DER NEBENMENSCH
Neunzig Prozent unsrer Lebensenergien raubt uns die Ungezogenheit, die Taktlosigkeit unseres Nebenmenschen. Jedes falsch angebrachte Wort zerstört unser zart empfindliches Nervensystem. Nicht Distanzhalten von der Welt des andern, die man ja doch nicht begreifen kann, mordet die Nerven. Die unverständliche Welt des andern nicht achtungsvoll und scheu behandeln, ist eine bodenlose Feigheit. Es ist, wie wenn man jemandem, der unsäglich an Migräne litte, sagte, er bilde sich diese Leiden nur ein! Gläubig sein, ist aristokratisch; bezweifeln, ironisieren, ist plebejisch! Durch Gläubigkeit erweitert man seinen Horizont um den des andern, durch Skeptizismus bleibt man ewig in seine eigenen engen Grenzen eingebannt.
Niemandem wehe tun, falls es nicht unbedingt notwendig wäre, ist die natürliche Wirkung geistiger Kultur. Jedermann werde erfrischt, ja erlöst durch deine Gesellschaft, ja, er suche sie auf, wie das bedrückte Menschenkind den Beichtstuhl. — — —
Aber unsre Nebenmenschen sind noch Satan, Jago, Mephistopheles, Franz Moor; selbst zu ewiger innerer Unruhe verdammt, drängt es sie, auch in uns nur böse Unruhe zu erzeugen, damit wir ja nicht besser, nicht vornehmer werden als sie selbst es sein können. Sie gönnen uns nicht höhere innere Entwicklungen, wollen unsabsichtlich degradieren auf ihr eigenes erreichbares Niveau! Nur der Dichter erlebt träumend künftige Entwicklungen gläubigen Herzens, und die, die sich ihm anschließen,tragen jedenfalls diese idealen Möglichkeiten kommender besserer Welten schweigend-demütig bereits in ihrem Herzen! Der Nebenmensch ist ein Gegenmensch. Er will nicht helfen, sondern schädigen. Wäre er selbst ein Zufriedener, wünschte er nur Zufriedenheit zu verbreiten; als Unzufriedener wünscht er uns ebenfalls nur Friedlosigkeit!