»Unterwegs? — ja — das ist gut,« sagte die Frau, leise vor sich hinlachend, »unterwegs — wenn wir nur erst unterwegs wären — ich sehne mich danach.«
»Na dann geh auch ordentlich zu, und betrage Dich nicht so albern,« brummte der Mann, »sieh' das Boot raucht schon, wir müssen machen daß wir hinunter kommen.«
»Herr Gott!« rief die Frau da, plötzlich stehen bleibend, und sich mit der linken Hand wild über die Stirn streichend, »wir haben — wir haben etwas zu Haus vergessen!«
»Vergessen?« sagte der Mann, sie fragend anschauend, »na was ist nun wieder los — die Brieftasche? — nein die habe ich hier, und das Geld ist auch da — was hast Du denn vergessen?«
»DieKinder,« flüsterte die Frau, und ergriff heftig seinen Arm, der Mann aber schleuderte sie wild von sich; wie er jedoch sah daß mehr und mehr Menschen auf sie aufmerksam wurden, und stehen blieben und ihnen nachschauten, trat er rasch an die Frau wieder hinan, zog ihren linken freien Arm in den seinen, und sie wie mit eisernem Griffe haltend und mit sich fortziehend, zischte er ihr in's Ohr:
»Bist Du denn ganz des Teufels, sinnloses Weib, hier auf offenem Platze den Unsinn auszuschreien? — oder möchtest Du etwa mit den Amerikanischen Zellengefängnissen Bekanntschaft machen? Komm — halte Dich fest an mich an und verlier Dein Bündel nicht; ein Glück daß die Leute kein Deutsch verstehn.«
»Gehn wir denn hin wo sie sind?« frug die Frau rasch, immer noch an dem einen Bild sich anklammernd.
»Mir wär's recht wenn Du's thätest,« rief der Mann in finsterem, kaum zurückgehaltenem Groll, »ich habe das Gewinsele und Geklage satt — begreife überhaupt nicht, wie ich es so lang ausgehalten, und geb' Dir meinen Segen auf die Reise.«
»Und ichdürftezurück?« rief die Frau rasch und heftig bewegt zu ihm aufschauend.
»Treib' keinen Unsinn,« knurrte der Mann, »Du wärst's am Ende im Stande, ihnen gerade wieder in den Rachen zu laufen, und die Freude zu machen, daß sie Dich eine halbe Lebenszeit in's Spinnhaus stecken könnten. — Dort liegt unser Boot — alle Wetter, da geht auch ein alter Bekannter; noch von Bord her; kennst Du den, Jule?«
»Laß den widerlichen Menschen,« sagte die Frau, in sich zusammenschaudernd.
»Guten Tag HerrMeier!« rief in diesem Augenblick Maulbeere, der mit seinem Karren gerade an ihnen vorüber fuhr und den Hut in spöttischer Ehrerbietung tief gegen ihn schwenkte — »bitte mich Ihrer Frau Gemahlin auf das Gehorsamste zu empfehlen.«
Steffen, der seine rechte Hand in der Hosentasche stecken hatte, zog sie heraus, griff an die Mütze und ging steif und finster an dem, ihm aus mehr als einer Hinsicht verhaßten Scheerenschleifer vorüber.
»Ein nobeles Pärchen,« murmelte dieser aber vor sich hin, als er, ohne sich nach den Beiden weiter umzusehn, an ihnen vorbei gefahren war, »einsehrnobeles Pärchen, das muß wahr sein. Gäbe auch was drum wenn ich wüßte was die einmal für ein Ende nehmen hier in Amerika — jedenfalls auf Staatsunkosten, oder müßte mich sehr irren.«
»Hallo Scheerenschleifer!« rief da eine laute fröhliche Stimme hinter ihm her — »halt da, hier ist Arbeit für Euch.«
Maulbeere hielt rasch still und sah sich nach dem Rufer um, der vorn auf dem Bug desselben Bootes stand, das der Mann von der Haidschnucke mit seiner Frau eben betreten hatte, und das an seinem Boilerdeck ein großes Schild mit seinem Namen »The backwoods queen« und dem BestimmungsortSt. Louistrug.
»Ist denn heute die ganze Haidschnucke über die Landung hier weggeschüttelt?« murmelte der Scheerenschleifer erstaunt zwischen den Zähnen durch, als er wieder einen seiner Reisegefährten, ebenfalls als Bootsmann gekleidet, gar nicht weit von sich entfernt stehen und winken sah, »und blaue verdammt kurze Hemden scheinen ein ordentlicher Modeartikel zu sein — hm, hm, hm, Herr Donner als Matrose auch nicht übel; Zachäus Maulbeere darf da, seinen größeren Fähigkeiten entsprechend, wohl bald erwarten Capitain zu werden.«
»Nun Maulbeere wie gehn die Geschäfte?« rief ihm Georg Donner noch einmal zu, und kam dann über die Laufplanke, seine beiden Daumen vorn in dem breiten Ledergürtel, der seine Hüften umschloß, herüber an Land — »Wetter noch einmal Mann, Ihr seht noch genau so aus wie an Bord, und habt Euch nicht im mindesten amerikanisirt.«
»Hätte bald 'was gesagt« brummte Maulbeere, die Gestalt vor sich mit einer eigenen Mischung von Spott und Humor betrachtend; »aber was thun Sie hier eigentlich, und wie sehn Sie aus?«
Maulbeere hatte allerdings Ursache so zu fragen, denn mit Georg Donner schien jedenfalls eine ganz eigenthümliche und große Veränderung vorgegangen zu sein. Schon in seinem Äußeren war er ein anderer Mensch geworden, der den dunklen Rock ab- und ein kurzes blaues Matrosenhemd übergeworfen hatte, das in der Mitte von dem schon erwähnten Ledergürtel zusammengehalten wurde. Die Beine staken in Hosen von demselben einfachen Stoff, sein blaugestreiftes Hemd hielt ein schwarzseidenes in einen Matrosenknoten geschlagenes Halstuch zusammen, und das dunkle lockige Haar deckte eine blauwollene schottische Mütze, während an dem Gürtel ein kurzes Matrosenmesser mit hölzernem Griff und in lederner Scheide hing. Aber das nicht allein — sein ganzes Wesen hatte das ernste, träumerische verloren das ihm an Bord so eigen gewesen, und war frei und entschlossen, ja fast keck geworden, ohne jedoch dadurch irgend etwas von seiner offenen Ehrlichkeit verloren zu haben.
Er lachte, als er den schmutzigen verdrossenen Burschen, der ihm immer in seinem ganzen Wesen viel Spaß gemacht, noch eben so sauertöpfisch, bis in dasselbe Knopfloch hinauf eingeschnürt, und ohne die Spur von irgend einer reinen Wäsche vor sich stehen sah, besserte aber dadurch Maulbeeres Laune keinenfalls.
»Wie ich aussehe, mein würdiger Maulbeere?« lachte Donner, »wie ein Mann der entschlossen ist seinen Weg in Amerika zu machen, und das Land zu sehn und kennen zu lernen.«
»Um das Land kennen zu lernen gehn Sie auf's Wasser?« sagte der Scheerenschleifer, seine Stirnhaut zu unzähligen Falten zusammenziehend — »auch nicht übel, und als was? — Capitain, Steuermann, Koch, Ingenieur?«
»Nichts von alle dem Kamerad« lachte der junge Mann, »zu so hohen Posten kann man erst avanciren, wenn man von der Pike auf gedient hat; vorerst mache ich eine Reise als Feuermann mit.«
»Als Heizer an Bord?« frug Maulbeere wirklich erstaunt.
»Als Heizer« bestätigte Donner lachend, »mit dreißig Dollar monatlichem Gehalt, und frei Kost und Logis, Whiskey, Zucker, Kaffee und wie die Vortheile alle heißen, die uns das wackere Boot bietet.«
»Sind Sie bei dieser Anstellung alsLehrlingoder gleich alsGeselleeingetreten?« frug Maulbeere, der sich noch immer nicht an dem Costüm seines früheren Reisegefährten satt sehn konnte.
»Als Geselle, Herr Maulbeere, als Geselle, und Sie sollten einmal sehn wie ich die Schürstange schwingen werde.«
»Kann ich mir lebhaft denken« betheuerte der Scheerenschleifer, sein Gesicht in einen förmlichen Knoten zusammendrückend — »kann ich mir lebhaft denken — ist auch eine recht passende Beschäftigung für einen Pastors-Sohn.«
»Schadet Nichts Maulbeere« lachte aber der junge Mann, »nur ehrlich und rechtschaffen gehandelt und sich sein Brod selber erarbeitet, auf das Übrige kommts dann nicht an; ob ich einen Frack oder ein Schurzfell trage, unddurchkomm' ich, darauf können Sie sich verlassen, so lange mir Gott meine Gesundheit und meine gesunden Glieder läßt. Übrigens sind noch ein paar Bekannte von Ihnen hier an Bord« setzte er rasch hinzu — »Carl Berger, der Deserteur, und Herr Schultze aus Hannover.«
»AuchFeuermann?« rief Maulbeere rasch und erstaunt.
»Der erste ja, der letzte nicht« lachte Georg Donner — »sollte sich nicht übel mit der Schürstange ausnehmen, und würde das Feuern wohl kaum vierundzwanzig Stunden aushalten; er geht als Passagier, glaub' ich, nach St. Louis.«
»Hm« brummte Maulbeere vor sich hin — »alle Welt geht fort von hier; wenn ich wüßte daß es im Lande besser wäre, schöb ich meinen Karren auch an Bord.«
»Scheeren und Messer wird's überall zu schleifen geben« sagte Donner.
»Die Möglichkeit ist vorhanden daß ich mir in Zukunft meine eignen Messer schleifenlasse,« sagte Maulbeere.
»Oho?« rief Donner verwundert aus, »ja wenn Sie solche Pläne haben, Freund Scheerenschleifer, dann ist doch wohl New-Orleans der beste Platz, galopirende Speculationen rasch zur Ausführung zu bringen; ich wüßte übrigens eine für Sie.«
»Eine Speculation? — und die wäre?«
»Haben Sie die riesenhaften Ankündigungen von Stiefelwichse gesehn, die überall in der Stadt an den Straßenecken kleben?«
»Allerdings — wo sich der Neger vor dem Stulpenstiefel rasirt« feixte Maulbeere, dem die Idee ungemein gefallen.
»Dieselbe!« lachte Donner, »wenn Sie Ihren Stiefeln im Stande sind halb den Glanz zu geben den das Schultertheil Ihres Rockes hat, so ist Ihr Glück gemacht.«
»Hören Sie einmal mein lieber Herr Donner« sagte aber jetzt Maulbeere gereizt, und mit einem fast boshaften Lächeln in den entsetzlich häßlichen Zügen — »wenn Ihre Feuer nicht besser scheinen werden als Ihr Witz, so glaub' ich, käm' ich eher mit meinem Schiebkarren nach St. Louis hinauf, wie Sie mit Ihrem Dampfboot — wer weiß ob mein blanker Rock nicht noch länger hält als Ihr blaues Hemd, und Sie im nächsten Winter nicht vielleicht Gott danken würden, einen so warmen Überzieher zu haben.«
»Frieden, würdiger Greis, Frieden« lachte der junge Mann, »die Bemerkung war keineswegs böse gemeint und sollte Sie nicht beleidigen — im Gegentheil hab' ich sogar eine Bitte an Sie, mir nämlich über ein paar junge Leute von unserem Schiff Auskunft zu geben, die Sie gewiß nicht, wenigstens trau' ich das Ihrem Scharfblick kaum zu — aus den Augen verloren haben.«
»Und die wären?« — sagte Maulbeere immer noch mistrauisch den jungen Burschen dabei betrachtend.
»Was ist aus dem Doktor Hückler geworden?« sagte dieser — »ich habe ihn nicht wieder gesehn, seit er an jenem ersten Landungsabend unser Schiff verließ.«
»Wohnt jetzt in——street« sagte Maulbeere, »führt ein großes Schild über der ThürJ. A. Hückler, deutscher Doktor und Geburtshelfer« schmunzelte Maulbeere — »und rechts und links an dem Schild hat er sich ein paar große schwarz-roth-goldene Kokarden malen lassen.«
Georg Donner lachte.
»Der wird sein Brod schon hier finden« sagte er achselzuckend, »wer kann's ändern; vielleicht haben die Leute recht, die da behaupten, in Amerikawolltendie Menschen betrogen sein.«
»Vielleichthaben sie recht,« brummte Maulbeere vor sich hin — »da ist gar kein vielleicht dabei, und wer hier seineKnocheneinsetzt, muß gewöhnlich die Haut mit in Kauf geben — ich gedenke hierGerberzu werden — aber nach wem wollten Sie noch fragen?«
»Haben Sie von Henkel und seiner Frau Nichts gehört?«
»Hm — « sagte Maulbeere, sich mit der linken Hand die grauen Kinnstoppeln streichend — »gehört gerade nicht, aber gesehn.«
»Gesehn? — was?«
»Nun wie sie von Bord ging« sagte Maulbeere.
»Die arme Frau — ob sie sich wohl erholt hat — «
»Wunderliche Geschichte das,« meinte Maulbeere.
»Ich glaube nicht daß die Krankheit von Bedeutung war« sagte Donner, die Bemerkung darauf beziehend — »Ruhe und nahrhafte Kost werden sie wohl bald wieder hergestellt haben. Ich hätte sie gern einmal wieder besucht und mich nach ihrem Befinden erkundigt, mochte sie aber doch auch nicht stören — wissen Sie nicht wo sie wohnen?«
»Wer? — die Frau mit dem Mädchen?«
»Henkels — «
»Möglich daß sie sich wieder zusammengefunden haben,« meinte Maulbeere trocken — »im Anfang waren sie auseinander.«
»Wie so?« frug Donner erstaunt.
»Nun die Madame ist ineinHotel gezogen, und der Herr in ein anderes« meinte Maulbeere — »waren lange genug zusammen an Bord, und Amerika ist ein freies Land.«
»Unsinn« sagte der junge Mann lachend, »da haben Sie sich etwas aufbinden lassen, Herr Maulbeere — Henkel wird sich hüten und seine junge, wunderhübsche Frau in ein anderes Hotel ziehen lassen — ich möchte nur wissen ob sie sich wieder vollkommen wohl fühlt.«
»Könnten Sie am Besten wissen, wenn Sie wären zu finden gewesen« sagte Maulbeere trocken.
»Zu finden gewesen? — was wollen Sie damit sagen?«
»Daß Sie das kleine Ding — wie hieß das Mädchen doch, das in der Cajüte die Kammerjungfer spielte? — «
»Hedwig!« rief Donner schnell.
»Ja wohl, Hedwig, daß Sie die wie eine Stecknadel in der ganzem Stadt gesucht und mich, den sie zufällig auf der Straße traf, auch nach Ihnen gefragt hat.«
»Guter Gott, hätte ich nur eine Ahnung davon gehabt« rief Georg, »aber was wollte sie von mir — ärztliche Hülfe?«
»Nun was sonst? — die Frau lag lebensgefährlich krank und sie hatten, wie sie sagte, kein Vertrauen zu einem Amerikanischen Arzt; müßte mich übrigens sehr irren, wenn nicht vielleicht ebenso wenig Geld wie Vertrauen — .«
»Eben so wenig Geld? — Unsinn, ihr Vater ist Einer der reichsten Leute in Heilingen und ihr Gatte Herr oder Erbe einer halben Million — .«
»Ja — ist recht schön, aber wie mir jetzt scheint, ist die halbe Million noch nicht reif, und muß erst noch eine Weile hängen. Die junge Mamsell habe ich indessen zu Herrn Doktor Hückler geschickt, der sein Schild gerade an dem Tage aufgemacht; von dem wollte sie aber Nichts wissen und ging traurig fort.«
»Und welches Hotel war das?« rief Georg rasch.
»Ja, das weiß ich nicht mehr« sagte Maulbeere.
Das scharfe Läuten der Bootsglocke von derBackwoods queenunterbrach ihre Unterhaltung.
»An Bord da Ihr Leute, an Bord! Höll' und Verdammniß, was steht Ihr da draußen herum und habt Maulaffen feil. — An Bord jeder Mutter Sohn von Euch, wenn ich Euch nicht Beine machen soll — «.
»Wenn ich nicht irre« sagte Maulbeere freundlich, »so ersucht sie der Mann da drinnen doch gefälligst zum Kaffee hinein zu kommen, nicht wahr?«
»Lieber Gott!« rief Georg, die spöttische Bemerkung ganz überhörend, »daß ich jetzt hierher gebannt sein muß, und keine Zeit mehr übrig habe sie aufzusuchen.«
»Würden in dem Costüm auch außerordentlich achtbar und vertrauenweckend aussehn« bemerkte der Scheerenschleifer.
»Holla an Bord da — Ihr, Dutchman dort drüben mit der schottischen Mütze — wie heißt der Bursche gleich — heh, George, an Bord hier, hört Ihr nicht, oder soll' ich Euch Beine machen?«
»Gleich, gleich!« rief der junge Mann ängstlich und ungeduldig mit dem Fuße stampfend, »ich wollte meine acht Tage Lohn, die ich hier schon an Bord gearbeitet habe, einbüßen, wenn ich nur zwei Stunden Raum jetzt hätte die arme Dame zu suchen, und zu erfahren wie es ihr geht.«
»Haben drei Wochen Zeit gehabt und nicht daran gedacht« meinte Maulbeere ruhig, »woher kommt jetzt auf einmal die Eile?«
»Wollen Sie mir einen Gefallen thun, lieber Maulbeere?«
»LieberMaulbeere« sagte der Scheerenschleifer still vor sich hin lachend — »lieberMaulbeere, wie zärtlich das klingt — und was wär's?«
»Wollen Sie die Frauen auskundschaften?«
»Die Mamsell meinte, Madame Henkel hätte sich schon unendlich nach mir gesehnt — wenn die Sache nur nicht zu gefährlich ist.«
»Wollen Sie ihnen sagen, daß ich keine Ahnung gehabt hätte, sie bedürften meiner Hülfe, in vierzehn Tagen aber spätestens kehre mein Boot nach New-Orleans zurück und ich stünde dann ganz zu ihren Diensten, ihre Adresse sollen sie mir unter meinem Namen auf die Post legen.«
»Ich soll doch sagen, daß SieSchiffsdoktoran Bord geworden wären?« frug Maulbeere.
»Sagen Sie dieWahrheit,« rief Georg, »das ist immer das Beste; aber adieu Maulbeere — ich muß wahrhaftig fort.«
»Der Kaffee wird kalt« meinte dieser. —
»Sie ziehen die Planken schon ein!« rief der junge Mann, »leben Sie wohl, und wenn ich Ihnen je wieder einen Dienst erweisen kann, zählen Sie auf mich!«
»Werft das Tau da los!« rief ihm in diesem Augenblick die Stimme des Steuermanns zu, der vorn auf dem Bug stand und das in den Strom Gehen des Bootes leitete — »das Tau da vorn in dem Ring an Land, wo der Baboon von einem Menschen steht — siehst Du nicht?«
Maulbeere, der mit dem Baboon gemeint war, verstand glücklicher Weise nicht was der Mann auf Englisch rief, Georg aber warf das Springtau, an dem der Vordertheil des Bootes noch an Land befestigt war, los, wieder tönte die Glocke, die letzte Planke, auf der der junge Mann kaum Zeit behielt an Bord zu laufen, wurde eingezogen, und Georg Donner winkte noch einmal von Bord aus, dem am Ufer zurückbleibenden Maulbeere mit der Hand, was dieser, sehr zum Ergötzen der übrigen Feuerleute und Deckhands, mit einer sehr tiefen und ehrfurchtsvollen Verbeugung, bei der er den alten Hut in der Luft schwenkte, erwiederte, dann aber seinen Karren aufnehmend vor sich hinmurmelte:
»Lieber Maulbeere, ja wohl —lieberMaulbeere — Angenehmen spielen und Maulbeere soll Bote spielen — bah — werde ihm selber eine Adresse auf die Post legen, die ihn freuen soll — .« Und der Scheerenschleifer fuhr, von dem Gedanken ergötzt, still vor sich hinschmunzelnd die Levée entlang.
In New-Orleans, in der —— Straße, an der untern Ecke des Marktes stand ein schmales hohes, aus rothen, unbeworfenen Backsteinen errichtetes Haus, das über seine ganze Breite hin ein mächtiges, weißlackirtes Schild und auf diesem die Worte:
»Expedition der New-Orleans Biene«
trug. An der Thüre unten war noch ein kleines deutsches Schild angebracht, das die »Office« des »Editors« oder Redakteurs als eine Treppe hoch liegend, und die Stunden von zehn bis zwölf Vormittags, wie von drei bis fünf Uhr Nachmittags als die passendsten bezeichnete, ihn zu sprechen.
Es war etwa halb vier Uhr Nachmittags Anfangs November jenes Jahres, als ein junger Mann, sehr anständig gekleidet, in schwarzem Frack, dunklen Beinkleidern und Handschuhen, seinen Hut vielleicht der Wärme wegen in der Hand, das Haus erreichte, das kleine Schild unten durchlas, sein Haar dabei etwas ordnete, und dann die ziemlich steile, noch ganz neue Treppe langsam hinanstieg. Er trug ein fest eingeschlagenes Packet, das möglicher Weise Manuscript enthielt, unter dem linken Arm, und klopfte leise an die mit einem entsprechenden Schild bezeichnete Thür.
»Walk in!«12
»Habe ich das Vergnügen mit Herrn Doktor Rosengarten zu sprechen?«
»Bitte — ich bin kein Doktor — aber mein Name ist Rosengarten; mit wem habe ich die Ehre?«
»Theobald — Fridolin Theobald — Lyrischer Dichter und Schriftsteller im Allgemeinen, aus Deutschland« stellte sich unser Freund dem kleinen, etwas schwärzlich aussehenden Manne selber vor, indem er ihm eine, gewissenhaft an der Ecke eingedrückte Visitenkarte überreichte.
»Und womit kann ich Ihnen dienen?« sagte Herr Rosengarten, einen etwas mistrauischen Blick nach dem Packet werfend, das jener unter dem Arme trug — »wohl erst ganz kürzlich von Deutschland gekommen, wenn man fragen darf?«
»Seit etwa drei Wochen« sagte Herr Theobald, indem er anfing sein Packet aus einem großen Bogen Makulatur herauszuwickeln, »und wollte mir nur die Freiheit nehmen, Ihnen hier Einiges für Ihr sehr geschätztes Blatt anzubieten.«
»Ah, Sie sind sehr freundlich« sagte Herr Rosengarten etwas verlegen, indem er nach seiner Brille auf dem neben ihm stehenden Schreibtisch herumfühlte, die gefundene aufsetzte und beide Hände dann, als ob er nicht voreilig damit zu sein wünschte, in seine Rocktaschen schob.
»Ich habe hier zweierlei,« sagte Herr Theobald mit einer leichten Verbeugung, »was Beides, wie ich kaum zweifle und wovon Sie sich auch wohl bald überzeugen werden, nicht geringes Furore beim Publicum machen wird. Ich will und möchte nicht gern unbescheiden sein, aber ich weiß, daß der Erfolg nicht fehlen kann. Sie haben doch vollständige Preßfreiheit hier in Amerika?«
»Vollständige« versicherte Herr Rosengarten, mit einem sehr entschiedenen Kopfnicken.
»Ihre Constitution garantirt es Ihnen wenigstens — .«
»Ah, und wir wissen es aufrecht zu erhalten« betheuerte Herr Rosengarten »der Präsident in seinem Weißen Hause ist nicht sicher angegriffen und seiner verborgensten Fehler wegen öffentlich an den Pranger gestellt zu werden.«
»Schön — sehr schön« rief Herr Theobald — »Gott sei ewig gedankt, daß ich endlich einmal diesen Engelsgruß, wenn ich mich so ausdrücken darf, von geweihten Lippen aussprechen hören kann. — Sie sind auch Schriftsteller, nicht wahr? — «
»Hm — ja« sagte Herr Rosengarten mit einem bescheidenen Blick nach dem breiten, halbgeöffneten Glasfenster, das ihn von der Druckerei trennte — »eigentlich Buchdrucker — die Ausstattung unserer Sachen läßt Nichts zu wünschen übrig, aber die leichten Sachen, die Leitartikel vorn im Blatt, und die Angriffe auf die Gegenparthei, schreib ich gewöhnlich selber.«
»Ihr Blatt ist rein demokratisch?«
»Diamant« sagte Herr Rosengarten, »das heißt« setzte er rasch hinzu — »Sie werden mich wohl verstehn, was man damit sagen will — Demokrat den Grundsätzen, aber nicht immer den Principien nach.«
»Das verstehe ich allerdingsnicht« sagte Theobald erstaunt.
»Nun ich meine« versicherte der Editor der New-Orleans Biene, »daß wir grundsätzlich reine Demokraten sind, und die demokratischen Principien auch in unserem Blatt, gerade im demokratischen Sinne aber auch die allgemeinen Menschenrechte vertreten, zu denen die Whigs als unsere Brüder eben so gut gehören, und solcher Art denn eine Verschmelzung der beiden Partheien zu vermitteln suchen. Wissen Sie« fuhr er fort, als ihn der Fremde immer noch nicht zu begreifen schien, »die Demokraten sind gewöhnlich ungemein enthusiasmirt für ihre Sache, aber — nur ein sehr geringer Theil von ihnen befindet sich in hinlänglich günstigen pecuniären Verhältnissen, nicht allein eine Zeitung zu lesen, sondern auch zu halten und — was die Hauptsache ist, auch zu bezahlen, während die Whigs besonders zeitweise, auf höchst liberale Weise auch die kleinste Vergünstigung anerkennen — ich weiß nicht ob ich mich deutlich genug ausgedrückt habe.«
»Ich muß allerdings gestehn, daß ich das noch nicht ganz vollkommen begreife« sagte Herr Theobald.
»Es ist unser Princip, im ächt demokratischen Sinne« sagte Herr Rosengarten, »beidenTheilengerechtzu werden; wir stehen, um ihnen gewissermaßen durch ein Beispiel unser Ziel anschaulich zu machen, in Fechterstellung, bei zurückgeworfenem Körper mit dem linken Fuß auf der Demokratie, mit dem rechten den Whiggismus nur allerdings leicht berührend, nur danach fühlend, aber jeden Augenblick bereit uns im Angriff momentan ganz darauf zu werfen, und dann nur wieder zum Schutz auf den linken Fuß zurückzufallen.«
»Aber gegenwenkämpfen Sie dann?« sagte Herr Theobald, wirklich selber confus gemacht durch diese Erklärung, in sehr natürlicher Frage.
»Gegen Jeden der uns angreift,« sagte Herr Rosengarten schnell — »die Biene kann auch stechen, mein verehrter Herr« — er warf einen raschen Blick auf die vor ihm liegende Karte — »mein verehrter Herr Theobald; die Biene kann auch stechen, trotz ihrem Fleiß mit dem sie Wachs für ihre Zellen, Honig für ihre Leser einträgt. Wir haben uns dabei mit den besten Kräften Amerikas verbunden,« setzte er mit innigem Selbstgefühl hinzu, »und wissen, daß wir dem Publikum etwas Gediegenes, Solides bieten können.«
»Sie bringen aber, wie ich gesehen habe, außer der Politik auch Erzählungen, Novellen und Lyrik« sagte Herr Theobald.
»Gewiß, oh sicher« betheuerte Herr Rosengarten, »nur durch Mannichfaltigkeit kann sich ein Blatt in Amerika halten.«
»Und verschmähen dabei gewiß nicht Artikel, welche auf die Verbesserung der Cultur, der Zustände hinarbeiten, und diese, wo sie unzweckmäßig oder faul sind, rügen?«
»Gewiß nicht« sagte Herr Rosengarten rasch und erfreut, »wir suchen sogar etwas darin, mit sämmtlichen Zuständen unzufrieden zu sein, und indem wir Viel,sehrviel verlangen, wenigstensetwasdadurch zu erreichen. Wenn sie Amerika näher kennen lernen, werden Sie uns ganz recht geben.«
»Ich habe schon jetzt einige Erfahrungen gemacht« versicherte ihm Herr Theobald, »die mich veranlassen Ihnen in mancher Hinsicht beizustimmen, und die Zeit die ich in Amerika zubringe, nicht allein benutzt frische Eindrücke zu sammeln und Beobachtungen und Vergleiche anzustellen, sondern auch diese Beobachtungen und Resultate niederzuschreiben. Nun muß ich Ihnen aufrichtig gestehen, daß ich bis jetzt der Tagespresse nicht solche Macht zutraute, auf die öffentliche Meinung zu wirken, indem ein Journal, ob es nun täglich oder wöchentlich erscheint, mit der nächsten Nummer schon gewissermaßen bei Seite geschoben wird und veraltet ist; der Buchhandel dagegen auf einer, von jedem anderen Lande unerreichten Stufe steht, und die Exemplare populär gewordener, oder in die Zeitumstände eingreifender Werke, in einer enormen Masse in das Volk geworfen und verbreitet werden. Ich habe in diesen letzten Tagen deshalb auch versucht meine Beobachtungen, in Verbindung mit einigen anderen literarischen — und wie ich mir schmeicheln will nicht ganz werthlosen Artikeln, als Band vereinigt, hier bei einem der ziemlich zahlreich vertretenen Buchhändlerherauszugeben, aber eine solche grenzenlose Apathie bei ihnen gefunden, daß ich wirklich erstaunt bin.«
»Sie haben es nicht drucken wollen?« sagte Herr Rosengarten, etwas derb der Sache gleich auf den Grund gehend.
»Nun das will ich gerade nicht sagen,« parirte Theobald den Stoß auf seine Eitelkeit, »aber sie machten mir so viele Umstände und Schwierigkeiten, daß ich es in Widerwillen aufgab mit ihnen in irgend eine Geschäftsverbindung zu treten. Die Sache selber aber ist zu wichtig, im speciellen Fall für Louisiana, in seinem ganzen Umfang aber auch für die Vereinigten Staaten von Amerika, sie aufzugeben, und ich bin es als Schriftsteller der Welt schuldig dem Ungethüm, das seine Fittige drohend über das wunderschöne Land breitet, wenn ich ihm nicht gleich einen Stoß in's Herz versetzen kann, eine so gefährliche Wunde als möglich beizubringen, damit es unter den nach und nach auf es geführten Streichen endlich verblutet.«
»Und welches Ungeheuer meinen Sie?« frug Herr Rosengarten gespannt.
»Welches Ungeheuer? — die Sclaverei!«
»Ja mein lieber Herr Theobald,« sagte da der kleine Redakteur, sich wie verlegen die Hände reibend, und die Schultern hinaufziehend, »da sind Sie allerdings gleich auf den wundesten Fleck gekommen.«
»Nicht wahr?« rief der Dichter erfreut.
»Ja wohl, ja wohl, aber — «
»Aber?« —
»Das ist eine Geschichte,« setzte Herr Rosengarten hinzu, »an der wir uns nicht die Finger verbrennen dürfen.«
»Die Finger verbrennen? — ich verstehe Sie nicht — haben Sie mir nicht selbst gesagt daß Sie hier vollständig freie Presse — «
»Ja, vom Staat aus,« unterbrach ihn der Redakteur, »aber was will ich machen, wenn mir ein Haufen zügellosen Gesindels hier in meine Officin bricht, meine Pressen zerstört, meine Buchstaben aus dem Fenster wirft, und mich selber mishandelt oder gar todt schlägt?«
»Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, so etwas kann doch in einem gesetzlich organisirten Staat nicht vorkommen?«
»Kannnicht vorkommen,« wiederholte Herr Rosengarten achselzuckend, »istaber vorgekommen, und zwar schon diverse Male in den civilisirtesten Staaten, in Philadelphia und New-York, in Cincinnati und hier selbst in New-Orleans. Lassen Sie hier Jemanden leichtsinnig, oder ich möchte fast sagenwahnsinniggenug sein den BeinamenAbolitionistzu verdienen, und er wird finden daß es etwa denselben Erfolg hat, als ob man irgend einem ausreißenden Köter das Wort »toller Hund« nachruft; wer irgend etwas Werfbares in der Geschwindigkeit aufraffen kann, wirft es nach ihm, und haben sie ihn dann todt geschlagen, geben sie sich vielleicht die Mühe sich zu erkundigen ob er auch wirklich toll, oder was hier dasselbe sagen will, ein Abolitionist gewesen.«
»Aber das können sie ja dann doch keine freie Presse nennen?« rief der Dichter in Verzweiflung aus.
»Warum nicht?« sagte Herr Rosengarten achselzuckend, »wir dürfen über Alles schimpfen was vorkommt. Lesen Sie die verschiedenen Zeitungen der Gegenparthei bei einer Präsidentenwahl, und sein Sie versichert daß Sie glauben würden der Candidat für diese erste Würde der Vereinigten Staaten verdiene eher lebenslängliche Zuchthausstrafe, als den Ehrensitz im weißen Hause zu Washington, so wird über ihn los gezogen. Alle unsere Institutionen dürfen Sie angreifen, jede Magistratsperson nach Herzenslust, natürlich vorausgesetzt daß Sie sich außer dem Bereich einer Privat-Injurienklage halten, und Sie werden durch Niemanden darin beschränkt werden.«
»Nur nicht die Sclaverei darf man bei ihrem Namen nennen?« rief Theobald in gereizter Bitterkeit.
»Beileibe nicht,« sagte der Redakteur, »das ist der wunde Punkt der südlichen Staaten, die recht gut wissen welchen Makel sie dadurch auf sich haften haben, aber auch nicht Aufopferung genug besitzen ihn mit einem Schlage von sich abzuschütteln, und nun ängstlich wachen daß Niemand an die schon so oft berührte und allerdings etwas schadhaft gewordene Geschichte stößt, sie nicht am Ende doch einmal über den Haufen zu werfen. Aber lassen Sie das gut sein, damit werden Sie, nur erst einmal ein halbes Jahr bei uns, schon noch vertrauter werden, und dann wohl einsehn wie recht ich heute habe Ihnen das zu sagen. Für jetzt zeigen Sie mir einmal was Sie sonst noch — das heißtnichtdie Sclavenfrage, selbst nicht im Gedicht berührend — bei sich haben, und wir wollen dann sehn was wir davon gebrauchen können. Ich weiß schon, junge Schriftsteller wünschen ihre Sachen gern gedruckt zu haben, und man muß sie darin unterstützen.«
»Sie sind unendlich freundlich, bester Herr Doktor, Herr Rosengarten wollte ich sagen — aber sollte es denn gar nicht möglich sein auf irgend eine Weise gerade dieser Frage beizukommen?«
»Thun Sie mir den einzigen Gefallen und bleiben Sie mir mit allen solchen Sachen vom Leibe,« rief aber der Redakteur ganz entschieden, indem er seine Hand in Erwartung des Manuscripts dem jungen Mann entgegenstreckte; »lassen Sie uns sehn was sie sonst haben, und Alles was sich auf Sclaverei etc. bezieht schließen Sie, wenn Sie meinem Rath folgen wollen, so lange Sie sich in irgend einem Sclavenstaat aufhalten, in Ihren Koffer, oder noch besser, stecken es in das erste beste Kamin das Sie erreichen können; da sind Sie sicher daß es Ihnen weiter keine Unannehmlichkeiten über den Hals bringt. Also was haben wir denn hier?« fuhr er, die überreichten Papiere durchblätternd, fort, »ein kleines Bändchen Gedichte.«
»Werden wir in des Lebens WirrenManchmal fehlen, manchmal irren,Oder giebt unsres Sternes SichtungUnserem Dasein andere Richtung,Blüht uns doch in des Herzens Tiefen,Wo die Gedanken ruhend schliefen,Neues Gebären, neues Entstehn —Neues Erwachen — neues Vergehn!«
»Werden wir in des Lebens WirrenManchmal fehlen, manchmal irren,Oder giebt unsres Sternes SichtungUnserem Dasein andere Richtung,Blüht uns doch in des Herzens Tiefen,Wo die Gedanken ruhend schliefen,Neues Gebären, neues Entstehn —Neues Erwachen — neues Vergehn!«
»Sehr brav — vortrefflich — wirklich neue Gedanken und ganz originell ausgedrückt; hm — da sind ja eine ganze Menge; auch an Amerika —
»Ein Fels im Meere — und doch so warm,Den Fremden,Bedrückten, politisch TodtenDie helfende Hand und den starken ArmGastfrei zu ehrlichem Schutz geboten,so entsteigst Du dem Meere, so liegst Du da,Gegrüßt und gesegnet — Amerika!«
»Ein Fels im Meere — und doch so warm,Den Fremden,Bedrückten, politisch TodtenDie helfende Hand und den starken ArmGastfrei zu ehrlichem Schutz geboten,so entsteigst Du dem Meere, so liegst Du da,Gegrüßt und gesegnet — Amerika!«
sehr brav, ganz vortrefflich — ungemein viel Gefühl — wird meinem Blatt alle Ehre machen. — Und das Andere?«
»Sind kleine Erzählungen, die mir in Deutschland die Censur gestrichen — Dorfgeschichten aus dem Jammerleben der Proletarier — Hofgeschichten aus vorzüglichen Quellen, überall mit den wirklichen Namen, für deren Wahrheit ich Ihnen garantire.«
»Vortrefflich — ganz vortrefflich — etwas derartiges können wir brauchen, apropos Herr Theobald — wo logiren Sie denn eigentlich, daß wir Ihnen ein Exemplar unserer Biene regelmäßig zusenden können?«
»Oh Sie sind zu freundlich,« sagte Herr Theobald, »ich habe die ersten vierzehn Tage im »deutschen Vaterland« gewohnt, bin aber da so furchtbar und auf so raffinirte Weise geprellt worden, daß ich, selbst mit Aufopferung eines Theils meiner Wäsche, die mir abgeleugnet wurde, auszog, und jetzt in einem anderen deutschen, etwas besseren Kosthaus, bei Herrn Weiß, logire.«
»Ah ich weiß schon — nicht weit vom unteren Markt; werde mir Ihre Adresse notiren, und wenn ich Ihnen sonst mit etwas dienen kann, bin ich mit Vergnügen dazu bereit.«
Herr Rosengarten war aufgestanden und Theobald fühlte daß der Redakteur der Biene mehr zu thun hatte, als sich den halben Tag mit ihm zu beschäftigen. Nichts destoweniger lag ihm noch eine schwere und jedenfalls unangenehme, aber auch nicht zu umgehende Frage auf den Lippen, die er lieber von der anderen Seite hätte angeregt gehabt. Da das aber nicht geschah mußte er es selber thun.
»Und wie halten Sie es mit dem Honorar, wenn ich fragen darf, verehrter Herr Rosengarten?« sagte er schüchtern.
»Mit dem Honorar?« wiederholte Herr Rosengarten ungemein überrascht.
»Für diese Sachen hier mein ich — honoriren Sie Gedichte und Prosa ineinemVerhältniß, oder machen Sie einen Unterschied darin?«
»Honoriren? — ja so, Sie verlangenHonorarfür Ihr Manuscript?« sagte Herr Rosengarten, allem Anschein nach ungemein überrascht.
»Ja mein bester Herr« bemerkte Theobald, sich verlegen lächelnd die Hände reibend — »wenn wirkeinHonorar bekämen, wovon sollten wir Schriftsteller denn da eigentlich leben?«
»Ah? — leben Sie wirklichnurvom Schreiben?« frug der Redakteur mit unverstellter Überraschung.
»Allerdings — Sie doch auch.«
»Ich? — doch nicht so ganz« bemerkte der Redakteur, wieder mit einem Seitenblick auf die im Nebenzimmer befindliche Druckerei »ich habe auch durch jene meine Beschäftigung und — meinen Verdienst — mit Schreiben allein wird sich wohl kaum Jemand hier in Amerika ernähren und über Wasser halten können.«
»Aber es giebt doch eine Menge Amerikanischer Schriftsteller und Dichter. — «
»Ja Amerikaner, die haben auch ein großes Publicum, aber wir Deutschen, mein guter Herr Theobald, sind wiederan gerade nur auf die Deutschen angewiesen, und wenn Siedieerst einmal hier in Amerika näher kennen, werden Sie mir vollkommen recht geben wenn ich Ihnen sage, daß man die eigentlich gar nicht für deutsche Literatur in Anschlag bringen kann. Die Englisch verstehn, oder sich wenigstens den Anschein geben wollen als ob sie es verstünden, lesen kein Deutsch mehr, und buchstabiren sich lieber ihre Englische Nachrichten sylbenweis zusammen, und die, die eben erst angekommen sind und von Englisch noch gar keine Idee haben, lesen auch gewöhnlich gar Nichts, oder kaufen sich noch weniger ein Buch oder eine Zeitung.«
»Wer aber, um Gotteswillen hält da die deutschen Blätter?« frug Theobald erstaunt.
»Ja lieber Herr Theobald« versicherte Herr Rosengarten »ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß mir das manchmal selber ein Räthsel ist. Kaffeehäuser, selbst Amerikanische, halten allerdings dann und wann deutsche Zeitungen, und die deutschen Kosthäusermüssensie haben; einzelne gehen auch in das innere Land und nach den kleinen Städtchen am Mississippi hinauf, die mit New-Orleans in lebhafter Verbindung stehn und in denen Deutsche wohnen, wie Natchez, Vicksburg, Bayou-Sarah, St. Franzisville, Baton-Rouge etc., der Hauptabsatz geschieht aber auf oft räthselhafte, jedenfalls sehr geschickte Weise durch die Colporteurs oder Zeitungsjungen, Individuen von zehn bis dreißig Jahren, die bei unseren Blättern interessirt sind, d.h. gewisse Procente für jedes Exemplar bekommen, das sie absetzen. Jemehr die also unterbringen, desto größer ist ihr eigener Nutzen, und es ist mir gesagt — selber darum bekümmern thun wir uns natürlich nicht — daß sie manchmal zu den wunderlichsten Listen ihre Zuflucht nähmen, und sei es auch nur halbjährige Abonnenten zu bekommen; das nächste Semester muß ihnen dann, wenn ein Theil von diesen abfällt, andere bringen.«
»Nun ich will glauben« sagte Theobald, der auf Kohlen stand, »daß Sie bei so unsicheren Einkünften nicht gerade im Stande sind ein, wenigstens nach hiesigen Begriffen, sehr bedeutendes Honorar zu zahlen; wie viel könnten Sie mir also versprechen, wenn ich mich zugleich dabei verpflichtete, regelmäßiger Mitarbeiter der Biene zu werden. Meinen Namen werden Sie sicher schon von Deutschland aus gelesen haben; ich kann mit aller Bescheidenheit sagen, daß er dort einen guten Klang hat.«
»O gewiß Herr Theobald, gewiß« versicherte Herr Rosengarten, und fuhr dann, in's Blaue hinein rathend, rasch fort: »Sie haben glaub' ich vor ganz kurzer Zeit wieder ein paar Bände Novellen herausgegeben.«
»Allerdings.«
»Ich habe sie gesehn — vortrefflich — ganz vortrefflich — doch — so leid es mir thut, aber — ich bin in der That nicht im Stande Ihnen irgend welches Honorar für Ihre literarischen Beiträge zuzusagen. Ja wenn wir jetzt nur etwas bessere Zeiten hätten, aber die ältesten Leute in New-Orleans erinnern sich wirklich nicht eine so gedrückte, schwierige Stimmung in New-Orleans je erlebt zu haben. — Wenn Sie übrigens noch ein oder selbst zwei Exemplare der Biene wünschten — ich möchte gern Alles thun was in meinen Kräften steht Sie zufrieden zu stellen. — «
»Aber wo bekommen Sie Manuscript her Ihre Spalten zu füllen« rief Theobald erstaunt aus, »wenn Sie kein Honorar dafür bezahlen — Sie können doch nicht Alles selber schreiben?«
»Um Gottes Willen — nein!« rief Herr Rosengarten, »das wäre ich allerdings nicht im Stande, schon des Zeitverlustes wegen; aber wir helfen uns da vortrefflich mit, vor längerer Zeit in Europa gedruckten Sachen. So hat mir im vorigen Frühjahr ein Freund von dort vier oder fünf alte Jahrgänge der Didaskalia geschickt, in denen allerliebste kleine Erzählungen und Gedichte stehn — unsere Leser sind ordentlich versessen darauf. Die drucken wir so eine nach der anderen ab, und füllen damit aus, was die politischen Nachrichten der Grenzboten, der Kölnischen Allgemeinen und Weserzeitung, die wir nun leider einmal halten müssen, an Raum gelassen haben.«
»Aber bester Herr Rosengarten!« rief Theobald, der bei so bewandten Umständen doch einsah daß er hier auf keine Einnahme rechnen konnte, und in einer Art von Verzweiflung sich das letzte Bret unter den Füßen fortgehen fühlte — »Sie nehmen mir das nicht übel, aber das ist ja doch eigentlich, nach unseren deutschen Begriffen wenigstens, ein reines Plünderungssystem, das Sie hier befolgen, ein reiner Nachdruck, eine mechanische Vervielfältigung schon vorhandener Sachen, worauf Sie ja von den respectiven Zeitungen verklagt werden könnten.«
»Hier in Amerika? nein« lächelte Herr Rosengarten gutmüthig »das nicht — nicht einmalverklagt,einen ungünstigen Ausfall eines solchen Processes ganz abgerechnet, denn für deutsches literarisches Eigenthum besteht hier nicht der geringste Schutz, und kein Amerikanischer Gerichtshof würde selbst nur eine solche Klage annehmen.«
»Das ist allerdings eine Freiheit« flüsterte Theobald, »auf die ich nicht ganz vorbereitet war; aber — nicht wahr es istnocheine deutsche Zeitung in New-Orleans.«
»Allerdings« sagte Herr Rosengarten mit einem eigenen Lächeln, das allerlei bedeuten konnte — »allerdings existirt hier noch ein Blatt das mit deutschem Druck herauskommt, nach einem nur oberflächlichen Vergleich würden Sie aber bald finden, daß es sich mit derBienenicht messen kann.«
»Und seine Expedition? — können Sie mir die vielleicht angeben?«
»O warum nicht« sagte Rosengarten, nach dieser Bemerkung jedenfalls fest entschlossen das Gespräch sobald als möglich abzubrechen — »Sie können nicht fehlen — Ecke von Fulton und Renaissance-Straße — großes Schild über der Thür wie für eine Wirthschaft — hier Ihr Manuscript Herr Theobald — war mir ungemein angenehm Ihre werthe Bekanntschaft gemacht zu haben.«
Theobald drückte sein Manuscript unter den Arm, machte eine stumme Verbeugung, und befand sich wenige Augenblicke später wieder vor der Thür der Officin auf der Straße. Diese sah er eben unschlüssig hinauf und hinunter, welchen Weg er von hier aus einzuschlagen hätte, als ein Fremder, in einem blauen Überrock, und mit einer eben solchen Tuchmütze auf, mit einem vollen, aber etwas krankhaften fleckigen Bart, die Straße herunterkommend an ihm vorbeiging, stehn blieb, ihn ansah, und dann wieder zurück und auf ihn zukam.
»Sie sind ein Deutscher« redete er den jungen Mann, der ihn etwas verblüfft betrachtete, an, »nicht wahr ich habe recht?«
»Allerdings bin ich ein Deutscher.«
»Und eben erst angekommen?«
»Wenigstens erst vor einigen Wochen.«
»Bleibt sich gleich, ist dasselbe« lachte der Fremde — »ich bin der Advocat Heindel, jetzt etwa drei Viertel Jahr hier, und eben im Begriff wieder zurück nach Deutschland zu gehn — und Sie? — «
»Theobald ist mein Name.«
»Und Beschäftigung? — Schullehrer?«
»Literat« sagte Herr Theobald. —
»Ah so — brodlose Kunst hier, lieber Herr« bemerkte ziemlich ungenirt, Herr Heindel »na werden das auch noch selber hier ausfinden; waren wohl gar da oben um Manuscript zu verkaufen?«
»Ich? — o nein« sagte Theobald, und fühlte daß er bis weit hinter die Ohren roth wurde. Herr Handel sah das aber nicht; er hatte beim ersten Begegnen zwar zu seiner neuen Bekanntschaft aufgeschaut, war dann aber an dessen Blick immer wieder wie scheu heruntergefahren, und ließ den eigenen bald auf Theobalds Westenknöpfen, bald auf dessen Halstuchschleife oder Hemdkragen haften, was bei diesem aber auch zuletzt ein unangenehmes, fast nervöses Gefühl erzeugte, und ihn selber wünschen ließ einen Blick auf die so scharf aufs Korn genommenen Gegenstände zu thun, ob der Fremde irgend etwas außergewöhnliches — Fleck oder Riß daran entdecke.
Herr Heindel hatte übrigens andere Sachen im Kopf, als Herrn Theobalds Vatermörder oder Westenknöpfe, und nur einen derselben, nach dem der junge Mann rasch hinunterschielte, fassend und festhaltend, sagte er, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog und bedenklich mit dem Kopfe nickte:
»Würde Ihnen auch wenig helfen, verehrter Herr, würde Ihnen verdammt wenig helfen — ich habe selber darin verwünscht bittere Erfahrungen gemacht. Ja stehlen — stehlen thun sie; diese nichtswürdigen Hallunken von Zeitungsredakteuren, wo sie die Hand an irgend etwas Gedrucktes legen können, aber Manuscriptbezahlen,irgend etwas selbstständig Vernünftiges mit baarem Geldekaufen?— Gott bewahre!«
»Es sind das eigenthümliche Verhältnisse« stammelte Theobald, der nicht mit Unrecht um seinen Westenknopf besorgt war, und mit Schrecken daran dachte daß er hier in Amerika nicht einmal wieder einen passenden zu dem ausgesucht schönen halben Dutzend bekommen würde. Aber trotzdem hatte er nicht den Muth sich von der arbeitenden Hand des wunderlichen Fremden zu befreien, der ihm wieder unverwandt auf den Rockkragen sah — ermußteda irgend einen Fettfleck, oder wenigstens eine Spinne sitzen haben.
»Eigenthümliche Verhältnisse?« rief aber Herr Heindel entrüstet, und stieg mit seinen Augen bis zu Theobalds Halsbinde auf — »Spitzbübereien sind's, nichtswürdige erbärmliche Gaunereien, unter denen ordentliche, anständige Menschen aus ihrer Heimath fort nach dem vermaledeiten Amerika gelockt werden, bis sie hier sind, in der Falle drin sitzen und nicht wieder hinaus können. Hol der Teufel das ganze Amerika, so viel sag ich, und alle die Canaillen dazu, die dicke Bücher zu dessen Lobe schreiben — ich wünsche ihnen weiter Nichts als daß sie wieder herüber müßten.«
»Aber sollte es denn wirklich so schlecht hier sein?«
»Schlecht? — erbärmlich, hundsföttisch sag ich Ihnen« rief der Mann, ganz eifrig über das Thema werdend, »arbeiten, immer nur arbeiten ist die Losung, und zwar arbeiten mit den Fäusten, als ob alle Menschen als geborene Holzhacker auf die Welt gekommen wären — Kopfarbeit wird hier gar nicht gerechnet, Gott bewahre, und die Deutschen hier, sind nun gar die erbärmlichste Nation die sich ein Mensch auf der Welt denken kann. Glauben Sie daß das Volk in irgend einer Proceßsache einendeutschenAdvocaten anstellt, so lange sie einen Amerikanischen Lumpen bekommen können? — Gott bewahre, nicht d'ran zu denken, und dabei quälen sie sich mit ihrem nichtswürdigen Englisch ab, radebrechen, daß man glaubt die Kinnladen gehen ihnen dabei entzwei, und lassen sich nachher anschmieren nach Noten.«
»Ja, das hab' ich auch gehört« seufzte Theobald, durch seine bisherigen regelmäßig verunglückten Versuche seine Manuscripte in Geld zu verwandeln, doch nach und nach ängstlich gemacht, »daß man unvernünftig arbeiten müsse um hier ehrlich in Amerika durchzukommen.«
»Ja undwasfür Arbeit« rief Herr Heindel, »draußen im Wald Büsche ausroden und Bäume umschlagen, an denen ein einzelner unverheiratheter Mann eine halbe Woche hacken kann, und hier in der Stadt Straßen fegen, hinter der Bar stehn und Schnaps ausschenken, Zeitungen herumtragen, Zettel ankleben, bei irgend einem schmierigen Handwerker als Handlanger in Dienst gehn, oder gar unten an der Levée Fracht mit helfen aus- und einladen, Porkfässer heraufrollen und Kaffee- und Reissäcke wieder hinunterschleppen bei 32 Grad Hitze; das sind so die verschiedenen Beschäftigungen, denen die Holzköpfe den Namenehrliche Arbeitgeben. Arbeit schändet nicht sagen sie dabei; das dank' ihnen der Teufel; auch noch schänden — wenn sie nicht schändet ruinirt sie aber die Knochen, und unterArbeitverstehen gebildete Leute nicht bloß mit der Mistgabel und der Schaufel wirthschaften, sondern eher noch sein Gehirn zum Besten der Menschheit anstrengen, und für das Volk, jenes tollpatschige Ungeheuer das nun einmal seine halbe Lebenszeit an den Tatzen leckt, zu denken, zu überlegen. Glauben Sie daß neulich so ein erbärmlicher Schuft von Amerikanischem Advocaten, dem ich ein Compagniegeschäft anbot und ihm meine deutsche Praxis dafür einzubringen versprach —ichhabe sieauchbis jetzt nur erst versprochen bekommen — mir die Compagnieschaft vor der Nase abschlug, aber die Frechheit hatte mir einequasiSchreiberstelle bei sich anzutragen?«
»Es ist doch kaum denkbar« sagte Theobald, dessen Gedanken übrigens mehr bei seinem bedrohten Knopfe, als bei der dem deutschen Advocaten gemachten schändlichen Zumuthung geweilt hatten.
»Allerdings« rief Herr Heindel — »aber« fuhr er dann in allem Eifer und jetzt jedenfalls auf seinem Steckenpferde reitend fort — »was ist denn auch Amerika für ein Land,fürwen ist es und zu was? für unsere tölpischen Bauerjungen von daheim, die sich nicht anders glücklich fühlen, als wenn sie mit aufgestreiften Ärmeln den ganzen Tag in Schmutz und Arbeit wühlen können, und es nicht besser haben wollen und dürfen. WenndieCanaillen nur ein oder zwei Mal Fleisch den Tag und keine Schläge kriegen, sind sie oben auf, und lassen sich mit Vergnügen politisch knechten und unter die Füße treten. Das Gesindel ist zuAllemzu gebrauchen, und glauben Sie daß daeinDeutsches oder Amerikanisches Blatt ein Einsehn hätte, und ein paar hundert Dollar daran wenden möchte dieses Volk einmal aufzuklären über ihre Pflichten als Staatsbürger, wenn sie nun doch einmal in einer solchen leidigen Republik leben wollen und müssen? fällt ihnen nicht ein — besser wissen wollen sie, was man ihnen sagen könnte — besser wissen und gescheuter sein wie Leute, die ihre Lebenszeit darauf verwandt haben ein staatliches Leben zu übersehen und in die Speichen mit kundiger Hand einzugreifen. Arbeiten — arbeiten — es thäte bei Gott Noth daß man sich noch zwischen den Irländern als Straßenkehrer anstellen ließe, und mit dem Besen in der Hand umherliefe, sein »tägliches Brod« auf den Trottoirs zusammenzukehren. Na lassen Sie mich nur erst wieder einmal nach Deutschland zurückkommen,dasAmerika werde ich ihnen anstreichen; eine Lebenszeit verwende ich darauf es schlecht zu machen. Aber kommen Sie Freund« brach er plötzlich kurz ab, und faßte Theobald unter den Arm, »wir wollen uns nicht über diese Amerikanischen Jämmerlichkeiten und Lumpereien unnützer und thörichter Weise ärgern; ändern können wir's doch nicht, und bessern wollen sich die Lumpe ja nicht lassen. So gehn Sie da drüben mit in das Kaffeehaus hinein, daß wir ein Glas auf bessere Bekanntschaft und bessere Zeiten trinken.«
Theobald hatte Nichts dagegen; er bedurfte selber einer kleinen Aufregung, der niederschlagenden Erfahrung von heute Morgen etwas entgegenzuarbeiten, und Herr Heindel bestellte zu dem Zweck, gleich wie sie den Saal des sogenannten Cafés, wo aber fast nur Spirituosen feil gehalten wurden, betraten, eine Flasche Champagner.
Es war Theobald, der darin viel Ehrgefühl besaß, unangenehm, sich von einem so gänzlich fremden Mann gleich an Champagner traktiren zu lassen; gleichwohl hatte er so viel schon von Amerikanischem Leben gesehn daß er wußte, es wäre eine Unhöflichkeit gewesen mit Jemand mit dem man, von ihm aufgefordert, ein Schenkhaus betreten hat, nicht zu trinken. Ebenso bezahlt auch stets der, der die Getränke fordert, für sich oder für so viele wie mit ihm trinken. Das Einzige was ihm zu thun übrig blieb war, sich bei einem nächsten Begegnen zu revangiren — aber auch hierbei genirte ihn der Champagner.
An der Sache ließ sich aber für jetzt Nichts mehr ändern; die Flasche war gebracht und mußte getrunken werden, und Theobald, selbst in einiger Aufregung über das was er bis jetzt von Amerikanischem Leben, von seinem Standpunkt aus betrachtet, gesehn, goß mit einem gewissen Wohlbehagen ein Glas nach dem anderen des feurigen Tranks hinunter.
Sein neuer Bekannter machte sich selber indessen ein Vergnügen, und zog über die Vereinigten Staaten los, von denen er dem armen jungen Dichter ein Bild entwarf, daß diesem angst und bang zu Muthe wurde. Seiner Beschreibung nach, und er behauptete das Land durch und durch zu kennen, bestand die eine Hälfte der Bewohner aus Räubern, und die andere aus Spitzbuben, die nicht allein wie die Mosquitos gemeinschaftlich über die armen Einwanderer herfielen, und sie aussögen so lange sie noch einen Blutstropfen in sich trügen, sondern auch, wenn sie mit denen fertig wären, einander selber angriffen und auffräßen. Gesetze gab es dabei gar nicht, die Geschworenen Gerichte waren nur zum Schein da, und die, die ihnen in die Fäuste liefen, gleich von vorn herein verloren — das deutsche Gerichtsverfahren war Gold gegen diesen Auswurf der Menschheit. Bestechlichkeit herrschte dabei bis zum äußersten, wobei er selber als glänzendes, mit Füßen getretenes Beispiel da stand, indem er nur aus dem einzigen Grund keine brillante und seinen Fähigkeiten angemessene Stellung erlangt, weil er es verschmäht, für unter seiner Würde gehalten, einen einzigen Dollar zu einem solchen Zwecke auszugeben. Und selbst die Bauern waren übel dran, trotz den lügenhaften Berichten, die Amerika freundliche, das heißt demokratische, rothrepublikanische Zeitungen in Deutschland darüber ausstreuten. Wenn die »Schaafsköpfe« hätten in Deutschland so arbeiten wollen, wie sie hier arbeitenmußten,so würden sie es — seiner Meinung nach — auch zu 'was gebracht haben, aber jetzt, da sie gezwungen wären die faulen Knochen zu regen, nur um nicht zu verhungern, thäten sie auf einmal als ob ihnen der Staar gestochen wäre, und sie nun das gelobte Land gefunden hätten —Brummköpfe die es wären, wenn sie die Lüneburger Haide oder sonst einen noch brach liegenden anständigen Fleck in Deutschland so in Angriff nähmen, könnten sie sich auch Farmen darauf gründen und dann, statt hier vogelfrei zu sein, unter glücklichen Gesetzen, unter einer väterlich für sie sorgenden Regierung darauf leben.
Herr Dr. Heindel hatte sich so in Gift und Bitterkeit hineingesprochen, daß er sich den Rest der Flasche in sein Glas stülpte, und dieses auf einen Zug leerte, dann aufstand und seinen Hut ergreifend in die Tasche fühlte die Flasche zu bezahlen, wegen der sich ihm derbarkeeperschon freundlich genähert hatte.
»Ja mein junger Freund,« sagte er dabei, an Theobald wieder hinuntersehend bis sein Blick an dessen Knieen haftete und diesen ebenfalls dort hinunterschielen machte — »ja mein junger Freund, nehmen Sie sich besonders vor diesen verwünschten Amerikanern in Acht, und wenn Sie es irgend können, wenn es Ihnen Ihre Mittel nur halbwege erlauben, so schiffen Sie sich wieder so rasch Sie können nach Deutschland ein; lieber trockene Brodrinde dort, mit vaterländischem Quell- oder Brunnenwasser, als Champagner hier, in diesem Gottvergessenen Lande — Donnerwetter,« unterbrach er sich dabei in alle seine Taschen fühlend, »jetzt habe ich mein Portemonnaie zu Hause auf meinem Schreibtisch liegen lassen — ei das ist mir doch ungemein fatal — ah lieber Freund, bitte legen Sie diese Flasche doch einmal bis heute Nachmittag für mich aus; — Sie logiren?« —
»Im Weißeschen Kosthaus,« sagte dieser etwas überrascht und verlegen.
»Sehr schön — ich kenne das Weißesche Kosthaus, da sind wir ja halbe Nachbarn — wohne kaum drei Thüren von Ihnen entfernt; desto besser — und nun was ich Ihnen noch sagen wollte« — er hatte wieder denselben schon vorher in Beschlag genommenen Westenknopf gefaßt — »stecken Sie Ihr Manuscript in den Ofen — «
»Aber mein bester Herr Doktor — «
»Stecken Sie Ihr Manuscript in den Ofen,« rief aber Herr Dr. Heindel in einiger Aufregung, »die Lumpe hier sind nicht werth daß sie einen ordentlichen deutschen Originalaufsatz bekommen — hol sie der Böse — sie glauben daß sie einem Schriftsteller noch einen Gefallen thun, wenn sie ihre Setzer nur nach einem Manuscript arbeiten lassen, da diese gewohnt sind fast nur schon Gedrucktes zu setzen. Und dann schiffen Sie sich ein — schiffen Sie sich ein so rasch Sie können« — er war mit seinen Augen wieder bis zur Weste in die Höhe gefahren. — »Amerika ist ein vortreffliches Land für Taback und Baumwolle, für Mosquitos und Alligatoren, für Räuber und Diebe; aber für einen gebildeten Mann, für Jemand, der weiß was er sich und seiner Nationalehre als deutscher Bürger schuldig ist, paßt Amerika gerade so gut, wie — wie der Knopf hier,« setzte er hinzu, als er das unglückliche Stück Perlmutter endlich wirklich abgedreht hatte, »zu dem Kehrichthaufen da« — und mit den Worten schleuderte er, ehe Theobald danach greifen konnte, oder in der That eine Ahnung hatte was der exaltirte Mensch damit anfangen wollte, den besagten Knopf wirklich auf einen, unfern der Thür liegenden Kehrichthaufen in der Straße; dann aber Theobalds Hand rasch ergreifend und freundlich schüttelnd rief er ihm noch zu: »Guten Morgen lieber Freund — guten Morgen — ich komme heut' Nachmittag hinüber zu Ihnen, die Kleinigkeit mit Ihnen abzumachen,« und verschwand gleich darauf um die nächste Ecke.
»Aber mein Knopf,« rief Herr Theobald, und wollte auf den Kehrichthaufen zueilen, sein Eigenthum wiederzusuchen, als ihm der Kellner den Weg vertrat und freundlich sagte:
»Nicht wahr,Siebezahlen die Flasche?«
Theobald hatte eine unbestimmte Idee, was der junge Mann in Hemdsärmeln, mit der Englischen Anrede meinte, nickte deshalb, in aller Verlegenheit mit dem Kopfe und sagteYesund mußte endlich wirklich die zwei und einen halben Dollar für den Champagner »auslegen« wie sein neuer, etwas zweideutiger Freund gemeint hatte.
Als er das, wenn auch nicht zu seiner eigenen, doch zur Zufriedenheit desbarkeepersabgemacht, ging er hinaus vor die Thür, nach seinem Knopf zu sehn, hatte aber kaum eine halbe Minute auf der Erde da herumgesucht, als sich schon sechs oder acht Menschen um ihn sammelten und ebenfalls, in Erwartung irgend eines bedeutenden Fundes, umhersuchten. Alle Vorübergehenden blieben jetzt stehn und drängten herbei, und Theobald, wenn er nicht einen Straßenauflauf veranlassen wollte, mußte sich rasch zurückziehn und den Knopf — das halbe Dutzend war schändlich verdorben — seinem Schicksal überlassen.
Es war Nacht, und die »Backwoods-Queen« schnaubte den Strom hinauf. Das Boot hatte vor kurzer Zeit die nördliche Grenzlinie Louisianas hinter sich gelassen, und auf dem linken Stromufer, im Staat Mississippi Holz eingenommen. Es mochte elf Uhr vorbei sein, und die Feuerleute und Deckhands der »Hundewache« (von 12-4), die aus ihrem kurzen Schlaf aufgestört worden die Feuerung mit an Bord zu tragen, mochten sich, der halben Stunde wegen, nicht wieder niederlegen, und saßen und lagen jetzt bunt gruppirt vor den Kesseln auf dort nachlässig hingeworfenem Klafterholz, dem letzt an Bord gekommenen, das hier nur so ohne Ordnung hingeschüttet worden, gleich mit verfeuert zu werden. Vor den Kesseln, unter denen die mächtigen Thüren geschlossen waren und die langen Scheite, über diesen, durch kleine dazu angebrachte Klappen hineingeschoben wurden, standen die Feuerleute, die ihre Wacht von acht bis zwölf hatten, mit den unten rothheißen Schürstangen in den rußgeschwärzten Händen, und wühlten die flammenden Scheite durch- und ineinander, daß sie wieder Raum bekamen frische oben hineinzuwerfen, als Nahrung für die Gluth.
Mitten zwischen der Gruppe stand eine riesige blecherne Kanne, die wohl einen halben Eimer Kaffee fassen mochte, daneben eine bauchige Kruke mit Whiskey gefüllt, und Einer der Leute kam eben vom Bug vorn, wo ein halb Dutzend gewaltige Zuckerfässer, die nicht mehr in den Raum gingen, frei auf Deck lagen, und brachte eine große Blechschaale voll Zucker herbei, die er mit einem gespaltenen Schilfstück aus den großen, der frischen Luft wegen darin angebrachten Bohrlöchern der Fässer herausgepurrt hatte.
Es war dieß ein vielleicht dreiundzwanzig Jahr alter wunderhübscher junger Bursche, mit einem leichten dunklen Schnurrbart auf der Oberlippe, und langem wie seidenem, fast mädchenhaftem Haar; auch das Gesicht, wo es Rußflecke nicht bedeckten, war zart und weiß, und die langen Wimpern schatteten ein paar dunkle, aber keck und entschlossen umherblitzende Augen, die jetzt besonders von einem eigenen lebendigen Feuer leuchteten.
»Hallo Wolf, was bringen Sie?« rief ihm Georg Donner lachend entgegen — »hat's Brei geregnet draußen?«
»Brei nicht,« lachte der junge Mann, »aber Zucker! Wetter noch einmal, wir werden doch diese Unmasse guten Stoffes nicht den Mississippi hinaufführen, ohne wenigstens so viel Zoll davon zu erheben, als wir in unseren Whiskey brauchen; kommen Sie her Donner, nehmen Sie eine von den kleinen Blechschaalen dort, ich will uns einmal einen richtigen Feuermannstrank zusammenbrauen.«
»Bei Golly,« lachte Einer der andern Feuerleute, ein Neger, der mit zwei andern Landsleuten oder wenigtens doch gleichfarbigen Kameraden, an der Larbordseite des Bootes, das sechs Feuerleute auf Wache hatte, heitzte, »was die Bukras13da für Zeug zusammenschwatzen, keine Kuh wird d'raus klug.«
»Aber was der da ineinander gießt werden wir schon verstehn,« schmunzelte der Andere. — »Oh Jimminy das riecht gut.«
Der junge Deutsche hatte indessen die gereichte Schaale halb voll Whiskey gefüllt, dann Kaffee dazu gegossen, fast so viel als das Gefäß halten wollte, und warf nun, mit dem gespaltenen Rohr, mit dem er auch die Mischung ordentlich umrührte, Zucker hinein, es süß zu machen.
»So,« sagte er, als er es erst langsam gekostet, und dann einen tüchtigen Zug gethan, »das wird gut sein — brennt wie Feuer und treibt die Hitze hier von den Kesseln wieder hinaus aus dem Körper. So lange wir das haben, brauchen wir nicht zu fürchten krank zu werden.«
»Ist doch ein wunderliches Leben hier an Bord,« sagte Georg, der ebenfalls einen tüchtigen Zug that, und zurück zu den Kesseln trat, die Scheite, die nur wenige Minuten ruhen dürfen, wieder frisch aufzuschüren, »großer Gott, wenn man bedenkt wie wir von zu Hause gewohnt waren zu existiren, und jetzt dieß Dasein damit vergleicht — und darum nach Amerika;« setzte er langsam mit dem Kopf schüttelnd hinzu.
»Geht es mir besser?« lachte Wolf, der mit Georg Donner, drei Negern und einem Irländer ein und dieselbe Wacht hatte, während Carl Berger ebenfalls mit drei Negern, einem Amerikaner und einem Franzosen feuerte — (die dritte Wacht, die erst um vier an die Reihe kam, war gleich nach dem Holztragen wieder zu Coye gegangen) »geht es mir etwa besser? — wenn Sie meine Geschichte kennten, Georg, würden Sie mehr als einmal den Kopf schütteln über den Wahnsinn, der mich, z.B. hierher über das Meer getrieben.«
»Lieber Gott, es wird die Geschichte von Tausenden von uns sein« sagte Georg — »sehn Sie dort den jungen Burschen an, der sich da kaum auf die Scheite geworfen hat, und schon wieder so sanft und süß eingeschlafen ist, als ob er im weichsten Bette läge; das ist ein deutscher Deserteur, den die Soldaten noch wieder vom Schiff holen wollten, und den der Untersteuermann, wir wissen selbst nicht wie, auf so geschickte Weise versteckt hatte, daß ihn die Policey nicht finden konnte, und ihn aufgeben mußte. Jetzt arbeitet er sich nun tüchtig in's Leben hinein und wer weiß, ob er nicht in einigen Jahren, anstatt die Muskete in Deutschland herumzuschleppen, hier seinen eignen Heerd gegründet hat. Ich selbst — wer hat es mir an der Wiege gesungen, daß ich einmal hier auf dem Mississippi, nachdem ich in Deutschland studirt, die Kessel eines Dampfboots, mit Negern und Mulatten zusammen, heitzen sollte, und doch bin ich jetzt scharf dabei, und noch sogar froh eine derartige, wenigstens lohnende Beschäftigung gefunden zu haben. Kommt Zeit kommt Rath, und nur erst einmal vollkommen der Englischen Sprache mächtig, findet sich dann auch schon etwas anderes, besseres für uns.«
»Das ist Alles recht schön und gut« lachte Wolf, »aber lange nicht so romantisch oder — toll wenn Sie wollen, wie mein eignes Schicksal, das es vielleicht recht gut mit mir gemeint, dem ich aber im wahren Sinne des Wortes durch die Lappen gegangen bin.«
»Die Romantik hat an unserer jetzigen Beschäftigung allerdings nur einen ganz geringen Theil« sagte Donner lächelnd.
»Ja und nein« rief Wolf, seinen Strohhut auf das Holz und seine dunklen Locken mit einer raschen Bewegung des Kopfes aus der Stirn werfend; »auch ich betrachte es als Mittel zum Zweck, und muß, so prosaisch das klingen mag, Geld dabei verdienen.«
»Da ist die Romantik schon zum Teufel« sagte Georg.
»Und doch nicht« rief Wolf, »ja wenn ich es thäte zuleben,aber mein Vater ist reich.«
»Dann begreife ich freilich nicht, weshalb Sie sich hier in denunterstenSchichten der Gesellschaft auf solche Art herumtreiben« sagte Georg, »zum Vergnügen doch wahrhaftig nicht.«
»Wäre wenigstens ein wunderbarer Geschmack« lachte der junge Mann, »wüßten Sie aber meine Geschichte, würden Sie mir recht geben.«
»Sie sind jedenfalls aus guter Familie« sagte Georg.
»Meine Freunde in Deutschland — bah,Freunde,das Wort ist zu gut für sie — meineBekanntenin Deutschland würden allerdings nicht sowohl lachen als die Nase rümpfen, wenn sie den einzigen Sohn des Grafen vom Berge hier als Feuermann auf einem Dampfboot, mit Negern aus einer Schüssel essen, in einem Feuer schüren sähen!«
»Aber was um Gottes Willen hat Sie da zu diesem verzweifelten Entschluß getrieben?«
»Die Liebe« lachte der junge Mann, seinen Schürer wieder ergreifend, die kleine Thür oder Klappe öffnend, und mit dem langen Eisen die Scheite durcheinander rührend — »die Liebe, Georg, und die Sache ist ungeheuer einfach und rührend. Ich liebte und liebe ein bürgerliches Mädchen, mein Vater, noch ein ächt Pommerscher Graf von altem Schrot und Korn, drohte mich zu enterben, wenn ich dem Mädchen nicht entsagte, und ich arbeite jetzt daran ihm zu beweisen, daß ein Graf vom Berge keine hinterlassenen Schätze braucht, sich selber einen eignen Heerd zu gründen. In Deutschland wäre mir das nicht möglich gewesen, hier bietet sich die Aussicht dazu. Schon ein Jahr arbeite ich jetzt wie ein Sclave — aber nur um ein ganz kleines Capital zusammenzuhaben; mit harter Arbeit allein wird jedoch Niemand hier im Stande sein rasch Geld zu verdienen, die Speculation muß ihm dabei helfen, und dieß wird deshalb die letzte Reise sein, die ich auf einem Dampfboot mache, dann gehe ich nach dem Westen der Vereinigten Staaten in das Indianische Territorium, dessen Verhältnisse ich schon recognoscirt habe, und fange einen Schweinehandel an. Lachen Sie nicht, das Geschäft ist, wenn richtig betrieben, vortrefflich und wenn ich sieben Jahre, wie Jacob um seine Rahel dienen müßte, ich habe meinen Kopf darauf gesetzt, und setze ihn durch — oder gehe darüber zu Grunde.«
»Und Ihr Vater?«
»Wenn ihm derSohnmehr am Herzen gelegen als sein Wappenschild, hätte er mich gar nicht ziehen lassen.«
»Und haben Sie sich das ganze Jahr in solchem Leben schon herumgetrieben?« frug ihn Georg erstaunt.
»Gott bewahre« rief Wolf, wieder neue Scheite ergreifend und durch die enge Öffnung in den inneren, glühenden Raum stoßend — »lieber Himmel, was habe ich nicht schon Alles getrieben seit ich in Amerika bin. Zeitungsaustragen war mein erstes Geschäft, um nicht zu hungern, aber das rentirte schlecht und widerstrebte mir auch, einer Masse Sachen wegen die drum und dran hingen; dann wurde ich Holzschläger am Mississippi, auch das war nicht schlecht, aber ich bekam es satt; ging dann wieder in die Stadt und wurde Mäkler. Dabei aber fühlte ich das Mangelhafte meines Englisch und zog in den Wald, mir mit der Jagd Geld zu verdienen. Das war die schlechteste Speculation; wo es Wild gab, galt weder Wildpret noch Haut viel, und wo Nichts mehr zu schießen war, versäumte ich Wochen oft vergebens. Da brach das gelbe Fieber in New-Orleans aus, Alles flüchtete von dort unddasschien mir der geeignete Platz rasch zu einer kleinen Summe zu kommen und meinen Plan, den ich als Jäger im Westen von Arkansas gefaßt, in's Werk zu setzen. Bald sah ich daß ich mich nicht geirrt — zwischen Leichen und Gräbern eine Zeit durchlebend, die mir noch jetzt das Blut in den Adern gerinnen macht, wenn ich daran zurückdenke, erreichte ich aber meinen Zweck und verdienteGold.Arbeiter waren fast gar nicht mehr zu bekommen, und die wenigen, die aus Noth oder Gleichgültigkeit der Seuche trotzten, wurden mit Geld überschüttet. Neben mir fielen dabei meine Kameraden, Burschen von allen Farben und Nationen, wie die Fliegen, ich selber blieb, Dank meiner guten Natur, oder wenn Sie wollen von jenem unerforschten Wesen beschützt, gesund und kräftig. Jetzt aber ist die Zeit in New-Orleans vorbei; das Fieber hat seine letzten Opfer für dieses Jahr gefordert, Arbeiter strömen, so rasch sie eine Unzahl von Dampfbooten den Strom nieder oder aus Europa herüberführen kann, in ordentlichen Schaaren dahin, und ich selber bin jetzt im Stand einem anderen, besseren Leben entgegenzugehen. Ich hätte als Passagier fahren können, aber es liegt ein eigner Reiz, den ich früher nie gekannt, darin, ein kleines, selbsterworbenes Capital nicht unnöthiger Weise wieder zu verringern, sondern eher zu vergrößern; so schür' ich mich denn nach St. Louis hinauf, verlasse dort das Boot, und beginne meinen Handel, der mich ein freies prächtiges Jägerleben dabei führen läßt. Werden Sie mir nun einräumen, daß auch in diesem Beruf auf solche Weise Romantik liegen kann?«
»In dem Beruf darum doch nicht, Herr — ich weiß jetzt wahrhaftig nicht wie ich Sie nennen soll« — unterbrach sich Georg lächelnd.
»Wolf, bei meinem Vornamen« rief der junge Mann rasch, »das Andere paßt nicht zur Schürstange und zu der Umgebung hier, hab ich mir denTiteleinst wieder verdient, darf ich ihn tragen,hierklänge er wie Spott.«