Ichdrang im Laufe unserer Abende in Worde, mich wissen zu lassen, wie sich die Dromgeschichte nach dem Versinken jener gewaltigen Elektrizitätsepoche gestaltet habe.

Es wurde dem alten Gelehrten nicht leicht, sich mir verständlich zu machen. Meine Welt, unsere irdische Menschenwelt, war gegen jene der Drom, das hatte ich inzwischen begriffen, um zahlreiche Jahrtausende in der Entwickelung zurück, mir aber mangelte die Erfahrung jenes gewaltigen Zeitunterschiedes.

Wiederholtes Geschehen gibt gleich addierten Zahlen eine Summe. Dies wiederholte Geschehen findet im Rahmen der organischen Welt seinen reichsten und letzten Ausdruck in der Vererbung. Da aber das höchste Organ die menschliche Psyche ist, entstanden in der Entwickelung ungezählter Zeiträume, so klingt in unserm Bewußtsein die Psyche aller hinter uns versunkenen Jahrtausende mit.

Mir aber fehlten in der meinen eine Anzahl von Jahrtausenden, und zwar gerade die letzten.

Der alte Gelehrte befand sich also mir gegenüber in einer Lage, als ob etwa auf unserer Erde jemand einen vielleicht aus der Steinzeit wieder auferstandenen Mann, dem man unsere Sprache, soweit er sie zu begreifen vermag, notdürftig beigebracht hat, die Entwickelung der letzten Jahrtausende erklären will.

Es gelang aber doch Wordes feinem psychologischen Verständnis, sich in mein primitives Denkvermögen hineinzufinden und mir den weiteren Verlauf der Dinge auf der Drom einigermaßen begreiflich zu machen.

Alle diese Menschheitsorganisationen, fuhr er fort, haben also nur eines erreicht: ihren eigenen Aufbau und Zerfall. Demeinzelnen Menschengaben sie wenig oder nichts. Im Gegenteil: je stärker und machtvoller die Organisation als solche dastand, um so weniger bedeutete darin der einzelne Mensch, auf dessen Erhaltung, Freiheit, Wohlbefinden es jedochletzten Endes ja allein hätte ankommen sollen.

Es hält heute schwer, sich eine Vorstellung von einer Welt zu machen, in der die Nahrungs- und Ordnungsorganisationenoberhalbder einzelnen Individuen standen, in der die Organe dieser Organisationen, deren Versammlungen, Kommissionen, ja deren einzelne Beamtete berechtigt und sogar verpflichtet waren, über den Menschen zu bestimmen, Regeln für sein Verhalten aufzustellen, ihm Befehle zukommen zu lassen, ihm Verbote zu erteilen, wie wir es unsern Haustieren gegenüber zu tun pflegen.

Aber nicht nur diese wirtschaftlichen Verbände, Staat, Gesellschaft, Gemeinschaft oder wie immer sie sich nannten, übten eine Gewalt über den einzelnen Menschen aus, auch merkwürdige, irreale Begriffe der verschiedensten Art hatte sich die Menschheit im Laufe der Jahrtausende ihres Urzustandes selber ausgedacht, von denen sie sich in jedem ihrer Schritte quälend beeinflussen ließ.

Religion, Sitte, Moral und wie sonst siediese selbstgeschaffenen Begriffe nannten, die gleich unsichtbaren, nur in der naiven Phantasie jener Menschen vorhandenen Gespenstern ihre Geißeln über ihnen schwangen, sie mehr und mehr von der Natur und dem Selbstverständlichen fortführten, ihre psychischen Qualitäten von Jahrhundert zu Jahrhundert verschlechterten und unermeßliches Elend über die Menschheit brachten.

Es ist – um nur eines davon zu nennen – für uns heute unbegreiflich, welch’ ungeheuerliches, fürchterliches, dumm-geheimnisvolles Getue jene Menschheit mit dem reinsten und schönsten Dinge des Lebens, der Erotik anstellte! Die alte Geschichte lehrt, daß auf keinem Gebiete menschlicher Beziehungen mehr Unheil angestiftet wurde, als gerade hier. Mehr noch als in allen anderen Angelegenheiten ihres Lebens machten sich jene Menschen hier selber zu den armseligsten Sklaven. In unbegreiflicher Selbstqual verkümmerten sie sich künstlich den schönsten Ausdruck der Freiheit und des Lebens, den ihnen die Natur verliehen hat.

Es muß eine armselige, enge und dunkle Zeit gewesen sein inmitten aller ihrer Wunderwerke eines einseitig und künstlich hochgetriebenen Verstandes!

Das Höchste und Wertvollste an uns, unser Ich, die köstliche Freiheit, das zu tun oder geschehen zu lassen, wozu uns unser Wunsch und unser Wille treibt, von dieser Freiheit des Ich war in der Finsternis jener frühen Tage des Menschengeschlechtes nichts zu finden.

Der lange Weg vom behaarten Menschentiere, das in den Schachtelhalmwäldern nach Nahrung suchte, zum heutigen geistigen Menschentume führte durch eine gewaltige, öde Wüste, in der lediglich die Kunst Oasen einer allerdings köstlichen Erfrischung schuf.

Wie lange doch hat es gedauert, bis man sich dazu verstand, alle die unzähligen, phantastischen Selbstbeschränkungen über Bord zu werfen, zu lernen auf den eigenen Füßen seines eigenen Ich zu stehen und als einziges Gesetz anzuerkennen:

„Sei frei wie der Adler über den Bergen, aber nicht auf Kosten eines deiner Mitmenschen, deren jedem dein Handeln zu allen Stunden Vorbild sein soll.“

Um aber endlich die arme gemarterte und gefesselte Menschheit aus dem Dunkel der Sklaverei ins Licht der wahren Freiheit zu führen, bedurfte es erst der größten Umwälzung aller Zeiten: derVergeistigung.

Wer diese höchste Tat vollbrachte, wer das große Menschenrätsel endlich löste, diese Frage ist schwer zu beantworten.

Schon in der vor-elektrischen Maschinenzeit begann jene Wissenschaft aufzukeimen, die man damals Psychologie nannte, eine unbegreiflicherweise gering geschätzte Wissenschaft, der man gerne die „Wissenschaftlichkeit“ absprach, und die man zeitweilig sogar als „materialistisch“ mit Haß verfolgte.

Die Erkenntnis nämlich, daß die Wahrheit, das „Ding an sich“, dem Menschen bis in Ewigkeit verschlossen bleiben wird, daß er seiner Umwelt gegenüber niemals aus der Menschenperspektive herauszutreten vermag,daß alles Denken und scheinbare Wissen nichts ist, denn eine Vorstellung, diese Erkenntnis führte zu dem innigen Wunsche, wenigstens diese Vorstellung zu bessern, zu veredeln, zu vergeistigen. Das Organ aber der Vorstellung ist die Psyche. Ziel und letzte Forderung menschlichen Strebens also ward die Beherrschung der Funktionen unserer Psyche.

Schon inmitten des fürchterlichen Getriebes der Elektrizitätszeit war von einigen wenigen gelehrten und zugleich einsichtsvollen Männern dieser Erkenntniskeim sorgfältig gehütet und gepflegt worden.

Man entdeckte dann in der Großhirnrinde den Sitz der Funktion des bewußten Willens.

In jahrhundertelangem stillen Denken und lautlosem Experimentieren gelang es dem immer größer werdenden Kreise der psychologischen Forscher, denen auch die Biologen und die übrigen Naturwissenschaftler eifrig dienten, als erste Erkenntnisstufe die Funktion dieses Willens derartig klar zu erfassen und in seinen einzelnen Elementen bloßzulegen, daß es darauf nur noch eines weiterenSchrittes bedurfte, um ihn seinem Besitzer, dem Menschen, als Instrument in die Hand zu geben, dessen er sich wie seiner übrigen Organe, Augen und Ohren, Geruch und Geschmack, ja wie seiner Glieder, nun willkürlich bedienen konnte.

Denn so unglaubwürdig es klingen mag, bis dahin hatte der Mensch seinen Willen zwar besessen und sich seiner auch in gewissem Umfange bedient, aber fast ausschließlich zu äußeren Handlungen. Im Innern lag die ungeheure Kraft des Willens brach.

Die Kenntnis der Funktion des inneren Willens nun endigte die Elektrizitätszeit, deren gewaltige Evolution die gesamte Drom-Menschheit zu armseligen Sklaven gemacht hatte.

Ihm trat der Überwinder entgegen, der einzelne Mensch,das Ich des Menschen. In herrschend erhobener Hand schwang er das unbesiegbare Schwert seines inneren Willens.

Nachdem der Mensch sich dergestalt auf sich selbst besonnen und sich von der Materie zum Geiste gewandt hatte, war die erste grundlegendeUmformung, deren der neuerkannte Wille sich annahm, die Regelung der Zeugung:

Das frei gewordene Weib ward unabhängig vom blinden Zufall. Der Wille des Weibes bestimmte, ob der Akt der Zeugung, dem sie sich nun frei hinzugeben vermochte, mit der Schaffung eines Menschen enden solle oder nicht, und der Wille des Weibes bestimmte das Geschlecht des von ihm gewollten Kindes.

Ein ungeheurer Rückgang der Geburten war die Folge. Mutter wurde nur das Weib, das den innern Beruf dazu verspürte. Die Zahl der Kinder richtete sich nach der Fähigkeit der Mutter, sie zu erhalten.

Nachdem der Mensch ein Ich geworden und das hastende Gedränge der Überfüllung einer bequemen, weitläufigen Ruhe und inneren Sicherheit Platz gemacht hatte, wurde das Weib auch von dem Manne frei, und erst damit die wahre Mutter ihrer freien Kinder. Wo das Seelenband zerriß, hielt nichts mehr die Mutter beim Vater. Sie ward frei von ihm und er von ihr. Nurder freie Wille bestimmte fortan das Verhältnis der Geschlechter untereinander.

Das schönste Geschenk der Natur war von den Fesseln gelöst, die menschliche Beschränktheit ihm angelegt hatte: der freie Liebesgenuß!

Eine weitere Befreiung brachte der Instrument gewordene Wille: der Mensch ward Herr der Krankheiten.

Wohl vermochte er nicht dem Tode als dem Beschließer des Alters zu gebieten, wohl konnte er nicht verhindern, daß eine schwere Wunde entstand, wenn eine unachtsame Sense das Bein traf, aber von dem gewaltigen Heer der inneren Krankheiten verlor der größte Teil seine Kraft.

Schon die Urmenschheit kannte den psychischen Einfluß auf die inneren Erkrankungen, aber sie wußte ihn nicht zu meistern. Ratlos stand sie vor Tatsachen, wie solchen, daß nach einem schweren Schiffbruche alle geretteten Kranken der Besatzung, auch die mit heftigem Fieber behafteten, gesund waren und sich erst entsannen, überhaupt krank gewesen zu sein, als die Erregung des Unglücksfallesschwand. Man sah nicht, daß hier, noch unbewußt, der innere Wille die Krankheit beendet hatte.

Kranksein ward ein Zustand, der von nun an nicht mehr periodisch durch alle Menschenleben zog und in der addierenden Wirkung auf die Reihe der sich folgenden Geschlechter die Menschenkörper verkümmerte und die Psyche auf das ungünstigste beeinflußte. Von einem gesunden Vater gezeugt, von einer gesunden Mutter geboren, im Besitze eines alle seine inneren Vorgänge beherrschenden Willens, blieb der Mensch frei von hemmender Krankheit und nahm zu an Größe und Schönheit des Leibes. –

Eine neue Menschheit erstand, Abscheu und Grauen war in ihr vor allem Künstlichen, vor alle dem barbarischen Werke ungeistig hochgezüchteten und überschärften Verstandes, aber auch vor den entsetzlichen Menschenhäufungen, die man „Städte“ genannt hatte, und die in Wahrheit die Brutstätten aller Ungeistigkeit gewesen waren.

Keiner der fabelhaften Fähigkeiten der Vorzeitmehr bedurfte es, die Menschen in ihren Bedürfnissen zu erhalten. Die Frucht des Feldes und des Gartens genügte zu ihrer Ernährung.

Das Wort „Freiheit“, mit dem die früheren Jahrtausende sich vergeblich heiser geschrien hatten in brünstigem Verlangen, verlor sein Gewicht, nachdem es geworden war wie die Luft: keiner kann ohne sie leben, aber keiner ruft nach ihr, denn sie erfüllt den Raum.

Niemand war des anderen Herr oder Knecht. Nur ein Herr noch galt unter der Sonne: Ich!

Das Verhältnis der Menschen untereinander begann sich ganz natürlich nach Neigung und Fähigkeiten zu regeln.

Wer das Bedürfnis verspürte, als freier Mann oder als freies Weib in Sold zu stehen, oder wer nicht die Fähigkeiten fühlte, auf eigenen Füßen in der Welt zu leben, trat in eines anderen Dienst, ohne daß der andere Gewalt über ihn erlangte.

Die großen Menschheitsorganisationen, die Schichtungen, die wagerechten der Besitzendenund Besitzlosen sowohl wie die senkrechten der Völker, lösten sich ineinander auf.

Die Menschen, weit auseinander hausend, schlossen sich zu freiwilligen Wohnkreisen zusammen. Männer und Frauen fanden sich, die gemeinsamen wirtschaftlichen Dinge, wie Produktionsaustausch, Post, Hygiene und ähnliche Notwendigkeiten zu besorgen. Die Wissenschaft schuf sich selbst ihre eigenen Institutionen.

Niemals wieder aber bekam die Organisation Gewalt über irgendeinen der Einzelmenschen. Sie hing nicht mehr über den Köpfen der Organisierten, sondern lag unter ihren Sohlen.

Morgenröte war aufgegangen am Menschheitshimmel. –

Aber noch stand nicht die Sonne letzten Friedens am Himmel. Noch immer gab es Ruhestörer. Wenn auch ihre Zahl gering war, so bedurfte es doch noch der Gesetze und ihrer Güter. Noch fehlten zwei Stufen zum vollen Werke der Menschheits-Vergeistigung.

Jahrtausende des Suchens, Forschens und Erkennens lagen wieder zwischen jeder dieser Stufen.

Die erste war dieErkenntnis der Psyche des anderen.

Die Arbeit begann mit der Bloßlegung der Funktionen des Denkens, welch’ letzterer Beschäftigung man bisher wohl mit intensivster Hingabe, aber doch ohne irgendeine Kenntnis ihrer Elemente obgelegen hatte.

Nachdem aber der Organismus der Denktätigkeit wissenschaftlich erkannt war, gab man dem Menschen die Fähigkeit in die Hand, zwar noch nicht sein eigenes Denken planmäßig zu erkennen und zu kontrollieren, aber das jedes anderen Menschen bis in die letzten Zellenregungen zu beobachten.

Embryonale Anfänge zu solchem Erkennen anderer Menschen waren ja auch schon den Alten bekannt gewesen. Liebesleute, Freundespaare, Mutter und Kind und ähnliche Menschenverbindungen, zwischen denen eine tiefe Sympathie – welches Wort für einen unbekannten Begriff man einsetzte – bestand,glaubten sich in vielen Dingen zu verstehen, ohne miteinander zu sprechen. Von zwei Künstlern des Altertums erzählt man, daß sie den Abend miteinander schweigend verbrachten und sich dann unter gegenseitigen Worten des Dankes für die schöne Unterhaltung verabschiedeten.

Aber erst die wissenschaftliche Aufdeckung der Psyche ermöglichte es, jedes beliebigen Menschen psychische Regungen zu erkennen, auf den man sich einstellt.

Welche Wirkungen diese Fähigkeit, die im Laufe der Zeiten Gemeingut der gesamten Menschheit wurde, ausübte, liegt auf der Hand: die Lüge und die Falschheit, die bösen Geister vieler Jahrtausende, schwanden aus der Welt.

Da keiner dem andern mehr etwas verbergen konnte, so verkümmerte die Neigung der Menschen zu Verstellung und Entstellung, die nach dem Verlöschen der Religionen ohnehin schon erheblich an Verbreitung eingebüßt hatte, vollkommen. Nur bei Kindern, die ja die Phasen der Menschheitsentwickelung imeinzelnen Individuum erkennen lassen, findet man noch Spuren davon.

An die Stelle der Lüge trat das Schweigen.

Von einem Weisen aus der alten Geschichte hat sich das Wort erhalten: „Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.“

Es war eine Freude geworden, mit Menschen zu leben.


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