Chapter 23

Türverschluß bei den Makonde von Jumbe Chauro.

Türverschluß bei den Makonde von Jumbe Chauro.

Mit nicht geringem Selbstbewußtsein hat mir erst ein Hausvater diese größte Erfindung des Hochlandes an Ort und Stelle vordemonstriert, und dann ein anderer; beide Male habe ich ein bewunderndes „Msuri sana, sehr schön!“ ausgerufen und den Wunsch geäußert, diese Wunderdinge mit nach dem fernen Uleia zu nehmen, um dort den Wasungu zu zeigen, was für tüchtige Kerle die Makonde seien. Noch bin ich keine fünf Minuten in meinen Windfang von Newala zurückgekehrt, da keucht es auch schon heran; im selben Augenblick senken sich zwei stattliche Bäume vor meinen Augen nieder, und feierlich, wie nach siegreicher Belagerung, überreichen mir zwei stark schwitzende Gestalten die Schlüssel zum Tor der gefallenen Feste. Zum Schlüssel gehört auch das Schloß, hatten die beiden Kommandanten ganz logisch gedacht; ein Griff nach der Axt, krachend fliegt das scharfe, dem trocknen, zähen Tropenholz gegenüber jedoch zu weiche Eisen in die Basis des schloßtragenden Pfeilers hinein. Den Pfahl aus dem Boden auszugraben und ihn dergestalt intakt herbeizuschaffen, das war den beiden Intelligenzen nicht eingefallen. So liegen die Stücke halb zertrümmert vor mir, und statt einer Belobigung bekommen die beiden Besitzer noch Schelte.

Auf der Suche nach dem Schlüsselloch.

Auf der Suche nach dem Schlüsselloch.

Die Makuahütten sind in der Umgebung von Newala besonders kümmerlich; in ihrer mehr als liederlichen Bauart erinnern sie mich lebhaft an die Interimsbauten der Makua von Hatia; und dabei haben die hiesigen Vertreter des Stammes durchaus keinen Krieg mitgemacht. Es muß also wohl angeborene Faulheit sein, oder aber das Fehlen einer straffen Häuptlingshand. Selbst die Barasa von Mlipa, eine kleine Stunde südöstlich von Newala, nimmt an dieser allgemeinen Verwahrlosung teil; während sonst die öffentlichen Bauten hierzulande stets der Gegenstand einiger Sorgfalt sind, läuft sie sichtlich Gefahr, vom ersten besten kräftigen Oststurm umgewirbelt zu werden. Von einigem Reiz in dem ganzen weiten Siedelungsdistrikt ist lediglich das Grab des verstorbenen Häuptlings Mlipa selbst. Ich habe es in den ersten Vormittagsstunden einmal besucht, wo noch brauende Nebel mit der durchbrechenden Sonne kämpften; da sah der kreisrund angelegte Hain haushoher Euphorbien, die nebst einem zerbrochenen Tongefäß allein noch von der Ruhestätte des alten Negerkönigs zeugen, fast weihevoll aus. Auch meine sonst so materiell und realistisch veranlagten Träger mochten so etwas fühlen, denn sie sangen heute nicht ihre gewohnten Schelmenlieder, sondern feierlich klang es, als wir von dannen zogen, in den dichten, grünen Makondebusch hinein und über ihn hinaus weithin den Steilabhang hinunter:

Feierliches Lied, erster Teil

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„Wir werden schon ankommen mit dem großen Herrn; wir stehen in der Reihe und haben keine Angst, unser Essen und unser Geld vom Serkal, der Regierung, zu bekommen. Wir sind nicht ängstlich; wir gehen zusammen mit dem großen Herrn, dem Löwen, zur Küste und kehren zurück.“

In bezug auf den Habitus der verschiedenen Stämme hier auf dem Westrande des Plateaus komme ich zu keinem anderen Ergebnis als dem bereits in der Ebene gewonnenen: es ist für einen Nichtanthropologen unmöglich, es dem einzelnen direkt anzusehen, welches Stammes er sei. Ich glaube aber, auch für den Anthropologen von Fach möchte diese Unterscheidung schwer sein, selbst auf Grund der peinlichsten Untersuchung; die ganze große Völkergesellschaft hier im Osten des Erdteils, zwischen dem großen zentralafrikanischen Graben, dem Tanganyika und dem Nyassa im Westen und dem Indischen Ozean im Osten, ist nun einmal eng miteinander verwandt; manche ihrer Sprachen unterscheiden sich nur dialektisch; die Stämme werden zweifellos dieselbe Schädelbildung und denselben Knochenbau besitzen; von auffallenden äußeren Stammesunterschieden kann da unmöglich die Rede sein.

Und selbst wenn sie beständen, hätte ich keine Zeit und Muße, mich mit ihnen zu befassen, denn welch ungeheure Fülle von ethnographischen Erscheinungen allein ist es, die Tag für Tag auf mich einstürmt, die gesehen oder gehört, in beiden Fällen aber begriffen, aufgezeichnet und niedergeschrieben sein will. Fast könnte ich es als ein Glück bezeichnen, daß wenigstens einzelne Forschungsgebiete durch äußere Umstände brachgelegt worden sind. Da ist vor allem das Gebiet der Eisentechnik. Afrika gilt sonst als ein Erdteil, wo der Eisenstein sozusagen auf der Straße liegt und wo es verwunderlich erscheinen möchte, wenn seine Bewohner nicht zur Verhüttung des überall anstehenden Materials gelangt wären; tatsächlich reicht ja auch die Kenntnis des Eisenschmelzens vom Nordrand bis zu den Kaffern.

Hier zwischen Rovuma und Lukuledi liegen die Verhältnisse nicht so günstig. Raseneisenstein oder eine andere Eisenverbindung ist, wie die Makonde erzählen, ihnen nicht bekannt; sie und ihre Vettern, die Wamatambwe, sind demgemäß nicht bis zur Technik des Eisenschmelzens fortgeschritten, sondern haben seit jeher ihre Eisengeräte von den Nachbarstämmen kaufen müssen. Aber auch denBewohnern des Tieflandes ist es nicht leicht gemacht worden. Nur ein einziger Fundi, ein alter Mann am Huwe, jenem steilwandigen Granitklotz, der sich einsam mitten aus der weiten, grünen Einöde zwischen Massassi und Chingulungulu erhebt und dessen zackiges, wild zerklüftetes Haupt den Wanderer überall grüßt, steht im Ruf, als letzter der Lebenden noch die Kunst des Eisenschmelzens zu bewahren. Schon von Massassi aus wollte ich den Mann in seiner Tätigkeit studieren; doch da hieß es: er ist aus Angst vor dem Aufstand über den Rovuma gegangen; er kommt indes bald wieder. Seitdem habe ich immer wieder gefragt: Ist er denn nun endlich da, der Fundi? „Bado“, hieß es dann urecht afrikanisch.

Gelbgießer beim Schmelzen des Messings.

Gelbgießer beim Schmelzen des Messings.

Einen gelinden Trost hat mir dafür ein Gelbgießer gewährt, den ich im Walde von Akundonde erwischte. Der Mann ist der Liebling der Frauen und also wohl auch der Götter; er fabriziert aus goldgleißendem Messing, das er um schnöden Mammon von der Küste erhandelt, jene massiven, wuchtigen Fuß- und Handknöchelringe, die an den schlanken Gliedern der Schönen meine staunende Bewunderung stets von neuem erregen. Wie jeder ordentliche Meister trug der Mann sein gesamtes Handwerkszeug bei sich: 2 Blasebälge, 3 Schmelztiegel, 1 Hammer, das war alles. Bitten ließ er sich nicht lange; eins, zwei, drei waren die beiden Blasebälge am Boden befestigt. Es sind einfache Ziegenbälge, deren Extremitäten durch einen Knoten in sich verschlossen sind, während die obere, für die Luftzufuhr bestimmte, weite Öffnung von zwei Holzleisten eingefaßt wird. Am anderen Ende des Balges ist eine schmale Öffnung gelassen; in dieser steckt eine Holzröhre. Rasch hat der Fundi aus der nächsten Hütte einen Haufen Holzkohlen erborgt; schon hat er auf die Mündungen der zwei Holzröhren — es kommen stets zwei Blasebälge zur Anwendung, um einen dauernden Luftstrom zu erzielen — eine Tondüse gesetzt; mit einem derben Schlag treibt er einen Holzhaken über den Holzröhren in die Erde. Jetzt füllt er den einen seiner kleinen, bereits stark verschlackten Tontiegel mit dem gelben Material,setzt ihn ins Zentrum des Kohlenherdes, der einstweilen nur schwach glimmt, und dann beginnt die Arbeit. In raschem Wechsel fahren die Hände des Fundi mit den Schlitzen der Blasebälge auf und nieder; hebt er die Hand, so spreizt er den Schlitz breit auseinander, so daß die Luft ungehindert in den Fellsack hineintreten kann; drückt er die Hand nieder, so schließt er den Sack, und fauchend bläst die Luft durch Bambusrohr und Düse in das rasch erstarkende Kohlenfeuer. Doch der Mann bleibt nicht bei der Arbeit; schon hat er einen andern herangewinkt, der ihn beim Blasen ablöst. Im Gleichtakt sausen die Hände auf und nieder, der Fundi aber hat aus seinem Rucksack, einer großen Felltasche, noch ein paar Werkzeuge geholt; mit Verwunderung sehe ich, wie er zunächst mittels eines glatten, fingerstarken Rundstabes ein paar Löcher senkrecht in den reinen Sand des Waldbodens drückt. Dies mag nicht schwer sein, gleichwohl entwickelt der Mann dabei bedeutende Sorgfalt. Darauf ein rasches Niederknien,ein paar Schläge auf ein paar kleine Holzhaken; an den Boden genagelt sehe ich eine kleine, niedliche Mulde. Ein Stück Bambusrohr ist es, der Länge nach halbiert, so daß die beiden Endknoten den Miniaturtrog abschließen. Endlich ist das gelbe Metall flüssig genug; mit zwei langen, durch Aufsplittern zangenartig gegabelten Stäben hebt der Fundi den Tiegel vom Feuer: eine kurze, rasche Wendung nach links, ein Neigen des Tiegels, unter Zischen und starker Rauchentwicklung fließt das Metall zunächst in die Bambusform, sodann in die Erdlöcher.

Das Verfahren dieses hinterwäldlerischen Meisters mag technisch nicht auf der Höhe stehen; es läßt sich indes nicht leugnen, daß er mit den geringsten und einfachsten Mitteln vollkommen Ausreichendes zu erzeugen versteht. Die vornehmen Damen hierzulande, d. h. die, welche es sich leisten können, tragen zweierlei Arten dieser schweren, massiven Messingringe: eine im Querschnitt halbkreisförmige und eine kreisrunde. Jene erzeugt der Fundi in genialster Weise in der Bambusform; Peripherie: rund, Oberfläche: horizontal; die andere in seinem kreisrunden Sandloch. Das Anlegen an die Gliedmaßen seiner Kundinnen ist einfach; mit leichten Schlägen seines Hammers legt der Meister das biegsame Metall ohne weitere Belästigung für die Trägerinnen um Arm und Knöchel herum.

Formen des Topfes.Glätten mit dem Maiskolben.

Formen des Topfes.

Formen des Topfes.

Glätten mit dem Maiskolben.

Glätten mit dem Maiskolben.

Schneiden des Randes.Ausarbeiten des Bodens.

Schneiden des Randes.

Schneiden des Randes.

Ausarbeiten des Bodens.

Ausarbeiten des Bodens.

Letztes Glätten vor dem Brande.Anzünden des Holzstoßes.

Letztes Glätten vor dem Brande.

Letztes Glätten vor dem Brande.

Anzünden des Holzstoßes.

Anzünden des Holzstoßes.

Anbrennen auf der Gegenseite.Wenden des glühenden Gefäßes.Wanyassa-Töpferei in Massassi.

Anbrennen auf der Gegenseite.

Anbrennen auf der Gegenseite.

Wenden des glühenden Gefäßes.

Wenden des glühenden Gefäßes.

Wanyassa-Töpferei in Massassi.

Eine Technik, die immer und überall das Interesse jedes Kulturhistorikers erwecken muß, eben weil sie so eng einesteils mit der Kulturentwicklung der Menschheit zusammenhängt, sodann weil gerade die Rekonstruktion unseres eigenen vorgeschichtlichen Kulturbildes sich in hohem Grad auf ihre Reste stützt, ist die Töpferei. Mit Vergnügen denke ich an die zwei oder drei Nachmittage zurück, wo in Massassi Salim Matolas schlanke, freundliche Mutter mir mit rührender Geduld die keramischen Künste ihres Volkes in konkretem Beispiel erläutert hat. Ist das ein urwüchsiges Verfahren! Einzige Hilfsmittel: in der Linken ein Patzen Ton, in der Rechten eine Kürbisschale mit folgenden Kostbarkeiten als Inhalt: dem Fragment einesausgelutschten Maiskolbens, einem taubeneigroßen, eiförmigen, glatten Kiesel, ein paar Stückchen Flaschenkürbis, einem handlangen Bambussplitter, einer kleinen Muschelschale und einem Päckchen eines spinatartigen Krautes. Das ist alles. Mit der Muschel kratzt die Frau in den weichen, feinen Sandboden ein kreisrundes, flaches Loch. Inzwischen hat eine frische Negermaid das Kürbisgefäß mit Wasser gefüllt; die Frau fängt nun an, den Klumpen zu kneten. Wie durch Zauberhand entwickelt sich dieser zu einem zwar rohen, aber doch immerhin bereits formenreinen Gefäß, das lediglich einer kleinen Nachhilfe mit jenen Instrumenten bedarf. Gespannt habe ich nach irgendwelchen Anfängen der Drehscheibe ausgeschaut;hapana, gibt es nicht. Ruhig und fest steht der Topfembryo in jener kleinen Vertiefung; tiefgebückt umwandelt ihn die Frau, ganz gleich, ob sie mit dem Maiskolben die größeren Unreinlichkeiten, kleine Steine und dergleichen entfernt oder Innen- und Außenfläche mit dem Bambussplitter glättet, ob sie später, nach eintägiger Trockenzeit des werdenden Gefäßes, mit zugeschliffenem Kürbisstück die Ornamente einsticht oder den Boden ausarbeitet; ob sie mit scharfem Bambusmesser den Rand schneidet, oder das nunmehr fertige Gefäß noch einer letzten Revision unterzieht. Unendlich mühselig ist dieses Frauengeschäft, aber es ist zweifellos ein getreues Spiegelbild des Verfahrens, wie es auch unsere neolithischen und bronzezeitlichen Vorfahren geübt haben.

Die Frau hat das unschätzbare Verdienst, die Erfinderin der Töpferei zu sein. Rauh, roh und rücksichtslos schweift die Männerwelt des Wildstammes durch das Gefilde; mit vereinter List haben die Jäger soeben das Wild zur Strecke gebracht; keinem fällt es ein, die Beute zum Wohnplatz zu schaffen. Schon prasselt, vom kraftvoll gequirlten Bohrstab hervorgerufen, ein helles Feuer zu ihrer Seite; kunstgerecht ist das Tier ausgeweidet und zerlegt; bald wird es als knapp angerösteter Braten hinter den scharfen Zähnen der Männer verschwinden; an Frau und Kind denkt niemand von der Schar.

Frau und Kind! Kommt, laßt uns unseren Kindern leben! erschallt der Ruf von der einen Seite; ehret die Frauen! von der anderen. Das gilt aber nur von uns, die wir auf diesem Gebiet wirklich die Träger höchster Vollkultur sind. Wie jammervoll und kläglich hat sich dagegen die Urfrau und noch mehr die Urmutter durchhelfen müssen! Ewig nur den Küchenzettel, den eine zwar gütige, aber doch auch nur einseitige Natur darbietet, das hält nicht einmal ein Urmagen aus! Von irgendwo hat Frau Urahne Kunde von den wohltätigen Wirkungen heißen Wassers auf die Mehrzahl altbewährter, aber doch schwer verdaulicher Gerichte erhalten. Die Nachbarin hat es auch versucht. Die sonst so harten Knollenfrüchte hat sie in einer mit Wasser gefüllten Kalebasse — oder war es ein Straußenei, oder gar ein schnell improvisierter Rindenzylinder? — über Feuer gehalten, da wurden sie viel weicher und schmeckten viel besser als vorher; leider aber hat das Gefäß nicht ausgehalten, sondern ist dabei elendiglich von außen verkohlt. Dem kann mit Leichtigkeit abgeholfen werden, denkt sie, und schon hat sie eine Schicht bildsamer, nasser Erde um ein ähnliches Gefäß herumgestrichen. Nunmehr geht es besser, das Kochgefäß bleibt unversehrt, nur hat es sich in dem heißen Feuer in seiner Umhüllung gelockert. Also herunter damit! Ein Griff, ein Ruck, Kern und Hülle sind getrennt — die Töpferei ist erfunden!

Doch zu einer verständnisvollen Benutzung der hartgebrannten Tonhülle selbst hat vielleicht ein um ein weniges anderer Weg geführt. Straußeneier und Kalebassen gibt es nicht überall auf der Erde, dagegen hat der Mensch es überall verstanden, sich aus biegsamen Bestandteilen, Rinde, Bast, Blattstreifen, Ruten und dergleichen, Behälter für seinen Haushalt herzustellen. Auch unsere Erfinderin hat kein wasserdichtes Naturgefäß. „Macht nichts; streichen wir den Korb von innen aus.“ Auch so geht es; aber o weh, das Korbgeflecht verbrennt über dem hellodernden Feuer jämmerlich; immer ängstlicher schaut die Frau dem Kochprozeß zu; sie befürchtet jeden Augenblick ein Leck, aber nichts von alledem. Das Gericht ist geraten und mitbesonderem Appetit verzehrt; halb neugierig, halb befriedigt wird das Kochgefäß gemustert. Der vordem so bildsame Ton ist jetzt steinhart geworden, zudem sieht er gut aus, denn das nette, saubere Geflecht des so schmählich verbrannten Korbes zeichnet sich in hübschen Mustern auf ihm ab. So ist mit der Töpferei gleichzeitig auch ihre Ornamentik erfunden worden.

Wir sind heute galant; aber wären wir es auch nicht, eine tiefe Verbeugung geziemte der Frau auch aus dem folgenden Grunde. Der schweifende Mann ist der Entdecker der willkürlichen Feuererzeugung; mit kraftvollem Arm zaubert er den göttlichen Funken aus jedem Astwerk hervor. Das kann ihm die Frau nicht nachtun. Sie ist dafür Vestalin von Urzeit herauf; nichts verursacht so viel Sorge wie die Erhaltung des glimmenden Spans. Und nun gar im Lager erst. Die Männer sind fern. Drohend ballen sich schwere Regenwolken zusammen; schon fallen die ersten dicken Tropfen; wirbelnd rast der Sturm über die Ebene daher. Unruhig zuckt das kleine Flämmchen des glimmenden Astes, das der Frau seit jeher mehr Sorge bereitet als das eigene Kind. Was tun? Ein blitzschneller Gedanke, rasch steht eine primitive Hütte, aus Rindenstücken gefertigt, da; noch immer zuckt zwar die Flamme, doch die Gefahr des Verlöschens in Regen und Wind ist glücklich abgewandt.

Einem solchen oder einem ähnlichen Vorgang ist zweifelsohne die Erfindung des Hauses im Prinzip zu danken; sie der Frau abzusprechen, hat selbst der hartgesottene Weiberfeind nicht das Recht. Der Schutz des glimmenden Herdfeuers gegen das unfreundliche Walten der Natur ist das Hauptmotiv zu Weiterentwicklung der menschlichen Behausung. Der Mann ist an diesem Fortschritt kaum beteiligt, oder doch erst sehr spät. Noch heute ist im ganzen Osten Afrikas das Bestreichen der Hauswand mit Lehm ausschließlich Sache der Frau, wie die Herstellung aller Tongefäße; zwei Überbleibsel, aber zwei sehr bezeichnende. Auch unser europäischer Gemüsegarten ist ein solches gutes, altes Reliquienstück aus den Anfängen höherer menschlicherWirtschaft, die ich mit dem Einsetzen der Kochkunst beginnen lasse; er interessiert noch heute den deutschen Hausherrn wenig, er geht ihn genetisch ja auch gar nichts an, denn auch er ist eine Erfindung der Frau. Mochten die schweifenden Männer ihr rohgeröstetes Fleisch selbstsüchtig in rauher Tafelrunde unter sich vertilgen, ihr blieb die nette, kleine Auswahl grünender Kräuter und rauschender Ähren, die sie im Laufe der Jahre als genießbar und schmackhaft herausgefunden hatte. Im Wesen ist es noch heute so; selbst das Urgerät dieser alten Beetkultur, die Hacke, steht bei diesem Zweig unseres Feldbaues noch in vollem Gebrauch.

Die edelste Errungenschaft aber, die wir dem anderen Geschlecht verdanken, ist doch die Technik und die Kunst des Kochens selbst. Nur das Rösten ist eine alte Kunst, eine von den Männern der Natur bequem abgelauschte zudem; der vom vernichtenden Waldbrand angeschmorte Kadaver des von der raschen Flamme überholten Tieres hat ihnen den Hinweis gegeben. Das Kochen, d. h. der Veredelungsprozeß organischer Stoffe unter Zuhilfenahme des zum Sieden gebrachten Wassers, ist eine weit jüngere Errungenschaft. Sie ist so jung, daß sie selbst heute noch nicht einmal überall hingedrungen ist; versteht doch der Polynesier wohl zu dünsten, d. h. sein Gericht, sauber in Blätter gewickelt, im Erdloch zwischen heißen Steinen unter Luftabschluß und hie und da unter Besprengung der heißen Steine mit etlichen Tropfen Wassers garzumachen, aber kochen kann er nicht. Ehre sei also der Frau und Dank für alle diese Wohltaten, mit denen sie die werdende Menschheit überhäuft hat!

Jedoch nie hat die böse Männerwelt der Frau das alles gedankt. Noch heute ist sie die Hüterin des Herdes, ganz gleich, ob dieser die Hütte des Negers, den Wigwam des Indianers, den Pfahlbau des Malaien zum behaglichen, von Mann und Kind erstrebten Mittelpunkt des täglichen Lebens gestaltet. Im Dunkel Afrikas und in den Urwäldern Amerikas hat sie freilich noch heute das zweifelhafte Vergnügen, Haus und Küche nicht nur zu erhalten und zu besorgen, sondernauch beide im wesentlichen selbst herzurichten; doch schnöde, undankbar und pietätlos hat die moderne Kultur die Frau aus der keramischen Werkstätte verbannt. Und wenn es die höchste Betätigung kulinarischer Kunst gilt, so ist auch da nicht mehr die Frau die berufene Trägerin dieses Könnens, sondern, uneingedenk ihrer alten Verdienste, stellen wir Köche an und erniedrigen die Frau zur bloßen Hilfeleistung. Wir sind ein undankbares Geschlecht.

Die schlanke Wanyassafrau hat nach einem letzten, prüfenden Blick den fertiggeformten Topf zum weiteren Trocknen in den Schatten gestellt. Als sie mir am nächsten Tage durch ihren stets gegenwärtigen Sohn Salim Matola entbieten läßt, sie wolle das Gefäß jetzt brennen, da erblicke ich sie beim Heraustreten aus meinem Hause schon eifrig beschäftigt. Sie hat eine Schicht daumenstarker, sehr trockner Knüppel auf die Erde gebreitet, den matt gelbgrauglänzenden Topf daraufgesetzt und umtürmt ihn nunmehr mit weiterem Geäst. Hilfreich und entgegenkommend überreicht ihr mein treuer Pesa mbili, der Trägerführer, den schon bereitgehaltenen Feuerbrand; unter beiderseitigem Blasen fachen sie den Stoß unter dem Winde an; schon zuckt die Flamme empor, da übertragen sie den Brand auch auf die Luvseite. Bald ist das Ganze ein einziges Feuermeer. Doch rasch verzehrt sich der trockne Stoff, der Stoß sinkt in sich zusammen, glühend ragt aus ihm das Gefäß hervor; mit langem Scheit wird es von der Frau gewendet, bald so, bald so, damit es gleichmäßig erglühe. Bereits nach 20 Minuten rollt sie das Kunstprodukt aus dem Aschenhaufen heraus, ein Griff nach dem Spinatbündel, das zwei Tage lang in einem Wassertopf gelegen hat; ein Schwung wie mit einem Weihwedel; laut zischen die Tropfen auf dem glühenden Ton auf. An die Stelle des gleichmäßigen Braunrots sind jetzt regellos verteilte schwarze Flecke getreten.

Mit einem Seufzer der Erleichterung und mit sichtlicher Befriedigung hat die Frau sich emporgereckt; sie steht genau in einer Linie mit mir und der Flamme. Eine Rauchwolke steigt empor; ein Druckauf den Gummiball der Kamera, es knipst, die Apotheose ist gelungen — eine Priesterin ihres erfinderischen Geschlechts, so steht die schlanke Frau da, zu Füßen das Feuer des Herdes, den sie uns geschenkt; zur Seite die Erfindung, die sie für uns gemacht; im Hintergrunde das Heim, das sie uns errichtet!

Makuatöpferei in Newala mit den Anfängen der Töpferscheibe.

Makuatöpferei in Newala mit den Anfängen der Töpferscheibe.

Auch in Newala habe ich mir die Herstellung keramischer Erzeugnisse vorführen lassen. Technisch war das Verfahren besser, denn hier kennt man bereits die ersten Anfänge der Drehscheibe, die es im Tiefland anscheinend nicht gibt; wenigstens habe ich keine gesehen. Von der Herstellung einer Vertiefung zur Aufnahme des zu bildenden Gefäßes sieht die Künstlerin, eine furchtbar stumpfsinnige Makuafrau, ab; dafür rückt sie mit einer großen Topfscherbe an, die sie mit einer gewissen Wichtigkeit an der improvisierten Arbeitsstelle niedersetzt. Auf dieser Scherbe entwickelt sich alles weitere in ziemlich den gleichen Bahnen wie bei Salims Mutter, nur daß die Töpferin hier des mühseligen Herumlaufens um das Gefäß enthoben ist; in aller Bequemlichkeit kauert sie dabei und läßt Topf und Scherbe um sich selbst rotieren; es ist also der Anfang einer Maschine. Aber wollt ihr glauben, daß der Topf etwa dadurch regelmäßiger und schöner geworden sei? Freilich ist er schön rund und ganz ansehnlich geworden, aber alle die zahlreichen großen und kleinen Gefäße, die ich in den „rückständigen“ Gebieten gesehen und zum Teil auch gesammelt habe, sind es nicht minder. Wir modernen Menschen bilden uns immer ein, um Hervorragendes schaffen zu können, seien Präzisionsinstrumente nötig. Geht hin in die prähistorischen Museen und Sammlungen und seht euch die Töpfe, Urnenund Schalen unserer Vorfahren aus grauer Vorzeit an, dann werdet ihr sofort eines Besseren belehrt sein!

Heute ist fast die ganze Bevölkerung Deutsch-Ostafrikas in eingeführte Kattune gekleidet. Dem war nicht immer so; noch heute gibt es im Norden einige Gebiete, wo das gewalkte Tierfell als Bekleidungsstoff vorherrscht, im Nordwesten aber, östlich und nördlich vom Tanganyika, liegt eine Zone, wo Rindenstoffe auch heute noch nicht ganz verdrängt sind. Nur wenige Generationen mag es her sein, daß solche Rindenstoffe neben Fellschurzen auch im ganzen Süden das einzige Bekleidungsmaterial gewesen sind. Auch heute ist dieses leuchtend rote oder fahlgelbe Material noch massenhaft vorhanden; will man es aber sehen, so muß man schon in die Vorratsbehälter, auf die Trockengerüste und in die Hütten der Eingeborenen kriechen; dort führt es ein bescheideneres Dasein, nämlich nur noch als Packmaterial für besonders sorgsam zu behandelnde Sämereien und Früchte. Auch das Salz von Massassi wird in große Rindenstoffstücke geschlagen und in ihnen kunstgerecht für den Ferntransport verpackt.

Ritzen der Rinde am Baum.Abziehen der Rinde vom Baum.

Ritzen der Rinde am Baum.

Ritzen der Rinde am Baum.

Abziehen der Rinde vom Baum.

Abziehen der Rinde vom Baum.

Putzen der abgehobenen Rinde.Klopfen der Rinde.

Putzen der abgehobenen Rinde.

Putzen der abgehobenen Rinde.

Klopfen der Rinde.

Klopfen der Rinde.

Geschmeidigmachen des geklopften Stoffes.Rindenstoffherstellung in Newala.

Geschmeidigmachen des geklopften Stoffes.Rindenstoffherstellung in Newala.

Wo es irgend ging, habe ich auch die Technik der Herstellung dieses Stoffes studiert. Mit einem zwei bis drei Meter langen, schenkeldicken Knüppel kommt der bestellte schwarze Mann an; sonst trägt er weiter nichts als einen merkwürdig gestalteten Hammer und das übliche lange, scharfe und spitze Messer, das alle Männer und Knaben, ohne Scheidehorribile dictu! — auf dem Kreuz im Gürtel tragen. Stumm läßt er sich vor mir nieder; mit zwei raschen Skalpierschnitten hat er im Abstand von zwei Meter den mitgebrachten Baum umzirkt, dann fährt er mit der Spitze des Messers auf dem Baum lang dahin. Mit sichtlicher Sorgfalt hebt er rings um den Stamm mit Hilfe des Messers die äußere Borke ab, so daß nach Verlauf einer guten Viertelstunde die erstrebte innere Schicht sich leuchtend zwischen den unberührt gebliebenen Stammenden heraushebt. Mit einiger Mühe und vieler Vorsicht löst er die Rinde an dem einen Ende ab, er öffnet den Zylinder;sodann steht er auf, ergreift den freigewordenen Rindensaum mit beiden Händen und zieht dem langen Knüppel langsam, aber mit Nachdruck das Fell über die Ohren. Ich erwarte, der so grausam Geschundene möchte achtlos beiseite geworfen werden; das geschieht aber nicht, sondern er wird belassen, wo er liegt. Für den Künstler beginnt nun die mühsame Arbeit des Säuberns; er schabt alle überflüssigen Borkenteile von der Außenseite des langen, schmalen Rohstoffes ab und unterzieht ihn auch auf der Innenseiteeiner sehr vorsichtigen Durchsicht nach Fehlstellen. Jetzt endlich geht’s an das Klopfen; auf einen Wink hat ihm ein Freund eine Schale mit Wasser zur Seite gestellt; mit diesem feuchtet der Künstler das ganze Stück ein, greift darauf nach seinem Hammer, legt das eine Ende des Stoffes auf die glatteste Stelle des entrindeten Baumes und hämmert langsam, aber stetig darauflos. Höchst einfach, denke ich, das würdest du sicher auch können; später aber werde ich anderer Meinung: das Klopfen ist doch eine Kunst, falls es nicht zu einemZerklopfen werden soll. Um das zu verhüten, faltet der Künstler den Rohstoff mehrfach der Quere nach und bildet dergestalt eine mehrfache Lage, die dem Zerschlagen der Fasern entgegenwirken soll. Endlich ist der gewünschte Endzustand erzielt; entweder ergreift der Fundi allein den immer noch gefalteten Stoff an beiden Enden und ringt ihn tüchtig durch, oder er ruft einen Gehilfen herbei, der ihn bei dieser Schlußarbeit unterstützt. Das so entstandene Zeug ist lange nicht so fein und regelmäßig wie der berühmte Rindenstoff von Uganda, aber es ist immerhin schön weich und vor allen Dingen billig.

Jetzt sehe ich mir auch den Hammer an; mein Künstler verfügt über die einfachere, aber bessere Form: auf dem Hammerstiel steckt als wirksame Masse ein derber Holzkegel, dessen breite Basis, die Schlagfläche, kreuz und quer mit mehr oder minder derben Riefen versehen ist. Bei der ursprünglichen Form ist der Kegel ebenso gestaltet, aber er ruht in einem kunstvoll verflochtenen System von Baststreifen, die ihn an einem aufgespaltenen Bambusstab als Stiel befestigen. — Die völkerkundliche Erfahrung, daß alte Sitten und Gebräuche sich am längsten im Kult und im Kinderleben erhalten, finden wir auch bei diesem Rindenstoffe bestätigt; wie ich sehr bald erzählen werde, wird er noch während des Unyago getragen, nachdem er unter bestimmten Zeremonien höchst feierlich erzeugt worden ist; auch legt manche Mutter, wenn sie sonst nichts hat, ihrem Sprößling noch hie und da ein Rindenschürzchen an. Das sieht dann viel schöner und weit afrikanischer aus als der lächerliche Lappen aus Uleia.


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