Capitel 4.

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»Ja, glaub's schon, wenn nur da im Hause drin auch Alles stäk' um damit zu zahlen — na, aber so viel wird schon da sein. Und nun Cathrine, wie ist's mit dem Kranken drin?« wandte er sich dann an das junge Mädchen das, indessen die Eltern im Felde arbeiteten, auf die Kinder hatte Achtung geben müssen.

»Nun es geht wohl nicht gut Vater, er hat viel gestöhnt, ist aber vor einer Stunde etwa eingeschlafen und liegt jetzt ruhig.«

»Habt Ihr Jemand krank in der Familie?« frug Wald, »ich habe kleine Hausmittel bei mir, vielleicht kann ich da helfen.«

»Nein in der Familie nicht, Gott sei Dank,« sagte der Bauer, »aber ein Landsmann, ein Bischen ein verkehrter Kauz, der ein paar Wochen bei mir hier gewohnt, und hier versuchen wollte eine neue Erfindung zu machen, ist dabei gefallen und hat das Bein gebrochen. Da nun kein Arzt in der Umgegend zu haben ist, mußten wir es ihm selber zurechtrücken so gut es gehen wollte, und das, fürcht' ich, wird wohl nicht zum Besten geschehn sein. Wir können den armen Teufel aber nicht so verkommen lassen, und ich will lieber morgen nach Vandalia hinunterreiten und einen Doktor holen; es ist ein Bischen weit dazu, kann aber Nichts helfen.«

»Wie ist denn das gekommen?« frug Wald, »undwohat er das Bein gebrochen?«

»Wo? — da hinten von dem Baume herunter,« sagte der Bauer, »seht Ihr die einzelne Eiche dort an der Prairie, an der die Balken lehnen? — dort drüben links.«

»Ja aber, was um Gottes Willen hatte er denn da oben zu thun?« frug Wald erstaunt.

»Ih nun, er hat eine neue Erfindung gemacht — er hatfliegenwollen, und das ist noch nicht recht gegangen.«

»Fliegen wollen, Gott der Gerechte, ich bin froh daß ich 'nen Karren habe auf dem ichfahrenkann — fliegen, und da ist er von oben heruntergestürzt?«

»Wie ein Mehlsack — er hatte sich so ein Gestell gemacht wie ein Drachen etwa, aber ohne Bindfaden unten d'ran,« sagte der Bauer, »woran man sonst so ein Ding hält, daß es nicht wegfliegt; das war aber hier auch nicht nöthig, denn es kam gleich von selber herunter, und ich hätte gern gelacht, wenn's nur dem armen Teufel dabei nicht so schlecht gegangen wäre — es ist auch ein Deutscher.«

»Hm, hm, hm,« sagte Wald, »was es doch für wunderliche Menschen auf der Welt giebt, und macht er da ein Geschäft d'raus?«

»Nein, er ist eigentlich Cigarrenmacher —«

»Er heißt doch nicht Schultze?« rief Wald schnell.

»Schultze heißt er allerdings — am Ende kennt Ihr ihn gar.«

»Du lieber Gott; wenn's der ist den ich meine, sind wir miteinander über See herübergekommen, und er hatte da schon immer so einen kleinen Sparren; wenn's ihm nur nicht gar am Ende im Oberstübchen fehlt. Kann ich ihn einmal sehn?«

»Jetzt schläft er, wie die Cathrine sagt,« meinte der Bauer, »und da er die ganze Zeit über Schmerzen gehabt hat, wird's wohl besser sein wir lassen ihn ruhig liegen, bis er von selber aufwacht.«

»Und wie lange ist's her, daß er das Bein gebrochen?« frug der Pedlar.

»Heute gerade elf Tage,« sagte der Bauer.

»Geradeelf, hm — arme Teufel — hat er denn Geld?«

»Nun ein Bischen was wohl,« meinte der Bauer achselzuckend, »er kam hier durch, und die Gegend gefiel ihm hier für das was er machen wollte, wie er sagte.«

»Er meinte, er könnte hier recht hübsch in der Prairie herumfliegen?«

»Wahrscheinlich so — und er bot mir ein und einen halben Dollar wöchentlich, wenn ich ihn ein paar Monate beköstigen wollte, bis er mit seiner Arbeit fertig wäre. Nu ja, viel zu verdienen war da nicht dabei, aber ein Bischen baar Geld thut auch gut, und da's ein Deutscher war, und sonst ein ordentlicher Mann schien, sagten meine Alte und ich ja. Jetzt liegt er nun freilich da, und wir haben die Sorge und Noth mit ihm, können ihn aber nun auch nicht im Stich lassen, bis er wieder gesund ist und sich selber helfen mag.«

»Das ist brav von Euch gehandelt,« sagte Wald, »hier in dem Amerika weiß man nie wie Einer den Andern braucht; aber da kommt die Frau, nun kann ich meine Sachen auspacken, daß wir noch fertig werden eh' die Sonne unter ist; nachher wird's dunkel im Handumdrehen.«

»Guten Tag miteinander,« sagte die Frau zu dem Pedlar tretend, und ihm die Hand reichend, »na das ist recht daß endlich einmal Einer von Euch sich hierher verliert, wir haben lange darauf gewartet. Was habt Ihr denn da in Euerem Karren drin?«

Wald säumte nicht seine Waaren anzupreisen, und die verschiedenen Kästen und Schubfache herausziehend, legte er den Blicken der jetzt um ihn herdrängenden Familie die Herrlichkeiten offen, die, aus den Städten des Ostens hergeführt, die Herzen in den westlichen Prairieen entzücken sollten.

Viel Geld hatten die Leute nun zwar nicht an derlei Gut zu wenden, Manches aber wurde wirklich nothwendig gebraucht undmußtegeschafft werden, und ging der Mann auch einmal in die ziemlich fern liegende Stadt, konnte er's doch nie im Leben so aussuchen wie die Frau, und die Pedlar bleiben deshalb auch immer den Frauen willkommene Gäste.

Eine Anzahl Kleinigkeiten war indessen ausgesucht und bezahlt worden, und obgleich der Pedlar bat, die Frau möchte das Nachtquartier in Abzug bringen, wollte diese doch davon Nichts hören. Sie hätten so Nichts großes zu bieten, und für ein Nachtquartier dürften sie kein Geld nehmen, das ginge nicht an — »aber wie ist mir denn,« setzte sie hinzu, den Pedlar dabei immer schärfer und aufmerksamer ansehend, »ich dächte doch, wir hätten einander schon einmal gesehn?«

»Wär wohl möglich,« lachte Wald, »ich zieh' nun schon ein paar Jahr lang die Kreuz und Queer im Lande herum — hierher bin ich aber doch noch nicht gekommen.«

»Es war auch nicht hier,« sagte die Frau, ihn immer stärker in's Auge fassend, »es war unten noch am Wasser, gleich wie wir ankamen — Jesus, Heinrich, sieh mal, ist das nicht der Mann, der mir den halben Dollar gab, den Kindern Milch dafür zu kaufen?«

»SeidIhrdie Leute, die da unten in New-Orleans an der Levée saßen und kein Brod und keine Arbeit hatten?« frug aber nun Wald seinerseits wirklich erstaunt, »alle Wetter, dann habt Ihr Euch aber tüchtig herausgearbeitet in der kurzen Zeit.«

»Siehst Du's, er ist's,« rief aber die Frau, rasch und herzlich Wald's Hand ergreifend, »wenn nur ein Mensch wüßt' wie ich mich danach gesehnt habe Euch wieder zu sehn, und Euch danken zu können.«

»Ah, papperlapapp,« sagte Wald, abwehrend, »macht kein Aufhebens von der Läpperei — ich wollt' ich hätt' mehr thun können.«

»Ich glaub's Euch,« sagte der Mann jetzt auch, dem Juden die Hand reichend und derb drückend, »Ihr habt das Herz auf dem rechten Fleck, gerade wo's hingehört.«

»Ihr wißt aber gar nicht wie Ihr uns damals geholfen habt,« sagte, mit Thränen in den Augen, die Frau, als sie an die schwere Zeit zurückdachte, »wir anderen hätten uns helfen können, aber das Kleinste schrie nach Milch, und ich hatte keinen Tropfen mehr für das arme Würmchen. Seht jetzt den Jungen an, was für ein kräftiger Bengel das geworden ist; wer weiß ob er sich jetzt dort so herumtummelte, wenn Ihr uns nicht damals beigestanden. Lieber allmächtiger Gott, Du magst mir die Sünde verzeihen, aber ich wäre lieber mit ihm in's Wasser gesprungen wie nicht, so weh, so traurig war mir um's Herz, weil sich so gar Niemand um uns kümmerte, und esallenMenschen eben ganz gleichgültig zu sein schien, ob wir da am Flußufer verdarben oder nicht. Euer Geschenk brachte mir zuerst wieder,mitder Hülfe, Hoffnung in's Herz, und von dem Augenblick auch an schien's beinah, als ob es hätte besser werden sollen.«

»Auf gefundenem Gelde ruht ein Segen,« lächelte Wald.

»Ich glaub's Euch nicht, daß Ihr es gefunden habt,« sagte die Frau, ihn scharf ansehend.

»Und mir hat's seit der Zeit immer schwer auf der Seele gelegen, Geld genommen zu haben, was ich nichtverdienthatte,« sagte der Mann, »es war das erste Mal gewesen, und Gott sei Dank, daß wir jetzt im Stande sind es mit tausend Dank zurückzuzahlen.«

»Wie heißt zurückzahlen,« sagte Wald halb verlegen, halb lachend, »hab' ich's mir doch schon selber wieder geholt — zurückzahlen, was sagen Sie zudemMann; hab' mit ihm um sieben Dollar Geschäfte gemacht, und werde den halben nicht dabei haben.«

Wald war in der That auf keine Weise zu bewegen etwas, was er für einen Nebenmenschen gethan, »bezahlt zu nehmen«, und der Bauer mußte ihm jetzt erzählen wie es ihm hier so schnell geglückt. Ohne Mittel auf's gerathewohl hin, und einen Theil seiner Sachen verkaufend nur die Passage zu zahlen, war dieser mit seiner Familie nach Illinois gekommen und hatte da ein kleines Stück Land zuerst gepachtet. Die Erndte, von der er einen Theil abgeben mußte, war trefflich gerathen, und so langsam fortarbeitend hatte er jetzt den kleinen Platz, mit der Zeit ihn in den nächsten Jahren langsam abzuzahlen, käuflich übernommen.

Wie sie noch so zusammen plauderten, und der Bauer nicht müde wurde dem Krämer von den Vorzügen des Landes zu erzählen, kam noch ein Reiter die Straße nieder die zum Hause führte, und hielt neben der Gruppe.

»Hallo Wald! so fleißig und eifrig im Geschäft, hier mitten in der Prairie?« rief diesen da die freundliche Stimme Georg Donners an.

»Herr Donner, wahrhaftig!« sagte aber auch Wald, ihm die Hand auf das Pferd entgegenstreckend, »woher des Wegs?«

»Vom Norden herunter — guten Abend Ihr Leute, wie weit ist's noch bis zum nächsten Haus dahinein zu?«

»Nach der Richtung hin liegt keins,« sagte der Mann, »bis Ihr nicht zum nächsten Waldstreifen kommt, und der ist sieben englische Meilen von hier entfernt. — Dort wohnen Irische, aber eben kein freundliches Volk, und je weniger man mit ihnen verkehrt, desto besser.«

»Ja, ich bäte Euch gern, Leute, ob Ihr mich die Nacht hier behalten wolltet,« sagte Georg, »aber Ihr habt schon Besuch, und in dem Häuschen möcht' ich Euch auch nicht gern beschränken.«

»Das thut Nichts,« sagte die Frau freundlich, »wir müssen uns eben einrichten, und dürfen schon einen Landsmann nicht dicht vor Sonnenuntergang von der Thür weisen.«

»Ja unddenschon gar nicht,« rief Wald rasch, »denn erstens ist er ein braver Kerl, und zweitens einDoktor!«

»Ein Doktor?« riefen die beiden Leute rasch, »ja das wär schon recht!«

»Ist Jemand krank hier bei Euch?« frug Georg.

»Ein Schiffskamerad von uns Beiden, die Nachtigall, Herr Donner, von der Haidschnucke hat das Bein gebrochen, und liegt im Haus drin schon elf Tage ohne ärztliche Hülfe.«

»Aber so steigen Sie doch nur ab,« bat der Mann.

»Du lieber Gott,« sagte Georg, aus dem Sattel springend, und den Zaum über einen Zweig des nächsten Baumes werfend, »da ist's ja doch die höchste Zeit daß irgend etwas für den armen Mann geschieht.«

»Aber er schläft jetzt,« sagte das älteste Kind, »ich habe deshalb die Kleinen aus dem Haus genommen, weil er so lange schon keine ordentliche Ruhe gehabt hat.«

»Ich will ihn nicht stören,« sagte Georg, »nur wenn er wacht geh' ich zu ihm; aber ich möchte ihn wenigstens sehn — liegt er in diesem Haus?«

»Gleich links am Kamin auf dem kleinen Bett.«

Georg schlich auf den Zehen in's Haus, aber wie er nur über die Schwelle trat, hörte ihn der Kranke, drehte den Kopf nach ihm um, und streckte ihm dann rasch und freudig die bleiche abgemagerte, zitternde Hand entgegen.

»Donner, Sie sendet mir Gott selber, und von jetzt glaub' ich an Wunder!« sagte er, und die Stimme klang hohl und matt; »guter Himmel, was habe ich ausgestanden — wie führt Sie denn jetzt mein Schutzgeist her zumir?«

Georg ließ sich aber auf keine weiteren Erklärungen und Auseinandersetzungen ein, bis er nicht den Bruch untersucht hatte. Viel war dabei schon in der langen Zeit, in der er uneingerichtet gelegen hatte, verloren, und das rechte Schienbein, das bei dem Sturze, wie es schien, schräg abgebrochen, noch ziemlich stark geschwollen. Er gab aber die Hoffnung nicht auf noch Alles gut werden zu sehn, ging vor allen Dingen mit der Axt hinaus an den kleinen Fluß, sich selber die passenden Rindenstücken zu Schienen abzuschlagen, und richtete den Bruch erst ordentlich ein, schiente und band ihn, und stellte dann mit Walds Hülfe, der Manches dazu in seinem Karren mit sich führte, eine Art Schwinge her, in der sie das Bein frei schwebend hängen konnten, was dem Kranken große Erleichterung gab, und ein wieder Verschieben des Knochens verhinderte.

Indessen war es dunkel geworden, der Mann hatte die beiden Pferde seiner Gäste in einen Verschlag gebracht und ihnen dort Mais eingeschüttet, die Frau kochte emsig am Kamin das Abendbrod für ihre gern bewirtheten Gäste, und Schultze mußte nun Georg und Wald, dem er ebenfalls herzlich die Hand geschüttelt, erzählen, wie er zu dem unglückseligen Sturz gekommen. — Georg Donner hatte nämlich noch gar keine Ahnung, was er hier für Unsinn getrieben.

»Wie, um Gottes Willen kamen Sie zu dem Bruch, lieber Schultze,« frug er ihn, als er neben dem Bette saß und seine Hand dabei dem kleinen jetzt überglücklichen Mann, der sich schon der schwärzesten Verzweiflung hingegeben, überließ.

»Der Schwanz war zu kurz, lieber Herr Donner, ich hab' es mir gleich gedacht; aber es hatte wahrhaftig keinen andern Grund, der Schwanz war um dritthalb Fuß zu kurz.«

»Aber von was in aller Welt reden Sie denn?« rief Georg, auf's Äußerste erstaunt.

»Nun von meinem Drachen — ich sage Ihnen Herr Donner, wenn ich den unglückseligen Fall nicht gethan hätte, flög ich jetzt im ganzen Lande umher. Ich habe das Geheimniß gefunden, das uns wieder zu unserer alten verlorenen Eigenschaft verhelfen soll.«

»Aber bester Herr Schultze, was machen Sie für Streiche,« lachte Georg, als ihm ihr Wirth jetzt ebenfalls mit kurzen Worten die ganze Geschichte erklärt hatte, wie sich Herr Schultze mit unendlicher Mühe aus Schilf und Rohrwerk und Seide ein breites Gestell gebaut, dieses dann oben an dem Baum befestigte, und bei einer frischen Brise endlich, wo sich die Fläche von selber an zu heben fing, oben darauf gestiegen wäre und die Seile durchgeschnitten hätte, wonach der Drache, oder wie es sonst heißen möchte, auf der einen Seite übergekippt wäre, Herrn Schultze heruntergeworfen, und sich selber im nächsten Baume wieder gefangen hätte.

»Was ich für Streiche mache, bester Donner?« rief aber Schultze, »ich schlage mein Leben für die Wissenschaft in die Schanze,dasmache ich. Meine feste, innige Überzeugung ruht auf dem System, und ich weiß, daß ich es durchsetze; was liegt daran, ob ich später noch einmal ein oder beide Beine breche, ich werde doch in meinem Leben nur noch sehr wenig gehn, denn nicht allein bin ich dahinter gekommen wie die Flugkraftam Besten herzustellen ist, nein ich bin auch im Stande, mein später vervollkommtes Luftschiff in eine höhere oder tiefere Luftschicht zu lenken und es dort zusteuern— was sagen Sie nun, Freundchen?«

»Daß Sie, sobald IhrBeinwieder geheilt ist, mitdiesenIdeen nächstens denHalsbrechen werden,« erwiederte Georg achselzuckend; »was aber um des Himmels Willen hat Sie auf diese unglückselige, brodlose Idee gebracht? — was wollen Sie damit bezwecken, washilftes Ihnen, wenn Sie wirklich eine Strecke durch die Luft fliegen und mit unzerbrochenen, unverrenkten Gliedern wieder auf Gottes Erdboden kommen?«

»Das kann ich Ihnen nicht so auseinandersetzen, mein junger Freund,« sagte aber Schultze, ernst und recht wehmüthig dabei mit dem Kopfe schüttelnd, »das ist das Ziel, die Aufgabe meines Lebens, für die mich Gott eigends geboren und in die Welt gesetzt. Ich fühle das auch in mir, ja was noch mehr ist, ich fühle daß ich es durchsetzen werde, daß ich bestimmt bin, der Menschheit eine neue Ära zu gründen, oder vielmehr unsere jetzige Bahn zu dem alten Punkt zurückzuführen. Die Kraft und Eigenschaft, die wir einst besessen, haben wir nichtverloren,sondern nur auf eine Zeitlangvergessen.Es ist das Ei des Columbus; wenn gefunden, wird die ganze Welt schreien: »ja das ist gar Nichts — wenn wir dassogemacht hätten, hätten wir's auch gekonnt.« Die Sache ist aber die, sie haben's nichtsogemacht, und Schultzes Name, mein lieber Freund, Benjamin Schultze wird unsterblich werden.«

»Wenigstens bald zu den Unsterblichen gehören, wenn Sie in der Art fortfahren,« lächelte Georg. »Ich will eine mögliche Ausführbarkeit der Luftschifffahrt gar nicht etwa bestreiten; es sind in den letzten Jahren andere Sachen möglich gemacht, die wir früher für eben so unmöglich gehalten; aber ich fürchte, lieber Schultze, Sie haben das Zeug nicht dazu etwas derartiges durchzuführen. Ihnen stehen keine bedeutende Mittel zu Gebote, Sie haben auch, so viel ich weiß, keine mechanischen Kenntnisse, Sie in der Ausführung eines solchen Plans zu unterstützen, und der gute Willen genügt dazu nicht. Dieser Sturz sollte Ihnen deshalb eine Warnung sein; Sie kommen dießmal noch hoffentlich mit ein paar Monate Hinken davon — daß es nicht später schlimmer wird.«

Wald mußte jetzt erzählen, was er bis dahin getrieben, und that das mit dem ihm eigenen, drolligen Humor. Er war mit etwa zwanzig Spanischen Dollarn in der Tasche an Land gekommen und hatte dort gleich, nach dem Beispiel seiner Glaubensgenossen, einen kleinen Handel mit Band, Litzen, Nadeln etc., etc., etc. angefangen. Den war er bald im Stande zu vermehren und kaufte jetzt, anstatt ein theueres Haus in der Stadt, das er nicht hätte bezahlen können, und wo das Standgeld allein seinen Nutzen halb aufgezehrt haben würde, ein kleines altes Flatboot an der Landung, das er dort ruhig auf dem Schlamm liegen ließ, und zu einem Laden herrichtete. Er mußte dort natürlich viel von den Mosquitos sowohl, als dem schauerlichen Dunst der benachbarten Boote leiden, aber er verdiente Geld, und blieb da so lange, bis er im Stande war, sich eine ordentliche Quantität Waaren mit Wagen und Pferd zu kaufen, mit denen er dann von New-Orleans fort zu Lande am Mississippi hinaufzog, bis ihn die Fieberzeit dort wieder vertrieb, und er an Bord eines Dampfschiffes ging, sich in Cincinnati mit seinem Karren an Land setzen zu lassen. Von dort aus hatte er Indiana ziemlich durchstreift, vortreffliche Geschäfte gemacht, und große Lust wieder dorthin zurückzukehren, und vielleicht erst zum Spätherbst nach Illinois zu kommen, da die Fliegen den Tag über das Pferd so belästigten, und Nachtreisen ihm bei seinem Geschäft doch nichts nützen konnten.

»Durch Indiana?« — Georg fühlte wie sein Herz stärker an zu klopfen fing, denn er dachte der Möglichkeit, der Krämer könne auch Lobensteins besucht haben, von denen er über ein Jahr auch nicht die geringste Kunde gehabt. Wald ließ ihn aber auch darüber nicht lange in Zweifel, und fing an aus freien Stücken die ihrer früheren Reisegefährten aufzuzählen, die er auf seinen Wanderungen angetroffen.

Die ersten waren zwei von den drei Passagieren, die von dem Leuchtschiff zu ihnen an Bord gekommen, die beiden dem Zuchthaus wahrscheinlich entnommenen jungen Verbrecher, die ihre alte Gewohnheit hier nicht hatten verleugnen können oder wollen, und bei einem Pferdediebstahl erwischt waren. Die Eigenthümer schienen Lust gehabt zu haben sie gleich an Ort und Stelle zu hängen, aber der Sheriff legte sich zu ihrem Glück noch in's Mittel, und sie wurden (Wald kam gerade dazu sie abführen zu sehen), nachdem die dortigen Ansiedler ihnen wenigstens erst eine tüchtige Tracht Schläge mit einem schwanken Hickory verabreicht, in das Staatsgefängniß abgeliefert.

Dann hatte er ein paar vonseinenLandsleuten, auch Zwischendeckspassagiere der Haidschnucke, im Lande, und ebenfalls als Krämer oder Händler angetroffen. Löwenhaupt war Eigenthümer eines Kleiderladens am Wasser unten, in Cincinnati, wollte sich aber von seiner Frau scheiden lassen, weil sie ihn mishandelte. Rechheimer war ebenfalls Pedlar geworden und die beiden Rechheimer Mädchen hatten sich, die eine in Cincinnati, die andere in Vincennes, an ziemlich wohlhabende Leute verheirathet.

Der Polnische Jude mit seiner Holzharmonika war wieder nach New-Orleans zurückgegangen, der Knabe aber so krank geworden, daß er nicht mehr singen konnte — und erst ganz kürzlich — vor ein paar Tagen nur — hatte er ein ganzes Nest von Haidschnucken-Passagieren auf einer Farm unweit Grahamstown in Indiana getroffen.

»Und wie geht es Lobensteins?« rief Georg rasch.

»Sie kennen den Platz?«

»Ich habe dort gearbeitet,« erwiederte Georg ausweichend.

»Thut mir leid um die Leute,« sagte Wald.

»Wie so? — was ist mit ihnen?« frug Georg rasch.

»Nun, daß es ihnen so schlecht geht.«

»Ist Jemand krank?«

»Nicht daß ich wüßte — nur so, meine ich.«

»Aber der Professor hat doch die Farm?«

»Hattesie,« sagte Wald.

»Er hat sie verkauft?« rief Georg, rasch und erschreckt.

»Noch nicht,« meinte der Pedlar, »doch heute oder morgen wird's wohl dran gehn. Wie ich dort vorbei kam war's dicht daran.«

»Aber wie ist das möglich,« sagte Georg, »die Erndte ist doch gewiß dort wie hier gut ausgefallen, die Verbesserungen, die er auf der Farm gemacht, müssen ihm wenigstensetwaseingetragen haben, und so war der Platz doch nicht verschuldet, ein solches Ende so rasch herbeizuführen.«

»Wie die Geschichte ganz genau ist, weiß ich nicht,« sagte Wald, »so viel aber ist gewiß, daß der Professor Vieh und manches Andere verkaufen mußte, dem Weber, der sich bei ihm mit seiner Familie verdingt hatte, seinen Jahrlohn zu geben. Außerdem hat er Unglück gehabt mit dem einzigen Sohn, der sich auf der Jagd eine Ladung Schroth durch den Leib geschossen.«

»Großer Gott, Eduard,« rief Georg, entsetzt von seinem Sitz aufspringend.

»Wie ich die Sache hörte,« fuhr Wald fort, »war der junge Mann mit einem andern unserer Zwischendeckspassagiere — dem langhaarigen Burschen, der immer die Verse an Bord machte — auf die Jagd gegangen, und weiß der liebe Gott, was die beiden jungen Leute zusammen angefangen, aber der junge Lobenstein, Eduard hieß er, glaub' ich, schoß sich, wie jener Versemacher sagte, beim über einen Graben springen durch den Leib, und starb ein paar Stunden darauf unter den furchtbarsten Schmerzen.«

»Das ist ja entsetzlich,« stöhnte Georg.

»Nicht so, als der Mensch vielleicht denken möchte,« meinte Wald ruhig, »denn wie mir der Weber erzählte, war der junge Bengel zum Arbeiten nie etwas nutz gewesen, und durch den Fall wurden sie auch, als reinen Gewinn, den Literaten los, der sich auf dem ersten Dampfboot wieder nach New-Orleans einschiffte.«

»Aber wie um Gottes Willen konnte er so zurückkommen,gezwungenzu werden seine Farm verkaufen zu müssen?« frug Georg.

»Wie? — einfach genug,« meinte der Pedlar, »ich habe weitläufig darüber mit dem Weber, einem ordentlichen, braven Menschen gesprochen, der die Sache schon lange hat kommen sehn, aber Nichts ausrichten konnte gegen den Starrkopf des Professors. Anstatt sein Feld ordentlich mit Mais oder Waizen zu bepflanzen, Produkte, von denen er wußte, daß er sie wieder in baar Geld verwandeln konnte, machte er Experimente, baute in eine Ecke Runkelrüben und in die andere Ölsaat, verschwendete dabei ein Capital an Arbeitslohn, für eine Bande müssiger, ungeschickter Gesellen, die ihren Nutzen dabei fanden ihn in dem Glauben zu bestärken er könne Mühlen und Gott weiß was sonst noch, bauen. Die Leute wollten dann allwöchentlich ausgezahlt sein, und was nicht mehr länger verborgen bleiben konnte, kam an's Tageslicht. Mit einem recht großen, tüchtigen Capital hätte der Mann vielleicht Manches erreichen können, so aber reichten seine Mittel nicht aus; Mühlen, Zuckerpressen, Backsteinmaschinen, Alles was er zu gleicher Zeit begann, und was in einigen Jahren, wenn richtig geleitet, gewiß einen hübschen Profit abgeworfen hätte, blieb mitten in der Arbeit stehn, und zehrte, anstatt zu helfen, mit an dem übrigen Capital.«

»Und ist der Weber noch bei ihm?« frug Georg.

»Oh Gott bewahre,« sagte Wald, kopfschüttelnd, »der Professor hat ihn bei Heller und Pfennig ausgezahlt, was er ihm und seiner Familie für die Jahresarbeit schuldete, und seinen Contrakt ehrlich gehalten, damit aber auch, wie es scheint, seine eigenen Kräfte total erschöpft, und Brockfeld sitzt jetzt, etwa zwei Meilen diesseit von Lobensteins Farm, auf einem eigenen Stück Land, in einem eigenen freundlichen Häuschen, und es geht ihm und den Kindern und der alten Mutterrechtgut.«

»Wie weit ist es bis dorthin?« frug Georg, fast unwillkürlich dabei von seinem Stuhle aufspringend.

»Nun heute Abend kommen Sie nicht mehr hin,« lachte Wald, »wenn Sie aber ordentlich zureiten, mögen Sie in vier Tagen den Platz erreichen — Sie wissen ja wohl wo er liegt.«

»Ach wenn Sie nur noch eine ganz kurze Zeit bei mir bleiben könnten, bester Donner,« seufzte Schultze wehmüthig vor sich hin, »wie soll es denn werden, wenn Sie fortgehn?«

Georg beruhigte ihn übrigens hierüber, und versprach ihm, heute Abend noch seine beiden Wirthsleute und Pfleger so zu unterrichten, daß sie den jetzt gut eingerichteten und fest und sicher geschienten Bruch auch allein behandeln könnten. Ruhe war das Einzige was er brauchte, und das Hauptsächlichste dann nahrhafte Speisen, die sich die Leute nicht getraut hatten ihm zu geben, damit sich sein Körper, was er so sehr bedurfte, wieder kräftige und stärke. Sei es ihm möglich, wolle er selber noch einmal in vierzehn Tagen etwa hierher zurückkehren.

Vier Tage später mit Sonnenuntergang erreichte Georg nach scharfem Ritt, auf dem er sein Pferd nicht geschont, »Brockfelds Farm,« erfuhr aber hier, wo man ihn auf das Herzlichste begrüßte, nur die Bestätigung dessen, was ihm Wald schon in Illinois gesagt, daß es mit den Vermögensumständen des Professorsrechttraurig stehe, dieser nicht im Stande sei, seine letzte Zahlung an den Wirth in Grahamstown, von dem er die Farm gekauft, zu machen, und gesonnen sei, sie am nächsten Montag — der erste im Monat September, wo Gerichtssitzung in Hollowfield wäre — zu verauktioniren, wenn er sich nicht vorher mit dem Wirth selber über die Rücknahme des Platzes einigen könnte. Dieser aber wollte jetzt freilich nur entsetzlich wenig dafür geben, weil er behauptete, die Aussichten für die Lage desselben hätten sich allerdings, und ganz wider Erwarten, sehr verschlechtert. Noch immer war keine Hoffnung eine Eisenbahn hierherzubringen, indeß die Cincinnati-Bahn schon beendet worden, und was sollte er nun mit einer mitten im Wald liegenden Farm anfangen?

Der Professor mochte jetzt wohl recht gut einsehn, daß er damals von dem schlauen Wirth bei seinem Ankauf betrogen worden, und sich bös damit übereilt habe; war das aber nicht seine eigene Schuld? Anstatt, wenn er selber darin nicht Zeit gehabt Erfahrungen zu sammeln, wenigstens einen unpartheiischen Sachkundigen dazuzunehmen, der die Verhältnisse des Landes kannte, war er mit den beiden Deutschen hinübergeritten die, so gut sie es mit ihm selber meinen mochten, doch nur im Stande sein konnten einendeutschenMaasstab an das Land zu legen; von allem Anderen verstanden sie Nichts, und der pfiffige Amerikaner hatte nicht gesäumt das zu benutzen.

Die Summe, die der Professor dem Wirth in Grahamstown noch schuldete, kannte der Weber nicht, und Georg hätte das Herz brechen mögen vor Weh und Schmerz, wenn er der Zukunft dachte, der jetzt die Frauen entgegensahen.

Dem Weber ging es indeß recht gut hier auf seinem neuen Platz; er hatte Zeit gehabt sich die Umgegend genau anzuschauen, und nach allen Seiten hin etwa die Preise der verschiedenen Plätze zu erfahren. Dies kleineimprovementmit vierzig Acker vom Staat gekauften und fünf Acker darunter urbar gemachtem Landes war da, durch das plötzliche Fortziehn des Eigenthümers, unter dem Werth gegen baar Geld zu verkaufen gewesen; die Gelegenheit hatte er benutzt, und befand sich wohl dabei. Die Leute waren auch unendlich fleißig, griffenAllezu, und arbeiteten von früh bis spät, sich ihre neue Heimath nicht allein wohnlich, sondern auch einträglich zu machen. Der Viehstand besserte sich dabei ebenfalls, und die Aussicht war da, daß sich ihr Vermögen von Jahr zu Jahr vermehren, nicht zurückgehen werde, und sie ihre Auswanderung aus der Heimath, so weh ihnen die im Anfang auch gethan, nicht zu bereuen brauchten. Auch die alte Mutter, die noch am längsten an der Heimath gehangen, und doch immer heimlich gestöhnt und geklagt, so gut es ihren Kindern auch ging, und so sorglos sie in's Leben sehen durften, hatte sich endlich hineingefunden in die neue Welt. Freilich, so warm und freundlich schien die Sonne doch hier nicht wie in Deutschland, so kühl war der Schatten, so lau die Luft nicht im Frühling, die Blumen rochen nicht so gut, die Vögel sangen nicht so lieb, der Himmel war nicht so blau, die Wiese nicht so grün, das Wasser nicht so süß, und einen Vergleich mit Deutschland hielt »das Amerika« lange nicht aus. Aber — sie mußte doch zuletzt einsehn, daß es ihren Kindern gut hier ging; in Deutschland hatten sie ihr Schwein verkaufen müssen, Steuern davon zu zahlen, hier hielten sie schon vier Kühe und so viel Dutzend Schweine, wie sie zu Hause Stück gehabt, und Hühner und Gänse daneben, hatten zwanzig Mal so viel Land wie daheim, und wenn das Haus auch noch nicht so warm und bequem war, der nächste Sommer würde das schon bessern. So saß sie denn jetzt auch wieder wie vordem in ihrer Ecke im Haus, oder bei schönem Wetter unter einem breitästigen Eichbaum vor der Thür im Schatten, wo ihr der Sohn ein großes freundliches Asterbeet angelegt, ihre Augen an dem Glanz der Herbstblumen zu letzen. So, mit dem Spinnrad vor sich, wenn sie auch nur wenig spann, und das mehr aus alter Gewohnheit bei ihr stand, legte sie oft die Hände in den Schooß und schaute schweigend und still befriedigt die neben ihr spielenden Enkel an, die sich munter auf dem Platz da umher tummelten, und amerikanischen Boden gerade so passend zu ihren Spielen fanden, wie deutschen.

Georg hatte aber keine Ruhe hier — ihn drängte es mehr von dem Schicksal einer Familie zu hören, deren Wohl ihm warm am Herzen lag, und mit Tagesanbruch am anderen Morgen sattelte er sein Pferd, nahm freundlichen Abschied von den Leuten, die ihn noch Alle gern vom Schiff und von der Farm her hatten, und ritt in scharfem Trabe, Lobensteins Farm für jetzt umgehend, dem kleinen Grahamstown zu, dort erst vor allen Dingen mit dem Gläubiger des Professors zu sprechen, und zu sehen wie tief dieser eigentlich in Schulden stecke.

Etwa um zehn Uhr Morgens erreichte er den kleinen Platz, der noch gerade so still und öde lag wie vor zwei Jahren, ja eher noch stiller, noch verlassener, denn drei oder vier damals gebaute Häuser waren wirklich von ihren Eigenthümern, da alle die großen Verheißungen nicht wahr geworden, im Stich gelassen, und gaben dem Ort noch mehr ein wüstes, trauriges Aussehn. Auch Ezra Ludkins hatte Lust auszuverkaufen, und zu dem Zweck einen großen Anschlag unter seine Seejungfer befestigt, welchem zufolge ihn dringende Familienverhältnisse nach Texas riefen, und er Haus und Geschäft unter dem Werth losschlagen wolle. Es fand sich aber kein Käufer, und Wind und Wetter bekamen es endlich satt, das Papier da nutzlos hängen zu sehn, und rissen es herunter.

Ezra Ludkins war übrigens zu Hause, hatte auch freie Zeit genug, denn er schien der einzige Gast seines ganzen Hauses, das leer und öde stand und mit den nackten Wänden und unbesetzten Tischen recht gut zu der ganzen kleinen Stadt paßte, deren erstes Gebäude es gewesen.

Amerika bietet viel solcher Beispiele; wo sich die Wahl für den Bau einer Stadt als eine glückliche erwiesen, strömt die Bevölkerung ihr in Masse zu, und einzelne Beispiele wie Cincinnati, Milwaukie, Buffalo und hundert andere zeigen, welche Lebenskraft in dem Fall in dem Volke liegt. Wo das aber nicht der Fall war, wo die Möglichkeit oder Zweckmäßigkeit der Verbindungswege falsch berechnet worden, oder, wenn die Stadt dicht am Ufer des Flusses lag, dieser vielleicht zufällig den Grund zu versanden anfing, wenn auch für jetzt noch Wasser für die größten Boote blieb, da war es vorbei mit derStadt;nicht allein keine neuen Ansiedler ließen sich dort nieder, nein auch die, die schon ein Grundstück gekauft, und viele Hoffnungen früher auf den Platz gesetzt hatten, suchten das so rasch als möglich wieder loszuwerden, und ließen es lieber ganz im Stich, ehe sie weiter noch Geld und Zeit darauf verwandt hätten ihr Glück hier zu versuchen; es gab andere Gelegenheit dazu im weiten Land.

Ezra Ludkins schien aber nichtsdestoweniger kaum geneigt, dem jungen Mann den Stand der Verhältnisse zwischen ihm und dem Professor, auseinander zu setzen; er mochte wohl Hoffnung haben, die für diese Gegend kostbaren Meublen, wie die andern mitgebrachten Sachen, auf eine Auktion geworfen zu sehn, und dann im Stande zu sein billig genug zu kaufen, da hier Niemand Anders fast Gebrauch für solche Gegenstände hatte. Nur erst, als Georg in ihn drang, und fest darauf bestand, er sei von dem Professor selber abgeschickt worden, die noch bestehenden Rechnungen nachzusehn, und so weit das möglich wäre, zu ordnen, entschloß er sich dazu sein Buch herbeizuholen, und brachte eine Forderung an den Professor von einhundert und dreißig Dollar.

»Aber das Andere, was auf dem Haus noch steht,« drängte Georg.

»Nun das istdashier,« sagte Ludkins mürrisch, »hol' der Henker einen solchen Handel, denn wenn ich gewußt hätte, daß ich so lange auf mein Geld warten mußte, wär's mir nicht eingefallen den Platz zu verkaufen — ich hätte zehn andere Käufer gehabt die das Geld baar niederzahlten. Baar Geld ist stets noch einmal so viel werth, wie die beste Note.«

»Wieviel ist aber dieganzeSumme, die Ihnen der Professor schuldig ist?« frug Georg, jetzt ebenfalls ungeduldig werdend, »wenn Sie in solcher Eile sind, antworten Sie mir wenigstens einfach auf meine Frage.«

»Nun die Antwort habe ich Dir auch einfach genug gegeben,« brummte der Pensylvanier — »wenn Du kein Deutsch verstehst, kann ich's nicht helfen — hundert und dreißig Dollar.«

»Und das ist Alles?« rief Georg, wirklich kaum im Stande sein Erstaunen zu verbergen.

»Das ist Alles, wenn er's nur zahlt,« sagte der Pensylvanier.

»Und an den früheren Eigenthümer der Farm hat er keine Verpflichtungen weiter?« frug der junge Mann noch einmal vorsichtig.

»Der bin ich; mein Junge hatte sie nur dem Namen nach; — für hundert und dreißig Dollar kann er meinetwegen dort wohnen bleiben, und alle seine wahnsinnigen Experimente durchführen nach Herzenslust.«

»Sein Sie so gut und schreiben Sie mir die Quittung,« sagte Georg ruhig.

»Für die ganze Summe?«

»Ja — bis auf den heutigen Tag für Alles was Ihnen Mr. Lobenstein noch schuldet.«

»Das soll schnell genug geschehen sein,« brummte der Pensylvanier, ging hinter seinebar, wo Dinte und Feder stand, und schrieb die Quittung aus. Georg nahm indessen aus seinem Taschenbuch die Summe in guten Indiana-Banknoten, die der Wirth jedoch erst höchst aufmerksam und sorgfältig nachsah, endlich für richtig befand und den verlangten Schein dem jungen Mann aushändigte. Eine Viertelstunde später saß Georg wieder im Sattel, und galopirte rasch und mit einem recht freudigen Gefühl in der Brust, den schmalen, schattigen Weg hinauf, der nach der »deutschen Farm« führte.

Wie hatte sich der Platz verändert, seit dem letzten Jahre; das fröhliche regsame Leben was dort geherrscht, war verschwunden, das Haus, in dem die Weberfamilie mit den Arbeitern gelebt, stand ganz leer, von dem munter blökenden Vieh, das die Fenzen sonst umgeben, war fast Nichts mehr übrig geblieben — eine einzige Kuh und ein paar Schweine ausgenommen — da mit dessen Verkauf die nöthigsten Ausgaben hatten gedeckt, die dringendsten Schulden bezahlt werden müssen, und der Platz selber verrieth nur zu deutlich, wie keine ordnende Männerhand mehr ihm vorstehe, selbst nur ihn so in Stand zu halten wie er war.

Über die Fenz lagen ein paar der im Feld noch gelassenen alten abgetrockneten Bäume umgestürzt, und die niedergebrochenen Riegel, mit den unausgefüllten Lücken, verschwanden schon allmählich in dem Unkraut, das über sie emporwucherte. Der Mais war gereift, aber noch zum Theil — was nicht hatte verkauft werden müssen — im Felde gelassen, und die nicht umgebrochenen Kolben, von Spechten und Krähen angepickt, begannen anzufaulen. Der kleine Garten hinter dem Haus sah ebenfalls wüst und von Unkraut überwuchert aus; die Frauen hatten nicht Zeit mehr gehabt, vor dringenderen Arbeiten, die Blumen zu pflegen, die sie im Anfang gesäet, und nur die paar Gemüsebeete, für das Nothwendigste was sie im Hause brauchten, waren rein vom Unkraute gehalten, daß die Sonne es bescheinen konnte. Selbst über den Weg hinüber lag ein umgestürzter Baum, und der Pfad, den sich die Bewohner darum hingemacht, bewieß, wie er schon längere Zeit gefallen sein mußte, ohne daß sich irgend Jemand die Mühe genommen, ihn hinwegzuräumen.

Es mochte Mittagszeit sein, als Georg den Platz erreichte; kein menschliches Wesen war aber in dem breiten Hofraum zu sehn; nur der aus dem Haus selber aufsteigende dünne Rauch, wie ein paar einzelne scharrende Hühner, verriethen, daß der Ort bewohnt, und nicht ganz verlassen sei, und mit klopfendem Herzen ritt er über die niedergeworfenen Stangen der Einfriedigung hinweg bis fast an das Haus hinan, band dort sein Pferd an und — zögerte wieder, ob er den Fuß vorwärts setzen und die Schwelle jetzt betreten sollte, die bald zu erreichen, er sein Pferd fast zu Schanden geritten. Da schlug der Hund an, ein junger Brake, den sich Eduard hatte zum Jagdhund dressiren wollen, und der jetzt auf eigene Hand des Nachts Opossums und Waschbären in die Bäume jagte und Stunden lang darunter vergebens heulte, Hülfe herbeizurufen.

Am Fenster des kleinen Hauses wurde Jemand sichtbar, Georg konnte aber nicht gleich erkennen wer es sei, so trübe war ihm das Auge geworden, als er die trostlose Veränderung hier erkannte, und langsam schritt er auf die Thüre zu, indeß der Hund, der ihn erkannte, an ihm hinaufsprang und winselte und bellte.

»Kennst Du mich noch Hektor?« sagte er, des freundlichen Thieres Kopf streichelnd — »hast Du mich nicht vergessen in der langen Zeit?«

»Georg!« rief da eine, oh nur zu wohlbekannte, aber erschreckte Stimme dicht vor ihm, und Marie, die aus der Küche unten getreten, zu sehn wer da komme, brach todtenbleich in die Knie, und wäre zu Boden gesunken, hätte sie Georg nicht in seinem Arme aufgefangen.

»Oh Georg — Georg ist wieder da!« rief da eine fröhliche Kinderstimme und Camilla, die jüngste Tochter Lobensteins, von dem um ein Jahr älteren Carl rasch gefolgt, sprang aus der Thür und flog auf den jungen Mann zu. Auch Marie hatte sich jetzt wenigstens so weit gesammelt, wieder allein stehn zu können, aber noch immer war kein Tropfen Blutes in ihr Gesicht zurückgekehrt, doch lenkte der Neugekommene die Aufmerksamkeit der Übrigen glücklich von ihr ab.

»Herr Donner?« sagte der Professor, der jetzt ebenfalls in der Thür erschien, und den jungen Mann halb erstaunt, halb verlegen erkannte — »aber bitte, kommen Sie näher — bleiben Sie nicht draußen auf der Diele stehn.«

»Mein lieber — lieber Herr Professor!« rief Georg, dem alten Herrn entgegeneilend, und seine Hand herzlich drückend — »wie freue ich mich, Sie so wohl und munter wiederzufinden — aber — wo ist die Frau Professorin?«

»Sie ist nicht wohl,« sagte der Professor nach kurzer, aber ängstlicher Pause — »Sie wissen vielleicht noch nicht, wie schwer uns das Schicksal, seit Sie uns verlassen, in meinen Sohne heimgesucht —«

»Ich weiß es,« sagte Georg leise, und mit tiefem Mitgefühl.

»Seit der Zeit kränkelt meine Frau,« fuhr der Professor langsam fort — »der Schlag damals traf sie zu schwer. Um sich zu zerstreuen und die bösen Gedanken loszuwerden, arbeitete sie dabei mehr als ihr gut war, und hütet nun jetzt schon seit vier Wochen ununterbrochen das Lager. Anna war gerade hinüber gegangen nach ihr zu sehen. Aber komm Marie — setz einen Stuhl zum Tisch für Herrn Donner — wenn Sie mit uns vorlieb nehmen wollen, wir sind gerade bei Tisch, aber Schmalhans ist heute Küchenmeister — Sie haben es sehr unglücklich getroffen.«

Georg — selber nicht wissend, wie er das, was ihm auf dem Herzen lag, beginnen sollte — setzte sich mit zu Tisch — die Mahlzeit bestand in Kartoffeln mit Butter und einem sehr einfachen Amerikanischen Gericht, Hominy — gequollener und in Wasser abgekochter Mais.

»Wenn Georg die letzte und vorletzte Woche gekommen wäre,« rief Camilla dazwischen — »hätte er auch nichts Anderes gefunden.«

»Mögen Sie das Hominy?« frug der Professor verlegen lächelnd, und versuchend die Aufmerksamkeit des jungen Mannes von dem Kinde abzuziehn — »ichhabe mich so daran gewöhnt, daß es ordentlich ein Leibgericht von mir geworden ist.«

»Wir Andern mögen es aber alle mit einander nicht,« sagte Camilla — »es schmeckt gerade wie Stroh.«

Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und Anna's Eintritt unterbrach glücklicher Weise die naseweise Bemerkung des Kindes. Anna begrüßte den jungen Mann auf das Herzlichste, und auch Marie wurde zutraulicher, und gewann ihre ganze Fassung wieder, als sie sah, wie unbefangen sich die Schwester mit dem frühern Hausgenossen unterhielt. Georg beseitigte dabei auf sehr praktische Weise jede Verlegenheit, die der Professor etwa hätte wegen dem Essen fühlen können, indem er, durch den scharfen Ritt auch wirklich hungrig geworden, tapfer zulangte, und dem Hominy und den Kartoffeln alle nur mögliche Ehre anthat.

»Und wissen Sie, weshalb ich hierher zurückgekommen bin?« frug Georg nach beendeter Mahlzeit, indem er lächelnd den Professor ansah, nur aber einen ganz scheuen, flüchtigen Blick nach Marien hinüberzuwerfen wagte, deren Auge er jedoch nicht begegnete. —

»Weshalb, weiß ich nicht,« sagte der Professor herzlich — »aber es freut mich,daßSie wiedergekommen sind, und mir wenigstens dadurch beweisen, Sie tragen keinen Groll nach, wegen dem Vergangenen.«

»Lieber Professor.«

»Ich hätte selber schon an Sie geschrieben,« fuhr dieser jedoch entschlossen fort, »konnte aber von keiner Seite auch nur die geringste Nachricht bekommen,woSie sich befänden; Sie waren auf einmal verschollen und blieben es, von dem Augenblick an, wo Sie den Platz verlassen, da Sie Herr von Hopfgarten damals, ein paar Stunden später, vergeblich im ganzen Township suchen ließ.«

»Herr von Hopfgarten?«

»Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal — aber — sind Siezufälligwieder in unsere Nähe gekommen, oder haben Sie uns noch nicht ganz vergessen gehabt, und absichtlich aufgesucht?«

»Ich bin vier Tage so scharf geritten, wie mein Pferd laufen konnte,« lächelte Georg, tief dabei erröthend — »nur um recht bald hier zu sein.«

»Das ist brav, das ist recht brav von Ihnen,« rief Anna freudig, und Marie dankte es ihm dießmal mit einem lächelnden Blick.

»Um aber kurz zu sein,« fuhr Georg zögernd und erröthend fort, »so — so möchte ich wieder hier in Arbeit treten, und — und wenn Sie mir beweisen wollen, daß auch Sie keinen Groll mehr gegen mich hegen, vielleicht manches voreilig gesprochenen Wortes wegen — so schicken Sie mich nicht wieder fort, sondern behalten mich hier.«

»Ach das ist brav, das ist schön,« rief Carl — »da brauche ich und Marie nicht mehr das schwere Holz aus dem Wald herbeizuschleppen.« Anna und Marie aber sahen sich verlegen an und der Vater sagte, ohne die Frage direkt zu beantworten und dann Georgs Arm nehmend, zu seinen Töchtern:

»Haltet den Kaffee bereit, Kinder, bis wir zurückkommen, ich muß Herrn Donner doch einmal zeigen, wie weit wir mit unseren Arbeiten vorwärts gelangt sind, seit er uns verlassen, und unterwegs können wir dann auch alles Weitere viel besser und bequemer besprechen,« und ihn mit sich die Treppe hinunterführend, traten sie in den Hof, wo Georg vor allen Dingen sein Pferd absatteln, in den Stall einstellen und füttern mußte, und dann mit dem Professor langsam den Weg hinabging, der an den Feldern hinführte.

»Lieber Donner,« sagte dieser hier zu ihm, und es war ihm angenehm, daß er, neben ihm hingehend', nicht in sein Auge zu schauen brauchte — »die Zeiten, seit wir uns nicht gesehen, haben sichsehrverändert, und — so gern ich Sie wieder auf meiner Farm beschäftigen möchte, ja so — so nöthig ich sogar Jemanden dazu brauchte — bin ich nicht mehr — durch die dießjährigen niedrigen Getreidepreise noch außerdem gedrückt — im Stande Arbeiter zu halten und — zu bezahlen.«

»Aber bester Professor —«

»Bitte, lassen Sie mich ausreden,« sagte dieser, fest entschlossen, die einmal begonnene Sache nun auch durchzuführen — »ehe wir von etwas Anderem beginnen — ehe ich Ihren freundlichen Antrag, wieder auf meiner Farm eine bestimmte Beschäftigung zu nehmen, zurückweise, bin ich Ihnen, mein lieber Donner, eine Ehrenerklärung schuldig, die mir — thun Sie mir die Liebe und unterbrechen Sie mich jetzt nicht — die mir schon lange schwer und drückend auf dem Herzen gelegen.«

»Lieber Herr Professor —«

»Ich bin damals nicht allein unfreundlich, nein, ich bin auch ungerecht gegen Sie gewesen,« fuhr aber der Professor entschlossen fort, »und es mag Ihnen einige Beruhigung oder Genugthuung gewähren, von mir ganz offen das Geständniß zu hören, daß ich durch Schaden habe klug werden und die Wahrheit dessen erleben müssen, was Sie gerade vertheidigten, und gethan haben wollten.«

»Oh wie gern wollt' ich Unrecht gehabt haben, bester Professor, wenn nur —«

»Sie habennichtUnrecht gehabt,« unterbrach ihn der Professor rasch, »und selbst, was Sie mir an dem letzten Morgen über jenen faden Dichterling sagten, hat sich furchtbar, viel furchtbarer freilich als wir Beide damals ahnen konnten, bewährt. Ich habe schwer — fast zu schwer für meine Leichtgläubigkeit, mit der ich unreifen, oft vielleicht selbst eigennützigen Plänen Glauben schenkte, büßen müssen, und wollte es gern, wenn nicht — wenn nicht meine arme Familie jetzt auch so schwer darunter leiden müßte. Sie sehn, lieber Donner, ich bin offen und aufrichtig gegen Sie, das mag Ihnen den besten Beweis liefern, daß ich mein Unrecht gegen Sie bereue.«

Georg war tief erschüttert; das Bekenntniß des sonst so strengen abgeschlossenen Mannes, das geradeihnfurchtbare Überwindung mußte gekostet haben, machte einen unendlich wehmüthigen Eindruck auf ihn, und er brauchte Minuten, sich selber erst wieder so weit zu sammeln, dem zu erwidern. Der Professor war indessen an einer Stelle stehen geblieben, wo ein dürrer Baum erst ganz kürzlich über die Fenz heruntergeschlagen schien, und dieselbe zusammengebrochen hatte, was sich ein paar Schweine zu Nutz gemacht, die drinne an einem Kürbiß herumbissen und, als sie die Männer kommen hörten, grunzend in das Feld weiterhinein flüchteten.

»Die Farm sieht arg verwildert aus,« sagte Georg endlich leise, eine direkte Antwort auf das Geständniß vermeidend, »man sollte kaum glauben, daß ein einziges Jahr eine solche Veränderung hervorbringen könnte.«

»Seit dem Tode meines Sohnes,« sagte der alte Herr seufzend, »habe ich selber an Allem die Lust verloren, und nichts thun noch arbeiten mögen; selbst das Nothwendigste ist liegen geblieben, und der spätere Besitzer der Farm mag nachholen, was ich versäumen mußte.«

»Sie wollen fort von hier?«

»Wir brauchen uns über das Hülfsverbum nicht zu täuschen, lieber Donner,« sagte der Professor wehmüthig lächelnd, »ob ichwilloder nicht — ichmuß!«

»Und Ihre Familie?« sagte Donner halb vorwurfsvoll.

»Sie haben recht,« seufzte der Mann, »es ist schwer für sie, geht aber doch nicht anders an; ich will nach dem »fernen Westen«, wo man, wie ich aus sicherer Quelle weiß, ein kleinesimprovementfür fünfzig Dollar, und vierzig Acker Land für denselben Preis bekommen kann. So viel wird mir nach dem Verkauf meiner Sachen und Abzug aller Reisespesen übrig bleiben, und wir müssen dort eben ein neues Leben beginnen.«

»Und glauben Sie, daß Ihre Frauen das aushalten würden?« frug Georg ihn ernst, »kennenSie das Leben im Westen, mit seinen Entbehrungen, seinen Beschwerden, seinem Klima?«

»Ich habe viel darüber gelesen,« sagte der Professor ausweichend.

»Du lieber Gott,« seufzte der junge Mann, »wenn ich mir da die arme Frau Professorin, die zarte Anna und selbst die kräftige Marie denken müßte — ich würde im Leben nicht wieder froh werden.«

»Aber wassollich thun?« sagte der Professor, froh endlich einmal Jemanden zu haben, mit dem er sich aussprechen, gegen den er sein Herz erleichtern konnte, »Ihnen gegenüber brauch' ich kein Hehl daraus zu machen, denn ich weiß, Sie nehmen Theil an unserem Schicksal, das sich nicht allein durch eigene Schuld, sondern auch durch das Zusammentreffen unglückseliger Umstände so traurig gestaltet hat. Ich bin nicht im Stande das letzte Kaufgeld für die viel zu theuer bezahlte Farm, so wenig das sein mag, aufzutreiben, der Bursche in Grahamstown, dem mein Mobiliar in die Augen sticht, drängt mich mit der Zahlung, und auch meine letzte Hoffnung, Herr von Hopfgarten, ist nicht mehr aufzufinden. Ich habe mich nach ihm bei dem Wirth des St. Charles Hotels in New-Orleans erkundigt, und wenn mir die Leute die Wahrheit geschrieben, so ist Freund Hopfgarten vor kurzer Zeit nach Europa zurückgekehrt. Den Termin länger hinauszuschieben bin ich ebenfalls nicht im Stande, und werde schon nächste Woche gezwungen sein meine Farm und Mobiliar vielleicht für den sechsten Theil dessen was sie mich selber gekostet hat, zu verkaufen, und mit den Meinen dann von vorn anfangen zu müssen, ein allerdings vollkommen neues Leben zu beginnen.«

»Wenn Sie denn fest entschlossen sind,« rief da Georg, der klopfenden Herzens, das Geständniß seiner Liebe zu Marie auf den Lippen, noch nicht gewagt hatte damit herauszutreten, »wenn Sie die Wildniß wählen wollen und müssen zu Ihrem Aufenthalt — dann nehmen Sie mich mit und — seien Sie mir mehr als Freund dann, lieber Herr — seien Sie mirVater— Vater im wahren Sinn des Worts. Lange Monden hin,« fuhr der junge Mann, als ihn der Professor staunend ansah, leidenschaftlicher fort, »habe ich die Qual der Ungewißheit, die Sehnsucht nach dem einen Wesen auf dieser Welt, das meiner Seele Ziel geworden, mit mir herumgetragen — ich darf das nicht länger mehr — geben Sie mir Marie zum Weibe, lassen Siemichden verlorenen Sohn ersetzen, und nie, nie sollen Sie bereuen mir so vertraut zu haben.«

»Mein lieber, lieber Donner,« sagte der Professor, der sich noch immer nicht von seiner Überraschung erholen konnte »Sie wollen Ihr Schicksal an das einer Familie ketten, die sich — die sich eben nicht im Glück befindet — und weiß Marie —«

»Noch keine Sylbe — noch habe ich selber nicht gewagt, ihr meine Liebe zu gestehen,« rief Georg, »aber wenn mich nicht Alles täuschte, darf ich hoffen.«

Der Professor sah dem jungen Mann lange und fest in's Auge — bis sich sein eigener Blick in langsam aufsteigenden Thränen dunkelte, dann nahm er Georgs Hand, drückte sie fest und herzlich, und zog ihn endlich leise aber liebend an seine Brust.

»Mein lieber, lieber Vater,« flüsterte Georg.

»Mein lieber, lieber Sohn!«

»Und nun zur Mutter!« rief da Georg, dem Lust und Freude das Herz bald in der Brust zu sprengen drohte, »nun zur Mutter, ihr Sorge und Kummer, und mit den beiden Menschenquälern auch die böse Krankheit zu nehmen, die sie noch an's Lager fesselt. Wir gehennichtnach dem Westen Vater — wir bleibenhier,und die Fenzen werden wieder ausgebessert, das Unkraut wird hinausgeworfen aus dem Felde, und die Mühle fertig gebaut, dem Wirth in Grahamstown gerad zum Trotz und Ärgern.«

Der Professor schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte seufzend:

»Das sindPläne,mein junger Freund, wie sie dieJugendeben entschuldigt; das ruhige Alter findet sich nicht mehr so leicht mit Unmöglichkeiten ab.«

»Und wissen Sie denn Vater — o daß ich Sie jetzt — daß ich Sieendlichso nennen darf,« sagte Georg, seinen Arm ergreifend, und ihm mit blitzenden Augen in's Antlitz sehend, »daß ich vom Glück begünstigt in Michigan in das Haus eines reichen Mannes kam, bei ihm ein Viertel Jahr in gutem Gehalt stand und ihm die beiden Kinder, die ihm schwer erkrankten, rettete? — wissen Sie, daß mich der Mann aus Dankbarkeit in den Stand setzte, durch den zweckmäßigen Kauf einer Anzahl von Bauplätzen in einer neu gegründeten Stadt, in den letzten drei Viertel Jahren nur durch einen theilweisen Verkauf derselben Parcellen wieder, fünfzehnhundert Dollar an baarem Gelde zu verdienen? — Und kennen Sie die Quittung hier von Grahamstown?« rief er unter vorquellenden Thränen lachend aus, »kennen Sie den Autographen von Ezra Ludkins? — Da behalten Sie das Papier und lesen Sie es aufmerksam durch, hoffentlich ist Alles in Ordnung und — mag mich Marie nicht — sagt sienein— ja dann soll mich mein Rappe noch heute Abend fort — weit fort von hier tragen, gleichviel wohin. — Sagt sie aber ja — oder lacht oder weint sie nur — oder thut sie gar Nichts — und sieht sie mich nicht einmal an, dann — aber ich kann es wahrhaftig nicht länger mehr in der Ungewißheit ertragen; kommen Sie nach Vater, so rasch Sie Ihre Füße tragen, und voraus hol' ich mir mein Glück oder Leid aus Mariens Munde!«

Und den Hut freundlich gegen den Professor schwenkend ließ er ihn an der hinteren Fenz und am Holzrande zurück, und sprang in flüchtigen Sätzen dem kaum verlassenen Hause wieder zu.

Und dort? — lieber Leser, das ist eine Sache, die nur immer zwei Leute auf einmal in der Welt interessirt. Wie »Vielliebchen« auseinemMandelkern hat der liebe Gott die Herzen, von denen immer zwei und zwei für einander geschaffen sind, über die Welt wild und bunt hinausgestreut — selig die, die ihre Theile wieder zusammenfinden.

Und Marie und Georgwarenselig; an dem Abend, neben dem Bett der Mutter, der mit der frohen frischen Hoffnung auch wieder neuer Muth, neue Kraft in das Herz gezogen, wie es Georg gehofft, saßen sie Hand in Hand und plauderten und bauten mit der Schwester Pläne auf, die Glücklichen, nach Herzenslust. Und der Vater ging dabei, die Hände auf den Rücken gelegt, schmunzelnd auf und ab; in der Kinder jungem Leben ging auch ihm ein neues frisches Dasein auf — die trübe böse Zeit lag dahinten, und wenn auch bittere Erfahrungen ihn geprüft, so waren es doch eben Erfahrungen geworden, undaufihnen weiter schreitend, mit einer jungen kräftigen Stütze jetzt an seiner Seite, konnt' er der Zukunft wieder froh in's Auge schaun.

Die Fieberzeit, trotz ihren Schrecken von den Amerikanern scherzweis »der gelbe Jack« genannt, war vorüber; der Oktober hatte, gleich von Anfang an mit kalten und scharfen Nordwest-Winden einsetzend, die Seuche seewärts geweht, und die Luft gereinigt, und vom Norden herunter kehrten die geflüchteten Bewohner der gefährdeten Stadt in Schaaren zu ihren Wohnsitzen zurück.

Welch ein Unterschied zwischen dem New-Orleans jetzt, und dem, vier Wochen früher. Welch Drängen und Treiben überall von frischem, fröhlichem, kräftigem Volk, das herüber und hinüber drängt, kauft und verkauft, und plaudert, lacht und singt. Welch Treiben und Leben an der Levée, wo Boot nach Boot, Schiff nach Schiff anlegt, seine Waaren der neugeborenen Stadt zuzuführen; welch Treiben und Leben in den Straßen, den kleinen Adern des Verkehrs, in denen das warm pulsirende Herzblut herüber und hinüber treibt, und nur vier Wochen Unterschied, wie sahen da die Straßen aus? — wie der Strom? — wo war das Leben, das jetzt, dem schäumenden Bache gleich, aus seinen Ufern quoll?

Der Wanderer, der die Stadt inderZeit, im August und September, betrat, und das lebendige Bild von ihr im Herzen, ein fröhlich schaffendes, lebenslustiges Volk zu finden erwartete, steht entsetzt und traut den Augen kaum.

New-Orleans, des Südens Königin, der keine andere Stadt im weiten Reich die Spitze bieten kann, scheint inderZeit ein weiter offener Sarg — die Straßen liegen todt und leer, der Fußtritt des einzelnen flüchtigen Wanderers schallt hohl und unheimlich von den verschlossenen Häusern wieder — dort begegnet ihm ein anderer, eben so rasch, das Tuch am Munde — aber scheu weicht man sich aus und will aneinander vorüber — da zuckt der Fuß fast unwillkürlich — es ist ein Freund, den man so lange nicht gesehn, schon todt gewähnt — einerlei, vorbei; die Krankheit könnte in seiner Nähe weilen, sein Hauch vielleicht sie bringen, und mit stummem, traurigem Nicken fliehen sich die Beiden.

Wo ist dann der fröhliche Lärm der Dampfbootlandung, das Rasseln der schwerbeladenen Güterkarren mit den trunkenen Irländern, das Singen und Lachen der Neger. Dort fährt etwas über das Pflaster — wie hohl das in den leeren Straßen klingt — es ist nur der Leichenwagen, der im scharfen Trab hinausfährt, seine Doppellast abzuwerfen und neue, schon lang bestellte Fuhre zu holen. Wo ist das rege geschäftige Treiben der Läden — die meisten sind geschlossen, wer soll jetzt kaufen, und der Trauerflor an den Thüren dort und hier, und da und drüben, kündet die Stelle, wo sich die Seuche mit den langen gelben, gierigen Krallen ihre Opfer herausgeholt.

Und jetzt? — kaum ein Monat ist verflossen, daß diese Straßen wüst und öde lagen, und der große Vernichter seine Erndte in der scheinbar menschenleeren Stadt hielt; wo er mit schwülem Flügelschlag über die Dächer strich, und rechts und links in boshafter Lust seinen Giftodem einbließ in das, in jenes Haus — und seht, wie das wieder drängt und wogt, und lacht und singt und fröhlich ist, und die Todten in ihren stillen Gräbern schon lange, lange vergessen hat. Lieber Gott,Wochensind ja auch schon darüber hingegangen, und eine fast neue Bevölkerung hat Besitz von dem Grund und Boden genommen, den die Seuche gelichtet und verödet.

Was damals freilich New-Orleans verlassenkonnte,that es, und die Wirths- und Gasthäuser standen öd' und leer, ja man vermied die Schwellen derselben mit scheuer Angst, aus Furcht, gerade dort am meisten Kranke zu treffen, und in dem Athemzug vielleicht den Tod schon einzuziehen. So flohen auch »das deutsche Vaterland« sechs Wochen lang die meisten »Boarder«, aber die dort Wohnendenkonntennicht alle fort. Viel arme Deutsche, die mit verspäteten Schiffen nach langer Reise hier eingetroffen waren, fanden theils kein Boot mehr, das sie mit fortnahm von hier, theils hatten sie kein Geld, die in der Zeit entsetzlich hohe Passage zu bezahlen. Die Capitaine der wenigen dort anlegenden Dampfer wußten recht gut, daß Alles, was jetzt die Stadt verlassen konnte, ging, und rechneten fünf- und sechsfache Passagepreise, sich selbst für die Gefahr bezahlt zu machen, der sie die Stirn boten.

So lag eine ganze Schaar Baiern, ohne Mittel fortzukommen, in den kleinen dumpfigen Hinterstuben des »deutschen Vaterlands«, und wie die Seuche hereinbrach über die Stadt, suchte sie sich schon ihre ersten Opfer aus der Schaar.

Im »deutschen Vaterland« war aber indessen auch noch außerdem eine große Veränderung vorgegangen, und Hedwig hatte das Haus nicht allein nicht verlassen, sondern Franz seinem Vater frei und offen erklärt, daß er das junge wackere Mädchen, sobald er nur erst einmal selbstständig dastehe, wenn sie ihn haben möge, zum Weibe nehmen wolle.

Den alten Mann fesselte in dieser Zeit ein Sturz, den er von der Treppe gethan, an sein Lager, und Franz mußte überdieß indessen die Leitung der ganzen Wirthschaft übernehmen. MitdemPlane seines Sohnes war er im Anfang aber gar nicht einverstanden, hatte die und jene Einwendungen, erklärte, er sei doch nicht ganzsoarm wie Franz zu glauben scheine (und wie er ihm allerdings selber oft genug betheuert) undseinSohn könne da wohl schon noch eine bessere Parthie machen, und sich seine Frau aus einem anderen Hause — und wenn es das größte Steingebäude in der Stadt wäre — holen. Da Franz aber, nicht gerade gleich auf eine Einwilligung dringend, hartnäckig bei dem einmal gefaßten Entschlusse blieb, gewöhnte er sich zuletzt an den Gedanken, und sah, wenn er dem Sohne das auch nicht gestand, selbst seiner abnehmenden Kräfte wegen, eher noch eine Stütze in dem fleißigen, wirthschaftlichen Mädchen.

Nur der »verschwenderische Geist« des Sohnes, wie er es nannte, machte ihm Sorge; er rief ihn deshalb auch oft an sein Bett, und beschwor ihn, doch nur um Gottes Willen auf sein eignes Gut mehr zu achten, den eigenen Nutzen mehr im Auge zu haben, denn wenn er selber einmal die Augen schließe, und nicht mehr rathen, nicht mehr wehren könne, wie bald seien dann die paar gesparten Thaler auch wieder fort, an der die Undankbarkeit der Menschen schon lange arbeite und wühle und zehre.

Franz hatte ein zu gutes Herz, dem Eigennutz mehr zu folgen als diesem, und der Vater würde dem einzigen Sohne auch wirklich schon lange den Willen gelassen, und die Wirthschaft ganz übergeben haben, hätte ihn nicht Messerschmidt bis jetzt noch immer aus allen Kräften davon abgehalten und gewarnt; wie dieser denn auch sein Möglichstes that, die Heirath mit dem jungen Hamann und dem fremden »hergelaufenen« Mädchen aus allen Kräften zu hintertreiben.

Die Seuche unterbrach das Alles — Niemand, der nicht mußte, verkehrte mit dem Anderen; Messerschmidt selber betrat in dieser ganzen Zeit das Haus nicht, Franz aber lernte gerade da den Werth des holden anspruchlosen Kindes, mit seiner Aufopferung und Herzensgüte im reinsten Lichte kennen. Hier war keinScheinmehr, wo der Tod grinsend und drohend an der Schwelle stand; hier war nicht mehr Verstellung denkbar, »das Herz des reich geglaubten Wirthssohnes«, wie Messerschmidt dem jungen Hamann oft und heimlich warnend zugeflüstert, zu fesseln; unbekümmert um Alles, wo sie nur nützen konnte, ging Hedwig ihren stillen Weg, und an den Krankenbetten stand sie oft ein Engel des Trostes und der Hülfe.

Schon seit Clara damals sich von ihrer Krankheit erholt, und selber im Stande gewesen war durch weibliche Arbeiten ihren Unterhalt wenigstens zu verdienen, hatte Hedwig Gehalt bezogen, den ihr der alte Hamann selber,trotzseinem Geiz, freiwillig erhöht, als er sich doch nicht leugnen konnte, wie sie arbeitete und schaffte, und wie sie Alles ihm zusammenhielt. Was sie aber an Geld bekommen, nahm die schwere Zeit auch wieder fort, denn keine Woche verging, in der nicht hülflose Wittwen und Waisen den Sarg des Gatten und Vaters hinausbegleitet zu seiner stillen Ruhestätte, dann aber selber verlassen und allein in der fremden Welt gestanden hätten, die ihnen eine Heimath werden sollte, und jetzt nur Tod und Elend zeigte, wohin sie schauten. Für wie viele zahlte sie da nicht das Passagegeld auf den einzelnen Dampfbooten, sie nur fort, einer gesunden Gegend zuzubringen, ehe sie hier ihr Letztes verzehrt, und mehr noch vielleicht von ihren Lieben begraben mußten; wie viele unterstützte sie hier mit Rath und That, löste die schon versetzten Koffer für sie ein, und zog sich scheu und schüchtern in ihr kleines Kämmerchen zurück, wenn ihr die Leute nur dafür danken wollten, was sie gethan.

Mit der gesunden Jahreszeit kehrte aber auch die gewöhnliche Arbeit wieder für das deutsche Gasthaus; Schiff nach Schiff traf ein, alle mit Auswanderern schwer beladen, und da sich nicht Alle gleich entschließen konnten die eben betretene Stadt, die keine Spur der überstandenen Pest mehr zeigte, gleich wieder zu verlassen, füllten sich die Gasthäuser, wie das um diese Zeit fast stets der Fall ist, bis unter die Dächer mit Fremden und ihren Gütern an. Dieß war auch immer die geschäftigste und einträglichste Zeit für den alten Hamann gewesen, und jetzt saß er, in sein Zimmer gebannt, regungslos fest auf seinem Stuhl, und durfte und konnte nicht hinaus.

Zuerst quälte und sorgte er sich denn auch ab dabei, und wollte es wohl gar erzwingen, trotz allen Ärzten und Medicinen; endlich sah er aber doch wohl ein daß es nicht ging, daß er sich Ruhe gönnen müsse, bis ihn die Glieder wieder trügen, und die Hauptarbeitszeit wohl überhaupt für ihn vorbei sei. Der Sohn drängte und bat dabei daß er nun endlich in seine Verbindung mit Hedwig willigen möchte; es sei ein anderes Leben wenn eineHausfrauin der Wirthschaft wäre, besonderssolcheHausfrau, und er, der Vater selber, könne ruhiger sein, wo er nichtfremdenMenschen nur sein Eigenthum anzuvertrauen habe.

Der alte Hamann gab endlich seine Einwilligung, und Hedwig, die dem jungen Mann von Herzen zugethan war, und mehr fast noch in dem Bewußtsein nun freier handeln, noch mehr Gutes thun zu können, sich wohl und glücklich fühlte, legte am Altar ihre Hand in die seine, und zog alsHerrinin das Haus hinein, das sie in Noth und Sorge, als Dienerin betreten.

Franz schwelgte in der Zeit in einem Meer von Wonne, und wenn er auch von seinem Vater — der Termin dazu war auf den ersten December festgesetzt worden — die ganze unbeschränkte Führung des Hauses noch nicht überkommen hatte, fühlte er sich doch zu glücklich im Besitz seines braven, inniggeliebten Weibes, anderen Gedanken in dieser Zeit noch Raum zu geben. Hedwig aber wirthschaftete nach wie vor, in stiller anspruchsloser Weise — wo sie helfen konnte, half sie gern, und das »deutsche Vaterland,« früher der einträglichste Platz für alle Arten diebischer Agenten, und die Höhle, in der hunderte von armen Einwanderern ihr Alles verloren, und nackt in die Welt hinausgestoßen wurden, schien ein Asyl der Hülfsbedürftigen zu werden, und erweckte deshalb auch besonders in den Herzen einzelner, bei dem früheren Gewinn Betheiligter, rege Besorgnisse.

Unter diesen standen der Agent Messerschmidt, und Jimmy der Barkeeper vorne an, denen Beiden die Hochzeit zwischen den jungen Leuten ein Dorn im Fleisch geworden, und was sie nicht mehr hintertreiben konnten, suchten sie wenigstens so viel als möglich zu stören. Franz wußte das, vermochte aber noch nicht selber irgend etwas mit Beiden anzufangen, bis er nicht die Wirthschaft allein in Händen hielt, und als unumschränkter Herr darin gebieten konnte. Der Tag rückte jedoch mehr und mehr heran, und als der November endlich verflossen war und der alte Hamann am 1sten Morgens, wie schon früher verabredet, einen Advokaten zu sich in's Zimmer kommen, und in dessen Gegenwart dem einzigen Sohne schon bei seinen Lebzeiten Haus und Wirthschaft überschreiben ließ, war FranzeserstesGeschäft, hinunter in die Bar zu gehn und dem darüber allerdings verdutzten Jimmy, wie ihr Contrakt zusammen lautete, mit vierwöchentlicher »Warnung« auf den ersten Januar des nächsten Jahres zu kündigen.

»Jimmy,« sagte er, als er zu dem Burschen hinunter in den gerade unbesetzten Schenkraum kam, »ich bin jetzt eben Herr hier im Haus geworden, und da wir Beide nicht recht zusammenpassen, meine Frau mir auch Manches von Euch erzählt hat was mir nicht gefällt, so ist's besser, daß Ihr zu der zwischen Euch und meinem Vater abgemachten Zeit das Haus verlaßt. Heute ist der erste December — am ersten Januar könnt Ihr eine andere Stelle antreten, und habt bis dahin Zeit Euch umzusehen; wollt Ihr aber früher fort, hält Euch Niemand hier — verstanden?«

»Das war deutlich genug Mr. Hamann,anyhow,« sagte Jimmy, der dabei wieder ganz in Gedanken an seiner Lieblingsbeschäftigung begann — die Finger zu knacken, »werde aber von Ihrer Güte wohl keinen Gebrauch machen,vorder bestimmten Zeit, da ich dann ebenfalls zu heirathen gedenke. Sonderbar — wollte Ihnen auch heute aufsagen.«

»Desto besser, Jimmy,« sagte Franz, »dann haben wir Einer dem Andern nicht weh gethan, und können und werden uns ziemlich gut ohne einander behelfen.«

»Jes,« sagte Jimmy, eine gleichgültige Miene dabei annehmend, »verdammt gut, denk' ich mir so; — werden einesehrschöne Wirthschaft hier anrichten, Mr. Hamannjunior.«

»Jes, Jimmy — denk' ich mir so,« lachte Franz leise vor sich hin, und verließ dann, ohne sich weiter um den Menschen zu bekümmern, das Zimmer.

»Denk' ich mir so — Einfaltspinsel« — knurrte der Barkeeper finster und verdrießlich hinter seinem neuen Principale her — »Duwirst noch Manches zu denken kriegen, mein Bursche, bis wir Beiden auseinander sind, denk'ichmir so. Und noch bist Du mich auch nicht los, und es müßte doch mit dem Henker zugehn, wenn zwischen hier und da nicht noch was auftauchen sollte, was der Sache eine andere Wendung gäbe.Was,weiß ich freilich selber noch nicht, aber daß Jimmy eine sich etwa bietende und ihm passende Gelegenheit nicht unbenutzt wird vorübergehn lassen, darauf mein Juwel, könntest Du allenfalls Gift nehmen.«

»Hallo Jimmy,« sagte da eine bekannte Stimme, und als sich der Barkeeper rasch nach der Thür umdrehte, sah er den eben nur hereingesteckten, etwas dicken Kopf des Agenten Julius Messerschmidt.

»Ah — Ihr kommt gerade recht Alterchen,« sagte Jimmy, in einer Art Instinkt dabei hinter die Bar tretend und zwei Gläser umsetzend — »was trinkt Ihr?«

»Immer Brandy Jimmy, im Winter,« sagte Messerschmidt jetzt ganz zur Thüre hereinkommend, und den Kautabak, den er nach Amerikanischer Sitte im Munde hielt, daraus entfernend, dem besprochenen Getränke Raum zu geben; »immer Brandy, und im Sommer erst recht Brandy, denn da kühlt er; besonders wenn er so gut ist wie der Hamann'sche.«


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