Hinweise zur Transkription

Niemand versuchte sie zurückzuhalten. Mit bebenden Knien trat die junge Frau in das enge halbdunkle Krankenzimmer. Da lag er, der sie in der Fülle der Gesundheit und Kraft verlassen, bleich und regungslos, das Gesicht entstellt und verzerrt von tausend Schmerzen, das Haupt in Tücher geschlagen und den linken gebrochenen Arm in den Schienen des Verbandes. Czinka's Herz bebte vor Schmerz. Sie neigte sich über ihn, sie nannte seinen Namen, – er regte sich nicht – nur zuweilen öffnete er müde und schwer die Augen, aber der Blick blieb glanzlos und starr.

»Ich bleibe bei ihm bis zum letzten Athemzuge,« sagte jetzt die Gräfin und sank, im innersten Wesen gebrochen, an dem Lager des Kranken auf einen Schemel.

Tage und Wochen vergingen. Die Gräfin richtete sich in dem einfachen Pfarrhause ein, der Arzt mußte sich's gefallen lassen in der kleinen Dorfschenke zu leben. Der Zustand des Kranken änderte sich wenig. Ein zweiter Arzt war aus der naheliegenden größern Stadt verschrieben worden, auch er schüttelte den Kopf und gab wenig Hoffnung, sprach von Gehirnerschütterung und Rückenmarksverletzung, undprophezeihte im günstigsten Falle bleibenden Blödsinn. Seine traurige Weissagung schien sich in der That erfüllen zu wollen, denn die Körperkräfte des Kranken fingen an sich zu heben, Schlaf und Appetit stellten sich wieder ein, von Tag zu Tag besserte sich sein Aussehen, nur das Bewußtsein blieb erloschen. Mit tiefem Schmerze geleitete ihn nach Monaten Czinka zum ersten Male wieder in den kleinen Garten, er erfreute sich an der Rosenpracht wie ein unmündiges Kind sich an den Lichtern des Weihnachtsbaumes freut, er griff nach den Blumen, um sie entzückt zu betrachten und dann nach einer Weile seufzend wieder fallen zu lassen. – Sanft und geduldig war und blieb er gegen seine Pflegerin, aber mit unendlichem Weh mußte Czinka gewahren, daß er die Schwester des Pfarrherrn mit nicht minderer Freude begrüßte als sie selbst, und ihr oft den Namen Czinka gab, während er sie Therese nannte. Die Vergangenheit schien für ihn auf ewig in die Nacht der Vergessenheit versunken, die Gegenwart kaum mehr als ein Traum, eine Zukunft war für ihn gar nicht da. Nur in den Abendstunden, wo auch das Unglück geschehen, überfiel den Kranken eine seltsame Unruhe, er sprach dann von seiner Abreise, rief den Namen seines Weibes mit zärtlichsterSehnsucht, und konnte nur beruhigt werden wenn Czinka ihn in ihre Arme nahm und seinen Kopf an ihre Brust lehnte. Dann saß er still Stunden lang, bis er endlich heiter lächelnd sagte:

»So – nun laß mich schlafen gehen!«

Sie sagte ihm gute Nacht, und bei diesem Scheiden sah er sie zuweilen noch mit einem Blicke an, der sie bis ins Innerste erbeben ließ: es leuchtete ja ein Etwas wie durch einen Schleier ihr aus diesen Augen entgegen, – eine ringende Seele die ihre fesselnden Bande zu lösen sich mühte. In heißem Gebet sank sie dann in ihrer Kammer auf die Knie und rief:

»Hilf ihm, hilf ihm, heilige Jungfrau!«

Czinka's Leben war jetzt völlig ausgefüllt von einer unablässigen Sorge und Pflege. Wie eine Mutter um ihr hülfbedürftiges Kind, so waltete sie um ihren Gatten. Sie trug dunkle, fast nonnenhafte Gewänder, und wer sie so schaffen und aus- und eingehen sah in dem Zimmer des Genesenden, oder ihr begegnete, wie sie ihn stützte und leitete, der hätte sie für eine jener edlen Gestalten aus dem gesegneten Orden der barmherzigen Schwestern halten müssen, die wie verkleidete Engel Gottes allezeit da zu finden sind, wo Noth und Elend ihreSeufzer zum Himmel schicken. – Schlummerte Alfred, so saß sie bei der schlichten Therese und plauderte mit ihr, oder begleitete auch wohl den würdigen Pfarrherrn auf seinen kurzen Spaziergängen, oder in die Hütten seiner Beichtkinder. – Trotz dieser, aus strenger Pflichterfüllung erwachsenden Thätigkeit, fühlte sie sich nicht ruhig und zufrieden. Der Gedanke an Anthony, der sie erwartete, der ihr vielleicht zum zweiten Male fluchte, quälte sie oft bis zur Verzweifelung. – Sie konnte ihm keine Nachricht von sich geben – sie wußte ja nicht, wohin er sich gewendet. Die furchtbare Angst daß er kommen möchte um sie hier –hieran dieser Stelle zu mahnen, ihr gegebenes Versprechen zu halten, fiel oft mit vernichtender Schwere auf ihre Seele. Was band sie auch noch an Alfred? Fühlte er einen Schmerz, wenn sie jetzt von ihm ging? – Hatte sie eine Entschuldigung, der Leidenschaft Anthony's gegenüber, wenn er jetzt käme und verlangte sie solle ihm zur Stelle folgen? – Sie mußte sich gestehen, daß sie keine hatte – aber dies Bewußtsein brachte ihr seltsamer Weise eine namenlose Qual. Tausendmal versuchte sie sich ein Leben an der Seite Dessen auszumalen, den ihre geliebte todte Mutter ihr einst als Gatten bestimmt – Tausendmal gedachte sie schauderndder dunklen Prophezeihung der Großmutter – – vergebens, – ein einziger Blick auf ihren Gatten, der mit gedankenlosem Lächeln einen Blumenstrauß zerpflückte, – oder leise vor sich hin den Namen Czinka rief, genügte um in ihrem Herzen den Wunsch hervorzurufen bei ihm zu bleiben, bis sein Auge sich auf ewig schlösse. – – Mit fast fieberhafter Angst widersetzte sie sich dem Andringen der Aerzte, die Rückreise mit dem Grafen anzutreten, sie fürchtete Wien, sie fürchtete die größere Möglichkeit einer Begegnung mit Anthony. – Aber der Herbst kam, der Körperzustand des Kranken war fast der eines völlig Gesunden, täglich wiederholten die Aerzte ihren Rath, den Grafen nach Wien zurückzuschaffen, und als man der Gräfin endlich zu verstehen gab, daß man eine leise Hoffnung auf Wiederherstellung an die Rückkehr in bekannte Räume knüpfe, – da sah sie alle ihre Weigerungsgründe erschöpft, und mit stiller Verzweiflung gab sie eines Tages selbst den Befehl, die Reisewagen zu packen. – Der Abend, der dem gefürchteten Abschiede von diesem Friedensasyl voranging, war ungewöhnlich rauh und traurig. Der Kaplan hatte das Haus verlassen, um einem Sterbenden die letzte Labe zu reichen, seine Schwester Therese trug einer armen Wöchnerin die Abendsuppehin, die beiden Diener packten, Czinka saß einsam neben dem Grafen, der, wie gewöhnlich ihre Hand in der seinen haltend, seinen Kopf an ihre Schulter lehnte. – Regen und Wind schlugen an die Fenster, die alten Kastanienbäume seufzten und ächzten, Raben flogen mit scharfen Geschrei um das Haus und die Lampe flackerte in der Zugluft bald hell auf, bald sank sie wie erlöschend zusammen. Im Ofen brannte ein kleines Feuer, denn es wehte schon wie Winterhauch durch die Räume, und bei dem scharfen Knistern des feuchten Holzes zuckte der Kranke oft schreckhaft zusammen. – Czinka war mit ihren Gedanken weit, weit weggezogen. Sie sah sich in dem Walde von Zircz – aber es war heller Frühling und junges Grün wohin sie schaute. Und sie saß auf dem moosigen Boden und Alfred Saldern saß neben ihr und wand schöne lange Ketten von geschliffenen Korallen um ihre Arme. – Ihre Augen leuchteten auf in der Erinnerung an dies reizende Geschenk! – Da griff plötzlich eine schlanke braune Hand über ihre Schulter weg nach dem rothen Schmucke: Anthony zerriß mit häßlichem Lachen die Ketten und die glänzenden Perlen rollten wie Blutstropfen in das Gras. Wie böse war sie ihm da gewesen! Und wie bald hattesie dennoch Alles vergessen beim ersten Tone seiner seltsamen Geige. Dieser Ton – wahrlich er konnte Todte erwecken – – und Engel abtrünnig machen!

Czinka war es jetzt als hörte sie den unbeschreiblichen Ton von Czermaks Geige ganz deutlich in weiter Ferne, – ach, sieträumteja –träumenließ sichs gut von Anthony Czermak – er durfte nur nicht in Wirklichkeit da sein mit seinen wilden Feueraugen und seiner verzehrenden Leidenschaft! Horch – da spielte er die Rackoczy Nota – wie süß ist's doch sodeutlichzu träumen! – Langsam und deutlich zog sie daher jene köstliche Melodie, mitten durch das Heulen des Sturmes! – Aber da – ewige Barmherzigkeit – da richtete sich Alfred Saldern heftig in ihren Armen auf und rief fieberhaft erregt: »Czinka, hörst Du nicht – es ist Anthony, der da spielt! Rufe ihn herein, mein Kind, freue Dich – wir haben ihn endlich gefunden!« – Nach diesen Worten sank er ohnmächtig zurück. –

Fast zwölf Stunden dauerte die Ohnmacht des Grafen, und während dieser ganzen Zeit des bangen Harrens lag Czinka fast ununterbrochen auf den Knien neben seinem Lager. Sie schien in eine nicht minder gefährliche Apathie verfallen zu sein als der Kranke selbst, – sie gab keine Antwort aufdie dringenden Fragen der Aerzte und regte keine Hand zu irgend einer Hülfsleistung für den Ohnmächtigen. Nur wenn man Miene machte sie sanft aufzuheben, und ihr zuredete Ruhe zu suchen, fuhr sie wild empor und barg, heftig den Kopf schüttelnd, wie ein geängstigtes Kind ihr Gesicht in das Kissen des Lagers, auf dem ihr Gemahl ruhte. In der neunten Morgenstunde des folgenden Tages schlug der Graf die Augen auf. Czinka schrie auf: – ein Blick seligstenErkennenswar in ihre arme zagende Seele gefallen! – Der Kranke legte einen Augenblick die Hand auf die Stirn, dann sagte er ruhig:

»Ich bitte, mich eine Stunde mit der Gräfin allein zu lassen.«

Alle entfernten sich. »Wir haben ihn gerettet!« riefen die beiden Schüler Aesculaps triumphirend, und schüttelten einander die Hände.

Als die beiden Gatten sich nach einer fast dreistündigen Unterredung erhoben, sagte Alfred Saldern scheinbar ruhig, aber mit dem Ausdruck unendlichen Schmerzes um Mund und Augen:

»Gott segne Dich, daß Du mir Nichts verschwiegen.Wenn ernunkommen wird, so magst Du allein entscheiden zwischen uns. – Ich habe nicht vergessen daß Dich damals nur Anthony's Flucht in meine Arme trieb. Du hast mir viel gegeben – ich bin nicht undankbar –wenn er kommen wirdso merke auf Dein Herz, Czinka, undDu sollst frei sein!« –

Wenige Stunden später reiste das gräfliche Paar ab, aber nicht nach Wien, sondern nach dem kleinen reizenden Gute S. in der Nähe Badens, wo Alfred seine Kinderjahre zugebracht und wo die Gräber seiner Eltern und Schwestern lagen.

Die Gräfin kam krank nach S. Sie erschien hinfällig und doch aufgeregt, reizbar und traurig. Der Arzt empfahl Ruhe. Der Graf verrieth die Sorgfalt eines zärtlichen Bruders. Stunden lang saß er an dem Ruhebette der jungen Frau und bewachte ihren Schlummer. Allein jene tiefe ernste Trauer, die nach jener langen Unterredung mit Czinka über ihn gekommen, wich nicht mehr von ihm und lag wie ein dunkler Schleier über all seinem Thun und Wesen. Sie sah ihn oft verstohlen lange an und wenn sie sich dann von ihm wendete, waren ihre Augen voll Thränen. – Sie lasen jetzt auch öfter zusammen, was sonst nie geschehen, er hatte sich erboten ihr vorzulesen undsie lauschte dem Laute seiner Stimme mit der Achtsamkeit eines Kindes, dem die Mutter Märchen erzählt. – Dagegen redeten sie jetzt weniger denn je mit einander, es war als ob ein unsichtbares Etwas zwischen ihnen stünde und jeden freien Austausch der Gedanken und Empfindungen hemmte. – Nicht das leiseste Zeichen ehelicher Zärtlichkeit erlaubte sich der Graf seiner Frau gegenüber, er küßte ihr nur zuweilen mit der Innigkeit eines Bruders die Hand, streichelte auch wohl einmal ihr Haar – das war Alles. Sie schien scheu und befangen in seiner Gegenwart, und doch war es immer als ob etwas wie Sonnenschein über ihr Gesicht flog, wenn er am Morgen in ihr Zimmer trat. Er ließ sich seine Bücher und sein Lieblingspferd aus Wien kommen, auch einige seiner Blumen, und richtete sich in der herbstlichen Einsamkeit des kleinen Schlosses allmählich ein als wolle er für alle Ewigkeit da bleiben. Auch einige Lieblingsmöbel der Gräfin kamen an, und ihr kleiner Papagei, mit dem man sonst so viele Stunden, träge im Sessel ruhend und mit den schönen Fingern am Käfig hin- und wiederstreifend vertändelt hatte. Der einen Sendung hatte man auch jenen geheimnißvollen Schrein beigefügt, der in Wien alle Zeit zu Häupten des Bettes derGräfin gestanden. Der Graf ließ ihn in das kleine Schlafgemach Czinka's tragen. Sie bemerkte es erst am Abend und schrak zusammen. Als sie am nächsten Morgen ihren Gatten wieder sah, und er sie in gewohnter Weise fragte wie sie geschlafen, sagte sie ungewöhnlich lebhaft:

»Bitte, laß den Schrein aus meinem Zimmer wegnehmen – er steht da wie ein Sarg und bringt mich um den Schlaf!«

»Ich glaubte einen geheimen Wunsch von Dir zu erfüllen indem ich ihn kommen ließ,« antwortete er ruhig.

Sie sah ihn traurig an und wendete sich ab. – Am Nachmittage stand der Schrein geöffnet und leer mitten im Salon. Als der Graf von einem kurzen Spazierritte heimkehrend seine Gemahlin dort aufsuchte, lächelte sie ihm entgegen und rief:

»Laß nun den Sarg verbrennen oder mach' damit was Du willst, ich nahm den Inhalt heraus. Sieh da, was damit geschehen!«

Und ihn zum Kamin führend zeigte sie ihm noch den Rest eines verkohlten rothen Schuhes und einige verglühende Gold- und Silberflittern. – Er zuckte zusammen und sah sie fragend an, da sie aberschwieg, wandte er sich von ihr und ging einige Male heftig bewegt im Zimmer auf und nieder.

»Fühlst Du Dich wohler, Czinka?« fragte er nach einer Pause in ruhigem Ton und sah zu ihr herüber. Wie schön sie ihm erschien in diesem Augenblicke! Sie erinnerte ihn mehr als je an seine Lieblingsblume, die Purpurblüthe desCactus Speciocissimus. Fremd und dunkel schaute ihr Antlitz aus den faltigen weißen Kleidern hervor, die längst wieder voll und lang gewordenen Flechten hatten sich verschoben und waren auf ihre Schultern herabgeglitten. Wunderbar! Der Blick, den sie jetzt auf ihn heftete, war nicht mehr jener kecke, aufleuchtende der fünfzehnjährigen Tänzerin im Walde von Zircz, er war auch nicht mehr jener sanft traurige einer in das Treibhaus verpflanzten Waldblume, jener Czinka, die den entflohenen Jugendgefährten vergeblich sucht. Es drang jetzt ein Strahl aus diesen wunderbaren Augen in seine Seele, dessen Licht ihn mit einer zagenden Seligkeit erfüllte und ihn leise beten ließ:

»Ich danke Dir, Gott, daß Du dies Weib für eine Weile an meine Brust gebettet!«

»Fühlst Du Dich wohler?« wiederholte er inniger und trat ihr näher.

»O viel, viel wohler!« antwortete sie heiter.

»Sage mir,« und hier griff sie fast scherzend nach seiner herabhängenden Hand und hielt sie fest, »was würdest Du thun, wenn Du mich nicht mehr hättest?«

»Warum quälst Du mich?« fragte er ernst, fast finster.

»Weil ich wissen muß ob Du mich wirklich missen könntest.« Sie ließ seine Hand los und lehnte sich zurück.

»Nun denn, so wisse, daß ich leben würde, wenn ich Dichtodt– aber nicht, wenn ich Dich im Besitze einesAndernwüßte.«

Sie hatte die Augen gesenkt und schob ihren kleinen Trauring am Finger hin und her. »Ob Anthonybaldkommen wird?« fragte sie plötzlich und sah ihn fest an.

Wie von einem Dolchstich getroffen fuhr er auf. »Du wünschest es – ich weiß das Czinka – aber Du bist mehr als unbarmherzig, daß Du mir es sagst – gerade jetzt es sagst!«

»Alfred, ich sehne mich, daß er komme!« Sie war bei diesen leise gehauchten Worten aufgestanden, hing sich gewaltsam an seinen Arm und blickte ihn mit ihren heißen Augen so leidenschaftlich an, daß es ihn bis ins Innerste durchschauerte.

»Laß ab von mir, Weib!«

»Ichsehnemich, daß er komme – hörst Du es, und weißt Du auch warum? Weil ich ihm jetzt sagen kann, daß ich ihm nicht mehr folgendarfweil ich – Dich liebe, Alfred!« –

Er stieß einen Schrei des Entzückens aus und riß sie an sich. Sie umschlang ihn mit beiden Armen. Da schwirrte ein Geigenton durch die Luft – kam er aus den Wolken – vom Garten herauf – aus dem Seitenzimmer – vom Balcon her? – Der seltsame Laut wiederholte sich – der Ton klang wie aus weiter Ferne – er schwoll leise an und eine langsame schauerlich klagende Melodie zog daher, wie von unseligen Geistern gesungen.

»Das ist Anthony's Geige!« flüsterte Czinka todtenbleich, »hörst Du, er spielt dieSiralmas nota!«

»Der tolle Geisterspuk soll nun enden!« rief der Graf heftig. »Jetzt ruh' ich nicht eher bis ich ihn gefunden! Hier an dieser Stelle magst Du zwischen uns Beiden wählen – hier entscheide sich unser Aller Geschick!«

Mit diesen Worten eilte er in das anstoßende Gemach, auf den Balcon, und dann hinaus. Die Töne verstummten. – –

Haus und Garten wurden durchsucht – keineSpur des Geigenspielers fand sich. – Es mochte wohl eine Stunde verflossen sein ehe der Graf, unmuthig und erbittert, in das Gemach seiner Gemahlin zurückkehrte. – Ein furchtbarer Schrei rief die entsetzte Dienerschaft gleich darauf herbei, der Graf Saldern lag besinnungslos ausgestreckt neben der Leiche Czinka's. – Einen kleinen Dolch fand man bis an den äußerst kunstvoll gezierten Griff in ihrem Herzen.

Welche Hand hatte den sichern Stoß geführt?

Anthony Czermak, der tolle Geiger, wie ihn die Zigeuner selber nannten, tauchte im Jahre 1818 etwa, plötzlich wieder in Pesth auf. Eine Zigeunerbande spielte in dem berühmten Zrynischen Kaffeehause ungarische Weisen, vor einer dichtgedrängten Zuhörermenge. Da stürzte ein halb nackter, wild blickender Bettler herein, entriß dem Vorgeiger seine Geige, setzte den Bogen an und spielte so hinreißend, so dämonisch, so gewaltig, daß ein Beifallssturm losbrach wie er in den Mauern dieses Saales noch nie gebraust. Mit grellem Gelächter warf der Fremde aber die Geige zu Boden und verschwand. – »Das war Anthony Czermak,« ging es von Lippe zuLippe. Später erschien er, fast spukhaft, bald hier, bald dort, doch nur wo Zigeunerbanden spielten, und überall wirkte sein Bogen zauberhaft. Er erging sich meistens in freien Phantasien, in die er dann ergreifend ungarische Melodien einzuweben pflegte. Zuletzt will man ihn in Prag gesehen haben, wo endlich diese wunderliche und düstere Erscheinung hinter den Mauern eines Klosters verschwunden sein soll. – –

Die Sage von seinem unvergleichlichen Spiel erhielt sich aber bis auf den heutigen Tag, und so berühmt auch wenige Jahre später der deutsche Zigeuner Mattinovich wurde, der mit mangelhafter Bogenführung, und ungeregeltem Fingersatz Zigeunerweisen, sowie Paganinische Etüden hinreißend vortrug und mit selten markigem Tone spielte, so nannten doch Alle, denen je die Geige des Anthony Czermak geklungen, den Mattinovich nur einen Vasallen jenes Zauberers. Die düster leidenschaftlichen Melodien jenes verschollenen Geigers sind noch heute unter den Zigeunerbanden in und um Raab die Lieblingsnoten, und wenn sie erklingen, reißen sie unaufhaltsam die Herzen der Hörer in ein Meer von schmerzlicher Lust und süßem Weh. Erzählte man sich doch, daß eine Melodie Czermaks, diewährend der Anwesenheit des Königs der Pianisten, Franz Liszt, von der Bande des berühmten Patikarus Ferko, an einem Festabend ihm zu Ehren in Pesth gespielt wurde, den Gefeierten so mächtig ergriffen, daß er zur Stelle ein Clavier herbeitragen ließ, und in tiefer Erregung die Sturmeswellen seines Spiels mit jenen unendlich klagenden Tönen mischte. – War es vielleicht die Melodie zu jenem Liede, das die schöne Czinka einst im Walde von Zircz gesungen?

Druck vonG. Pätzin Naumburg.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung abweichender Schriftarten:gesperrt,Antiqua,fett.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Bewunderung" – "Bewundrung", "erwiderte" – "erwiederte", "sehen" – "sehn", "Tanzsääle" – "Tanzsäle",

mit folgenden Ausnahmen,

der Schmutztitel wurde entfernt;

Seite15:"und" eingefügt(das Urbild aller Häßlichkeit und Verschrobenheit)

Seite19:"," eingefügt(und verneigte sich vor der Gottschedin,)

Seite37:"«" eingefügt(ein Professor als Zuhörer vor einem Studiosen sitze. –«)

Seite43:"den" geändert in "denn"(Da that es denn wohl Noth)

Seite44:"ihre" geändert in "ihr"(die Augen thaten ihr Anfangs weh dabei)

Seite44:"ihr" geändert in "ihre"(Sie verlor auch nach und nach ihre mädchenhafte Schüchternheit)

Seite45:"," hinter "und" entfernt(und streute Blumen auf ihn herab)

Seite46:"befan der" geändert in "befand er"(Jetzt befand er sich aber zum ersten Mal)

Seite47:"Spähre" geändert in "Sphäre"(hatte ihn plötzlich in eine Sphäre getragen)

Seite48:"," entfernt hinter "ihn" und eingefügt hinter "mußte"(Eindruck auf Jedweden machen mußte, der ihn mit Aufmerksamkeit)

Seite54:"«" entfernt hinter "Studiosus" und eingefügt hinter "denn –"(»Gute Nacht, werthester Herr Studiosus – auf Morgen denn –«)

Seite57:"," entfernt hinter "ihren" und eingefügt hinter "sagte"(und sagte, ihren jungen Lehrmeister seltsam traurig anblickend)

Seite57:":" hinter "Sohn" entfernt(Damis, der junge Gelehrte, Chrysander's Sohn)

Seite63:"«" eingefügt(sterben wie ich gelebt: eineungelehrteFrau!« –)

Seite77:"einiziges" geändert in "einziges"(sehr verwöhnt, als einziges Kind eines reichen Kaufmanns)

Seite78:"schichte" geändert in "schlichte"(das schlichte Pfarrhaus umzumodeln in Erinnerung)

Seite87:"Enferntesten" geändert in "Entferntesten"(was nur im Entferntesten an den Katholicismus erinnern konnte)

Seite88:"dei" geändert in "die"(die Morgen, Mittage und Abende sahen sich gleich)

Seite98:"," eingefügt(spielte sie längst nicht mehr, sie hielt keinen Takt)

Seite102:"vergißst" geändert in "vergißt"(uns(mich hatte er sagen wollen) darüber vergißt!)

Seite110:"einen" geändert in "einem"(Mit einem ungeduldigen Wink der Hand sagte die schöne Frau)

Seite111:"," eingefügt(in Verlegenheit gerathen sein, solch einen Ausbund)

Seite111:"abgeflückt" geändert in "abgepflückt"(abgepflückt aus dem Garten einer schlichten Pfarre)

Seite114:"entgegente" geändert in "entgegnete"(entgegnete sie plötzlich wieder in heller Freude)

Seite116:"«" eingefügt(das blaue Taffetfähnchen ist ja kaum vier Ellen weit!«)

Seite118:"nachläßig" geändert in "nachlässig"(vornehm nachlässig, indem sie mit ihrem goldenen Lorgnon spielte)

Seite120:"." eingefügt(Du zeichnest ganz artig und machst tüchtige Fortschritte.)

Seite120:"," eingefügt(fallen nicht mehr vom Himmel, sie müssen sehr langsam)

Seite122:"vergißst" geändert in "vergißt"(Du vergißt immer, wie viel die Kleine mit ihrem Zeichnen)

Seite124:"wlches" geändert in "welches"(Da erfuhr ich denn erst, welches Datum wir schreiben.)

Seite124:"." eingefügt(Am 12. ist ja Gottfrieds Geburtstag)

Seite126:"Stükchen" geändert in "Stückchen"(Euch einmal ein Stückchen Landschaft von ihm zeigen)

Seite126:"»" eingefügt(»Ein recht unruhig Leben haben wir hier)

Seite134:"." eingefügt(der erste köstliche Frühling. – Es war Sonnenschein)

Seite146:"gefogt" geändert in "gefolgt"(ein ehrwürdiger Priester, gefolgt von dem Meßner)

Seite155:"!" geändert in ","(antwortete Berger mit melancholischer Stimme,)

Seite159:"eimal" geändert in "einmal"(noch einmal mein Kindergebet mit mir)

Seite165:"sie" geändert in "Sie"(Leben Sie wohl, tausend, tausendmal)

Seite175:"," eingefügt(Störrigkeit seines Kindes betrübte ihn nicht, sie empörte)

Seite179:"wirkilch" geändert in "wirklich"(Sie erinnern sich wirklich ihrer?)

Seite190:"Möglichtes" geändert in "Möglichstes"(in diesem Jahre sein Möglichstes zu thun bereit sei)

Seite194:"Er" geändert in "Es"(Es war ihm zu Sinne als sei er in jenen)

Seite198:"funfzehn" geändert in "fünfzehn"(Die Kleine war wohl kaum fünfzehn Jahr alt)

Seite200:"schönste" geändert in "schönsten"(habe eben die schönsten Tänzerinnen gesehen)

Seite202:"dunckellokigen" geändert in "dunkellockigen"(zu jenem dunkellockigen Burschen mit der Geige)

Seite204:"Seit" geändert in "Seid"(Seid Ihr unter den Musikanten?)

Seite208:"," hinter "Zigeuner" entfernt(mit diesem seltsamen Völkchen der Zigeuner lebte)

Seite209:"," hinter "Macht" entfernt(wachsende Macht er sich so vergebens wehrte)

Seite214:"," eingefügt(der Gedanke in ihm auf, dies köstlich frische Kind)

Seite217:"," eingefügt(noch ist es Zeit, ich will ihn mit nach Wien nehmen)

Seite217:"jenen" geändert in "jener"(Habt Ihr niemals von jener vielgefeierten Zigeunerin)

Seite226:"prachen" geändert in "sprachen"(und sprachen – was sie redeten, wußten weder sie selber)

Seite232:"," eingefügt(hatte nur Augen für sie, schien es aber doch nicht)

Seite242:"sie" geändert in "Sie"(Sie neigte bejahend das Haupt.)

Seite243:"«" eingefügt(sag' mir lieber wer Dich so spielen lehrte?«)

Seite250:"Arzte" geändert in "Aerzte"(täglich wiederholten die Aerzte ihren Rath)

Seite254:"zärtichen" geändert in "zärtlichen"(Der Graf verrieth die Sorgfalt eines zärtlichen Bruders.)

Seite257:"erfülle" geändert in "erfüllte"(dessen Licht ihn mit einer zagenden Seligkeit erfüllte)

Seite259:"»" eingefügt(flüsterte Czinka todtenbleich, »hörst Du, er spielt)

Seite259:"," entfernt hinter "anstoßende"(Mit diesen Worten eilte er in das anstoßende Gemach)


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