, der sie ja sonst wohl rettungslos verfallen wäre. Wieviel Segen hat schon ein herzliches Wort gebracht, dem Unglücklichen gespendet — wie viele Thränen getrocknet, wie manches Weh, wenn es nicht heilen konnte, doch gelindert.Kellmann erbot sich dann auch, sie zu seiner Mutter zu führen, wo sie wenigstens bleiben konnte bis sich etwas Weiteres entschieden. Von Amerika sagte er ihr noch Nichts, die nächsten Tage mochten sie erst mit dem Gedanken vertrauter machen, wenn sie hörte wie viel Leute die auch ihren Bruder gekannt und liebe Freunde von ihm selber seien, gerade jetzt nach dort hinübergingen.Hedwig zögerte noch schüchtern das gütige Erbieten anzunehmen, aber die Worte klangen so herzlich, so gut gemeint, sie stand so hülflos, so allein in der weiten Welt, der fremde Mann erschien ihr wie ein Engel des Himmels in ihrem Schmerz, und unter Thränen nahm sie seine Hand und dankte ihm, und sagte daß sie ihm folgen würde, wohin er sie führe.
»Nach New-Orleans!«
»Das ausgezeichnet schöne, 360 Last große, schnellsegelnde, kupferfeste und gekupferte dreimastige Bremer Schiff erster Klasse:
Die Haidschnucke, CapitainE. Siebelt, mit vorzüglicher Gelegenheit für Cajüts- und Zwischendecks-Passagiere — wird am 30. August expedirt.
Agent dafür, I. G. Weigel,
Hauptagent des Central-Bureau's für Norddeutsche Auswanderung in Heilingen, am Markt Nr. 17.«
Diese Anzeige stand am Morgen nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfällen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur desselben, hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt wollen vorübergehen lassen, einige entsetzliche Mordgeschichten und falsche Bankerotte aus den Vereinigten Staaten,[pg 213]wie zur Entmuthigung aller Auswanderungslustigen, in der nämlichen Nummer seines Blattes abzudrucken.
Weigel war wüthend darüber, und schrieb augenblicklich einen anderen Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er ganz naiv erklärte, »sich dadurch selber blamiren würde.« Uebrigens sei die Sache auch schon erledigt, indem die Schiffsanzeigefür, sein Artikel abergegenAmerika und die Auswanderung wäre, und er es sich zum Grundsatz gemacht hätte, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu beleuchten — wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einrücken lassen, sei er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er möge ihn deshalb, wenn er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen.
Die Abfahrt dieses Schiffes war aber für Heilingen in so fern von nicht unbedeutender Wichtigkeit, als sich mehre Familien dieser Stadt ernstlich dahin entschlossen hatten, mit demselben nach Amerika auszuwandern. So unter Anderen Professor Lobenstein, der sein Haus jetzt verkauft, und der Stadt überhaupt durch seine beabsichtigte Auswanderung höchst willkommenen Stoff zu den mannichfaltigsten Vermuthungen und Erörterungen geliefert hatte. Ja mehrere Kaffeegesellschaften der näheren Bekannten Lobenstein's waren wirklich nur einzig und allein zu dem Zweck gegeben worden, sich einmal ordentlich über die Sache »aussprechen« zu können.
Auch in dem Dollinger'schen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende Veränderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika erhielt, nach denen seine An[pg 214]wesenheit dort, dringend nothwendig geworden. Zwei Wechsel trafen zugleich für ihn ein, wie ziemlich starke Aufträge zu Ankäufen in Tuchen und Seidenwaaren von seinem Haus, welches Geschäft er mit Herrn Dollinger in Gemeinschaft auszuführen gedachte.
Der alte Herr Dollinger, so schwer es ihm auch wurde, und so lange er sich dagegen gesträubt, mußte da wohl endlich seine Einwilligung zu der Verbindung Clara's mit dem jungen Amerikanischen Kaufmann, über dessen Familie und Geschäft in New-Orleans er von einem dortigen Geschäftsfreund das Beste erfahren hatte, geben. Nur wunderte man sich dort, daß der junge Henkel in Nord-Deutschland sei, während man ihn auf einer größern Tour durch Italien und Griechenland vermuthet. Die Leute dort konnten nicht wissen daß der junge Mann auf dem Rhein andere Pläne für seine Zukunft geschaffen, als er sie früher vielleicht ausgesonnen.
Am letzten Sonntag war also, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und Clara, das liebe holde Mädchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners — wie man ihn überall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun freilich noch, in der kurzen Zeit all die nöthigen und so mannichfachen Vorbereitungen zu einer Reise nach Amerika für die junge Frau zu treffen. Es sollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reise werden, denn Henkel hatte sich schon selber fest erklärt, seinen künftigen Wohnsitz keineswegs in Amerika, sondern in Havre nehmen zu wollen, wo überdies, der bedeutenden Geschäftsverbindung wegen mit diesem Hafen, ein Associé[pg 215]des Hauses sich aufhalten mußte. Ein oder zwei Monate gedachten die jungen Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen, was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung sehr erleichterte, und spätestens im März oder April schon wieder nach Europa zurückkehren zu können. Die ganze Reise war dadurch wirklich fast nur zu einer etwas längeren Vergnügungsfahrt geworden.
Auch für Clara's Mutter war das Bewußtsein, ihr Kind nicht für immer zu verlieren und bald wieder in die Arme schließen zu können, eine unendliche Beruhigung, und selbst hierzu hatte es ihr einen großen Kampf gekostet, ihre Einwilligung zu geben. Clara selbst aber hing mit ganzem Herzen an dem theuren Mann, und fühlte sich vollkommen glücklich in einer Verbindung, die seit sie den Fremden kennen und lieben gelernt, ihr das Ziel ihrer irdischen Wünsche geschienen.
Was war ihr die Reise, was die Gefahr und Mühseligkeit derselben? sie wäre ihm in eine Wildniß gefolgt, und hätte sich doch glücklich an seiner Seite gefühlt.
Der junge Henkel wünschte nun die Ueberfahrt in einem Englischen Dampfer nach New-York, und von da mit einem Amerikanischen Dampfschiff nach New-Orleans zu bewerkstelligen, Clara fürchtete sich aber an Bord eines Dampfers zu gehn, theils der doppelten Gefahr, theils der unangenehmen Bewegung derselben in schwerem Wetter wegen, von der sie viel gehört, und da es sich jetzt gerade so traf daß eine ihr befreundete Familie, Professor Lobenstein's, ebenfalls nach New-Orleans, und in einem Segelschiff von Bremen ab auswan[pg 216]derte, bat sie mit diesen reisen zu dürfen. Henkel selber schien nicht recht damit einverstanden, fügte sich aber doch endlich den Bitten seiner jungen Frau.
Wenn aber bei Dollinger's im Haus wenig mehr als Wäsche und Kleider herzurichten waren, nur zu einer Reise nicht zu einer Uebersiedlung nach Amerika, und man diese schon großenteils gepackt und vorausgeschickt hatte, die letzten Stunden in der Heimath durch kein Aussuchen und Packen gestört zu haben, so schien dagegen bei Professor Lobenstein das ganze Haus von innen nach außen gekehrt zu sein.
Der Professor nämlich hatte auf keinerlei Weise bewogen werden können mit seinen Sachen eine Auction anzustellen, und nur das Nothwendigste mitzunehmen, da Fracht und Spesen unterwegs ein wirkliches Capital auffressen würden, für das er sich Alles was er dort brauchte auch an Ort und Stelle neu anschaffen könnte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus verschiedenen Schriften die statistisch aufgestellten Arbeitslöhne der verschiedenen Handwerker, wie die Preise der Provisionen, und bewieß ihnen auf das Klarste und Unumstößlichste was jedes einzelne Stück Meublen und Hausgeräth in notwendiger Folgerung in Amerika kosten müsse. Eben so hatte er sich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberschlag der verschiedenen Frachtpreise nach New-Orleans, und von da in's Innere gemacht, bis er endlich zu dem obigen Resultat gekommen, und nun auch augenblicklich eine Anzahl Tischler in Arbeit setzte, lauter neue Kisten für seine Sachen anzufertigen.
[pg 217]Eine große Anzahl von diesen war nun schon, gepackt und mit eisernen Reifen beschlagen, als Fracht vorausgeschickt, eine andere Sendung sollte heute abgehn, und die letzten dann in den nächsten Tagen befördert werden, noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Kellmann selbst, dem Hause eng befreundet, hatte dahin mehrere Aufträge übernommen, und kam heute Morgen, Bericht über die Ausführung derselben abzustatten.
Er selber war natürlich mit der ganzen Uebersiedlung gar nicht einverstanden, hatte aber doch, als er alle Gründe des Professors dafür gehört, weit weniger dagegen gesagt, als die Familie im Anfang vermuthet und auch wohl gefürchtet haben mochte. Der Professor sei eben ein Professor, meinte er nur, und wo der einmal seinen Kopf aufgesetzt habe, ließ sich auch Nichts mehr abstreiten oder gar dagegen beweisen, man müsse ihn eben sich selber überlassen, und — es thue ihm nur um die Familie leid. Nichtsdestoweniger gab er sich jede erdenkliche Mühe ihnen, wo er es nur irgend vermochte, beizustehn, wobei er den Professor doch von manchem unüberlegten oder unpraktischen Schritt zurückhielt. So kämpfte er, und zwar glücklicher Weise mit Erfolg, gegen die unglückselige Idee des Professors an, sich hier, trotz Allem was er darüber schon gelesen, von dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drüben nicht »in Gefahr kommen« von Amerikanischen und betrügerischen Landspeculanten hintergangen zu werden, und seine Berechnung sämmtlicher Kosten gleich[pg 218]hier an Ort und Stelle machen können, was ihm nicht möglich sei, wenn er die Contracte nicht in der Tasche habe.
Kellmann, auf dessen praktisches und gesundes Urtheil er sonst überhaupt viel gab, machte ihn mit seinen ernstlichen Vorstellungen aber doch stutzig, und noch eine authentische Person über die dortigen Verhältnis zu hören, wandte er sich zuletzt an den jungen Henkel, und bat diesen um Meinung und Rath über die, ihm allerdings sehr am Herzen liegende Sache. Dieser rieth ihm aber ebenfalls auf das Entschiedenste ab, sein Geld hier an eine solche Speculation wegzuwerfen, denn dieser Weigel scheine ihm, was er bis jetzt von ihm gesehn, eine keineswegs volles Vertrauen verdienende Persönlichkeit. Er solle warten bis sie drüben wären, dort habe er Zeit genug (Kellmann hatte ihm dasselbe gesagt), und finde er in New-Orleans oder Missouri nichts Besseres, so sei er selber vielleicht im Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er einmal auf einem Jagdzug in's innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet hätte.
»Und der Preis?«
»Er würde zufrieden sein.« Damit war die Sache für jetzt abgemacht; freilich zu Weigels Verdruß, der die Farm, wie er sich ausdrückte, nun noch »zur Verfügung« behielt.
Es mochte etwa Morgens um elf sein, als Kellmann Professor Lobensteins besuchte. Das Haus war am vorigen Tag öffentlich verauctionirt und von einem reichen Weinhändler in Heilingen erstanden worden, die Familie aber jetzt in angestrengter Arbeit eifrig bemüht das unangenehme Gefühl[pg 219]nicht allein zu verscheuchen, sondern auch eines vor dem anderen zu verbergen, »zumerstenMale in dereigenenHeimathfremdzu sein;« zum ersten Mal fremd in den Räumen, die ihrer Kindheit Spiele gesehn, und Zeuge gewesen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Träume.
Der erste schwere Schritt zu einem neuen Leben und Wirken war aber damit geschehn; freilich auch zu gleicher Zeit die Brücke abgebrochen, die noch zurück hätte führen können in das Vaterland. Das Band war damit zerrissen, das sie noch an dieses knüpfte, und wunderbarer Weise hatte sich jetzt, wie sie sich gestern noch fast Alle gefürchtet vor dem Gedanken die lieben theueren Räume zu verlassen, ein fremdes unheimliches Gefühl zwischen sie und das Haus geworfen, und sieersehntenden Augenblick wo sie hinaus konnten, fort, nur fort von hier — aus den Erinnerungen fort. Und doch sprachen sie das nicht aus gegen einander; Jedes hielt sich nur allein für so thöricht und kindisch, mit den quälenden Gedanken; keines wußte daß das Gefühl in ihrer Aller inneres Leben verwoben sei, und in des Herzens feinsten Fasern Wurzel schlug.
Die Stimmung Aller, so sehr sie sich auch hüteten dem was sie dachten Worte zu geben, war denn auch an dem ganzen Morgen schon eine stille, gedrückte gewesen, und Kellmann's Erscheinen befreite Alle wie von einer Last. Unten auf der Treppe wurde der aber schon laut.
»Na, ist das ein Vergnügen zu so einer Auswanderungsfamilie in's Haus zu kommen,« rief er, als er sich mit zusammengehaltenen Schößen zwischen einer Reihe Kistendeckel hin[pg 220]durchdrückte, die, mit den Nägeln nach außen, an der Wand lehnten, und dabei noch über eine Unzahl Körbe und Schachteln wegsteigen mußte, nur in die Stube zu kommen.
»Nehmen Sie sich in Acht, lieber Kellmann,« rief ihm der Professor, der seine Stimme gehört hatte, aus der halbgeöffneten Thüre entgegen (er konnte diese nicht ganz aufmachen da ebenfalls eine Kiste dahinter stand). »Sie möchten sich da draußen die Kleider zerreißen.«
»Ist schon bereits geschehen,« brummte Kellmann, indem er versuchte einen Blick nach seinem, allerdings beschädigten Rücktheil zu gewinnen, »meine Güte, wie sieht das bei Ihnen aus — ah guten Morgen meine Damen — und schon so fleißig? — was um Gottes Willen nähen Sie denn da? — Getraidesäcke für die nächste Erndte?«
»Fehlgeschossen Herr Kellmann,« rief ihm aber Marie, die sich gern mit dem freundlichen Mann neckte, entgegen — »Jacken sind das für uns, in den Busch, zwischen den Dornen und Schlingpflanzen, die uns sonst das leichte Zeug von den Schultern rissen. Warten Sie einen Augenblick, da können Sie uns gleich Ihre Meinung sagen; die meinige ist gerade fertig, und ich will sie eben anprobiren. Lassen Sie nur, ich werde schon allein fertig, dort drüben müssen wir überdies Alles allein machen — So — nun, wie gefalle ich Ihnen darin?«
»Gar nicht,« sagte Kellmann mürrisch, »ich sähe Sie weit lieber in einem leichten Ballkleid und mit Ihrem gewöhnlichen heiteren Gesicht, als in der Sackleinwand und — hm — das verdammte Amerika. Geht denn Eduard jetzt noch mit,[pg 221]oder bleibt er da? wo steckt er denn wieder? — der ist immer fort wenn ich komme.«
»Der geht mit, lieber Kellmann,« rief der Professor, »er konnte sich nicht dazu entschließen, seine Eltern und Geschwister allein in die Welt ziehn zu lassen, wo er ihnen vielleicht, zum ersten Mal in seinem Leben, nützlich sein würde, und ist jetzt noch in der Geschwindigkeit zu einem Tischler gegangen, die paar Wochen wenigstens zu benutzen, und doch eine Idee von dem Handwerk zu gewinnen; wer weiß was wir da Alles zu thun bekommen.«
»Wird auch was recht's davon in den paar Tagen profitiren,« brummte Kellmann — »bei wem ist er denn, bei Leupold?«
»Leupold?« rief der Professor, »der geht ja mit unserem Schiff nach New-Orleans.«
»Der Tischlermeister Leupold wandert auch aus?« rief Kellmann laut und verwundert.
»Hat sein Häuschen und seine Werkstätte verkauft, und ist jetzt wahrscheinlich schon unterwegs nach Bremen,« betätigte ihm der Professor.
»Na nu ist mir's aber doch über den Spaß,« rief Kellmann — »da läuft ja halb Heilingen fort; jetzt freut mich mein Leben; nächstens werden wir uns unsere Schränke und Schuhe und Röcke selber machen können wenn wir 'was haben wollen; ich darf nur gleich den meinigen zum Schneider schicken daß er ihn mir noch ausbessert, ehe er auch durchbrennt. S'ist wirklich zum Verzweifeln.«
[pg 222]»Lieber Gott,« sagte der Professor — »die Leute verlangen nur Ellbogenraum sich zu rühren; sie wollen einen Platz haben, der ihren Bedürfnissen Befriedigung verspricht.«
»Da haben Sie gleich den faulen Fleck,« rief Kellmann, »Bedürfnisse befriedigen, wenn die Leute lebten wie ihre Voreltern gelebt haben, und nicht mit jedem Jahre auch neue Bedürfnisse kennen lernten und befriedigt haben wollten, so hätten wir alle Platz, und das verwünschte Amerika könnte sehen wo es Hände und Fäuste bekäm zuzupacken und ihm den Boden zu bestellen. Aber ich will mich nicht länger ärgern — laßt sie laufen, nachher wird's hier erst recht gemüthlich — apropos — Ihren Freund Weigel haben sie gestern Abend im rothen Drachen hinausgeworfen — er wollte Dienstleute, ich glaube einen Schäfer, verlocken nach seinem gerühmten Amerika auszuwandern.«
»MeinenFreund?« sagte der Professor achselzuckend, »ich habe mit Herrn Weigel nie in einer solchen Beziehung gestanden, aber ich achte ihn als einen Mann der ein gutes Herz mit einer tüchtigen Portion gesundem Menschenverstand verbindet, und besonders schätzenswerthe statistische Kenntnisse Amerika's besitzt.«
»Bah!« sagte Kellmann, den Kopf auf die Seite werfend, und mit den Fingern schnalzend, »so viel für seine statistischen Kenntnisse;unverschämtist er, das halt' ich für seine Hauptforce, und er wirft Ihnen da mit der größten Kaltblütigkeit eine Masse Zahlen in den Bart, denen man nicht gleich widersprechen kann, weil sich der Gegenbeweis eben nicht führen[pg 223]läßt. Wenn das Alles wahr ist was er über Amerika sagt, wäreerder größte Esel wenn er nicht selber hinüberginge.«
»Seine Verhältnisse gestatten es ihm nicht, wie er mich oft versichert hat,« vertheidigte ihn aber der Professor.
»Ja, das kennen wir schon,« sagte Kellmann, »und wenn mich irgend etwas glauben machen könnte daßerwirklich Amerika kennt, so wäre es der Umstand daß er selber nicht hinübergeht.«
»Im rothen Drachen war ja wohl gestern ein kleines Fest?« frug die Frau Professorin dazwischen, die das unerquickliche Gespräch abzubrechen wünschte.
»Ja, für die Dienstleute von Hohleck,« sagte Kellmann, »und Schollfeld und ich waren ebenfalls hinausgegangen um den Spaß mit anzusehn.«
»Und ihr Freund, der lange Actuar war nicht dabei?« lachte Marie.
»Er kam später nach,« sagte Kellmann — »der arme Teufel ist jetzt auch immer verdrießlich und niederschlagen.«
»Er hat sein Kind verloren,« sagte Anna mitleidig.
»Ja, und zu Hause fühlt er sich auch wohl nicht so recht wohl und behaglich.«
»Wir haben davon gehört,« sagte die Professorin — »seine Frau soll eigenwillig und heftig sein, und ihm oft gar unangenehme Scenen bereiten.«
»Seine Frau ist — « fuhr Kellmann auf, aber er unterbrach sich selber wieder, und trommelte eine Weile mit den Fingern auf dem vor ihm stehenden Tisch.
[pg 224]»Was ist Ihnen denn nur heute, Herr Kellmann?« sagte aber Marie, jetzt zu ihm tretend und seinen Arm berührend — »Sie schneiden ja heut Morgen ein so bitterböses Gesicht, wie ich noch fast in meinem Leben nicht an Ihnen gesehn. Ist Ihnen irgend etwas Aergerliches begegnet? — oder — Sie sind doch nicht böse mit uns?«
»Böse mit Ihnen? lieber Gott Mariechen,« sagte Kellmann herzlich ihre Hand ergreifend — »ich müßte böse mit Ihnen sein daß Sie fortgehn und mich hier allein zurücklassen; sonst wüßt' ich wahrhaftig nicht weshalb.«
»So kommen Sie mit,« lachte Marie, indem sie neckisch zu ihm aufsah.
Kellmann seufzte tief auf, sagte dann aber kopfschüttelnd, und mit der Hand über seine Stirn streichend, als ob er sich daraus all' die trüben Gedanken verscheuchen wollte —
»Nach Amerika? — ja, weiter fehlte mir gar Nichts; aber heute sind es wirklich andere Sachen die mir im Kopf herumgehn.«
»Ist etwas vorgefallen, und können wir Ihnen helfen, lieber Herr Kellmann?« sagte Anna freundlich.
»Ach Gott nein,« sagte der kleine Mann seufzend — »es ist ein Stück von dem allgemeinen Elend, das über den ganzen Erdball hinspielt, und das uns gewöhnlich mit einem unheimlichen Gefühl, auch nicht außer dem Bereich desselben zu liegen, durchschauert, wenn wir ihm einmal auf unserem Lebenspfad begegnen. Sie sahen mich als ich vor dritthalb Stunden etwa drüben aus dem Löwen kam?«
[pg 225]»Ja, Sie grüßten ja herauf,« sagte die Professorin —
»Nun gut; ich war dort, einem armen Mädchen nachzufragen, das wir gestern Abend spät auf der Straße trafen, und das ich dorthin schickte Nachtquartier zu suchen« — Und nun erzählte ihnen Kellmann mit kurzen Worten das gestrige Zusammentreffen mit des unglücklichen Loßenwerder Schwester, und ebenfalls daß sich schon jetzt herauszustellen scheine, wie der arme Teufel von Loßenwerder unschuldig in Verdacht gerathen sei. Nur in reiner Verzweiflung mochte er sich den Tod gegeben haben, als man ihm das letzte, einzige das er auf der Welt hatte — seinen ehrlichen Namen — nehmen wollte — oder eigentlich schon von Gerichts wegen genommen hatte. Unsere wackeren Polizeigesetze halten ja nun einmal jeden Menschen für einen Spitzbuben, bis er nicht durch Atteste genügend dargethan hat daß — »gegen ihn noch nichts Gravirendes bekannt geworden.«
»Und was geschieht jetzt mit dem armen, armen Mädchen?« frugen fast gleichzeitig Marie und Anna — »lieber Gott, hier in der fremden Stadt, allein, ohne Mittel, ohne Freunde, wie entsetzlich müßte es da sein, wenn sie vielleicht aus rohem Munde zuerst die furchtbare Nachricht vernähme.«
»Gestern Abend,« sagte Herr Kellmann etwas verlegen, »kam uns das Ganze wirklich so schnell und überraschend, daß wir nicht die geringste Zeit zum Ueberlegen behielten; wir — wir gaben ihr nur ein paar Groschen und schickten sie in den Löwen, hier gegenüber, um da zu übernachten, damit sie nicht in der Stadt nach ihrem Bruder früge, und die entsetzliche[pg 226]Geschichte gleich in der ersten Viertelstunde erführe; heute Morgen wollte ich dann selber herkommen und sehn was sich thun ließ — «
»Und jetzt? — weiß sie was geschehen ist? frug die Professorin mitleidig die Hände faltend — Herr Kellmann zuckte mit den Achseln und sagte:
»Sie ist fort — «
»Fort? — wohin?« riefen die Frauen.
»Kein Mensch konnte mir darüber Auskunft geben, gestern Abend war sie richtig dort angekommen, und ihres dürftigen Aussehns wegen in die Gesindestube gewiesen, und dort muß sie unglückseliger Weise ihren Namen genannt, vielleicht nach ihrem Bruder gefragt und das Schrecklichste gleich erfahren haben, denn sie war, selbst ihr Bündel im Stich lassend, hinausgelaufen in Nacht und Nebel und — und nicht wieder zurückgekehrt.«
»Du lieber Gott,« sagte Anna, »wenn sie sich nur kein Leides gethan.«
»Ich bin gleich zu Ledermann und dann auf die Polizei gegangen, diese aufmerksam zu machen,« sagte Kellmann etwas kleinlaut, »werde auch selber noch mein möglichstes thun das arme Ding wieder aufzufinden, aber — ich weiß wahrhaftig nicht wo man die eigentlich suchen soll, denn sie kennt ja keinen einzigen Menschen in der Stadt.«
»Und in ihres Bruders früherem Logis? — «
»Hat sie Niemand gesehn — ich war dort.«
[pg 227]»Waren Sie auch schon — auf dem Kirchhof?« frug ihn Marie jetzt leise und schüchtern.«
»Wahrhaftig, daran hatte ich gar nicht gedacht,« sagte Kellmann rasch seinen Stuhl zurückschiebend, »die Möglichkeit ist da, und ich will keinen Augenblick mehr versäumen — vielleicht ist es jetzt noch nicht zu spät.«
»Und Sie sagen uns Antwort?«
»Sowie ich etwas Bestimmtes über sie weiß — aber — aber was dann mit ihr anfangen? — hier in der Stadtkannsie nicht bleiben,« sagte Kellmann, die Thürklinke schon in der Hand, »und überhaupt scheint mir ihr schwächlicher Körper zu grober Handarbeit gar nicht geeignet.«
»Vielleicht bietet sich da für die Schwester in demselben Haus ein Ausweg,« rief Anna plötzlich, »das für den Bruder ja so viel gut zu machen, wenn er wirklich unschuldig gelitten. Gestern Nachmittag noch klagte mir Clara ihr Leid, daß ihre Kammerjungfer, mit der sie sehr zufrieden ist, und die ihr bis dahin fest versprochen mitzugehn, plötzlich anderes Sinnes geworden wäre, und sich jetzt weigerte Heilingen zu verlassen. Clara ist so seelensgut, sie würde gewiß Alles thun was nur in ihren Kräften steht, das arme Kind den herben Verlust vergessen zu machen.
»Aber wird sich das Mädchen selber dazu eignen?« sagte Kellmann.
»Weshalb nicht,« rief aber auch jetzt Marie — »bringen Sie die Arme nur hierher, sobald Sie sie finden, und nehmen sie Henkel's nicht mit, findet Papa gewiß einen Ausweg.«
[pg 228]»Ja, Papa einen Ausweg,« sagte aber der Professor — »ich kannNiemandenmehr mitnehmen Kinder, so viel solltet Ihr eigentlich jetzt schon wissen, denn wir sind Leute genug.«
»Ach wenn sie überhaupt gehen will,« rief Kellmann, »die Passage bringen wir hier schon zusammen, und wenn sich Fräulein Anna bei Frau Henkel für sie verwenden will, wär' es ein Glück für das arme Mädchen, den hiesigen für sie so trüben Verhältnissen so rasch wieder entrissen zu werden. Doch jetzt leben Sie wohl — ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und hoffe Ihnen bald günstige Nachrichten bringen zu können.«
* * * * *
Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieberanfall bekommen, und sich am anderen Morgen auf seinem Bureau entschuldigen lassen. Erst um zehn Uhr etwa fühlte er sich etwas besser, und beschloß ein wenig an die frische Luft zu gehn, in dem sonnigen Morgen draußen die trüben quälenden Gedanken zu verscheuchen.
Er ging auf den Kirchhof, das Grab seines kleinen Lieblings zu besuchen, und nahm einen Monatsrosenstock mit hinaus, ihn darauf zu pflanzen.
Der Weg der zu dem Grab, zwischen den andern Hügeln hin, führte, lief eine kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelassen und von Unkraut überwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut fast versteckter flacher Hügel war[pg 229]dort aufgeworfen, über dem kein Kreuz den Namen des Hingeschiedenen kündete, keine Blume ein sorgendes Herz verrieth, das dem Entschlafenen die stille Thräne nachgeweint. Und dort? — in das hohe, feuchte Gras geschmiegt, lag eine schlanke Mädchengestalt, Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen aufgelösten Locken ruhten.
»Lieber Gott,« sagte der Actuar, mit dem Blumenstock im Arm neben ihr stehen bleibend, leise vor sich hin — »es ist doch noch viel, viel Elend in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um's Herz ist, sollte man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgesichter vor, sondern geben sich wie sie sind, und wenn es auch eben kein Trost sein sollte andere Menschen unglücklich zu sehn, ist es doch jedenfalls einer, zu wissen daß man es nicht allein ist.« Und sich langsam abwendend schritt er dem Grabe seines Kindes zu, setzte den Blumentopf auf den kleinen Hügel, und sich selber dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines anderen Menschen deckte.
Dort blieb er lange, das Gesicht mit den Händen bedeckt, und regungslos in seiner Stellung verharrend, seinen schmerzlichen Gedanken überlassen, bis die Sonne höher und höher stieg, und ein stechender Kopfschmerz ihn mahnte den, den heißen Strahlen vollkommen ausgesetzten Platz zu verlassen, wenn er sich nicht noch kränker machen wollte als er schon war. Er stand auf, und sah sich nach dem Todtengräber um, diesen zu bitten den Blumenstock für ihn einzusetzen, und fand ihn auch,[pg 230]nicht weit von dort entfernt, mit einem neuen Grabe beschäftigt. Langsam seinen Spaten schulternd ging er mit ihm zu dem verlangten Platz, und dort sein Handwerksgeräth neben sich in den Boden stoßend und sich den Schweiß von derglühendenStirne trocknend, sagte er freundlich:
»Warmer Tag heute, Herr Actuar — sehn Sie einmal was für ein schönesStöckchen; das müssen wir aber ordentlich angießen, sonst vertrocknet es gleich in der lockeren Erde — werde Ihnen das schon besorgen.«
»Bitte sein Sie so gut,« sagte Ledermann, und der Mann nahm den Stock auf, drehte ihn um und schlug mit der flachen Hand unter den Topf, diesen locker und los zu bekommen.
»Kennen Sie das junge Mädchen was da auf dem Grabe an der Mauer liegt?« frug der Actuar jetzt, als sein Blick wieder zufällig dort hinüber streifte — »dort drüben meine ich.«
»Ja ich weiß schon,« sagte der Mann, ohne den Kopf zu wenden und mit seiner Arbeit beschäftigt — »nein — sie saß vor dem Kirchhofsgitter schon heut' Morgen wie ichöffnete, um drei Uhrfrüh, und muß die ganze Nacht da zugebracht haben. Wie ich das Thor aufmachte frug sie mich nur nach dem Grabe eines armen Teufels, den wir hier vor kurzer Zeit zu Ruh gebracht, und ist seit der Zeit nicht von dort weggegangen. Das kommt manchmal vor.«
»Und wer liegt da begraben?« frug Ledermann schnell, dem ein plötzlicher Gedanke an das Mädchen von gestern Abend aufstieg.
Capitel 9
»Dort an der Mauer?« sagte derTodtengräber, »ih Sie[pg 231]wissen ja, der kleine bucklige Bursche, der von der Brücke gesprungen war, und sich den Kopf aufgeschlagen hatte.«
Dem Actuar fuhr es mit einem eisigen Stich durchs Herz, aber er erwiederte Nichts, gab dem Mann eine Kleinigkeit für seine Dienstleistung, und ging dann langsam, als ihn dieser wieder verlassen und seine frühere Arbeit aufgenommen hatte, zu Loßenwerder's Grab, wo die Trauernde noch still und regungslos in ihrem Jammer lag. Nur das krampfhafte Zittern des Körpers verrieth das darin wohnende Leben.
»Liebes Kind,« sagte Ledermann leise — das Mädchen bewegte sich nicht — »mein liebes Kind,« sagte er lauter, und berührte ihre Schulter mit seinem Finger. Langsam hob sie das bleiche, Thränen überströmte Gesicht zu ihm empor, und als sie den fremden Mann neben sich sah, richtete sie sich verwirrt, beschämt aus ihrer Stellung auf.
»Aber wie können Sie sich hier so Stunden lang in das feuchte Gras werfen,« sagte der Actuar mit freundlichem Vorwurf — »Siemüssenja krank werden — nicht wahr, Sie kennen mich nicht mehr?«
Das Mädchen sah ihn groß und verwundert an, und schüttelte dann langsam mit dem Kopf.
»Ich sprach gestern Abend mit Ihnen, draußen vor dem Thor, wo die Musik in dem Hause war,« sagte Ledermann — »hatten Sie gar keine Ahnung von dem Schicksal des Bruders?«
»Keine,« sagte die Arme leise, das Köpfchen wieder senkend.
[pg 232]»Und wo erfuhren Sie seinen Tod?«
Das Mädchen schauderte zusammen als sie des Augenblicks gedachte, und sagte endlich, wie mit angstgepreßter Stimme:
»Gestern Abend in dem Haus — die Leute in der Gesindestube frugen mich wo ich herkäme und um meinen Namen, und dann —
»Und dann?« frug der Actuar mitleidig, als das Mädchen schwieg und ihr Antlitz wieder zitternd in den Händen barg —
»Dann sagten sie« — setzte das Mädchen, am ganzen Körper bebend hinzu — »daß Einer der so hieß — und sie spotteten dabei über sein Gebrechen — daß Einer — hier — « sie vermochte nicht auszureden und warf sich, rücksichtslos um den neben ihr stehenden Fremden, und in krampfhafter Verzweiflung, wieder auf das Grab nieder, das sie laut schluchzend mit ihren Armen umschlang, und den Bruder rief, sie zu sich zu nehmen in sein stilles, kühles Bett.
Nur mit Mühe, und herzlichen tröstenden Worten die er zu ihr sprach, brachte sie Ledermann, als sich ihr Schmerz in etwas ausgetobt, endlich dahin sich etwas zu fassen und zu beruhigen, und ihm mehr über ihr Schicksal und sich selber zu sagen. Sie hieß Hedwig, war funfzehn Jahr alt und hatte bis zu ihrem elften Jahr bei einer entfernten armen Verwandten zugebracht, nach deren Tode sie, ein Kind noch, bei fremden Leuten in Dienst gehen mußte. Ihre Elteren schienen in besseren Verhältnissen gelebt zu haben, waren aber früh ge[pg 233]storben, und die Waisen sich selber überlassen gewesen. Ihr um zehn Jahr älterer Bruder Franz hatte sie dabei noch immer dann und wann von dem Wenigen was er selber verdiente, unterstützt, auch ihr vor einigen Monaten — und das mußte etwa grade vor seinem Tode gewesen sein, geschrieben, daß er recht sparsam lebe, und bald so viel zusammen zu haben hoffe mit ihr, der Schwester, nach Amerika auszuwandern, dort vielleicht ein kleines Geschäft oder irgend etwas Anderes anzufangen, ehrlich durch die Welt zu kommen. Hedwigs Aussage nach mußte er ihr auch die genaue Summe geschrieben haben, die er besaß, und als sie der Actuar dringend bat ihm den Brief zu verschaffen, wenn es irgend möglich sei, da der vielleicht vollständig des Bruders Unschuld beweisen konnte, zog sie aus ihrer Brust das zusammengefaltete und dort bis jetzt sorgfältig bewahrte Papier. Es war das letzte was sie von ihm bekommen, und als Monat nach Monat verstrich und keine neue Nachricht kam, wurde sie zuletzt unruhig und schrieb nach Heilingen. Aber auch hierauf erhielt sie keine Antwort und nicht mehr im Stande die Ungewißheit zu ertragen, verließ sie ihren Dienst und machte sich, mit wenigen Groschen in der Tasche auf, den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen. Und ihr Empfang? großer Gott mit Spott und Hohn wurde ihr Bruder — das einzige noch auf der Welt ihr gehörende Wesen, das sie mehr als sich selber liebte — eines furchtbaren Verbrechens beschuldigt, in Folge dessen er sich selber das Leben genommen, und schlimmer, gewaltiger noch als die Nachricht seines Todes, erschütterte das reine,[pg 234]vertrauensvolle Herz des armen Kindes der ersteZweifelan den Hingeschiedenen, der doch heimlich und quälend in ihr aufsteigen wollte, wie sie sich auch dagegen sträubte; und dochwußtesie daß er keiner schlechten Handlung fähig gewesen sei.
Während dieser Erzählung flossen ihre Thränen stärker; wenn aber der Schmerz auch nur mehr aufgerüttelt wurde durch das Wiederdurchleben vergangener Scenen, fand sie doch auch einen Trost in dem Aussprechen über ihren Verlust. Der Actuar überlas indeß flüchtig den Brief, und den Datum mit dem verübten Raub vergleichend sah er, ob Loßenwerder nun schuldig oder unschuldig sei, daß jenes, bei ihm gefundene Geld sein Eigenthum gewesen sein müsse, schon vor dem Tag, und nicht mehr als Beweis gegen ihn gelten konnte.
So traf sie Kellmann, der von Lobensteins direct auf den Gottesacker gegangen war, das arme Mädchen aufzusuchen. Mit wenigen Worten sagte ihm der Actuar was er von ihr erfahren, und der gutmüthige kleine Kürschner setzte sich neben sie auf das Grab des Bruders, nahm ihre Hand in die seine, und diese streichelnd sprach er ihr Muth und Hoffnung in das arme gequälte Herz. Sie sollte nicht mehr allein stehn auf der Welt; er wollte Freunde für sie finden, die sich ihrer annähmen, und sie Beide, Ledermann und er, wollten nicht ruhen noch rasten bis ihres Bruders Name wieder ehrlich gemacht sei vor der ganzen Stadt; lieber Gott, sie konnten ja nichts mehr für den Armen thun.
Hedwig weinte, während er sprach; aber die Thränen lösten ihren Schmerz — die freundlichen Worte; oh die ersten[pg 235]wieder seit so langer, langer Zeit die sie gehört, thaten ihr wohl und bannten die Verzweiflung aus ihrem Herzen, der sie ja sonst wohl rettungslos verfallen wäre. Wieviel Segen hat schon ein herzliches Wort gebracht, dem Unglücklichen gespendet — wie viele Thränen getrocknet, wie manches Weh, wenn es nicht heilen konnte, doch gelindert.
Kellmann erbot sich dann auch, sie zu seiner Mutter zu führen, wo sie wenigstens bleiben konnte bis sich etwas Weiteres entschieden. Von Amerika sagte er ihr noch Nichts, die nächsten Tage mochten sie erst mit dem Gedanken vertrauter machen, wenn sie hörte wie viel Leute die auch ihren Bruder gekannt und liebe Freunde von ihm selber seien, gerade jetzt nach dort hinübergingen.
Hedwig zögerte noch schüchtern das gütige Erbieten anzunehmen, aber die Worte klangen so herzlich, so gut gemeint, sie stand so hülflos, so allein in der weiten Welt, der fremde Mann erschien ihr wie ein Engel des Himmels in ihrem Schmerz, und unter Thränen nahm sie seine Hand und dankte ihm, und sagte daß sie ihm folgen würde, wohin er sie führe.
[pg 236]Capitel 10.Die beiden Familien.Der Leser muß mir noch, ehe wir unsere weitere Wanderung zusammen antreten, zu zwei Stellen folgen, in Lage und Art freilich gar sehr verschieden. Den Characteren, die wir dort finden, begegnen wir später wieder, theils auf der Reise, theils in ihrem neugewählten Vaterland.An der Hannöverschen Grenze lag ein kleines Dorf, Waldenhayn mit Namen, und fast versteckt zwischen mächtigen Linden und Fruchtbäumen, die es von allen Seiten dicht umgaben.Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ortschaft überschauenden Hügel stand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das sein Dach über gute und glückliche Menschen gespannt hatte, Jahrzehnte lang — und heute? — Guter Gott welche Veränderung in dem Haus — der Vater, Pastor Donner, still und ernst in seinem Sorgen[pg 237]stuhl, und, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, ordentlich eingehüllt in eine dichte Tabakswolke, die Mutter mit verweinten Augen, und doch immer geschäftig herüber- und hinübergehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu besorgen die sie immer wieder vergaß, ehe sie nur das andere Zimmer betreten.Der älteste Sohn Georg ging zu Schiff — ging nach Amerika über das weite, wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort für den unruhigen Geist das Glück zu suchen, das er hier nicht fand, und »wann würden sie ihn — ja würden sie ihn je wieder sehen?« Oh es ist ein großer Schmerz für ein Elternherz ein Kind in der Blüthe der Jahre zu verlieren — wie viel Sorge, wie viel schlaflose Nächte hat es gemacht, bis es wuchs und gedieh; welche Hoffnungen knüpften sich an das junge Wesen, und blühten und reisten mit ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch unsicheren Fuß vor Stoß und Fall zu schützen, wie ängstlich jedem bösen Eindruck gewehrt, der Herz oder Geist hätte vergiften können. Und nun das Alles preiszugeben der Welt, ihren Verführungen, ihren Gefahren für Geist und Körper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu sehn auf die stürmischen Wogen des Lebens — sich selbst überlassen, und der eigenen, vielleicht doch noch zu schwachen Kraft. Wie viele heimliche Thränen werden da geweint, wie trüb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter — Krankheit wird es erfassen und halten, und keine liebende Hand in der Nähe sein, es zu pflegen[pg 238]und ihm den Schweiß von der heißen, glühenden Stirn zu trocknen, die Verführung ihre falschen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und keine treu warnende Stimme ihm zur Seite stehn — Noth und Mangel vielleicht in bitterem Weh auf ihm lasten, und Niemand da sein, der ihm Hülfe bringt, und den Unglücklichen tröstet und unterstützt — Mutter und Vater sind fern, fern von dem Geliebten, seine Klage dringt nicht herüber zu ihnen — ihr Trost und Hülfswort nicht zurück zu ihm.Und ein solcher Abschied dann — der Tod pocht nicht viel härter an des Glückes Thor, und das Bewußtsein den Geschiedenen still und geschützt in kühler Erde zu wissen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, ist oft noch weniger bitter als dieserfreiwilligeTod — der Fortgang über's Meer, in eine fremde, ungekannte Welt — vielleicht so ohne Wiederkehr wie jener, und ohne jedes beruhigende Gefühl der Sicherheit. Der Scheidende ist da noch immer besser, weit besser daran als die Zurückbleibenden; ihm liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde draußen, jede Meile Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen Schmerz zu haften. Er hat auch zu sorgen, für sich und sein Gepäck, seine ganze Zukunft ist ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben — ein ungewohnt Geschäft bis jetzt — und fremde Landschaft, fremde Scenen wechseln so rasch an ihm vorüber, daß jedes Bild einen Theil des alten Schmerzes fortführt mit sich. Selbst der Gedanke an die Verlassenen hat nicht das Herbe, Bittere für ihn, als es für[pg 239]diese hat, wenn sie sein gedenken, und sich mit Vermuthungen quälen müssen wie es jetzt ihm geht, was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt.Er weißin welchem Kreis die Seinen sich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen, häuslichen Beschäftigungen, ihr gleichmäßiges Wirken und Schaffen, und sein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt seinen festen Anhaltspunkt an sie sich unverkümmert fort, bis das Bild, von anderen dicht umdrängt in weiter immer weiterer Ferne langsam erbleicht, und nur noch auf dem Hintergrund des Herzens wie schlummernd liegt, in seinen Träumen ihn zu segnen, oder dereinst, wenn die Welt ihn kalt und rauh von sich stößt, und er allein und freundlos sich da fühlt, wieder aufzuglühen in aller Frische und Wärme, ein Trost und Hoffnungsziel, dem armen, einsamen Wanderer.Georg war ein junger lebenskräftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit dunkelbraunen, vollen, ihm frei und ungescheitelt über die offene sonngebräunte Stirn fallenden Locken, schwarzen klaren Augen und freien, gutmüthigen Zügen, die selbst eine breite dunkle Narbe über den rechten Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entstellen konnte. Er hatte Medicin studirt, und sich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiß verdient, aber die Aussichten für einen jungen Arzt waren trüb und unversprechend in seiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er schon so viel gelesen und gehört, zog ihn mächtig an. Sein Vater konnte und wollte dieses Streben nicht bei ihm unterdrücken; auch er erkannte die Banden, die hier einen kräftigen Geist so leicht in Fesseln legen, und ehrte den Wunsch[pg 240]und Drang der jungen, nach Thaten dürstenden Brust, einen Schauplatz zu finden für ihr Sehnen und Wirken, wenn er sich auch wohl selber dann wieder mit einem schweren Seufzer gestehen mußte, wie manche Hoffnung der Sohn zertrümmert, wie manche Erwartung er getäuscht sehn würde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer aufsteigenden Sonne, von warmem Lichte übergossen winkte. Und wie würde sich sein Herz dann bewähren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden, Flaggen- und Blumengeschmückten Wällen seiner eigenen Luftschlösser aufschaute, wenn es an deren Trümmern stand? oh daß er dann hätte an seiner Seite stehen und ihn leiten dürfen den dunklen, schmalen Pfad zum wahren Glück — retten ihn dann vor sich selbst und seinem bittern Weh.Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb sich selbst den Augenblick vergiften, wo sich der Himmel noch blau und rein über seiner Zukunft spannte. Georg selbst sah auch Nichts von solchen trüben Bildern, die das Herz des Vaters oft mit banger Trauer füllten; ihm war das Thor jetzt weit und frei geöffnet, das hinaus in's Leben führte und an dessen Schwelle er stand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag schwer auf seiner Seele.Am schwersten freilich trug gerade diese Stunde, weil ganz und ungetheilt, das Mutterherz. Nicht dachtesiein diesem Augenblick an die Hoffnungen die dem Sohne in der Welt draußen blühen, an die Gefahren die ihm drohen könnten; sie sah und fühlte Nichts, als die Trennung von demKind, den Abschied von dem Heißgeliebten, und wie im Traum hatte sie[pg 241]schon den ganzen Tag ihren gewöhnlichen Beschäftigungen obgelegen, wie im Traum noch einmal seine Lieblingsgerichte bereitet für den Abend, den letzten Abend, den er im Vaterhause zubringen würde.Lieber Gott, die Speisen kamen Abends auf den Tisch und wurden gegessen, aber Keiner von allen, die jüngsten Geschwister ausgenommen, schmeckten was sie aßen; man sprach dabei über das an dem Nachmittag fortgesandte Gepäck, über das Wetter, über die Uhr die zehn Minuten vorging — Georg trug Grüße auf an alle seine Bekannte, die sich noch seiner erinnerten. Er hatte an dem Tag noch selber ein paar Briefe schreiben wollen, war aber nicht dazu gekommen — Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; so wollte er einen Absenker von dem Rosenstock mitnehmen der vor der Mutter Fenster blühte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber während dem Essen stand die Schwester — unvermißt — vom Tische auf, ging hinaus, grub einen Absenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem sich die Thränen in die Augen zwangen — er mochte kämpfen dagegen wie er wollte als er die Gabe sah. Die Mutter stand vom Tisch auf und ging hinaus — nicht ein Wort wurde gesprochen so lange sie fort war. Die Speisen verschwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die Mutter kam zurück und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man konnte den langsamen Gang der Uhr hören, an der Wand.Da endlich füllte der Vater sein Glas bis zum Rand,[pg 242]hob es mit der Linken und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des Sohnes, zum Trost vielleicht der Mutter sprechen wollen, aber die Worte schwollen ihm im Mund — er brachte eine volle Minute keine Sylbe über die Lippen, und sich gewaltsam fassend und zusammennehmend sagte er endlich.»Auf ein frohes Wiedersehn Georg!«Georg preßte des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den Geschwistern zu — und die Mutter hob ihr Glas und stieß mit dem Sohne an, aber mehr vermochte das Mutterherz nicht — zu lange hatte sie jetzt gewaltsam gegen ihr eigenes Gefühl an- und den Schmerz niedergekämpft, den Anderen zu Liebe; länger war sie es nicht im Stande, und das Glas mit zitternder Hand niedersetzend, daß der Wein über und auf das Tischtuch floß, stand sie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und schluchzte laut.»Mutter, liebe — liebe Mutter — «»Mein Kind — mein Kind,« jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an Heftigkeit, wie der mächtig aber still dahinwälzende Strom schäumend hinausdonnert in's Freie, wo er sich erst einmal Bahn gebrochen aus seinem Bett — »mein liebes — liebes Kind.«»Aber Mutter,« bat der Pastor, »fasse Dich; es ist ja doch nur vielleicht auf kurze Zeit, bis sich der Junge draußen die Hörner abgelaufen, und ihm die Heimath anders aussieht wie jetzt; dann kommt er wieder.«»Liebe — liebe Mutter,« flüsterte Georg, sie innig an sich[pg 243]schließend, und auch ihm erstickten unaufhaltsam fließende Thränen die Stimme.Die Geschwister weinten auch, und der Vater war aufgestanden und ein paar Mal mit raschen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich aber nur seine eigene Fassung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne stehn, und sie langsam trennend sagte er mit sanfter, bittender Stimme:»Kommt Kinder, kommt — macht Euch selber nicht das Herz zum Brechen schwer; das ist unrecht. Ueberdies quält Ihr Euch zweimal, und habt morgen früh noch dasselbe Leid. Es ist eine lange Trennung, aber keine Trennung für's Leben — wir sind Alle noch rüstig und gesund, und werden uns, will es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme schließen können.«»Aber Du schreibst bald, Georg,« flüsterte die Mutter sich mit aller Kraft zusammennehmend — »Du läßt uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du versprichst mir das?«»Gewiß Mutter, gewiß — so oft ich kann — aber ängstigt Euch nur auch nicht, wenn einmal ein Brief länger ausbleibt als gewöhnlich; der Weg ist weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn.«»So, und jetzt zu Bett Kinder,« mahnte der Vater — »es ist spät geworden, sehr spät, und Du mußt früh wieder heraus Georg, die Post nicht zu versäumen; sind Deine Koffer hinübergeschafft?«»Es ist Alles drüben,« sagte die Mutter, sich aus den[pg 244]Armen des Sohnes windend und ihre Thränen trocknend, »nur sein Ueberrock ist noch hier, den er anzieht, und die kleine Tasche in die er morgen früh sein Nacht- und Waschzeug steckt — doch das besorg' ich schon selber und werd' es nicht vergessen. Ich bin früh auf, Georg, Du mußt ja doch auch noch Deinen Kaffee haben bevor Du gehst.«»Gute Nacht Mutter!« rief Georg, umschlang sie noch einmal und küßte ihr Lippen, Augen und Stirn, »gute Nacht meine gute, gute Mutter — gute Nacht!«»Gute Nacht mein Georg, mein Kind,« sagte die arme Frau unter Thränen — »schlaf nur jetzt recht aus — zum letzten Mal unter unserem Dach — für die nächste Zeit wenigstens,« setzte sie rasch hinzu — »denn mit Gottes Beistand hoff' ich soll es nicht das letzte Mal gewesen sein — und — und meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehst — wo Du weilst — was Du thust — — er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!«Georg beugte sich unwillkürlich dem ernsten heiligen Wort — seine ganze Gestalt zitterte dabei, und die Mutter mußte sich endlich mit freundlicher Gewalt aus seinen Armen winden; dann aber floh sie auch hastigen Schrittes aus dem Zimmer, sich in dem eigenen Kämmerlein recht, recht herzlich auszuweinen.Die Geschwister sagten dem Bruder jetzt gute Nacht — die älteste Schwester Louise hing lange an seinem Hals, aber riß sich los, den Schmerz der Eltern nicht zu vermehren. Die Jüngeren küßten ihn auf die Wangen und sagten. »Gute[pg 245]Nacht Georg — weck' uns nicht zu spät morgen früh, daß wir Dir auch noch können glückliche Reise wünschen.«Georg küßte sie herzlich und bat sie brav und gut zu sein, und Vater und Mutter Freude — viel Freude zu machen, denn er selber ginge nun fort, und die Eltern würden deshalb recht traurig sein.»Gute Nacht Georg,« sagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen waren, und Alle, außer ihm, das Zimmer verlassen hatten, »habe keine Angst daß Du die Post morgen verschläfst, ich wache schon auf zur rechten Zeit — gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht selber wieder an, und mach' mir das Herz nicht schwer vor der Zeit — aber Georg, um Gottes Willen was ist Dir? — sei ein Mann — Nun ja — so lange die Frauen da waren hat es mir auch das Herz fast abgedrückt — man darf es sie ja nicht so merken lassen, sonst zerfließen sie ganz — «»Mein lieber — lieber Vater,« schluchzte Georg an seinem Halse.«»Mein guter, guter Sohn!« flüsterte der Pastor, des Kindes Stirne küssend, und jetzt selber im Innersten ergriffen und bewegt — »bleibe brav — bleibe so brav wie Du bist — ich kann Dir nichts Besseres wünschen — trage Gott im Herzen und Dich selbst, und — Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir folgt auf allen Deinen Wegen.«»Mein Vater!«»So mein Sohn — jetzt gute Nacht und bete zu Deinem[pg 246]Schöpfer daß er uns morgen in der schweren Abschiedsstunde stärkt — gute Nacht mein Georg — gute Nacht.«Leise machte er sich los aus des Sohnes Arm, küßte ihn noch einmal, und verließ dann rasch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf dem Stuhle sitzen wo ihn der Vater verlassen, das Gesicht in seinen Händen bergend.»Gute Nacht,« flüsterte er endlich leise und kaum hörbar, als Alles schon im Hause still war, und zu Ruhe gegangen — »gute Nacht Ihr Lieben und Gott schütze Euch und mich; aber nicht möglich wäre es mir, die furchtbare Trennungsstunde noch einmal durchzuleben, nicht möcht' ich Dir Vater, Dir Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es ist vorbei — Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath selber liegt, ein schöner Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an's Werk« setzte er fest und entschlossen hinzu, »und ob das Herz darüber brechen will, »durch« ist mein Wahlspruch jetzt, durch Nacht zum Licht —durch.«Und mit den, fest zwischen den zusammengebissenen Zähnen gemurmelten Worten stand er auf, und sein Schlafzimmer öffnend warf er den Rock ab, und badete Gesicht und Nacken in kühlem Wasser. Dann, als er die Glut die ihn durchtobte, in etwas gelöscht, packte er den kleinen Nachtsack mit den, sorglich für ihn auf dem Waschtisch ausgebreiteten Gegenständen, zog sich wieder an, knöpfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht war kalt, und nach der gehabten Aufregung fröstelten ihn die Glieder, und im Zimmer umherschauend fiel sein Blick auf den, unter dem Spiegel stehenden, für ihn ein[pg 247]geschlagenen Rosenstock. Rasch barg er ihn in der weiten Tasche seines Ueberrocks, öffnete dann das Fenster, das in den Garten hinaus und von da über den Kirchhof führte, der Landstraße zu, und schwang sich auf das Fensterbret.»Ade!« flüsterte er, »ade Du trautes, liebes Haus, ade — Gott halte seine Hand über Dir, und schütze die lieben Menschen — ade, ade.« Und von dem Bret hinunterspringend in den Garten, durcheilte er diesen, schwang sich leicht über die Kirchhofmauer, die er als Kind unzählige Male überklettert, und schritt dann langsam und traurig seinen einsam dunklen Weg entlang.* * * * *Noch hob sich die Sonne nicht über den östlichen Fichtenhang, und der dämmernde Tag grüßte eben die schlummernde Erde, als sich die Mutter von ihrem Lager hob, das Mädchen weckte daß es Feuer in der Küche mache, den Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu sagen. Pastor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen — die Gedanken und Sorgen ließen ihn nicht ruhen, und wie aus bösem Traum fuhr er oft empor, mit einem wehen Stich durch's Herz zurückzusinken,daßes eben kein Traum sei, der ihn bedrücke und quäle.Er stand auf, zog sich an, und während die Mutter draußen in der Küche sorgte, dem Sohn ein rasches Frühstück zu bereiten, ging der Vater hin ihn zu wecken.[pg 248]»Georg!« sagte er, als er die Thür öffnete, die in des Sohnes Kammer führte — »Georg — es wird Zeit — heiliger Gott!« unterbrach er sich aber rasch und erschreckt als er das Gemach leer, das Bett unberührt und keine Spur mehr von dem Kinde fand — »heiliger, erbarmender Gott — er ist fort.« Und wie er sich auch vorgenommen sich zu fassen, und der Frau, dem Kind, die letzten Augenblicke nicht mehr zu erschweren, durch seine eigene Schwäche, traf ihnderSchlag doch zu hart — zu unerwartet. In diesem Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und sah wie der Vater sich erschüttert von der Thür abwandte und das Antlitz in den Händen barg.»Mein Sohn — mein Kind!« stammelte sie, in der sie durchzuckenden Ahnung des Geschehenen, der sie wie ein jäher Schlag in's Herz traf — »wo ist — wo ist Georg?« Aber der Vater zog sie an die Brust, und ihre Stirn, auf die seine heißen Thränen fielen, küssend, flüsterte er leise:»Er hat uns den Schmerz des Abschiedes sparen wollen, Louise — er ist fort.«»Fort!« hauchte die Frau — kaum noch den Sinn der Worte fassend, und brach bewußtlos in den Armen des Gatten zusammen.* * * * *Außerhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demselben Kirchspiel gehörend, und dicht an der Grenze des bis hier herniederlaufenden Holzes, stand ein kleines, schon halb verfallenes[pg 249]Haus, das früher einmal von einem Forstgehülfen des herrschaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war. Der Mann der es kaufte aber, hatte früher ebenfalls in herrschaftlichen Diensten gestanden, und dann das Metzger-Handwerk getrieben; sein wildes, liederliches Leben jedoch ließ sein Geschäft nicht fördern, noch vorwärts gehn. Er schien auch keine rechte Lust an einer regelmäßigen Arbeit zu haben, heirathete dann, als er Alles was er sein nannte, durchgebracht, ein Mädchen vom herrschaftlichen Gut, das den Dienst dort verlassen mußte und von dem Herrn selber eine Abstandssumme bekam, und kaufte mit dem Gelde eben das kleine unwohnliche Gebäude, das er nichtsdestoweniger bezog, und sich jetzt angeblich vom Viehhandel ernährte. Er zog im Lande herüber und hinüber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb er sich in den Wirthshäusern herum, wo er trank und spielte, und den schlimmsten Ruf im Lande hatte, den ein Mensch haben kann, ohne daß jedoch die Polizei den mindesten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die ordentlichen Leute zogen sich von ihm zurück; Niemand mochte Umgang mit ihm oder seinem Weibe haben, und auf dem Weg zu seinem Hause wuchs Gras; wen dort nicht ein besonderes Geschäft hinführte, betrat ihn nimmer.So hatte der »schwarze Steffen,« wie er im Lande seines dunklen Haares und Aussehns wegen hieß, sechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und sein Weib ihm, außer dem Kind das sie in die Ehe gebracht, noch drei andere geboren. In der[pg 250]letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn auf, daß er sich nämlich unter der Hand mit Wilddieben einlasse, und — wenn auch vielleicht nicht selber wildere, doch das Gestohlene kaufe und unterbringe.Sicher ist, daß nicht alles Fleisch was er zu Markte führte, im Stall gemästet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht so sehr langer Zeit, ein Forstgehülfe, in Ausübung seiner Pflicht, erschossen worden, wurde die Aufsicht über den schwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu Kragen konnte, so scharf geführt, und diesem zuletzt so unerträglich, daß er schon ein paar Mal mit den Forstbeamten im Wirthshaus Streit gesucht und gefunden, und ihm zuletzt von der Herrschaft, nach lange geübter Nachsicht, der Befehl zugestellt wurde, das auf den Abbruch damals erstandene Haus, von dem übrigens kein Ziegel mehr sein gehörte, zu räumen und abzutragen oder stehen zu lassen, wie es ihm gefalle, seinen Wohnsitz aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom ersten des nächsten Monats an.Steffen war heute einmal ausnahmsweise den ganzen Tag zu Haus geblieben, und hatte manche von seinen Sachen, wobei ihm die Frau half, zusammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten wenig darauf; sie waren gewohnt daß der Vater oft fortging, und dann immer mehre, manchmal sogar acht Tage fortblieb, ehe sie ihn wieder zu sehen bekamen, oder auch nur von ihm hörten. Fragen, wohin er ging, durften sie nie.Der Vater war übrigens mürrischer heute als je — er[pg 251]sprach fast kein Wort, trank aber oft aus der Flasche, die zum ersten Mal offen in der Stube stand, und woraus sich auch die Mutter zweimal einschenkte, und sich dann zu dem jüngsten Kinde setzte, und es auf den Schoos nahm und küßte.»Weshalb weinst Du, Mama?« sagte das zweite Kind, ein Junge von etwas über fünf Jahren — »hat Dir Jemand 'was zu Leid gethan?«»Weil sie eine Närrin ist,« brummte der Vater, der die Frage gehört hatte, und jetzt einen ärgerlichen Blick nach der Frau schoß — »ich dächte wir hätten nun genug darüber geschwatzt und die Sache wär' abgemacht.«»Nun ja — ich sage ja auch kein Wort mehr dagegen,« erwiederte die Frau — »es — es überkommt Einen nur noch manchmal so — nachher wird's besser und — es geht ja doch nun einmal nicht anders,« setzte sie still und schwer vor sich hinseufzend, hinzu.Steffen entgegnete nichts weiter darauf, schickte aber bald darauf, unter irgend einem Vorwand, die Kinder mitsammen hinaus in den Garten, und sagte dann, als er sich mit der Frau allein sah, mürrisch und finster.»Du flennst und flennst, und wirst die Bälge noch zuletzt aufmerksam und ängstlich machen mit Deiner Heulerei — kannst Du sie hier ernähren, so bleib da, ich habe Nichts dagegen; kannst Du's aber nicht, dann sei auch vernünftig und mach' jetzt keine dummen Streiche — es wär' ein Spaß, wenn sie uns abfaßten, und Du weißt am Besten was uns nachher bevorstünde.«[pg 252]Die Frau war schlank und voll gewachsen, mit besonders kleinen Händen und Füßen, mußte auch einmal in früheren Jahren wirklich schön gewesen sein, und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, hätte sie eben etwas gethan sich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeußeren ging sie, wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachlässigt; die ungeordneten Haare wurden durch einen zerbrochenen, ächten Schildpatkamm, und durch ein schwarzes abgescheuertes Sammetband, in dem vorn eine große bronzene Broche mit einem unächten Turquis saß, gehalten; in den Ohren hingen ihr ebenfalls lange emaillirte unächte Ohrringe, die mit dazu beigetragen hatten ihr bei ihren bescheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der »stolzen Jule« zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem Schnitt gemacht, zeigte unausgebesserte Risse, und Spuren von Fett, in Streifen und Flecken, die schlecht zu dem blitzenden falschen Schmucke paßten.Auch in den Augen selber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch jetzt einem mächtigeren Gefühl gewichen war, denn nur manchmal, bei den rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog sich dann ein eigener fester Zug von Trotz und Zorn.»Ich hab' Dir genug zu Willen gethan, daß ich mit Dir gehe und die Kinder zurücklasse,« sagte sie dann nach kleiner Weile — »wenn's mir das Herz dabei zusammenzieht, wärst Du schlimmer wie ein Thier, wolltest Du's mir wehren. Der Wolf läßt seine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort — «[pg 253]»Der Wolf hat auch draußen zu leben, und für die Jungen Milch — wer giebt's uns?« zischte der Mann zwischen den zusammgebissenen Zähnen durch — »wir könnten krepiren hier im Nest, keine Katze miaute deshalb im ganzen Kreis.«»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte die Frau, »und das ist das Einzige was mich freut, daß wir ihnen jetzt einen Streich spielen — den Lumpen. Und wie sie schreien und schimpfen werden — aber ernähren müßen sie sie doch, davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut's Einem freilich immer, die armen Dinger, die noch Nichts von der Welt wissen und begreifen, so allein zurückzulassen — wenn ich das Jüngste nur mitnehmen dürfte — « setzte sie leise hinzu.»Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Gewäsch,« rief aber der Mann finster und ärgerlich — »ich dächte das hätten wir über und genug besprochen und überlegt, und wären einig darüber.«»Ueberlegt gar nicht,« sagte aber die Frau, die Brauen fest zusammenziehend — »wenn ich davon anfing hast Du mich immer grob angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem Anderen. Ich weiß daß ich nicht zu den Weichen gehöre, aber — Mutter bleibt doch Mutter, und — 's ist immer ein häßlich unnatürlich Ding.«»Papperlapapp!« sagte der Mann den Kopf herüber und hinüber werfend — »unnatürlich — natürlich ist's allerdings nicht daß die Scheunen ringsherum voll liegen, und das reiche Lumpenpack das Geld mit vollen Fausten zum Fenster hinaus[pg 254]wirft, während wir hier trocken Brod nagen sollen, und das nicht einmal immer kriegen — schöne Natürlichkeit das.«»Wenn Du nur nicht den dummen Streich mit dem — «»Halt's Maul!« brummte aber der Mann mürrisch — »ich sollte mich wohl erwischen und anzeigen lassen, daß ich jetzt im Zuchthaus säß und spänn — Gott verdamm mich, ich schösse eher die ganze Bande über den Haufen, einen nach dem anderen — bist Du nun fertig mit Deinen Sachen?«»Ja!« sagte die Frau leise und unwillkürlich zusammenschaudernd — »es kann fort gehn.«»Wir wollen aber doch warten bis es dunkel ist,« sagte Steffen nach kleiner Pause; »besser ist besser, und der Märtens unten an der Straße braucht nicht gleich zu wissen daß wir fortgefahren sind, beide zusammen, seine Nase hineinzustecken vor der Zeit; er ist mir so schon ein paar Mal hier oben herumgekrochen, wo er Nichts zu suchen hatte.«»Aber wenn sie uns nun doch vor der Zeit vermissen?« sagte die Frau, »und unserer Spur nachgehn; wenn's jetzt schlimm ist, nachher wird's erst bös, und wir dürften dann nur gleich mit Sack und Pack abziehn.«»In's Arbeitshaus, eh? — nein, eine Weile halt' ich sie uns schon von den Hacken, und Gefahr daß sie uns finden, hat es auch nicht. Wo wir zur Eisenbahn kommen bin ich bekannt, und habe schon manchmal Vieh da gekauft, wenn sie auch eben meinen Namen nicht wissen, und wenn wir fortgehn, lasse ich einen alten Hut von mir und das gelbe Tuch von Dir unten an dem tiefen Wasserloch unter den Erlen. Sobald[pg 255]Jemand hier in der Gegend vermißt wird, suchen sie dort immer zuerst, und der Schulze im Dorf hat das Pulver nicht erfunden, dem ist leicht was aufgehängt. Bis sie eine Weile stromab geangelt haben, sind wir hoffentlich unterwegs, und wenn nicht unter, doch über dem Wasser. Aber ich will jetzt noch einmal hinunter zum Märtens gehn und Mehl holen; es ist auch heute der gewöhnliche Tag, und hierher kommt nachher keiner so leicht, nimm Du indeß die Kinder vor, und instruire sie wie sie sich zu verhalten haben.«Und seine Mütze aufgreifend steckte Steffen die Hände in die Taschen, und schlenderte langsam den Hang hinunter dem nächsten, eine gute Viertelstunde entfernten Hause zu, während die Frau die Kinder zu sich hereinrief, das Jüngste, ein kleines liebes Mädchen von anderthalb Jahren, auf den Schoos nahm, und sich damit still und lautlos in die Ecke setzte.Die Sonne neigte sich indessen ihrem Untergang, und der Vater kam nach etwa einer Stunde, als es schon völlig dunkel geworden war zurück — die Mutter saß noch immer mit dem Kind auf dem Schoos, das bei ihr eingeschlafen war, und hielt es fest an sich gedrückt.»So Jule, es ist Zeit,« sagte der Mann, seine Arbeitsjacke abwerfend und den Rock anziehend, »weiß die Albertine was sie zu thun hat?«Die Frau zitterte am ganzen Leib, aber sie erwiederte kein Wort, stand auf, küßte das Kind das sie auf dem Arm trug,[pg 256]und legte es in sein Bettchen — einen Kasten, der in der Ecke der Stube stand.»Albertine,« sagte sie dann zu der Aeltesten, und wandte sich von der düster brennenden Oellampe, die Steffen auf den Ofen gestellt hatte, ab, daß die Tochter ihr nicht in die jetzt wirklich todtenbleichen Züge schauen sollte — »ich gehe mit dem Vater heute Abend eine Weile fort — den Karl bring ich erst noch zu Bett — sollten wir morgen früh nicht bei Zeiten da sein, so — so zieh die Kinder an und gieb ihnen zu essen — der Brodschrank ist offen, und Milch steht unter der Diele in der Schüssel — Du paßt mir auf daß den Kleinen Nichts passirt — Du — Du bist ja schon ein großes Mädchen.«»Und geht mir nicht vor die Thür morgen, bis wir nicht wieder da sind,« sagte Steffen, »wie ich heut Abend drunten gehört habe, ist hier ein toller Hund herumgelaufen. Das Beste wird sein Ihr haltet die Hausthür zu, daß er nicht etwa gar herein kommt.«Die Frau hatte dabei das etwa dreijährige Mädchen das indeß gar schläfrig geworden war, ausgezogen und in sein Bettchen gelegt — und der Junge, Carl, saß auf der Bank am Fenster, noch auf sein Abendbrod wartend. Aber er sah auch erstaunt dabei die Eltern an, die noch nie so spät Abends fortgegangen waren, und auch wohl noch nie, oder doch nur selten gar so freundlich mit ihnen gesprochen hatten.»Was für ein Hund ist es, Vater?« frug er jetzt, da der Gedanke an den tollgewordenen Hund ihn besonders interessiren[pg 257]mochte — »Märtens' Bello? der kennt mich, und beißt mich nicht.«»Nein, der große Türk aus dem Dorfe unten,« sagte Steffen — »der den Müller auch schon einmal gebissen hat.«»Oh der ist schlimm!« rief der Knabe erschreckt — »da geh' ich gewiß nicht hinaus.«»Geh' nun zu Bett Carl, es ist spät,« sagte der Vater.»Ich habe mein Abendbrod noch nicht,« brummte der arme kleine Bursch.»So? — dann wird Dir's Albertine geben — und — seid brav und folgt ihr — «Er gab dem Knaben und ältesten Mädchen die Hand, und ging zu den Bettchen der Kleinen die er küßte; dann aber als ob er sich einer solchen Regung schäme, richtete er sich rasch wieder auf, drückte den Hut in die Stirn, und sagte, das Zimmer verlassend, und noch in der Thür sich umdrehend:»Ich warte auf Dich unten am Wasser — mach schnell!«»Sei ein gut Kind Albertine, und hab mir gut auf die Kleinen Acht,« flüsterte die Frau jetzt dem Mädchen zu, das eben dem Bruder ein Stück Brod und Salz gegeben hatte, an dem der aß und verwundert dabei hinter den Vater her aus der Thür, und nach der Mutter schaute, die lange — o lange Zeit nicht so freundlich mit ihnen gesprochen hatte.»Aber Mutter wo geht Ihr nur hin?« — frug das Mädchen, der das Benehmen der Eltern ebenfalls auffiel, verwundert.»Auf's Amt,« sagte die Frau, auf die Frage schon vor[pg 258]bereitet — »wir müssen morgen früh mit Tagesanbruch in der Stadt sein, und wollen gehn so lang's kühl ist.«»Und wann kommst Du wieder?«»Hoffentlich morgen gegen Abend — wenn wir fertig werden; auf dem Amt sind sie aber gar weitläufig — manchmal dauert's länger als man denkt. Geht mir aber nicht vor die Thür, Ihr habt zu essen genug — jedenfalls sind wir morgen Abend um die Zeit wieder da — und acht' mir auf die Kleinen, Tine — sei ein vernünftig gutes Mädchen — Du bist groß genug. Und — wenn Jemand nach uns fragen sollte, so sag nur wir wären in den Wald gegangen, und kämen gleich wieder — es wird aber wohl Niemand fragen,« — setzte sie leise, und wie zu ihrer eigenen Beruhigung hinzu.Sie sah sich im Zimmer um, ob sie Nichts vergessen habe — ihr Bündel lag aber versteckt draußen vor der Thür, wie der Mann seine gepackte Jagdtasche ebenfalls draußen verborgen gehabt und jetzt mitgenommen hatte. Ihr Blick überflog auch nur flüchtig den kleinen Raum, und haftete dann auf dem Bettchen des jüngsten Kindes — sie konnte nicht widerstehn, und trat noch einmal zu dem schlummernden Kind.»Geh doch hinaus Tine, und hole ein paar Stücken Holz herein, so lang ich noch hier bin, daß Du morgen früh Kaffee kochen kannst — ich bleibe so lang bei den Kindern,« setzte sie langsam und ohne das älteste Mädchen dabei anzusehn, hinzu. Dieses ging, und in wilder, fast ängstlicher Hast küßte die Frau jetzt die kleine, schon sanft schlummernde Line, und hob dann[pg 259]das Jüngste aus seinem Kasten, auf dessen rosige Lippen sie den eigenen Mund in wilder Heftigkeit preßte, bis es schrie. Die Thränen — die Mutterkonntesich nicht ganz verleugnen in dem Augenblick — liefen ihr dabei voll und schwer die Wangen hinunter, und erst als sie das Aelteste mit dem Holz zurückkehren hörte, legte sie das leicht beruhigte Kind wieder auf sein Lager, und küßte den Jungen, dem die Thränen auch anfingen in die Augen zu steigen. Er wußte freilich nicht recht weshalb, und nur vielleicht weil er die Mutter weinen sah, wurd' es ihm auch so weh und weich um's Herz.»Aber Mutter, was ist Dir nur heute Abend?« sagte das Mädchen, dem die außergewöhnliche Bewegung derselben unmöglich entgehen konnte — »was habt Ihr nur, Du und der Vater?«»Bah — der Vater war garstig mit mir, und wir haben uns gezankt,« sagte die Mutter, das Gesicht abwendend von dem Kind.Ein scharfer Pfiff von draußen her schlug an ihr Ohr, und sie fuhr erschreckt in die Höhe.»Ja — ich komme schon!« murmelte sie, kaum hörbar, vor sich hin, »so adieu Albertine — hab auf die Kinder Acht, und —behüt Euch Gott!« und mit dem, wie scheu geflüsterten und vielleicht seit langer, langer Zeit nicht ausgesprochenen Segen, verließ sie rasch das Zimmer und das Haus.[pg 260]»Was zum Teufel trödelst Du denn da drin, und läßt mich eine Stunde hier warten?« rief der Mann mürrisch, als sie ihn endlich an der verabredeten Stelle traf — aber die Frau erwiederte kein Wort, und die fieberheiße Stirn in die Hand pressend, folgte sie dem, jetzt ebenfalls finster und schweigend Voranschreitenden, durch die Nacht.
Der Leser muß mir noch, ehe wir unsere weitere Wanderung zusammen antreten, zu zwei Stellen folgen, in Lage und Art freilich gar sehr verschieden. Den Characteren, die wir dort finden, begegnen wir später wieder, theils auf der Reise, theils in ihrem neugewählten Vaterland.
An der Hannöverschen Grenze lag ein kleines Dorf, Waldenhayn mit Namen, und fast versteckt zwischen mächtigen Linden und Fruchtbäumen, die es von allen Seiten dicht umgaben.
Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ortschaft überschauenden Hügel stand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das sein Dach über gute und glückliche Menschen gespannt hatte, Jahrzehnte lang — und heute? — Guter Gott welche Veränderung in dem Haus — der Vater, Pastor Donner, still und ernst in seinem Sorgen[pg 237]stuhl, und, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, ordentlich eingehüllt in eine dichte Tabakswolke, die Mutter mit verweinten Augen, und doch immer geschäftig herüber- und hinübergehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu besorgen die sie immer wieder vergaß, ehe sie nur das andere Zimmer betreten.
Der älteste Sohn Georg ging zu Schiff — ging nach Amerika über das weite, wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort für den unruhigen Geist das Glück zu suchen, das er hier nicht fand, und »wann würden sie ihn — ja würden sie ihn je wieder sehen?« Oh es ist ein großer Schmerz für ein Elternherz ein Kind in der Blüthe der Jahre zu verlieren — wie viel Sorge, wie viel schlaflose Nächte hat es gemacht, bis es wuchs und gedieh; welche Hoffnungen knüpften sich an das junge Wesen, und blühten und reisten mit ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch unsicheren Fuß vor Stoß und Fall zu schützen, wie ängstlich jedem bösen Eindruck gewehrt, der Herz oder Geist hätte vergiften können. Und nun das Alles preiszugeben der Welt, ihren Verführungen, ihren Gefahren für Geist und Körper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu sehn auf die stürmischen Wogen des Lebens — sich selbst überlassen, und der eigenen, vielleicht doch noch zu schwachen Kraft. Wie viele heimliche Thränen werden da geweint, wie trüb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter — Krankheit wird es erfassen und halten, und keine liebende Hand in der Nähe sein, es zu pflegen[pg 238]und ihm den Schweiß von der heißen, glühenden Stirn zu trocknen, die Verführung ihre falschen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und keine treu warnende Stimme ihm zur Seite stehn — Noth und Mangel vielleicht in bitterem Weh auf ihm lasten, und Niemand da sein, der ihm Hülfe bringt, und den Unglücklichen tröstet und unterstützt — Mutter und Vater sind fern, fern von dem Geliebten, seine Klage dringt nicht herüber zu ihnen — ihr Trost und Hülfswort nicht zurück zu ihm.
Und ein solcher Abschied dann — der Tod pocht nicht viel härter an des Glückes Thor, und das Bewußtsein den Geschiedenen still und geschützt in kühler Erde zu wissen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, ist oft noch weniger bitter als dieserfreiwilligeTod — der Fortgang über's Meer, in eine fremde, ungekannte Welt — vielleicht so ohne Wiederkehr wie jener, und ohne jedes beruhigende Gefühl der Sicherheit. Der Scheidende ist da noch immer besser, weit besser daran als die Zurückbleibenden; ihm liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde draußen, jede Meile Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen Schmerz zu haften. Er hat auch zu sorgen, für sich und sein Gepäck, seine ganze Zukunft ist ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben — ein ungewohnt Geschäft bis jetzt — und fremde Landschaft, fremde Scenen wechseln so rasch an ihm vorüber, daß jedes Bild einen Theil des alten Schmerzes fortführt mit sich. Selbst der Gedanke an die Verlassenen hat nicht das Herbe, Bittere für ihn, als es für[pg 239]diese hat, wenn sie sein gedenken, und sich mit Vermuthungen quälen müssen wie es jetzt ihm geht, was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt.Er weißin welchem Kreis die Seinen sich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen, häuslichen Beschäftigungen, ihr gleichmäßiges Wirken und Schaffen, und sein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt seinen festen Anhaltspunkt an sie sich unverkümmert fort, bis das Bild, von anderen dicht umdrängt in weiter immer weiterer Ferne langsam erbleicht, und nur noch auf dem Hintergrund des Herzens wie schlummernd liegt, in seinen Träumen ihn zu segnen, oder dereinst, wenn die Welt ihn kalt und rauh von sich stößt, und er allein und freundlos sich da fühlt, wieder aufzuglühen in aller Frische und Wärme, ein Trost und Hoffnungsziel, dem armen, einsamen Wanderer.
Georg war ein junger lebenskräftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit dunkelbraunen, vollen, ihm frei und ungescheitelt über die offene sonngebräunte Stirn fallenden Locken, schwarzen klaren Augen und freien, gutmüthigen Zügen, die selbst eine breite dunkle Narbe über den rechten Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entstellen konnte. Er hatte Medicin studirt, und sich das Doctordiplom mit eifrigem Fleiß verdient, aber die Aussichten für einen jungen Arzt waren trüb und unversprechend in seiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er schon so viel gelesen und gehört, zog ihn mächtig an. Sein Vater konnte und wollte dieses Streben nicht bei ihm unterdrücken; auch er erkannte die Banden, die hier einen kräftigen Geist so leicht in Fesseln legen, und ehrte den Wunsch[pg 240]und Drang der jungen, nach Thaten dürstenden Brust, einen Schauplatz zu finden für ihr Sehnen und Wirken, wenn er sich auch wohl selber dann wieder mit einem schweren Seufzer gestehen mußte, wie manche Hoffnung der Sohn zertrümmert, wie manche Erwartung er getäuscht sehn würde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer aufsteigenden Sonne, von warmem Lichte übergossen winkte. Und wie würde sich sein Herz dann bewähren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden, Flaggen- und Blumengeschmückten Wällen seiner eigenen Luftschlösser aufschaute, wenn es an deren Trümmern stand? oh daß er dann hätte an seiner Seite stehen und ihn leiten dürfen den dunklen, schmalen Pfad zum wahren Glück — retten ihn dann vor sich selbst und seinem bittern Weh.
Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb sich selbst den Augenblick vergiften, wo sich der Himmel noch blau und rein über seiner Zukunft spannte. Georg selbst sah auch Nichts von solchen trüben Bildern, die das Herz des Vaters oft mit banger Trauer füllten; ihm war das Thor jetzt weit und frei geöffnet, das hinaus in's Leben führte und an dessen Schwelle er stand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag schwer auf seiner Seele.
Am schwersten freilich trug gerade diese Stunde, weil ganz und ungetheilt, das Mutterherz. Nicht dachtesiein diesem Augenblick an die Hoffnungen die dem Sohne in der Welt draußen blühen, an die Gefahren die ihm drohen könnten; sie sah und fühlte Nichts, als die Trennung von demKind, den Abschied von dem Heißgeliebten, und wie im Traum hatte sie[pg 241]schon den ganzen Tag ihren gewöhnlichen Beschäftigungen obgelegen, wie im Traum noch einmal seine Lieblingsgerichte bereitet für den Abend, den letzten Abend, den er im Vaterhause zubringen würde.
Lieber Gott, die Speisen kamen Abends auf den Tisch und wurden gegessen, aber Keiner von allen, die jüngsten Geschwister ausgenommen, schmeckten was sie aßen; man sprach dabei über das an dem Nachmittag fortgesandte Gepäck, über das Wetter, über die Uhr die zehn Minuten vorging — Georg trug Grüße auf an alle seine Bekannte, die sich noch seiner erinnerten. Er hatte an dem Tag noch selber ein paar Briefe schreiben wollen, war aber nicht dazu gekommen — Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; so wollte er einen Absenker von dem Rosenstock mitnehmen der vor der Mutter Fenster blühte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber während dem Essen stand die Schwester — unvermißt — vom Tische auf, ging hinaus, grub einen Absenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem sich die Thränen in die Augen zwangen — er mochte kämpfen dagegen wie er wollte als er die Gabe sah. Die Mutter stand vom Tisch auf und ging hinaus — nicht ein Wort wurde gesprochen so lange sie fort war. Die Speisen verschwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die Mutter kam zurück und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man konnte den langsamen Gang der Uhr hören, an der Wand.
Da endlich füllte der Vater sein Glas bis zum Rand,[pg 242]hob es mit der Linken und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des Sohnes, zum Trost vielleicht der Mutter sprechen wollen, aber die Worte schwollen ihm im Mund — er brachte eine volle Minute keine Sylbe über die Lippen, und sich gewaltsam fassend und zusammennehmend sagte er endlich.
»Auf ein frohes Wiedersehn Georg!«
Georg preßte des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den Geschwistern zu — und die Mutter hob ihr Glas und stieß mit dem Sohne an, aber mehr vermochte das Mutterherz nicht — zu lange hatte sie jetzt gewaltsam gegen ihr eigenes Gefühl an- und den Schmerz niedergekämpft, den Anderen zu Liebe; länger war sie es nicht im Stande, und das Glas mit zitternder Hand niedersetzend, daß der Wein über und auf das Tischtuch floß, stand sie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und schluchzte laut.
»Mutter, liebe — liebe Mutter — «
»Mein Kind — mein Kind,« jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an Heftigkeit, wie der mächtig aber still dahinwälzende Strom schäumend hinausdonnert in's Freie, wo er sich erst einmal Bahn gebrochen aus seinem Bett — »mein liebes — liebes Kind.«
»Aber Mutter,« bat der Pastor, »fasse Dich; es ist ja doch nur vielleicht auf kurze Zeit, bis sich der Junge draußen die Hörner abgelaufen, und ihm die Heimath anders aussieht wie jetzt; dann kommt er wieder.«
»Liebe — liebe Mutter,« flüsterte Georg, sie innig an sich[pg 243]schließend, und auch ihm erstickten unaufhaltsam fließende Thränen die Stimme.
Die Geschwister weinten auch, und der Vater war aufgestanden und ein paar Mal mit raschen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich aber nur seine eigene Fassung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne stehn, und sie langsam trennend sagte er mit sanfter, bittender Stimme:
»Kommt Kinder, kommt — macht Euch selber nicht das Herz zum Brechen schwer; das ist unrecht. Ueberdies quält Ihr Euch zweimal, und habt morgen früh noch dasselbe Leid. Es ist eine lange Trennung, aber keine Trennung für's Leben — wir sind Alle noch rüstig und gesund, und werden uns, will es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme schließen können.«
»Aber Du schreibst bald, Georg,« flüsterte die Mutter sich mit aller Kraft zusammennehmend — »Du läßt uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du versprichst mir das?«
»Gewiß Mutter, gewiß — so oft ich kann — aber ängstigt Euch nur auch nicht, wenn einmal ein Brief länger ausbleibt als gewöhnlich; der Weg ist weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn.«
»So, und jetzt zu Bett Kinder,« mahnte der Vater — »es ist spät geworden, sehr spät, und Du mußt früh wieder heraus Georg, die Post nicht zu versäumen; sind Deine Koffer hinübergeschafft?«
»Es ist Alles drüben,« sagte die Mutter, sich aus den[pg 244]Armen des Sohnes windend und ihre Thränen trocknend, »nur sein Ueberrock ist noch hier, den er anzieht, und die kleine Tasche in die er morgen früh sein Nacht- und Waschzeug steckt — doch das besorg' ich schon selber und werd' es nicht vergessen. Ich bin früh auf, Georg, Du mußt ja doch auch noch Deinen Kaffee haben bevor Du gehst.«
»Gute Nacht Mutter!« rief Georg, umschlang sie noch einmal und küßte ihr Lippen, Augen und Stirn, »gute Nacht meine gute, gute Mutter — gute Nacht!«
»Gute Nacht mein Georg, mein Kind,« sagte die arme Frau unter Thränen — »schlaf nur jetzt recht aus — zum letzten Mal unter unserem Dach — für die nächste Zeit wenigstens,« setzte sie rasch hinzu — »denn mit Gottes Beistand hoff' ich soll es nicht das letzte Mal gewesen sein — und — und meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehst — wo Du weilst — was Du thust — — er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!«
Georg beugte sich unwillkürlich dem ernsten heiligen Wort — seine ganze Gestalt zitterte dabei, und die Mutter mußte sich endlich mit freundlicher Gewalt aus seinen Armen winden; dann aber floh sie auch hastigen Schrittes aus dem Zimmer, sich in dem eigenen Kämmerlein recht, recht herzlich auszuweinen.
Die Geschwister sagten dem Bruder jetzt gute Nacht — die älteste Schwester Louise hing lange an seinem Hals, aber riß sich los, den Schmerz der Eltern nicht zu vermehren. Die Jüngeren küßten ihn auf die Wangen und sagten. »Gute[pg 245]Nacht Georg — weck' uns nicht zu spät morgen früh, daß wir Dir auch noch können glückliche Reise wünschen.«
Georg küßte sie herzlich und bat sie brav und gut zu sein, und Vater und Mutter Freude — viel Freude zu machen, denn er selber ginge nun fort, und die Eltern würden deshalb recht traurig sein.
»Gute Nacht Georg,« sagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen waren, und Alle, außer ihm, das Zimmer verlassen hatten, »habe keine Angst daß Du die Post morgen verschläfst, ich wache schon auf zur rechten Zeit — gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht selber wieder an, und mach' mir das Herz nicht schwer vor der Zeit — aber Georg, um Gottes Willen was ist Dir? — sei ein Mann — Nun ja — so lange die Frauen da waren hat es mir auch das Herz fast abgedrückt — man darf es sie ja nicht so merken lassen, sonst zerfließen sie ganz — «
»Mein lieber — lieber Vater,« schluchzte Georg an seinem Halse.«
»Mein guter, guter Sohn!« flüsterte der Pastor, des Kindes Stirne küssend, und jetzt selber im Innersten ergriffen und bewegt — »bleibe brav — bleibe so brav wie Du bist — ich kann Dir nichts Besseres wünschen — trage Gott im Herzen und Dich selbst, und — Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir folgt auf allen Deinen Wegen.«
»Mein Vater!«
»So mein Sohn — jetzt gute Nacht und bete zu Deinem[pg 246]Schöpfer daß er uns morgen in der schweren Abschiedsstunde stärkt — gute Nacht mein Georg — gute Nacht.«
Leise machte er sich los aus des Sohnes Arm, küßte ihn noch einmal, und verließ dann rasch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf dem Stuhle sitzen wo ihn der Vater verlassen, das Gesicht in seinen Händen bergend.
»Gute Nacht,« flüsterte er endlich leise und kaum hörbar, als Alles schon im Hause still war, und zu Ruhe gegangen — »gute Nacht Ihr Lieben und Gott schütze Euch und mich; aber nicht möglich wäre es mir, die furchtbare Trennungsstunde noch einmal durchzuleben, nicht möcht' ich Dir Vater, Dir Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es ist vorbei — Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath selber liegt, ein schöner Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an's Werk« setzte er fest und entschlossen hinzu, »und ob das Herz darüber brechen will, »durch« ist mein Wahlspruch jetzt, durch Nacht zum Licht —durch.«
Und mit den, fest zwischen den zusammengebissenen Zähnen gemurmelten Worten stand er auf, und sein Schlafzimmer öffnend warf er den Rock ab, und badete Gesicht und Nacken in kühlem Wasser. Dann, als er die Glut die ihn durchtobte, in etwas gelöscht, packte er den kleinen Nachtsack mit den, sorglich für ihn auf dem Waschtisch ausgebreiteten Gegenständen, zog sich wieder an, knöpfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht war kalt, und nach der gehabten Aufregung fröstelten ihn die Glieder, und im Zimmer umherschauend fiel sein Blick auf den, unter dem Spiegel stehenden, für ihn ein[pg 247]geschlagenen Rosenstock. Rasch barg er ihn in der weiten Tasche seines Ueberrocks, öffnete dann das Fenster, das in den Garten hinaus und von da über den Kirchhof führte, der Landstraße zu, und schwang sich auf das Fensterbret.
»Ade!« flüsterte er, »ade Du trautes, liebes Haus, ade — Gott halte seine Hand über Dir, und schütze die lieben Menschen — ade, ade.« Und von dem Bret hinunterspringend in den Garten, durcheilte er diesen, schwang sich leicht über die Kirchhofmauer, die er als Kind unzählige Male überklettert, und schritt dann langsam und traurig seinen einsam dunklen Weg entlang.
* * * * *
Noch hob sich die Sonne nicht über den östlichen Fichtenhang, und der dämmernde Tag grüßte eben die schlummernde Erde, als sich die Mutter von ihrem Lager hob, das Mädchen weckte daß es Feuer in der Küche mache, den Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu sagen. Pastor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen — die Gedanken und Sorgen ließen ihn nicht ruhen, und wie aus bösem Traum fuhr er oft empor, mit einem wehen Stich durch's Herz zurückzusinken,daßes eben kein Traum sei, der ihn bedrücke und quäle.
Er stand auf, zog sich an, und während die Mutter draußen in der Küche sorgte, dem Sohn ein rasches Frühstück zu bereiten, ging der Vater hin ihn zu wecken.
[pg 248]»Georg!« sagte er, als er die Thür öffnete, die in des Sohnes Kammer führte — »Georg — es wird Zeit — heiliger Gott!« unterbrach er sich aber rasch und erschreckt als er das Gemach leer, das Bett unberührt und keine Spur mehr von dem Kinde fand — »heiliger, erbarmender Gott — er ist fort.« Und wie er sich auch vorgenommen sich zu fassen, und der Frau, dem Kind, die letzten Augenblicke nicht mehr zu erschweren, durch seine eigene Schwäche, traf ihnderSchlag doch zu hart — zu unerwartet. In diesem Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und sah wie der Vater sich erschüttert von der Thür abwandte und das Antlitz in den Händen barg.
»Mein Sohn — mein Kind!« stammelte sie, in der sie durchzuckenden Ahnung des Geschehenen, der sie wie ein jäher Schlag in's Herz traf — »wo ist — wo ist Georg?« Aber der Vater zog sie an die Brust, und ihre Stirn, auf die seine heißen Thränen fielen, küssend, flüsterte er leise:
»Er hat uns den Schmerz des Abschiedes sparen wollen, Louise — er ist fort.«
»Fort!« hauchte die Frau — kaum noch den Sinn der Worte fassend, und brach bewußtlos in den Armen des Gatten zusammen.
* * * * *
Außerhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demselben Kirchspiel gehörend, und dicht an der Grenze des bis hier herniederlaufenden Holzes, stand ein kleines, schon halb verfallenes[pg 249]Haus, das früher einmal von einem Forstgehülfen des herrschaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war. Der Mann der es kaufte aber, hatte früher ebenfalls in herrschaftlichen Diensten gestanden, und dann das Metzger-Handwerk getrieben; sein wildes, liederliches Leben jedoch ließ sein Geschäft nicht fördern, noch vorwärts gehn. Er schien auch keine rechte Lust an einer regelmäßigen Arbeit zu haben, heirathete dann, als er Alles was er sein nannte, durchgebracht, ein Mädchen vom herrschaftlichen Gut, das den Dienst dort verlassen mußte und von dem Herrn selber eine Abstandssumme bekam, und kaufte mit dem Gelde eben das kleine unwohnliche Gebäude, das er nichtsdestoweniger bezog, und sich jetzt angeblich vom Viehhandel ernährte. Er zog im Lande herüber und hinüber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb er sich in den Wirthshäusern herum, wo er trank und spielte, und den schlimmsten Ruf im Lande hatte, den ein Mensch haben kann, ohne daß jedoch die Polizei den mindesten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die ordentlichen Leute zogen sich von ihm zurück; Niemand mochte Umgang mit ihm oder seinem Weibe haben, und auf dem Weg zu seinem Hause wuchs Gras; wen dort nicht ein besonderes Geschäft hinführte, betrat ihn nimmer.
So hatte der »schwarze Steffen,« wie er im Lande seines dunklen Haares und Aussehns wegen hieß, sechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und sein Weib ihm, außer dem Kind das sie in die Ehe gebracht, noch drei andere geboren. In der[pg 250]letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn auf, daß er sich nämlich unter der Hand mit Wilddieben einlasse, und — wenn auch vielleicht nicht selber wildere, doch das Gestohlene kaufe und unterbringe.
Sicher ist, daß nicht alles Fleisch was er zu Markte führte, im Stall gemästet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht so sehr langer Zeit, ein Forstgehülfe, in Ausübung seiner Pflicht, erschossen worden, wurde die Aufsicht über den schwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu Kragen konnte, so scharf geführt, und diesem zuletzt so unerträglich, daß er schon ein paar Mal mit den Forstbeamten im Wirthshaus Streit gesucht und gefunden, und ihm zuletzt von der Herrschaft, nach lange geübter Nachsicht, der Befehl zugestellt wurde, das auf den Abbruch damals erstandene Haus, von dem übrigens kein Ziegel mehr sein gehörte, zu räumen und abzutragen oder stehen zu lassen, wie es ihm gefalle, seinen Wohnsitz aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom ersten des nächsten Monats an.
Steffen war heute einmal ausnahmsweise den ganzen Tag zu Haus geblieben, und hatte manche von seinen Sachen, wobei ihm die Frau half, zusammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten wenig darauf; sie waren gewohnt daß der Vater oft fortging, und dann immer mehre, manchmal sogar acht Tage fortblieb, ehe sie ihn wieder zu sehen bekamen, oder auch nur von ihm hörten. Fragen, wohin er ging, durften sie nie.
Der Vater war übrigens mürrischer heute als je — er[pg 251]sprach fast kein Wort, trank aber oft aus der Flasche, die zum ersten Mal offen in der Stube stand, und woraus sich auch die Mutter zweimal einschenkte, und sich dann zu dem jüngsten Kinde setzte, und es auf den Schoos nahm und küßte.
»Weshalb weinst Du, Mama?« sagte das zweite Kind, ein Junge von etwas über fünf Jahren — »hat Dir Jemand 'was zu Leid gethan?«
»Weil sie eine Närrin ist,« brummte der Vater, der die Frage gehört hatte, und jetzt einen ärgerlichen Blick nach der Frau schoß — »ich dächte wir hätten nun genug darüber geschwatzt und die Sache wär' abgemacht.«
»Nun ja — ich sage ja auch kein Wort mehr dagegen,« erwiederte die Frau — »es — es überkommt Einen nur noch manchmal so — nachher wird's besser und — es geht ja doch nun einmal nicht anders,« setzte sie still und schwer vor sich hinseufzend, hinzu.
Steffen entgegnete nichts weiter darauf, schickte aber bald darauf, unter irgend einem Vorwand, die Kinder mitsammen hinaus in den Garten, und sagte dann, als er sich mit der Frau allein sah, mürrisch und finster.
»Du flennst und flennst, und wirst die Bälge noch zuletzt aufmerksam und ängstlich machen mit Deiner Heulerei — kannst Du sie hier ernähren, so bleib da, ich habe Nichts dagegen; kannst Du's aber nicht, dann sei auch vernünftig und mach' jetzt keine dummen Streiche — es wär' ein Spaß, wenn sie uns abfaßten, und Du weißt am Besten was uns nachher bevorstünde.«
[pg 252]Die Frau war schlank und voll gewachsen, mit besonders kleinen Händen und Füßen, mußte auch einmal in früheren Jahren wirklich schön gewesen sein, und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, hätte sie eben etwas gethan sich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeußeren ging sie, wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachlässigt; die ungeordneten Haare wurden durch einen zerbrochenen, ächten Schildpatkamm, und durch ein schwarzes abgescheuertes Sammetband, in dem vorn eine große bronzene Broche mit einem unächten Turquis saß, gehalten; in den Ohren hingen ihr ebenfalls lange emaillirte unächte Ohrringe, die mit dazu beigetragen hatten ihr bei ihren bescheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der »stolzen Jule« zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem Schnitt gemacht, zeigte unausgebesserte Risse, und Spuren von Fett, in Streifen und Flecken, die schlecht zu dem blitzenden falschen Schmucke paßten.
Auch in den Augen selber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch jetzt einem mächtigeren Gefühl gewichen war, denn nur manchmal, bei den rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog sich dann ein eigener fester Zug von Trotz und Zorn.
»Ich hab' Dir genug zu Willen gethan, daß ich mit Dir gehe und die Kinder zurücklasse,« sagte sie dann nach kleiner Weile — »wenn's mir das Herz dabei zusammenzieht, wärst Du schlimmer wie ein Thier, wolltest Du's mir wehren. Der Wolf läßt seine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort — «
[pg 253]»Der Wolf hat auch draußen zu leben, und für die Jungen Milch — wer giebt's uns?« zischte der Mann zwischen den zusammgebissenen Zähnen durch — »wir könnten krepiren hier im Nest, keine Katze miaute deshalb im ganzen Kreis.«
»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte die Frau, »und das ist das Einzige was mich freut, daß wir ihnen jetzt einen Streich spielen — den Lumpen. Und wie sie schreien und schimpfen werden — aber ernähren müßen sie sie doch, davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut's Einem freilich immer, die armen Dinger, die noch Nichts von der Welt wissen und begreifen, so allein zurückzulassen — wenn ich das Jüngste nur mitnehmen dürfte — « setzte sie leise hinzu.
»Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Gewäsch,« rief aber der Mann finster und ärgerlich — »ich dächte das hätten wir über und genug besprochen und überlegt, und wären einig darüber.«
»Ueberlegt gar nicht,« sagte aber die Frau, die Brauen fest zusammenziehend — »wenn ich davon anfing hast Du mich immer grob angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem Anderen. Ich weiß daß ich nicht zu den Weichen gehöre, aber — Mutter bleibt doch Mutter, und — 's ist immer ein häßlich unnatürlich Ding.«
»Papperlapapp!« sagte der Mann den Kopf herüber und hinüber werfend — »unnatürlich — natürlich ist's allerdings nicht daß die Scheunen ringsherum voll liegen, und das reiche Lumpenpack das Geld mit vollen Fausten zum Fenster hinaus[pg 254]wirft, während wir hier trocken Brod nagen sollen, und das nicht einmal immer kriegen — schöne Natürlichkeit das.«
»Wenn Du nur nicht den dummen Streich mit dem — «
»Halt's Maul!« brummte aber der Mann mürrisch — »ich sollte mich wohl erwischen und anzeigen lassen, daß ich jetzt im Zuchthaus säß und spänn — Gott verdamm mich, ich schösse eher die ganze Bande über den Haufen, einen nach dem anderen — bist Du nun fertig mit Deinen Sachen?«
»Ja!« sagte die Frau leise und unwillkürlich zusammenschaudernd — »es kann fort gehn.«
»Wir wollen aber doch warten bis es dunkel ist,« sagte Steffen nach kleiner Pause; »besser ist besser, und der Märtens unten an der Straße braucht nicht gleich zu wissen daß wir fortgefahren sind, beide zusammen, seine Nase hineinzustecken vor der Zeit; er ist mir so schon ein paar Mal hier oben herumgekrochen, wo er Nichts zu suchen hatte.«
»Aber wenn sie uns nun doch vor der Zeit vermissen?« sagte die Frau, »und unserer Spur nachgehn; wenn's jetzt schlimm ist, nachher wird's erst bös, und wir dürften dann nur gleich mit Sack und Pack abziehn.«
»In's Arbeitshaus, eh? — nein, eine Weile halt' ich sie uns schon von den Hacken, und Gefahr daß sie uns finden, hat es auch nicht. Wo wir zur Eisenbahn kommen bin ich bekannt, und habe schon manchmal Vieh da gekauft, wenn sie auch eben meinen Namen nicht wissen, und wenn wir fortgehn, lasse ich einen alten Hut von mir und das gelbe Tuch von Dir unten an dem tiefen Wasserloch unter den Erlen. Sobald[pg 255]Jemand hier in der Gegend vermißt wird, suchen sie dort immer zuerst, und der Schulze im Dorf hat das Pulver nicht erfunden, dem ist leicht was aufgehängt. Bis sie eine Weile stromab geangelt haben, sind wir hoffentlich unterwegs, und wenn nicht unter, doch über dem Wasser. Aber ich will jetzt noch einmal hinunter zum Märtens gehn und Mehl holen; es ist auch heute der gewöhnliche Tag, und hierher kommt nachher keiner so leicht, nimm Du indeß die Kinder vor, und instruire sie wie sie sich zu verhalten haben.«
Und seine Mütze aufgreifend steckte Steffen die Hände in die Taschen, und schlenderte langsam den Hang hinunter dem nächsten, eine gute Viertelstunde entfernten Hause zu, während die Frau die Kinder zu sich hereinrief, das Jüngste, ein kleines liebes Mädchen von anderthalb Jahren, auf den Schoos nahm, und sich damit still und lautlos in die Ecke setzte.
Die Sonne neigte sich indessen ihrem Untergang, und der Vater kam nach etwa einer Stunde, als es schon völlig dunkel geworden war zurück — die Mutter saß noch immer mit dem Kind auf dem Schoos, das bei ihr eingeschlafen war, und hielt es fest an sich gedrückt.
»So Jule, es ist Zeit,« sagte der Mann, seine Arbeitsjacke abwerfend und den Rock anziehend, »weiß die Albertine was sie zu thun hat?«
Die Frau zitterte am ganzen Leib, aber sie erwiederte kein Wort, stand auf, küßte das Kind das sie auf dem Arm trug,[pg 256]und legte es in sein Bettchen — einen Kasten, der in der Ecke der Stube stand.
»Albertine,« sagte sie dann zu der Aeltesten, und wandte sich von der düster brennenden Oellampe, die Steffen auf den Ofen gestellt hatte, ab, daß die Tochter ihr nicht in die jetzt wirklich todtenbleichen Züge schauen sollte — »ich gehe mit dem Vater heute Abend eine Weile fort — den Karl bring ich erst noch zu Bett — sollten wir morgen früh nicht bei Zeiten da sein, so — so zieh die Kinder an und gieb ihnen zu essen — der Brodschrank ist offen, und Milch steht unter der Diele in der Schüssel — Du paßt mir auf daß den Kleinen Nichts passirt — Du — Du bist ja schon ein großes Mädchen.«
»Und geht mir nicht vor die Thür morgen, bis wir nicht wieder da sind,« sagte Steffen, »wie ich heut Abend drunten gehört habe, ist hier ein toller Hund herumgelaufen. Das Beste wird sein Ihr haltet die Hausthür zu, daß er nicht etwa gar herein kommt.«
Die Frau hatte dabei das etwa dreijährige Mädchen das indeß gar schläfrig geworden war, ausgezogen und in sein Bettchen gelegt — und der Junge, Carl, saß auf der Bank am Fenster, noch auf sein Abendbrod wartend. Aber er sah auch erstaunt dabei die Eltern an, die noch nie so spät Abends fortgegangen waren, und auch wohl noch nie, oder doch nur selten gar so freundlich mit ihnen gesprochen hatten.
»Was für ein Hund ist es, Vater?« frug er jetzt, da der Gedanke an den tollgewordenen Hund ihn besonders interessiren[pg 257]mochte — »Märtens' Bello? der kennt mich, und beißt mich nicht.«
»Nein, der große Türk aus dem Dorfe unten,« sagte Steffen — »der den Müller auch schon einmal gebissen hat.«
»Oh der ist schlimm!« rief der Knabe erschreckt — »da geh' ich gewiß nicht hinaus.«
»Geh' nun zu Bett Carl, es ist spät,« sagte der Vater.
»Ich habe mein Abendbrod noch nicht,« brummte der arme kleine Bursch.
»So? — dann wird Dir's Albertine geben — und — seid brav und folgt ihr — «
Er gab dem Knaben und ältesten Mädchen die Hand, und ging zu den Bettchen der Kleinen die er küßte; dann aber als ob er sich einer solchen Regung schäme, richtete er sich rasch wieder auf, drückte den Hut in die Stirn, und sagte, das Zimmer verlassend, und noch in der Thür sich umdrehend:
»Ich warte auf Dich unten am Wasser — mach schnell!«
»Sei ein gut Kind Albertine, und hab mir gut auf die Kleinen Acht,« flüsterte die Frau jetzt dem Mädchen zu, das eben dem Bruder ein Stück Brod und Salz gegeben hatte, an dem der aß und verwundert dabei hinter den Vater her aus der Thür, und nach der Mutter schaute, die lange — o lange Zeit nicht so freundlich mit ihnen gesprochen hatte.
»Aber Mutter wo geht Ihr nur hin?« — frug das Mädchen, der das Benehmen der Eltern ebenfalls auffiel, verwundert.
»Auf's Amt,« sagte die Frau, auf die Frage schon vor[pg 258]bereitet — »wir müssen morgen früh mit Tagesanbruch in der Stadt sein, und wollen gehn so lang's kühl ist.«
»Und wann kommst Du wieder?«
»Hoffentlich morgen gegen Abend — wenn wir fertig werden; auf dem Amt sind sie aber gar weitläufig — manchmal dauert's länger als man denkt. Geht mir aber nicht vor die Thür, Ihr habt zu essen genug — jedenfalls sind wir morgen Abend um die Zeit wieder da — und acht' mir auf die Kleinen, Tine — sei ein vernünftig gutes Mädchen — Du bist groß genug. Und — wenn Jemand nach uns fragen sollte, so sag nur wir wären in den Wald gegangen, und kämen gleich wieder — es wird aber wohl Niemand fragen,« — setzte sie leise, und wie zu ihrer eigenen Beruhigung hinzu.
Sie sah sich im Zimmer um, ob sie Nichts vergessen habe — ihr Bündel lag aber versteckt draußen vor der Thür, wie der Mann seine gepackte Jagdtasche ebenfalls draußen verborgen gehabt und jetzt mitgenommen hatte. Ihr Blick überflog auch nur flüchtig den kleinen Raum, und haftete dann auf dem Bettchen des jüngsten Kindes — sie konnte nicht widerstehn, und trat noch einmal zu dem schlummernden Kind.
»Geh doch hinaus Tine, und hole ein paar Stücken Holz herein, so lang ich noch hier bin, daß Du morgen früh Kaffee kochen kannst — ich bleibe so lang bei den Kindern,« setzte sie langsam und ohne das älteste Mädchen dabei anzusehn, hinzu. Dieses ging, und in wilder, fast ängstlicher Hast küßte die Frau jetzt die kleine, schon sanft schlummernde Line, und hob dann[pg 259]das Jüngste aus seinem Kasten, auf dessen rosige Lippen sie den eigenen Mund in wilder Heftigkeit preßte, bis es schrie. Die Thränen — die Mutterkonntesich nicht ganz verleugnen in dem Augenblick — liefen ihr dabei voll und schwer die Wangen hinunter, und erst als sie das Aelteste mit dem Holz zurückkehren hörte, legte sie das leicht beruhigte Kind wieder auf sein Lager, und küßte den Jungen, dem die Thränen auch anfingen in die Augen zu steigen. Er wußte freilich nicht recht weshalb, und nur vielleicht weil er die Mutter weinen sah, wurd' es ihm auch so weh und weich um's Herz.
»Aber Mutter, was ist Dir nur heute Abend?« sagte das Mädchen, dem die außergewöhnliche Bewegung derselben unmöglich entgehen konnte — »was habt Ihr nur, Du und der Vater?«
»Bah — der Vater war garstig mit mir, und wir haben uns gezankt,« sagte die Mutter, das Gesicht abwendend von dem Kind.
Ein scharfer Pfiff von draußen her schlug an ihr Ohr, und sie fuhr erschreckt in die Höhe.
»Ja — ich komme schon!« murmelte sie, kaum hörbar, vor sich hin, »so adieu Albertine — hab auf die Kinder Acht, und —behüt Euch Gott!« und mit dem, wie scheu geflüsterten und vielleicht seit langer, langer Zeit nicht ausgesprochenen Segen, verließ sie rasch das Zimmer und das Haus.
[pg 260]»Was zum Teufel trödelst Du denn da drin, und läßt mich eine Stunde hier warten?« rief der Mann mürrisch, als sie ihn endlich an der verabredeten Stelle traf — aber die Frau erwiederte kein Wort, und die fieberheiße Stirn in die Hand pressend, folgte sie dem, jetzt ebenfalls finster und schweigend Voranschreitenden, durch die Nacht.