Chapter 3

Es war ein ziemlich dickes Buch und mehrere einzelne Blätter, das Elisabeth brachte. Ehe jedoch Albano einen Blick darauf warf, sagte er: »Aber ich gebe mein unumwundenes Urtheil nur untereinerBedingung, mein Fräulein. Sie dürfen mir nämlich durchaus nicht böse werden, wenn es nicht nach Ihren Wünschen ausfällt.« – Sie schüttelte, blässer werdend, den Kopf und verließ dann mit ihren Blicken sein Gesicht nicht mehr. – Während er langsam Blatt für Blatt umschlug, wechselte sie oft die Farbe und athmete schnell.

Endlich klappte der Maler das Buch zu und sagte lächelnd: »wenn Sie mir versprechen wollen, eine gehorsame Schülerin zu sein – so möchte ich wohl Herrn von Plessow um die Erlaubniß bitten, ihn einigemal in der Woche bei seinem Unterricht unterstützen zu dürfen. Ich weiß, wie beschränkt seine Zeit ist!« – Elisabeth unterdrückte einen Freudenschrei – aber sie ließ ihre seligen Augen leuchten. »Erlauben Sie es auch, lieber Herr Onkel?« fragte sie dann, und als Herr von Plessow lachend sagte: »ich muß mich sogar bei ihm bedanken für solch großmüthiges Anerbieten!« – da neigte siemit dem Ausdruck reizendster Demuth ihre Lippen auf die Hand der »gnädigen Frau« und bat: »nicht wahr, auchSiewerden es erlauben?«

»Wie wunderbar hübsch sie jetzt ist!« dachte Albano, während Frau von Plessow kalt ihre Hand zurückzog und in gezwungen scherzhaftem Tone sagte: »Meine Erlaubniß ist überflüssig – ich selbst möchte vielmehr um Erlaubniß bitten, in diesen Unterrichtsstunden als Zuschauerin figuriren zu dürfen,ma chère. Wer weiß, vielleicht nehme ich selbst noch den Pinsel in die Hand und wetteifere mit Ihnen!« – Die Sache war abgemacht. – Man betrachtete noch einmal die Skizze mit der Akropolis, plauderte, kritisirte – Albano erzählte – der kleine Zwischenfall schien vergessen.

»Der Gottfried hat wieder einen Brief mitgebracht von Elisabeth!« rief die Pastorin durch die halbgeöffnete Thür in ihres Mannes Studierstube. – »Endlich! Sie ließ diesmal lange warten!« – »Nun wir haben heut den 12. März und der letzte Brief war vom 1. Februar. Du vergißt immer, wie viel die Kleine mit ihrem Zeichnen zu thun hat.« – »Gieb nur schnell das Schreiben her.« –»Die Aufschrift ist an mich, Väterchen. Ich muß zuerst lesen. Komm Du lieber in die Wohnstube hinunter, da will ich Euch vorlesen. Hier treibt mir der Tabaksqualm ohnehin das Wasser in die Augen. Und der Gottfried möchte doch auch gern zuhören.« – »Gut, so laß uns gehn.«

Während er aber langsam hinter der Voraneilenden die knarrende Treppe hinabstieg, murmelte er doch ärgerlich: »daß sie diese Tabaksempfindelei nicht ablegen kann! Qualm! Als ob je aus einer einzelnen Pfeife ein Qualm aufsteigen könnte!« –

Der Pastor und dessen junger Substitut mußten sich jedoch noch lange gedulden und schritten, in zwar sehr einsilbigen, aber doch kirchlichen Gesprächen auf und nieder. Die Mutter mußte ja erst den Brief allein lesen, ganz allein, dann wurde ein Weilchen geweint, nachher kamen verschiedene Ausrufe und endlich las sie dann, oft unterbrochen von eigenen und fremden Bemerkungen, folgenden Brief:

»Geliebte Mutter! – Böse mußt Du mir nicht sein, und auch der Vater darf's nicht, daß ich so lange nicht geschrieben – ich hab's selber bis zu dieser Stunde nicht gewußt daß es so viele Tage her war. Es fiel mir nur auf, daß Frauvon Plessow mich heute fragte, ob ich nicht daran denken wolle meine Kleider und Hüte für das Frühjahr zurecht machen zu lassen. Da erfuhr ich denn erst, welches Datum wir schreiben. In der Stadt merkt man ja den Frühling nicht, wie Ihr ihn merkt da draußen. Am 12. ist ja Gottfrieds Geburtstag – wenn ich Zeit habe, schreibe ich ihm eine französische Gratulation unter den Brief.

»Recht viel habe ich zu thun, liebe Mutter, und doch, wenn ich am Abend zu Bette gehe, bin ich oft recht traurig, denn es kommt mir dann vor, als ob ich nichts gethan. Eine ganze große Mappe voll Zeichnungen habe ich, die ich Euch einst mitbringen werde, aber es stehen nicht wie sonst Bäume, Felsstücke, Wasserfälle, sondern Arme, Beine, Füße und Köpfe darauf. Albano behauptet ich hätte mehr Talent zum Porträt als zur Landschaft. Ich habe nämlich seinen Kopf aus dem Gedächtniß nachgezeichnet, und den fand er in meiner Mappe. Selbst Frau von Plessow fand ihn ähnlich und hat ihn in ihr Album gelegt. Er ist aber auch so leicht zu treffen, die Linien sind alle so schön und regelmäßig. Ich freue mich eigentlich, daß ich Porträtirtalent haben soll, es ist so hübsch ein liebes Gesicht so festzuhalten. EuchAlle will ich zeichnen, Dich, liebe Mutter, in der Blondenhaube mit den breiten Bandschleifen, die Du immer des Sonntags trägst, den Vater im Sammetkäppchen und mit der Pfeife, und den Gottfried? – Ja, wie zeichne ich den gleich? – Am besten wohl über ein Buch geneigt, die Augen tief niedergeschlagen, wie ich ihn immer Abends beim Vorlesen sah. – Auch Brigitte wird gezeichnet im Sonntagsputz, die Katze auf dem Schooße.

»Du fragst gewiß, wann das geschehen wird, Mütterchen. Freilich noch nicht so bald als wir dachten, aber doch, so Gott will, bestimmt im nächsten Herbst. Wer hätte geglaubt, daß so sehr viel zu lernen sei! – Zu den Farben bin ich noch gar nicht gekommen! – Ich begreife nicht, daß Albano nicht die Geduld mit mir verliert. Aber er ist eben so unendlich gut – ich könnte mir keinen bessern Lehrer wünschen. – Im Sommer wollen mich Plessow's mit auf ihr Gut nehmen, da will ich aber doch ganz heimlich wieder Baumschlag und Landschaft studieren. Ein kleines Atelier soll ich dort haben, und mich malen zu lehren, hat mir der Onkel versprochen. Das sind wunderschöne Aussichten. Und Stoff zu Porträts werde ich genug finden, denn es soll immer sehr viel Besuch dortsein. – Obgleich man sagt, daß man mit dem Porträtiren sich viel Geld verdienen könne, so möchte ich doch lieber – arm bleiben, wenn ich dafür nur einen kleinen Theil so warm, so leicht, so lebendig skizziren könnte wie Albano. Ach! wenn ich Euch einmal ein Stückchen Landschaft von ihm zeigen könnte!

»Ein recht unruhig Leben haben wir hier – ich möchte manchmal davonlaufen vor all den Besuchenden. Sitze ich in meinem Stübchen, so schickt Frau von Plessow wohl zehnmal im Vormittag herauf, bald soll ich eine neue Mantille, die mir der Herr Onkel gekauft, anprobiren, bald mir vom Schneider Maß nehmen lassen zu einem neuen Kleide, das mir Frau von Plessow schenkt, bald muß ich mit ihr in die Läden fahren, bald mich einigen Fremden vorstellen lassen. Deine lieben Kleider, gute Mutter, und die langen Shawls habe ich aber nicht etwa aufgetragen, behüte mich der Himmel, ich soll sie nur jetzt eine Weile liegen lassen, Frau von Plessow hat einen so wunderlichen Geschmack.

»Um sie nicht böse zu machen, ziehe ich die Sachen an, die sie mir giebt, aber will ich mich einmal recht nach meinem Sinne putzen undvergnügt sein, so schließe ich meine Thür zu und ziehe eines der Kleider an die Du mir gegeben. Besonders lieb habe ich das blaßblaue Seidenkleid – ich trug es ja an meinem ersten Tanzabend! – Weißt Du, wann ich nur ganz allein bin, liebe Mutter? – Nach Tische, von 3–4, zuweilen sogar bis 5. Dann aber fahren wir aus, und Abends besucht Frau von Plessow Gesellschaften oder das Theater, und ich spiele mit dem Herr Onkel und zwei seiner alten Schwestern Whist, oder wir bleiben ganz einsam und spielen Schach.

Auf einen Ball wollten mich Plessow's zuweilen mitnehmen, aber ich habe ja dem guten Vater versprochen niemals in öffentlichen Sälen zu tanzen, und werde mein Versprechen auch gewissenhaft halten. Aber schön mag's dort sein, Albano erzählt mir oft davon, und wenn Frau von Plessow so strahlend hervorschaute aus einer Wolke von leichten und glänzenden Stoffen, Blumen und Perlen, da – nun, Dir darf ich's ja leise in's Ohr sagen, Mütterchen, da wurde ich so traurig, wie wohl Aschenbrödel gewesen sein mag, wenn sie ihre Stiefschwestern zum Balle schmückte. Wenn dann der Wagen fortgefahren war und ich so allein saß – lauschte ich doch heimlich, ob nicht ausirgend einem Winkel eine gute Fee hervortreten würde, ein Gewand von Silberstoff für mich in der Hand tragend. – Im Theater sehe ich immer nur, wie ich's ja gleichfalls dem Vater versprochen, lauter ernste Stücke. Wie im Traume bin ich wenn der Vorhang aufgegangen, und es ist mir, als lebte ich wirklich mit denen, die da auf- und niedergehen vor mir, und hätte auch ein Wörtchen darein zu reden. Wenn Albano in der Plessow'schen Loge nicht immer hinter mir säße und mich mit ruhigen Worten und Erklärungen zur rechten Zeit aufweckte, wer weiß welchen Unsinn ich begehen würde. – Nur das Weinen kann ich nicht unterdrücken; neulich in der Maria Stuart stürzten mir die Thränen unaufhaltsam aus den Augen. Es war mir, als fühlte ich mein Herz in Stücke brechen, wie sie von dem treulosen Leicester scheidet. Sie hat ihn nämlich noch lieb, Mutter, Du kannst mir's glauben, ich fühlte das. Ich war nur froh, daß sie bald ausgelitten hatte, – der Gang zum Tode kann ihr nicht schwer geworden sein – das Leben wäre ja doch viel schwerer gewesen. – Warum hat uns Gottfried niemals Maria Stuart vorgelesen?

»Liebe, liebe Mutter, schreibe mir nur bald und erzähle mir recht von Euch. Knurrt der alteCaro noch immer so, wenn Gottfried vorübergeht? –

»Wie mir's nur sein wird, wenn ich wieder einmal in der Laube sitze oder an der Mauer lehne, wo ich auf den Kirchhof sah! – Nun, zu Deinem Geburtstag im Oktober bin ich wieder bei Euch. Liebe Mutter, ich kann dem Gottfried nicht mehr besonders gratuliren, thu Du's recht von Herzen für mich. Albano wird gleich hier sein, und ich muß hinuntergehen um Papier und Stifte zurecht zu legen. Lebe wohl, Du Liebe, Gute! Ich denke oft daran, wie einsam es Dir sein mag in unserm stillen Dorfe, da Du ja auch weißt wie bunt und schön sich's in der Stadt lebt. –

»Wie viel werde ich Euch zu erzählen haben, wenn ich heimkehre! Der Gottfried braucht dann nicht vorzulesen, den ganzen Winter lang nicht. – Ich grüße Euch alle und umarme Dich und den Vater in Gedanken viel hundert tausendmal. – Elisabeth.

»Nachschrift. – Ich gehe auch alle Sonntage in die Kirche, aber der alte Konsistorialrath hat keine Zähne mehr, und da können nur die ihn verstehn, die dicht unter der Kanzel, oder ihr gerade gegenüber sitzen. Sie haben hier auch auf allenBänken Schilder mit Namen, wie bei uns, auch klappert der Küster gerade so hart mit dem Klingelbeutel wie in unserer Kirche. Aber viele geputzte Damen gehen hin, und die Herren stehen in den Gängen umher und gucken sich keck frei die verschiedenen Gesichter an. – Ich bin recht traurig immer auf dem Heimwege, daß ich nie dort von Herzen andächtig sein kann. Wenn mir der Vater nur nicht böse wird deßhalb!« –

Mit strahlenden Augen reichte die Mutter den Brief dem Vater hin. »Sie ist da wie Kind im Hause,« sagte sie freudig, »sie hat ein gutes Leben dort!« – »Und wird als tüchtige Malerin zurückkommen,« meinte der Pastor, nahm die Brille aus dem Futteral und setzte sich behaglich an das Fenster, um die Epistel noch einmal zu lesen. »Ich wundere mich nur,« murmelte er zwischen dem Lesen, »daß sie gar nichts von meinen alten Universitätsfreunden schreibt, für die sie doch dicke Briefe mitgenommen – von dem muntern Fritsche, ehemaligem Calculator, und vom dicken Senf, der uns immer Predigten hielt und nun Nachmittags-Prediger an der F. Frauenkirche ist, so viel ich weiß.«

»Elisabeth lebt in einem gar vornehmen Hause,« fiel hier Gottfried Berger ein, und seine sonstso sanfte Stimme klang so bitter und verändert, daß beide Eltern aufsahen. Er stand abgewendet von ihnen an dem Fenster und trommelte leise an die Scheiben. – »Sie haben ganz recht! Ich glaube nicht, daß eine Frau wie die Plessow, mit Calculatoren und Nachmittags-Predigern verkehrt!« sagte die Pastorin kühl. – »Nun, ein Nachmittags-Prediger ist doch immer ein Prediger, und wer steht denn höher in der menschlichen Gesellschaft als ein geweihter Diener des Herrn?« rief der Pastor, sich hoch aufrichtend mit allem Stolz jenes souveränen Herrschers, dem die Macht gegeben »zu binden und zu lösen.« – »Wer höher steht?« wiederholte der junge Kandidat und wandte langsam sein bleiches Gesicht dem Fragenden zu. »Hier in M. freilich niemand, lieber Onkel; in großen Städten aber gilt jeder Pinsel mehr heut zu Tage.« –

»Herr Kandidat – die Kinder mit dem Geburtstagsstrauß sind draußen!« meldete Brigitte. »Sie haben aber gewaltig schmutzige Klumpen (Holzschuhe) an; in die Wohnstube kann ich sie nicht lassen, die ist gestern erst gewaschen.« – »Sie mögen in meine Stube kommen!« antwortete Gottfried und verließ das Zimmer.

Draußen begrüßte ihn eine kleine Schaar mitHändedrücken und frohem Gemurmel. Das größte Mädchen trug einen Strauß von Tannenreisern und Märzveilchen in der Hand. Er nickte ihnen freundlich zu und schloß seine Stube auf. Nach kurzem Kampf mit Brigitten, die ihnen gewaltsam die beschmutzte Fußbekleidung abnahm, drängte sich die kleine Schaar in Strümpfen nach. – Der junge Mann hörte geduldig allerlei stockende Glückwünsche an, versprach den Ueberbringern für nächsten Sonntag einen Kuchen, und die Kinder gingen vergnügt wieder weg.

Da saß er nun allein, – den Strauß von Tannenzweigen in den Händen, in tiefe Gedanken versunken. Der starke Duft des winterlichen Grüns durchzog die kleine Stube. Das Feuer im Ofen warf seinen flackernden Schein auf den Fußboden, der mit weißem Sand, von Brigittens kunstfertiger Hand in allerlei Schlangenwindungen, bestreut war, Regentropfen schlugen an die Scheiben, Frühlingswinde fuhren draußen durch die kahlen Bäume – er hörte es nicht. – Seine geistigen Augen sahen eben jetzt einen hellen Sommertag – die Rosen blühten und die Linde – ein warmer Abendschein lag auf dem stillen Garten. Er sah sich auf dem Rande jener Mauer, welche die Gräber abgrenzte von den Blumenbeeten,und – den breiten Kiesweg hinab kam eine schöne junge Gestalt in einem blaßrothen leichten Kleide, eine Epheuranke um die schweren braunen Flechten geschlungen, eine verwelkte Rose im Gürtel.

»Zum Nachtessen, Herr Kandidat!« rief die harte Stimme Brigittens ins Stübchen. – Hatte er denn so lange geträumt? –

Jedes Geschöpf hienieden hat seinen Sonnentag – jedes Menschenherz seinen Frühling. Aber wie ein nordischer Frühling verschieden ist von dem Lenz des Südens, so sind auch die Frühlinge der Herzen verschieden. Wie viele liegen im Norden – in wie wenigen glüht die Wärme des Südens! – Wohl aber, – tausendmal wohl jenen Wenigen! Fürsieist aller Blüthenreichthum da, aller Glanz, alles Licht, wie in jenen gesegneten Ländern des ewig blauen Himmels, und vernichten auch furchtbare Erdstöße oft mit einem Schlage die ganze Herrlichkeit – ist es nicht besser, neidenswerther,einenTag lang überreich gewesen zu sein – als sich mondenlang zu begnügen mit einer Handvoll kargen Grüns, blasser Blumen, spärlicher Sonnenstrahlen? –

Ueber Elisabeths Herz hing der Himmel desSüdens – es war, als seisiebeschenkt worden mit all jener Wärme, die sowohl der Natur des Vaters, wie dem Wesen der Mutter fehlte – und in diesem jungen Herzen blühte eben der erste köstliche Frühling. – Es war Sonnenschein da und Blumenpracht und Lerchenjubel und Nachtigallenklage: – ein junges Herz liebte mit aller Kraft, aller Gläubigkeit und aller Sorglosigkeit einer ersten Liebe. –

Seit drei Monden waren sie alle auf dem reizenden Plessow'schen Gute, zwei Stunden von der Stadt gelegen, – seit drei Monaten fand das junge Mädchen einen Tag schöner als den andern, seit drei Monaten lebte sie mit Albano unter einem Dache und sah ihn täglich. – Sie war freilich niemals allein mit ihm, – er redete kaum zehn Worte mit ihr, und sie sah ihm auch oft mit stiller Trauer nach, wenn er an der Seite der Frau vom Hause seine regelmäßigen Spazierritte unternahm. Denn wie vortheilhaft erschien die zierliche Gestalt der eleganten Reiterin, wie keck saß der braune Hut mit Feder und Schleier auf den blonden Locken, und wie schön war Albano zu Pferde! – Recht lange währten diese Ausflüge, meinte Elisabeth, und so gut sie dem »Herrn Onkel« war, der dann immer mit ihr spazieren ging, oderauf der Terrasse saß und ihre Zeichnungen korrigirte, so hätte sie es – sie wußte nicht recht warum – doch lieber gehabt, wenn er sie ganz allein gelassen. – O, sie war so gern allein! – Es ließ sich so köstlich – anihndenken. –

Ob er sie wieder liebte, daran dachte sie lange nicht; sie hatte genug an ihre eigene Liebe zu denken. Später – es war an einem schönen Sommerabend, viele Fremde waren da, und sie hatte viel hin und wider zu gehn und für Jeden zu sorgen – da hatte er ihr wohl klar gezeigt, daß auch er sie liebe. – Man war nämlich ein wenig in den nahen Wald gegangen – Frau von Plessow am Arm des schönen Grafen Reinberg voraus, hinter ihnen verschiedene Paare, der »Herr Onkel« war mit einigen gichtischen alten Herren zurückgeblieben. Wer war da plötzlich an die einsam nachschlendernde Elisabeth herangetreten? Wer hatte ihr da einen Waldblumenstrauß gepflückt und Grashalmenkränze im Weiterwandeln für sie gebunden? Und als sie auchihmeinmal die Halme zum Kranz gehalten und ihm gesagt, daß er sich nun etwas Ernstes, Großes wünschen könne, da hatte er leise geantwortet: »ich wünsche mir nurEinesfür mein Leben – wollen Sie's wissen, Elisabeth?«– Aber von einer süßen Angst ergriffen, hatte sie da den Kopf schütteln und dann langsam die Augen zu ihm aufschlagen müssen. – Da war sie denn seinen Augen begegnet, die ihre Seele an sich gezogen mit unwiderstehlicher Gewalt – und es war über sie gekommen wie Seligkeit und Entsetzen zugleich, und sie hätte in den Wald hineinlaufen mögen, so weit als ihre Füße sie getragen. – Und doch war sie nicht entflohen, sie hatte vielmehr ihren Arm in den seinen gelegt, und so waren sie neben einander schweigend hergegangen, bis sie die Gesellschaft erreicht.

Das war Alles gewesen – aber dieser Waldgang erschien in ihren schönsten Träumen – an dieser Erinnerung hing sie mit Seele und Gedanken. – In dieser zauberschönen Zeit bemerkte sie nicht, daß Frau von Plessow immer kälter und härter gegen sie wurde, – sie lebte eben in einer andern Atmosphäre. Keiner Wolke aus der Alltagswelt gelang es, ihren Himmel zu trüben. – Nie war sie lieblicher gewesen, nie heiterer, nie hatte sie von allen, die das Plessow'sche Haus besuchten, größere Aufmerksamkeit erfahren. Wäre sie kein armes Predigerstöchterlein gewesen – viele hätten ihr zu Füßen gelegen, viele hätten um ihre Gunst geworben,viele hätten es für ein Glück gehalten, eine so reizende junge Braut zu erringen! – So aber – unsere Geschichte spielt in der Neuzeit, – war »die Kleine« vor allen Dingen nicht reich, zweitens hatte sie einen abscheulich plebejischen Namen, drittens sprach sie nicht Englisch, und viertens war sie durchaus nicht musikalisch. – Sie war also, nach Ansicht der heirathsfähigen Männer, eine Null im Plessow'schen Salon, freilich hübsch genug »pour passer le tempsmit der Kleinen.« –

Während dessen träumte aber im stillen Pfarrhaus von M. eine Mutter wunderbare Träume vom einem vierspännigen Wagen mit gräflichem Wappen am Schlage – von einer strahlenden Braut im weißen Spitzenkleide, die in der Dorfkirche getraut wurde, um gleich darauf mit ihrem jungen Ehegemahl eine Reise nach Italien anzutreten, von Koffern, Hutschachteln, Kisten u. s. w.

Albano war sehr gewissenhaft in seinen Unterrichtsstunden, alles Neue reizte ihn. Regelmäßig jeden Vormittag verbrachte er bei den beiden Frauen, mit der Einen plaudernd – die Andere unterweisend. – Elisabeth war eine talentvolle Schülerin und unermüdlich fleißig. Die Welt der Farben, in die sie jetzt die Hand des Geliebten einführte,entzückte sie. Es war ihr, als schmölzen sie alle zusammen zu einem prächtigen Farbenbogen, einem strahlenden Bande, dazu bestimmt ihre Herzen fester aneinander zu ziehen. – Ueber das erste, nach der Natur gemalte Bouquet jubelte sie, um in der nächsten Stunde traurig die unerreichbare Wärme, den unnachahmlichen Schmelz der wirklichen Blumen mit ihren gemalten zu vergleichen. – Und dennoch sagte ihr Albano: »Sie könnten eine der ersten Blumenmalerinnen werden – aber dann müßten Sie auch einen andern bessern Lehrer haben,ichverstehe nichts davon. Wenn wir wieder in die Stadt kommen, muß S. Ihnen Unterricht geben.« – Sie hörte schweigend zu; aber seit jenem Tage wurde sie lässiger im Malen der Blumen und fing, zu seiner Ueberraschung, an sich in Aquarell-Landschaften zu versuchen. Auch hierin zeigte sie Talent, auch hierin machte sie Fortschritte – Albano war ja ihr Lehrer.

Einmal hörte sie von ihm den Ausspruch: »Frauen solltennurBlumen malen lernen, wenn sie den Pinsel in die Hand nehmen, sie würden sicher sein uns auf diesem Felde allezeit zu besiegen. – Eine Frau, die historische Bilder und Landschaften schaffen will, erreicht im besten Falle nurdasselbe, was eine Frau erreicht, die – einen Roman schreibt. – Wir Männer bilden uns nämlich doch immer ein es tausendmal besser zu verstehn als sie. Und nicht ganz mit Unrecht! – Ein ächter Mann wird übrigens in unserer Zeit ebenso selten Blumenmaler, wie eine kräftige Feder sich herabläßt Lilien- und Rosenmärchen zu schreiben.« –

Zwei Tage nachher brachte sie ihrem Lehrmeister eine wilde Rose in Wasserfarben, halb vom Stengel gebrochen, einen Thautropfen auf den Blättern, mit einer so reizenden Grazie und Wärme gemalt, daß er sie bat, ihm das Blatt zu schenken. – Wie stolz und freudeglühend sah sie zu, als er es in seine Mappe legte! –

Die erste Liebe eines reinen jungen Mädchenherzens ist doch das unschuldigste, lieblichste, traurigste Ding der Welt, – ein Strahl, der dem Gegenstand den er trifft, erst Farben, Glanz und Wärme verleiht. – Und wie der Sonnenstrahl zerfallenes Gemäuer, zerbröckelte Felsen, die alltäglichsten und ärmlichsten Dinge rosig verklärt, – so die erste Mädchenliebe die unbedeutendsten Gestalten. – Ein ächtes Mädchenherz liebt es eben zu malen und zu schmücken, und je mehr graue Flächen vorliegen, desto freudiger geht es an die Arbeit und maltund malt, bis die wirkliche Erscheinung jenem reizenden Fantasiebilde, wie es jede junge Seele mit sich herumträgt, täuschend ähnlich sieht. – Nur Schwärmer reden von einem unwiderstehlichen Zuge der Seele zur Seele in solcher Zeit. – Hand auf's Herz – die feurigsten reinsten Mädchenherzen lieben fast immer zuerst um Nichts. –

In einem flüchtigen Beobachter wäre wohl kaum noch ein Zweifel aufgestiegen daß Elisabeth und Albano sich liebten. Das junge Mädchen verrieth sich zwar nur durch ihr strahlendes Erröthen, durch ihr freudiges Aufleuchten, wenn er sich zu ihr wandte, durch ihre Begeisterung, wenn von seinen Bildern gesprochen wurde; Albano dagegen zeigte bei jeder Gelegenheit die lebhafteste Theilnahme an ihrem Sein und Wesen, und seine wirklich schönen dunklen Augen hingen an der jungen Gestalt mit sichtlichem Entzücken.

Frau von Plessow selbst war es, die ihren Mann zuerst scherzend aufmerksam machte auf die Vorliebe des Malers für die »kleine Feldblume.« Plessow zuckte nur die Achseln und antwortete: »eine Laune – wie wir sie von ihm gewohnt sind! Elisabeth wird aber vernünftig genug sein, das herauszufühlen.Um ihren verlorenen Frieden wäre es schade. Ich werde auf sie achten!« –

Die Plessow'sche Ehe galt schon mehrere Jahre lang für ein Musterverhältniß in den höheren Kreisen F.s. Der stattliche Fünfziger hatte nach zwölfjährigem Witwerstande seinen Namen und sein Vermögen der armen, aber reizenden Adele Felsen zu Füßen gelegt. Sie brachte ihm zwar kein freies, aber ein dankbares Herz zu – er hatte sie ja aus einer drückenden Lage im Hause hochmüthiger Verwandten erlöst, und eine Jugendliebe zu einem armen Offizier war ohnehin hoffnungslos. – Fast zehn Jahre lang stand sie als anmuthige Wirthin und liebenswürdige Frau dem Hause ihres Mannes vor, der sie schmückte und werth hielt wie ein Lieblingsspielzeug. Er versagte ihr keinen Wunsch, aber sie war auch so artig, nur die billigsten Wünsche zu äußern – die unbilligern höchstens errathen zu lassen. – Die Gesellschaft hatte bis vor einem Jahre über Frau von Plessow nicht mehr zu flüstern gewagt, als sie eben über jede hübsche Frau, die einen ältern Mann geheirathet, zu flüstern gewohnt ist. – Da erschien Albano, der junge elegante Maler, im Plessow'schen Hause – die Scenerie veränderte sich – die Beleuchtung wechselte. – Die Männerspöttelten, die Frauen munkelten, verdammten, kreuzigten – aber nicht, weil hier eine Frau heilige Pflichten zu verletzen schien – sondern nur – weil der schönste Mann F.s den kunstreichsten Netzen sich entzogen hatte, um in den Locken der »kleinen koketten Plessow« hängen zu bleiben! –

Eines Tages – der Herbst kam heran, man redete schon davon in die Stadt zurückzukehren – unternahmen Plessow's mit einigen ihrer Gäste einen Ausflug nach einer, wenige Stunden vom Gute entfernten Ruine. – Mehrere Damen, unter ihnen Elisabeth, fuhren, – Frau von Plessow und die Männer ritten. Wieder war Albano an ihrer Seite – wieder wehte die braune Feder und der lange Schleier, und stolz lächelnd, mit flüchtigem Kopfnicken und fliegenden Locken, sprengte die graziöse Frau vorüber. – Ein Seufzer flog ihr nach – ein schöner Mädchenkopf unter einem runden Hute neigte sich weit über den Wagenschlag, um ihr nachzusehen. – Als der Wagen aber nach kurzer Fahrt vor dem Wirthshause hielt, trat Albano an den Schlag – und einen Augenblick lang nur zitterte Elisabeths Hand in der des Geliebten – und fühlte einen kurzen heißen Druck, – aber solche Augenblicke werden zu seligen Jahren in der Erinnerung, Dank demGotte der uns die Erinnerung gönnte! – Nachdem man eine Erfrischung genommen, bestieg man die romantische Burg, Elisabeth am Arme ihres »Herrn Onkels« war die Letzte im Zuge. – »Erspare mir die steile Bergtreppe, mein Kind,« sagte Herr von Plessow plötzlich, »im Burggarten ist die Aussicht ebenso schön – komm, ich will Dir's beweisen, auch möchte ich gern mit Dir ein Wort allein reden.«

Sie sah ihn ahnungsvoll an und ließ sich schweigend von ihm führen. – Der Burggarten war groß, romantisch verwildert, und voll poetischer Plätzchen, die einen Blick in das weite Land gestatteten. An Grotten, verfallenen Bassins und eingestürzten Brücken fehlte es nicht, Herr von Plessow zog es aber vor sich auf eine neugezimmerte Bank zu setzen, die der Wirth der naheliegenden Waldschenke für die Besucher der Ruine an einer der lieblichsten Stellen hatte aufführen lassen.

Als Elisabeth neben ihm Platz genommen, sagte er ohne alle Einleitung: »ich habe heute einen Brief von Deinem Vater erhalten. Die Eltern wünschen, daß Du vor dem Winter nach Hause kommst, – die Mutter wird Dir wohl selbst indiesen Tagen schreiben. Der junge Berger will fort. Er hat sich zu einer Pfarrstelle in S. gemeldet und wird bald dort eine Probepredigt halten.« – »Gottfried will den Vater verlassen?« rief Elisabeth und schlug staunend die Hände zusammen. – »Ueberrascht Dich das so sehr?« – »Wie sollte es nicht, Herr Onkel! Und Unrecht ist es auch vom Gottfried!« – »Warum?« – »Nun, er hat mir ja versprochen die Eltern nicht zu verlassen, bis ich heimkomme.« – »Hast Du ihm denn alleDeineVersprechungen so gewissenhaft gehalten, daß Du ihn so streng richtest?« – »Ich habe dem Gottfried im Leben noch nichts versprochen als das Eine: bald möglichst nach M. zu kommen. Sie wissen ja selbst, Herr Onkel, daß ich das nicht halten konnte.«

»Aber – Elisabeth, sieh mich nicht so erschreckt an! – der Vater schreibt ganz so als ob ihr Beiden euchnäheranginget, der junge Berger und Du – als ob –« – »Gottfried und ich? Gewiß gehen wir uns nahe an – wir haben uns lieb wie Bruder und Schwester.« – »Nein, Elisabeth – so ist's nicht! Und wenn Du's nicht weißt oder nicht wissen willst, so laß mich Dir's nur rund heraussagen: – Dein Vater will, daßDu den Gottfried heirathest, und der Gottfried will Dich auch zur Frau, – aber jetzt denkt er daß ein Anderer Dich ihm streitig gemacht hat, und da will er denn, nach Art unglücklicher Liebhaber, allsogleich auf und davon gehen.« –

Todtenblaß schaute das Mädchen dem Sprechenden ins Gesicht und ihre Hand zitterte, als sie nach einer Weile die Hand Plessows berührte und mit veränderter Stimme bemerkte: »Herr Onkel,daskann der Vater nicht wollen!« – »Lies den Brief selber, mein Kind! Der Vater ist plötzlich ängstlich geworden um Dich und verlangt Dich heim. – Und wenn Du meinen Rath hören willst, mein Kind – Du weißt, ich habe Dich lieb, sehr lieb sogar – so geh! – Geh, Elisabeth, so lange es noch Zeit ist.« –

Er verstummte, denn Stimmen wurden laut und Fußtritte, die Gesellschaft überraschte die Zurückgebliebenen. Elisabeth steckte den Brief wie im Traume zu sich – sie schrack zusammen, als neben ihr Albano's Stimme leise, halb scherzend, sagte: »jetzt weiche ich nicht mehr von Ihrer Seite!«

Man streifte durch den Garten. Ein breiter Fahrweg durchschnitt unbarmherzig die schönsten Taxuswände, Fuhrleute und arme Wanderer zogendarüber hin, unbekümmert um die gestürzten steinernen Helden und Göttergestalten, die hart an der Straße, überwuchert von Gras und Kräutern, lagen. – Herbstblätter bedeckten den Weg, den jetzt die elegante Gesellschaft betrat. – Der Himmel hing blau über ihnen, die Sonne schien warm, und fröhliches Lachen klang durch die heitere Luft. Die geschmückten Frauen, leicht über den rauhen Pfad hinschreitend, erschienen so glücklich und anmuthig, die Männer so liebenswürdig – die Unterhaltung war so lebhaft und glänzend, der landschaftliche Hintergrund so reich – es war ein lebendiges Wouvermann'sches Bild in moderner Tracht.

Elisabeth erschien ungewöhnlich lebhaft, sie plauderte hastig mit ihrem Begleiter, aber ihre Wangen glühten, ihre Augen schimmerten feucht. In all dieses Schwirren fröhlicher Menschenstimmen klang jetzt plötzlich ein fremder trauriger Ton – das Glöcklein des Monstranzdieners. – Aus dem Walde hervor schritt ein ehrwürdiger Priester, gefolgt von dem Meßner, der die letzte heilige Labung einem Sterbenden entgegen trug – Alle traten zur Seite – der einzige Katholik unter ihnen – Paul Albano – beugte das Knie. – Aber –war es eine weiße Wolke die neben ihm zur Erde sank in demselben Augenblick? – Er hob die Augen – dicht an seiner Seite kniete Elisabeth am Rande der Straße, die Hände gefaltet – das holdselige Gesicht überströmt von einem verklärenden Schimmer von Andacht und – Liebe. –

Warum sie niedergesunken – sie wußte es nicht; sie betete, weil sie eben ihren Geliebten beten sah; sie warf sich mit ihm, neben ihm in den Staub vor dem Gotte der ihr reines Herz – ihre Liebe kannte; sie hatte in diesem einen überwältigenden Moment alles vergessen, nur das Eine nicht: daß sie neben ihm,mit ihmauf den Knien lag. – Der Priester lächelte gütig, machte das Zeichen des Kreuzes über diese beiden jungen Häupter – und wandelte weiter. – Das Glöcklein verhallte, die ganze Scene ging vorüber wie ein Schattenspiel. –

Elisabeth kam erst wieder zu sich bei dem Klange einer scharfen Frauenstimme, die folgende Worte sagte: »seit wann kniet die Tochter eines protestantischen Geistlichen vor einem katholischen Kaplan? Sie spielen ja recht artig Komödie, Fräulein Müller!« – Frau von Plessow war es, die spöttisch lachend neben Elisabeth stand.

Das junge Mädchen erhob sich. Verwirrt blicktesie umher; sie begegnete überall neugierigen Augen; man flüsterte mit einander – man flüsterte über sie! – Jetzt erst besann sie sichwassie gethan; aber ihre plötzliche Verwirrung, ihr Erröthen und Erblassen galt nicht jener Gesellschaft, der sie unbewußt »eine artige Vorstellung« gegeben – Elisabeth dachte einzig und allein in diesem Moment an ihren Vater. – Was würde er empfunden haben, hätte er sein Kindsogesehen! – Sie fühlte ihr Herz heftig schlagen – sie fühlte, wie eine namenlose Angst herankroch: – sie rang nach Athem. »Komm, mein Kind,« sagte jetzt die gedämpfte Stimme Plessow's. »Es ist besser, wir fahren nach Hause – Du und ich. – Meinst Du nicht auch Elisabeth?« – »Ja, ja, nach Hause!« wiederholte sie und athmete auf. – Noch einmal wandte sie im Fortgehen den Kopf zurück – Albano stand neben Frau von Plessow, – seine Augen trafen die ihren mit einem tiefen dunklen Blick.

Als sie im Wagen neben ihrem stummen Begleiter saß, wandte sie sich plötzlich gegen ihn und sagte: »ich will aber wirklich nach Hause, Herr Onkel!« – »Du thust wohl daran, mein Kind!« lautete die Antwort. – »Morgen früh will ich fort! Ich muß dem Vater alles sagen!« – »WußtestDu nicht, daß Albano ein Katholik sei?« – »Nein! Ich sah nur daß er betete und – ich betete mit ihm.« –

»Aber Elisabeth, glaubst Du, der Vater,DeinVater, würde zugeben, daß Du, sein einziges Kind, eines Katholiken Weib würdest?«

Sie sah ihn erblassend an – ein Ausdruck von so unendlicher Angst breitete sich über das Gesicht, daß Plessow mitleidig seinen Arm um sie schlug und sehr weich sagte: »sei nur ruhig, Elisabeth, ich schreibe selbst an Deinen Vater – es wird schon alles gut werden. Albano hat doch sicher längst mit Dir geredet?« – »Er hat mir nie gesagt daß er mich zu seiner Frau begehre,« antwortete sie, und ihr Auge strahlte wieder, »aber ich weiß ja – daß er mich lieb hat, denn –« – »Was denn?« – »Denn –ichliebe ihn ja so über alle Maßen!« Sie war in diesem Augenblicke wunderschön in ihrer einfachen starken Zuversicht. – »Armes Kind!« murmelte Plessow. –

Sie sprachen nun Beide kein Wort weiter miteinander auf der Rückfahrt, und als sie aus dem Wagen gestiegen, ging Elisabeth sogleich in ihr Zimmer hinauf. – Herr von Plessow hielt sie nur noch einmal zurück, um ihr zu sagen: »MorgenMittag, sobald ich aus der Stadt komme, sprechen wir weiter mit einander. Bringe Deine Sachen nur einstweilen in Ordnung, vielleicht begleite ich Dich selber nach M. – Mit der Post kannst Du nicht reisen, die fährt des Nachts um zwei Uhr hier vorbei.« –

Die übrige Gesellschaft kam erst mit Dunkelwerden zurück – Elisabeth ließ sich zum Souper entschuldigen, und bald nach neun Uhr zogen sich die verschiedenen Gäste in ihre Gemächer zurück. –

Es war fast zehn Uhr als Elisabeth, inmitten ihrer fast krankhaften Geschäftigkeit, sich plötzlich erinnerte, ihr Skizzenbuch im Salon vergessen zu haben. Es mußte auf dem Klavier liegen, Albano hatte diesen Morgen noch darin geblättert. – Sie nahm ein Licht und ging geräuschlos die teppichbelegten Treppenstufen hinunter. Im Vorzimmer war es leer, die Thür des Salons nur angelehnt, – es war noch Licht da, auch in dem Boudoir der Frau vom Hause, das dicht daran stieß. Das junge Mädchen fand die Mappe und wollte eben wieder den Rückweg antreten, als eine tiefe, ach nur zu sehr geliebte Männerstimme gedämpft, von dem Nebenzimmer her, an ihr Ohr schlug. Sie hörte Albano reden und stand still, keine Macht der Welt hätte sie jetzt dazu gebracht von dieserStelle zu weichen. Starr, ein schönes Steinbild, das Buch an die Brust gedrückt, den kleinen silbernen Leuchter mit der brennenden Kerze in der Hand, stand sie und lauschte: –erredete ja! – Bleicher als das weiße Kleid, das sie trug, wurden ihre Wangen, ungestüm schlug ihr Herz – aber sie wankte nicht – es war jaseineStimme! –

»Aber ich will sie nicht länger dulden in meinem Hause – sie ist eine gemeine Kokette!« sagte die bebende Stimme der Frau von Plessow. – »Erlauben Sie mir zu bemerken daß meiner Ansicht nach Elisabeth sich grade indieserHinsicht bis jetzt wunderbar ungelehrig gezeigt hat!« – »Wie? Sie wagen es mir gegenüber dies Mädchen in Schutz zu nehmen?« – »Sie bedarf meines Schutzes nicht, meine Gnädige. Wer so rein und blumenhaft wie dieses junge Wesen –.« »Ich verbitte mir alle sentimentalen Phrasen! Sie langweilen mich!« – »Aber um Gotteswillen Ruhe, Adele! Sie sind ja außer sich – Sie sind – – verblendet!« – »O! Sie meinen ich sei eifersüchtig? Lassen Sie mich lachen! Und recht von Herzen! – Nein, Paul,solcheNebenbuhlerin fürchte ich noch nicht!« – »Aber Sie dürften sie vielleicht zu fürchten haben, wenn Sie – Elisabeth beleidigten, wenn Sie das Mädchen zwängenIhr Haus zu verlassen!« – »Auf diese Drohung hin wage ich es, mein Herr! – Oder hätten Sie vielleicht Lust die kleine Pastorstochter zu heirathen? Eilen Sie – Papa und Mama in M. werden Sie mit offnen Armen aufnehmen. Ein Schwiegersohn ist allzeit willkommen. Gehen Sie – versäumen Sie keine Zeit mein Herr – wer möchte Sie halten?« – »Und wenn ich nun diese Erlaubniß benutzte?« – Ein halb unterdrückter Schrei – der Name »Paul!«, ausgestoßen in Verzweiflung und Zorn, drang in Elisabeths Ohr.

Das junge Mädchen glitt hinweg, geräuschlos wie sie gekommen. –

Als die Postkutsche in der zweiten Morgenstunde langsam heranrollte, stand eine verhüllte Frauengestalt, ein kleines Bündel in der Hand, am Wege, hart am Thore des Plessow'schen Gartens. – »Nach M.« sagte eine schüchterne Stimme. – Der Wagen war leer. – Die Dame stieg ein, die Pferde trabten weiter, und das Geräusch der Räder verlor sich allmählich in der tiefen Stille der Nacht. – –

Elisabeths kleine Dienerin brachte am frühen Morgen dem Herrn des Hauses folgenden Brief:

»Lieber Herr Onkel! – Zürnen Sie mir nicht, daß ich eher abgereist bin als ich wollte. Ichmußtefort, ich würde gestorben sein wenn der Postwagen nicht gekommen wäre. O wäre ich nur schon zu Haus! – Fragen Sie mich aber nie, weßhalb ich so schnell fortlief, schreiben Sie mir auch nie, auch nicht dem Vater – schicken Sie mir nur meine Staffelei und mein Malergeräth. – Ich will wieder fleißig sein, recht fleißig, damit ich es auch verdiene, daß Sie mich lieb haben. – Dank für Ihre Güte – Dank für alles – Gott segne Sie! – Elisabeth.«

Wie still waren die langen Herbstabende in dem Pfarrhause! – Die Schwarzwälder Uhr in der Wohnstube tickte einförmig, der Pastor saß rauchend und sinnend in einem Sessel, die Pastorin strickend auf dem harten Sopha, Gottfried Berger auf einem Strohsessel ihr gegenüber. Zwar lagen zwei Bände »Lebensbeschreibungen berühmter Deutschen« auf dem Tische, zwar fing der Kandidat regelmäßig nach dem Nachtessen an darin zu lesen – er wurde aber sicher, noch ehe er zwei Seiten vollendet, von irgend einem Etwas unterbrochen. Entweder fiel nämlich die Nadel der Frau Pastorin unter den Tisch, und er bückte sich sie aufzuheben, oder diePfeife des Pastors erlosch, und der Lesende war es der es zuerst bemerkte und einen Fidibus anzündete, und bei solchen Gelegenheiten war man ehe man sich dessen versah, in das allgemeine Lieblingsgespräch vertieft, das sich immer und immer wiederholte und dessen doch niemand müde wurde: man redete über Elisabeth. – Ihre Briefe wurden aus dem Strickkörbchen, wo sie jederzeit lagen, hervorgeholt, und wieder und wieder durchgegangen und hin und her besprochen.

Wochen waren vergangen, seit der letzte Brief ins Pfarrhaus geflogen. Und diese Zeilen waren so jubelvoll gewesen, und doch so kurz, daß der Vater über das theure Porto schalt. Nachher meinte er aber doch das Blättchen habe ihm Freude gebracht, obgleich im Grunde nichts darin gestanden, es sei ihm gewesen, als ob Elisabeth in alter Weise ihm heimlich einen Blumenstrauß ins Studierzimmer gestellt. – Der Mutter Herz hatte im Stillen gejubelt und in ihr Abendgebet jenen Mann eingeschlossen, dessen Namen ihr Kindnichtin diesem letzten Zettelchen genannt. – »Sie wird die Frau eines berühmten Künstlers, der Himmel hat meine Pläne gesegnet. Gott behüte das Plessow'sche Haus.«

An demselben Abend hatte sie eine lange Unterredungmit ihrem Gatten, und als sie sein Studierzimmer verließ, nahm sie die Genugthuung mit hinweg, daß der Pastor, anscheinend wenigstens, von einer seiner Lieblingsideen völlig zurückgekommen sei. Er hatte nämlich am Schlusse jenes wichtigen Gespräches geäußert: »es sei ihm jetzt ganz lieb und recht, daß der Gottfried die Pfarrstelle in S. erhalten und in einem Monat dahin abgehe.« – Seitdem war aber eine Pause eingetreten, die allmählich anfing auf alle zu drücken: – Elisabeth schrieb nicht.

Es war am Abend vor Gottfried Bergers Abgang nach S. – draußen pfiff ein schneidender Herbstwind, der Himmel zeigte sich grau verhangen, die welken Blätter retteten sich in wilder Flucht von den Bäumen, als fürchteten sie noch einen schlimmern Feind als – den Tod. Drinnen in der Wohnstube hatte man schon längst die grüne Schirmlampe angesteckt, auch brannte ein kleines Feuer im Ofen, – die Drei saßen wie immer um den runden Tisch.

»Ob die Postkutsche schon durchgekommen sein mag?« fragte die Pastorin eben. – »Sie wird in zehn Minuten hier sein,« antwortete Berger mit melancholischer Stimme, »ich will hinunter gehn zum Postverwalter, vielleicht ist heute ein Brief da.« –Und er rückte seinen Stuhl, wie jeden Abend, und stand auf um seinen Hut zu nehmen. Da klinkte es an der Hausthür – da kamen Schritte – da klopfte es wie im Fluge an die Stubenthür – eine hohe Mädchengestalt im verhüllenden Mantel und Hute trat ein, ehe Jemand »herein« gerufen, – eine sanfte Stimme sagte: »Vater! Mutter! Gottfried!« – Herr Gott des Himmels – es war das Kind, – es war Elisabeth!

Als Vater und Mutter sie umfaßt hielten, da begriffen Beide nicht daß sie dies Kind so lange entbehren konnten. – Aber als die Mutter ihr den Mantel und den Hut abnahm und der Vater den Schirm von der Lampe abhob, damit der volle Lichtschein das geliebte junge Angesicht treffe, da war es ihnen, als sei das nicht mehr jenes Mädchen, das damals von ihnen gegangen. – Größer war sie geworden, doch blaß – recht sehr blaß – und ihr Lachen war nicht mehr so fröhlich – ihre Stimme klang anders.

»Und Du kommst allein, – und so überraschend, – warum schriebst Du nicht vorher?« fragte die Mutter und küßte sie wieder und wieder. – »Der Gottfried wollte ja fort, und da mußte ich wohl kommen,« antwortete sie scherzend, aber die Augenstanden ihr voll Thränen. – »Er geht auch morgen nach S. zur Probepredigt für nächsten Sonntag,« sagte der Vater. Sie sah ihn erstaunt an. »Also wirklich? Auch nicht noch einen Tag sollen wir mehr mit einander plaudern, Gottfried?« – »Willst Du es – so kann ich noch einen Tag bleiben.« – »Ich bitte Dich darum!«

Die Pastorin konnte es diesen Abend kaum erwarten ihr sichtlich ermüdetes Kind in die Schlafkammer zu führen, – sicherlich hatte Elisabeth eine Last froher Mittheilungen auf dem Herzen. Sie sah ja ganz aus wie eine heimliche Braut – so ernst, so gedankenvoll, sie wechselte die Farbe so jählings! –

Endlich waren die Stunden des Hin- und Herfragens, und das Nachtessen, vorüber, – Brigitte hatte in der Freude ihres Herzens den Eierkuchen verbrannt – und Mutter und Tochter waren allein im stillen Kämmerlein. – Die Pastorin stellte den Leuchter auf den Tisch, und nestelte wie sonst ihrem Kinde das Kleid los. Aber Elisabeth sprach und fragte nur gleichgültige Dinge, wenngleich sie sich's gefallen ließ daß die Mutter, wie vormals, sie auskleidete, ihr das Haar einflocht und das Nachtkleid überwarf. – »Dein Haar ist viel schöner geworden,sieh, ich bringe die Flechten kaum unter das Häubchen!« sagte die Pastorin mit mütterlichem Stolz. »Und wie viel hübscher verstehst Du Dich zu kleiden! Du hast auch gewiß allerlei Schönes mitgebracht. Plessow's waren ja so gut gegen Dich. Wann kommen Deine Sachen?«

Als ihr Kind den Kopf auf die Kissen gelegt, setzte sich die Mutter auf den Rand des Bettes, und herab sich beugend zu der lang entbehrten jungen Gestalt, flüsterte sie bewegt: »hat meine Tochter auch ihr altes schönes Vertrauen zur Mutter wieder mitgebracht?« – Da schlang Elisabeth ihre beiden Arme um den Nacken der Mutter und brach in ein heißes Weinen aus. Lange lange kam kein Wort über ihre Lippen, das Schluchzen sänftigte sich nur allgemach, und als die Thränen endlich milder flossen, konnte sie nur kaum vernehmbar murmeln: »es ist alles – alles vorbei. Aber bitte, bitte, frage mich nicht – ich muß sterben wenn ich davon reden soll! Es ist vorbei und ich bleibe bei Euch für immer.« – Sie hatte die Hände zusammengepreßt und sah mit dem Ausdruck tiefsten Leides zu ihr auf.

»Ich verspreche es, wenn Du wieder ruhig werden willst,« antwortete die weinende Mutter. – »Nun gute Nacht denn, Mütterchen,« sagte sie mit derZärtlichkeit früherer Tage, »aber bete, ehe Du gehst, noch einmal mein Kindergebet mit mir. Ich habe es lange nicht mehr gebetet.« Und leise flüsterten nun zwei bewegte Stimmen:

Die Mutter küßte die Tochter noch einmal und ging. – Ob der liebe Gott wohl diese nassen jungen Augen schloß, in dieser ersten Nacht im Vaterhause?

Seltsame Tage waren es, die nun kamen und gingen im Pfarrhause. Es war scheinbar alles wie sonst und doch alles anders. Zuerst kam der Gottfried schon am zweiten Tage und erklärte, daß er nicht nach S. zur Probepredigt reisen werde. Er gab an, einen Brief erhalten zu haben, der die Aussicht auf Erfolg dort seinerseits zweifelhaft gemacht.Der Pastor und seine Frau sahen ihn zwar zuerst mit großen Augen an, freuten sich aber dann aufrichtig den gewohnten Hausgenossen behalten zu dürfen. Elisabeth reichte ihm stummdankend die Hand.

Sie saß jetzt wieder wie früher mit der Mutter im Wohnstübchen, – Abends versammelte man sich um den runden Tisch, Gottfried las, als ob man gar nichts zu Plaudern hätte, aber es war etwas Fremdes zwischen Allen, das keiner mit Namen zu nennen wußte. Das junge Mädchen trug Kleider von anderm Schnitt, ihr Haar war in anderer Weise geordnet, aus den Schläfen weggestrichen, in Puffen zurückgeschlagen und hinten in einen tiefen Knoten zusammengenommen. Die edlen Linien ihres jugendlichen Profils traten so sehr blendend hervor. Die Rundung ihres Gesichts war aber verschwunden, die Wangen zeigten eine merkliche Verminderung ihrer sonstigen Fülle, und leise Schatten lagen unter den Augen. Das fröhliche Singen durchs Haus, das leichte Springen Trepp ab, Trepp auf, das helle Auflachen – alles war nicht mehr da. Ernst glitt die junge Gestalt durchs Haus und sah man sie die Treppe hinaufsteigen, so meinte man, sie müsse müde sein, sehrmüde. – Zu den Poststunden zeigte sie eine gewisse fieberhafte Spannung, die Keinem entging. »Ich erwarte meine Staffelei und mein Malergeräth,« sagte sie dann wie zur Entschuldigung.

Eine Woche war vergangen – da kam Gottfried Berger eines Abends nicht allein von der Post zurück; Männer, die verschiedenes Gepäck trugen, folgten ihm, und Allen voraus eilte ein kleiner starker Herr in einen Mantel gehüllt. Er war schon in der Wohnstube, ehe Berger das Pfarrhaus erreichte.

»Plessow!« rief die Mutter freudig überrascht. Der Pastor stand auf und legte seine Pfeife bei Seite. Aber Plessow beachtete keinen Gruß. »Elisabeth, liebes böses Kind!« rief der Eintretende mit dem heitersten Gesicht, »ich bin Dir nachgelaufen! Nicht nur Deine Sachen mußte ich Dir selbst bringen, sondern auch eine gar gute Nachricht dazu!« – Und damit wollte er sie umarmen, aber sie sah ihn mit weitgeöffneten Augen, ohne sich zu regen an, wurde todtenblaß und sank dann plötzlich zurück. Sie war zum erstenmal in ihrem Leben ohnmächtig geworden.

Das gab denn eine gewaltige Bewegung und viel rathloses Hin- und Herrennen, bis endlichGottfried das Fenster öffnete, und die Bewußtlose dem frischen Luftstrom entgegentrug. – Sie kam wieder zu sich und streckte auch gleich mit freundlichem Lächeln dem »Herrn Onkel« die Hand entgegen. Er neigte sich zu ihr herab und flüsterte ihr zu: »so sei doch ruhig, wunderliches Kind! Mein Kommen bedeutet das Beste. Ich selbst bin jetzt mit der ganzen Geschichte ausgesöhnt. – Denke Dir, der Schmetterling hat gestern bei mir um Dich angehalten – wirklich angehalten – und ich trage Briefe an Dich und den Vater in der Tasche!«

Da brach ein Freudenstrahl aus ihren Augen, da stand ein siegendes Lächeln auf, in ihrem Angesicht – aber nur einen Moment lang – dann erwiederte sie leise aber fest: »Und Sie sind dochumsonstgeschrieben, diese Briefe!« – Er sah sie ungläubig an, – dann bat er den Pastor in scherzhafter Feierlichkeit um eine Unterredung unter vier Augen, überreichte ihm ein Schreiben, drückte Elisabeth einen Brief in die Hand und setzte sich in der Sophaecke zurecht. – Das junge Mädchen verließ sofort das Zimmer.

»Ich denke, wir können diese Unterredung hier abmachen,« sagte der Pastor etwas unruhig. »Vor meiner Frau kann ich kein Geheimniß haben, undvor dem Gottfried damagich keins haben, besonders, wenn es unsern gemeinsamen Liebling, die Elisabeth angeht, wie ich vermuthe.« Aber Berger war schon aufgestanden, schützte einen dringenden Krankenbesuch im Dorfe vor, und ging hinaus.

Das Gespräch der Drei währte lange, lange. – Die Mitternachtstunde war vorüber, als sie sich trennten. Die Pastorin geleitete mit rothgeweinten Augen ihren Gast in die Fremdenstube. An der Thür gab Plessow ihr noch die Hand und sagte verdrießlich: »Dein Mann ist ein Starrkopf, wie ich ihn nie gesehn! Heut zu Tage macht kein Mensch mehr einen Unterschied zwischen einem katholischen oder protestantischen Schwiegersohn. Hätte ich eine Tochter, und sie wollte einen Juden oder Türken heirathen – und er wäre brav und das Kind hätte sein Glück in ihm gefunden, – ich sagte Ja. Und ein Prediger will intoleranter sein als wir gewöhnlichen Menschenkinder, die wir dem lieben Herrgott doch lange nicht so nahe stehen? – Er mag sich in Acht nehmen, daß ihm diese Starrköpfigkeit nicht seine Tochter kostet. Ein Mädchenherzist ein zerbrechlich Ding.« – »Warum habe ich sie je von mir gelassen!« schluchzte die Pastorin.

»Versuche Du Dein Heil mit ihm – wir Beide sind fertig mit einander. Morgen spreche ich noch einmal mit Elisabeth, und dann reise ich ab. Gute Nacht!«

Die tiefbetrübte Mutter schlich noch einmal an Elisabeths Kämmerlein und drückte auf die Klinke. – Die Thür war jedoch abgeschlossen, auf ihr leises Rufen kam keine Antwort. »Gott sei Dank! Sie wenigstens schläft,« dachte sie und ging wieder hinab.

Das junge Mädchen saß aber völlig angekleidet vor einem kleinen Tische, und hatte eben unter tausend, tausend Thränen folgende Zeilen an Paul Albano niedergeschrieben:

»Sie haben mir in Ihrem Briefe gesagt, daß Sie mich liebten, und mich gefragt, ob ich Ihr Weib werden wolle. Vor wenig Wochen hätte mich solch ein Geständniß und solch eine Frage selig gemacht – jetzt machen mich Ihre Worte nur ganz unsagbar traurig. – Vor wenig Wochen glaubte ich ja noch, daßSiemich liebten wieichSie liebte – – das ist nun vorbei. – Ich weiß jetzt daß Sie mir nur geben, was Sie einer Anderngenommen, oder – was eine Andere verschmäht, – und die kleine Predigerstochter ist zu ehrlich und zu stolz solche Geschenke anzunehmen. – Fragen Sie nicht woher mir dies traurige Wissen kommt, – ich würde es Ihnen doch nie gestehen, wie ich es wohl keinem Menschen gestehen werde.

»Ob mein Vater seine Einwilligung geben würde zu einer Heirath seines Kindes mit einem Katholiken, weiß ich nicht, – Alle, die ihn kennen zweifeln daran. Wäre Ihre Frage aber vor Wochen gekommen, Albano, Gott weiß es daß meine Liebe stark genug gewesen ihm zu trotzen mit jenem Spruche, der allen Gläubigen gleich heilig sein muß: »Du sollst Vater und Mutter verlassen und Deinem Manne anhangen.« – Jetzt hat meine Liebe eines verloren: – den Muth.

»Leben Sie wohl, Albano! Ich liebe Sie – also glaube ich an ein Wiedersehn, und da ich hier auf Erden nicht Ihr Weib werden sollte, so vergessen Sie nicht, daß ich Sie im Himmel mein nennen will. Leben Sie wohl, tausend, tausendmal, lieber, geliebter Albano! – Elisabeth.«

»Ein Narr mag eine Mädchenliebe begreifen!« murmelte Plessow, als er am andern Tage in dem Wagen saß und nach F. zurückrollte. »Die Kleineist, seit sie die Luft im Elternhause athmet, wie verwandelt und noch toller als der Alte. – Nun, meintwegen mag sie heirathen wen sie will. Im Grunde gönne ich dem Schmetterling Albano diese Zurückweisung – das Herz bricht ihm nicht darüber! Aus dem Kinde werde ich aber nicht klug. Erst kompromittirt sie sich aus Liebe zu dem Wildfang vor einer ganzen Gesellschaft – kaum eine Woche darauf weist sie den regelrechten Heirathsantrag desselben Mannes zurück, weil – ihr Vater nicht will daß sie die Frau eines Andersgläubigen werde! Und mit welcher Ruhe giebt sie ihm den Abschied! Da glaube einmal Einer noch an die Beständigkeit eines Frauenherzens.«

Von nun an war es stille, sehr stille im Pfarrhause. – Zwar kamen noch einige Briefe aus F. an die Pastorin, nach deren Empfang sie mehrere Tage mit verweinten Augen umherging, – auch an Elisabeth kamen Briefe, die sie aber uneröffnet verbrannte. Gesprochen wurde über den Besuch Plessow's nie wieder, nach des Mädchens ausdrücklichem Wunsch. Ihre Staffelei hatte sie in dem sogenannten Gartenzimmer aufgestellt und arbeiteteunermüdlich fleißig, – aber sie malte nur Blumen, gepflückt auf jenen einsamen Spaziergängen die der Vater ihr jetzt schweigend gestattete. Die Zusammenstellung der einzelnen Blumen und Gräser beschäftigte sie oft Tage lang – sie saß wie in tiefen Träumen verloren zwischen all dem Grün und den Blüthen, die sie gesammelt.

Die Bilder aber die dann entstanden, hätte man nicht »Stillleben,« sondern »Seelenleben« nennen mögen, es mußten dem warmherzigen Beschauer lieblich-wehmüthige Gedanken kommen, beim Anblick dieser Schöpfungen. Aus dem kleinen Stückchen frischen Rasen z. B., auf dem eine Hand voll Feldblumen hingestreut war, standen Märchen auf, und das in einem zerbrochenen Glase geordnete Bouquet Astern, an deren schönster ein todter Falter hing – war ein gemaltes Gedicht.

Vater und Mutter standen oft bewundernd vor ihres Kindes Staffelei – aber Elisabeth nahm nicht mehr wie sonst ihr Lob mit freudigem Erröthen entgegen. Es war überhaupt etwas Fremdes zwischen Eltern und Tochter getreten, für das Niemand einen Namen wußte, und das auch Keiner dem Andern gestehen mochte. – Nur das Verhältniß Elisabeths zu Gottfried gestaltete sich unerwartetfreundlich, zur großen Genugthuung des Pastors, der allmählich im Stillen seine alten Lieblingsideen wieder aufnahm. – Sie bat den Vetter zuweilen ihr vorzulesen, sie plauderte mit ihm in den Dämmerstunden, sie zeigte ihm ihre Bilder, sie verkehrte mit ihm recht wie eine zärtliche Schwester mit einem Bruder, von dem sie lange getrennt gewesen. Und er? – Nun er war still wie immer, aber er schien heiterer als seit langer Zeit. Keinen Moment ließ er sie aus den Augen, allezeit bereit für sie zu thun was sie eben von ihm begehren mochte, und nur zuweilen bekümmert daß sie eben so wenig begehrte.

»Die Kinder finden sich endlich,« flüsterte der Pastor einmal seiner Frau zu, »und wenn ich den Gottfried bewegen könnte, sich einstweilen um eine kleine Pfarre zu bewerben und wegzugehn, so hoffe ich das Beste. – Trennung ist allezeit ersprießlich für die Liebe. Elisabeth wird sich in einem Jahre nicht mehr weigern Frau Pastorin zu werden, und wenn ich einmal todt bin entgeht dem Gottfried diese Pfarre nicht. Ihre Zukunft ist nun geordnet – wir werden Freude an dem Mädchen erleben! Sie ist ja auch mein starkgläubiges vernünftiges Kind!«

Das »starkgläubige« Kind war seltsamer Weise nurnicht zu bewegen in die Kirche zu gehn, auch spielte sie nie mehr mit dem Vetter jene vierhändigen geistlichen Lieder, die zu hören dem Vater immer so viel Freude gemacht. – Dagegen hatten manche Leute sie am Marienbilde gesehn, und auch im Gespräche getroffen mit der freundlichen Jungfer Marianne, der alten Schwester des katholischen Pfarrers.

Es geschieht oft, daß ein Stück Leben hinschleicht, Jahre lang, wie ein schwüler Sommertag, daß man immerfort ein Gewitter ahnet und doch noch keine Wolke sieht, von der herab der zerschmetternde Blitzstrahl zucken soll.

So waren im Pfarrhause fast zwei Jahre vergangen. Gottfried Berger war schon seit Monaten wohlbestallter Paster in L., kaum zwei Stunden von M. – Einen anderen sehr steifen und sehr trockenen Kandidatus Theologiä hatte man in seine Stelle geschoben, der mit der Familie in gar keiner Verbindung stand. Die Pastorin kränkelte, Elisabeth lebte malend und still einen Tag wie den andern fort. – Sie ging umher mit ernsten Augen und traurigem Lächeln, und die alte Brigitte pflegte von ihr zu sagen, sie schaue aus wie Jemand, demman einen kalten schweren Stein auf's Herz gebunden. Regelmäßig jeden Morgen in der ersten Frühe trat sie ihren Spaziergang an, Winter und Sommer, und kam um acht Uhr wieder heim. –

So war denn wieder einmal ein Frühling gekommen. Die Laube that diesmal ihr Möglichstes, kein Sonnenstrahl vermochte durch die dichten Geisblattranken zu dringen, die Goldregensträuche legten sich noch zum Ueberfluß darüber hin und schmückten den Eingang mit ihren Trauben, der Flieder blühte blau und weiß, und die alte Linde mit ihren hellgrünen Blättern rauschte ganz vernehmlich: »das Leben ist doch schön!« und die Vögel sangen auf dies Thema die kunstvollsten Variationen. Da kam an einem Sonntag-Nachmittag Gottfried Berger von L. herüber und hielt feierlich, und sichtlich tiefbewegt, um Elisabeth an. – Alles Blut wich aus ihren Wangen als er seine Worte an sie richtete – sie waren allein in der Laube. – Hastig und verwirrt dankte sie ihm für seinen Antrag und – wies ihn bestimmt und kurz ab. –

Er schien im ersten Augenblick völlig fassungslos über solche Antwort. Seine Züge verzerrten sich – seine Augen flammten. »Alsodasmeiner langjährigen Liebe?« stammelte er. »Habe ich nochnicht geduldig und lange genug gewartet und geschwiegen? – Beherrscht sie Dichnochunumschränkt die Erinnerung an jenen Mann der Dich so leichten Kaufes aufgab, daß er nicht einmal kam um – Abschied von Dir zu nehmen?«

»Quäle mich nicht!« sagte sie mit bleichen Lippen; »ich bin kaum fertig geworden mit meinem Herzen, und habe zur Noth so viel Frieden gefunden wie ich brauche, um weiter zu leben. – Ich werde aber nie eines Andern Weib, da ich nicht das Weib dessen werden konnte den ich liebte.« – »O ich weiß Alles! Sein Glaube allein trennte Dich nicht von ihm. Er war ein Nichtswürdiger, der Dich nur zur Ehe begehrte weil er seiner Geliebten, einer verheiratheten Frau, überdrüssig war. Hörst Du nun, daß ich Alles weiß? – Und früher als Du selbst es wußtest – und meinHerzallein hat mir das verrathen!« – »Und trotzdem gehöre ich ihm doch!« – »Und trotzdem lasse ich Dich nicht! Das ist auch Liebe, Elisabeth! Jetzt wollen wir sehen, welche Liebe festeren Stand hält, die Deine oder die meine. Die Zeit des Duldens, Harrens und Schweigens ist jetzt für mich vorbei – es ist eine Kampfeslust über mich gekommen, die mir das Blut wild durch die Adern jagt. – Immer und immer werdeich wieder kommen, Dich bitten, Dich quälen mein Weib zu werden – so lange, bis Du gemartert von meiner Treue, gemartert von Deinem armen öden Leben, gemartert von den Bitten Deiner Eltern, die jetzt Beide zu mir stehen, – die Meinige zu werden einwilligst. – Ich weiß, daß Du mir ein krankes Herz zubringst, eine zerquälte Seele, einen müden Leib, – aber ich will mich begnügen Krankenpfleger zu sein. – Sieh,soliebe ich Dich!« –

War das Gottfried, der Stille, Sanfte, dersosprach, so blickte? Einen Zug von Energie hatte die Leidenschaft in dies Johannesgesicht gezeichnet, der es völlig verwandelte. – Er sah jetzt aus wie – ein Mann. – »Ich nehme den Kampf an – auf Leben und Tod!« sagte Elisabeth nach einer Weile fest. »Gut. Wer unterliegt, dem möge Gott helfen.« – Sie trennten sich. –

Von diesem Tage an begann ein Leben voll Qual für Elisabeth. – Die Eltern fingen an, in Anspielungen und Andeutungen, bald in sanfter, bald in gereizter Weise ihr den Wunsch zu erkennen zu geben, sie nun als Gottfrieds Braut zu sehn. – Des Mädchens ruhiger und beharrlicher Weigerung folgten immer dringendere Versuche. Sie waren ebenso erfolglos. – Lange peinlicheErmahnungen des Vaters kamen nun, und thränenreiches Zureden der Mutter. – Elisabeth setzte jedoch dem allen eine abweisende Kälte entgegen, sie ließ sich weder auf Gründe, noch Erklärungen ihrer Weigerung ein, sondern wiederholte nur immer einfach: »ich will nicht heirathen.« Nach und nach wurden dergleichen Scenen heftiger, die Gereiztheit des Vaters, die Thränen der Mutter nahmen überhand, dazu kam jeden Sonntag Gottfried herüber und warb mit Blicken und Worten unermüdlich. – Sie blieb scheinbar ruhig, unbewegt wie ein Fels, den die Wogen umbrausen, aber sie wurde bleich, ihre Augen verloren an Glanz, ihre Gestalt an Fülle. – So schleppte sie ihr Dasein weiter. Halbe Tage lang verweilte sie vor ihrer Staffelei und die übrige Zeit ließ sie sich geduldig quälen. –

Es schien, als ob die Verheirathung der Tochter plötzlich der alleinige Lebenszweck beider Eltern geworden und kein anderes Interesse, außer dieser einen Angelegenheit, mehr ihre Seelen zu beschäftigen vermöchte. Die Mutter quälte allerdings zunächst die Sorge, die Tochter möchte unverheirathet bleiben in dieser Abgeschiedenheit, ein Gedanke, der ihr wie vielen Müttern unerträglich war. Seitdem sie ihre so kühnen Hoffnungen hatte begraben müssen,ängstigte sie sich allen Ernstes um die Zukunft Elisabeths. Zudem fühlte sie eine Art rastloser Unruhe ihr einen Halt zuzuweisen, da sie sich als die Veranlassung zu dem geheimen Herzleid ihres Kindes ansah. Hätte sie das Mädchen ruhig in M. gelassen, sie wäre ja jetzt ohne Zweifel längst Frau Pastorin Berger. An einem eigenen Heerd, an der Brust eines Mannes der sie auf seinen Händen zu tragen verheißen, würde Elisabeth schon wieder froh werden und sich aufrichten, meinte sie. Der Gottfried war ja in der That auch keine schlechte Partie, so jung und schon eine so gute Pfarre und dazu die sichere Anwartschaft auf M.! Und vor allen Dingen liebte er ihr Kind, gewaltig, unermüdlich, das hatte er in Worten und Thaten bewiesen. Elisabeth mußte das endlich einsehen! Ein Tropfen, der immer und immer auf dieselbe Stelle fällt, höhlt ja den härtesten Stein aus: – die Mutterthränen mußten ihre Wirkung thun mit der Zeit. –

Der Vater marterte sein Kind aus ganz andern Gründen. Es handelte sich bei ihm um Erfüllung eines lange gehegten Wunsches, um eine Bitte die er ja, kraft seiner väterlichen Autorität, in einen Befehl hätte verwandeln können, ohne daß es ihmJemand zu verwehren vermocht. Und seine Tochter stellte sich trotzig ihm, einem Bittenden, gegenüber! Er war an keinerlei offene Widersetzlichkeiten gewöhnt, weder in dem Verhältniß als Familienvater zu den Seinen, noch als Pastor zu seiner Gemeinde. – Die Störrigkeit seines Kindes betrübte ihn nicht, sie empörte ihn. Als er ihr damals mit dürren Worten gesagt daß er niemals in eine gemischte Ehe willigen und selbige segnen werde, war sie doch so ruhig gewesen, wie es sich für eine gehorsame Tochter ziemte. – Und nun? Doch er verzagte keinen Augenblick, er war sich der Mittel bewußt, diesen Trotz zu brechen. – Hatten Nadelstiche doch schon einen Elephanten getödtet – diesem unablässigen Mahnen und Drohen mußte der Teufel des Eigensinns weichen.

Aber er war trotz alledem noch nicht gewichen, als der Herbst kam – und so befahl denn der Pastor eines Tages seinem Kinde, unter Vorhaltung des Spruches: »ehre Vater und Mutter, auf daß Dir's wohl gehe und Du lange lebest auf Erden,« – am nächsten Sonntage Gottfried Bergers Antrag, falls er denselben wiederholen werde, anzunehmen. –

Elisabeth erwiederte kein Wort – sie ging umher wie sonst, mit ernsten milden Augen – sieblieb nur am Sonnabendmorgen länger als gewöhnlich auf ihrem Spaziergange. Als dann nun am Sonntage Gottfried Berger kam und, in Gegenwart von Vater und Mutter, sie wiederum bat sein Weib werden zu wollen, sah sie ihn kalt an und sagte: »Frage den Vater, ob er eine Ehe einsegnen wolle zwischen mir und Dir! – Seit gestern Morgen gehöre ich nicht mehr zu Euch – seit gestern nahm mich eine Kirche auf, die mir tröstend zurief: »wer viel geliebt, dem wird viel vergeben werden.« – Ich bin Katholikin.« –

Etwa zehn bis zwölf Jahre später sprach man in F. viel von einer Blumenmalerin, deren reizende »Stillleben« ein bedeutendes Aufsehen machten, in den Ausstellungen wie in den Kunsthandlungen. Die kleinen Blumenstücke athmeten eine überwältigende Fülle von trauriger, süßer Poesie. Der Name der Malerin war Elisabeth Müller. – Vorzüglich rühmte man ihre Darstellung verwelkter Blumen. Ueber ihren todten Blättern, geknickten Knospen, sterbenden Rosen, schwebte ein Hauch der Verklärung. – Kleine Skizzen von ihr, in Wasserfarben, wurden sehr gesucht. Elisabeth Müller lebte aber so still und eingezogen in F., daß man dort längst schon ihreSchöpfungen bewunderte, ehe man ahnte, daß die Schöpferin in derselben Stadt wohnte, in der man sich für ihre Bilder so warm begeisterte.

Bei der Comtesse Feldern war »reunion.« Viel Lichterglanz, viel Uniformen, viel blendende Arme und weiße Schultern, viel Blumen und Federn, viel Zuthaten aller Art, wenig Natur, viel hübsche Gesichter, wenig bedeutende, viel nichtssagendes Geplauder, viel versteckte Langweile, viel forcirte Heiterkeit –et voila tout. –

Aber dort, in der Nähe des Kamins, wer war der stattliche Mann mit dem leicht ergrauten Haar und dem schönen Kopfe, mit jener leisen Linie von Lebensüberdruß, die sich an den beiden feinen Mundwinkeln herabzog? Er saß allein und durchblätterte eben mit einem leichten Spottlächeln das Prachtalbum der Gnädigen. Man streifte an dem Einsamen mit besonders freundlichem Gruße vorüber, manche reizende Frau blieb wohl auch neben ihm stehen, einige flüchtige Worte an ihn richtend. Man schien ihn allgemein zu kennen. Es war der berühmte Landschaftsmaler Paul Albano, der erst seit zwei Tagen wieder in F. lebte, nachdem er seit länger als einem Jahrzehnt sich im Orient und Italien umhergetrieben, und bald hier bald dort, sein Künstlerzelt aufgeschlagen.

»Haben Sie das Letzte der Blätter schon eines Blickes gewürdigt?« fragte die sehr alt gewordene Comtesse heranrauschend. – Als er verneinte, schlug sie das Buch ganz auf. Ein Blatt von neuem Datum war sorgfältig angefügt. Man sah einige Feldblumen aus einem Stück Rasen sprießen, unter ihnen ein Vergißmeinnicht das welkend das Haupt neigte. Rings umher blühten Löwenzahn, Schlüsselblumen und Veilchen, frisch und lebendig, trotz des Todes in ihrer Nähe. – Albano stand plötzlich betroffen auf. »Wer hat dies Blatt gemalt?« fragte er hastig und gedämpft.

»Eine gewisse Elisabeth Müller. O, Sie entsinnen sich ihrer gewiß nicht mehr! Sie war mit Plessow's verwandt und einmal, vor vielen Jahren, eine kurze Zeit im Plessow'schen Hause. Daß Sie die Kleine vergaßen, ist ganz natürlich – Sie waren eben damals etwas angelegentlich mit der guten Plessow beschäftigt.Mais – en passant– war die schöne Adele nicht tausendmal liebenswürdiger in jener Zeit als jetzt, wo sie zum Orden der strengen Betschwestern gehört? – Sie haben sie doch wohl schon auf ihrem Landsitz aufgesucht, den sie weder Sommer noch Winter verläßt? Fanden Sie nicht daß die Arme bedeutend gealtert, unddaß Plessow etwas mürrisch geworden?« – »Elisabeth Müller – sagten Sie?« wiederholte Albano wie im Traume, und legte die Hand auf das Herz.

»Mon Dieu!– Sie erinnern sich wirklich ihrer? Dann kommt es daher, weil die Kleine sich damals auf die abscheulichste Weise trug. Unvergeßlich ist mir auch eine hellblaue Seidenfahne, kaum vier Ellen weit.« – »Aber sie lebt wirklich hier – hier in F. und – allein?« – »So viel ich weiß. Aber hübsch ist sie nicht mehr, ich sah sie einmal auf der Straße im Vorüberfahren. Kränklich soll sie sein – irre ich nicht, so sprach man neulich bei der Gräfin Reiner von einer auszehrenden Krankheit. Sie trägt sich aber jetzt weit besser – ziemlich elegant im Schnitt, aber immer in Grau oder Schwarz. Künstlermarotte!«

Albano griff nach seinem Hut. »Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau, ich muß fort.« – »Doch nicht etwa um sich der kleinen Müller vorstellen zu lassen?« lachte die Dame. »Sie irren sich in der Zeit, lieber Albano! Sehen Sie, meine Uhr zeigt eben Mitternacht. Warten Sie zwölf Stunden länger!« – »Sie haben recht – ich warte. – Vergessen Sie mein lächerliches Auffahren, aber– erzählen Sie mir noch was man von dieser Elisabeth hier sagt.«

Die Feldern lehnte sich in den dunkeln Fauteuil zurück, winkte Albano zu sich und flüsterte geheimnißvoll: »sie soll katholisch geworden sein – aus Interesse für einen jungen hübschen Kaplan wahrscheinlich, der in der Nähe ihres Heimathdorfes Pfarrer war, dergleichen Geschichten ereignen sich ja häufig. Der Uebertritt führte natürlich einen Bruch herbei mit Papa und Mama. Sie verließ ihre Heimath, Plessow verschaffte ihr hier ein Unterkommen in einer Familie, und veranstaltete zuerst eine kleine Ausstellung ihrer Bilder. Plötzlich verschwand sie wieder und pflegte ihre erkrankte Mutter bis zum Tode, brachte dann einen gichtbrüchigen, halb blinden Vater mit zurück, für den sie mit unermüdlicher Treue gesorgt haben soll, bis vor einem Jahre, wo er endlich starb. Ihre Staffelei stand in seinem Krankenzimmer, und sie verließ den Kranken nur zuweilen in den Abendstunden, um frische Luft zu schöpfen in dem kleinen Garten vor dem Hause. – Sie hat ihm seine Verzeihung nach und nach wirklich abringen müssen, – er soll im Anfang sein Kind entsetzlich gequält haben. Zuletztstarb er in ihren Armen, die Tochter segnend. – Da haben Sie die Geschichte. – Mir erzählte sie vor längerer Zeit die Baronin Eichstädt, die dem Hause der Kleinen gegenüber wohnt und sie sehr protegirt. – Apropos, mein Herr – wollen wir etwa morgen zusammen zur Eichstädt fahren? Sie citirt uns dann vielleicht die Malerin herüber?«

»Ich danke, gnädige Frau. Ich reise wahrscheinlich morgen früh auf einige Tage nach D.« – »Unstäter! Aber Sie sehen recht angegriffen aus, Albano, – ich bitte Sie, nehmen Sie ein Glas Eis.« – »Sie sind sehr gütig – meine Gnädige. Sie erlauben – –«


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