Auchheute, lange einsame Jahre nach den Ereignissen, deren Schilderung ich hier qualvoll niederschreibe, Jahre, da kein Tag versank, an dem nicht diese Stunden mir nahe waren, auch heute noch muß ich mich zwingen, den tiefen Schmerz meiner Seele zu bannen, um in sachlicher Folge zu berichten, was nun geschah:
Als mein Bewußtsein zurückkehrte, war das erste, dessen ich gewahr wurde, ein furchtbarer körperlicher Schmerz. Aber ich fühlte dennoch, daß Irid noch in meinen Armen war. Ich vermochte die Augen aufzuschlagen und sah uns auf felsigem Untergrunde halb im Wasser liegen. Irids Augen waren geschlossen. Mich deuchte, daß ihr Mund, wie im Traume, lächelte.
Einige Menschen umstanden uns, und ich hörte Stimmen. Dann schwanden mir wieder die Sinne. –
Zum anderen Male erwachte ich im Helldunkeleines engen Raumes. Beizender Rauch zog mir in die Nase. Wieder fühlte ich schwere Schmerzen in Kopf und Gliedern.
Vor mir saß ein altes Weib mit schwarzem, strähnigem Haar und rotgelben, faltigen Zügen. Alte, verbrauchte Decken waren über mich gelegt.
Das Weib sprang, da sie mich die Augen öffnen sah, hoch, kreischte, anscheinend freudig erregt, auf, und begann eilig mir irgendwelche Nahrung einzuflößen. Bei dieser Prozedur fiel ich wieder in Ohnmacht.
Als ich abermals erwachte, war Nacht umher. Ich vermochte vor Schmerzen kaum meine Gedanken zu sammeln, griff aber doch um mich, um Irid zu fassen. Ich fand sie nicht und rief ihren Namen. Ein Stöhnen nur mag es gewesen sein.
Jemand in meiner Nähe rührte sich, und eine grunzende Männerstimme ließ sich vernehmen. Dann wieder erlöste mich die barmherzige Bewußtlosigkeit.
So bin ich tagelang zwischen Leben undGestorbensein hin und her gezogen worden, bis eines Morgens mein Zustand sich so weit gebessert hatte, daß mir nicht sofort nach dem Erwachen wieder die Sinne schwanden.
Ich stellte fest, daß ich in einer armseligen Hütte lag. Um mich war eine Familie von rotbraunen, halb nackten Menschen kaum mittelgroßer Gestalt, die sich hilfsbereit um mich bemühten.
Von Irid war nichts zu sehen. Ich begann nach ihr zu fragen. Man schien mich nicht zu verstehen.
Ich wurde in meiner Angst unruhig. Ich rief laut Irids Namen.
Man gebot mir, durch Zeichen, zu schweigen und ruhig zu liegen.
Die jüngere aber der beiden Frauen schien zu ahnen, was ich wolle. Sie machte eine Bewegung mit den rundgeformten Händen vor ihrem mageren Körper, als ob sie volle Brüste fasse, hob dann die Hand über ihren Kopf, wie um körperliche Größe anzudeuten, zuckte wie bedauernd mit den Achseln undwies nach draußen. Es war möglich, daß sie Irid meinte, die also außerhalb der Hütte sei. –
Noch viele Tage war meine Kraft zu schwach und der Schmerz in Kopf und Körper zu heftig, als daß ich vermocht hätte, irgend etwas in der Richtung meines Wunsches zu tun.
Dann aber, nachdem ich durch das bewundernswert liebevolle Verhalten der unbekannten, gastlichen Hüttenbewohner, die mir köstliche Früchte brachten, Bananen, Orangen, auch gekochte Fische und eine schöne braune Kakaosuppe, einigermaßen wieder zu Kräften gekommen war, führten mich die beiden Männer der Familie, halb mich tragend, hinaus.
Es war eine tropische Vegetation um mich, ich blickte über ein felsiges Flußtal, und in der Nähe rauschte stark ein Wasserfall.
Sie setzten mich auf einer Bank vor der Hütte nieder, neben welcher ein Fischernetz zum Trocknen hing.
So saß ich in der warmen Sonne, noch nackt, wie sie mich gefunden hatten. Zum Schutze gegen die Strahlung legten sie mir eine Decke um und setzten einen Basthut auf meinen Kopf.
Von Irid vermochte ich nichts zu erfahren. In Zeichen gegebenen Fragen wich man aus oder verstand sie nicht. Ich verging fast vor Qual.
Später, wieder in der Hütte, fand ich ein Stück alter Zeitung, in spanischer Sprache geschrieben und in Porto Cabello gedruckt, welchen Ort ich nicht kannte, ihn aber der Umstände wegen richtig im nördlichen Südamerika wähnte.
Nach einigen weiteren Tagen war ich, trotz noch erheblicher Schmerzen, so weit wieder hergestellt, daß ich unter Hilfeleistung der Männer einige Schritte gehen konnte.
Als ich nun mit Hilfe spanischer Brocken, deren ich mich jetzt entsann, dringlicher als bisher nach meinem Weibe fragte, wechselten die Männer ernste Blicke, nahmenmich unter die Arme, führten mich in eine zwischen der Hütte und dem Flußtale liegende kleine Orangenwaldung und wiesen auf einen frisch aufgeworfenen Hügel von Erde und Steinen.