HAMSUN-MENSCHEN

HAMSUN-MENSCHEN

Ich habe irgendwo einen geistreichen Essay gelesen — leider geist-reich, aber wahrheits-arm — über das Wesen der sogenannten Hamsun-Menschen, das heißt: jener Menschen, die Hamsun in seinen Romanen beschreibt.

Es sind nämlich ganz einfach Menschen, die die Lächerlichkeit des menschlichen Geistes und der menschlichen Seele durchschaut haben und dahinter gekommen sind, daß alles öder Mumpitz ist! Ich bin überzeugt, daß Shakespeare die Eifersucht des Othello, den Ehrgeiz des Macbeth, die Liebe des Romeo für ebenso lächerliche und wertlose Dinge, für übertriebene Irrsinne, für groteske Stupiditäten von Monomanen oder Paralytikern gehalten habe; nur hatte er damals noch die sogenannte gesunde Kraft, aus diesen Irrsinnen scheinbar menschliche Dramen zu fabrizieren! Hamsun hingegen hält Markensammler, Münzensammler und Liebesleute für lächerliche Persönlichkeiten, und nichts in der Welt kann ihm ein Interesse abgewinnen als die schändliche und infame Lächerlichkeit, mit der alle Menschen die ihnen wichtig erscheinenden Dinge auch ernstlich für wichtig halten! Diejenigen Unglückseligen, die in der Mitte schwanken zwischen der Bejahung und Negierung des Daseins, machen sich ein Geschäft daraus, Hamsun-Menschen fälschlich erklären zu wollen, indem sie selbst weder den Mut haben, bejahende Normalmenschen noch negierende Perverse zu sein. Der sogenannte gesunde Mittelweg ist die Straße des feigen Idioten. Er allein ist der ungerechteund ewig mißtrauische Nichtsversteher! Sie wollen in den Abgründen des Daseins sich ein Pfädchen herausschinden, auf dem sie scheinbar noch sicher dahin schreiten könnten! Aber vergeblich! Es handelt sich nur um einige Jahre, und auch sie werden zur Browningpistole innerlich greifen müssen. Hamsun erkannte die Nichtigkeit, die Lächerlichkeit, die Bösartigkeit, die Gemeinheit des Lebens in jeder Minute, in jeder Stunde, an jedem Tage; aber die, die noch nicht die Kraft haben, das ganz zu erfassen, klammern sich an irgend einen Popanz fest, der sie hoffentlich irgend einmal zugrunde richten wird.

Hamsun-Menschen haben ganz einfach einen milliardenmal tiefem Einblick in die Lächerlichkeit und Wesenlosigkeit des Daseins, als die andern Menschen, und derjenige, der sich aus diesen unentrinnbaren Wahrheiten herausretten will, beweist damit nur die Feigheit, daß er mit einem wertlosen Leben den wertlosen Kampf noch immer vergeblich aufnimmt. Alle Menschen sind Münzen- und Markensammler, und wer ihre absolut wertlosen Irrsinne nicht erkennt, ist ein ebensolcher Idiot, wenn er auch in seelischer und geistiger Beziehung andre, aber ebenso wertlose Sammlungen anlegt! Sich über die letzten Erkenntnisse eines Hamsun-Gehirns hinüberschwingen zu wollen, ist die infamste Feigheit eines Menschen, der nicht imstande ist, eine Stunde lang ein wahrheitsvolles Leben zu führen.

Das Leben ist eine feige Lächerlichkeit, mit frechen Ambitionen, und es gehören alle Verlogenheiten der menschlichen Seele und des menschlichen Geistes dazu, um es auch nur eine Minute lang ernstzu nehmen! Strindberg wußte, was er von Frauen zu halten hatte, die, statt ihn zu schützen und zu schonen, ihm seine göttlichen Kräfte auf allen Wegen und Stegen zu rauben suchten. Er hatte die Genialität, an die Anständigkeiten der Frau zu glauben, fand aber nur herzlose Tyranninnen, die die Schwächen selbst der genialen Organisation auf perfideste und heimtückischste Weise ausnutzten! Was August Strindberg dichtete und dachte, war ihnen eine nebensächliche Erscheinung, aber sein persönliches Liebesleben kontrollierten sie mit ihren unfähigen und niedrigen Sinnen! Alle Männer sollten wie Strindberg es erhoffen, daß man ihre edelsten Kräfte schonen und schützen werde, und sie nicht ausnutzen werde zur gemeinen Bequemlichkeit des Tages- und Nachtlebens. Eine Frau, die auch nur eine Stunde lang einen August Strindberg quälte, wäre wert, von der ganzen Menschheit boykottiert und gefoltert zu werden, denn für ihre Glückseligkeit würde der Kommis einer Seidenfirma bessere Dienste leisten! Sie rächt sich in ihrem ewigen Vier-Wochen-Turnus an den ewigen Entwicklungsfähigkeiten des Mannes, und das Genie Strindbergs bäumte sich für hunderttausend gequälte andre Genies auf gegen den Mangel an Respekt einer geliebten Frau vor der Geistigkeit des Mannes!

Hamsun nahm die Sache nicht so tragisch, sondern mehr von der ironischen Seite, und selbst Shakespeare war ein Strindberg und ein Hamsun im Grunde seiner Seele, aber er hatte leider noch die gesunde Kraft, es in fünfaktige Dramen umzusetzen, deren eigentliche tiefe Ironie der Welt nie verständlich wurde!

Der Ansichtskartensammler ist kein größerer Narr als alle andern, die sich an angeblich wichtigere Objekte Tag und Nacht anklammern, um ihr Leben damit auszufüllen und in kümmerlicher, armseliger, schamlos-feiger Weise zu fristen. Je weniger Spesen sie dabei haben, desto normaler sind sie. Es gibt Schriftsteller, die die Geschicklichkeit haben, einem Hamsun und Strindberg sogar ihre Irrsinne nachzuweisen! Ich selbst begnüge mich mit der Ansicht, daß sich außerhalb des Lebens zu bewegen und mit ihm keine anderen Zusammenhänge zu haben wie die eines satanischen Lächelns, die einzige Sache und Aufgabe eines genialen Menschen sei!

Wer die Kraft hat, dem Leben mit aufgezogenem Visier ins Auge zu blicken, der wird das große Mauer-Oehling und Steinhof der Menschheit in Ernst und Ruhe erkennen, und seine Stunde, die ihn von dem Stumpfsinn und der Stupidität endgiltig befreit, mit Freude erwarten —.


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