Vierter Abschnitt.
Du kennest ihn: ein eisernes GeflechteWand die Natur um seine Brust;Doch für der Freundschaft hohe Rechte,Für eure süßen, Lieb’ und Lust,Für jenes Heilge, das die Völker schützt,Sind seine Thränen auch geflossen. —Arndt.
Du kennest ihn: ein eisernes GeflechteWand die Natur um seine Brust;Doch für der Freundschaft hohe Rechte,Für eure süßen, Lieb’ und Lust,Für jenes Heilge, das die Völker schützt,Sind seine Thränen auch geflossen. —
Du kennest ihn: ein eisernes Geflechte
Wand die Natur um seine Brust;
Doch für der Freundschaft hohe Rechte,
Für eure süßen, Lieb’ und Lust,
Für jenes Heilge, das die Völker schützt,
Sind seine Thränen auch geflossen. —
Arndt.
Arndt.
Nichts ist schwerer, als sich wieder an eine einfache Existenz zu gewöhnen, wenn man einmal den Zauber gekostet hat, sich lebhaft und leidenschaftlich beschäftigt zu fühlen. Wie sehr wird nicht das Gefühl unsers Daseyns, durch eigne oder fremde Leidenschaft, erhöht und vervielfacht, wenn diese keine Kraft unsrer Seele müßig und ungeübt läßt, sondern uns im reichsten Wechsel, durch die Tonleiter aller Empfindungen führt, die in Schmerz und Freude, in Jubel und Verzweiflung dasMenschenherz zu fassen vermag. — Die Flamme die, einmal angefacht, keine Nahrung von außen mehr erhält, ergreift dann unsre eigne Seele, und verzehrt ihre Kraft.
Auch Natalie fand in G. nirgends für den Umgang mit Buri Entschädigung. Armer Wilhelm! seufzte sie oft, dieser kalten, gehaltlosen Alltäglichkeit, dieser aufgeputzten Erbärmlichkeit, muß ich Dich opfern! — Sie kämpfte mit der Bitterkeit gegen die Menschen, die ihr ein solches Opfer abforderten, um sie zu achten, und es ihr doch durch nichts zu vergüten vermochten, und suchte mehr und mehr in ihrer zunehmenden Kränklichkeit den Vorwand, sich von allem Umgang und jeder Gesellschaft zurückzuziehen.
Sie war sehr unglücklich, und jeder Brief von Buri untergrub ihre Ruhe und ihre Gesundheit schmerzlicher. Seine Verzweiflung, sein gänzlicher Mangel an Energie, und die bei einem Manne an Unwürdigkeit gränzende Kraftlosigkeit, ohne sie stehen zu können, die er in diesen Briefen zeigte, zerrissen ihre Seele. Er verlor in ihrer Achtung, was er, durch seinen Schmerz, an innigem, unendlichem Mitleiden, bei ihr gewann. Das Bewußtseyn, sich so geliebt, so gebunden zu wissen, und es doch bei jedem Anlaß neu zu fühlen, daß der Geliebte die Forderungen ihres Gemüthes an denMann ihres Herzens, nie, und in keinem Augenblick, zu befriedigen vermochte, wurde jetzt, wo seine Gegenwart dies Gefühl nicht mehr beschwichtigte, zur namenlosen Qual.
Es kamen aber auch immer wieder Stunden, wo sie dies Gefühl der Nichtbefriedigung durch ihn, als Unrecht gegen den Mann fühlte, dem sie nun doch in wahrer Neigung, in stiller Treue und Theilnahme, angehörte. Dann wichen alle trüben Bilder in den Hintergrund zurück, und in ihrem Herzen lebte nur die Erinnerung der vielen, schönen, unvergeßlichen Stunden dieser Liebe. Aber diese beklemmende Verworrenheit ihrer Empfindungen, dieser gänzliche Mangel an Rath, Hülfe, Trost und Hoffnung, vereinigten sich mit dem, durch jeden seiner Briefe, neu erwachenden Bewußtseyn, ihn unglücklich gemacht zu haben, — um ihre Gesundheit zu zerstören. Ihre Brust fing an, zu leiden, und ein schleichendes, nächtliches, Fieber zehrte an ihrem Leben. Sie sah nur einen Ausweg vor sich, den Tod, und so weidete sie sich, mit wehmüthiger Ergebung, an der Blässe ihres Gesichts, und an jedem Schmerz, der ihr Leben schneller zu zerstören vermochte. Aber mit erschöpfender Anstrengung suchte sie es allen, die sie umgaben, zu verbergen, wie matt sie war, und wie sie litt.
August und Elise boten alles auf, sie zu zerstreuen, und ihr den Aufenthalt bei ihnen angenehm zu machen. Zu ihrem Bedauern war Willot mit seiner Frau auf mehrere Monate verreiset; Natalie war aber mit ihrer Abwesenheit sehr zufrieden. Sie hatte beide nicht vergessen und eben so wenig war Voluda’s hohes Bild aus ihrer Seele gewichen; wie unwürdig fühlte sie sich aber jetzt, vor den theuren Freunden des edlen Mannes zu erscheinen! —
An einem schönen Sommertage entlockten Elisens süße Bitten Natalien ihre Einwilligung zur Theilnahme an einer Wasserfahrt, die mehrere Familien mit einander verabredet hatten. Die Gesellschaft versammelte sich in Augusts Hause, und Natalie ging mit mehreren Frauen in dem Lindengang vor demselben auf und nieder, als sie beim Umwenden einen Fremden bemerkte, der eben ihrer Elise vorgestellt wurde. Nataliens Blick blieb, wunderbar angezogen, auf dieser Gestalt haften. Der Feuerblick des so muthig und klar stralenden Auges, von dem man hätte schwören mögen, es habe nie eine Thräne geweint, kontrastirte eben so anziehend mit einem Zug weichen, rührenden, Ernstes um Schläfe und Wangen, als der rasche und lebendige Sprachton mit den Zügen erlittnen Wehes und tiefgefühlten Leides um den schönenMund. Auch er sah jetzt auf, und sein erster Blick auf Natalien wurde zur Sprache des schnellen Erkennens einer uns theuren Person. Rasch trat er auf sie zu, faßte ihre Hand und sagte: Willot sendet Ihnen durch seinen Freund Voluda einen herzlichen Gruß! —
Er war es! —
Das Vertrauen, welches er Natalien mit seinem ersten Blick einflößte, hatte sie früher oder später nur zu Gott gehabt. —
Solche Momente — wahrscheinlich Momente des Wiedererkennens, sind heilig, und müssen heilig genossen werden. Sie sind die schönsten und zartesten Blüthen des geistigen Lebens, und ihre Erinnerung bleibt das reinste Glück des Herzens, das sie fromm genossen hat.
Hofrath Weber, der Voluda in diese Gesellschaft eingeführt hatte, versprach, bald mit ihm nachzukommen, und so schiffte man sich ohne beide ein. Das herrlichste Wetter begünstigte die Fahrt. Die lachenden Ufer zu beiden Seiten des klaren, blauen Flußes, der wolkenlose Himmel, die raschen, so freudig in die Ferne lockenden Töne der voraufsegelnden Musik, vereinigten sich, die Gesellschaft heiter zu stimmen. Scherz und Lachen führte jene milde Trunkenheit des Muthwillens herbei, vor der die Grazien nicht zu fliehen brauchen, und diesich nie erzwingen läßt, so oft sie auch kleine, der Freude geweihte, Zirkel verschönt.
Natalie allein blieb, in ernster Feierlichkeit, tief in sich versenkt, und als man, an dem grünen Platz, dem Ziel der heutigen Fahrt, anlandete, und nun in froher Geschäftigkeit anfing, Sitze zu bereiten und Caffee zu kochen, entwich sie in ein nahgelegenes Gehölz. Von einer Anhöhe entdeckte sie das Meer, in welches sich hier der Fluß ergießt. Wie still, wie friedlich und einladend, lag die blaue Flut vor ihr! —
Hinaus aus dieser Schwüle,Hinunter in die Kühle! —
Hinaus aus dieser Schwüle,Hinunter in die Kühle! —
Hinaus aus dieser Schwüle,Hinunter in die Kühle! —
Hinaus aus dieser Schwüle,
Hinunter in die Kühle! —
murmelte ihr jede Welle zu. — Sie fühlte, wie diese Melodie ihr Bewußtseyn einlullte — tiefer und tiefer beugte sie sich über den Abhang — da hörte sie, von einer Stimme, die sie schon nicht mehr verkennen konnte, ihren Namen rufen. — Er hatte sie bei seiner Ankunft vermißt, und kam nun mit Elisen, sie aufzusuchen. — Wie gerne folgte sie dem Ruf, in dem ihr volles, schweres Herz, die Stimme des Schicksals zu erkennen glaubte. —
Die Gesellschaft wurde sehr munter; man sang, tanzte, jubelte, lachte und trank, und die Männer wurden fast alle ein wenig berauscht. Bei Voludazeigte sich dies letztere nur als eine höhere Begeisterung, die seinem edleren Leben die Hülle der Gewöhnlichkeit entzog. Gegen neun Uhr mußte man auf den Rückweg denken, weil mehrere aus der Gesellschaft zum Begräbniß eines Jünglings geladen waren, der — der einzige Sohn, die einzige Hoffnung seiner armen Mutter — vor wenig Tagen, bei dem Baden im Fluß, ertrunken war.
Gesellen Sie sich zu uns, bat Voluda, und dieser Einladung folgend, ließ sie sich von ihm in das kleine Boot heben, in welchem er mit Weber nachgekommen war. Sie saß neben diesem; Voluda ihr gegenüber — vor und hinter ihnen tönte lauter Jubel des Gesanges und der Lust, und so zogen sie den stillen, silberhellen Fluß entlang, auf dem so zart der Widerschein des Abendrothes lag, dem Begräbniß eines Jünglings entgegen, dessen Leben derselbe Fluß vor Kurzem in eine betrügerische Tiefe hinab gezogen hatte. Natalie fühlte das mit tiefer Bewegung. Ernst und schweigend blickte sie in die Abendröthe, als Weber sie mit der Frage weckte: giebt es in der Natur noch etwas Schöneres, als die Stille eines solchen Abends?
Mit einem Blick voll Seele und Empfindung, antwortete sie leise: ja, mein Freund, dieselbe Stille in uns!
Voluda blickte sie hier lange an. Das Gesprächverstummte; schweigend glitten sie weiter, und nur erst nahe vor der Stadt fiel er wieder in den Gesang der übrigen Gesellschaft ein, die Schillers unsterbliches Lied, an die Freude, angestimmt hatte, und als er sang:
Was den großen Ring bewohnetHuldige der Sympathie!
Was den großen Ring bewohnetHuldige der Sympathie!
Was den großen Ring bewohnetHuldige der Sympathie!
Was den großen Ring bewohnet
Huldige der Sympathie!
reichte er Natalien die treue, feste Hand, die nie aus Wankelmuth und leerer Vergessenheit losgelassen hatte, was sie ergriff, und behielt die ihre auch, als sie anlandeten.
Aus der Ferne leuchteten ihnen schon die Fackeln des Leichenzugs entgegen. Die Gesellschaft vertheilte sich, um ihn bequemer vorbeiziehen lassen zu können. Voluda schlug Natalien vor, ihn in der Kirche ankommen zu sehen, und abgesondert von den übrigen, trat sie mit ihm in den hohen Dom, dessen finstre Kreuzgänge, im schauerlichen Halbdunkel der angezündeten Kerzen, sich endlos vor ihnen auszudehnen schienen. —
Einzelne schwarz gekleidete Gestalten wallten, jede einsam, unten im Schiff der Kirche umher — von der Orgel hallte zuweilen ein verlorner Ton durch das weite Gewölbe hin. Einsam neben Voluda auf einem dunklen Chor, zog sich diese Masse von Halbdunkel und Finsterniß, wie die heiligeNacht des Grabes, um Natalien her, und erschütterte ihre Seele in allen ihren Tiefen. —
Und hier an dieser Stätte, umgeben von den ernsten, feierlichen Bildern des Todes und des Grabes, begann ein Gespräch, wie es allein aus jener heiligen Tiefe des Gemüths, die nur Gott und die Liebe zu erhellen vermögen, in den Weihestunden des höheren Lebens hervorzugehen vermag.
Ein stiller Friede senkte sich in Nataliens Herz, und mit himmlischem unendlichen Vertrauen, gab sie Voluda ihre ganze Seele hin. —
Er geleitete sie spät nach Mitternacht zu Hause, und schon früh am andern Morgen kam er wieder zu ihr. Willots Abwesenheit, dem eigentlich sein Besuch galt, verschaffte Natalien den Genuß einiger einsamen, von ihm nur in ihrer Gesellschaft verlebten, Tage. —
So schön auch das Bild, welches sie früher von ihm in ihrem Herzen getragen hatte, mit jenem zauberischen Kolorit geschmückt war, das aus der Welt der Ideale zu uns herniederstrahlt, so wenig ward es doch jetzt, im täglichen, persönlichen Umgang mit ihm, bleicher, oder weniger edel, sondern es erhielt jetzt noch den höhern und seltnern Zauber der Wahrheit. Voludas Karakter hatte ein Leben und eine Fülle, eineTiefe der Begeisterung, eine einfache Größe und ein besonnenes Maaß für die Wirklichkeit und die Gegenwart, wie sie den Männern unsrer kleinen Zeit fast zur Fabel geworden sind.
Einzelne Stellen in Voludas Werken sind freilich Früchte jener seltenen Momente, wo der Geist, von höherer Begeisterung durchglüht, sein reichstes Leben entfaltet; aber die Größe und Erhabenheit der Gesinnung, die den Schriftsteller einst zum Stolz eines aufblühenden edlen Geschlechts machen wird, fand man auch in seinem Leben wieder, weil sie, wie alle Wahrheit, einfach und menschlich war.
Diese Wahrheit und Einfachheit, die sich in seiner Rede, wie in seinem Thun, in seinem Karakter, wie in seinen Werken, aussprachen, waren es auch, die Natalien am innigsten zu ihm hinzogen, weil sie einen wesentlichen Mangel in ihr ergänzten. Die künstliche Verfeinerung ihrer Gedanken und Empfindungen hatte ihr jene schlichte Einfalt der Natur und der Wahrheit geraubt, die dem gebildeten Menschen nur dann bleibt, wenn seine Bildung nicht Werk der Energie einzelner Kräfte ist, sondern mit der Bildung der Menschheit in Weg und Ziel zusammentrifft. Die klare Anschauung von Voluda’s Karakter und die Wahrheit ihres Gefühls, wurden ihrer Begeisterungfür ihn zum festen Grunde, auf dem nichts Ueberspanntes und Verwirrtes mehr zu wurzeln vermochte. Sich ihm ganz und innigst hingebend, erhielt sie von ihm, was ihr fehlte, und sie sich selbst schenkend, schenkte er sie auch der Welt, indem er sie ihr Verhältniß zu derselben klar übersehen lehrte. —
Diesem Manne mußte ein Weib, still, einfach, fromm und demüthig erscheinen, wenn er sich zu ihm hingezogen fühlen sollte, und daß Natalie, ohne alle Künstlichkeit, ohne alles Wissen darum, sich ihm so zeigte, weil sie es wirklich im Herzen und in der Wahrheit durch ihn geworden war, beweiset, daß ihre Seele sich nicht täuschte, wenn sie sich für ihn geschaffen glaubte. —
Ihr Umgang mit Wilhelm hatte sie gegen alle andre Menschen erkältet, selbst gegen Elisen, aber nie war sie frommer, milder, liebevoller gewesen, als seit der Stunde, wo sie Voluda’n kennen lernte. —
Nein, ich werde, ich kann es nicht versuchen, Euch zu schildern, wie sie ihn liebte. — Auch noch in der Stunde des Todes, wo das brechende Herz sich von dem Geliebten zu Gott wendet, würde meine Seele vergeblich nach dem Begriff einer stilleren, treueren, anspruchloseren und ewigerenLiebe ringen, als die, womit Natalie Voluda’n liebte. —
Willot und seine Gattin kamen nach Hause und der Kreis der Freunde erweiterte sich. Natalie blieb ernst und in sich gekehrt; ihre Verhältnisse waren ja nicht gelöset und mußten ihr immer fremder und drückender werden. Oft kam sie auf den Gedanken, Voluda’n ihre ganze Lage zu entdecken und ihm die Entscheidung darüber zu überlassen — — aber ach! sie war in seiner Freundschaft, seiner Achtung, so glücklich; diese Erzählung mußte, sie so viel kosten — — verzeiht ihr, wenn sie sie von Tage zu Tage, von Woche zu Woche, verschob. Im Allgemeinen deutete sie oft darauf hin, und äußerte gegen Voluda’n, wie irre sie an sich selbst, wie uneinig sie mit dem Leben geworden sei. Es befremdete ihn aber nicht, daß in einer Zeit, wo Männer wanken, und die kräftigsten Gemüther in Zweifel und Muthlosigkeit verkümmern, ein Weib die Klarheit der Lebensansichten und den Frieden ungestörten Vertrauens eingebüßt habe. Er glaubte, nur die Liebe eines edlen Mannes vermöge das Weib im Leben zu sichern und zu bewahren, und verglich das Gemüth desselben oft einem Spiegel, der das Bild des Mannes zurückstrahle, wie er es empfange. Natalie galt ihm für eine so anziehende Erscheinung im Gebiet der Weiblichkeit,daß er in ihren Klagen selbst die Widerlegung des in G. umherschleichenden Gerüchtes fand, sie sey Braut, oder doch wenigstens in Liebe an einen Mann gebunden. Sein Herz sagte ihm, daß sie keinen andern Mann liebe. — —
Von ihrem Arzt erfuhr er, Veränderung des Climas und des Aufenthaltes würden am Besten ihre Gesundheit herstellen. Er selbst beschäftigte sich mit dem Plan einer Reise in das südliche Spanien, von welcher er in Jahresfrist zurückkehren und sich dann in G. häuslich niederlassen wollte, und schlug nun Natalien vor, dies Jahr bei seiner Freundin, Sophie vonl. R.in Offenbach zu verleben. Er selbst wollte sie dorthin begleiten, und sie auf seiner Rückreise wieder abholen, sie ihrer Familie zurück zu bringen. Natalie ergriff diesen Vorschlag wie ein, ihr vom Himmel selbst gekommenes, Rettungsmittel. Sie gab sich dem herrschendem Wahn hin, als könne das Zerreißen aller äußeren Verhältnisse und das Heraustreten aus solchen, die uns durch eigne Verkehrtheit drückend geworden sind, uns den Frieden wieder geben, den sie uns raubten, ohne zu bedenken, daß in dem äußern Leben stets der Widerschein unsers inneren liegt. An Liebe und irgend ein näheres, bestimmtes, Verhältniß zu Voluda, dachte sie nicht; auf der einen Seite fühlte sie sich, durch Pflichtenzu zart für Worte, an Wilhelm zu fest gebunden, und auf der andern Seite erschien ihr der Beruf, Voluda’n sein Haus zum Asyl des Glückes zu machen das der liebste Wunsch seines schönen Herzens und ewig das Bedürfniß desselben bleiben mußte, als ein so heiliges Glück, daß ihr, selbst im Traum, der Gedanke, er könne einst der ihrige werden, zu kühn erschienen seyn würde. Nur die Wirklichkeit hätte ihr den Muth und das Vertrauen geben können, es sich anzueignen. — Aber ein Jahr — ach, das konnte so vieles ändern! — Buris Liebe konnte durch Zeit und Trennung allmählich und ohne schmerzlichen Kampf erkalten — sie selbst stiller, ruhiger, besonnener werden — und dann — Voluda hatte ihr diese Reise vorgeschlagen; von ihm empfohlen, als seine Freundin aufgenommen, sollte sie, wie unter seinem Schutz, bei der edlen Frau leben, deren schönen Sinn und stilles Wirken sie so innig verehrte — der Gedanke an diese Zukunft beglückte sie unaussprechlich! —
Mit innigem Entzücken und noch innigerer Dankbarkeit nahm sie daher diesen Vorschlag an, und erwartete mit Sehnsucht die Antwort auf den Brief, in dem Voluda der Frau vonl. R.diese Bitte vorgetragen hatte. Sie schrieb noch immer wöchentlich an Wilhelm, gewiß nicht kalt; daskonnte sie nie gegen ihn seyn und werden: aber besonnener und reiner freundschaftlich, als im Anfang ihrer Trennung. Seine Klagen darüber, sein durchaus unmännliches Betragen und seine fast kindische Hülflosigkeit, sich, ungeleitet von ihr, im Leben zu bewegen, mußten sich immer ungünstiger gegen ihn stimmen, da sie jetzt, im Spiegel der edelsten, männlichsten Selbstständigkeit, das Weibische darin immer richtiger erkannte.
An einem Weibe kann man es schön finden, wenn es nach verlornem Liebesglück keinen andern Trost anerkennt, als den, sich dem Schmerz ganz hinzugeben — aber der Geist eines Mannes darf sich nicht in Klagen und Jammern über den Verlust eines Weibes verzehren. Der Mann gehört der Welt, das Weib dem Mann. —
Zu offen und zu wahr, um Wilhelm den tiefen Eindruck zu verhehlen, den Voluda auf sie gemacht hatte, sprach sie in ihren Briefen oft und viel von ihm. Schon früher wußte Buri um ihre hohe Achtung für ihn, und das eifersüchtige Gefühl, ihr nie werden zu können, was Voluda ihr war, hatte in seinem Herzen eine Bitterkeit erzeugt, die nun immer giftiger wurde. Eine Eifersucht, die er durchaus nicht berechtigt war, zu zeigen, nagte geierartig an seinem Innern und raubte ihm den letzten armseeligen Schimmer von Glück und Ruhe,den er noch aus dem verheerenden Sturm dieser unglücklichen Leidenschaft gerettet hatte. Jetzt erhielt er Nataliens Brief mit der Nachricht von ihrer bevorstehenden Reise, auf der Voluda sie begleiten werde. — Ach, er liebte sie damals wohl wirklich recht innig! — Wie alle äußere Umgebungen dazu beitrugen, in ihr die Bilder der Vergangenheit zu schwächen, so wurde ihm jeder Baum, jede Laube, jedes Plätzchen, zur Erinnerung an die seelige Zeit, wo er hier mit ihr lebte. Tag und Nacht nur mit ihrem Bilde, nur mit dem Gedanken an sie, beschäftigt, hatte sein Gefühl gerade die höchste Stufe seiner Exaltation erreicht — und nun sollte er sie verlieren. Ihr Brief enthielt nicht einmal eine Einladung, sie noch vor ihrer Abreise zu sehen. — Alles schien ihm entschieden, und sein Entschluß war gefaßt.
Er that Natalien Unrecht. Die Sorge um ihn verließ sie keinen Augenblick, und sie weinte der Trennung von ihm manche Thräne. Was er ihr eigentlich von jeher gegolten hatte, galt er ihr noch — ja ihr Gefühl läuterte sich, getrennt von ihm, zu einem treuen, freundschaftlichen Wohlwollen, das sie jedes Opfers für ihn fähig machte. — Ach, das Herz des Menschen ist ein so tiefes, unerforschbares Räthsel — wer vermag es zu ergründen! —
Sie war übrigens jetzt in dem täglichen Umgang mit Voluda und in der immer lebendigeren und umfassenderen Erkenntniß seines Werthes sehr glücklich. Im Umgang mit Buri war sie oft gespannt und leidenschaftlich bewegt worden, und das nicht ohne Genuß für ihre Phantasie; aber jedes Gespräch mit Voluda machte sie ruhiger und kindlicher. Auch in der Unterhaltung mit ihm zeigte er die hohe kühne Darstellung, den unbeugsamen Sinn der Gerechtigkeit und den edlen Zorn, die mit Geniusblitzen seine Schriften erhellen, und oft ergossen sie sich in so begeisternden, ergreifenden Worten, daß man sie, niedergeschrieben, als Reden bewundert haben würde. Diese Worte waren aber bei ihm so Abdruck des innern Sinnes, er selbst so fern von allem Haschen nach kühnem glänzendem Ausdruck, daß man sie in seinem Munde natürlich fand, wie es natürlich ist, daß der Strom nicht wie die Quelle rieselt, sondern mit seinen stolzen Fluthen mächtig daherrauscht. Jede Äußerung von ihm ging auch, dem alten schönen Ausdruck nach, zu Herzen, wie sie vom Herzen kam.
Es war Natalien ganz neu, daß sie mit ihm im Kreise des alltäglichsten Lebens immer auf einer Höhe blieb, die, durch ihre Wahrheit und Einfachheit, der Wirklichkeit, wie durch ihre Schönheit, der Poesie angehörte. Es war ein Leben, wie esin der Welt wie sie ist, von zwei innig verbundenen, sich im Geist und in der Wahrheit angehörenden Menschen, wirklich und auf die Dauer gelebt werden kann. —
O welche Tage waren das für unsre Natalie! — Ohne Hoffnung, ohne Wunsch, ohne Furcht, ohne Vor- und Rückblick, genoß sie ihres Zaubers so beglückt, wie es nur Kinder und Himmlische zu seyn vermögen. Jeden Abend, wenn er von ihr ging, fühlte sie sich inniger an ihn gebunden und glücklicher — und wenn das morgen nun heute wurde, immer dasselbe Gefühl erhöhten Glücks, größeren Vertrauens, reinerer, unvergänglicherer Liebe? —
Eines Abends kam er, sie zu fragen, ob sie die amerikanische Fackeldistel aufblühen sehen wollte, deren herrliche, aber schnell verwelkende, Blüthenpracht sich, der Sonne ihres Mutterlandes getreu, in unsern Gewächshäusern nur um Mitternacht, wie dort im Glanz der vollen Mittagssonne, entfaltet. Sie sagte ja, und er kam zur festgesetzten Stunde, sie und Elisen abzuholen. Die Gesellschaft vermehrte sich noch um einige Personen. Der botanische Garten war aber noch verschlossen, und man benutzte diese Zwischenzeit zu einem Gang auf den nahegelegenen Wall. Natalie und Voluda erstiegen den obern Rand desselben, der ihneneinen freien Blick auf das blitzende, silberhelle, Nachtstück der Gegend gewährte. Herzlicher denn je vorher schloß Voluda in dieser Nacht sein Inneres vor ihr auf — es war eine Stunde voll jenes Vertrauens, wo wir dem geliebten Menschen unser ganzes Leben aufdecken möchten; sie kommt auch zwischen den innigsten Freunden oft nur einmal im Leben. Er sprach ihr viel von den Verhältnissen, in denen er zum Mann gereift war, und wie auch ihm sein Leben einst zerschnitten, sein Daseyn zerrissen worden sey, und er doch in inniger heißer Liebe die Welt und das Leben trage und halte. Alles durch Liebe und um Liebe — so gestalte sich ihm die Welt, und anders möge er sie nicht sehen. Sie beleuchte ihm die dunkle Nothwendigkeit und mache ihn stark durch diese Nothwendigkeit. — Dem Menschen sey das Schöne sichtbar geworden, damit er das Göttliche ahnden und das Heilige im Glauben und Offenbarung scheuen lerne — und dann sprach er ihr von seiner Mutter, der er in ihrer Einfachheit und ihrer lautern Frömmigkeit viel verdankte, und die er recht kindlich liebte und ehrte — und wie sie, ohne alle Ansprüche an das Leben, doch selten Kraft besessen und bewiesen habe, viel dafür zu thun — und dann kam er auf seine verstorbene Gattin.
Natalie fühlte, welch ein Heiligthum er ihr aufschloß. —
Da tönte die mitternächtliche Stunde vom Thurme herab, und alles eilte zur geöffneten Gartenpforte. Der Gärtner, der Voluda kannte, nöthigte diesen, die Blume näher zu betrachten. — Natalien an seiner Hand, folgte er dem erhaltenen Wink und da die Menge sich immer dichter um sie drängte, umfaßte er Natalien schützend mit seinem Arm. Im reinen Nachklang der verfloßnen seeligen Stunde, ruhte sie, vom schnellen Gehen ermattet, mit hingebender Vertraulichkeit an seiner Brust, und ließ sich von ihm die Eigenheit und die schnelle Vergänglichkeit ihrer Blüthe erzählen. — Die letztere rührte sie — ihre Augen füllten sich mit Thränen — sie neigte sich zu der Blume hin und seufzte leise: o welch ein Sinnbild unsers Glückes! — da säuselte plötzlich, leise wie Geisterhauch, ihr Name an ihr vorüber — sie schreckte auf und blickte spähend umher — ihr gegenüber stand im fernsten, dunkelsten Winkel des Zimmers, Wilhelm, bleich verstört, das Auge mit unendlichem Schmerz auf sie geheftet — Es riß sie aus Voludas Arm zu ihm hin. —
Krampfhaft faßte er ihre Hände: Sprich es, sprich es nur aus, damit alles schnell ende, es warVoluda, in dessen Armen ich dich eben sah — ja — sagte sie bewegt, er war es. —
O so lebe wohl — mache dir nie Vorwürfe — sey glücklich, und weine nicht um mich! —
Erstaunt über Nataliens schnelles Hinwegeilen hatte Voluda sich ihr durch die Menge nachgedrängt. Buri, der ihn erblickte, wandte sich mit den letzten Worten rasch um, und stürzte aus der nahen Thüre. Von der höchsten Seelenangst gefoltert, floh ihm Natalie nach — sie ereilte ihn am Ende des dichtbelaubten Ganges — Barbar, rief sie, in seine Arme stürzend, habe ich das um dich verdient! — Sie rang, ihm die Pistole zu entreißen, deren Anblick ihre Ahndung seines Vorsatzes zur grauenvollen Wirklichkeit machte — das Gewehr ging los, und sinnlos stürzte sie zur Erde. —
Als sie erwachte, fand sie sich in Voludas Armen wieder — Buri lag zu ihren Füßen, und netzte ihre Hände mit seinen heißesten Thränen. Sie wollte sich aufrichten, sprechen, — aber tödlich ermattet sank sie zurück.
Wer Sie auch sind, mein Herr, sagte Voluda gefaßt und ernst, und in welchem Verhältnisse Sie auch zu dieser Dame stehen, so ist es doch in diesem Augenblick Ihre erste Pflicht, sie zu schonen, und diesen Auftritt der Deutung unsrer Gesellschaft zu entziehen. Soll ich Sie nach Hause bringen,theure Natalie? fragte er, sich sanft zu ihr wendend. Sie winkte ihm ihr ja zu, und reichte Buri die Hand: wir sehen uns morgen wieder; gelobst du das?
Bei Allem was mir heilig ist! —
Die zurückgebliebene Gesellschaft näherte sich hier; Buri entwich unbemerkt in einen Nebengang, und eine Anwandlung von Uebelbefinden mußte Nataliens schnelle Entfernung aus dem Zimmer, und ihre Blässe, entschuldigen. Stumm wankte sie, von Voluda mehr getragen als geführt, zu Hause. Auch er schwieg — vielleicht schonend — vielleicht zürnend. Sie drückte beim Abschied seine Hand innig an ihr Herz, und zwey große schwere Thränen, die einzigen die sie vergoß, rollten auf sie hinab, dann eilte sie in ihr Zimmer, um, fern von allen Blicken, die Tiefe ihres Schmerzes zu ergründen.
Aber ihr Körper war so angegriffen, ihre Nerven so erschüttert, daß sie, betäubt und krankhaft verworren, keines Gedankens, noch weniger eines Entschlusses oder des Ueberblickes ihrer Lage, fähig war. Sie war ein ganz hingegebenes, widerstandloses Opfer des Grames, der ihre Seele füllte.
Unbeschreiblich ermattet und erblaßt stand sie am andern Morgen mit dem Bewußtseyn auf, dieser Tag werde über ihre ganze irdische Zukunftentscheiden, und sie sey so niedergedrückt, so geknickt an Geist und Seele, daß diese Entscheidung durchaus kein Werk ihrer Willkühr, sondern nur das Resultat fremder Einwirkung seyn werde.
Elise war mit noch einer Freundin bei ihr im Zimmer, und ängstlich um sie besorgt, als nach eilf Uhr Voluda hereintrat. Rasch, ohne die Anwesenden zu begrüßen, gieng er auf Natalien zu, und drückte ihre Hand an seine Lippen: Ich komme, Ihnen Lebewohl zu sagen; noch heute reise ich nach Schweden ab.
Stumm sah ihn Natalie eine Sekunde an, schlug dann das Auge zum Himmel, und drückte mit rührender Ergebung die beiden Hände fest gefaltet auf ihr Herz, als habe es den Todespfeil erhalten, und sie wolle ihn tiefer hineindrücken, um ihn zu verdecken. Sie hatte nichts erwartet, nichts gehofft; doch dieser Schlag traf sie mit zu schmerzlicher Erschütterung. Ihr Gefühl war das, mit dem wir einst, am Tage des Gerichts, das Buch unsrer Schuld werden öffnen sehn. —
Elise, die es wußte, daß früher von dieser Reise nie die Rede gewesen war, und Voluda als den einzigen Mann ehrte, den sie des Besitzes ihrer Natalie würdig hielt, forschte theilnehmend nach der Veranlassung dieses unerwartetenEntschlusses, worauf er aber wenig, und nichts Erläuterndes, erwiederte. Er hatte überhaupt etwas Unstätes und Eiliges in seinem Wesen, und blieb auch nur wenige Minuten.
Bewegt faßte er zum Abschied Nataliens Hand — und als sie mit dem erlöschenden Blick der Liebe und des tiefsten Kummers zu ihm aufsah — da wurde auch sein Auge naß. —
Gottes bester Seegen sey mit Ihnen und Ihrem Leben! — er drückte seine Lippen lange und fest auf ihre kalte Hand — o werden Sie glücklich, machen Sie glücklich! — Sie wurde immer bleicher — der Schmerz durchzuckte sichtlicher und gewaltsamer ihre Brust. — Natalie, liebe Natalie, Sie sollen noch von mir hören! —
Keines Wortes mächtig, ringend mit einem Weh, von dem sie wähnte, es müsse sie gleich augenblicklich tödten, blieb sie starr und unbeweglich — aber, als er sich nun wandte, als die Thür sich hinter ihm schloß, auf ewig, da floh sie ihm nach. Als habe er sie erwartet, stand er noch an der Treppe still — meine Natalie! rief er, als sie sich jetzt nahte, mit einem Ton, dessen Nachhall auch im Himmel noch, in den schönsten Momenten ihrer Seeligkeit, um sie tönen wird, und breitete ihr die Arme entgegen. —
O nur einmal an seiner Brust zu ruhen, alleihre Liebe ausströmen zu lassen in heißen Thränen, ihm nur ein Lebewohl, tief, tief, aus der unendlichen Fülle ihres Herzens, sagen zu dürfen, wäre ihr zur nie versiegenden Quelle des Trostes geworden. —
Buris Erscheinung unten an der Treppe brachte sie um diese Minute. Voluda eilte schnell bei ihm vorbei — laut weinend wandte auch sie sich ab, und floh. — Noch in derselben Stunde verließ Voluda G...
Von Wilhelm erfuhr sie, er sey am Morgen zu ihm gekommen, ihn um sein Verhältniß zu Natalien zu befragen. Dieser hatte ihm gesagt, daß er seit Jahren von ihr geliebt werde, und das Versprechen von ihr erhalten habe, nie das Eigenthum eines andern Mannes zu werden. Er habe aber seit Kurzem gemuthmaßt, daß sie ihm untreu geworden sey, und die Verzweiflung darüber habe ihm den Entschluß eingegeben, den er gestern Abend auszuführen willens gewesen sey. Die Unrichtigkeit dieser Antwort konnte Voluda um so weniger muthmaßen, da Wilhelm ihm mehrere von Natalien im Ton traulicher Liebe an ihn geschriebene Briefe zeigte, und so sah er in Nataliens bisheriger Verheimlichung ihres Verhältnisses zu Buri nur eine untreue gegen diesen, und eine Falschheit gegen sich, die kein Bewegungsgrundin seinen Augen zu rechtfertigen vermochte. Offenheit gegen Offenheit, sagte er zu Wilhelm; ich bin Ihnen das Geständniß schuldig, daß zwischen Natalie und mir nie ein Wort von Liebe oder irgend einer andern nähern Verbindung gewechselt ist, und ich nicht zu dem kleinsten Anspruch auf ihr Herz oder ihre Hand berechtigt bin. — Beim Abschied fügte er noch folgende Worte hinzu, die für Natalien, als Buri sie ihr wiederhohlte, sehr entscheidend wurden: ich zweifle nicht, daß Natalie edel genug ist, früher oder später einzusehen, wie wenig es ihr geziemt, den Mann ihres Herzens vor der Welt zu verläugnen.
Sie bat Wilhelm, nach Anhörung dieser Erzählung, sie zu verlassen, weil sie zu krank sey, ihn heute länger bei sich sehen zu können, und blieb dann den Tag ganz einsam in ihrem Zimmer. Sie rang nach Kraft, und fand sie in dem Gedanken an Voluda. Sie war für immer von ihm getrennt; ihr Verhältniß zu Buri stand als eine, nie zu versöhnende, Unwürdigkeit zwischen ihr und dem Mann ihrer einzigen wahren Liebe. Gegen Wilhelm lag das Gefühl einer Schuld, für die sie keine Worte hatte, auf ihrer Seele. Dies Unrecht auf die möglichst großmüthigste Art zu vergüten, war ihr Wunsch, und Voludas letzte Worte an Wilhelm deuteten ihr den Weg an, dener für den richtigsten erkannt hatte, und auf dem ihr sein Seegen folgte, wenn sie ihn in treuer Pflichterfüllung wandelte. Mit sich selbst mußte sie erst ganz versöhnt seyn, ehe sie hoffen durfte, Voluda einst mit sich versöhnen zu können. Auch war es ein stark hervortretender Zug in ihrem Karakter, daß sie gern in zweifelhaften Fällen das Schwerste ergriff, und es dann mit höchster Selbstverläugnung übte.
Sie frug Wilhelm am andern Tage, ob er glaube, durch das Geschenk ihrer Hand glücklich werden zu können. Der Triumph einer für ihn so glänzenden Verbindung und der Stolz, seiner Meinung nach, einen Nebenbuhler wie Voluda besiegt zu haben, betäubten die innere Stimme, die ihn vor einer in jeder Hinsicht so ungleichen Verbindung hätte warnen müssen, und er nahm ein Opfer an, das nur die, welche es brachte, zu ehren vermochte.
Seine Freude, sein Dank, seine Liebe, wurden Nataliens Lohn und erweckten in ihrem Herzen die Wärme wieder, die seine grausame Selbstsucht fast erstickt hatte. Sie schwur sich und ihm, ihn glücklich machen zu wollen, und that von diesem Augenblick an, mit eiserner Festigkeit, alles, was sie der Lösung dieses Gelübdes näher führen konnte. Daß sie dem Ideal, welches er sich von seinerkünftigen Gattin entworfen hatte, nicht entsprach, wußte sie; sie war nicht einfach, nicht häuslich, nicht arbeitsam genug für ihn, und es war zu ihrem beiderseitigen künftigen Glück durchaus erforderlich, sie zu ihm, ihn zu ihr, harmonischer zu stimmen. Nataliens Gesundheit entfernte ohnehin den Gedanken an eine baldige Verbindung, und sie setzte diese auf zwey Jahr hinaus, die Buri zu einer Reise benutzen sollte, während sie sie, in tiefer Einsamkeit lebend, benutzen wollte, sich für ihre künftigen Verhältnisse zu bilden und Kraft zurfreudigenPflichterfüllung zu sammeln. —
Froh und glücklich ging Wilhelm nach einigen Tagen nach N**** zurück, um zu seiner Abreise die nöthigen Anstalten zu treffen. Natalie rang, nach seiner Entfernung, heldenmüthig mit dem Weh in ihrer Brust. Sie mußte auch noch den Schmerz erfahren, daß Voluda’s schnelle Abreise, und sein rascher Entschluß nach Schweden zu gehen, Willot und seine Frau von ihr entfernten. Willot liebte seinen Voluda über alles, und es konnte von ihm nicht unerrathen bleiben, daß Natalie mit ein Bewegungsgrund seiner plötzlichen, überraschenden, Abreise gewesen. Diese wurde dadurch noch befremdender, daß er zu einem einige Meilen von G... wohnenden Bekannten gefahren war, um, von dortaus, die nöthigen Anstalten zuseiner Reise zu treffen, welches doch in G..., wo er sich nicht einmal die Zeit genommen hatte, Abschied zu nehmen, viel leichter und besser geschehen konnte. Dies verstimmte Willot gegen Natalien, und die Entfremdung, in welche diese Verstimmung überging, nahm ihr den Muth, mit ihm über ihre Verhältnisse, und die Begebenheiten der letzten Wochen zu sprechen. Wo Voludas Freunde zürnten, trauerten August und Elise, und die letzte schloß sich noch zärtlicher an die täglich freundlicher und bleicher werdende Natalie. Voludas Abschiedswort: „Sie sollen noch von mir hören!“ war als ein Wort der tröstenden Verheißung in ihrem Herzen geblieben. Manches Unerklärliche lag noch für sie in seinem Betragen und in seiner schnellen Abreise; auch war der für ihre Reise nach Offenbach entworfene Plan, und die noch nicht erfolgte Antwort der Frau vonl. R., ein Faden, an den sie die Hoffnung knüpfte, er werde vor seiner Einschiffung noch an sie schreiben, und sie ihm dann in ihrer Antwort alles sagen dürfen, was jetzt ihr Herz bis zum brechen belastete. Nur mit einem Worte des Trostes und der Ermunterung sollte er von ihr Abschied nehmen — dann wollte sie gerne still zurückweichen, und ihn ziehen lassen in die Ferne, wo er ihr vielleicht nie wieder begegnete. —
Einige Wochen waren vergangen, da stand Natalie eines Morgens am Fenster — ein Wagen kam rasch die Straße herauf gerollt, und sie erkannte, wie er näher kam, Voluda. — Laut rief sie seinen Namen, indem sie das Fenster aufriß — er grüßte; doch selbst in diesem eiligen Vorüberfliegen entging es ihr nicht, daß er bei ihrem Anblick erblaßte, und sie mit dem Ausdruck peinlicher Verlegenheit begrüßte. Sie war voll Unruhe und doch so innig, so fromm glücklich, da sie sich der Erfüllung ihres höchsten Wunsches, ihn noch einmal zu sehen und zu sprechen, nahe glaubte.
Es ward Mittag, und er war noch nicht da — noch war indessen Hoffnung und Zuversicht in ihrem Herzen — als aber August, der ihn bei Willot getroffen hatte, zu ihr eintrat, ihr einen Gruß von ihm zu bringen, weil er für die wenigen Stunden seines Aufenthalts zu beschäftigt sey, um zu ihr zu kommen — da, arme Natalie, zog die finsterste Minute Deines Lebens herauf, und ihr dunkler Schatten verschwand nie wieder, und sank mit Dir in Dein frühes, einsames Grab. —
Wie konnte ein so edler, ein so milder Mann wie er, so hart seyn, von ihr, von der er sich doch sagen konnte, was sie zu leiden und zu kämpfenhatte, so stumm, so gleichgültig, ja, man kann sagen, so geringschätzig, zu scheiden! —
War denn die Hingabe ihrer ganzen Seele, ihr unendliches Vertrauen, ihre ewige Liebe, keiner andern Vergeltung werth? — ahndete er gar nicht, was dieser Tag sie kostete? —
Bleich und unbeweglich saß sie den ganzen Tag am Fenster, und zählte die Minuten, die er noch in ihrer Nähe war. — Ihr Herz stand still — ihr Leben war wie gehemmt, und ihr war, als müsse sie sterben, wenn sie die kleinste Bewegung machte. Am Nachmittag sah sie ihn zu ihm gleichgültigen, ihr gegenüberwohnenden, Menschen gehen — und ihn dort im Zimmer auf und abgehen — ach kein Blick fiel auf sie! — Gegen sechs Uhr kam sein Wagen, und sie hörte ihn bald darauf fortrollen. —
Sie litt, und fühlte, daß sie den Tod empfangen habe — aber selbst in ihrem geheimsten Bewußtseyn erlaubte sie sich keine Klage über ihn. —
In der Nacht, die diesem Tage folgte, sprang eine Ader in ihrer Brust. Ein heftiger Blutsturz brachte sie dem Tode nahe; vierzehn Tage lag sie in todtenähnlicher, sinnloser Betäubung. Als sie ihr Bewußtseyn wieder erhielt, hatte sich Voluda schon eingeschifft.
Sie erstand von diesem Krankenlager; abernie ward ihr wieder das Gefühl voller Gesundheit.
Auch Wilhelm trat jetzt seine Reise an, zu der sie ihm den größten Theil ihrer jährlichen Einkünfte überließ. Sie selbst zog, nur von ihrem treuen Mädchen begleitet, nach einem kleinen, weit entfernten Landstädtchen, wo sie ganz unbekannt war, und wo sie in der unfreundlichsten Jahreszeit, in der Mitte des Decembers, ankam. —