DER JAGDHERR

DER JAGDHERR

»Herr Baron, weshalb sehen Sie heute so gedrückt und verstimmt aus?! WennSienicht froh und sorglos aussehen sollten, wer könnte es dann noch überhaupt?!?«

»Sie scheinen es nicht zu wissen, daß jetzt der Herbst ist und die ›Hirschbrunft‹ anfängt. Nein, wie mir mein Oberförster gemeldet hat, daß die Hirsche bereits ›röhren‹, da begann meine Verzweiflung. Ich hörte schon die stundenlangen, endlosen Gespräche meiner geehrten Jagdgäste darüber, weshalb und aus welchen komplizierten Gründen sie den Vierzehnender nichtgetötethaben. Ich sage zu meinen Jagdgästen immer absichtlich ›getötet‹, denn da giften sie sich am meisten; denn eigentlich müßte man sagen —, aber das stupide technische Wort kann ich mir, oder will ich mir vor allem, nicht merken. Meine Gäste wären so nette Menschen, wenn sie nicht jagen würden! Ich verstehe absolut nicht, weshalb ein Hirsch, der vierzehn Enden hat, interessanter sein sollte als einer, der überhaupt kein Ende hat. Jedenfalls, so viel Enden kann kein Hirsch haben, daß er für mich an Interesse gewänne! Ich esse nicht einmal sein Fleisch, da es schwarz, saftlos und meistens zäh ist. Einmal sagte mir ein Weiser:

›Wissen Sie, Herr Baron, weshalb ich so gern Hirschbraten esse?!?‹

›Nein,‹ erwiderte ich, ›das kann ich mir gar nicht denken — — —.‹

›Wegen der Sauce Cumberland, die so gutdazu paßt, aus Hetschepetschfrüchten, Rosenfrucht, bereitet!‹

›Aber, lieber Freund, da essen Sie doch die Hetschepetschsauce für sich alleine!?‹

›Ja, Herr Baron, wenn mandaskönnte; aber daskannman nicht — — —! Sie gehört zum Hirschbraten‹.

Ein Jagdgut ist sehr angenehm natürlich, aber nur wegen der Mühlen, Kalkbrennereien und so weiter, die dazu gehören. Die vielen Hirsche stören mich, sie lenken mich ab von einer anständigen, fruchtbringenden und sinnvollen Tätigkeit. Besonders die Vierzehnender hasse ich; über die wird nämlich am meisten und wichtigsten Blödsinn geredet. Am tragischsten aber ist es für mich, wenn dieses Tier nicht getötet, sondern nur angeschossen wird. Da erreicht die Aufregung meiner Jagdgäste den Höhepunkt. Man glaubt jedesmal, sie hätten die Schlacht von Sedan verloren oder wären plötzlich entthront worden. ›Man wird es schon finden, das arme Tier,‹ sage ich da jedesmal, um sie zu giften. ›Es wird in einem Gebüschgestorbensein, etsch!‹ Beim Wort ›gestorben‹ möchten sie mich alle ohrfeigen — — —.

Aber lieber ist es mir, das arme Vieh werde sogleich ins Herz geschossen, damit es die Leiden erspare und ich meine Ruhe haben könne beim Souper. Nun werden Sie mich natürlich fragen, weshalb ich überhaupt eine Jagd habe und Jagdgäste dazu einlade. Da kann ich Ihnen nur mit demmysteriös-philosophischenSatze, den nochkein Kultivierterje ergründet hat, antworten: ›Mein lieber Herr, das verstehen Sie nicht,es gehört einmal dazu!‹«

Der Baron schwieg; dann sagte er:

»Einer meiner geehrten Herren Hirschgeweihjagdgäste lud mich aus Dankbarkeit wieder zu seiner ›Wildschweinjagd‹ ein. Ich war gezwungen, irgendwo auf einem Balkon, der mit Reisig eingefriedet war, auf das gutmütige und häßliche Vieh zu warten. Endlich erschien es und knabberte schnauzend an einem Hügelchen von Kukuruz, das als Lockspeise eigens listig errichtet war. Da schoß ich es, pumps, ins Herz, und bekam als Trophäe die Stoßzähne, die ich in den Abort warf — — —.«


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