WIE ICH GESUNDET BIN
Ich bin nämlich gar nicht gesundet, sondern aus dem Grabe, wie ein Gespenst meiner selbst auferstanden. Aber ich habe in Inzersdorf bei Wien einen schönen stillen Park gehabt mit Naturwiesen, einen allerbesten Direktor Emil Fries, einen Gentleman vom Kopf bis zu den Sohlen, seine edle französische Frau zu meiner idealen Gesellschaft, taktvoll und herzlich vom Kopf bis zu den Sohlen; Fräulein Herta, die in sich Gekehrte ... Und die Gouvernante der Kinder war eine edle Melancholikerin, die die Bürde des Lebens tragisch auf sich nahm. Der Park hatte eine Allee mit großen holzgeschnittenen Löwen, die Wappen trugen, und in den riesigen runden dunklen Gebüschen nisteten Vögel.
In diesem Milieu, wo nichts mich marterte, lugte ich noch einmal aus dem Grabe heraus, so ein letzter Blick auf wahre Werte der arg verworrenen Menschheit.
In einem dunklen Gartenparterrezimmer sitzen seit Jahren Graf C. und Herr von D. hart nebeneinander in alten Lederfauteuils, wortlos, ohne sich zu rühren, stunden- und stundenlang wie Wachsfiguren, bis jemand kommt und sie zu Bette legt. Nie, nie, nie sprechen sie einen Wunsch aus, rauchen nicht, langweilen sich nie, warten auf die Tage, die Monate, die Jahre, wie alte Bäume im Frieden der Natur.
Ich bin nicht gesundet; meine Qualen haben sich ins Maßlose gesteigert, ich ringe um Tag und Stunde und um irgendeinen Lichtblick, wie es die englischeTänzerin Esther war, die am ersten Abend zu mir gesagt hat: »I have been in the whole world, but I have learned only one important thing: To hate the man! Was will er ewig von uns, während unsere Seelen noch kalt sind, und wir ihm doch schon unser Bestes, ja unser Liebstes, unser Tanzen spenden?!?« Esther, Esther, o Esther — Sie sagte: »Du, ich werde dich besuchen, aber nur wenn du ganz krank bist, ganz, und mit geschlossenen Augen daliegst, denn da brauchst du nicht mit mir zu sprechen.«
Ich bin nicht gesundet und werde es nie, nie mehr wieder. Ich ringe mir noch irgendeinen Lichtblick ab, und dann adieu. —