Zur Negerkunst. Pulver-, Schnupf- und Medizinbüchsen vom Makondehochland (s.S. 444).Achtzehntes Kapitel.Die Meisterzeit.
Zur Negerkunst. Pulver-, Schnupf- und Medizinbüchsen vom Makondehochland (s.S. 444).
Zur Negerkunst. Pulver-, Schnupf- und Medizinbüchsen vom Makondehochland (s.S. 444).
Mahuta, 8. November 1906.
Das also ist der Nachtisch zu meinem Forschermahle! Nun, dieses Mahl ist nicht in allen seinen Teilen gleich schmackhaft gewesen, aber es hat doch eine lange Reihe von guten Gängen und vielen Leckerbissen gebracht, und das Dessert entspricht dem ganzen Charakter dieser vielmonatigen Schlemmerei: keinerlei Weiterbelastung des Magens, nein, ein durchaus angenehmer, einschmeichelnder, sachter Übergang zu der Dinerzigarre, dem Mokka und dem Verdauungsschnäpschen. So ist mir bisher Mahuta erschienen.
Schon der Empfang, wie feierlich war er! Freilich, die Neger sind Männer von Takt und guter Erziehung, ganz gleich, ob sie sich bereits mit dem weißen Kansu des Suaheli bekleiden, oder ob sie noch mit dem kümmerlichen Lendenschurz des Urmenschen einherlaufen. Es ist demgemäß ganz selbstverständlich gewesen, daß, wo ich hier im Lande auch erschien, die Spitzen des Dorfes mir mehr oder weniger weit entgegengeschritten kamen, um dem seltenen Besuch ihren Salam zu entbieten. Der Wali Abdallah bin Malim hat sie alle an Akkuratessedes Empfangs übertroffen; er ist nicht umsonst der Vornehmste im ganzen Lande, und fast möchten wir beiden, vom langen Marsch über und über bestaubten und beschmutzten Reisenden uns unseres durchschwitzten, auch sonst schon arg mitgenommenen Khakis schämen, als uns noch weit vor Mahuta die in das lange, schwarze, seidengestickte Gewand des Küstenarabers gekleidete Gestalt des Wali mit feierlicher Würde, das silberbeschlagene, kostbare Schwert in der Hand, entgegentritt.
Auch unsere Unterkunft ist vielversprechend. Durch einen unglaublich engen Schlitz in der Palisadenwand haben wir unsere schlanken Körper in die Boma gezwängt. Ei, ist die fein! Sie ist fast doppelt so groß als alle anderen im Lande, mit einer breiten Mittelallee von Kautschukbäumen und Mauritiusagaven zwischen den beiden Toren; zu beiden Seiten dieser Allee liegen die Wohnhäuser genau ausgerichtet. Angesichts des solid gebauten Rasthauses innerhalb der Boma fällt es mir sehr leicht, auf das Professorenhaus draußen an der Schlucht zu verzichten. Bald stehen unsere beiden Zelte auf dem freien Platz, Träger und Soldaten verteilen sich ihrer Gewohnheit gemäß in die Hütten und Kammern der Bomabewohner, da fühlt Abdallah bin Malim auch schon das Bedürfnis, mir seinen Besuch zu machen. Er ist noch immer festlich gekleidet; das berechtigt ihn seiner Ansicht nach wohl am meisten dazu, Knudsens Liegestuhl für sich in Anspruch zu nehmen. Ich für meine Person habe wieder einmal stark mit meinem linken, auf dem „Prinzregent“ versprungenen Fuß zu tun, der mir die ganzen Monate hindurch eine Unsumme von Pein und Schmerzen verursacht hat; auch jetzt ist er wieder arg geschwollen und will gekühlt sein. Abdallahs Stimme ist nicht melodisch, um so rascher aber ist der Tonfall, der den wulstigen Lippen des Wali entströmt. Wie ein Wasserfall geht das, es rollt, donnert, braust und zischt. Ja wirklich, es zischt: wie eine Rakete saust es durch die Luft; klatsch! spritzt es vor meinen Füßen auf. Ich bin in die Pflege meines unglücklichen Hinterbeins sehr vertieft und schaue kaum auf. Hscht — klatschtschon wieder eine Ladung seitwärts vor mir nieder. Jetzt werde ich auf den anscheinend doch recht interessanten Würdenträger aufmerksam, und wahrlich, er hat es verdient; eine solche Virtuosität im Spucken dürfte selbst für den größten Yankeekünstler auf diesem Gebiet ein unerreichbares Ziel bleiben! Ich habe allerhand Hochachtung vor den von der deutschen Regierung eingesetzten Organen, selbst den farbigen, aber im Interesse meiner Selbsterhaltung habe ich es doch vorziehen müssen, den Wali durch Knudsen auf das Unziemliche seines Betragens hinzuweisen; nicht einmal die Schensi täten das in Gegenwart des Bwana kubwa, da würde er es als feiner Mann wohl erst recht lassen können. Der Hinweis hat auch sofort geholfen.
Der Wali von Mahuta.
Der Wali von Mahuta.
Es ist morgens 8 Uhr; die Sonne steht schon ziemlich hoch in ihrer Bahn, die zu dieser Jahreszeit vollkommen senkrecht über Mahuta hinwegführt; mit unendlichem Behagen schlürfen die beiden Europäer die würzige Morgenluft. Mahuta ist aber auch der reine Luftkurort; nichts von lästiger Hitze und unbehaglicher Kälte; kein Nebel und kein Sturm; ein treffliches Trinkwasser am nahen Plateaurand; eine reinliche Barasa und Hühner in Menge; da schmeckt die Morgenzigarre, daß es eine Lust ist. Da horch! Ist das rollender Donner in der Ferne, oder machen die Makonde Krieg mit uns? Näher kommt’s, lauter und lauter wird das rollende, rhythmische Geräusch; jetzt vermag das Ohr auch schon verschiedene Ursprungsrichtungen zu unterscheiden; von Osten kommt’s und von Westen und anscheinend vonNorden auch. Unverkennbar mischt sich nunmehr Gesang in den Trommelton, denn solcher ist’s. Wir treten aus dem Schutz des Daches und hinter den Zelten hervor, da quillt es auch schon herein durch die engen Pforten: einer hinter dem andern, immer mehr und mehr, als wolle es nie enden. Schon sind die schwarzen Massen in der Mitte des geräumigen Bomaplatzes zusammengestoßen, doch von beiden Seiten her strömt es noch immer von neuem herzu; die Allee ist voll, das schwarze Meer breitet sich über die Seitenteile des Platzes aus; es wogt und wallt, die Trommeln donnern, die Stimmen kreischen, trillern, singen; über dem allen an langen Stangen wehende Fahnen, schön bunt zu schauen wie geblümte Taschentücher; ganz hoch oben aber unabsehbare Scharen flockiger Zirruswölkchen und strahlender Sonnenschein. Es ist ein Bild, einzig in seiner Art, und sicherlich angetan, in seiner Wildheit den Pinsel eines Brueghel zu locken.
Mutter und Kind.
Mutter und Kind.
Mehrstöckige Häuser am Rovuma bei Nchichira.⇒GRÖSSERES BILD
Mehrstöckige Häuser am Rovuma bei Nchichira.⇒GRÖSSERES BILD
⇒GRÖSSERES BILD
Malen kann ich nun zwar nicht, aber wozu habe ich denn 30 mit Platten wohlbewaffnete Kassetten; heraus mit euch aus Ledersack und Tasche! Doch wohin sich wenden bei dieser Überfülle von Motiven? Hier ein gewaltiger Kreis von Männern, Frauen und Kindern; in rasendem Takt donnern sechs gewaltige Trommeln zum Himmel, rhythmisch, wie von Geisterhand bewegt, regt die ganze, große Schar Arm und Bein, Mund und Hand im Takte. Und hinter diesem Riesenkreis, was ist das? Nun, Mädchen sind’s in jugendlicherSchlankheit und doch knospender Fülle. Im höchsten Diskant durchschwirrt ihr Triller die Luft, klapp klapp klapp klapp klapp arbeiten die hochgehobenen Handflächen gegeneinander. „Ä, die Liquata — Menschheit ist doch recht ideenarm.“ Enttäuscht wenden wir uns weiter; dort ganz hinten, die ganze Hälfte der einen Platzseite beanspruchend, exerzieren ein paar Schützenlinien im Feuer, aber echt afrikanisch. Deckung verschmäht der Neger, er ist Fatalist; trifft’s ihn, nun Inschallah! Das kommt ganz treffend in der Majimaji-Ngoma, der mimischen Darstellung des letzten Aufstandes, zum Ausdruck; unbekümmert selbst um das unheimliche rak-rak-rak-rak der „Bumbum“, jener teuflischen Maschinen, aus denen die Wadachi, diese verfluchten Deutschen, gleich tausend Kugeln in der Minute auf den Gegner schleudern, stürmt die schwarze Angriffslinie vorwärts. Vergebens: nicht einmal die starke Daua des Hongo, des kriegsgewaltigen Zauberers, schützt vor Tod und Verderben. Und da flutet auch schon der Gegner heran; sollen sie standhalten, die Majimaji? Die Bajonette der Askari sind scharf und spitzig, instinktiv taumelt die ganze Linie zurück, soweit das „Schlachtfeld“ es gestattet; unter heulendem Gesang stürmen sie gleich darauf wieder vor. Das wiederholt sich stundenlang.
Yao mit Ziernarben.
Yao mit Ziernarben.
Mit Kamera und Kino habe ich getan, was in meinen Kräften steht; sie sind jetzt erschöpft, ebenso der Plattenvorrat. Die Sonneist mittlerweile auch bis zum Zenit emporgeklommen; ermüdet, hungrig und durstig steht und lungert mein schwarzes Halbtausend unter den schattenlosen Kautschukbäumen herum. Uns aber rufen die Köche zu Suppe, Huhn und Bananeneierkuchen.
Makonde mit Ziernarben.
Makonde mit Ziernarben.
Abdallah hat es zu gut gemeint mit seinem Zustrom von Eingeborenen; eine solche Menge am gleichen Tag, die nützt mir nichts, das habe ich schon am ersten Morgen gesehen. Nach einiger Zeit hat es auch der Wali begriffen. Da hat er die Jumben von nah und fern von neuem entboten und hat ihnen eine lange Rede gehalten: „Morgen kommst du mit deinem Dorf, um 8 Uhr“ — der Arm zeigt im Winkel von 30° genau nach Osten — „und mitbringen sollt ihrmidimuundmitete, Tanzmasken und Schnupfbüchschen, soviel ein jeder davon hat; und auch alle anderen Dinge sollt ihr mitbringen, die ihr in Haus und Hof, in der Schambe und im Pori habt; der weiße Mann liebt diese Dinge, und er wird euch Heller und Rupien dafür zahlen. Und übermorgen“, fährt er zum nächsten gewendet fort, „kommst du mit deinen Leuten, und auch ihr bringt alles mit, was ich eben aufgezählt habe.“ Zum Zeichen des Verständnisses fährt der Jumbe salutierend mit seiner Hand an die Mütze; dann folgt der nächste, und so fort.
Matambwe- und Makuafrau mit Ziernarben.
Matambwe- und Makuafrau mit Ziernarben.
Das neue System bewährt sich gut; morgens habe ich volle Muße, die Leute einzeln zu photographieren, Tänze und Spiele auf den Kinofilm zu bannen, Walzen zu füllen und anderes mehr zu treiben; der Mittag verfließt im Studium der unsagbar mannigfaltigen Körperverzierungen der hiesigen Eingeborenen; der Nachmittag endlich ist den Männern und dem Feilschen um ihren materiellen Kulturbesitz gewidmet.
Nein, diese Weiber! Eng aneinander geschmiegt, die Köpfe einheitlich nach vorn und zu Boden gesenkt, steht eine Schar von 30 bis 40 Makondefrauen in einem Winkel der Boma von Mahuta. Bis jetzt hat es noch geplappert und geschwatzt, daß es eine Art hatte; da naht der fremde Mann im gelben Rock, und alles ist mäuschenstill; nur die 20 bis 30 Babys auf dem Rücken und den Hüften ihrer Mütter schnarchen weiter, brüllen oder suchen den mütterlichen Born. Längst kenne ich den Umgang mit Frauen, ein Scherz, und verflogen ist die Scheu, die Gesichter fliegen hoch, die richtige Stimmung ist da. Sie ist auch nötig, denn was gibt es an diesen Köpfen und Leibern alles zu sehen! Nur das frohe Lachen ringsum veranlaßt die einzelne, sich vom weißen Mann begucken und vielleicht auch berühren zu lassen. Sodann aber ist der Fremde ja auch unermeßlich reich, ganze Säckeund Kisten voll Pesa hat er mitgebracht, und jeder schwarzen Frau läßt er durch seinen Diener blankes Geld zahlen, wenn sie alles tut, was er will; die Freundin aus dem Nachbardorf hat es gesagt, und die muß es doch wohl wissen.
Makuafrauen mit Ziernarben.
Makuafrauen mit Ziernarben.
Der bisherige Verlauf meiner Reise hat mir bereits so viele Auswüchse menschlichen Eitelkeitstriebes gezeigt, daß ich mich gegen weitere Überraschungen völlig gefeit wähne. Kurzsichtiger Tor, der du bist, du Fremdling aus Uleia, so raunt mir der Makondebusch zu, dring ein in meine Tiefen, da siehst du Wunder über Wunder! Und ein Wunder will es mich wirklich dünken, daß diese zarten Lippen so ungeheure Massen schweren Holzes in sich tragen können; riesengroß, eine Hand breit im Durchmesser und drei Finger breit in der Höhe, klemmt sich das Ungetüm von Klotz, den die Hand der eitlen Trägerin mit feingeschlämmtem Kaolin täglich schneeweiß zu färben versteht, in den schmalen, straffgespannten Saum der so grausam durchbohrten, ausgeweiteten Oberlippe. Als die Kleine noch ein Kind war, da hat es begonnen; da kam ein böser Onkel und stach sie in den Mund, daß es arg blutete. Das Blut ist gestillt worden, aber das Loch ist geblieben. Erst hat die Mama einen feinen Strohhalm hineingetan und dann immer mehr und immer mehr, und dann haben sie einekleine Rolle hineingesteckt in die Öffnung; ein Palmfiederblatt ist es gewesen. Das hat gespannt, daß man förmlich merkte, wie das Loch sich geweitet hat. Und dann ist ein großer Festtag gekommen, und sie haben ihr einen Holzpflock in die Lippe gesteckt. Das ist der erste gewesen; dem sind seither viele andere gefolgt, aber stets ist einer größer gewesen als der andere. Immer hat sie ihr Mann geschnitzt, und jedesmal, wenn er aus dem Pori heimkommt, bringt er die feine, weiße Erde mit. Ja, sie hat einen guten Mann, deswegen heißt sie ja aber auch Ngukimachi, das will besagen, daß sie gar keinen Anlaß hat, ihn zu betrügen, wie es alle die anderen Frauen mit ihren Männern tun. Aber er weiß auch, wie gut gerade ihr das Pelele steht; das ragt so geradeaus in die Weite, daß es eine wahre Lust ist zu schauen; und wenn sie nun gar erst lacht, dann blitzen ihre Zähne in schimmernder Pracht. Wie häßlich sind dagegen jene Alten dort! Denen sind die Zähne schlecht geworden; und wenn sie die Ugalikugel, die sie mit zitternder Hand aus dem Breiberg herausgeformt haben, zum Munde führen, dann sieht das schrecklich aus; wie in einem dunkeln Abgrund verschwindet die Speise in dem zahnlosen Munde, nachdem die andere Hand das Pelele vorsichtig emporgehoben hat.
Makondefrau mit besonders „schönen“ Ziernarben.
Makondefrau mit besonders „schönen“ Ziernarben.
Und gar jene beiden anderen erst, wie sind die zu bedauern! Sie sind beide noch jung, die eine ein Mädchen, die andere eine junge Frau, aber stets traurig sind sie; sie haben auch beide Anlaß dazu, denn der Schmuck des Pelele ist ihnen versagt. Wieviel Daua hat die Mutter und auch der Onkel ihnen schon auf den Mund gestrichen, doch immer schlimmer und böser ist die Wunde geworden. Ein ganzes Loch hat der Eiter schon gefressen, und bei der Großen ist die Lippe nun ganz auseinandergefallen; sie sieht mit ihren großen, breiten Zähnen, die so weiß durch die Lippe schimmern, jetzt aus wie der Sungura, der Hase. Schön ist das nicht, und auch der weiße Mann mit seiner großen Dauakiste wird sie nicht heilen können. Daher sind sie auch wohl so traurig.
Ein mißglückter Verschönerungsversuch. Makondemädchen mit vereitertem Peleleloch.
Ein mißglückter Verschönerungsversuch. Makondemädchen mit vereitertem Peleleloch.
Auch Alitengiri dort drüben ist ernst; bei ihr zu Hause ist der Tod ständiger Gast; er hat in ihrer Sippe jüngst so reiche Ernte gehalten, daß nicht einmal ihre Schambe bestellt werden kann. Sonst ist sie doch so lustig gewesen und hat zu plappern gewußt, daß das Pelele kaum zu verfolgen war. Und ein schönes, großes Pelele hat sie gehabt, so groß, daß die Lippe es kaum noch zu tragen vermochte. Jetzt sieht sie stark verändert aus; sollte sie krank sein? Oder ist dasPelele etwa gar geschrumpft? Aber das geht doch nicht, das ist ja aus Holz; erkundigen wir uns doch einmal, was ihr fehlt. — Nein, sie ist doch auch zu hochnasig, die Alitengiri, nicht einmal geantwortet hat sie mir; ganz stumm und dumm hat sie dagestanden! Aber ich habe es wohl gesehen, sie hat gemogelt. An ihrer Lippe hat sie etwas; die ist sicher zerrissen, und da hat sie sie geflickt; ich habe den blauen Zeugstreifen sehr wohl bemerkt, den sie über jene Stelle gepappt hat. Und jetzt darf sie nicht sprechen und auch nicht einmal lachen, denn dann reißt die Wunde wieder auf.
Pseudochirurgie. Makondefrau mit künstlich zusammengefügtem Lippenrand.
Pseudochirurgie. Makondefrau mit künstlich zusammengefügtem Lippenrand.
In den Abmessungen ihrer Lippenscheiben schlagen die Makondefrauen um Mahuta zweifellos alle ihre Schwestern im ganzen weiten Süden; Klötze von 7, ja 7½ Zentimeter Durchmesser und 3 bis 5 Zentimeter Höhe sind nichts Seltenes. Zählt man zu dieser hier stets schneeweiß schimmernden Mundzier die fast nie fehlenden schwarzen oder weißen, runden Scheiben in den talergroß aufgeweiteten Ohrläppchen, so machen diese drei Schmuckstücke allein schon ein Ganzes aus, das man auf dieser Erde in solcher Absonderlichkeit nicht wieder findet. Jedoch der Makondefrau genügt das nicht; wozu hat sie ihre schönen braunen Wangen und die von krausem Wollhaar umrahmte Stirn, den schlanken und doch kräftigen Arm, die üppige Brust, den schlanken Leib und den glänzenden Rücken? Drüben die Nachbarin, die läßt schon lange den Fundi kommen; der macht Schnitt auf Schnitt in die sammetweiche kühle Haut, und dann reibt er feine Daua, selbstgebrannte Pulver, in die kleinen Wunden. O, das tut sehr weh, aber es sieht doch auch gar zu schön aus, wennerst alles verheilt ist. Doch das dauert noch lange, denn mit einemmal geht das nicht; immer wieder schneidet der Fundi an dieselbe Stelle, Schnitt neben Schnitt. Endlich wird er einmal fertig werden; ach, wird dann die Nachbarin schön sein! Es wird wohl nicht anders gehen, auch sie muß den Fundi bitten.
Rückenziernarben einer Makuafrau.
Rückenziernarben einer Makuafrau.
Die Zahl der Ziernarbenmuster, mit denen die Makondefrau Gesicht und Körper, diesen bis zum Gesäß und bis zu den Oberschenkeln hinunter, schmückt, erweckt auf den ersten Anblick den Eindruck, als sei sie Legion; in Wirklichkeit lassen sie sich auf eine nur verblüffend geringe Anzahl von Elementen zurückführen. Der Neger von heute hat für diese Grundbestandteile Namen wie Chitopole, die Taubenfalle, oder Chikorombwe, der Fischspeer, oder Teka u. a. m. Jenes erste Muster ist ein Bügel, wie ihn die Taubenfalle in der Tat besitzt; das Chikorombwe gleicht mehr einem Tannenbaum, die Teka einer Chitopole mit Mittelachse. Ob diese Muster in irgendwelcher Beziehung zur Taubenfalle oder zum Fischspeer stehen, kann ich nicht sagen, denn auch die Eingeborenen wissen es nicht; aber so viel weiß ich bestimmt, keins dieser Muster kann heute mehr als wirkliches Stammesabzeichen gelten. Als Neuling im Fach huldigt man dieser Ansicht so lange, bis man eines anderen belehrt wird; bei mir hat der alte Makachu dies in trefflichster und kürzester Weise besorgt. Deralte Herr ist über und über mit Mustern bedeckt, mit ganz den gleichen, wie sie die Frauen hierzulande tragen, nur daß bei ihm manche schon recht verwittert und verwischt sind.
„Warum trägst du das?“ frage ich ihn, in der sichern Erwartung, ein langes Kolleg über Stammeszeichen und ähnliche Einrichtungen zu hören zu bekommen.
„Ninapenda, es gefällt mir so“, ist die ganze Antwort des Riesen.
Bauchtätowierung eines Makondemannes.
Bauchtätowierung eines Makondemannes.
Mit diesem Hinweis auf den persönlichen Geschmack haben wir in der Tat die einwandfreie Lösung für die Narbenverzierung selbst, sodann auch für die Wahl der jeweiligen Muster. Ich habe während meines Aufenthaltes in Newala, in Nchichira und vor allem jetzt hier in Mahuta Hunderte und Aberhunderte von Einzelwesen entweder photographiert oder doch wenigstens körperlich besichtigt, das Ergebnis, soweit ich es jetzt schon übersehen kann, ist die vollkommene Unmöglichkeit, aus dem Vorwalten bestimmter Figurengruppen auf die Stammeszugehörigkeit ihres Trägers zu schließen; „ninapenda“ will jede einzelne dieser Figuren besagen.
Nun ist nicht zu leugnen, daß es auch in dieser Narbenzier Moden gibt. Von irgendwoher ist eine neue Figur eingeschleppt worden; sie findet Anklang, erst bei der einen Mutter, dann bei der anderen und dritten; wie mit einem Schlage hat sie sich über eine ganze Generation verbreitet, wird von dieser durchs Leben getragen und kann so in der Tat als eine Art Stammesabzeichen gelten. Vielleicht hat in früherer Zeit jede der hiesigen Völkergruppen auf diesen Teil ihres Kulturbesitzes einen höheren Wert gelegt; nachweisen läßt sich diesheute nicht mehr, wie denn überhaupt die Sitte unter dem Ansturm der neuen Zeit zu schwinden scheint. Es bereitet nicht nur mir, sondern auch den Betroffenen selbst stets ein ganz ungeheures Vergnügen, wenn ich die Männer und Jünglinge plötzlich auffordere, sich einmal etwas zu dekolletieren, d. h. ihr Hemd abzulegen und mir Brust, Bauch und Rücken zu zeigen. Bei den Alten eine wahre Menagerie von Antilopen, Schlangen, Fröschen, Schildkröten und anderem Getier, Chikorombwe, Chitopole oder Teka auf der breiten Männerbrust, bei der heranwachsenden Generation wenig oder nichts. Bei dieser gilt es eben nicht mehr als fein; sie schielt nach der Küste mit ihrer Hyperkultur und begnügt sich, wenn sie sich überhaupt herabläßt den Körper zu ritzen, mit den beiden senkrechten Schläfenschnitten der Suaheli. Bei den Yao und den Nchichira-Wangoni sind diese Schnitte schon heute sehr allgemein, bei den anderen Völkern werden sie es von Jahr zu Jahr mehr.
Der Leiter eines ethnographischen Museums muß schon daheim in Europa ein tüchtiger Kaufmann sein; geht dieser selbe Mann aber unter die Neger, so muß er einen Armenier an Schlauheit, Gerissenheit und Geduld übertreffen. Ich habe schon früher mit wehem Herzen auf die ungeahnten Schwierigkeiten gerade des Sammelns hinzuweisen Gelegenheit gehabt und kann mir daher neue Jeremiaden ersparen, doch leicht machen mir die Herren Makonde das Zusammentragen ihrer Kulturgüter keineswegs. In dichter Kolonne rückt der schwarze Schwarm heran.
„Na, was hast du denn da?“ spricht man leutselig und herablassend zum Vordersten; ein völlig abgenutzter Rührlöffel liegt in meiner Hand. „Für den Msungu ist der noch gut genug“, hat sein holder Besitzer gedacht und ihn aus der Müllgrube, wohin er schon gewandert war, herausgeholt.
„Schensi!“ ist die milde Anerkennung dieses löblichen Verfahrens, „so, hier hast du deine Kostbarkeit wieder; zeig’ mal her, was du sonst noch hast; wo hast du denn deine Maske?“
Makondemasken.
Makondemasken.
„Ich habe keine, Herr.“
„So, dann will ich dir Gelegenheit geben, noch einmal gründlich nachzusehen, morgen früh bist du wieder hier, aber dann mit deinemmdimu; vergiß auch deine Schnupfbüchschen nicht.“
So wiederholt sich das im Laufe der Stunden wohl ein dutzendmal und mehr; in einigen Fällen hat der Bußgang Erfolg gehabt, in den anderen ist es den Leuten gar nicht eingefallen wiederzukommen. Seitdem wir das gemerkt haben, belieben wir ein anderes Verfahren: jetzt machen wir einfach den Jumben verantwortlich, und seitdem geht es, geht ganz ausgezeichnet sogar; allabendlich haben Knudsen, alle Boys und auch die Trägerelite alle Hände voll zu tun, um die am Tage erworbenen Schätze zu registrieren und zu bergen.
Es lohnt sich wohl, das Sammeln hierzulande, vom wissenschaftlichen wie vom künstlerischen Standpunkt aus. Ostafrika gilt ja im Gegensatz zum Kongobecken, zu Nordkamerun und einigen andern Teilen des Westens als ein ethnographisch langweiliges Gebiet, und künstlerische Ansprüche an Form und Ausstattung der Waffen und Geräte seiner Völker darf man im allgemeinen nicht stellen.
Um so überraschter bin ich gewesen, in manchen Schnitzwerken meiner Forschungsprovinz wahre Kabinettstücke der Kleinkunst zuentdecken. Die Tanzmasken sind zum großen Teil wohl nur schematische Darstellungen, sei es der Frau oder des Mannes, oder irgendeines Tierkopfes. Eine geringe Anzahl von Exemplaren der von mir zusammengebrachten Sammlung stellt Porträts berühmter Persönlichkeiten dar: einiger bewährter Helden aus dem letzten Aufstand, ein besonders hübsches junges Mädchen und dergleichen mehr; im großen und ganzen aber sind sie alle, das läßt sich nicht leugnen, nur sehr rohe Arbeiten. Um ein weniges höher stehen schon die von mir früher gestreiften Statuen der Urmutter; die Anatomie und Harmonie des Körpers läßt zwar auch hier sehr zu wünschen übrig; dafür sind einige der Figuren, soweit meine Kenntnisse reichen, die einzigen Darstellungen des Menschen aus Afrika, die wirklich durchgearbeitete Füße aufweisen.
Litotwe.
Litotwe.
In hohem Grade geschmackvoll, in Durchführung und Stil selbst verwöhnten Ansprüchen genügend, sind besonders die Mitete, jene kleinen Büchschen aus hartem Holz, die von den Leuten zum Aufbewahren und Tragen ihres Schnupftabaks, ihrer Medizinen, hie und da auch ihres Schießpulvers benutzt werden. Was die ältere Generation der Männer als Ziernarbenornament in ihre Haut eingeritzt mit sich herumträgt: die Darstellung der ganzen Fauna des Landes, es tritt uns als Gebilde der freien Kunst hier in den Mitete von neuem entgegen. Stets ist es der Deckel des Gefäßes, der zum Kunstwerk ausgestaltet worden ist; er zeigt uns die verschiedenstenAffenarten, das Gnu, den Buschbock und andere Antilopen, vor allem aber kehrt er in der Gestalt des Litotwe wieder und damit eines Tieres, das allerdings im höchsten Grade zur künstlerischen Nachbildung reizen muß. Dem Körper nach ist dieses Litotwe eine Art riesige Ratte, wohl von Kaninchengröße, in der Bildung seines Kopfes gemahnt es hingegen an den Elefanten, oder doch mindestens an den Ameisenbären. Der Kopf läuft in einen unendlichen Rüssel aus, so lang und zierlich, daß man glauben möchte, er fände gar kein Ende. In Chingulungulu habe ich einmal ein solches Wundertier zu zeichnen begonnen. Salim Matola, der Tausendsasa, hatte eins gefangen und mir in einem schnell improvisierten Käfig auf meinen Eß- und Arbeitstisch gesetzt. „Unsere“ Windhose ist schon vorbei, und bleierne Hitze brütet über Mensch und Tier. Nur ich bin fleißig wie immer; rasch fliegt mein Stift über das Papier, schon ist der Kopf des Litotwe vollendet. Bis dahin hat das Modell ganz manierlich „gesessen“, jetzt wird auch es schläfrig; immer tiefer senkt sich das Rüsselchen, immer bequemer und formloser legt sich der Körper auf mein einziges Tischtuch. Zur Aufmunterung „pieke“ ich die Flanken mit dem spitzigen Stift. Wie elektrisiert fährt das Rüsselchen hoch, senkt sich aber alsbald langsam wieder; ich pieke noch einmal, derselbe Erfolg; gerade will ich zum dritten Stich ausholen, da passiert dem Tierchen etwas Menschliches, Allzumenschliches. Im selben Augenblick schon fliegen Modell und Käfig in hohem Bogen nach außen; ich vermeine, ein leises, höhnisches Lachen zu vernehmen; ein Blick hinterher, der Käfig ist leer. Das war des Litotwe Rache.
Neben der Tierwelt kehrt in diesen Mitete vor allem der Mensch außerordentlich häufig wieder, und auch er ist glänzend durchgeführt. Aber sind wir in China, daß ein stattlicher Zopf vom Schopf des Gebildes herniederwallt? O nein, John Chinaman liebt es nicht, sein gelbes Antlitz zu zerstören; diese Physiognomien aber sind zerfetzt wie das Antlitz manches deutschen Studenten. Mavia seien es, werde ich belehrt, bei denen trügen die Männer eine solche Haartracht; beideGeschlechter aber seien bei ihnen noch viel mehr tätowiert als selbst die Makonde.
Bis heute weiß ich noch nicht, ob diese Mitete in der fast unübersehbaren Fülle ihrer Motive und ihrer durchweg prächtigen Durchführung das Werk hiesiger Künstler, oder ob sie Selbstporträts der Mavia sind. Die Verkäufer dieser Kostbarkeiten schweigen sich darüber aus, oder sie antworten, was hierzulande jeder in dem Falle sagt, wo er über den Autor eines Stückes nicht im klaren ist: „Schensi“ heißt es da, das will sagen: irgendein Unbekannter dahinten hat es gemacht. Für unser Urteil über diese Kunst ist das im übrigen belanglos.
EineArt der Kunstübung scheint den Makonde zu fehlen. Wie immer in meinen Standquartieren schweife ich in jeder freien Stunde in die Weite, um die Eingeborenen in ihren Dörfern, in ihrem Heim zu belauschen. Das ist hier nicht so leicht wie sonst. Ich glaube, man könnte über das ganze Makondeplateau hinspazieren und träfe unter Umständen nicht eine einzige Siedelung, so versteckt liegen die kleinen Weiler im Busch. Doch wir haben hier einen idealen Führer; das ist Ningachi, der Lehrer; sein Name bedeutet: „Was denkst du?“ Nun ist Ningachi ein kreuzbraver Mann, aber ein starker Denker scheint er mir trotz seines Namens nicht gerade zu sein; er hat auch zumeist gar keine Zeit dazu, denn er ist mein Reisemarschall und mein Dolmetsch von früh bis spät; sogar junge, fette Hühner hat er uns schon höchst eigenbeinig aus weiter Ferne herangeholt.
Unter Ningachis Führung haben wir mehr als ein Makondedörfchen erschaut. Malerisch sind sie, das muß ihnen der Neid lassen, aber komfortabel selbst im bescheidenen Sinne des Negers ist keine der elenden, luftigen Rundhütten, in denen die Generationen dieses Volkes dahindämmern; nicht einmal den sonst so allgemeinen Lehmverputz hat der Makonde, und damit entfällt die Freske von selbst. In gewisser Weise bedeutet das für mich eine Erholung; wie bin ich in den früheren Monaten gejagt, wenn es hieß, dort in jenem Dorfe sinddie Häuser schön bemalt. Bemalt waren sie dann allerdings, aber schön? Zeichnet unser Söhnchen schön, oder auch die unbeholfene Patschhand unserer Tochter? Embryonenhaft, ungelenk, ohne Perspektive, das sind auch die Grundzüge dieser Art von Negerkunst, die unsere Kunstwissenschaft, und leider auch die Völkerkunde, immer von neuem mit den stammelnden Kritzeleien unserer Kleinen verglichen haben.
Ich bin Ketzer in dieser wie in so mancher andern Richtung. Möchten doch Kunstgeschichte und Völkerkunde einmal das Experiment machen, einen guten deutschen Normaljungen — es kann auch ein Mädchen sein — ohne jede Betätigung mit Feder und Blei aufwachsen zu lassen, sozusagen als Wilden. Dann nehme man ihn her, mache es wie ich hier mit meinen Negern und gebe ihm Papier und Bleistift in die Hand mit dem Auftrage, irgend etwas zu zeichnen. Würde wohl etwas wesentlich anderes herausspringen als das Bilderbuch des kleinen Moritz? Es geht durch die ganze Menschheit der Zug, zugängliche freie Flächen, Fels- und Hauswände, Aussichtstürme und Bedürfnisanstalten mit den Werken einer Art Ur- und Universalkunst zu bedecken. Wo nicht der wirklich geübte Künstler sich einmal vergessen hat, wo vielmehr der Mann des Volkes, der Handwerksbursche und der Landstreicher seine Zeichen macht, da sind diese „Werke“ in Auffassung und Charakter nicht um einen Deut anders als die farbigen Tonmalereien oder die Ritzfiguren meiner Wangoni, Yao und Makua oder die Bleistiftzeichnungen aller dieser Völker und meiner eigenen Leute in meinen Skizzenbüchern.
Ja, diese Skizzenbücher! Ich weiß nicht, wie lange die Erinnerung an mich hier im Süden und bei meinen eigenen Leuten im Gedächtnis haften bleiben wird, und ob man überhaupt des Bwana Picha, wie ich hier heiße, d. h. des Mannes, der alles photographiert, noch über den Schluß der Expedition hinaus gedenken wird. Wenn es geschieht, dann, so sagt mir mein Gefühl, wird weder mein ganz unaussprechlicher Name — ein einziges Mal haben meine Wanyamwesi das Wort Weure zuwege gebracht, aber sie mußten dermaßen dabeilachen, daß ich keinen weiteren Versuch gemacht habe, sie an dieses Unwort zu gewöhnen — noch mein Titel — einen Bwana Pŭfēsa hatten sie aus dem Herrn Professor gemacht — noch die Zaubernatur meiner Maschinen diese Erinnerung vermitteln, sondern die vielen Bücher mit dem schönen weißen, dicken Papier werden dieses Verewigungsmittel sein. Es ist aber auch gar zu schön, diese Blätter so in aller Behaglichkeit zu bekritzeln.
In Lindi war es, wo die Kunstbetätigung meiner schwarzen Freunde so recht von Herzen einsetzte. Besonders Herr Barnabas war unermüdlich; stolz und doch erwartungsvoll überreichte er mir täglich immer neue Meisterwerke.Ich bringe hier in diesen Blättern nur eins: die Elefantenherde aufSeite 238; aber schon diese Skizze allein charakterisiert den Künstler vollkommen. Hat man das Recht, ihm eine gewisse Kraft der Auffassung abzusprechen, und steht nicht auch die technische Durchführung vollkommen auf der Höhe? Freilich ähneln die einzelnen Tiere mit ihren kurzen Beinchen bedenklich unserm Hausschwein, in der Kopfpartie aber dem Chamäleon; der obere Rüsselstrich ist auch hinter dem linken Stoßzahn sichtbar, und dem „mtoto, dem Elefantenkinde“, auf der rechten Bildseite fehlt gar der Hinterleib — aber gleichwohl: der Mann kennt nicht nur die Perspektive, sondern er wendet sie auch an, und in nicht einmal übler Weise zudem.
Nur einen Fehler hat Barnabas bei allen seinen Künstlertugenden: er ist kein „Schensi“, kein roher, unbeleckter Hinterwäldler, sondern ein Gebildeter, ja ein Gelehrter sogar. Von Geburt ein Makua weit aus dem Innern, hat er in Lindi die Regierungsschule absolviert, um nunmehr in dem kleinen Postamt des Städtchens als „Postboy“ dem wichtigen Geschäft des Abstempelns der Briefe, des Wiegens der Pakete usw. obzuliegen. Nebenher schriftstellert er gar für die in Tanga erscheinende Suahelizeitung „Kiongosi“.
Also mit Barnabas ist es nichts; ihn kann und darf man nicht als Vertreter der Urkunst betrachten. Dafür alle andern: Träger, Soldaten, Wilde; keiner hat bislang Papier und Bleistift in der Hand gehabt.
Wangoni-Frauen von Nchichira.⇒GRÖSSERES BILD
Wangoni-Frauen von Nchichira.⇒GRÖSSERES BILD
⇒GRÖSSERES BILD
In hoher Blüte steht die Marinemalerei. Kein Wunder; dem Motiv eines auf der Meeresflut schaukelnden, segelnden oder dampfenden Fahrzeuges widersteht schon im kalten, nebligen Uleia so leicht kein ästhetisch veranlagtes Gemüt, um wieviel weniger hier am stahlblau leuchtenden Indischen Ozean. Mein Askari Stamburi, so benannt nach der Stadt des Padischah am Goldenen Horn, ist im Dienst ein schneidiger Soldat, außer Dienst ein Don Juan; jetzt entpuppt er sich unerwarteterweise auch noch als bedeutender Marine- und Tiermaler.Auch er ist Landratte, weit hinten am obern Rovuma zu Hause; daher ist ihm das Abenteuer des Matambwefischers (Seite 421) besser gelungen als das Bild der arabischen Dhau (Seite 41). Exakt genug ausgeführt ist sie freilich; sie ist gerade vor Anker gegangen; noch bläht sich das Segel an der Gaffel; auch Flagge und Steuerruder sind vorhanden. Zum Überfluß auch noch drei Paddelruder, die oben in den Wolken schweben. Sie sind für die Windstille berechnet, wie mir der Zeichner sagt. Doch, was ist das in der Mitte? Hat das Schiff ein Leck oder deren gleich zwei? Weit gefehlt! Ladeluken sind’s, mein Freund. Solche Öffnungen sind auf dem Schiff vorhanden, das weiß Stamburi; also muß er sie auch anbringen; das ist Künstlerpflicht. Perspektive kennt er nicht; somit dreht er sie einfach um 90 Grad und sieht sie seitlich von oben. Dem Genie erwachsen keine Schranken.
Der Matambwemann vom obern Rovuma ist fischen gegangen; dort an der Strombiegung hat er sein Boot verankert, die Angel mit dem ungefügen Eisenhaken ausgeworfen und harrt nun mit der philosophischen Ruhe des alten Anglers auf das bewußte Zerren an der Leine. Gerade jetzt erfolgt es; ein kurzer Moment des Wartens noch, dann ein Ruck, ein gewaltiger Schwung — ein breites, rundes Etwas liegt im Grase. Bedächtig läßt der Fischer die derbe Schnur durch die Hand gleiten, um die Beute zu sich heranzuziehen; da, was ist das? Taucht der Scheitani aus den Fluten, der Satanas, oder ist es der Flußgott selbst, was sich dort so schnell wie das Feuer, dasMulungu unter gewaltigem Getöse so oft aus den Wolken zur Erde herunterschickt, auf seine schöne, große Schildkröte stürzt? Rasches Handeln ist sonst des graubärtigen Alten Sache nicht, doch hier heißt’s festhalten, was man hat. Zudem ist’s ja auch nur eine gewöhnliche Schlange, wenn auch ein gewaltiges Exemplar, was ihm dort seine Beute streitig macht. Der werden wir sie schon abjagen!
Das historische Genre, so könnte man in der Tat die ganze hiesige Malerschule benennen; stets bringt sie Szenen aus dem täglichen Leben, aber es sind gleichzeitig doch historische Vorgänge, die der Maler mit eigenen Augen verfolgt hat, deren Einzelzüge ihm fest im Gedächtnis haften, und deren handelnde Personen, ob Mensch oder Tier, wirkliche Porträts sind. Der Zug des reinen Genres wird noch am meisten gewahrt von den Zeichnungen aufSeite 206,345und463; die Frau unter der Hüttenbarasa am Mörser (S. 206) ist ein ebenso alltägliches Bild aus dem Volksleben wie die Mutter mit dem Baby auf der Hüfte (S. 345); da entfällt das Moment des Porträts noch am ehesten. Auch bei der Überreichung der beiden Eingeborenen (S. 463) durch Pesa mbili war von der Darstellung bestimmter Persönlichkeiten keine Rede; an jenem 21. Oktober hatte ich mich in der Boma von Mahuta vorwiegend mit dem Studium der Ziernarben befaßt; viele Männer hatten sich entkleiden müssen; das hatte den intelligenten Mnyampara zu der Wiedergabe von ein paar solchen Gestalten angeregt.
Bei allen andern Zeichnungen waltet das historische oder das persönliche Moment oder aber beide gleichzeitig vor. Wenn der Suaheli Bakari weit im Innern, in Nchichira, den Dampfer „Rufidyi“ aus der Erinnerung zeichnet, und er setzt in den Vordergrund einen riesigen Hai (S. 32), so bedeutet das Gemälde nichts anderes als eine bestimmte Fahrt des Künstlers auf jenem Schiff, von dessen Deck er an einem bestimmten Ort eben jenen Fisch gesehen hat.Als der Träger Yuma mir das Bild „Affen beim Einbruch in eine Pflanzung“ (S. 211) überreichte, fügte er seinem Kommentar die nähere Erklärunghinzu: „Aber, Bwana kubwa, das istmeineSchambe, und die Affen habe ich mit Steinen verjagt; es waren sieben sehr große Tiere.“
Wirkliche Porträts sind der Bwana Pufesa, der Herr Professor, auf Seite 457 und der Stelzentänzer (S. 292). Jener ist das Werk eines Soldaten, dieser eine der unverkennbaren Skizzen meines Kochs Omari; beide stammen noch aus der ersten Zeit der Expedition, wo ich den Reiz der Neuheit noch nicht eingebüßt, der Bondeimann aber nur erst einen einzigen Stelzenmann zu Gesicht bekommen hatte. So schlecht Omari sonst zeichnete, hier hat er doch den Mut derEn face-Zeichnung bewiesen, zu der ein Anfänger in der Kunst sich sonst nur ganz selten versteigt. Daß mein rechtes Auge als Stern im Weltenraum spazieren geht, ist nicht verwunderlich; es ist bei dem rauchenden Msungu mit dem weißen Helm und den großen Taschen im Rock in Wirklichkeit vorhanden, folglich muß es auch auf die Zeichnung.
Eine Anzahl der Zeichnungen führt an der Hand von ganzen Szenen in die Volkskunde des Südens von Deutsch-Ostafrika ein. Da ist zunächst die „Kette“ (S. 42). Sieben Mann stark, zieht sie langsam durch die Straßen Lindis dahin, fünf Sträflinge mit dem großen Blechgefäß auf dem Kopfe, die letzten beiden unbelastet. Es gilt, beim Europäer das Badebassin zu füllen; das ist nicht schön, der hohen Leiter wegen, bei deren Besteigung die schwere Kette so heftig am Nacken zerrt; doch der Askari dahinten ist streng; zwar die Nilpferdpeitsche steht ihm nicht zu, die ist nur ein Phantasieerzeugnis des Malers, sein großes Gewehr hat er jedoch immer bei sich; das soll sogar geladen sein, seitdem kürzlich eine Kette rebellisch geworden ist und den überwachenden Soldaten meuchlings niedergeschlagen hat.Da ist so eine Liquata (S. 64) doch etwas viel Ansprechenderes und Erfreulicheres, zumal wenn der Bwana picha, der erst vor einer Stunde zugereiste weiße Mann, die lebhafte Szene in seinem dreibeinigen Kasten auf eine jener merkwürdigen Glasplatten zaubert, auf denen alle die schwarzen Frauen weiß und ihre großen, weißen Lippenscheibenkohlschwarz aussehen.Auch die Karawane des Mdachi selbst lockt sehr zur Wiedergabe in dem großen Buche mit dem schönen, dicken Papier (S. 136). Wie stolz tragen die beiden Boys Moritz und Kibwana die Gewehre ihres Herrn! Der sitzt auf seinem Nyumbu, dem alten Maultier, und dreht sich gerade um. Lustig weht die Reichsdienstflagge im Morgenwinde; dahinter aber, da kommen sie heran, die Träger alle, mit Kisten und Kasten, Stöcke in der Hand, mit denen sie im Takte an die Kisten schlagen, alle fröhlich und guter Dinge. So sind sie ja aber, die Freunde Pesa mbilis aus dem fernen Unyamwesi.
Lustig war auch die Jagd, die Salim Matola aufSeite 102verewigt hat. In dem bogenbewaffneten Jägersmann hat der Künstler sich selbst gezeichnet, wie er dahinschreitet, dem Hunde nach, der eifrig dem Buschbock folgt. Kwakaneyao, der braungelbe Hund, ist von Haus aus sehr scharf; sein Name bedeutet, daß er jeden andern Hund wegbeißt, der ihm die Beute streitig machen will. Trotzdem hat Salim Matola vor dem Aufbruch erst noch ein übriges getan, indem er dem vierbeinigen Jagdgenossen die Zähne mit bestimmten Wurzeln einrieb und indem er ihm etwas vom letzterlegten Buschbock zu fressen gab. Wie ein abgeschossener Pfeil ist da Kwakaneyao losgesaust ins wilde Pori hinein; kaum daß sein Herr ihm zu folgen vermochte.
Dieses Pori mit seiner so mannigfaltigen Tierwelt führt derselbe Salim Matola uns in einem andern Bilde, dem aufSeite 477wiedergegebenen, vor. Trotz aller Skizzenhaftigkeit kann man sich keine treffendere Wiedergabe des Charakters der lichten Baumgrassteppe denken: die vereinzelt stehenden, sperrigen Bäume, dazwischen das harte, übermannshohe afrikanische Gras; links in der Tamariske die dunkelgrüne Baumschlange, rechts ein Nashornvogel, im Hintergrunde eine kleine Antilope als Charaktertiere — kurz, in seiner Art ein kleines Meisterwerk.
In die Tiefen des Volksglaubens führt uns der Makua Isak mit seinem aufSeite 265wiedergegebenen Bildchen. Das drolligeTierchen dort ist der Unglücksvogel Liquiqui, die Eule. Marquardts Töchterlein brachte sie durch ihren Nacht für Nacht wiederholten Ruf den Tod; auch sonst sieht und hört man sie nicht gern.
Ein Bild aus dem Makondeleben endlich bringt die kleine Skizze aufSeite 305. Mtudikaye, die „Gastfreie“, und ihre Tochter Nantupuli, die leider immer noch keinen Mann bekommen hat, trotzdem sie es an Bemühungen keineswegs hat fehlen lassen, haben gegenwärtig ihre „Wasserwoche“. Die Männer haben jetzt alle Hände voll mit dem Urbarmachen des Busches zu tun, da müssen sich eben die Frauen mit den derben Tragstangen samt den großen Flaschenkürbissen belasten, um unten aus dem Bach am Fuße des Plateaus das zum Kochen nötige Wasser herbeizuschleppen. Der Weg ist weit und steil dazu, doch jetzt sind sie endlich am Ziel; dort die beiden Bananenstauden mit den schweren Fruchttrauben sind das Wahrzeichen der Schöpfstelle; klettert man in ihrem Schatten auf die großen, runden Steine im Bachbett, so strömt ein viel klareres Naß in die Gefäße als vom schlammigen, zertretenen Ufer aus.
Und nun endlich die Wissenschaft. Meine schwarzen Expeditionsgenossen müssen ein ausgeprägtes geographisches Gefühl besitzen; anders kann ich mir die zahlreichen Land- und Routenkarten nicht erklären, mit denen sie mich überschüttet haben. Ich bringe hier (S. 15) nur eine, die erste und darum für mich überraschendste. Ihr Autor ist Sabatele, ein ganz unberührtes Naturkind von weit hinten aus der äußersten Südwestecke unserer Kolonie, nämlich vom Südende des Tanganyikasees; schon zu Beginn der Expedition, in Lindi, brachte er sie eines Tags heran. Großes Schauri; Pesa mbili, der Trägerführer, und die anderen Intelligenzen natürlich dabei. Nach einer Viertelstunde ist die Identifizierung all der rätselhaften Zeichen gelungen; und wahrlich, staunenswert genug ist diese kartographische Erstleistung mit ihrer ganz richtigen Orientierung und der lediglich in einzelnen Ortsabständen mißglückten Topographie. Ich deute auf das seltsame Gebilde bei Nr. 1 der Zeichnung: „Mawopanda“ hallt es im gleichen Augenblickzurück. Das ist Kinyamwesi und bedeutet Daressalam. Nr. 2: „Lufu!“ lautet die Antwort. Das ist also der Ruvu unserer Karten, der große Fluß, den die Wanyamwesiträger bei ihren Wanderungen auf der großen Karawanenstraße überschreiten müssen. Nr. 3: „Mulokolo!“ lautet die Erklärung. Also Morogoro, der vorläufige Endpunkt der großen Zentralbahn, die dem altgewohnten Karawanenwesen der Wanyamwesi und Wassukuma für immer ein Ende bereiten wird. Den Wanyamwesi wird die Aussprache des R schwer; sie ersetzen es meist durch L; so stramme Burschen und dabei ein so weiches Idiom — ein merkwürdiger Gegensatz!
Nr. 4 ist der „Mgata“, also die zur Regenzeit völlig versumpfte Makatta-Ebene zwischen den Uluguru- und den Rubehobergen. „Kirossa!“ schnarrt es mir im nächsten Augenblick entgegen, als ich mit dem Bleistift auf Nr. 5 deute. „Natürlich, gerade wo kein R ist,“ brumme ich, über das prächtige Zungen-R entzückt, „da sprechen sie’s; also buchen wir: Kilossa.“ Nr. 6 ist die „Ballaballa“, die große Karawanenstraße selbst. Nr. 7 Mpapua, das alte Karawanenemporium, einst der letzte Ruhepunkt vor dem gefürchteten Marsch durch die Marenga Mkali, die große Bitterwassersteppe, und durch Ugogo auf dem Marsch ins Innere, die Erlösung von Durst und Mißhandlung auf dem Marsch zur Küste. Zögernd setze ich den Stift auf Nr. 8; der Zeichnung nach muß es ein Gewässer sein; mir ist aus jener Gegend jedoch keins bekannt. Richtig ist mir denn auch der Mutiwe, den Sabatele jetzt nennt, ein unbekannter Begriff; erst auf der Spezialkarte entdecke ich, daß er bei Kilimatinde vorüberfließt, wohlgemerkt, wenn er Wasser hat, was in jener Gegend nicht immer der Fall ist. In Sabateles Gemüt muß er als Wasserader haften geblieben sein; was sollte den materiellen Gesellen sonst an diese Örtlichkeit erinnern?
Doch nun gelangen wir ins Herz Deutsch-Ostafrikas und damit in Gegenden, die meinen Getreuen geläufig sind. Nr. 9 ist Kilimatinde, das hochgelegene; Nr. 10 nennt Sabatele Kassanga. Ich glaube Katanga, den Kupferdistrikt weit unten im Kongobecken, zu vernehmenund schüttele den Kopf; so weit kann der junge Mann doch wohl noch nicht gereist sein. Durch ein Kreuzverhör bekomme ich denn auch heraus, daß er aus der Landschaft Mambwe am Südende des Tanganyika stammt, und daß Kassanga mit unserm Bismarcksburg identisch ist. Nr. 11 ist mein ursprüngliches Ziel Kondoa-Irangi. Nr. 12 ist der in Iramba gelegene Unteroffizierposten Kalama. Bei Tobola, wie mein Kartograph Tabora nennt, geht er sogar auf Einzelheiten ein; Nr. 13a ist das Tabora von heute mit der neuen Boma; Nr. 13b das „Tobola ya samani“, das alte mit der Boma von früher. Nr. 14 und 15 sind Ujiji am Tanganyika und Muansa am Victoria-Nyansa; beide Handelsorte sind die Endpunkte der Reisen Sabateles nach Westen und Norden, wie er mir mit Stolz und Genugtuung erklärt.
Auch von den Leistungen seiner Gefährten abgesehen, steht die Routenkarte Sabateles unter den Naturvölkern nicht vereinzelt da; über deren kartographische Leistungen sind vielmehr bereits ganze Bücher geschrieben worden. Gleichwohl entbehrt die kleine, anspruchslose Skizze keineswegs eines gewissen wissenschaftlichen und völkerpsychologischen Interesses. Wir sind gewohnt, jedes Kartenblatt von Süden her zu schauen; der Norden liegt uns stets oben. Bei allen meinen Negerkarten ist die Orientierung umgekehrt; sie sehen das dargestellte Gebiet von Norden her und legen den Süden nach oben. Auch das hier wiedergegebene Blatt ist im Original nach Süden orientiert; lediglich, um es mit unsern Karten in Übereinstimmung zu bringen, habe ich es um 180° gewendet. Falsch sind die Ortsabstände; das ist aber in der Situation auch wohl der einzige Fehler; von ihm abgesehen, ist die Gesamtleistung für ein völlig unberührtes Naturkind erstaunlich gut.
Eine Kombination von Landschaftsmalerei und geographischem Sehen ist schließlich die letzte der hier wiedergegebenen Eingeborenenzeichnungen; sie ist gleichzeitig ein Stück Heimatskunst, denn Salim Matola hat in ihr die Berge seiner Heimat Massassi zur Darstellung gebracht (S. 87). Mir hat es nie gelingen wollen, die stolze Bergketteim Bilde festzuhalten; hatte ich auf meinen Rundtouren den nötigen Abstand erreicht, so konnte ich darauf wetten, daß die Luft unklar sein und jeden Fernblick verhindern würde; war ich aber im Schatten der Berge selbst, so fehlte der Gesamtüberblick. Salim hat also dem Mangel abgeholfen, und er hat das in nicht einmal übler Weise getan. Freilich, der schwarze Jäger oben auf dem Gipfel des Chironji ist in Anbetracht der reichlich 800 Meter Seehöhe des Berges ebenso unverhältnismäßig groß geraten wie sein Jagdgewehr; auch der Baumwuchs ist in der Größe — nicht im Charakter — mißglückt; aber sonst stimmt alles: die Reihenfolge Mkwera, Massassi, Mtandi und Chironji als Riesen; links davon dann Mkomahindo, Kitututu und Nambele als kleines Anhängsel. Gut ist auch die Steilheit der einzelnen Berge wiedergegeben; desgleichen die abgerundete Kuppenform; ja selbst die Struktur des Gneises glaubt man in den Strichen Salims wiederzuerkennen.
Es scheint, daß ich überall die ersten Regen nach mir ziehe: in Newala bereits zu Michaelis, in Nchichira einige Wochen später; hier in Mahuta haben sie zu Ende des Monats Oktober gleich mit ziemlicher Heftigkeit eingesetzt. Zum Glück habe ich vor ihrem Eintreten die Eingeborenen doch noch bis zum Übermaß genießen können. Es sind wahre Volksfeste im kleinen gewesen, die die Makonde auf dem großen, schönen Platz hier im Laufe der Wochen gefeiert haben; ganz zwanglos entwickelten sie sich und boten mir damit auch die Gewähr, etwas Ungekünsteltes, Echtes zu sehen zu bekommen. Mehr als einmal sind auch hier Stelzentänzer mit ihren Riesenschritten, dem starren Maskengesicht und wehenden Kleidern durch die Volksmenge gestapft. Allgemeinen Beifall hat eines Nachmittags eine wohlgelungene Affenmaske geerntet, die das Gebaren unseres differenzierten Vetters wirklich ganz trefflich und naturgetreu nachzuahmen verstand. Der Neger lacht gern, vielleicht weil er weiß, daß diese Reflexbewegung zu seinem prachtvollen Gebiß gut steht; bei den Kapriolen und Purzelbäumen dieses Mimikers waren indessen die dröhnendenLachsalven sehr wohl begründet. Ein Meister in allerlei Scherz und Kurzweil war ferner ein Volksgenosse, der sozusagen alles konnte; eine mittelgroße, überaus sehnige, muskulöse Figur, war der Mann zunächst ein unübertrefflicher Parterreakrobat, der dreist in einem europäischen Zirkus auftreten könnte; er produzierte sich gleich darauf in gleicher Meisterschaft am schwebenden Reck — vier starke Männer trugen eine lange Stange, die ihm als Evolutionsachse dienen mußte —; ausgezeichnet war derselbe Mann schließlich als „dummer August“. Der ganzen Rassenveranlagung nach entsprang die Komik dieser Figur aber auch nicht etwa der Physiognomie, sondern trat vorwiegend in Haltung und Bewegung der Beine zutage; im Kino habe ich das alles für die Zukunft festgehalten. Um den Beweis seiner Universalität zu vollenden und lückenlos durchzuführen, trat derselbe Mann im zweiten Teil des Programms als Held in einer Pantomime auf. Es war ein Ehebruchsdrama, der Ehemann ein Tölpel und Dummkopf, die Frau, nach antikem Muster durch ein männliches Individuum dargestellt, eine schlaue Kokette, der Cicisbeo ein aus alle Verführungskünste geeichter Don Juan. Soweit die Grundlagen des Dramas; sie sind, wie man sieht, ganz kosmopolitisch; urecht afrikanisch war dafür die Natürlichkeit und Ungeniertheit, mit der sich alle, aber auch alle Vorgänge des Lebens auf der Bühne abspielten, ganz echt afrikanisch auch der unerschütterliche Ernst, mit dem das sichtlich aufs äußerste interessierte Publikum dem Fortschreiten der Handlung folgte; kein unzeitiges albernes Lachen, kein vorlauter Zwischenruf.