BESUCH IM EINSAMEN PARK
Wie wenn die müde Seele noch einmal auf längst gesprungenen Saiten ihre begeisterten Klagen singen dürfte, so ist es, wenn du zu mir kommst, Helene N.!
Der Alltag weicht da wie ein böser Zauber, der uns gefangen hielt, in einem Leben, das nicht die Stunde wert ist, die es bringt! Man lebte dem Tode entgegen!
Das alte Zauberreich von melancholischen Zärtlichkeiten erblüht durch dich, und der fade Park wird zum mysteriösen Urwald, wenn dein geliebter Schritt die alten öden Wege wandelt — — —.
Dein Sprechen wird wieder zu Musik, der Hauch des Atems wird wieder zum Wehen von Frühlings-Gebirgsalmen mit Kohlröschen und Seidelbast und Knieholz.
Dein Sitzen beglückt und dein Stehen und dein Wandeln — — —.
Alles, wasdichunglücklich macht, wird zugleichmeinUnglück, und deine Klage trifft ein exaltiertes Bruderherz; indem ich leide und dir die Last abnehme unverstandenen Kummers,jauchztmeine Seele, daß siemit dir leiden darf!
Ich möchte dich ins Zauberreich entführen,
wo du mein Kindchen wirst, gewiegt, getragen, beschützt, in überzärtlichen Armen, an einem für dich bebenden Herzen — — —,
weg von den Ungetümen »Menschen«, die dich mit ihrem feigen Unverständnis morden!
Bist du denn ein Distelstrauch am Wege, ein Unkraut oder Brennesselgebüsch?! Bist du dem Tritt des schweren frechen Fußes ausgesetzt?!
Bist du nicht eine zarte Blüte Gottes, die behütet werden muß vor jedem rohen Hauche?!
Bist du nicht die, die unser totes Herz zum Leben wieder zaubert?!?
und deren zarte, edle Gliederpracht aus unseren glitzernden, stieren Fischaugen ein gerührtes Künstlerauge wiederzaubert?!?
In welche Welt bin ich geraten, pfui!?! Wo alles sich in schnöder Ordnung abhaspelt!? Du bist dieandere! Anders wie die andern! Wie Ambrosia anders war als Rumpsteak mit Salat! Göttliche Kräfte bringst du, ohne es zu wissen! Und pflichtlos sinken wir zu deinen Füßen hin! Nur eine Pflicht erkennend, vor dir hinzuknien!
Das zugeschnittene Maß, das allefördert, ist unsverächtlichundvergiftetuns! Derekle Friedesorgenlosen Daseins macht unsere Kräftestockenundvertrocknen. Wir müssen brennen, glühen und vergehen!
Und unsere innere Träne, wenn du beim Scheiden uns ruhig die Hand reichst,
macht uns erst wieder leben, leiden und verzweifeln, und auf eine Stunde hoffen, da du, Gebenedeite, wiederkehrst! Für diese Stunde leben wir in Not!
Die da sind, morden uns;
doch die da kommen, umvon uns zu scheiden, bringen uns das Glück desabgrundtiefen Seelenschmerzes wieder!
Wir wollen rauschen, brausen und zerschäumen!
Des Lebens eingedämmte Ordnung ist unserheimtückischer Feind, für dumpfes Erdenleben ganz geeignet, das uns, unter der feigen Maske der Rettung, nur lahmlegt und vernichtet und vorzeitigem Tod entgegentreibt.
Helene N., komme, auf daß ich hundert Stunden lang in Fieberzehrung dich erwarten könne — — —. In Fieber michverzehren, ist meinLeben!
Und scheide von mir, auf daß ich tausend Stunden dirnachtrauernkönne — — —.
Mein Geist lebt nicht vomSein, das lahm macht und gebrechlich — — —;
mein Geist lebt nur vom Hoffen und Verzweifeln!
Du kamst, Helene N., und alles ward belebt und blühte auf — — — —.
Du gingst, und Trauerflore hingen über der dunklen ausgestorbenen Welt — — —.
Die Welt der Pflichten ist vielleicht gesünder und fordert manches Wertvolle in kleinerem Kreise — —.
Wir aber wollen lieber an unseren inneren Symphonien elend scheitern; des Alltags Werkelton mordet uns ebenso, nur langsamer und qualvoller — — —. Wie stumpfe Messer gegen scharfe Klingen!
Der Folter wollen wir entgeh’n des leeren Lebens, das unseren Organen ihre Kraft entzieht;
und in der Schlacht trifft rücksichtsvoller uns der Tod, und herrlich plötzlicher,
alsvorbereitetzu jeder Stunde eines Lebens, das weniger als nichts für uns bedeutet!
Helene N., komm’ wieder in den Park,
wo Irre ihre irren Träume träumen — — —.
Duwirst hier doch vielleichtmehrMenschlichkeiten finden,
als in der Welt, die sichfrech fälschlichfür dienormalehält!!!