Chapter 12

Antilopenfalle.

Antilopenfalle.

Der typische Ackerbauer steht in der Literatur als Jäger und Fallensteller nicht hoch im Kurse; sein bißchen Geist soll durch die Sorge um sein Feld völlig absorbiert werden; nur Völker vom Schlage des Buschmanns, des Pygmäen und des Australiers hält unsere Schulweisheit für fähig, das flüchtige Wild in Wald und Steppe mit Geschick zu erlegen und mit List und Geistesschärfe in schlau ersonnener Falle zur Strecke zu bringen. Und doch, wie weit schießt auch diese Lehrmeinung am Ziel vorbei! Freilich, unter den Völkern meines Gebietes gelten die Makua sogar als gute Jäger; dabei sind sie in der Hauptsache genau wie die anderen Völker typische Hackbauern, d. h. Leute, die ihre mühselig urbar gemachten Felder Jahr fürJahr unverdrossen mit der Hacke beackern. Sind ihre Tierfallen nicht trotz alledem Beweise eines geradezu bewunderungswürdigen Scharfsinns? Ich gebe einige meiner Skizzen als Belege bei; die Konstruktion der Fallen und die Art ihrer Wirksamkeit ergibt sich aus der Zeichnung von selbst. Wer aber der Kunst technischen Sehens gänzlich ermangeln sollte, für den füge ich bei, daß alle diese Mordinstrumente auf folgendes Prinzip hinauslaufen: entweder die Falle ist für einen Vierfüßer bestimmt; dann ist sie so eingerichtet, daß das Tier beim Vorwärtsschreiten oder -laufen mit der Nase gegen ein feines Netz oder mit dem Fuß gegen eine feine Schnur stößt. Netz und Schnur werden dadurch vorwärts gedrückt; jenes gleitet mit seinem oberen Rande nach unten, das Ende der Schnur hingegen bewegt sich etwas seitwärts. In beiden Fällen wird durch diese Gleitbewegung das Ende eines kleinen Hebels frei, eines Holzstäbchens, das in einer in der Zeichnung klar ersichtlichen Weise die Falle bisher gespannt erhalten hat. Es schlägt jetzt blitzschnell um sein Widerlager herum, bewegt von der Spannkraft eines Baumes odereines sonstwie angebrachten Bügels. Dieser schnellt nach oben und zieht dabei eine geschickt angebrachte Schlinge zu; das Tier ist gefangen und stirbt eines qualvollen Erstickungstodes. Ratten und ähnlich lieblichem Getier geht der schwarze Fallensteller zwar nach ähnlichen Prinzipien, doch noch grausamer zu Leibe, und leider stellt er auch den Vögeln mit gleicher Gerissenheit nach. Vielleicht finde ich später noch einmal Gelegenheit, auf diese Seite des hiesigen Völkerlebens zurückzukommen; verdient hat sie es, denn auf kaum einem anderen Gebiet zeigt sich die Erfindungsgabe auch des primitiven Geistes so schön und deutlich ausgeprägt wie in dieser Art des Kampfes ums Dasein.

Psychologisch interessant ist das Verhalten der Eingeborenen gegenüber meiner eigenen Tätigkeit bei der Lösung dieses Teils meiner Forschungsaufgabe. Wenn wir beiden Europäer unser karges Mittagsmahl verzehrt haben, Nils Knudsen sich zum wohlverdienten Schlummer niedergelegt hat und das Geschnarch meiner Krieger zwar rhythmisch, aber nicht harmonisch aus der Barasa herübertönt, dann sitze ich im sengenden Sonnenbrand, dem schattenlosen Schlemihl gleich, und nur kümmerlich geschützt durch den größeren meiner beiden Tropenhelme draußen auf dem Aufstellungsplatz meiner Tierfallen und zeichne. Bis in mein 30. Lebensjahr habe ich zum Spott für alle meine in dieser Hinsicht recht begabten Verwandten als talentlos gegolten; da „entdeckte“ ich mich als königlich preußischer Hilfsarbeiter im Berliner Museum für Völkerkunde eines schönen Tags selbst, und wenn einer meiner Freunde mich dereinst einer Biographie für würdig erachten sollte, so mag er nur ruhig betonen, daß mir in meiner wissenschaftlichen Entwicklungszeit meine bescheidenen zeichnerischen Leistungen eigentlich mehr Freude und Genugtuung bereitet haben als die schriftstellerischen. Für den ethnographischen Forschungsreisenden ist die Fähigkeit, von welchem Forschungsobjekt es auch immer sei, eine genaue Skizze rasch und mit wenigen Strichen entwerfen zu können, eine Zugabe, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die Photographie ist gewiß eine wunderbare Erfindung,im Kleinkram der täglichen Forschungsarbeit versagt sie indessen häufiger als man glaubt, und nicht nur im Dunkel der Negerhütte, sondern auch bei tausend anderen Sachen in heller Luft.

Perlhuhnfalle.

Perlhuhnfalle.

Falle für Großwild.

Falle für Großwild.

Also ich sitze und zeichne. Kein Lüftchen regt sich; die ganze Natur scheint zu schlafen. Auch mir wird die Feder müde, da höre ich unmittelbar hinter meinem Rücken Geräusch. Ein flüchtiger Blick lehrt mich, daß das Moment allgemein menschlicher Neugier selbst die Urkraft negroider Faulheit überwunden hat. Meine Träger sind’s, ein ganzer Haufen; auch Eingeborene dabei. Sie müssen leise herangetreten sein, was auf dem weichen Sandboden und bei dem Mangel an Schuhen nicht befremdlich ist. Gespannt schaut die enggedrängte Schar über meine Schulter hinweg ins Skizzenbuch. Ich lasse mich nicht stören; Strich folgt auf Strich; das Werk nähert sich seinem Ende; schließlich ist es fertig. „Sawasawa?“ (wörtlich: „gleich?“, hier etwa in dem Sinn: „Na, ist das Ding denn getroffen?“) frage ich gespannt zurück. „Ndio, jawohl“, ertönt es mir unverzüglich und mit einer Begeisterung in die Ohren, daß die Trommelfelle platzen möchten. „Kisuri?Ist es schön?“ „Kisuri sana kabissa, ausgezeichnet!“ gellt es noch stärker und begeisterter in meine Hörorgane. „Wewe Fundi, du bist ein Meister.“ Es sind meine Kunstverständigen, die ausübenden Künstler selbst, die hier in für mich so schmeichelhafter Art das Richteramt üben; die paar Schensi, die unbeleckten, von der Muse ungeküßten, die nicht zum Kreis meiner Künstler gehören, haben nur als Herdenvieh mitgebrüllt.

Und nun kommt der Versuch einer Nutzanwendung. Ich erhebe mich von meinem Stühlchen, stelle mich in Positur und lege meinen Kunstjüngern nahe, da sie nun sähen, wie ich, der Fundi, eine solche Falle zeichne, so wäre es angezeigt, daß nun doch auch sie sich einmal an einem solchen schwierigeren Gegenstand versuchten; immer bloß ihre Freunde abzumalen, oder aber Bäume und Häuser und die Tiere, das sei langweilig; außerdem seien sie doch so kluge Kerle, daß ihnen eine solche Vogelfalle kaum Schwierigkeitenbieten würde. Ich habe auf den Ausdruck verschämter Verlegenheit, wie er mir beim Beginn meiner Studien in Lindi entgegentrat, schon einmal hingewiesen; hier kam er noch verstärkter und auch allgemeiner zum Ausdruck. Ich habe dabei das bestimmte Gefühl gehabt, daß den Leuten jetzt zum erstenmal der Begriff dessen klar wurde, was wir Perspektive nennen. In ihren Gegenreden und Gebärden suchten sie sichtlich etwas Derartiges auszudrücken, sie verfolgten mit den Fingern die merkwürdig verkürzten Kurven, die doch in Wirklichkeit Kreisbögen waren, kurz sie standen etwas Neuem, vorher nie Gekanntem und Geahntem gegenüber, und das brachte ihnen einesteils das Gefühl ihrer geistigen und künstlerischen Unterlegenheit zum Bewußtsein, während es sie andererseits wie ein Magnet an mein Skizzenbuch bannte. Bis jetzt hat noch keiner von ihnen sich an die Wiedergabe einer solchen Tierfalle herangewagt.

Alle Afrikareisenden früherer Tage oder in weniger gut erschlossenen Ländern, als Deutsch-Ostafrika es ist, haben durch nichts mehr zu leiden gehabt als durch die Schwierigkeiten des Tauschverkehrs. Mit wieviel Hunderten von Lasten der verschiedenartigsten Zeugstoffe, mit wieviel Perlensorten ist noch ein Stanley zu seinen Entdeckertaten ausgezogen; wie unsicher war es bei alledem, ob man gerade den Geschmack der Eingeborenen seines Forschungsgebietes getroffen hatte; und wie ungeheuer vergrößerte diese primitive Art des Geldes den Troß jeder Expedition. Bei uns in Deutsch-Ostafrika mit seiner sooft zu Unrecht angefeindeten Kolonialregierung reist der Weiße heute fast ebenso bequem wie daheim im Mutterlande. Zwar sein Kreditbrief reicht nur bis zur Küste; trägt sein Unternehmen jedoch wie das meinige amtlichen Charakter, so ist jede Station und jeder Posten, der über eine Regierungskasse verfügt, angewiesen, dem Reisenden unter Beachtung sehr einfacher Formalitäten Kredit zu gewähren und ihn mit Barmitteln auszustatten. Des Rätsels Lösung ist sehr einfach: unsere Rupienwährung gilt nicht nur an der Küste, sondern zwingt auch alle Völker des Innern, sich ihr wohloder übel anzubequemen. Meine Operationsbasis ist auch in finanzieller Hinsicht das Städtchen Lindi mit seinem kaiserlichen Bezirksamt; von dort habe ich mir ein paar große Säcke mit ganzen, halben und Viertelrupien und für den ersten Bedarf auch einige Kisten mit Hellern mitgenommen. O dieser unglückliche Heller! Was wird er, sein echt „afrikanischer“ Name und seine Einführung überhaupt von den bösen, weißen Küstenmännern bespöttelt, und wie schlecht sind die Witze, die über ihn gemacht werden! Der billigste ist noch der, daß der gegenwärtige Zolldirektor in der Landeshauptstadt, der in der Tat den Namen dieses bei uns längst veralteten Zahlmittels führt, bei der ostafrikanischen Scheidemünze Gevatter gestanden habe. So viel merke ich schon jetzt: den Eingeborenen geht es wie bei uns den alten Leuten vor 30 Jahren; ebenso wie diese sich nicht an die Mark gewöhnen konnten und ruhig mit dem guten, alten Taler weiterrechneten, so zählt hier alles höchst despektierlich und illoyal nach Pesas weiter, der alten Kupfermünze der vierundsechzigteiligen Rupie. Dies ist auch viel einfacher und bequemer; ein Ei kostet einen Pesa, und damit basta. Seinen Wert in Heller umzurechnen fällt niemandem ein.

Doch der Neger müßte nicht Neger sein, wenn er sich nicht trotz alledem der Tätigkeit des Hellereinnehmens mit Begeisterung hingäbe. Und sein Geschäft blüht jetzt! Es paßt zu dem Bilde des Diogenes wie die Faust aufs Auge, wenn hinter dem laternenschwingenden Moritz der Mgonimann Mambo sasa durch die sonnige Landschaft zieht, hoch oben auf dem krauswolligen Haupte ein stattliches Gefäß mit gleißender Münze. Es sind frisch in Berlin geprägte Kupferheller, mit denen ich die Negerherzen zu betören ausziehe.

Nach langem, doch durchaus nicht langweiligem Ableuchten aller Salons der Negerpaläste kehre ich, geblendet von der überhellen Tropensonne, an das Tageslicht zurück; mit verständnisvollem Schmunzeln schleppt meine Leibgarde — das sind diejenigen meiner Leute, die immer um mich sind und die mit der dem Natursohn eigenen Auffassungsgaberasch begriffen haben, worum es sich handelt — einen Haufen Krimskrams hinterher; mit gemischten Gefühlen, erwartungsvoll und zweifelnd zugleich, folgen schließlich Hausherr und Hausfrau. Jetzt beginnt das Feilschen. Einen kleinen Vorgeschmack hat der Ausreisende schon in Neapel und Port Said, in Aden und Mombassa bekommen; hier spielt sich das Verfahren nicht wesentlich anders ab. „Kiassi gani?Was kostet der ganze Plunder?“ fragt man so leichthin, mit einer summarischen Handbewegung den ganzen Haufen umschließend. Diesem Verfahren steht der glückliche Besitzer jener Kostbarkeiten gänzlich ohne Verständnis gegenüber; er sperrt Mund und Nase weit auf und schweigt. So geht’s also nicht; diese abgekürzte Methode wäre auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus zu verwerfen. „Nini hii?Was ist das?“ Und ich halte ihm irgendeins der Stücke unter die Augen. Dies erst ist der richtige Weg. Jetzt öffnet sich der vordem so schweigsame Mund, und nun heißt es sich schnell auf die Kollegbank der seligen Fuchsenzeit zurückversetzt denken und eifrigst nachschreiben, was zur Abwechselung einmal nicht aus dem Munde hochwohlweiser Professoren auf das Auditorium herniederplätschert, sondern dem prachtvollen Zahngehege eines ganz unbeleckten Schensi entströmt. Und wenn ich dann alles weiß, den Zweck, den Namen, die Herstellungsart und die Wirkungsweise, dann endlich ist auch der Schwarze geneigt und imstande, den Einzelpreis zu fixieren. Bis jetzt habe ich dabei zwei Extreme feststellen können: die eine Kategorie der Verkäufer fordert ohne Rücksicht auf die Art des Verkaufsobjektes ganze Rupien,Rupia tatuoderRupia nne, 3 oder 4 Rupien; die andere verlangt ebenso konsequent den Einheitspreis eines Sumni. Dieser Sumni ist im hiesigen Sprachgebrauch der vierte Teil einer Rupie, gilt also 33⅓ Pfennig. In der Währung Ostafrikas ist er ein bildhübsches, zierliches Silberstück von etwas kleinerer Größe als unsere halbe Mark. Vielleicht ist es diese Handlichkeit, verbunden mit dem ungebrochenen Glanz gerade meiner funkelnagelneuen Stücke, was dieser Münze seine Bevorzugung sichert.

Eins muß man der hiesigen Bevölkerung im Gegensatz zu der Schwefelbande von Neapel, Port Said und Aden nachrühmen: keiner von ihnen zetert und jammert, wenn wir ihm statt des geforderten Talers den zwanzigsten oder zehnten Teil bieten. In voller Gemütsruhe geht der Neger in seiner Forderung nach und nach bis zu einer billigen Einigung herunter, oder aber er sagt gleich beim ersten Gegenangebot: „Lete, gib’s her.“ In diesem Augenblick beginnt dann die Glanzrolle des Knaben Moritz und meines Hellertopfes. Mit raschem Griff hat der Boy das Gefäß vom Haupte seines Freundes Mambo sasa heruntergeholt; mit Kennerblick mustert er den Kassenbestand, und dann zahlt er aus mit der Würde, wenn auch nicht mit der Geschwindigkeit des Kassierers einer großen Bank.

So oder ähnlich spielt sich das Handelsgeschäft auch um die übrigen Stücke ab. Es ist viel zeitraubender als mir lieb ist, jedoch nicht zu umgehen. Schließlich ist auch das letzte Stück erhandelt; mit der staunenswerten Geschicklichkeit, die ich an meinen Trägern sooft bewundere, haben diese die Beute im Handumdrehen zu großen Bündeln verschnürt; noch ein prüfender Rundblick nach photographischen Motiven, ein anderer Blick nach dem ob seines Reichtums schmunzelnden Hausbesitzer; dann ein kräftiges „Kwa heri, leb’ wohl“, und Laterne samt Hellertopf ziehen weiter.

Bei uns im alten Uleia haben Fürstensöhne im allgemeinen nicht viel Muße; sie müssen viel oder zum mindesten doch vielerlei erlernen und sind deshalb in ihrer Jugend stark angespannt. O wie anders und um wieviel besser hat es da mein edler Prinz Salim Matola! Kaum hatten wir uns hier in Massassi etwas menschlich eingerichtet, da erschien die junge Hoheit schon auf dem Plane; ein überschlanker, sehr langgewachsener Jüngling von 17 bis 18 Jahren; nach der Sitte des Landes sehr vornehm mit einer europäischen Weste bekleidet und sehr zutraulich. Salim ist seither kaum von mir gewichen; er kann alles, weiß alles, findet alles und schleppt erfreulicherweise auch alles herbei; er macht die besten Fallen, zeigt mir, mitwelch teuflischer Gerissenheit seine Landsleute Leimruten stellen, spielt meisterhaft auf allen Instrumenten und bohrt mit einer Geschwindigkeit Feuer, daß man über die Kraft dieses schmächtigen Körpers billig erstaunt sein muß. Er ist mit einem Wort eine ethnographische Perle.

Nur eins scheint mein junger Freund nicht zu kennen: Arbeit. Sein Vater, der bereits erwähnte, stets feucht-fröhliche Massekera-Matola, ist im Besitz eines sehr stattlichen Gehöfts und sehr ausgedehnter Schamben. Ob der alte Herr selbst und in höchsteigener Person sich jemals merkbar auf diesem Grundbesitz betätigt, kann ich leider nicht beurteilen, da er augenblicklich durch seine biervertilgende Tätigkeit sehr stark in Anspruch genommen ist; aber daß die weiblichen Hausgenossen fleißig die Hände rühren, um auch den letzten Teil der Ernte noch einzubringen, habe ich bei jedem Besuche gesehen. Nur das Prinzlein scheint über jede plebejische Betätigung erhaben zu sein; seine Hände sehen nicht nach Schwielen aus, und seine Muskulatur läßt auch stark zu wünschen übrig. Mit frohem Mut und heiterm Sinn schlendert er durchs Dasein hin.

Yaohütte.

Yaohütte.


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