Chapter 7

Es gibt kein Ja ohne Glaube an die Generation, die Kette der Geschlechter, und nirgends wird so deutlich, daß Glaube für uns nur noch gesetzter Wille ist. Insofern dieser Wille bewußt ist, genau soweit sind wir bewußt, aber nicht mehr; wir sind im Grund ebenso naiv wie die Früheren. Lehren, die nicht der Naivität neue Kraft zuführen, sind ohnmächtig.“

Am Neujahrsmorgen saß Lauda im Zimmer, in dem Helle des Schnees und Wärme der Kacheln war, und las die Zeitungen. Die deutschen brachten die Versichrung der ungebrochnen Kraft und des kommenden Siegs, die schweizerischen Betrachtung des mitarbeitenden Pfarrers, daß der Krieg Prüfung des zürnenden, gleichwohl gerechten Gottes sei; schleimige Hirne. Für ihn selbst stand der Plan des Jahrs fest, und als der Gärtner kam, seinem neuen Herrn aufzuwarten, ließ er ihn wissen, daß er bei ihm, sobald die Arbeit im Freien begänne, Lehrstunde nehmen werde. Er wollte sein kleines Reich verwalten können.

Zeit der Zürcher Wirkung war fern, als sei sie nicht gewesen, nichts blieb als Erinnrung an Energie; es würde eine Zeit neuer Wirkung kommen — dazwischen Hingabe an das Beruhigte. Wechsel der Existenz, ewige Wanderschaft, durchgeführte Naivität: sie wurden Sinn und erlaubt, wenn man sie nicht erhitzt beschleunigte und in jeder Station sich willig zeigte.

Er hörte das Dampfboot pfeifen, sah es im Geist am Gebirgsstock entlanggleiten, der wie ein Wall gegen Norden und den Krieg war, Geborgenheit zaubernde Kulisse. Er hörte das Kind lärmen, bedauerte, daß es zu jung war, um schon von Menschlichem mit ihm zu sprechen, erinnerte sich an ein zwölfjähriges Mädchen, das er bei den Streifzügen in Zürich mit einer verderbten Mutter, demnächst oder bereits kuppelnder, gesehn hatte, und sann über die Möglichkeit nach, solcher Kinder einige auszuwählen; sie mußten den wesentlichen Keim haben und ihn verräterisch in Gesicht oder Gliedern tragen; Durchschnitt und die Reizlosen interessierten ihn nicht. Gegen das Mittelmaß gerecht zu sein genügte; ihm Wärme und das Freiwillige entgegenbringen, das war Angelegenheit derer, die in Güte tiefer einzuschreiten vermochten als er. Liebe zu dem, was ist, war möglich, aber ihm nur, wenn die Urenergiein den Geschöpfen nicht verkümmert noch gehemmt war.

Das Telephon schlug an; hebend die Muschel vernahm er eine süße, von Erregung rauhe und ganz in die Ferne gerückte Stimme — Claires.

„Ich bin mit dem Schiff gekommen, rufe dich vom Gasthaus an, denn ich weiß nicht, bei wem du wohnst und ob ich dir willkommen bin.“

Er ging zum Ufer, sah sie entgegenkommen. Was von denen gesagt wird, die in den Sekunden der Todesgefahr ihr ganzes Leben schauen, empfand er bei ihrem Anblick: sich selbst, die Summe von Komponenten, die wie ein Gerüst verschrägt waren und sich in der Schwebe hielten, Aufbau aus Gegensätzlichkeiten, sowohl allgemein als im besondren Fall des Verhältnisses zu Claire. Ich liebte sie — ich entfremdete sie mir; sie ist nicht mehr in mir — ich bin ihr noch gut; die junge schuldlose Bereitschaft ist nicht mehr herzustellen — ein neuer Mensch kommt; sie ist durch von mir nur geahntes Geschehn belastet — hinter jedem Erlebnis steht neue Naivität.

Da hob sich die Welle, die ihn ihr entgegenführte, barst und gebar den Sturm, der ihn erschütterte, Taifun des Ekels vor sich selbst und dem Wesen des Menschen, der leiden macht, sich nicht einem Geschöpf neben ihm verbrüdert, der Dämonie gehorsam um die eigne Achse rotiert. So plötzlich, wie der Aufruhr ihn durchfegt hatte, legte er sich, und als Lauda den letzten Schritt machte, die Hand Claires ergriff, war er ruhig, bis in die letzte Zelle durchdrungen von dem Entschluß, zu sein, wie er war, Leid abzukürzen, erworbne Erkenntnis über sich selbst nicht zu verlieren, für sie beide zu denken — Ehe war nicht mehr möglich.

Und während er sprach und sie sprechen hörte, lauschte er in seine Tiefe, wo die Klarheit mit äußerster Anstrengung dagegen ankämpfte, von den Erregungendes Augenblicks und kommender Tage überdeckt zu werden; Botschaften wie ein Schiff in Seenot sendend, sagte sie: Mache den Schritt, den Claire von dir getan hat, nicht ungeschehn, sie hat ihn allein gefunden, das ist ihre Kraft. Ziehst du sie zu dir und erlebst erst dann den Rückschlag, muß sie den Schritt zum zweitenmal machen und ist kraftlos. Wenn du nicht so gütig sein kannst, daß du dein Leben ihr unterordnest, sei so besonnen, daß du ihr Selbständigwerden nicht erschwerst — memento.

Sich zurückwendend zu dem, was Claire sagte, empfing er die zitternden Untertöne und wußte: sie spricht Nebensächliches, weil sie danach bebt, zu hören, warum du sie sich überließt. Da handelte er bewußt und benannte das, was wohltätig geeignet war, zwischen ihnen zu sein, fragte:

„Weiß Leutnant Berger, daß du hier bist?“

„Ja.“

„Ließ er dich gehn?“

„Er gab mir Freiheit.“

„Erwartet dich zurück?“

„Wenn ich zurückkehre.“

„Hat er das Recht, dir Freiheit zu geben?“

„O Lauda, muß das zuerst zur Sprache kommen, ist dir das Wichtigste, mich zur Rechenschaft zu ziehn?“

„Nicht im persönlichen Sinn. Bot er dir die Ehe an?“

Sie senkte schweigend den Kopf. Er atmete auf, das Rohste war vorüber, wie niederträchtig war Taktik. Zu ihr gehörte, Claire beim Glauben zu lassen, ihre Beziehung zu Berger stehe zwischen ihnen.

Er gedachte der Gewissensnot, die Berger von Moltke zu Lagarde geführt hatte, und wußte, bevor Claire erzählte, daß nicht er Verführer gewesen war, sie war zu ihm gekommen. Sie begriff nicht, daß Lauda von dieser Zeit und ihrer Qual nichts zu erfahren verlangte, Gespräch darüber sanft ablenkte. Als sie ruhig gewordenwar, führte er sie darauf zurück, und Freunde besprachen seelische Dinge; Aussprache war Schmerz, doch nicht Leidenschaft; sie hatten die Form gefunden, unheftig ihre Gefühle auszubreiten.

Eine Woche verging, da begann er zu ahnen, daß Claire sich diese Form aneignete wie ein von Krankheit Aufstehender, der Schritt für Schritt wieder gehn lernt: er hat sein Ziel, nähert sich ihm zäh. Sie paßte sich an, verzichtete nicht darauf, von ihm das Bekenntnis seiner selbst zu erlangen. Sie kreiste ihn unmerklich ein, sie war in diesem Jahr bewußter geworden. Auch herber. Herb war, wer sich zu fragen begann, ob sein Einsatz an Bereitschaft belohnt wurde. Er sah, daß sie zu dem Kind freundlich war und es doch lästig empfand — versteckte Feindschaft. Zu Anfang hatte er ihr vorgeschlagen, Aufsicht über den Haushalt zu übernehmen, und betroffen, im Verkehr mit Köchin und Mädchen, eine neue reale Seite an ihr kennengelernt, deren Folge Gespanntheit im Haus war.

Mißgriff ward rasch dadurch beseitigt, daß sie wieder nur Gast war, aber es blieb die Erkenntnis, die, festgestellt, so selbstverständlich war: daß die Frau nur in ihrer Liebe unkleinlich, ganz bereit, ganz liebenswert war. Und die Idee Claire durch die Claire der Wirklichkeit, die frohe Möglichkeit durch den Alltag modifizieren zu müssen, weckte nochmals das schmerzhafte Bewußtsein, daß es an ihm gelegen hatte, der Frau den zärtlichen Duft des Mädchens zu bewahren. Es tat weh festzustellen, daß sie älter, bestimmter und auf ihre Interessen bedachter geworden war, eingeordnet in die Reihe der Vielen — Schicksal, Gesetz und Notwendigkeit. Es betraf nicht Claire allein, sein Wissen um Frauen vermehrte sich um eine Einsicht, ihm fremd gebliebne: der Weg jeder Frau senkte sich den Niedrungen des Alltags zu.

Es heftiger aussprechen, mehr als leises Bedauern empfinden, war nicht erlaubt, nur Tölpel nannten, wasim Geschlecht der Frau lag, Minderwertigkeit. Auch Eifersucht gehörte dazu, von der jede Frau überzeugt war, daß sie Geschlechtsmerkmal sei, doch überwunden von ihr. Claire verlangte von Hannah zu hören; was war natürlicher, als daß sie die nicht verwand, die ihr Kind Lauda hinterlassen hatte.

An der Stelle, wo er Hannah aus dem Felsspalt befreit hatte, sagte Claire:

„In Brüssel sagtest du eines Tags zu mir: ‚Heute nacht, als ich ans Bett trat und dich schlafen sah, dachte ich, es wäre schön, so immer durch alle Jahre den einen Mensch zu sehn, vielleicht von ihm getrennt, durch Schicksal, Abwesenheit, freiwillige Trennung, stets doch mit ihm sich treffend, um ihn wissend, solang bis Alter Unruhe löscht und letztes Gleichmaß kommt.‘ O Lauda, das grub sich in mich ein und es ist kaum ein Jahr her. Was bleibt heute von Worten, die ich damals nicht als Worte empfand? Die Schlafende wird dich nie mehr zu gutem Entschluß rühren und Alter wird uns nicht gemeinsam sein. Letztes Gleichmaß wird nicht mir zugut kommen, die dann die spärlichen Briefe, die du schriebst, mit mattem Herzen liest, denn auch sie erwiesen sich nur als Worte.“

„Claire,“ bat er.

Sie lehnte sich an den Fels, der den hilflos ausgestreckten Armen nur breite Wand war, sagte:

„Damals, als mich deine Selbständigkeit verzweifeln machte, dachte ich oft: O, wenn er krank würde, damit er mich braucht; wie würde ich gut sein, ihn gewinnen.“

„Und danach, wenn ich wieder gesund wäre?“

„Wären wir uns nah gewesen, und es würde über lange Zeit hinweggeholfen haben; nichts andres hätte ich verlangt als einst, rückblickend, so mein Leben mit dir Kette von Höhepunkten zu nennen — ich hätte nur sie gesehn, die langen, öden, einsamen Wegstücke dazwischen vergessen. Hattest du nicht selbst solchenWechsel aus Begegnung und Trennung die Lösung genannt? Wie bereit wäre ich gewesen.“

„Und konntest doch die erste Trennung nicht überstehn, lehntest dich auf, und Auflehnung gab dich einem andren hin.“

„Weil du mich nicht vor dem Zweifel bewahrtest; Zweifel, ob dir überhaupt daran lag, daß ich auf dich wartete, verwundete den Stolz, Stolz wurde Trotz, Trotz Entschluß, nicht das demütige Mädchen zu sein. Vor dem Zweifel bewahren, das wäre allerdings Voraussetzung jener Verabredung; du warst es, der sie nicht erfüllte. Und es kam hinzu der Gedanke, tückischer, schlechter, einflüsternder Freund, daß du mich absichtlich auf Berger verwiesen habest, und Bergers Güte kam hinzu, den man lieben lernte, wenn man mit ihm umging.“

„Es war mir nicht ernst, als ich sagte, du habest schon die erste Trennung nicht überstanden. Dich auf die Probe zu stellen lag fern; wer das tut, muß auch dem andren den Weg zur Rückkehr freihalten. Ich tat es nicht, vergaß dich. Ich zog aus auf die innre Jagd, das Jägerglück allein zu sein, war stärker.“

„Ich lasse dich noch nicht,“ sagte sie, „weil ich dich kenne. Alle Gefühle erschöpfen sich dir, wenn die natürliche Zeit vorüber ist. Wenn der Jäger zu den Menschen zurückkehrt, geht er dorthin, wo die Heimat seines Herzens ist. Sag mir das letzte, ob du so nie mehr an mich gedacht hast.“

„Nun ist äußerste Offenheit nötig. Ich dachte so an dich, aber nicht ausschließlich an dich, in dem Sinn, daß nicht auch andre Frauen an deine Stelle treten könnten. Es ist Menschen wie mir, die die letzte Gleichbeschaffenheit und darum Gleichberechtigung der Geschöpfe finden, unmöglich, durch eine Frau alle andren Variationen zu binden, nur in dieser Frau die Erfüllung dessen zu sehn, was zur Frau führt.

Das Warme, Schöne, Zärtliche; das Erregende, Dunkle, die sinnliche oder seelische Kommunion, die eine Frau gibt — es liegt theoretisch in allen, praktisch in unendlich vielen. Die einzelne Frau wird Symbol, Statthalterin. Dieselben Kräfte, die in ihr sind, bei den andren zu übersehn oder sich zu verbieten, wird unmöglich in dem Maß, wie die Einsicht in jene Brüderlichkeit der Existenzen wächst; bricht sie zum umfassenden Weltgefühl durch, schwindet auch das Individuelle der einzelnen Geliebten; höchste Gerechtigkeit wird Ungerechtigkeit gegen die eine. In diesem Sinn lockt mich nicht mehr das Persönliche, nur noch das Geschlecht.

Und da jede Zunahme an Geistigkeit, wenn sie echt war, auch eine Zunahme an Sinnlichkeit ist, so wird unvermeidlich, daß ein solcher Mensch in einem den andren unverständlichen Grad die Lust kennt, neben der einen Frau den Schwestern zu begegnen. Es will verstanden sein; die Lust ist das sinnliche Symptom einer geistigen Feststellung, und diese ist so tief fundamentiert, daß ihr Träger sich als Lügner vorkommen müßte, wenn er der einen Frau sagte, sie sei ihm alles.

Stärker mit jedem Tag wird mir der Widerwillen, im absoluten Denken das Totalitätsgefühl, dieses Umfassen alles Lebenden, zu entfesseln, und es im Praktischen zu unterdrücken. Im Totalen schwingen ist Naivität, die Ehe hemmt sie — sie sind unvereinbar. Hier ist der Punkt, wo ich mich zuerst hart zu sein zwang, dann hart sein konnte: nicht das tun, was alle tun, den Kompromiß schließen, schon geschlossnen rückgängig machen. Viele unternehmen Vorstöße in die Erkenntnis, fast keiner geht zu Ende; der seltenste Mut ist, nicht zurückzukehren.“

„Sublimierter Egoismus,“ sagte sie matt.

„Dein Recht, so zu sagen, und doch nur Feststellung des Geopferten. Es ist nicht gut, Bekenntnis in diesen letzten Dingen zu erzwingen, weil der Bekennende seinenEgoismus mit dem Hermelinmantel des höheren Rechts auf Egoismus drapieren müßte. Laß mich es anders sagen. Als ich dich am Steg in Empfang nahm, dachte ich nicht an mich, sondern an dich. Leid kann ich dir nicht ersparen, aber es kürzen. Es ist Konstruktion, an die schöne Kammlinie der Höhepunkte zu glauben, sie genügen nicht, jedes Geschöpf will Dauer, es will Sicherheit und im Tal wohnen. Solcher Konstruktionen werden im Tag fünfhundert gemacht, Verabredungen tausend getroffen, weil schon gewonnene Erkenntnis überdeckt wird. Sie nicht überdecken, ist neue Moralität, des Mathematischen.“

„In das ich dir nicht folgen kann.“

Er fuhr fort:

„Weshalb nicht? Es ist nicht so schwer. Du verstehst, wie die Kirche dazu kommen konnte, dem Priester die Vermischung mit der Frau zu verbieten, oder wie religiöse Menschen sich die absolute Enthaltsamkeit auferlegten: weil die Frau in die reinliche, ewig mit sich selbst identische Rotation dieser Menschkosmen eingegriffen hätte. Nimm jemand an, der zwar nicht mehr religiös im Sinn des Kirchlichen, gleichwohl von ihrem Blut ist. Da er das Geistige soweit vortreibt, daß es sich mit dem Sinnlichen wiedervereinigt, kann er nicht mehr asketisch sein, aber er wird die Bindung durch die Frau vermeiden, die in diesem Zusammenhang Bindung mit der Sphäre des Geschehns, des Irdischen, Nurmanifestierten, Sozialen ist.

Wiederum, man soll dieses nicht breittreten, noch zum Programm erniedrigen. Es für einen Augenblick tuend darf ich sagen: wessen Anschauungsform die des Totalen ist, so daß er neben dem einzelnen Geschöpf die Summe aller andren sieht, kommt, soweit er sinnlich ist, dem Inzest nah; das, was vom Geist her umfassende Liebe ist, wahrhaft katholisch und demokratisch, wird von den Sinnen her Schamlosigkeit — sublimierte, dürftest du wiederum sagen.

Du weißt nicht, wie oft ich am Eingang der Askese stand. Sie ist nicht der Aufhebung fähig, zwingt finster zu werden, nicht heiter zu bleiben, wird Dämonie. Behaupte dich gegen Dämonie, das ist Lauda, dein Freund.“

„Also ist auch Ehe Dämonie?“

„Ganz recht, die kleine.“

Sie schwieg, er wandte sich langsam zurück, stieg abwärts. Sie folgte ihm, nahm seinen Arm und — war heiter. Er empfand wie sie und sah die Gefahr. Heiterkeit war nicht Abschluß, nur Befreiung durch Aussprache, Überblick vom Punkt aus, an dem sie jetzt standen. Und bevor sie das Haus erreicht hatten, merkte er in ihr das Sinnen dessen, der die ihm gebliebenen Kräfte sammelt.

Das war der Augenblick, von dem geschrieben stand, daß am Ende aller Begegnungen, der vertrauten, gequälten, haßerfüllten sogar, die Umarmung stand, Aufhebung des Wühlens im Wort und des Bewußten. Vielleicht dachte sie daran, daß er es einmal ausgesprochen hatte. Er begann am Abend mit Absicht von Berger zu sprechen.

„Ich konnte,“ sagte sie, „ihn nur mit deinen Augen sehn. Die benennenden Worte fehlten mir, ich fühlte nur: sein Zustand des geistigen Menschen war anders als deiner. Denken hieß ihm, Bücher von der Bibliothek nach Hause tragen, mit grübelnder Falte sich in sie versenken. Dann kam, was er Verarbeitung nannte, und es war oft Vergleichen mit dem, was wieder andre geschrieben hatten. Ernst um ihn gab mir seltsame Wünsche ein, die wohl der Frau eigentümlich sind: ihn zu stören, seine Ideenreihungen zu verwirren. Ich wußte nicht, ob es boshaft war oder Wiederherstellung der von ihm vergeßnen Welt.

Dann besiegte er mich jedesmal, weil er mir von dem erzählte, was ihn beschäftigte. Er glaubte inmitten alles Verhärteten und Hochmütigen, das grauenhaft im Krieggeschah, so unerschütterlich an das Gute, daß man fühlte: auch das ist Wille, Männlichkeit, Widerstand. Und diese Güte war in ihm selbst. Er sprach nie gegen dich, aber er ließ mich fühlen, daß er dein Schweigen verwarf. Ich konnte mich öffnen, und selbst die Anfechtungen der Enthaltsamkeit wurden menschliche Angelegenheit — nun war es wie bei dir.

Es kam ein Abend wie dieser, warm durch Ofen und Licht, von Regalen umstellter; ich ging nicht, wollte die Tat tun, damit sie vorwegnehmend den Zustand schuf, dem sie folgt, wenn sie natürlich ist; an diesem Tag war die Nachricht gekommen, daß du durch deine gewollte Tat nie mehr zurückkehren werdest. Wie war ich in so erzwungner Sinnlichkeit matt. Er sah nur die Entfeßlung, es war dann durch Tage Scheu in ihm vor dem Körper des Weibs, als habe sich ihm ein unreines Geheimnis enthüllt; er nahm mich an der Hand, begann mich einer ruhigen Innigkeit zuzuführen, in der Umarmung nur Vertrautheit ist.

Wie wenig stark wir sind; gewähren wir Zeit, formt uns jeder Mann. Als ich die Wandlung fühlte, floh ich, zwischen die Männer Gestellte, jeden in mir tragend, hilf mir.“

„Helfen kann nur, wer sich selbst anbietet oder ganz ausschaltet. Mich ausschaltend wäge ich Berger und Lauda ab und weiß: bei jenem ist die Sicherheit, die Treue und das Angebot, Gefährtin der geistigen Arbeit zu sein. Bei mir ist nichts als Begegnung auf Zeit. Du bist mir nah, die milde Stunde bringt Sehnsucht nach deiner Liebe. Ihr nachgeben ist schön, aber morgen früh wäre jeder Schritt, der dich befreite, rückgängig gemacht, Gewinn eines Jahrs zerstört. Ist sich begegnet sein nicht genug, vermag der Mensch nicht so stark zu sein, daß es genug sein könnte?“

Sie kniete neben ihm, sah ihn mit tiefen Augen an:

„Als ich kam, tobte Schlechtes in mir: daß du mich nähmest, ob du mich behalten wollest oder nicht —,nur genommen werden, um ein Gut, das du verschmähst, zu beschmutzen, und ihm, der es heilig zu halten versprach, beschmutzt zurückzubringen, als ob ich Rache an ihm nehmen müßte, bevor ich bei ihm bleiben kann. Mir war, als seien es deine Gedanken, in mir. Leugnest du, daß du so denken könntest? Ich gebe mich in deine Hand.“

Er zog sie an sich, lag mit ihr in schweigender Umarmung, letzter, reinigender; den Sinnen verwehrte Kraft strömte dem Sinnen zu über Menschen bewegende Dinge. Als die Weinende in Schlaf sank, stand er auf und schrieb.

Gleiten der Feder über das weiße Papier ward Laut der Ewigkeit, es rollte die Zeit in den Abgrund, aus dem die letzte Lockung kam: nimm was sich dir bietet, Tor ist, wer verschmäht.

„Stark ist, wer sich beherrscht,“ antwortete er.

„Abhängig wird, wer Beherrschung über sich setzt.“

„Nichts wird Dämon werden,“ verwies er, „morgen wird Claire in wunderbarer Scheu leise zärtlich sein, nicht mehr erreichbare Geliebte.“

Aber einige Tage darauf sah er, daß sie viel zu liegen begann. Aufblühende junge Frau, war sie nicht krank. Da sagte sie ruhig:

„Ich wußte es noch nicht ganz, als ich kam, und ahnte es doch. Aber nun ist fast Gewißheit seines Kinds.“

Er telegraphierte Berger zu kommen. Das Telegramm wurde an der Grenze zurückgewiesen, er sandte es danach in ihrem Namen. Zwei Wochen später erwartete er Berger am Schiff. Der Begrüßende suchte in seinem Gesicht zu lesen, Lauda dachte im Flug eines Augenblicks: es ist undenkbar, daß ich je mein Schicksal so von einem andern entgegennähme; dann: was besagt es? Nichts, es fehlte diesem nur das letzte Glied der Kette, an die er sich binden will — in der Sekunde, da er die Gewißheit erhält, wird die Kette Kreis, Eisenband um denvollen runden Kosmos, der nun die doppelte Schwingung gefunden hat, eigne um sich selbst und um die Frau — er ist ein ganzer Mensch und jener einer, die nur einmal lieben.

Liebe war: sich Ordnung geben, darum wurde sie die Eheweisheit des Bürgers, der wie der höchste Geist Ordnung suchte; aber sie war nicht das einzige Mittel, Ordnung zu finden — das war alles, was sich vernünftigerweise in dieser Frage sagen ließ. Jeder suchte das Mittel, das ihm erlaubte, geschlossen in sich zu rotieren.

Wenn die Menschen über Wert oder Unwert der Ehe diskutierten, bejahten oder verneinten sie immer bedingungslos; aber Nein und Ja waren nur relative Wahrheiten; nur Aussagen über das einzelne Naturell waren erlaubt, in allen irgendwie gearteten Problemen der praktischen Sphäre.

Durch Bergers Anwesenheit verschob sich die Konstellation der handelnden Personen, Claire stand nun von Lauda entfernt, Lauda einsamer und fester; er war der, der Gäste bewirtete.

Claire sah ihn bisweilen verwirrt an, schmerzhaftes Starren und brennende Erinnrung; ihm begannen sie schon Ehepaar zu sein, das gemeinsam auftritt, Phalanx verbündeter Interessen — unmerklicher Überdruß des Fremden vor solchem Bündnis. Da sagte Claire zu ihm:

„Ich fühle, was in dir vorgeht. Bist du nun der, der nicht durchführen kann, was er selbst begründete? Würdest du billigen, daß ich übergangslos von einem zum andern wechsle? Ich finde es vor mir selbst nicht abstoßend, daß ich wechsle, nur unsagbar seltsam; es ist, als sähe ich eine Unzahl von Stationen vor mir, endlos wie gespiegelte Türen, durch die man einen Pfeil schießen könnte — sind sie alle durchwandert, wird die Wandlung vollzogen sein. Ich weiß nicht, ob es niederziehend oder tröstend, ob es Güte der Natur oder vernichtende Aussage über die hohe Idee der Liebe ist.“

„Es ist tröstend und Güte,“ antwortete er, „schiebe die Zwischenglieder ein, verweile bei allen, und jede für undenkbar gehaltne Mutation ist möglich.“

„Verstehst du, daß mir der Wunsch, reinlich Entfernung zwischen uns zu legen und in den Tagen bis zur Abreise dich zu meiden, als armer Stolz erscheint, über den wir hinausgeschritten sind?“

„Lebte Hannah, wäre es mir ebenso natürlich erschienen, zwei Frauen, die beide mir Freundin sind, miteinander bekannt zu machen. Natürlichkeiten neuer Art kann nur schaffen, wer die alten der Eifersucht und des mißtrauischen Stolzes nicht mehr anerkennt. Haß, verwundete Würde, die Skala der Leidenschaft, das ist gut genug für französische Stücke, die der Tragödin, rollenfressendem Tigerweibchen, auf den Leib geschrieben sind. Das Tragische wird eines Tags so bombastisch und dumm sein wie jenes Drama Hebbels, in dem Vater, Tochter und Liebhaber Ehre wie Leben verlieren, weil das Mädchen ein Kind bekam. Überlegenheit, die das Schicksal gestaltet, wird auch ein neues Glück gestalten: Mensch stärker als die Leidenschaft.“

Berger bedauerte, seine Arbeit nicht mitgebracht zu haben, Darstellung der Wandlung des Offiziers zum religiösen Reformer. Lauda bot ihm Schreibtisch, Papier, eignes Zimmer; es erwies sich, daß Berger das Manuskript fehlte, Ablauf der Gedanken war abgebrochen, Abbruchstelle nicht gegenwärtig.

Wie verschieden Denken sein konnte, es arbeitete dieser auf der Geraden, er, Lauda, aus dem Kreis vorstoßend; was man auch an Erkenntnissen fand, es war ihm nur Variation der Grundanschauung, so daß er in welcher Situation immer nichts nötig hatte als Heft und Stift — ausgesetzt in der Südsee hätte er nicht anders gedacht als im Land der Philologen; er vermochte auf Stimmung und die Bedingungen der Vorbereitung zu verzichten, schrieb nur sich selbst.

„Sie sind zu deutsch,“ sagte er Berger, „das war auch die Beschränkung Lagardes. Ein Deutscher kommt immer von den Büchern der Vorgänger her oder von der Billigung des deutschen Kosmos; auch Sie lassen Heer, Kaiser, Ständegliederung darin, wollen sie nur ethisch vertiefen. Was ist der ethisch vertiefte Offizier? Etwas Undenkbares. Ethiker kann nicht Offizier sein, löst die Seelen von der Verpflichtung des Staats.

Sie sind auch zu protestantisch. Der protestantische Reformer ist ein Unding, nicht nur, weil Protestantismus die Ausliefrung des Religiösen an den Staat ist, so daß protestantische Geistliche nichts andres genannt zu werden verdienen, als vom Staat eingesetzte Beamte, dessen gute Beziehungen zum lieben Gott zu pflegen, sondern auch, weil Protestantismus wie sein Halbbruder Sozialismus, im Gegensatz zum Katholizismus, ganz unpessimistisch ist, dem bedingungslosen Ja des Irdischen, des Tuns, der Pflicht zu leben, nichts von dem Vorbehalt entgegenstellt, der das Wesen des Religiösen ist.

Der Pflichtbegriff Kants ist unhaltbar geworden, der deutsche Moralismus strahlt keine irrationale Vitalität aus, alle Erziehungsreformen, die auf Pflicht und Moralität sich aufbauen, sind matt. Wer der Erziehung neue Wege weisen will, muß vom Widerstand gegen diese deutschen Begriffe ausgehn, sie ihrer Absolutheit entkleiden; der Zentralbegriff alles künftigen Denkens wird Relativierung heißen und im Ethischen Ausgleich zwischen Ja und Nein sein.

Es ist nicht schwer, die Katastrophe des deutschen Denkens vorauszusagen. Sollten sie siegen, was nicht sein darf und nicht sein wird, würden sie blasphemisch die Lehre des Tuns zur Unerträglichkeit steigern; verlieren sie den Krieg, werden sie in ihrer Feigheit, die nicht die Verpflichtung kennt, sich der Entwicklung zu öffnen, Wiederaufrichtung des Alten fordern. Wer diese Nation erziehn will, darf nicht mit ihr gehn, er muß gegen sie stehn.“

Als die Formalitäten erfüllt waren, rüsteten sich Claire und Berger zur Reise.

Lauda begleitete sie nach Zürich. Es kam der Augenblick, wo er Abschied von ihr nahm, belastet durch Rückerinnern, scheuend vor der Frage, ob es erlaubt war, das Natürliche durch Eigenmächtigkeit umzuformen, dann zog der Zug an, und Unwiderrufliches war geschehn.

Ihre Augen brannten noch in ihm, er ging schwer denselben Weg, den er am Tag seiner Ankunft gegangen war, zum See. Kein Silber flammte, nüchterner Tag. Es galt, Dinge zwischen sich und sie zu bringen, er suchte die Bekannten auf. Er fand Hans in Erregung, es war aufs Bestimmteste die Nachricht gekommen, daß Picasso in Paris zum Gegenständlichen zurückgekehrt war und herausfordernd akademisch, betont konventionell malte, scharfen Kontur setzend; bereits hatte ein Schweizer Aufnahmen gemacht, kein Zweifel war mehr erlaubt.

Wird er Widerstand leisten oder die Weichen in sich herumwerfen? dachte Lauda; stählt es ihn, allein auf dem ungewissen Weg weiterzugehn, oder ist das Bedürfnis nach Kampfgenossen stärker? Er fühlte, wie in den Kosmos des Freunds der Stab der Verwirrung gestoßen war, Rotation gestört und der Gedanke an gänzliche Umschichtung, parallel zu der Picassos, erregt umkreist wurde. Er erinnerte sich der starken Zeichnungen nach Körperakten, die er aus früheren Perioden des Freunds gesehn hatte, und sagte:

„Nach dem Gesetz des Gegensatzes werden Sie zum Körperlichen zurückkehren, wie Lisbao eines Tags feststellen wird, daß es unhaltbar ist, mit dreißig Jahren noch den Weltekel des Dreiundzwanzigjährigen zu verkünden. Extreme schlagen um, weil Nein in Ja umschlägt, das Ja automatisch das Nein auslöst. Gleichmäßig, stark, unerschütterlich ist nur, wer über seinen Extremen steht, indem er sie zu Vorgängen in sich macht, wie Sommer und Winter wechseln. Ich versandte heutedas neue Stück, das ich geschrieben habe, Rückkehr zur Illusion von Wirken und Arbeiten.

Es ist im Großen dasselbe, was sich im Kleinen jede Nacht begibt: ein Tag endete mit solchem Überdruß, das Treiben mitzumachen, daß man sich wie zum Nichtmehrerwachen ins Bett legt — am nächsten Morgen erwacht man frisch und hat ihn, den Appetit der Kolonie von Raubmonaden, deren Summe man ist. Jeder Müdigkeitszustand ist so natürlich wie dieser Hunger, und die Einheit der Persönlichkeit besteht nicht, wie deutsche Moralisten glauben, darin, daß man den Widerwillen unterdrückt und den Hunger in Ethos fälscht, sondern in der Fortdauer des Kosmos, der die Phänomene seiner Aggregatzustände erduldet, wie Landschaft die des Himmels.“

Puck kam, um Hans vorzuschlagen, er möge seine jüngste Arbeit illustrieren, die Groteske vom Fleischseelenmenschen.

„Ich will es an Ort und Stelle erklären,“ sagte er und führte die Freunde in eine Seitenstraße des Geschäftsviertels, wo in der Hinterfront von Warenhäusern und Bankpalästen ein altes Fachwerkhaus sich erhalten hatte. Er zog sie an die Gitterfenster, sie sahn eine Halle mit Schlagschatten, düstren Ecken; Männer mit nackten Armen standen über Tische gebeugt, Bewegung wie von hobelnden Tischlern, aber das Gehobelte spritzte Blut.

„Sie schneiden und häuten,“ sagte Puck, „schinden und säbeln, seht Ihr an den Wänden die senkrechten Parallelen? Es sind Leichname, die Rippen glänzen, das Nierenfett leuchtet gelb wie Honigballen von Eingeweidebienen. Es ist eine Roßschlächterei; aber späht schärfer hin: darunter wird eine Stunde der Inquisition sichtbar, Henkersknechte beugen sich über Liegende, wühlen darin. Warum arbeiten sie in so düsterm Licht? Ich weiß den Grund: in dieser Halle wurde in der Tat einst gefoltert, es ist der Geist des Baus, der ihnen die Atmosphäre schafft.

Hier bringe ich Stunden zu, während ihr im Café sitzt; gegen Zahlung einer Runde lassen sie mich zuschaun. Sie glauben, ich sei ein Sadist, der sich aufs Kinderschlachten vorbereitet; ich lächle und sie sehn nicht die Verzerrung des Munds. Hier läßt sich alles empfinden, was vom Mensch zu sagen ist, er atmet nicht Luft, sondern Dunst des Bluts; er ist Methodiker, er zerreißt nicht, er schneidet. Ist es denkbar, daß es Leute gibt, die ihren Achtstundentag damit füllen, Mitgeschöpfe zum Kochen fertigzumachen? Ein ganzer ehrenwerter Stand tut ein Lebenlang nichts andres, und die Meister sind Gemeinderäte.

Von hier gehe ich in die Metzig am Quai, wo das Fleisch für die gehobnen Bürger bereitet wird, es liegen gebrühte Köpfe, Kutteln, Lungen. Dort sind auch Fleischerinnen, blühende Mädchen, schwellend vor Sinnlichkeit, die sie aus braunen Augen gratis verschleißen — man möchte sie über den blutigen Ladentisch legen, das bekannte Spiel mit ihnen zu treiben. Die Dame kommt, ein Stück zu kaufen, und aus dem Schlachthaus geht sie zu ihren Kindern und ist gut zu ihnen.

Nachts träume ich von einem Planet, auf dem der Mensch die Rolle des Tiers übernommen hat, man hängt junge Mädchen geöffnet ins Schaufenster und weiche Brüste sind gesucht; Hirn wird gewogen und enthaarte Köpfe stehn in Reihe. Das Epos schwillt, ich habe den großen Stoff gefunden, der das Erhabne enthält, den Triumph des Lebens und die tragende Lüge. Zwischen der Kannibalenszene des Anfangs, wo man mit Knütteln zermalmt, und dem Salon, wo man Lende des Bruders Tier verzehrt, über die Dinge des Geists diskutiert, ist alles enthalten.

Das Thema ist so ungeheuer, daß mir manchmal der Schweiß vor Angst ausbricht, daß ich nicht in jedes Kapitel die schneidende Lustigkeit, die unsagbare Mischung von Grauen und tanzender Befeurung bringen könnte.“

„Ich schenke dir einen Beitrag,“ sagte Hans, „den ich in einem Buch gelesen habe. In Südamerika schneiden Wilde ihren Feinden den Kopf ab und zermalmen ihn durch vorsichtige Schläge so geschickt, daß die Haut unverletzt bleibt. Sie schrumpft danach in der Sonne zu der Größe eines Apfels ein; indem sie eine Schnur durch den Rand ziehn, machen sie einen Beutel daraus, darin sie Geld und Kleinigkeiten bewahren. Man geht dort mit diesen Gesichtsbeuteln zu Markt, siehst du sie an den Schürzen hängen?“

„Famos,“ antwortete Puck, „es leuchtet mir nur eins nicht ein, daß Kannibalen Geld verwahren, sie müßten schon Zivilisierte sein.“

„Wie alle Kannibalen,“ dachte Lauda, „Kannibalismus ist religiös, Ausfluß des Totalitätsgefühls. Statt den Bruder zu lieben, frißt man ihn, es ist durchaus dieselbe Kommunion, dieselbe Aufhebung der Vereinsamung durch Einzelexistenz.“

Sie wandten sich zur Stadt, da kam ihnen Lilian mit einer Dame entgegen und übersah sie, Gruß ablehnend. Puck sagte:

„Die Begleiterin liefert die Erklärung. Es ist eine verheiratete Amerikanerin, die mit ihrem europäischen Mann in Geschwisterehe lebt, das Fleisch ward verworfen. Sie verbietet Lilian Umgang mit uns. Aber glauben Sie, daß sie dieselbe ist, die Obrecht in Christian Society unterweist, die von Problematik durchseuchte Puritanerin den inbrünstig Religiösen?

Welch ein Hexensabbat ist das Treiben der Existierenden. Jeder einzelne, der unter der Sonne atmet, ist eine Brutstätte, in der Ideen, Stimmungen, Triebe, Gefühle und Gebote unaufhörlich, ohne eine Sekunde auszusetzen, die perverseste Unzucht miteinander begehn; es mischt sich das Heterogenste, der Fülle von Mißbildungen ist kein Ende, und das alles schwimmt in einem Schleim, der dem innersten Schoß des Egoismus entfließt und sich klebrig Ethik nennt.

Gott sei dem gnädig, der wirklich ethisch ist, er müßte sich mit Dynamit in die Luft sprengen, um der Qual zu entgehn — Beweis, wie dumm und dumpf das Hirn eines Ethikers organisiert sein muß. Mir wächst — ich stehe dem Phänomen hilflos gegenüber — mit jedem Tag die Kraft des Lachens, was mit andren Worten heißt, daß ich in das Schamlose hineinwachse. Das befreiende Lachen, von dem sie reden, ist das Sprungbrett, das der Egoismus uns unter die Füße schiebt. Unser aller Lebensbaum wurzelt in einem Schlangennest — manchmal fühle ich sie körperlich sich regen und finde mich damit ab, wie einer sich damit abfindet, daß er Trichinen in sich hat. Halloh, da kommt Siriwan, jagend in der Stunde, wenn die Läden sich leeren und die Kokotten vom Berg steigen. Er wählt eine andre Methode, sich abzufinden, und treibt die Weiber dem ewigen Dämon zu.“

Lauda aß mit Siriwan zu Nacht, erzählte von Pucks Definition.

„Ich bin heute vierzig,“ sagte Siriwan, „und fühle schwer die Luft über mich streichen, die mit den Erkenntnissen des fünften Jahrzehnts beladen ist. Wissen Sie etwas von den Begierden, die in ihm in Männern und Weibern brennen? Sie zu erforschen wird Inhalt sein, ich kenne keinen andren mehr. Es findet nicht Ihren Beifall? Es ist gleich.

Zu Hause liegen die Bücher, aus denen sich rekonstruieren läßt, welch ungeheuerliches Bordell die Vergangenheit gewesen ist. Sieht man näher zu, gibt man sich die Mühe, die Menschen aufzusuchen, so zeigt sich, daß auch die Geschichtsschreibung der Gegenwart sich lohnt. Ich wittre aus den Jahren, wenn der Krieg zu Ende sein wird, noch Stärkres, Vergangenheit wird übertrumpft werden. Mein selbstgewolltes Ziel steht fest, ich will der Historiograph dieser Zeit sein. Reisen nach Brüssel, Genf, Berlin, Paris und in das ungeheuerlicheRußland, dessen Rasereien durch ein Jahrtausend ich jetzt lese. Bis dahin ist Zürich Vorbereitung, anerkennenswert, nicht übel.

Erinnern Sie sich der Alten, die keinen Schritt ohne ihr zwölfjähriges Mädchen machte, dasselbe, das Sie rührte? Sie vermuteten zuerst, sie hüte das Kind, dann kamen Sie der Wahrheit näher, daß der Weg zur Tochter über sie geht, aber die ganze Wahrheit ist, daß der Mann, der mit dem Mädchen allein zu sein glaubt, sich zwei Frauen gegenüber sieht und eine Perversion der Gleichzeitigkeit erlebt, die in der Alten nach dem Taumel eine wahrhaft stürmische, ekstatisch röchelnde Zärtlichkeit zu der Kleinen entzündet. Die Wege, die der Mensch zur überindividuellen Kommunion findet, sind phantastisch, und je sinnlicher sie sind, desto tiefer sind sie.“

„Es kommt auf das Gehirn an,“ antwortete Lauda, „das sie feststellt. Es wäre mir unmöglich, an ihre Erforschung Jahre zu wenden, wie Sie planen, weil nichts mich überraschen kann, während die Art, wie Sie sich ihr widmen, nicht Feststellung ist, sondern Ihrerseits Abhängigkeit von der Dämonie dieser Dinge verrät. Es ist nicht die ganze Wahrheit, was Sie sehn, es ist nur die halbe. Der Baum ist nicht beschrieben, wenn Sie seine Wurzeln ausgegraben haben.

Man soll nicht sagen, Laub, Krone, Blüten seien Manifestationen der Güte, denn sie wachsen in der Tat aus der Wurzel, im Schlamm. Gleichwohl gibt es neben der primären Sinnlichkeit die transformierte, Wille, Idee, und das weite, schöne Reich der Geistigkeit; es gibt Denken und Wissen durch Unmittelbarkeit, es gibt die Einheit des Ichs, die um so energischer, freier, reflexionsloser wird, desto ungehemmter die Verbindung zwischen Wurzel und Krone ist.

Die Begierden eines Jahrzehnts? Man muß neben ihre Dämonie die Kraft zur Undämonie setzen. Wer die Dämonie nicht kennt, ist nur ein Rationalist, seßhaftim Tun; wer nicht stärker bleibt, nur ein Fanatiker, unter dem Griff Stammelnder. Militarist und Literat, wo Sie in dieser Zivilisation hinschauen, ist jeder das eine oder andre, vergewaltigend männlich oder vergewaltigt ethisch, Mensch durch Ausgleich keiner.“

Er kehrte ins Hotel zurück und lag in folgendem Traum.

Er lebte mit Claire, matt alles; der Tag setzte sich aus hundert Handlungen zusammen, und er wußte: sie sind ihr alle Symbol der Liebe, Werben der Zärtlichkeit, Bereitschaft. Er wußte es und konnte es nicht erleben, er wollte und der Wille genügte nicht, der Schluß aus der Handlung auf das Motiv genügte nicht; er ging neben einem andren und schwang nicht in ihm. Er fand sie mit den Augen schön, aber der Wunsch blieb aus, sie zu berühren, er mied sie.

Er erhielt eine Sendung, öffnete sie, es lag eine Oblate darin. Claire sah ihn mit tiefen Augen an, brach die Oblate, reichte die Hälfte. Er aß, ein Sturm ging durch ihn; er wußte wieder alles von ihr. Zehnmal etwas für ihn tun von den kleinen Dingen des Tags, war zehnmal frohe Liebe, weil es Gewißheit war, daß sie in alle Jahre bei ihm sein werde. Zeit vor sich haben, gab das Vertraun; an ihrem Ende stand eine schöne alte Frau und ein weißhaariger Mann. Das war ihr tiefster Wunsch, alt mit ihm werden.

Er legte den Arm um sie, und lächelnd nahm sie das stumme Versprechen. Es gab nur eine mordende Sünde, das Kind in der Frau nicht verstehn, das nicht die Kraft hat, allein zu sein. Sie nannte ihn gut, weil er es wußte.

Ende

Von Otto Flake erschien bei S. Fischer:Das Mädchen aus dem OstenZwei ErzählungenSchritt für SchrittRoman. 9. AuflageFreitagskindRoman. 7. AuflageHorns RingRoman. 30. AuflageDas LogbuchRoman. 24. AuflageAbenteurerin — Im Dritten JahrZwei StückeDie Stadt des HirnsRoman. 6. AuflageDas Ende der RevolutionAufsätze. 3. AuflageDas kleine LogbuchKleine Prosa. (In Vorbereitung)Im Rolandverlag, München:Die Fünf Hefte

Von Otto Flake erschien bei S. Fischer:

Das Mädchen aus dem OstenZwei Erzählungen

Schritt für SchrittRoman. 9. Auflage

FreitagskindRoman. 7. Auflage

Horns RingRoman. 30. Auflage

Das LogbuchRoman. 24. Auflage

Abenteurerin — Im Dritten JahrZwei Stücke

Die Stadt des HirnsRoman. 6. Auflage

Das Ende der RevolutionAufsätze. 3. Auflage

Das kleine LogbuchKleine Prosa. (In Vorbereitung)

Im Rolandverlag, München:

Die Fünf Hefte

Die Stadt des HirnsRomanDer Wert des außergewöhnlichen Buches besteht in der Aufstellung eines neuen Typus Mensch. Vom Bohemien und Neurastheniker, wohin gestern noch die Flucht vor dem Bürger führte, hat diese Menschenrasse sich endgültig losgesagt. Das Werk eines Lebens erfordert, aus dem Erlebnis heraus Erkenntnis zu erarbeiten. Hierzu sind Stärke und Nüchternheit des Geistes gleich nötig wie die Fähigkeit sich selbst überwindender Hingabe. Bezeichnend ist das Verhältnis der Geschlechter: Parallelität selbständiger Menschen bei gegenseitiger Freiheit der Trennung sowohl wie der leidenschaftlichen Vereinigung.Berliner TageblattSinnlos, den Inhalt im einzelnen zu erzählen. Er ist sprunghaft wie die Stadt des Hirns selbst; er ist vom Wunsche nach Beseelung und Belebung diktiert; er ist eine klirrende Weckeruhr, die noch beim Wecken heißer Ungeduld voll geschüttelt wird, von einem Fiebernden, der aber ein Fester ist und ein Beherrschter. Den Stoff an sich reißen, unterjochen; das Wort beherrschen; der Form gebieten; aber den Menschen nie leugnen, nicht bespötteln, er sei, wie er sei, sondern ihn erkennen, ihn begreifen; Demut lernen — das ist der Wille, der solcher Stadt entspringt. Dieses ist kein Buch der Gefühle, sondern des Gefühls, dem die Energie gebot. Es packt ein Jahrzehnt am Nacken und blickt ihm scharf in die Augen, bis die Milde sieht, daß auch sie Tat ist.Berliner Börsen KurierSchritt für SchrittRomanOtto Flakes „Schritt für Schritt“ ist der bislang einzige von sensibler Erfahrung getragene, stilistisch völlig durchgeistigte und in der Charakterzeichnung dichterisch sichere erotische Roman unserer Zeit, in seiner Art ein Meisterstück.Literarischer Ratgeber des DürerbundsBeständen an unseren Hochschulen Seminare für Sexualpsychologie, so böte für sie dieser Roman einen Übungsstoff besonderer Art. Indem er es versteht, sexuelle Vorgänge allerstärksten und intimsten Grades ästhetisch vollendet, fast schöpferisch im Ausdruck, wiederzugeben, wirkt er mit an der großen Aufgabe, das Sexualgebiet aus einem Tummelplatz der Hoheit in eine Stätte geistiger Schulung zu verwandeln.Neues LebenFreitagskindRomanEin elsässischer Roman, ein Spiegel, dessen Figuren man in Deutschland erst verstehen wird, wenn es zu spät ist; man hört auf die Tagespolitiker, man sollte auf die Dichter hören.Nieuwe Rotterdamsche CourantHorns RingRomanWenn bei Lesage der Teufel seinem Erretter die Dächer Madrids abhob, so dringen wir hier bis zu den Wohnungen des Geistes vor, zu dessen vielfältig verschlungener Struktur uns sein magischer Ring den Weg bahnt. So entsteht keine leere Hymne auf den Aufstieg Berlins, dessen Ruhm gesungen wird, sondern eine Dichtung, die sich das Wesen der Großstadt in der tragischen Schwere ihrer Problematik zum Gegenstand nimmt. Daß daraus ein farbensattes Bild von unserer Hauptstadt hervorgewachsen ist, soll nicht gering veranschlagt werden, wie denn ein künftiger Fortsetzer Gustav Freytags aus diesem Roman die besten Kulturzeugnisse für deutsche Leistung und deutsches Leben vor Ausbruch des Weltkriegs wird entnehmen müssen.Deutsche Rundschau, BerlinDas LogbuchRomanDer Hauptgedanke aber, der durch Flakes Bücher immer wieder hindurchleuchtet, macht sie uns gerade in der Verbindung mit diesem geistigen und kulturellen Aristokratismus erst wertvoll: daß alles geschehen und geleistet werden soll in einer tiefen selbstverständlichen Achtung vor demVolkein seiner großen anonymen Gesamtheit, daß alle Verfeinerungen zivilisierten Lebens wertlos sind, die das Recht des schlichten namenlosen Einzelnen auf Menschentum und Aufstieg hemmen und das Menschheitsgewissen, das ja immer irgendwie lebt, mörderisch ersticken.Börsen-Zeitung, Berlin

Die Stadt des HirnsRoman

Der Wert des außergewöhnlichen Buches besteht in der Aufstellung eines neuen Typus Mensch. Vom Bohemien und Neurastheniker, wohin gestern noch die Flucht vor dem Bürger führte, hat diese Menschenrasse sich endgültig losgesagt. Das Werk eines Lebens erfordert, aus dem Erlebnis heraus Erkenntnis zu erarbeiten. Hierzu sind Stärke und Nüchternheit des Geistes gleich nötig wie die Fähigkeit sich selbst überwindender Hingabe. Bezeichnend ist das Verhältnis der Geschlechter: Parallelität selbständiger Menschen bei gegenseitiger Freiheit der Trennung sowohl wie der leidenschaftlichen Vereinigung.

Berliner Tageblatt

Sinnlos, den Inhalt im einzelnen zu erzählen. Er ist sprunghaft wie die Stadt des Hirns selbst; er ist vom Wunsche nach Beseelung und Belebung diktiert; er ist eine klirrende Weckeruhr, die noch beim Wecken heißer Ungeduld voll geschüttelt wird, von einem Fiebernden, der aber ein Fester ist und ein Beherrschter. Den Stoff an sich reißen, unterjochen; das Wort beherrschen; der Form gebieten; aber den Menschen nie leugnen, nicht bespötteln, er sei, wie er sei, sondern ihn erkennen, ihn begreifen; Demut lernen — das ist der Wille, der solcher Stadt entspringt. Dieses ist kein Buch der Gefühle, sondern des Gefühls, dem die Energie gebot. Es packt ein Jahrzehnt am Nacken und blickt ihm scharf in die Augen, bis die Milde sieht, daß auch sie Tat ist.

Berliner Börsen Kurier

Schritt für SchrittRoman

Otto Flakes „Schritt für Schritt“ ist der bislang einzige von sensibler Erfahrung getragene, stilistisch völlig durchgeistigte und in der Charakterzeichnung dichterisch sichere erotische Roman unserer Zeit, in seiner Art ein Meisterstück.

Literarischer Ratgeber des Dürerbunds

Beständen an unseren Hochschulen Seminare für Sexualpsychologie, so böte für sie dieser Roman einen Übungsstoff besonderer Art. Indem er es versteht, sexuelle Vorgänge allerstärksten und intimsten Grades ästhetisch vollendet, fast schöpferisch im Ausdruck, wiederzugeben, wirkt er mit an der großen Aufgabe, das Sexualgebiet aus einem Tummelplatz der Hoheit in eine Stätte geistiger Schulung zu verwandeln.

Neues Leben

FreitagskindRoman

Ein elsässischer Roman, ein Spiegel, dessen Figuren man in Deutschland erst verstehen wird, wenn es zu spät ist; man hört auf die Tagespolitiker, man sollte auf die Dichter hören.

Nieuwe Rotterdamsche Courant

Horns RingRoman

Wenn bei Lesage der Teufel seinem Erretter die Dächer Madrids abhob, so dringen wir hier bis zu den Wohnungen des Geistes vor, zu dessen vielfältig verschlungener Struktur uns sein magischer Ring den Weg bahnt. So entsteht keine leere Hymne auf den Aufstieg Berlins, dessen Ruhm gesungen wird, sondern eine Dichtung, die sich das Wesen der Großstadt in der tragischen Schwere ihrer Problematik zum Gegenstand nimmt. Daß daraus ein farbensattes Bild von unserer Hauptstadt hervorgewachsen ist, soll nicht gering veranschlagt werden, wie denn ein künftiger Fortsetzer Gustav Freytags aus diesem Roman die besten Kulturzeugnisse für deutsche Leistung und deutsches Leben vor Ausbruch des Weltkriegs wird entnehmen müssen.

Deutsche Rundschau, Berlin

Das LogbuchRoman

Der Hauptgedanke aber, der durch Flakes Bücher immer wieder hindurchleuchtet, macht sie uns gerade in der Verbindung mit diesem geistigen und kulturellen Aristokratismus erst wertvoll: daß alles geschehen und geleistet werden soll in einer tiefen selbstverständlichen Achtung vor demVolkein seiner großen anonymen Gesamtheit, daß alle Verfeinerungen zivilisierten Lebens wertlos sind, die das Recht des schlichten namenlosen Einzelnen auf Menschentum und Aufstieg hemmen und das Menschheitsgewissen, das ja immer irgendwie lebt, mörderisch ersticken.

Börsen-Zeitung, Berlin

Spamersche Buchdruckerei in Leipzig


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