Capitel 7.

Es war indessen, bis sie die Straße erreichten, in welcher das »Deutsche Vaterland« lag, schon vollständig dunkel geworden, denn der kurzen Dämmerung in Amerika folgt rasch und fast plötzlich die Nacht. Dicht vor der Thür des Gasthauses standen drei Leute in leisem, flüsternden Gespräch, und als sich Eltrich im Vorübergehn nach ihnen umsah, glaubte er bei zweien, auf die gerade das Licht der Gaslaterne fiel, bekannte Gesichter zu erkennen, wenn er sich auch nicht gleich auf das Wo und Wann einer Begegnung erinnern konnte. Die Männer wandten sich aber rasch von ihnen ab, und gingen langsam in dasselbe Haus, doch nicht in das Schenkzimmer, sondern in die kleine Hausthür, die mit der Treppe nach oben in Verbindung stand.

Natürlich achteten sie nicht weiter darauf, und öffneten gleich nachher die Glasthür des unteren Schenkraumes, wo sie den jungen Hamann allein, und mit verschränkten Armen und finster zusammengezogenen Brauen auf und abgehend, fanden. Freundlich begrüßte er Eltrich, mit dessen kleiner Familie er, wie seine Frau, schon manchmal zusammengekommen waren, und hörte mit großer Theilnahme, wie jener schändliche Verdacht endlich auch öffentlich von dem unglücklichen Bruder seiner Frau gewälzt sei, und diese sich doch nun wieder froh und glücklich fühlen würde, mit solcher Sorge vom Herzen.

Die freundliche Einladung Eltrichs, den heutigen Abend mit Hedwig bei ihnen zuzubringen, mußte er aber, wenigstens für sich selber, ablehnen, wenn auch die Frau kein Hinderniß hatte, und unter Eltrichs Schutz die Herren gern begleiten würde.

»Ich habe heute einen schlimmen Ärger und bösen Auftritt im Haus gehabt,« setzte er, sich entschuldigend, hinzu, »und meinen Barkeeper, einen nichtsnutzigen, frechen Gesellen, den ich, wie ich fast fürchte, auf verbotenen Wegen ertappte, zum Teufel jagen müssen.«

»Ihren Jimmy?« rief Eltrich — »Gott sei Dank, daß der Bursche fort ist; wenn irgend Jemand auf der Welt, so hatte der eine böse, galgenwürdige Physiognomie, und ich bin fest überzeugt, er strafte die auch nicht Lügen.«

»Was ich heute von ihm gesehn habe,« meinte Hamann, »widerspräche dem wenigstens nicht, denn ich fand ihn über Tisch in dem Zimmer einiger meiner »Boarder,« die, wie vermuthet wird, viel Geld bei sich haben, bei einer sehr verdächtigen Untersuchung des einen Koffers, für dessen sehr hübsche Arbeit er sich angeblich interessirte. Ich bin übrigens froh, den Burschen, den ich sonst noch hätte einen vollen Monat behalten und füttern müssen, auf solche Art so rasch losgeworden zu sein, nur muß ich jetzt, bis ich mich morgen nach einer passenden Persönlichkeit dafür umsehen kann, selber die Stelle verwalten. Sie thun mir übrigens einen Gefallen,« setzte er dann hinzu, »wenn Sie selber zu meiner Frau hinauf gingen und es ihr sagten; Sie werden sie jetzt warscheinlich in meines Vaters Zimmer finden. Sie, Herr Eltrich, kennen ja den Weg. Meine Gäste sind drin beim Abendbrod, und ich muß indessen hier in der Bar bleiben; hab' ich aber heut Abend zugeschlossen, was heute früher als gewöhnlich geschehen wird, komme ich noch selber zu Ihnen hinaus und hole Hedwig in meinem kleinen Wagen ab.«

Die Herren waren eben im Begriff, der Bitte Folge zu leisten, als die Thür aufging und ein junger Mann hereinkam, Hopfgarten und Eltrich aber kaum erblickte, als er auch schon mit einem lauten, etwas exaltirten Freudenruf auf sie zusprang, ihre Hände ergriff, und wie es schien, sich alle Gewalt anthun mußte, ihnen nicht auch um den Hals zu fallen.

»Ach Herr von Hopfgarten — ach Herr Kapellmeister — welch glückliches Zusammentreffen — nein, ich kann Ihnen gar nicht sagen,wiefroh ich bin, Sie endlich einmal wieder zu sehn. Wie geht es Ihnen? — was machen, was treiben Sie — Herr Hamann, darauf müssen wir ein's trinken, bitte meine Herren, was nehmen Sie — ich habe ja überhaupt hier noch eine kleine Kreide stehn —«

»Herr Theobald!« rief Hopfgarten erstaunt aus, den Dichter dabei mit einem flüchtigen Blick, eben nicht zu dessen Gunsten, von oben bis unten messend — »wie kommen Sie wieder nach New-Orleans?«

»Ich? — lieber Gott, wo kommt man nicht in diesem verwünschten Lande hin!« rief Theobald mit einer gewissen Wehmuth aus —

»Treibt auf wildbewegtem MeereAuch mein schwank-gebrecher Nachen,Dräut mir auch der Wogen Schwere,Soll's mich doch nicht muthlos machen —

»wo kommt man hiernichthin? — sag' ich noch einmal — Sie kennen ja die alte Geschichte, bester Baron, »willst Du in meinem Himmel mit mir leben —à la bonheur, aber auf Erden sind alle Kämmerchen vermiethet« — Nichts wie Prosa, Nichts wie gemeine, hausbackene Wirklichkeit, in der das dumme Volk auch nicht einmal eine Ahnung hat, daß ein höher begabter Mensch auch noch mit etwas Anderemarbeitenkönnte, als mit Spitzhacke und Schaufel.Arbeitenschreien sie —arbeiten,immer nur arbeiten, und was der Geist dabei thut, rechnen sie nicht, das nennen sie faullenzen. Aber zum Henker mit der Bande, wenn's uns hier nicht länger gefällt, Herr von Hopfgarten, dann gehn wir nach Amerika! und jetzt wollen wir trinken, Herr Hamann hat uns schon die Gläser aufgestellt — bitte, was nehmen Sie?«

»Ich danke wirklich herzlich,« sagte Hopfgarten ablehnend — Theobald sah ihm gar nicht danach aus, als ob er so viele Sechs-Cent-Stücke wegzuwerfen hätte, für Andere zu bezahlen, und zugleich ließ sein ganzes, außergewöhnlich aufgeregtes Wesen auch noch überdieß darauf schließen, daß er schon selber eigentlich mehr wie seine tägliche Quantität getrunken habe — »bitte, erzählen Sie mir lieber, wie es Lobensteins geht, was sie thun und treiben und wie der Professor mit seinen Arbeiten vorwärts rückt.«

»Bah —soviel für den Professor,« rief Theobald mit einer wegwerfenden Bewegung — »ein Schwachkopf, der sich einbildet, von Landwirthschaft und Poesie gleich viel zu verstehn, und wirklich gleich viel davon versteht. Er ist ruinirt, und Eduard, der große Nimrod, hat sich auf der Jagd todtgeschossen —«

»Heiland der Welt,« rief Hopfgarten entsetzt aus, »das ist ja furchtbar, und Sie erzählen das hier, als ob Sie die Leute nicht das Mindeste angingen.«

»Thun Sie auch nicht,« sagte Theobald ruhig — »wenn Jemand Verbindlichkeiten gegen den Anderen hat, so ist es der Professor gegenmich;ich habe ihm meine Kräfte nicht allein, ich habe ihm auch meinen Geist geliehen; aber die Rathschläge, die ich ihm gab, konnten ihn nur noch eine Zeit lang über Wasser halten — sein eignes Gewicht zog ihn in die Tiefe.«

»Und was ist aus ihnen geworden?« frug Hopfgarten.

»Oh sie sind für jetzt wohl noch, so viel ich weiß, in Indiana,« sagte Theobald, »der Professor wird jedoch jedenfalls gezwungen sein, seine Farm zu verkaufen, weil er Schulden hat, die er nicht tilgen kann. Aber kommen Sie, meine Herren, kommen Sie, der Brandy wird kalt.«

Auch Eltrich suchte sich von der Einladung loszumachen, Theobald drang aber auf das Ungestümste in sie, und da es in Amerika für eine Beleidigung gilt, mit Jemand, von dem man eingeladen wird, nicht zu trinken, traten die beiden Männer, um ihn nur loszuwerden, mit ihm an den Schenktisch.

Die Gläser waren gefüllt und Hopfgarten wie Eltrich hoben sie mit einem höflichen Nicken gegen den jungen Mann, der mit einer hochtragischen Bewegung, den Arm ausstreckend, rief:

»Halt! nicht also dürfen wir, verehrte Gönner und Freunde, die edle Gottesgabe unseren Kehlen zusenden. Der Geist verlangt Geist:

So fließe denn dieser edle Trank,Ein perlender Tropfen Himmelsthau,Als Weiheopfer, als Gottes Dank,Den schönen Augen der schönsten Frau.Wie er zittert im Glase, wie funkelndes Blut —Sie,deren Bild uns im Herzen ruhtLebe hoch!«

»Lebe hoch!« stimmte Eltrich gutmüthig mit ein, indem sie ihre Gläser leerten.

»Also Sie haben auch ein paar schöne Augen?« lachte der Kapellmeister, »die Ihnen im Herzen ruhn? sollt' ich sie am Ende kennen? — an Bord ging einmal ein unbestimmtes Gerücht —«

Theobald wandte den Kopf von ihm fort, und streckte den Arm abwehrend aus:

»Tief begraben hier drinnen da ruhet ihr Bild,Da ruht mit dem Bild auch der Namen,Ein düsterer Schleier decket das zu —Ichbin zu dem Bild nur der Rahmen —

aber apropos« — wandte er sich dann rascher und lebhafter plötzlich an den Kapellmeister — »ich habe ein paar prächtige Lieder für Sie zum Komponiren, lieber Eltrich — ich weiß, daß Sie in neuerer Zeit einige Lieder von Heine und Freiligrath reizend in Musik gesetzt haben, das sind aber natürlich nur immer gerade zufällig passende Sachen, die Sie sich in Ermangelung eines Besseren heraussuchen mußten. In den meinigen werden SieDeutschenGeist in Amerikanischer Hülle finden, etwas Passendes, Zeitgemäßes, mit dem Sie, wie ich fest überzeugt bin, Ihre Hörer entzücken können, und ich bin gern erbötig, Ihnen nicht allein die Wahl zwischen einigen fünfzig vortrefflichen Sonetten zu gestatten, sondern Ihnen auch das Stück der ausgewählten mit zwei Dollar zu überlassen.«

»Sie sindsehrgütig, lieber Theobald,« sagte Eltrich, verlegen, wie er das Anerbieten abweisen sollte, und doch auch wieder zu gutmüthig, geradezu nein zu sagen. »Sie werden mir erlauben, daß ich die Sachen einmal gelegentlich durchsehe, denn in der nächsten Zeit bin ich zu sehr mit andern Sachen beschäftigt, an irgend eine Composition denken zu können —«

»Oh gewiß — gewiß,« rief Theobald rasch — »aber — mit dem Lesen, wissen Sie, ist es eine unangenehme Sache; ich weiß zu gut, wie ungern Leute Manuscript lesen, und wie verschieden sich auch etwas im Manuscript und Vortrag ausnimmt. Wie wäre es also, wenn Sie mir jetzt ein halbes Stündchen gönnten, und ich Ihnen die Kleinigkeit —« er holte dabei ein etwa daumenstarkes, sehr eng beschriebenes Manuscript aus der Tasche — einmal hier flüchtig vorläse; es würde —«

»Lieber Eltrich,« drängte Hopfgarten, »wirmüssenhinaufgehn, es wird die höchste Zeit, wenn wir Frau Hamann noch heute Abend mit fortnehmen wollen, und Sie wissen, ich habewichtigeSachen mit ihr zu besprechen.«

»Sie haben recht,« rief Eltrich — »wir müssen uns wahrhaftig heute entschuldigen, Herr Theobald — wenn Sie mir später das Manuscript vielleicht einmal anvertrauen wollen, so würde ich —«

»Ich werde mir selber das Vergnügen machen, es Ihnen in Ihrer eigenen Wohnung vorzulesen,« sagte Theobald rasch entschlossen — »zu welcher Zeit trifft man Sie am Besten?«

»Es ist jetztsehrunbestimmt,« sagte Eltrich, den ungeduldigen Winken Hopfgartens nachgebend und seinen Hut nehmend — »vielleicht einmal Nachmittags — also auf Wiedersehn, Herr Theobald —«

»Auf Wiedersehn, lieber Kapellmeister — auf Wiedersehn Herr von Hopfgarten.«

»Gott sei Dank, daß wir den schrecklichen Menschen los sind,« sagte Hopfgarten, als sie durch den dunklen Gang, der im Hause hin zur nach oben führenden Treppe gingen, »der wäre im Stande gewesen und hätte uns die halbe Nacht seine faden Mondscheinergüße vorgelesen. Aber — alle Wetter, Eltrich — hier ist's dunkel — kennen Sie den Weg?«

»Ja — ich bin freilich nur erst einmal Abends hier oben gewesen, und da dächt' ich, hätte eine Laterne auf der Treppe gebrannt; aber kommen Sie nur — hier ist das Geländer — fassen Sie mich an — so — sehn Sie? — hier steigen wir hinauf, und nun weiß ich auch Bescheid, denn gleich oben an der Treppe, zwei oder drei Schritt an der rechten Seite, ist die Vorsaalthür, die zu dem alten Hamann führt.«

»Es soll nicht besonders mit ihm gehn,« meinte Hopfgarten.

»Ach der ist zäh,« sagte Eltrich, »der kann noch lange leben; sehn Sie, da sind wir schon — fallen Sie nicht wieder rückwärts hinunter, es geht ganz häßlich steil ab. Daß die Leute hier auch keine Laterne brennen, man könnte ja Hals und Beine dabei brechen. Hier hab' ich die Klingel!« und den kurzen Griff fassend, zog er daran, daß die kleine Glocke drinnen hell und klar ertönte.

Alles todtenstill — kein Laut antwortete.

»Sie haben es nicht gehört — ziehn Sie noch einmal,« sagte Hopfgarten.

Eltrich klingelte noch einmal, stärker als vorher, und legte dann das Ohr an die Thür, ob er nicht Schritte hören könne.

»Hülfe!« tönte da ein wilder, markdurchschneidender Schrei zu ihm herüber — »Hülfe!« rief es noch einmal, aber mit schwacher, gedämpfter, doch nichtsdestoweniger deutlicher Stimme, als ob eine Hand den rufenden Mund zu schließen suchte.

»Was ist das?« rief Eltrich; Hopfgarten hatte den Schrei aber ebenfalls gehört, und ohne sich weiter zu besinnen, ohne irgend eine Frage zu thun, oder ein Wort weiter zu verlieren, fühlte er nach der Thür, und führte im nächsten Augenblick einen so gut gemeinten und kräftigen Tritt gerade nach der, eben nicht übermäßig dicken Füllung, daß er diese gleich mit dem ersten Stoß nach innen trat. Ein zweiter machte die Bresche passirbar, und sich in wilder Hast, von Eltrich dicht gefolgt, hindurchdrängend, fand er sich wenige Secunden später in dem inneren Raum, den zu durchfliegen und der nächsten Stubenthür, aus der ein Lichtstrahl drang, zuzuspringen, das Werk weiterer, nur weniger Secunden war.

Es dämmerte, und am Ufer des Flusses gingen, nur die Fronte des einensquarehaltend, zwei Männer in eifrigem, aber mit unterdrückter Stimme geführten Gespräch, mit raschen Schritten auf und ab. Allem Anschein nach erwarteten sie Jemanden, der sich ihnen auch endlich, nach einigem Herüber- und Hinübersuchen, anschloß.

»Nun, Jimmy, wie ist's?« frug der Eine von ihnen, Meier (der Andere war sein Reisegefährte Pelz), den eben Gekommenen — »wird's noch was heute Abend?«

»Jetzt oder nie,« flüsterte Jimmy mit leiser, ängstlicher Stimme, »denn schon heut' Morgen war die Rede davon, daß sie den Alten am nächsten Tag hinüberbetten wollten, wo die jungen Leute ihre Zimmer haben, damit er dort mehr Pflege hätte; wenn das geschieht, kann kein Teufel mehr dazu.«

»Und lohnt's wirklich?« frug Meier, noch immer mistrauisch.

»Lohnt's?»wiederholte Jimmy ärgerlich — »glaubt Ihr, daßichmeinen Hals an so eine Geschichte setzen würde,wenn'snicht eben was Außerordentliches wäre?«

»Na, obDeinHals das gerade ist,« brummte Meier.

»Jetzt ist keine Zeit zu Albernheiten,« sagte aber Pelz mürrisch, »also Ihr glaubt wirklich, daß wir mit dem einen Schlaggenugkriegen können, Jimmy.«

»Ichglaubegar Nichts,« rief dieser rasch und eifrig, »ichweiß,daß der Alte in dem einen kleinen, erbärmlichen Holzschrank, den er nicht gegen einen eisernen vertauscht hat, um sich nicht in den Verdacht zu bringen, daß er wirklich etwas Stehlenswerthes in seiner Wohnung habe, für vielleicht hunderttausend Dollar Juwelen, Geld, Papier und Aktien liegen hat, und mit einem einzigen Faustschlag kann man den Deckel sprengen.«

»Und der Alte?«

»Ist in einer halben Stunde etwa, auf dreißig oder fünf und dreißig Minuten allein, denn der junge Lümmel muß heute, weil ich nicht da bin, in der Bar bleiben, und die Frau guckt nach der Kaffeekanne im Eßzimmer, daß Niemand eine Tasse zu viel trinkt.«

»Ich weiß nicht — mir ist nicht recht wohl bei der Geschichte,« meinte Meier — »ja wenn ich selber den Grund und Boden, und die Winkel und Schliche da kennte, wo man hinausfahren muß, wenn's Noth thut, dann wär' mir's gerade recht; aber mich so von Jemand Anderem in ein ganz fremdes Haus, denn in dem Theil sind wir doch noch nicht gewesen, hineinführen zu lassen, das hat mir 'was verdammt Unbehagliches. Passirt 'was, so drückt sich Jimmy sachte ab, und wir Andern sitzen drin.«

»Aber ich bitt' Euch um Gottes Willen, was soll passiren?« rief Jimmy — »wir brauchen auf der Welt weiter Nichts zu thun, als die Treppe im Haus hinaufzugehn; in der Tasche hab' ich den Schlüssel zur Thür — die schließen wir hinter uns zu, wer dann hinein will, muß klingeln, und die Thür vom Alten, der in der Zeit mutterseelensallein ist, steht auf.«

»Wenn's aber weiter Nichts wäre,« brummte Meier, »da hättet Du ja auch die ganze Geschichte allein machen, und den Profit allein in die Tasche stecken können.«

»Das hätt' ich auch,« sagte Jimmy, halb verlegen, halb mürrisch, »aber — es ist mir so ein eignes, wunderliches Gefühl mit dem Alten. MiteinerHand könnte man ihn zusammendrücken, und doch — dochfürcht' ich mich vor ihm; sein Blick sieht Einem bis in die Kniekehlen hinunter, und er schläft — Ihr mögt mich auslachen, wie Ihr wollt — mit einem Auge offen.«

»Vor dem Sohn fürchtest Du Dich nicht?« lachte Meier.

»Daß ihn der gelbe Jack hole,« fluchte Jimmy — »ich vergelte ihm die heutige Behandlung, oder ich will im Leben keinen Brandy wieder trinken; er soll's noch bereuen, mich auf diese Weise behandelt zu haben. Doch jetzt kommt, denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; mit dem Schlage sieben gehen die Leute zu Tisch, und von da bis halb acht sind wir sicher; länger keine Secunde.«

»Und wenn Jemand, indeß wir drinnen sind, an die Thüre draußen kommt und hinein will?« frug Meier.

»Neben der Stube ist eine Schlafkammer,« sagte Jimmy, »und aus dieser führt eine stets offen stehende Thür nach dem Gang hinaus, der in den andern Theil des Hauses läuft — aber eskommtauch Niemand, zum Donnerwetter noch einmal; und wenn auch, so wär's vielleicht der junge Tölpel selber, und dazu seid Ihr zwei baumfeste Kerle, die dem wohl einen Schlag über den Schädel geben können, daß er ein paar Secunden ruhig ist. Erst einmal wieder unten auf der Straße, und in der Menschenmenge, die dort noch auf- und niederströmt, ist eine Verfolgung ganz unmöglich. Ja, wenn's nach zehn Uhr Abends wäre, da könnte uns eine einzige Wachtmann-Rassel ein ganzes Viertel Nachtwächter über den Hals ziehn.«

Meier schien, von Pelz dabei noch heimlich bearbeitet, seine letzten Bedenklichkeiten endlich, wenn nicht ganz überkommen, doch bei Seite gestellt zu haben, und die drei Männer schritten jetzt raschen Ganges, sich unterwegs das Weitere überlegend, ein Stück noch am Wasser, und dann die Straße hinauf, die nach dem »Deutschen Vaterland« zuführte.

Gerad um sieben kamen sie dort an; durch die mit Flaschen und Karaffen besetzten Fenster des »Barrooms« konnten sie von außen ganz deutlich die kleine Uhr im Innern erkennen, die drei Minuten über sieben zeigte. Dennoch zögerten sie einen Augenblick, ganz sicher zu sein, daß sie nicht zu früh kämen, und blieben indessen vor der Thür stehn. Daß der junge Hamann allein in der »Bar« war, konnten sie von außen ebenfalls deutlich erkennen; so weit stand die Sache günstig genug für sie, und die Gäste waren jedenfalls schon drin bei Tisch.

Zwei Männer kamen dicht an ihnen vorbei, und gingen auf die Thür des Schenkzimmers zu; Meier und Pelz drehten sich nach ihnen um, wandten sich aber auch fast unwillkürlich wieder ab, und schritten dem kleinen Thorweg zu, der neben dem Schenkzimmer in das Haus führte.

»Weißt Du, wer die Beiden waren?« flüsterte Meier Pelz zu.

»Ja!« nickte dieser leise — »ein paar alte Bekannte; das schadet Nichts — im Gegentheil, die halten den jungen Laffen da drin um so sicherer an der Flasche fest, und in zehn Minuten können wir wieder unten sein.«

Jimmy führte sie indessen, ohne weiter ein Wort mit ihnen zu wechseln, rasch die schmale, hölzerne Treppe hinauf, an der oben ein Licht brannte; an diesem zündete Pelz, wie schon vorher verabredet, seine eigene kleine Blendlaterne an, und bließ es dann aus, und oben wollten sie ihren Weg wieder fortsetzen, als sie leichte Schritte auf dem Gange hörten und einen fremden Lichtschimmer bemerkten, der diesen herunter und auf dieselbe Thür zukam, in der auchihrZiel lag.

»Höll und Teufel,« flüsterte Jimmy leise und ingrimmig vor sich hin — »das ist die Madame — was zum Donnerwetter hat denndieheute Abend bei dem Alten zu suchen? — Ruhig Leute, wir müssen hier einen Augenblick warten; sie wird nicht lange bleiben.«

Es war Hedwig, die mit dem Licht den schmalen Gang herüber kam, nach dem Kranken zu sehn; sie öffnete mit einem Schlüssel, den sie bei sich trug, die Thür, und sah sich dabei nach der ausgegangenen Lampe an der Treppe um, unter der die drei Schurken kauerten, betrat jedoch, ohne diese zu entzünden, den Vorsaal, und klinkte die Thür nur einfach hinter sich in's Schloß.

»So, jetzt sitzen wir hier auf der Treppe,« brummte Meier finster vor sich hin, »und wenn Jemand heraufkömmt, findet er das ganze Nest.«

»Das wär' weiter keineGefahr,« flüsterte Jimmy zurück, »wir gingen nur einfach die Treppe hinunter und kein Teufel wüßte in der Dunkelheit, wer's gewesen ist.«

»Und das Geld?« frug Pelz.

»Wäre dann allerdings zum Henker,« fluchte Jimmy zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, indem er wieder anfing, seine Finger zu knacken.

»Was zum Teufel machst du denn da?« rief ihn mit unterdrückter, doch zorniger Stimme Meier dabei an, »willst Du das verdammte Knacken lassen, das hört man ja durch's ganze Haus; das fehlte auch noch, daß wir Dich als Sturmglocke dabei hätten. Übrigens seh' ich nicht ein, weshalb wir zögern,« setzte er rasch hinzu, »ob die Madame da drin ist oder nicht, wenn wir's mit weiter Niemand als dem Alten zu thun haben. Wir sind unserer drei, und mit einer solchen Aussicht vor uns, daßwirkünftig von unseren Interessen leben können und eben nur zuzulangen brauchen, sollte unsdaswenigstens nicht abhalten.«

»Nur um Gottes Willen kein Blut vergießen,« bat Jimmy, ängstlich werdend — »Ihr habt mir das schon vorher versprochen, denndamit möchte ich Nichts zu thun haben.«

»Unsinn,« brummte Meier, »wer spricht denn davon? wir verlangen von denen da drinnen weiter Nichts, als daß sie ein paar Minuten das Maul halten, und dazu können wir sie schon bringen, ohne ihnen gleich den Hals abzuschneiden.«

»Wenn wir nur noch einen Moment warten,« ermahnte Jimmy noch einmal; »siemußgleich wieder zurückkommen.«

Die beiden Männer erwiederten Nichts darauf, sondern kauerten eine ganze Weile, dem Rathe folgsam, auf der Treppe, gleich vorsichtig dabei nach oben wie unten horchend, ob sich kein gefährliches Geräusch irgendwo vernehmen lasse. Es blieb todtenstill, denn im Haus war Alles im Eßzimmer versammelt, die Frau kam aber eben so wenig zurück, und Jimmy selbst fühlte jetzt, daß es die höchste Zeit würde, ihr Vorhaben auszuführen, wenn sie nicht die günstige Periode des Abendessens, und damit Alles versäumen wollten. So als Pelz endlich erklärte, wenn Sie nun nicht an's Werk gingen, wolleermit der Sache nichts weiter zu thun haben, da er hier auf der Treppe nervös würde, stand er langsam auf, bat die Männer noch einmal sich jeder Gewaltthätigkeit zu enthalten, und stieg langsam, von ihnen dicht gefolgt, die wenigen Stufen noch hinauf.

Ihrem verabredeten Plane nach sollten sie, was sie auch jetzt thaten, so geräuschlos als möglich die Vorsaalthür öffnen und mit dem Schlüssel, den Jimmy bei sich führte, wieder hinter sich schließen, dann über den Vorsaal schleichen, wo sie hatten vorsichtig an der Thür des Alten anklopfen wollen, erst zu sehn ob dieser wache. Da aber das Erscheinen der Frau diesen Angriffsplan jetzt geändert hatte, glitten sie nur, so leise sie konnten, über den kleinen, dunklen, schmalen Vorplatz hin, wobei ihnen Pelzes Blendlaterne leuchtete, Jimmy ergriff dann die Thürklinke, und diese rasch und plötzlich öffnend, sprangen alle drei zu gleicher Zeit, und ehe die im inneren Raum Befindlichen auch wirklich nur einen Schrei der Überraschung ausstoßen konnten, auf sie zu. Pelz warf sich dabei auf den Alten, der neben seinem Bett auf einem großen Stuhle saß, während Meier Hedwig ergriff, sie an der Kehle faßte und ihr mit augenblicklichem Tode drohte, wenn sie auch nur einen Laut von sich gebe.

Nicht so leichtes Spiel sollte Pelz haben, denn der alte Geizhals, stets in Furcht bestohlen zu werden, hatte, ohne daß selbst Jimmy etwas davon wußte, fortwährend ein paar geladene Pistolen neben sich auf demselben Tisch, auf dem seine Arznei stand, mit einem seidenen Tuch bedeckt liegen, und fast instinktartig nach diesen in demselben Moment gegriffen, als er die Thüre seines Zimmers so plötzlich aufreißen sah. Spannen und Abdrücken war auch wirklich nur das Werk eines einzigen Augenblicks, und um Pelz wäre es, außer dem gefährlichen Knall des Gewehres für die beiden Anderen, jedenfalls geschehen gewesen, hätte die Pistole, die da schon Gott weiß wie lange geladen lag, nicht versagt. Der alte Gauner erschrak aber doch nicht wenig über die nahe Todesgefahr, und als Hamann, den Anspringenden mit dem linken ausgestreckten Arm noch von sich drückend, nach der zweiten Waffe griff, führte er mit einem ingrimmigen Fluch und einer in der Hand verborgenen Kugel einen so gut gemeinten Schlag nach ihm, daß er ihn besinnungslos zu Boden streckte.

Jimmy indessen sprang, ohne sich weiter um die Übrigen zu bekümmern, die er in guten Händen wußte, mit einem Satz nach dem alten hölzernen Secretair, in dem des Wirthes Schätze lagen. Mit einem Stemmeisen, das er bei sich führte, brach er diesen auch rasch und ohne Mühe auf, und leerte den Inhalt der Gefache in einen zu dem Zweck mitgenommenen Leinwandsack.

Hedwig sah das Alles, wie in einer Art wachen Traumes; sie fühlte dabei, wie die Hand des Mörders, dessen Gesicht sie trotzdem erkannte, auf ihr lag, und vermochte keinen Laut auszustoßen, hätte sie der Bube selbst frei und unberührt gelassen. Jimmy arbeitete indessen mit einer fabelhaften Geschäftigkeit, und Pelz, der ihm der Sorge um den Alten enthoben dabei half, schob in die eigenen Taschen, was er hineinbringen konnte, als plötzlich draußen, scharf und hell, die kleine Klingel an der Vorsaalthür ertönte.

Wie ein Schlag fuhr der klare durchdringende Laut in aller Glieder — die Räuber schreckten, aufhorchend, empor, und selbst Meier ließ in seinem Griff an Hedwig — nur erst zu wissen, welcher Art die Gefahr sei, die ihnen drohe, etwas nach. Hedwig aber, der dieser Laut wie neues Leben durch die Adern schoß, warf mit plötzlicher Anstrengung den Arm, dessen Finger ihre Kehle umspannt hielten, zurück, und stieß, unbekümmert um jede Gefahr, die ihr selber drohen konnte, jenen wilden gellenden Hülferuf aus.

»Bestie!« knirrschte Meier zwischen den Zähnen durch, und suchte mit seiner breiten Hand, der sie sich umsonst erwehrte, ihren Mund zu decken.

»Hülfe!« stöhnte Hedwig, und draußen brach und prasselte in dem Augenblick die dünne Thür zusammen.

»Herr Du mein Gott!« schrie Jimmy, in aller Angst den Leinwandsack fallen lassend und nach der Kammerthür fahrend. Hier aber mußte er an Meier vorbei, und dieser, der nicht gesonnen war allein in dem fremden Haus im Stich gelassen zu werden, faßte ihn und hielt ihn, während Pelz an den Beiden vorüberglitt und in die Kammerthür verschwand, am Kragen fest. —

»Nicht ohne mich, Kamerad.« knurrte er dabei, »den Weg mußt Du mir wenigstens zeigen, und daßDuhier, mein Täubchen, uns nicht indessen vor der Zeit das ganze Haus über den Hals schreist, nimmdasindessen,« und sie loslassend führte er, während er sprach, einen gewiß gut gemeinten Schlag mit der Faust nach der Stirn der jungen Frau, der dieser wahrscheinlich verderblich geworden wäre, wenn sie nicht, die Gefahr sehend, ihren Kopf unter seinen linken Arm geworfen, und sich fest an ihn angeklammert hätte.

»Hülfe, Hülfe!« schallte dabei ihr gellender Schrei, jetzt um das eigene Leben ringend und Jimmy, den Moment benutzend, riß sich von Meiers Griff los, und sprang ebenfalls in die Kammer, während dieser indeß umsonst versuchte die Frau von sich abzuschütteln oder in den Schwung seines, nach ihr schlagenden Arms zu bringen. Hedwig, ihre schwachen Kräfte zu wilder verzweifelter Anstrengung getrieben, hielt ihn fest umklammert, und Meier, endlich selbst zum Äußersten gebracht, riß ein Messer aus seinen Gürtel, als die Stubenthür auf- und Hopfgarten in demselben Moment auch in gänzlicher Verachtung der eben so rasch auf ihn gerichteten Waffe, gegen den Mörder anflog.

Mit dem linken Arm den nach ihm geführten Stoß, so gut das im Augenblick ging, abwehrend, warf er sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers so voll und gut gewillt gegen ihn, daß er den sonst viel stärkeren, jetzt aber auch noch durch die Frau behinderten Mann zum Taumeln brachte, und Meier fand sich, wenige Secunden später unter den ihn fest niederhaltenden Armen Hopfgartens und Eltrichs, die er jedoch Beide mit seinem Messer verwundet hatte, am Boden liegen, während aus dem ganzen Haus schon die Leute, durch das Geschrei aufmerksam gemacht, herbei und zur Hülfe strömten.

»Hopfgarten,« stöhnte indeß der Räuber, in der Anstrengung seine Arme wenigstens frei zu bekommen, und mit der Angst jetzt vor der gerechten Strafe, »lassen Sie mich los — ich — ich weiß, wen Sie suchen — ich weiß — ich weiß wo er steckt. Henkel ist hier in der Stadt — aber — heut Abend noch oder morgen früh geht er fort von hier — lassen Sie mich frei, und ich sage Ihnen, wo Sie ihn finden können!«

»Alle Wetter!« rief Hopfgarten überrascht, »da könnte man einen Wolf mit dem andern fangen.«

»Glauben Sie doch nicht was der Schurke sagt,« rief aber Eltrich, der das warme Blut an seiner Schulter niederrieseln fühlte, »der Bursche ist zum Galgen reif — Hülfe — Hülfe hierher.«

Der Ruf galt einer neuen, verzweifelten Anstrengung des Räubers, aber die Hinterthür, die in die Schlafkammer führte, undnichtverschlossen gewesen war, wurde in diesem Augenblick von den herbeistürmenden Boarders, mit dem jungen Hamann an der Spitze, gesprengt, während von der Straße herauf ebenfalls die Leute herbeisprangen. Wenige Minuten später war das Zimmer mit Menschen gefüllt, und Hopfgarten und Eltrich, den Gefangenen der Masse überlassend, konnten jetzt daran denken das wild umhergestreute und gefährdete Eigenthum des alten Mannes in Sicherheit zu bringen. Die indessen ohnmächtig gewordene Frau sahen sie in dem Schutz ihres Gatten, und den noch immer am Boden ausgestreckten alten Mann hatten unter der Zeit ein paar Nachbarn aufgehoben und auf sein Bett getragen.

Unter den Fremden waren übrigens auch zwei Constabler mitgekommen, die sich als solche zu erkennen gaben, und Meier vor allen Dingen in Gewahrsam nahmen. Andere, die von unten heraufkamen, hatten eine dunkle Gestalt zum Haus hinauslaufen sehen, und Einige unter dem, nach dem Hof zuführenden Kammerfenster eine goldene Uhr gefunden, die der Räuber dort wahrscheinlich, nach einem verzweifelten, aber glücklich abgelaufenen Sprung aus dem Fenster, verloren haben mußte.

Nur erst als sich Hedwig, unter den zärtlichen Bemühungen ihres Gatten wieder soweit erholte sprechen zu können, erfuhren sie, daß drei Männer: der Gefangene, ein früherer Reisegefährte Pelz, und ihr heute fortgeschickter Barkeeper, die Räuber gewesen seien. Hopfgarten, der sich indessen mit dem alten Mann beschäftigt hatte, fand in diesem Augenblick die Wunde an seinem Kopfe, und konnte nun keinen Augenblick mehr zweifeln, daß ertodtsei.

Die Verwirrung, die jetzt folgte, ist kaum zu beschreiben, Alles schrie und drängte durcheinander, und Meier, mit auf dem Rücken festgeschnürten Ellbogen konnte nur wirklich durch die Constabler vor der Wuth der Bürger geschützt werden, die große Lust hatten, ihn gleich an Ort und Stelle, als warnendes Beispiel aus dem Fenster hinauszuhängen.

Jimmy mußte übrigens, da die wider Erwarten sehr starke Kammerthür verschlossen gewesen, und erst von den zur Hülfe Eilenden durch gemeinsames Dagegenwerfen gesprengt war, jedenfalls mit seinem anderen Kameraden, Pelz, aus dem Fenster in den Hof hinunter entkommen sein, denn aus der Thür hatte er nicht entziehen können. Die Constabler kannten ihn aber, und versprachen dem jungen Hamann ihr Möglichstes zu thun, ihm die Flucht aus der Stadt abzuschneiden, und ihn in den unzähligen Diebeswinkeln, die New-Orleans hat, herauszustöbern.

Der Gebundene sollte jetzt abgeführt werden, und Hopfgarten, die erhaltene Wunde im Oberarm, durch dessen dickes Fleisch das Messer gefahren war, gar nicht achtend, suchte ihn dahin zu bringen, ihm Näheres über den Aufenthalt Henkels, von dem er behauptet, daß er darum wisse, mitzutheilen.

»Geht zum Teufel,« knurrte ihn aber der Gefangene an, »macht mit mir was Ihr wollt, Ihrhabtmich einmal, doch verlangt dann nicht auch nochGefälligkeitenvon mir. Vorhin war's Zeit; wenn Sie nicht holzköpfig gewesen wären, wüßten Sie jetzt was Sie wollen; nun könnt Ihr mir aber die Zunge aus dem Halse reißen, ehe ich eine von Eueren Fragen beantworte. Hole Euch Alle der Henker.«

»Der wird Dich zeitig genug bekommen, mein Bursche,« sagte der eine Constabler, ein Deutscher, indem er ihn vor sich her stieß. »Fort mit Dir; was aus Dir herauszukriegen ist, werden wir schon kriegen, hab' keine Furcht; mit solcher Art wissen wir schon umzugehen. Herr Hamann, Sie werden gut thun sich die Zeugen, die Sie brauchen, zu notiren, daß man sie finden kann; der Coroner mit dem Arzt wird wohl auch nicht lange auf sich warten lassen. Einer von unseren Leuten mag indessen noch vor der Hand unten im Haus bleiben, vielleicht ist doch noch etwas von Einem der andern beiden Burschen aufzufinden. Jedenfalls müssen wir uns genau überzeugen, wo die Herren heraufgekommen sind, und mit welcher Hülfe, und ob sie nicht im Haus noch andere Helfershelfer haben.«

Der Gefangene wurde jetzt fortgeführt, der Platz von den Fremden geräumt, und Hamann, der Hopfgarten und Eltrich bat, ihn nur jetzt nicht zu verlassen und bei ihm und seiner Frau zu bleiben, machte dann mit dem rasch herbeigerufenen Arzt, der nachher auch die beiden Freunde zu verbinden hatte, den freilich vergeblichen Versuch, seinen Vater in's Leben zurückzurufen. Der Schlag mit der Schlingkugel, die noch in der Stube auf dem Boden lag, hatte dem alten Mann den Schädel eingeschlagen und augenblicklichen Tod herbeigeführt.

Im Hof, wo die beiden anderen Verbrecher aus dem etwa sechzehn Fuß hohen Fenster hinuntergesprungen sein mußten, war indessen auch nichts weiter zu erkennen. Das Fenster stand offen, und ließ, mit der unten gefundenen goldenen Uhr allerdings keinen Zweifel über die Art der Flucht; obgleich aber der Hof nicht gepflastert, und der Boden ziemlich weich war, hatten doch die seit der Zeit darauf herumgeschwärmten Menschen Alles derart zertreten, daß es sich nicht mehr unterscheiden ließ wohin sich die Beiden gewandt. Das Wahrscheinlichste blieb übrigens, daß sie durch den schmalen Gang auf die Straße geflohen wären, und eine Verfolgung war dorthin nicht mehr möglich. Nur um die nächste Ecke, und die Räuber konnten in dem Menschengedränge der Straße ihren Weg ruhig und unbeachtet fortsetzen.

Der junge Hamann hatte indessen seine arme kleine Frau, deren zarte Glieder der rauhen Behandlung des Buben fast erlegen waren, auf ihr Zimmer gebracht, und sie dort der Pflege von ein paar im Hause wohnenden Frauen, die sich freundlich dazu erboten, übergeben, wonach er wieder zu dem Todtenbette seines Vaters zurückkehrte, und jetzt auch die beiden Freunde bat, ernstlich nach ihren Wunden zu sehn, daß sich dieselben nicht durch Vernachlässigung verschlimmerten. In der Aufregung aber, in der noch Beide waren, dachten sie kaum an die Fleischrisse, ließen sich jedoch von dem Arzt einen Verband darum legen und suchten dann wieder den Sohn über den ihn betroffenen Verlust zu trösten.

Der junge Hamann, mit der ersten wilden und aufreizenden Erregung vorüber, saß, in sich zusammengeknickt, in der kleinen Kammer neben dem Bett, auf dem der Ermordete lag, und starrte mit fest und krampfhaft auf den Knieen zusammengefalteten Händen still und schweigend vor sich nieder.

»Lieber Herr Hamann,« sagte Hopfgarten, freundlich auf ihn zutretend und seine Hand ergreifend, »geben Sie sich Ihrem Schmerze nicht also hin. Es ist ein trauriges Geschick was Sie betroffen hat, aber es war Gottes Wille, ohne den kein Sperling vom Dache fällt. Ich will Sie nicht etwa trösten,« setzte er freundlich und teilnehmend hinzu, »Ihr Schmerz muß sein Recht und seine Zeit haben — ich weiß das gut genug, und gerade die Zeit allein kann ihn lindern, zuletzt heilen — aber man muß ihm auch nicht in dem ersten Moment so ganz die Gewalt über sich lassen, denn gerade dann ist er am gefährlichen, und füllt uns das ohnedieß genug gequälte Herz mit bitterer Angst und Weh zum Überlaufen voll.«

»Mein armer, armer Vater,« stöhnte Franz, »und auf so schmähliche, schändliche Weise um sein Leben zu kommen, das ihm überdieß nur noch in Spannen zugemessen war.« —

»Nun hoffentlich entgehen die Buben der gerechten Strafe nicht,« sagte Eltrich; »der deutsche Constabler hatte alle Hoffnung Ihren sauberen Barkeeper wenigstens abzufangen. Er behauptete die Schlupfwinkel genau zu kennen, die jener frequentirt, und wir haben ihm auf die Seele gebunden, kein Geld zu sparen, den Schurken aufzufinden, ehe er vielleicht im Stande wäre New-Orleans zu verlassen.«

Eine eigen, wunderliches Geräusch schallte in diesem Augenblick durch das stille Zimmer, und Franz fuhr, wie von einem Blitz getroffen, von seinem Stuhle auf.

»Was haben Sie? — was ist?« frug ihn Hopfgarten erstaunt.

»Hörten Sie Nichts?« flüsterte Franz, mit geöffnetem Mund und ausgerecktem Arm, ein regungsloses Bild der gespanntesten Aufmerksamkeit.

»Hörten? —was?« rief Hopfgarten, sich ebenes überall in dem leeren Raume umschauend.

»Es war beinah, als ob Jemand mit den Fingern schnalzte,« sagte Eltrich.

»Das war Jimmy!« schrie aber Franz, wild auffahrend, »ich will nicht selig werden, wenn das nicht das Fingerknacken des Buben war. An die Thüren, Herr von Hopfgarten — um des Heilands Willen an die Thüren — der Bube ist hier noch im Zimmer versteckt!«

»Aber wo?« rief dieser, den jungen Mann erstaunt ansehend.

»Haben Sie dort in dem Kleiderschrank? — haben Sie hier unter dem Bette nachgesehn?«

»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen.«

»Er ist hier, ich schwöre es Ihnen zu,« rief aber Franz, »ich kenne das unselige Knacken, durch das sich der Bube jetzt verrathen hat,« und das Licht vom Tisch aufgreifend, hatte er es kaum an die Erde gehalten, unter das Bett zu leuchten, auf dem der Ermordete lag, als auch die klägliche Stimme des dort versteckten, und also ertappten Barkeepers jedem weiteren Zweifel der Männer ein Ende machte.

»Ach mein bester, bester Herr Hamann,« flehte dieser mit winselnder, kläglicher Stimme, »ich bitte Sie doch um tausend und tausend Barmherzigkeits Willen, haben Sie Erbarmen mit einem unglücklichen, verführten, zu Grunde gerichteten Menschen — oh Jesus, oh Jesus, thun Sie mir Nichts — ich will ja vorkommen, ich will ja Alles gestehn, Alles was ich weiß — Alles herausgeben was ich habe — thun Sie mir nur Nichts.«

»Giebt es etwas Erbärmlicheres auf der weiten Welt alsdiesenMenschen?« rief Franz, das Licht auf den Tisch zurückstellend, und mit zusammengeschlagenen Armen jetzt, wo er seines Opfers gewiß war, ein paar Schritte von dem Bette zurücktretend, dem Elenden Raum zu geben vorzukommen.

»So 'was ist mir aber in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!« rief Hopfgarten erstaunt aus, »der Mensch verdiente wahrhaftig allein seiner Dummheit wegen begnadigt zu werden.«

»Ach bester Herr, bitten Sie — bitten Sie für mich!« schrie Jimmy, der jetzt rasch vorgekrochen war, sich an das Wort klammernd, indem er gegen Hopfgarten an auf den Knieen fortrutschte, und die Hände verzweifelnd rang. »Ja ichbinzu dumm, ich bin zu entsetzlich dumm, und habe mich ja allein verführen lassen zu dem schlechten, nichtsnutzigen Streich — o Gnade, Gnade, Barmherzigkeit.«

Hopfgarten, ohne alle Antwort, deutete nur auf die Leiche hin, und Jimmy, der mit scheuem Blick der Richtung des Armes folgte, sah kaum die furchtbare Lösung der Bewegung, als er auch mit einem wilden Aufschrei des Entsetzens, »Herr Jesus — mein Herr Jesus,« nach dem Bette zufliegen wollte; Franz aber faßte ihn am Kragen und schleuderte ihn mit unwiderstehlicher Kraft davon ab.

»Zurück von da!« zürnte er dem winselnd Niederbrechenden zu, »feiger, erbärmlicher Mörder — rühre die Leiche nicht an!«

»Ach Herr Hamann, Herr Hamann, ich bin unschuldig, ich bin unschuldig.« schrie aber Jimmy, »ich bin ein Dieb, ein nichtsnutziger, erbärmlicher, gemeiner Dieb, Herr Hamann, aber kein Mörder — bei Allem was mir und Ihnen heilig ist, schwöre ich es Ihnen zu, ich bin unschuldig an dem Blut, ich weiß Nichts davon, ja Pelz und Meier haben es mir hoch und theuer versprechen müssen, kein Blut zu vergießen.«

Hopfgarten, der die Zerknirschung des Burschen zu benutzen wünschte, forderte ihn jetzt auf Alles zu erzählen von Anfang an, wie es gekommen und geschehn, und Jimmy, der mit der Leiche vor sich, eine furchtbare Angst über sich kommen fühlte, beichtete mit gefalteten Händen, und nur von einzelnen Ausrufungen um Erbarmen und Gnade unterbrochen, Alles was er wußte, von dem Augenblick an, wo er sich mit seinen beiden Helfershelfern besprochen, bis wo sie auf der Treppe Hedwig hatten in das Zimmer gehn sehn, und in der Besorgniß, die Zeit nicht zu versäumen, eingebrochen waren. Was in dem Zimmer selber geschehen sei, davon wollte er keine Sylbe wissen, und schwur und winselte wieder, bei Allem was er über und unter der Erde zu schwören fand — und er sprach dießmal die Wahrheit — daß er nur Hals über Kopf gesucht habe Schmuck und Geld, was in dem Secretair gelegen, in seinen Leinwandsack hineinzupacken. Pelz und Meier hätten es übernommen gehabt, die beiden im Zimmer befindlichen Personen indessen ruhig zu halten.

Der junge Hamann bat jetzt Herrn Eltrich um die Gefälligkeit, den Constabler heraufzuholen, indeß sie Beide den Burschen bewachen wollten; Jimmy hörte aber kaum das für ihn furchtbare Wort, als er sich wieder vor Franz auf die Erde warf, seine Knie umfaßte und um Gottes Willen bat, ihn nur dieß eine Mal den Gerichten nicht zu übergeben; er wolle »so 'was« ja in seinem ganzen Leben nicht wieder thun, und Alles herausgeben, was er schon in seinem Koffer habe, ja für Herrn Hamann arbeiten von früh bis spät, um Nichts wie die Kost —nurkeinen Constabler. Der junge Mann mußte sich mit Gewalt von dem Burschen frei machen, und Eltrich fing schon fast an Mitleid mit ihm zu fühlen, aber ein Blick auf die Leiche zerstörte das bald wieder, und seinen Hut aufgreifend, verließ er rasch das Zimmer, den verlangten Constabler herbeizubringen, der wenige Minuten später den zitternden, weinenden Jimmy in Empfang nahm, und mit sich fortführte.

Hopfgarten verbrachte in körperlicher wie geistiger Hinsicht eine peinliche Nacht. Die Wunde, so wenig gefährlich sie auch sein mochte, war doch durch das ganze Fleisch des Oberarmes gedrungen, und schmerzte ihn sehr, und dabei quälte ihn der Gedanke, den der Gefangene in ihm wach gerufen, daß Henkel oder Soldegg, wie der Schuft nun auch hieß, hier in New-Orleans und zwar im Begriff sein solle wieder abzureisen. Zwar stellte er sich selber wieder und wieder vor, daß jenes Versprechen des ertappten Räubers eben nur eine wilde leere Ausflucht gewesen sei, Rettung zu finden vor dem Arm des Gerichts, und daß jener Meier so wenig von Soldeggs Aufenthalt wisse, wie er selber. Und doch auch wieder hatte eben dieMöglichkeitder Sache auch etwas Wahrscheinliches, daß derartiges Gesindel, mochte es nun im gesellschaftlichen Leben stehen auf welcher Stufe es wolle, wenn einmal im Verbrechen erst so weit gediehen, auch gegenseitig Kenntniß von einander habe, und die verschiedenen Schlupfwinkel und Wege kenne.

Und wie nun, wenn jener schurkische Soldegg, den zu fassen und unschädlich zu machen, hauptsächlich aber das Band zu lösen, das sein unglückliches Weib noch an ihn fesselte, er allein zum zweiten Mal nach Amerika gekommen, jetzt hier fast in Arms Bereich von ihm war, und ihm vielleicht mit nächstem Morgen wieder hinaus in alle Weite entfloh? — wie dann, wenn jener Meier wirklich recht gehabt, und er nun auf den zahllosen Dampf- und Segelschiffen, Fähren und Booten, die New-Orleans von Tagesanbruch bis in die späte Nacht verließen, umsonst umherrannte den Verbrecher zu finden. Und einmal entschlüpft, konnten dann nicht Jahrelang dazu gehören, bis er wieder zufällig mit ihm zusammentraf? — ja war es nicht sogar möglich, daß der Bursche, müde der Gefahr, in den Staaten doch einmal gefangen zu werden, mit seinem Raube hinüber nach Frankreich oder England, oder hinunter nach Texas oder Mexico ging?

Der Kopf wirbelte ihm von all dem Denken und Sinnen, und als er endlich in einen wilden, unruhigen, fieberhaften Schlummer fiel, quälten ihn tolle Träume noch mehr, als selbst das wachende Nachdenken es gethan. Da fand er den Betrüger, wohin er trat, und überall äffte ihn die, ihm unter den Händen wegschwindende Gestalt; zu Pferd wollte er ihn verfolgen, und der Sattel rutschte ab — das Pferd stürzte, riß sich wieder auf und kam in Moorboden, in dem es stecken blieb; schießen wollte er nach ihm, und sein Gewehr war nicht in Ordnung — der Pfropfen ging nicht in den Lauf hinunter, die Zündhütchen glitten ihm durch die Finger, und als er endlich geladen hatte, versagte das Gewehr; zu Schiff wollte er ihn verfolgen, und das flüchtige Dampfboot brauste und schnaubte hinter dem kleinen Kahn her, in dem sich der Bube zu retten suchte, da plötzlich rannten sie auf eine Sandbank; das Dampfboot saß fest, peitschte vergebens mit seinen Rädern die schäumende Fluth und in weiter Ferne verlor er den Kahn, der den hohnlachenden Verbrecher trug, aus den Augen — zu Wagen war er hinter ihm drein und die Stränge rissen, ein Rad brach, die Pferde stürzten — sie kamen nicht von der Stelle, und vor sich — immer dicht vor sich mußte er das Hohnlachen des Buben hören.

In Schweiß gebadet, und an allen Gliedern wie zerschlagen, wachte er endlich mit Tagesgrauen etwa auf, und verließ, wenngleich ihm der linke Arm arg geschwollen war und sehr weh that, doch augenblicklich sein Lager, wusch sich und zog sich an und schrieb dann, trotz seiner Aufregung und seinen körperlichen Schmerzen, einige Zeilen an den Professor Lobenstein, in denen er ihm seine Rückkunft von Deutschland meldete und ihn bat, sich, wenn er ihm inirgend etwasdienen könne, ohne Rückhalt und vertrauungsvoll an ihn zu wenden. Den Brief übrigens behielt er noch in seiner Brieftasche, erst den heutigen Tag und seinen Erfolg abzuwarten, um seine Adresse sicher angeben zu können.

Die Sonne war indessen aufgegangen und er eilte jetzt, nach rasch eingenommenem Frühstück, an die Dampfbootlandung hinunter, die dort liegenden Boote zu besuchen und ihre Passagiere zu revidiren. Vergebens aber kletterte er an Bord aller der Dampfer, deren Schornsteine rauchten, in Cajüte wie Zwischendeck herum, kein bekanntes Gesicht traf er an, und ob er sich gleich die Mühe nicht verdrießen ließ undsämmtlichePrivat-Cajütenthüren, eine nach der anderen, öffnete und hineinsah, fand er doch nicht den Gesuchten.

Ein Paketschiff nach Liverpool lag zum Auslaufen fertig; er ging an Bord — von Soldegg keine Spur, und Ledermann, den er abgeholt, und der den besonderen Auftrag bekommen hatte, die Fährboote zu überwachen, schien eben so erfolglos gesucht zu haben. Meier hatte jedenfalls nur die Lüge rasch ersonnen, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen.

Um elf Uhr sollte nach Verabredung Ledermann, der von dem Staatsanwalt einen neuen Verhaftsbefehl gegen den Verbrecher bekommen, Hopfgarten wieder an der Dampfbootladung treffen, das Weitere dort zu berathen, und dieser schoß indessen in fieberhafter Aufregung, mit dem schmerzenden Arm in der Binde, hin und her an der Landung, nur erst einmal, und immer vergebens, eine Spur des Gesuchten zu finden.

Über den Strom herüber von »Algier,« dem andern Ufer, kam ein großer Dampfer herüber und legte an der Landung an. Vorn am Boilerdeck trug er wie gewöhnlich ein kleines Schild, das unter dem Namen den Ort seiner Bestimmung und die Stunde der Abfahrt anzeigte. Es war der:


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