Elefantenherde nach Zeichnung von Barnabas, einem gebildeten Muera in Lindi (s.S. 448).Elftes Kapitel.Weitere Ergebnisse.
Elefantenherde nach Zeichnung von Barnabas, einem gebildeten Muera in Lindi (s.S. 448).
Elefantenherde nach Zeichnung von Barnabas, einem gebildeten Muera in Lindi (s.S. 448).
Chingulungulu, Ende August 1906.
Noch immer sitze ich in Chingulungulu; ich fluche mehr denn je auf diesen Sammelpunkt infernalischer Hitze, gräßlichen Staubes und schmutziger Eingeborener, aber ich komme nicht weg! Ursache: die anfängliche Unfruchtbarkeit meines Aufenthalts in wissenschaftlicher Beziehung ist allmählich in das gerade Gegenteil umgeschlagen, so daß ich Mühe habe, unter der Wucht der vielen neuen Eindrücke den Kopf oben zu behalten. Ich kann unmöglich alle diese Beobachtungen und Studien mit dem persönlichen Einschlag wiedergeben, den sie im Interesse der Sache verdienten, d. h. ich kann nicht breit und ausführlich erzählen, wie und in welcher Weise ich meine Einblicke in die Kultur und die Denkweise der hiesigen Eingeborenen gewonnen habe; es würde dies ganze Bände füllen, und zu solchen habe ich jetzt keine Zeit. Daher nur einiges wenige Persönliche und eine kleine Blütenlese aus den verschiedensten Gebieten der materiellen und der geistigen Kultur der Völker dieser weiten Ebene.
Das wichtigste Ereignis im Leben meiner Expedition ist die endgültige Angliederung der Persönlichkeit Nils Knudsens an mein Unternehmen; unter Vorbehalt der Zustimmung der Landeskundlichen Kommission habe ich ihn am 25. August mit einem ziemlich hohen Gehalt als Reisebegleiter in meine Dienste genommen. Ich habe dabei das Gefühl, daß damit beide Parteien gut gefahren sind. Der Anlaß zu diesem Schritt ist einfach genug. Wie ich bereits früher bemerkt habe, stand Knudsen als Leiter der Handwerkerschule im Dienst der Kommune Lindi; diese hatte ihn auf Ersuchen des kaiserlichen Bezirksamtes bis auf weiteres beurlaubt, damit er in der Ebene westlich vom Makondeplateau eine Art Kontrolle über die Akiden ausüben solle. Aus Gründen, die zu beurteilen ich keine Veranlassung habe, ist der Plan, derartige weiße Kontrollbeamte einzustellen, wieder aufgegeben worden; damit lag für die Kommune Lindi natürlich auch keine Veranlassung mehr vor, ihren Handwerkslehrer zu seinem Vergnügen im Lande spazieren gehen zu sehen; sie heischte ihn also zurück. Ich muß ehrlich gestehen, daß Knudsen mir längst unentbehrlich geworden war. Als daher vor einigen Tagen der kaiserliche Bezirksamtmann uns auf einer seiner Rundreisen vorübergehend besuchte, habe ich den oben vermeldeten Schritt getan und Knudsen bei mir angestellt. Seitdem fühlt er sich anscheinend wichtiger als vorher; es ist aber auch ein ganz ander Ding, einen deutschen Gelehrten in die tiefsten Geheimnisse eines fremden Volkstums einzuweihen, als faule Negerknaben in die Künste des Hobelns, Sägens, Schmiedens und Nietens.
Das zweite Hauptgeschehnis ist ein gräßliches Fieber gewesen, an dem ich gerade in den letzten Tagen schwer darniedergelegen habe. Auch dieser Anfall hat seine kleine Vorgeschichte. Ewerbeck reist nie ohne einen alten Sudanesentschausch, einen Unteroffizier von sehr schwindsüchtigem Äußern, der seine Begleitmannschaft von Polizeisoldaten kommandiert. Dieser Tschausch figuriert in meiner Nomenklatur der Eingeborenen längst als der „Oberhuster“. Der Name ist, was nicht schwer zu erraten, der wundervollen Pfahldorfgeschichtein Friedrich Theodor Vischers köstlichem Roman „Auch Einer“ entnommen, den ich als eine Art Brevier aller Lebensweisheit verehre. Schon in allen Lagern auf unserem gemeinsamen Marsch von Lindi bis Massassi hatte von allen den zahlreichen Expeditionsaskari keiner so virtuos gehustet wie dieser alte Tschausch: ganze Melodien, aber keine ansprechenden, hatte er in seine furchtbaren Anfälle gelegt. Dieser Oberhuster erscheint selbstverständlich auch diesmal mit seinem hohen Chef wieder auf der Bildfläche; eine ganze Nacht lang hat er mir durch seine Künste wieder den Schlaf geraubt; denn wenngleich er und seine Garde diesmal weiter von unseren Zelten abliegen als sonst in der Wildnis, so überwinden diese schrecklichen Töne doch jede Entfernung. Ich bin demgemäß denn auch ganz Rachegefühl. Am halben Nachmittag sehe ich, wie der alte Herr seine Leute zum Appell antreten läßt.DiePose von ihm kenne ich; bei Tage hustet er nicht, dafür aber kratzt er sich unausgesetzt und beharrlich an der untersten Partie seiner Rückseite. Mit einem Satz bin ich an meinem 9 × 12-Apparat, der beschaulich an seinem Nagel an einem der Barasapfeiler hängt. Ein Griff an den Riemen, „krach“ geht es; ein rascher Blick nach unten, die Tasche ist leer, die Kamera liegt im Staube. Macht nichts, denke ich, und will den Apparat montieren. Es geht nicht; der Schlitten ist verbogen. Dem Schaden ist durch einen energischen Druck abgeholfen. Doch nun der Momentverschluß, dieses Schmerzenskind jedes Tropenapparates! Richtig hat auch er einen Knacks; er schließt nicht.
Dorf des Wangoni-Häuptlings Makachu.⇒GRÖSSERES BILD
Dorf des Wangoni-Häuptlings Makachu.⇒GRÖSSERES BILD
⇒GRÖSSERES BILD
Es gibt im Menschenleben Augenblicke, über deren Tun und Lassen man sich später vergebens Rechenschaft abzulegen versucht. So begreife ich auch heute noch nicht, wie mich der Verlust dieses Apparates so fürchterlich hat aufregen können, wie es tatsächlich der Fall gewesen ist; an den Besitz meines geradezu ideal guten 13 × 18-Apparates muß ich in jenen Stunden gar nicht gedacht haben. Daß dies später nicht mehr geschehen ist, kann man eher verstehen, denn noch ehe die Sonne versank, erfreute ich mich schon einer schnell steigendenFieberkurve. Nach meinem bereits früher bewährten Verfahren habe ich das Fieber durch gewaltige Mengen mit Zitronensäure versetzten Tees zu bändigen versucht, aber vergebens. Nach einer schrecklichen Nacht mit durchschnittlich mehr als 40° Temperatur war das Fieber am nächsten Morgen zwar so weit herunter, daß ich mich ermannen konnte, für den indischen Fundi in Lindi die Zeichnungen zu Einsatzrahmen in meinen 13 × 18-Apparat anzufertigen. Bis zu diesem Augenblick hatte ich meine photographische Ausrüstung für mustergültig gehalten, doch an die Möglichkeit eines solchen Unglücks, wie er meinem kleinen Apparat zugestoßen ist, und an seinen Ersatz durch einfache Holzrahmen haben weder ich noch meine Lieferanten gedacht. Mit eiserner Energie habe ich noch gerade jene Zeichnungen fertigstellen und durch einen Eilboten nach Lindi absenden können, da war mein Fieber schon wieder auf weit über 38°, und ich mußte wohl oder übel von neuem ins Bett. Dort ist der Anfall schließlich zu Ende gegangen, wie jedes Fieber zu Ende geht; fast möchte ich heute schon wieder rauchen, wenn wir beiden Europäer auch nur noch das Geringste zu rauchen hätten. Doch die Lust am Aufenthalt in Chingulungulu ist mir seitdem gründlich vergangen; nur eine Tagereise weit von uns winkt der Rovuma mit seinen grünen Ufern, seinem klaren, kühlen Wasser, seinen Sandbänken und Inseln. Dorthin wollen wir in den nächsten Tagen, um für kurze Zeit Erholung zu suchen von all dem kleinen und großen Ungemach, das uns hier in Chingulungulu betroffen hat.
Vorher halte ich es noch für meine Pflicht, wenigstens einiges aus meinen Forschungen und Ergebnissen hier niederzulegen.
Außer den vielen anderen Krankheiten, wie Malaria, Schwarzwasserfieber, Schlaf- und Wurmkrankheit, Rückfallfieber, Beriberi, und wie sie alle heißen mögen, die kleinen und großen Leiden der Menschheit in diesen klimatisch sonst außerordentlich begünstigten Gebieten, ist in unserer Kolonie am Indischen Ozean leider auch der Aussatz endemisch. An der Küste des Südbezirks sucht die Kolonialregierung der weiteren Ausdehnung des schrecklichen Leidens dadurchHerr zu werden, daß sie die Unglücklichen, zurzeit gegen 40 an der Zahl, auf einer Insel im Ästuar des Lukuledi unterbringt, verpflegt und durch das medizinische Personal von Lindi behandeln läßt. Hier im Innern müssen sich die Leprakranken einstweilen noch auf die Fürsorge ihrer Stammesgenossen verlassen. Bei den Yao ist diese Fürsorge ein Gemisch echt menschlichen Mitgefühls und roher Barbarei; der Kranke wird im tiefen Pori in einer eigens für ihn erbauten Hütte untergebracht. Dorthin oder in deren Nähe bringen ihm dann die Verwandten, Freunde und Stammesgenossen die Nahrung, bis es zu Ende zu gehen scheint. Haben die Stammesweisen diese Prognose gestellt, dann bringt man dem Todeskandidaten die letzte Mahlzeit; sie ist reichlich, überreichlich, aber ihre Darreichung geht Hand in Hand mit einer festen Verbarrikadierung der Hütte von außen; selbst wenn der Kranke noch die Kräfte und den Willen hätte, sich befreien zu wollen, es würde nicht gehen; rettungslos ist er nach dem letzten Bissen und nach dem letzten Trunk dem Verhungern preisgegeben.
Grab des Yaohäuptlings Maluchiro in Mwiti.
Grab des Yaohäuptlings Maluchiro in Mwiti.
Ein ander Bild; auch das handelt von Tod und Scheiden. Wie ein Wahrzeichen alter Negerherrlichkeit ragt der Hungurueberg mitHatias baum- und sagenumrauschtem Grab in die weite Ebene hinaus. Bei anderen Sterblichen ist die Sprache ihrer Gräber nüchtern, sie selbst sind anspruchslos. Hier im weitgedehnten Chingulungulu habe ich Gräber an den verschiedensten Stellen des Pori gefunden, frische und alte; keines von ihnen unterscheidet sich äußerlich von den unseren; ein runder oder ovaler Hügel über dem Leichnam des Kindes, ein länglicher über dem des Erwachsenen, das ist alles; von der mir mehrfach berichteten Sitte, daß über dem Hügel eine leichte Hütte gebaut und diese mit Stoffen verziert werde, habe ich bis jetzt nichts gesehen. Nur ein Grab in Massassi zeigte eine solche Hütte, doch es hieß, es sei ein Arabergrab, und die Stoffe fehlten. In Mwiti aber, wo Nakaams Vorgänger Maluchiro begraben liegt, hat dieses Fürstengrab leider ganz den Charakter des Altüberkommenen verloren; dort stößt der Reisende auf eine gewaltige Hütte von ovalem Grundriß und wuchtigem, weit herniederhängendem Dach; tritt er aber näher, neigt Haupt und Körper und betritt den in seinem Halbdunkel unleugbar stimmungsvollen Raum unter diesem Dach, dann steht ein barbarisch prunkvoller Kunstbau vor ihm: starke, massive, aus Lehm gebaute Pfeiler zu Häupten und zu Füßen des Verstorbenen, etwas niedrigere Mauern zu beiden Seiten. Solche Monumente sind der Stolz des Eingeborenen dem durchreisenden Weißen gegenüber, doch sind sie leider auch der Beweis, wie weit schon islamisches Wesen in die alte Negerkultur eingedrungen ist.
Auch wir Europäer mit unserem übermächtigen Einfluß sind nicht weniger schuld an dem Verwischen des alten Kulturbildes. Zwar so schlimm, wie ich es bisher immer geglaubt hatte, ist es z. B. auf dem Gebiet der Technik des Feuermachens noch nicht; ich hatte mir daheim eingebildet, jeder schwarze Hausvater trüge seine Schachtel „Schweden“ ständig mit sich herum, und bei jeder Hausfrau lägen die Jönköpings wie bei uns an einer bestimmten Stelle des Herdes. Weit gefehlt, nichts davon ist zu finden. Aber auch kein anderes Feuerzeug ist zu sehen. Also sind die Leute feuerlos? Auchnicht; im Gegenteil, sie haben ewiges Feuer. Das ist in der Tat die verblüffende Lösung einer Frage, die in der Völkerkunde schon so viele Geister seit langer Zeit beschäftigt hat. Noch vor wenigen Jahrzehnten glaubten so ernsthafte Forscher wie die Engländer Tylor und Lubbock allen Ernstes an feuerlose Völker; selbst unsere braunen Brüder auf den Marianen sollten zu diesen Ärmsten gehören. Heute ist das Gegenteil einwandfrei nachgewiesen worden; man weiß, daß alle Teile der Menschheit nicht nur Feuer zu ihrem Nutzen zu verwerten, sondern auch auf künstlichem Wege hervorzubringen verstehen. Das Problem hat sich daraufhin zu der anderen Fragestellung zugespitzt: hat die Menschheit das Feuer erst benutzt und dann erst hervorzubringen gelernt, d. h. hat sie die natürlichen Feuerquellen der Vulkane und Laven, brennender Naphthalager, vom Blitz getroffener, trockner Bäume, durch Eigenwärme in Brand geratener, dicht aufgeschütteter Pflanzenmassen zum Ausgangspunkt ihrer Feuerbenutzung genommen und ist später erst zu dessen künstlicher Herstellung fortgeschritten, oder hat sie zuerst den göttlichen Funken durch Bohren, Reiben und Schlagen hervorzubringen gelernt und ist sie erst daraufhin dazu übergegangen, das freundliche Element in seinen Haushalt einzuspannen? Möglich wärea prioribeides, wenngleich natürlich der erste Entwicklungsweg viel wahrscheinlicher ist als der andere. Heute muß man sagen, daß er allein in Frage kommt. Diese Erkenntnis haben wir lediglich der Völkerkunde zu verdanken.
In einer Zeit, wo jahrein jahraus Hunderte und Aberhunderte von Forschern sich abmühen, die letzten und verlorensten der Naturvölker der Gegenwart systematisch zu beobachten und zu studieren, wo die bestehenden ethnographischen Museen sich unter dem Andrang neuer Sammlungen bis zum Übermaß füllen, und wo fast alljährlich neue derartige Museen entstehen, will es uns seltsam anmuten, zu sehen, wie die ältere, weniger glücklich gestellte Zeit sich mit bloßen Schreibtischtheorien begnügen mußte. Im Sturm reiben sich zwei Äste eines Baumes aneinander; immer heftiger und immer stärker wird derWind, immer rascher die Gleitbewegungen beider Astflächen. Da, ein leises Glühen; ein Fünkchen zeigt sich; rasch wird es zum Funken und zur lodernden Flamme, die mit verzehrender Glut den ganzen Baum ergreift. Unten am Baum hat das primitive Menschenkind gestanden und mit erstaunter Verwunderung dem seltsamen Vorgang zugeschaut. „Ei,“ denkt es, „so also wird das gemacht!“ Und schon nimmt es ein paar Holzscheite und macht es ebenso.
Feuererzeugung.
Feuererzeugung.
In dieser Schilderung haben wir das Prototyp dieser alten, grauen Theorien ohne konkrete Unterlage; es ist die des alten Sprachforschers Kuhn, den vor einem halben Jahrhundert seine „Herabkunft des Feuers“ zum mindesten ebenso berühmt gemacht hat wie seine sprachvergleichenden Schriften. Uns schlechten Kerlen einer pietätlosen Gegenwart dient der alte Herr jetzt zum Gespött; aber das ist so der Welten Lauf.
Es ist immer gut, einer weitverbreiteten Kulturerrungenschaft gegenüber, wie es die künstliche Hervorbringung des Feuers ist, an einen mehrfachen Entwicklungsweg zu denken. Wenn wir heute sehen, wie ein großer, ja der bei weitem größte Teil der Urmenschheit sich des Bohrprinzips, ein kleinerer des Prinzips des Reibens, ein dritter dessen der Säge bedient, während der Rest bereits zum Schlagfeuerzeug, zum Hohlspiegel und zum Prinzip des pneumatischen Feuerzeugs übergegangen ist, so ergibt sich jene Notwendigkeit von selbst. Gleichzeitig zeigt uns diese Mannigfaltigkeit der Methoden, daß die Feuererzeugung durchweg erst etwas Sekundäres ist, auf das die Menschheit zufällig und bei Verfolgung ganz anderer Ziele gestoßen ist. Dies trifft sogar für die Feuerpumpe von Südostasien zu. Diese Feuerpumpe ist eine unten geschlossene Röhre, in die der Malaie mit Wucht einen gut schließenden Stöpsel treibt, der in seinem unteren, hohlen Ende eine feine Zundermasse beherbergt. Die zusammengepreßte Luft erhitzt sich und entzündet diesen Zunder. In dem Blasrohr, das etwa in den gleichen Gegenden verbreitet ist, haben wir den zwanglosen Hinweis auf die Erfindung dieses Feuerzeugs; bei der Herstellung jener Schießwaffe, dem Treiben des Loches, liegt die Beobachtung der Lufterhitzung ganz nahe; sie absichtlich zu wiederholen, ist dann nicht mehr schwer. Für die sämtlichen übrigen Formen des Feuerzeugs gibt schon der Kulturbesitz der allerältesten Menschheit Hinweise; bereits der Ururmensch hat schaben, bohren, reiben, sägen müssen, um seine primitiven Werkzeuge, Waffen und Geräte zweckentsprechend zu gestalten. Dabei entstand Schab-, Bohr- und Reibpulver, es entstand zugleich bei kräftiger Betätigung eine mehr oder minder große Hitze, die unter besonders günstigen Umständen jenes Pulver zum Glimmen bringen konnte oder mußte.
So und nicht anders sieht die heutige Völkerkunde die Erfindung der Feuererzeugung an. Diese Erfindung ist sicherlich vielerorts und zu den verschiedensten Zeiten gemacht worden, stets aber doch wohl erst, nachdem das Feuer als Naturerscheinung schon etwas Vertrauteswar. Zu dieser Forderung zwingt uns die Beobachtung, die aufmerksame Reisende bei allen Naturvölkern gemacht haben; das Feuer ist ein Haustier, das man hegt und pflegt, das aller Wahrscheinlichkeit nach in seiner Empfindlichkeit gegen jeden Niederschlag sogar eine Veranlassung zur Erfindung des Hauses gewesen ist und das man vor dem Verlöschen zu bewahren sucht, soweit es irgend möglich ist. Auch hier in meinem Forschungsgebiet ist nichts so rührend wie gerade diese große Fürsorge um das „ewige“ Feuer. Hätte ich nicht die Gewohnheit, überall, wohin ich komme, mir von Jung und Alt die Technik des Feuerbohrens vorführen zu lassen, ich glaube, ich könnte zehn Jahre im Lande sitzen, ohne eine Ahnung von dem Vorgang selbst zu bekommen. Selbst über weite Entfernungen hin schleppt man das glimmende Scheit, und erst wenn alle Stricke gerissen sind, wie wir zu sagen pflegen, d. h. wenn auch dieses Scheit erloschen und kein anderes Feuer zu entleihen ist, dann greift der Mann zu ein paar Stäben, um durch eine kurze, aber intensive Bohrarbeit ein neues Feuer erstehen zu lassen.
An den krampfhaften, instinktiven Versuch, durch feines Bohrmehl das im feuchten Urwald verlöschende Scheit zu neuem Glühen zu erwecken, knüpft übrigens die hübsche Theorie Karl von den Steinens an. Zwei Indianer ziehen durch den Wald; sie tragen das glimmende Scheit unter großer Sorge mit sich, denn ein feiner Regen rieselt herab. Der Regen wird stärker; „das Feuer geht aus!“ ruft der eine. Seines Tuns selbst kaum bewußt, bricht der andere einen trocknen Holzstab entzwei, setzt das Ende des einen Teils auf die Peripherie des anderen und quirlt wie toll drauf los. Was er will, ist lediglich Pulver, feines trocknes Pulver, von dem er weiß, wie gut es zum Wiederbeleben erlöschender Flammen ist. Er bohrt und bohrt, immer wilder, immer schneller: schon liegt ein ganzes Häufchen des gewünschten Materials neben der Unterlage. Doch siehe da, ein feiner Rauchfaden steigt aus dem kleinen Kegel empor; er wird stärker und stärker; ein helles Fünkchen blinkt aus der gelben Masse heraus;instinktiv fängt der Wilde an, sanft zu blasen — die Feuererzeugung ist erfunden.
So kann und wird es wahrscheinlich im fernen Südamerika gewesen sein, so könnte es auch alltäglich hier in Afrika vor meinen Augen geschehen, wenn der Neger die gleiche Beobachtung nicht schon vor Jahrzehntausenden gemacht hätte. Nicht jeder kann es; ich habe Virtuosen vor mir gehabt, die vom Beginn des Quirlens bis zum Emporzüngeln der hellen Flamme noch nicht einer halben Minute benötigten; andere haben sich lange gequält und schafften es doch nicht. Wesentlich für das Gelingen ist die Kerbe zur Seite des Bohrloches, damit das allererste Fünkchen auf dem kürzesten Wege zum herabrieselnden Pulverkegel gelangen kann; wesentlich ist ferner auch ein ruhiges, gleichmäßiges Quirlen ohne Überhastung, und ein sanftes, stetiges Blasen wie am Lötrohr. Wie oft habe ich mich in Leipzig mit dem Feuermachen nach allen möglichen Bohrmethoden versucht, und wie haben meine Studenten und ich uns gequält und abgerackert! Auf die drei Punkte haben wir nicht achtgehabt, aus dem einfachen Grunde, weil wir sie nicht kannten. Daher unsere bisherigen Mißerfolge. Aber von nun an soll es anders werden!
Der Gegensatz zwischen Virtuosen- und Stümpertum waltet zu meinem Erstaunen hier auch im Waffenhandwerk vor. Wie die Leute mit ihren Vorderladern umzugehen verstehen, kann ich nicht beurteilen, da diese Waffe jetzt brachliegt; aus Anlaß des Aufstandes ist die Pulvereinfuhr gesperrt, der Einfachheit halber sogar auch für unsere Bundesgenossen in jenem Kriege. Schon dieser Umstand bringt es mit sich, daß die alten Waffen gegenwärtig mehr zum Vorschein kommen, als dies sonst wohl der Fall sein mag; außerdem weiß alle Welt, daß der fremde Mann aus Uleia sich für solche Dinge interessiert, was selbstverständlich ebenfalls nicht wenig dazu beiträgt, meine nähere und weitere Umgebung zeitweise etwas zu enteuropäisieren. Für den Hauptgebrauch aller Waffen, für die Jagd auf Groß- und Kleinwild, hat übrigens der Vorderlader nur geringe oder gar keine taktischenÄnderungen mit sich gebracht. Die Schwierigkeit bei der afrikanischen Jagd, an das Wild in wirksame Schußnähe heranzukommen, besteht bei diesen vorsintflutlichen Donnerbüchsen nach wie vor, und ihrer Überwindung gilt denn auch die Unsumme von Vorbeugungsmaßregeln, deren sich die Jäger vor und während der Jagd befleißigen.
Die hiesigen Jäger, unter denen in allererster Reihe Nils Knudsen zu nennen ist, haben mir im Lauf meines einmonatigen Aufenthaltes in Chingulungulu die längsten Geschichten über die einheimischen Jagdmethoden mit all ihrem Drum und Dran erzählt. Wenn gar nichts anderes mehr zog, wenn ich von der unausgesetzten Arbeit des Photographierens, Phono- und Kinematographierens, des Zeichnens, Ausfragens und Niederschreibens müde war, und wenn meine unglücklichen Gewährsleute sich mit ihrem natürlichen Takt nur noch aus Rücksicht auf ihren vornehmen weißen Gast aufrecht erhielten, dann brauchte ich nur das Thema Jagd anzuschneiden, und sofort war alles wieder frisch; auch ich, denn tatsächlich kann man sich kein interessanteres Bild aus der Völkerkunde denken als gerade diese Verhältnisse.
In einer der täglichen Dauersitzungen, zu denen die Männer des Dorfes während eines großen Teiles des Jahres eigentlich immer versammelt sind, hat das „Plenum“ für die nächste Zeit einen großen Jagdzug beschlossen; mit einem Eifer, der den sehnigen, aber sonst doch ganz behäbigen Männern im allgemeinen fremd ist, eilt heute jeder seiner Hütte zu. Aufmerksam prüft jeder Hausherr sein Gewaffen. Es ist eine altbekannte Tatsache, daß der Neger sein Gewehr stets in tadellosem Zustande erhält; darauf kommt es aber heute nicht an, heute gilt es, die Beute selbst zu bannen und den Beistand der höheren Mächte für das Unternehmen zu sichern. Dazu ist Medizin nötig, viele und starke Medizin. Von allen irdischen Dingen die stärksten sind Körperteile von totgeborenen Kindern: diese haben auf dieser Erde nichts Übles tun können, ihr Schuldkonto ist demgemäß ganz unbelastet, und jeder Teil von ihnen ist daher, nach der Denkweise des Negers, mehr als alles andere geeignet, aufandere Geschöpfe einzuwirken. Ähnliche Gedanken scheinen auch bei der um jeden Preis erstrebten Benutzung des menschlichen Mutterkuchens vorzuwalten; Skeletteile von längstgestorbenen Menschen, besonders von berühmten Jägern, hat unser Weidmann hingegen deshalb zu erlangen versucht, weil diese Teile nach seinem Glauben die Fähigkeiten des Verstorbenen ohne weiteres auf ihn übertragen. Alle diese Dinge, außerdem auch Stücke von den Wurzeln ganz bestimmter Pflanzen, werden zu Amuletten verarbeitet, mit denen der Jäger teils sich selbst, teils sein Gewehr ziert. Erst wenn er sich für alle Fährlichkeiten gewappnet erachtet, ist er beruhigt und kann nun des Aufbruchs zur Jagd selbst harren.
Bei den zahlreichen Antilopenarten des Landes verläuft diese Jagd natürlich stets harmlos und ungefährlich. Die Jagdteilnehmer haben sich zur festgesetzten Frühstunde am bestimmten Ort versammelt; doch brechen sie noch nicht auf, sondern zunächst erfolgt ein allgemeines Abreiben mit Abkochungen gewisser Wurzeln. Das ist nötig, um die geschilderte, fabelhaft starke Ausdünstung dieser Leute samt ihrem Hausgeruch durch einen dem Wilde weniger auffälligen anderen Geruch zu übertäuben. Schon die gewöhnlichen Antilopen wollen in dieser Hinsicht sehr vorsichtig behandelt sein; ungleich mehr Vorsicht beansprucht die Elandantilope, und am meisten selbstverständlich der Elefant. Erst dann beginnt die Jagd.
Unermüdlich, ohne Rast und Ruh folgen die Männer der einmal gefundenen Spur; sie erklettern die Termitenhaufen, steigen auf die Bäume und halten von Hügeln Ausschau; schließlich haben sie sich auf 40 bis 30 Meter oder noch weniger an die Herde oder den Einzelgänger herangepirscht, eine Salve von Schüssen schleudert ganze Eisenmengen auf das Ziel zu, das entweder im Feuer stürzt oder aber erst nach langwieriger Verfolgung der Schweißspur im Pori verendet gefunden wird. Einhellig drängen sich jetzt alle Jäger heran; es gilt, die Amulette mit dem Blute des erlegten Tieres zu tränken, um sie auch für späterhin wirksam zu machen; der glücklicheSchütze aber eignet sich das abgeschnittene Schwanzende des Tieres als heißersehnten Schmuck an. Er wie seine Gefährten nehmen sodann je ein Stückchen von der Nase des Tieres als Medizin, um ihren Spürsinn zu stärken und zu verfeinern; von der Herzspitze, um sich selbst Ausdauer in der Verfolgung zu sichern; von den Augen, um ihr Gesicht zu schärfen, und vom Gehirn, um ihre Intelligenz zu vergrößern. Die Teile von Herz, Augen und Gehirn werden gegessen, desgleichen ein Stückchen Fleisch vom Kugeleinschlag, dieses, um den gleichen Erfolg für später zu verbürgen; auch von der Leber wird etwas genossen. Ich habe nicht erfahren können, aus welchen Beweggründen gerade dies geschieht, doch gilt dieses Organ vielerorts als Sitz des Lebens; vielleicht liegt diese Ideenassoziation auch hier zugrunde. Alles aber, was nach diesem merkwürdigen Jagdfrühstück von Fleisch und Hautteilen des Tieres an den Händen der Jäger kleben geblieben ist, muß unweigerlich an das Gewehr geschmiert werden; so will es die Regel. Dann eilt alles davon; das Tier ist zwar erlegt, doch ist seine Seele nicht getötet worden; es wird sich rächen wollen, und dem muß begegnet werden. Mit vielerlei Wurzelzeug kehren die Mannen zurück; ohne viel Zeit zu verlieren, haben sie sich mit dem Saft jener Kräuter und Wurzeln eingerieben, und damit sind sie gegen die Rache des besiegten Gegners gefeit.
Doch was ist eine einfache Antilopenjagd gegen den Wust von Aberglauben und Geisterfurcht, wie er vor, während und nach einer Elefantenjagd zutage tritt! Ich muß es meiner Feder hier versagen, die Einzelheiten der Bereitung dieser Medizinen und Amulette zu schildern und ihre mehr als abenteuerlichen Bestandteile aufzuzählen. Eine Elefantenjagd zwingt nicht nur den Herrn des Hauses selbst zu einer ganz bestimmten Lebensweise bei Tag und bei Nacht, sondern zieht auch die der Frau schon mindestens eine Woche vorher in ihren Bann. Für gewöhnlich haßt der Neger nichts mehr als eine Unterbrechung seiner Nachtruhe; jetzt stehen Mann und Frauhalbe Nächte lang, um den Weidmann durch richtig wirkende Amulette für seine schwere Aufgabe würdig vorzubereiten. Teile der menschlichen Nachgeburt, von menschlichen Gehirnen und dergleichen spielen auch jetzt wieder eine große Rolle, aber auch menschliches Sperma tritt nunmehr hinzu, und vor allen Dingen Rindenstücke von den verschiedensten Bäumen, mit deren Abkochung der Jäger sich und sein Gewehr einreibt. Ich muß darüber auf die offizielle Bearbeitung meiner Ergebnisse verweisen, wo der Leser diese und so manche andere der tausend Einzelheiten meiner Forschungsergebnisse nachlesen mag.
Wir können und wollen die kühnen Jäger auch nicht auf ihrem Zuge begleiten; uns mag es genügen, zu betonen, daß, wenn alle anderen Maßnahmen, den Elefanten zum Stehen zu bringen, versagen, ihnen ein unfehlbares Mittel unter allen Umständen bleibt. Dieses ist zudem sehr einfach: man nimmt Erde aus den vier Fußtapfen des verfolgten Tieres, mischt sie mit einer bestimmten Wurzelmedizin und bindet diese Mischung irgendwo fest, dann muß der Elefant dort stehenbleiben, mag er wollen oder nicht.
Sie haben ihn denn auch glücklich zur Strecke gebracht, den edlen, unter der Aasjägerei schwarzer und weißer Nimrode heute leider so unglücklichen Dickhäuter. Wie eine Anklage gegen den gefühllosen, profitgierigen Europäer, der es sich nicht hat versagen können, dem ersten besten hergelaufenen schwarzen Halunken die totbringende Erfindung des Freiburger Mönches zugängig zu machen, liegt der gefällte Koloß da. Feig und vorsichtig, mit gezücktem Messer schleicht jetzt der beherzteste der schwarzen Jäger heran; ein rascher, kräftiger Schnitt: die Rüsselspitze liegt abgetrennt in den Händen des Negers; ebenso rasch ist sie auch schon vergraben. Sie lebe noch lange, heißt es; sie sei auch das Gefährlichste am Elefanten, und sie dürfe nicht länger sehen, was nun geschehen wird. Was nun geschehen wird? Überflüssige Frage. Der Neger ist ein Naturkind und ein Kind überhaupt, er springt und tanzt also um den gefällten Riesen und verknallt unsinnige Mengen seines teuren Pulvers in die Luft. Aberdann tritt doch gleich wieder das ewige Furchtgefühl vor der allbelebten Natur ein, der Reigen löst sich, die Jäger verschwinden; mit Wurzeln kehren sie aus dem Pori zurück und reiben ihre schweißtriefenden Leiber ein. Jetzt erst sind sie gefeit gegen die rachebrütende Seele des Elefanten, der ja in Wirklichkeit ein mächtiger Häuptling ist, und können mit Muße an das Herauslösen der Zähne, das Zerlegen des Tieres selbst, das Vertilgen ungeheurer Massen frischen Fleisches und das Konservieren der überflüssigen Fleischvorräte gehen. Das geschieht in derselben Weise, wie man am Rovuma Fische trocknet, nämlich auf etwa einen halben Meter hohen Rosten über dem Feuer; andere ziehen es vor, das in Streifen geschnittene Fleisch an der Luft zu trocknen. Viel soll es nicht sein, was in dieser Weise der Behandlung bedarf; der Neger gleicht dem Aasgeier, er wittert sozusagen auf Meilen, wo ein Stück Fleisch die Eintönigkeit seiner Ugalidiät einmal zu unterbrechen berufen ist, und so sorgen schon nach unglaublich kurzer Zeit Hunderte von Kostgängern für den raschen Abgang des schönen Bratens.
Fischtrocknen am Rovuma.
Fischtrocknen am Rovuma.