Es war einmal ein junger Dichter namens Eduard, der lebte in einem Palaste. Und in ihm war nichts als Sehnsucht. Seine Diener aber brachten ihm Schinkensemmeln mit Kaffee. Sehr traurig war der junge Dichter, und seine Sehnsucht ging von einem Zimmer in das andere. Herrliche Bilder konnte er sich vorgaukeln, und das junge Mädchen, das er liebte und haßte: Kunigunde!
Doch wenn sein junger Leib, der sich sehnte, einen Schritt vorwärts tat, die geschaute Gestalt zu umarmen, schwand alles, und seine Lippen, die nach einem Kusse lechzten und glühten, sie sanken kümmerlich zusammen, und sein Kopf fiel schulterwärts . . . und er war wieder allein mit seinen Zimmern, Dienern und Schinkensemmeln. Da haderte der junge Dichter mit Gott und seinem Palaste und weinte über sie die Tage und Nächte, daß sie ihm nicht geben wollten, wonach er flammte . . . und hätte am liebsten die Wände geküßt und die Bäume seines Gartens umarmt: so sehnte er sich. Und er vergoß sieben Tränenströme. Und wollte nichts essen und zerfleischte sich das Gesicht und die lieben Hände und raufte sein Haar und zerriß seine Gedichte und lag wie ein Toter da auf seinen Teppichen.
Sandte der liebe Gott zu ihm in den Traum eine ausgezeichnete Fee, und die sprach: Was gibst dudeinem Körper Wunden und üble Farben? Sieh, sei wieder brav und ruhig, und Gott wird dein Haar streicheln, und dein Haupt soll liegen in dem Schoße deines jungen Mädchens. Da sprach der junge Dichter: Ich will ja gern wieder an den lieben Gott und meinen Palast glauben, aber warum ward ich so schwer geschlagen? Es ist ja wahr, ich habe vor sieben Jahren, zehn Monaten und drei Tagen beinahe eine Ameise zertreten!
Küßte die ausgezeichnete Fee dem jungen Dichter langen Schlaf an und tat von seinem Leibe die Wunden und üblen Farben, nahm von seinen Händen die Betrübtheit . . . und als er erwachte, da taten sich alle seine Zimmer auf und strahlten, und sein Haupt lag gebettet in den Schoß des jungen Mädchens, und sie streichelte seine Haare und küßte ihn und klebte seine Gedichte wieder zusammen.
Glaubt ihr das? Ich nämlich glaube es auch nicht! Sondern, als von dem jungen Dichter der Schlaf trat, da stand zu seinen Häupten ein Freund und wies ihm eine Kritik, in der Eduard niederträchtigerweise gelobt wurde, ein Briefträger feierte seinen Einzug mit einer Drucksorte, laut der sich Kunigunde mit Archangelus Lardschneider, jenem niederträchtigen Kritiker, verheiratet hatte, und eine jähe Drahtung zwang ihn, die Premiere seines letzten Stückes abzusitzen, des Schiffahrtsaktiendramas »Eduard und Kunigunde«, das ihm vom Lesen her übel bekannt war. Und zu Füßen seines Bettes stand ein Diener, in der Hand haltend eine Tasse Kaffee mit Senf.
Ich war kein Tierfreund, eher vielleicht ein tyrannischer Beobachter der Tiere. Seit jeher reizte es mich, diesen schwachen Wesen zuzusehen, mitzuspielen, Herrschaft über sie auszuüben, da ich die Menschen nicht knechten konnte. Ich ging ja in die Schule, war Sklave von Rohrstäben, Katalogen, Klassenbüchern und Zensurzetteln. Und daheim saßen grausame Zieheltern, die meine Abneigung gegen das Leben nährten, indem sie mich stets zum Essen zwangen, zur Strafe mit den widerwärtigsten Speisen traktierten, wenn ich den grammatikalischen Kram nicht wissenswert fand. Die Existenz von Schulbüchern war doch eine Gnade meinerseits? Nein! Man begnügte sich unbescheidenerweise nicht damit, daß ich das Vorhandensein derartiger Materialien hypothetisch annahm, gelten ließ, ich sollte sie empfangen, die Bücher sollten in mich übergehen und ich Buch werden. Paßte mir diese Besessenheit nicht, reagierte ich auf solche Vernichtung meines Ichs sauer oder, was meist geschah: ließ ich mich auf derlei Provokationen überhaupt nicht ein, sah man in meinem Vorgehen alles eher denn Selbstbewahrung. Meine früh erwachte Aversion dagegen, Gedichte anderer Schriftsteller auswendig zu lernen: von mathematischen Formeln koitiert zu werden, diese eminent männliche Eigenschaft hieß auf einmal Faulheit und man entleerte über mich ein Füllhorn von Strafen.
Ich besaß eine kleine Kaninchenzucht. Gab ich mich mit Hühnern und Tauben ab, fesselten den Zarten, der für seine Person Raufereien scheute und mied, die schonungslosen Kämpfe zwischen rivalisierenden Hähnen oder Taubern. Blutliebe war es, Freude an diesen ebenso formstrengen als gefühlsheißen Duellen, die erbittert und unerbittlich bis zur Entscheidung ausgetragen wurden. Bei meiner Zucht, bei meinem Kult von übrigens unfreiwilligen Mitgliedern der Friedensgesellschaft, den geduldbehauchten Kaninchen gegenüber hatte ich lautere Motive. Ich ergötzte mich an rein vegetativen Prozessen, freute mich, wie die jungen Tierchen schnupperten und dann mit langen Froschsprüngen herbeieilten, mir die Kohlblätter aus der Hand zu fressen. Aber Kohl — der kostete Geld, ein paar Heller täglich, und Futter, Wartung fraß Zeit, die ich nach Ansicht meiner Pflegeeltern besser an das Studium gewendet hätte. Ihr ewiges: »Hugo, lerne!« scholl an mir vorbei, ich betrachtete die unregelmäßigen Zeitwörter als Verbalinjurien und wußte mir etwas Besseres als Verben reiten, konjugieren: Kaninchen. Die waren mein Trost, halfen mir mit ihren Farben und Bewegungen über schlechten Ausfall der Schularbeiten und Mittagmahle hinweg. Bekam ich zu Weihnachten eine üble Zensur und wurde demgemäß statt jedes anderen Geschenkes strafweise täglich diejenige Speise aufgeführt, die ich am stärksten haßte: Sauerkraut — und noch dazu in angebranntem Zustand — flüchtete ich nach Tisch zu den Kaninchen. Und sieheda! es gab Wesen, denen die Verabreichung dieses Giftes, die Ausspeisung mit Krautblättern Glücksaugenblicke schuf, Wesen, die mir, dem göttergleichen Spender, durch ihr zufrieden-geräuschvolles Mahl zu einigem Selbstgefühle verhalfen und nicht genug daran: sozusagen durch die Vernichtung eines Teiles des Sauerkrautbestandes der Welt mir dankbar einen großen Dienst erwiesen.
Es kam eine Zeit, wo ich mein Reich nicht verteidigen konnte, und die Bazillen drangen ein. Mit den Bazillen meine ich nicht etwa die Erreger der Windpocken. Die machten sich nicht so breit, mit denen wurde ich leicht fertig, und wenn ich dennoch mich schwach zu fühlen vorgab, nicht aufstehen wollte, so lag das in mir: ich hatte wenig Lust, ins äußere Leben zurückzukehren, in die Schule, diesen Garten voll bitterer Kräuter, die — o bodenlose Verruchtheit — obendrein botanisch-lateinische Namen trugen! Das Kranksein bedeutete für mich sorgsame Pflege, Ruhe und Waffenstillstand, und ich kann sagen, ich machte häufig von Halsentzündungen Gebrauch. Wenn das Fieber geschwunden war, sagte man wohl: »Liegend lesen schadet den Augen,« aber ich durfte eine Weile Lektüre treiben, was mir sonst — schlechter Zeugnisse halber — verwehrt war. Der Arzt ließ mich gerne liegen, er verordnete sogar zur Behebung der allgemeinen Schwäche kräftigende und wohlschmeckend von mir bejahte Gerichte, vor allem Weißfleisch. Doch für die Wirtschaft, für das Staubabwischen und Aufräumenbedeutete mein Kränkelnwollen, mein Zärtlichkeitsbedürfnis Hemmung und Überarbeit. Weißfleisch? Wozu Hühner kaufen, wenn herrliche Kaninchen im Hause waren, Kaninchen überdies, die, wenn man sie dem eigensinnigen Knaben ins Bett geben mußte, sich unsauber betrugen. Sonst zwar wurden Kaninchen nicht gegessen, aus Ekel . . . aber ein wehrlos in der Genesung begriffenes Kind aus der Geborgenheit, aus dem sicheren Bett zu scheuchen, dazu war kein Mittel schlecht genug. Thyestes nährte sich vom Fleisch der eigenen Kinder. Atreus hat ihn damit brüderlich bewirtet. Das ist noch gar nichts. Denn Thyest war ahnungslos, wußte nicht, wovon er zehrte, wußte nicht, was er wieder zu sich nahm. Auch ich mußte die Geschöpfe essen, die mir die liebsten waren. Aber ich fühlte, was ich hinabzuwürgen gezwungen wurde. Ich verschluchzte mein Herz. Anfangs sagte man, auf das Kaninchenfleisch weisend: »Backhuhn!« Als sich jedoch mein tiefes Wissen um diese Welt durch das Gerede nicht übertäuben ließ, hieß es, ich solle nicht so kindisch sein. Kindisch? Leichtsinnig hatte ich die Kaninchen preisgegeben, verraten! Während es mir beliebte, krank zu sein, wurden sie wenig gefüttert, gemordet. Da gab ich die Krankheit hin, stand auf, um die übriggebliebenen Kaninchen vor meinen Zieheltern, vor den Bazillen, vor dem Tode zu schützen. So rief mich das Leben. »Hugo, lerne!«
Der junge Baron Wodianer-Bruckenthal-Sarmingstein betrachtete sein himmelan starrendes Haar, das über seine Stirn, früh verwelkend, endlich grau hereingebrochen war in diesem dreißigsten Jahr seines ziellosen Lebens. Der Spiegel trug nicht die Schuld, der hatte Generationen von Wodianern in der Wiege strampeln und etwas stiller auf der ihr folgenden Bahre liegen gesehen und jedem in durchaus zuverlässiger Art ein Bild des veränderlichen Körpers gezeigt, über das in manchen Fällen sogar ein Abglanz der recht unsterblichen Seele gebreitet war. Nun saß Albrecht Wodianer als letzter vor dem treuen Möbel und ärgerte sich über ein Stück Materie, das ihn langen Atems überdauern würde, unerblindet ihm die Unreinheiten seines Geistes wies: die weiß angelaufenen Speere seiner Haare. Albrecht Wodianer ertrug den Anblick des Spiegels schließlich nicht länger; da er aber allen Freunden gegenüber sanften Gemütes war, zertrümmerte er ihn nicht, sondern trat den Rückzug ins Café »Prag« an. Er selbst, wiewohl verarmt, kam sich dort etwas deplaziert vor; ein Achtelliter Raubritterblut empörte sich in ihm gegen die spitzfindige Synagogenluft dieses Zionistenbeisels, in dessen Ecken immer ein paar jüdische Literaten urchristelten. Doch der Umstand, daß sich hier Räume ärmlichster Schlichtheit über zahllose Stilepochen hinweg unversehrt im zwanzigsten Jahrhundertgeborgen hatten, beruhigte ihn wieder, sonderbarerweise, obwohl seine Nervosität und Zeitzerriebenheit sonst sich gegen die Dauer der Gegenstände empörte.
Wodianer bestellte im leeren Café irgendwas und ging dann wieder nach Hause, froh, niemanden getroffen zu haben, denn das Öffnen des Mundes zu formellen Reden und Antworten, zu dialektischen Wortkrämereien, die nichts von seinem erschütterten Seelenzustande offenbaren durften, weil Haltung unter Egoisten Ehrensache war — dieses ganze, immer wieder nur einen konventionellen Schein liefernde Gebaren war ihm verhaßt. Und doch mußte er täglich, täglich ins Café trotten, er konnte die Zeit vor Mitternacht nie zu Hause verbringen, gewohnheitsmäßig warf er diese Stunden an den nächstbesten Frauenleib, oder ließ die Worte nahe hockender und doch weltweit entfernter Literaten und Intellektbestien wie Fliegen in die Melange fallen, die er dann nicht austrank.
Während des Heimweges empfand Wodianer eine seltsame Blutleere im Schädel und empfand sie ungern, denn sie erinnerte ihn an den Tag, da der Tod zum letzten Male sich in seiner Nähe aufgehalten hatte, eine Stirnwunde hinterlassend und kuriose Schwächen. Folgen eines Duelles mit dem Hauptmann Orbenhayn, der eine Bemerkung Wodianers — was auf dem rötlichen Beteigeuze den Mädchen der Erde entspräche, müßte dort schöner sein — auf seine Braut bezogen hatte.
Albrecht Wodianer sah vor sich liegen den sterbenden Orbenhayn, dessen blutschäumender Mund rötlicherglänzte als der Stern Beteigeuze. Und spürte, in der Erinnerung wieder Leib an Leib mit Ex-Orbenhayns Braut, abermals die Wahrheit seiner Bemerkung.
Auf einem winterkahlen Baume vor der Universität schwirrte es in kleinen Flügen von Ast zu Ast, um nicht zu erfrieren. Zweigauf, zweigab glatt verschluckbare weiße Flaumenbälle: Spatzen, die in Scharen über den Baum versammelt waren. Hie und da sauste, den Baum erschütternd, eine Elektrische vorbei, die in sich verkrochenen Klümpchen, wärmehungernd, versuchten am Stamm kleben zu bleiben. Wodianer fühlte mit ihnen kein Mitleid, er wußte: in den Tierchen schwangen die Seelen ungeborener oder abgeschiedener Mädchen, denen es bisher mißlungen war, in die Universität zu laufen, und die nun hier, nahe der Wissenspforte nächster Wiedergeburt harrten.
Wodianer haßte Frauenstudium, seine schwarzhaarige Männerfaust fuhr hinab zu den Kieselsteinen der Reitallee, und eine Faustvoll ergoß sich über rasch aufschwirrende Sperlinge. »Viel Leben um nichts!« murmelte er, zerrte seinen Bart und fluchte schon lauter: »Nicht erwarten können sie es, die idiotischen Dinger! Stellen sich da in Nacht und Nebel an, als wäre so ein flaches Kolleg eine gute Burgtheatervorstellung. Und nicht früher werden sie aufhören, die zudringlichen Ludern . . . bis sie von Logarithmen ganz verwanzt sein werden. Pfui Teufel!« Sehr unvermittelt erklang in seinem Gehirn die Stimme seiner toten Mutter: »Bubi, das darf man nicht!« Albrecht schlug mechanisch die Hände gegeneinander, daß von denHandschuhen die schuldbeweisenden Steinkörnchen glitten. Hernach ward er doppelt unwirsch, krächzte heiser: »Das lebt noch immer in mir! Als ob so eine alte tote Baronin Wodianer-Bruckenthal-Sarmingstein wüßte, welche Gesetze heute im Leben gelten. Es war doch meine Pflicht, möglichst vielen dieser lebensschwangern Tierchen die nächste Wiedergeburt abzutreiben!«
Seine Augen noch baumwärts gerichtet, strauchelte er über hervorstehende Straßenbahnschiene, fühlte sich plötzlich im Besitze zweier Kniee. Die leicht kitzelnden Schrammen bluteten stark, und indem er die eine gerechte Strafe Gottes behauptende Stimme seiner Mutter abwies, beschloß er, diesmal kein Mädchen zu frequentieren, da er spürte, er könne diesen Abend mit dem einen sanften Kräfteverlust ganz gut auskommen.
Wieder in sein Zimmer ausgespien, fragte er sich, ob er den intriguanten Spiegel weiß oder schwarz verhängen solle. Die Antwort darauf gab ein Knall, irgend etwas, Stein oder Kugel, durchschlug Doppelfenster und Spiegel. Wodianer riß erfreut die Fenster auf, lehnte sich über die Brüstung, und seine Augen bohrten sich in die nächtigen Parks, aus denen her das Feindselige zu ihm gedrungen war. Dann verfolgte er, bei jedem Schritt Glassplitter zermalmend, die Flugbahn des Geschosses, fand eine abgeplattete Revolverkugel . . . und nannte schließlich diese Begebenheit irrsinnig, da ihm bis zum Überdruß bekannt war, daß er außer etlichen imaginären Halunken und Ausgeburten seines Hirnes keinen realen Freund oder Feind auf der Erdebesaß. Die Schrammen der Knie bluteten noch immer im leisen Rhythmus eines kleinen Schmerzes. Er legte keinen Verband an. Schmutz in der Wunde? Wenn ein lächerlicher Sturz die Macht hatte, ihm durch Blutvergiftung das Leben zu nehmen, dann pfiff er überhaupt auf diese dumme Errungenschaft . . .
Irgendwer hatte also nach ihm geschossen. Er ahnte dumpf und immer heller die altruistische Verpflichtung, den wohlgemeinten Versuch des Unbekannten zu Ende führen zu müssen, lud, am Fenster stehend, die abgeplattete Revolverkugel mechanisch in den Lauf eines Schießinstruments, die Sache ging zielgerecht in seine duellalte Schläfennarbe los, und mit der Hand nach den Sternen greifend, als wolle er diese Steinchen auf irgendwen werfen, hörte er noch, gegen den zertrümmerten Spiegel fallend, verzweifelt als letztes Wort in der Sprache der alten Welt die bekümmerte und eines tschechischen Akzentes nicht entbehrende Stimme des Ewigkeitsschaffners: »Wodianer-Bruckenthal-Sarmingstein umsteigen!«
Seit Kaiser Schnurrbart die Mode auf dem Kontinent kreiert hatte und auch im Königreich Kujavien jene reizenden Galeeren, die man Dreadnoughts nennt, eingeführt worden waren, kannte der Hochmut der Marineoffiziere dieses Landes keine Grenzen. Daß Jeremej, der junge Herrscher, niemals in einer anderen als der Admiralsuniform gesehen und photographiert wurde, mußte die frevelhafte Überhebung der Seeleute steigern, namentlich aber den Neid aller Kasten hervorrufen, die bis dahin den Großherrn mit einiger Berechtigung den Ihrigen hatten nennen können. Dubrogin, der Oberste der Spione, welcher übrigens dieser Bezeichnung den Titel eines Polizeiministers vorzuziehen liebte, ergrünte vor invidiöser Wut. Hatte doch früher er den um seine Sicherheit bangenden Fürsten besessen und reichen Sold und große Ehrungen zur Stärkung seiner dem Regenten teueren Lebensenergien bezogen. Nun hingegen vertraute der treulose Monarch den Schutz seiner Existenz den Seefahrern an, in deren Gesellschaft er die Tage seines Lebens verabschiedete.
Dies war so gekommen: die Küste des Reiches, die Gestade des Blutigen Meeres, beschmutzten Stämme der Skiapoden und Monokotyledonen, und um deren Sprach- und Futterstreitigkeiten, sowie daraus erfolgenden Aufruhr in Schranken zu halten, bedurfte es einer stets paraten, bewaffneten Macht. Da die Seebehördendie nächsten am Platze waren, hatten sie wiederholt eingegriffen und durch ihre geräuschlosen Gewalttätigkeiten die Aufmerksamkeit des Landesherrn auf sich gelenkt und sie schließlich in dem angegebenen Grade zu fesseln gewußt. Der Oberste der Spione aß vor Wut darüber seinen Bart, ja, er ward der Freuden dieser Welt überdrüssig. Solches wurde also sichtbar: Im Königreiche Kujavien wie überhaupt in der gesamten Biosphäre sind die meisten Wesen genötigt, durch Einsatz und Preisgabe einzelner Körperteile und Fähigkeiten die übrigen zu ernähren. Dieses Lebensgesetz führt zu fast grotesken Nutzanwendungen. Zum Beispiel: eine verhältnismäßig große Anzahl von Mädchen kann nicht anders als durch jedermann anheimgestellte Benützung ihrer Leibesöffnungen den Magen mit Speisen füllen. Diese nichts als tragikomische Beschäftigung hatte aber irgendein alter Prophet, der sich von Gurkensalat nährte, scheinbar verurteilt. Demzufolge und aus vielen anderen ebenso triftigen Gründen müssen die Mädchen, wenn sie trotzdem auf die beschriebene Art zu eiweißhaltigen Substanzen gelangen wollen, Tribut zahlen, die Grausamkeit der über sie verhängten Gesetzesdrachen einlullen, in Schlaf wiegen. Also mußte, gleichwie jedes einzelne der Weibchen Körperteile zugesetzt, prostituiert hatte, auch die Gesamtheit, die Zunft, eines ihrer Glieder opfern, es den Spionen zum Fraße hinwerfen. So ward denn eines Tages nach alter Sitte ein Mägdlein namens Lisaweta seiner Schönheit wegen zum Opferlamm auserkoren. Mit Blumen, Bändernund Edelsteinen aufs herrlichste geschmückt, einen Myrtenkranz auf dem Haupte, wurde sie von ihren weißgekleideten Genossinnen unter frommen Gesängen unserem Dubrogin dargebracht, daß er segnend seine Hände auf sie lege und die Blüte ihres Leibes verkoste. Er aber befahl ihr nicht, ihren Körper zu entblößen und sich zu lagern, der Tyrann gab ihr keinen einzigen seiner Blicke, die Lieder ihrer Augen und der Gesang ihrer Schenkel rührte ihn nicht, und das arme Kind, sich so verschmäht sehend, vergoß reichliche Tränen, und es brach ihr das Herz.
Die Späher in ihren Höhlen sannen vergebens darüber nach, was wohl die Mißstimmung ihres Häuptlings hervorgerufen haben möge? Aber einer unter ihnen, der bislang noch nie eine Erhöhung der zu seiner Mast bestimmten Speiserationen hatte bewirken können, im Gegenteil von jedem diesbezüglichen Bittgang mit zertretenem Zylinder heimgekehrt war, besaß ein kluges und ehrgeiziges Weib. Sie erriet die Ursache der Verstörtheit des Gewaltigen, und nicht genug daran: es fiel ihr ein Mittel ein, wie geschaffen, dem Regenten die Freude am Umgang mit den Wassermännern zu zerstören.
Wenn nämlich die Seebären nach langer Fahrt ans Land steigen, befällt sie regelmäßig eine unendliche Sehnsucht nach Seebärinnen. Viele aber unter ihnen, nicht fähig, eine große Ewigkeit enthaltsam zu überstehen, hatten ihre Lust mangels an so vollendet angepaßten Materien, wie es Mädchen sind, an mindergeeigneten Objekten gebüßt und fürchteten nun, dadurch an Liebenswürdigkeit verloren zu haben, die Prüfungen bei ihren Damen nicht zu bestehen und der Strenge des Auswahlgesetzes zum Opfer zu fallen. Obgleich manche aus ihrer Mitte berufen waren, dereinst an der Spitze ganzer Geschwader zu stehen, hatten sie doch nicht so viel allgemeine Bildung, um zu wissen, daß diese Verstimmung ihrer Generationswerkzeuge nur kurze Zeit anhalten, späterhin, kraft eines Weltprinzips, die Funktion das Organ tauglich schaffen würde. Unwissend lechzten sie nach Gewaltmitteln, die ihren Liebeswillen ins Ungeahnte steigern könnten. Diesem ihren Wunsche kam die Frau jenes beförderungssüchtigen Unterspähers entgegen. Sie erinnerte sich der Tage, an denen sie sich zu ihrer höchsten Befriedigung gemeinsam mit dem uralten Fürsten Yohimbin jenen transversalen Schwingungen überlassen hatte, deren innerer Gang und Rhythmus vielleicht dem der Bewegungen sehnsüchtig an- und auseinanderprallender Sterne gleicht. Tückisch sandte sie zahlreichen Kapitänen magische Zigarren, die angeblich ein vortreffliches Aphrodisiakum waren, in Wirklichkeit jedoch einen Stoff enthielten, zu dessen nebensächlichen Eigenschaften es gehörte, das menschliche Leben wesentlich abzukürzen. Ein Meergreis versuchte eine der Zauberzigarren, und sein Leib gab sich den Wirkungen des Giftes hin.
Dies geschah gerade zu der Zeit, da ein ansehnliches Kometenmännchen sich der Erde in Liebe zunähern begann, Es wollte ein zartes Liebesspiel spielen, die Veteranen aber und die Bürger beschlossen aus einer Art Patriotismus, ihre Schädel recht hart zu machen, um, soviel an ihnen lag, Widerstand zu leisten, die Erde zu verteidigen. Vielleicht ganz gegen die Absicht ihrer Herrin und Ernährerin, die wohl längst von solchem Zusammenstoß geträumt hatte.
Trotz der Koinzidenz mit einem so seltenen Ereignis rief der Tod des Admiralaspiranten großes Aufsehen hervor. Von den Spionen bestochene Gazetten führten den Meuchelmord auf avancementlüsternen Brotneid zurück, und Jeremej, der junge König von Kujavien, entsetzt über so niedrige Gesinnungen und für sein Leben bangend, mied die Gesellschaft der Seeteufel und flüchtete eilends in die Windeln, die Dubrogin für ihn bereit hielt. Doch bald ermannte er sich wieder und verließ seinen Schlupfwinkel, ja! er konnte den Augenblick nicht erwarten, da ihm der Leibdiener die Admiralsjacke ausgezogen haben würde. Und jetzt geht der glorreiche Monarch auf und ab, rastlos auf und ab, Extraausgaben der namhaftesten Zeitungen sind in Vorbereitung, alle Untertanen harren in gespanntester Aufmerksamkeit des Momentes, der ihnen die Nachricht bringt, welche Uniform er nun tragen wird — dem Kometen entgegen.
Auf einem meiner Spaziergänge durch das Weltall stolperte ich über den Schicksalsbaum, der in solid-arischen Zeiten Weltesche Ygdrasil hieß, nun aber längst blattlos verschrumpft, zwerghaft verkommen ist und von den Rittern des Raumes »Baum im Elend« genannt wird. Klein erschien er meiner hungrigen Seele, und auch ein Webstuhl der Zeit, an dem Baum mechanisch befestigt, wollte auf mich keinen besondern Eindruck machen. Zunächst darum, weil dieser Webstuhl der Zeit keineswegs sauste, sondern sich als versonnen einen Abgrund überhängendes Spinnennetz darstellte, in dem überwältigt, fliegengleich eingesponnen, linsengroß die Sonnen hingen und auch, kaum erkennbar, wie verrückt sich abzappelnd, die Laus »Erde«. In der Mitte des Netzes ein Fettpatzen, schwarz wie die Notwendigkeit: die Riesenspinne »Zeit«. Ich wollte ihr eine Nadel in den Hinterleib stechen, aber das darf nur der Finger Gottes.
Über die Bewohner von Morbihan, eines kleinen und momentan noch sehr jungen Sternes, erzählen die großen Weltfahrer der Vergangenheit seltsame Dinge.
Früher erblickten die Sklaven des Palalu von Ohobdiro niemals die Sonne. Dann aber kam Jesus der Zweite, Schmernerenx, den ihre Jambenkönige in vielen heiligen Liedern als Erlöser namhaft machen. Infolge seines ergreifenden Gesanges wurden die den Bergwerken Verfallenen immer beim Erscheinen eines Schweifsterns, mit den trefflichsten Ketten gefesselt, an die Oberwelt geführt und mit einer Ration Tageslicht gelabt. Die Herren gewährten dies, auf daß die Arbeiter nicht das Gesicht verloren wie gewisse Fische in den Tiefen, erfrischende Strahlen in sich schlürften für die Jahre der Nacht. Damit sie jedoch ihre Sprechwerkzeuge dabei nicht zu herzzerreißenden Klagen mißbrauchten, wurde ihnen vorher die Zunge schmerzlos entfernt. Kam nun der Komet seines Weges, so riefen alle Freien »Heil«, entblößten das Haupt zum Zeichen ihrer Verehrung für den seltenen Gast, und sprachen fromm die anläßlich des Aufblitzens eines Haarsterns vorgeschriebenen Gebete. Einen Augenblick auch wurden die fahlen Gesichter der stummen Sklaven der schmerzenden Helle überlassen, sodann jeder wieder seinem Schachte zugetrieben und in Arbeit umgesetzt.
Ein einziger Heiland kann ja auch gar nicht die Kraft haben, die moralische Zusammensetzung der Geschöpfe dauernd zu wandeln, er vermag auf diese chemischen Elemente höchstens färbend, kalmierend einzuwirken. Anhaltenden Erfolg dürfte aber erst die lange Reihe, das Ineinandergreifen von zwanzigtausend erstklassigen Erlösern erzielen.
Den letzten Berichten nach scheinen mittlerweile wieder einige in Messiasse verwunschene Söhne des Sonnenfürsten zu längerem Aufenthalt auf Morbihan eingetroffen zu sein. Ein gewisser Fortschritt, vielleicht dem Entwicklungsdogma entsprechend, läßt sich jedenfalls nicht ableugnen: den Knechten der Bergwerke wurde zu Zuchtzwecken Oberweltsurlaub bewilligt. Diese Neuerung verdankten sie einer Reform der theologisch-wissenschaftlichen Anschauungen. Man sah in der herrlichen Annäherung eines Kometen an einen Wandelstern Werbung. Wer auf eine Staatsanstellung Anspruch erhob, mußte in dem stets entfalteten Pfauenrad und Feuerschweif des Irrlichtes — dieses wie bei zahlreichen anderen Kreaturen bedeutend kleineren Männchens — einen Balzakt, eine Exhibition erblicken. Jeden Gedanken an prahlerische Mimikry außer acht lassend, glaubte man, alle diese Scheingestirne seien Zuchtsterne, Befruchtungssterne, von irgendeiner Macht an einem der himmlischen Harems, an den Planetenweibchen eines Sonnendistriktes entlang geschleudert.
Nun untersagte aber ein Religionsparagraph den Leuten von Morbihan, die Begattungskrämpfe ihrerEltern zu betrachten. Also verboten die Großpriester ihren Anhängern einen unzüchtigen Anblick: die Beobachtung des Liebesspiels ihres Muttersternes mit dem Kometen.
Da es für ein böses Omen galt, der Geburt eines Mondes beizuwohnen, ferner den unschuldigen Spermatozoën des Feuerverzehrten Amanten schädliche Eigenschaften angesonnen wurden, und zwar: den Gasen und Dämpfen eine den Atemorganen unbekömmliche, dem befruchtenden Magma, wenn es an der Oberfläche des Sternes zu Meteoriten gefroren war, sogar eine zermalmende Wirkung — erklärten sich die Machthaber bereit, die Arbeitstiere als Bazillenfänger zu verwenden, sie zwischen sich und die giftigen Ejakulationen zu schieben. Die Kometen ihrerseits hielten sich ja stets vorsichtshalber, um nicht von der Geliebten verspeist zu werden, in respektvoller Distanz. War aber einer am Himmel zu erspähen, mußte er notgedrungen, gesetzlich-galant der Morbihan den Hof machen — nach den ebenso ehernen als lädierlichen Geschlechtsregeln des Sonnendistriktes R. Nahte endlich der schöne »Telecoitus«, so bedeckten die Gewaltigen ihre Augen, stiegen, diesmal frommverhüllten Hauptes, tief in die nun schützenden Berge hinab. Aufwärts die Helotenmaschinen.
In jenen Tagen der Angst verrichteten die Oligarchen unten in halb erheuchelter Demut das niedrige Handwerk der Leibeigenen. Der jähe Umsturz, der plötzliche Übergang von der Verehrung des Kometenzur Flucht vor dem Untier, dürfte allerdings schwerlich ohne blutige Religionskriege vor sich gegangen sein. War jedoch dieser Evolution wider alle Berechnung ein friedlicher Verlauf beschieden, so leitete die Regierenden dann wohl die Erwägung, eventuell, statt selbst sterben zu müssen, bloß die Hörigen fallen zu sehen. Außerdem die chimärische Hoffnung eines Gegenteils, dem Gutachten eines weisen Schäfers entnommen. Er sprach: »Melancholie und Verstimmung — unverbrauchte Überkraft. Jedes unbefruchtete Ei weint in dem Weib, jeder verhaltene Samen weint in dem Mann. Liebe ist entweder eine Autointoxikation durch überschüssiges Sperma oder eine Vergiftung durch die Sekrete und Gase, durch die Strahlen und Düfte anderer. Gleichwie nun die der Zeugung Beflissenen Eier und Samen der getöteten Tiere: unterworfener Stämme als zweckdienlichstes Futter verspeisen, könnten die erotischen Ausstrahlungen des wackeren Kometen eine vermehrte Geschlechtstätigkeit, eine gesteigerte Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Sklavenkaninchen hervorrufen!«
So ereilten die Proletarier von Morbihan gefährliche Saturnalien. Während der ganzen Brunstzeit des Kometenviehs durften die Zuchttrotteln im Lichte weiden, sich an dem seltenen Spektakel ergötzen. Ob zu ihrem eigenen oder dem Verderben in so siderischer Luft geschaffener Kinder und Enkel — darüber fehlt nicht bloß in den Erzählungen der großen Weltfahrer der Vergangenheit, sondern sogar im Spektrum des Sternes jede Andeutung.
In seinem Sputum hat man Kometen gefunden. Er starb an Lungensternen, jenen winzigen und scheinbar so harmlosen Mikroorganismen, die wir Planeten nennen. Was hatte diese gräßliche Erkrankung aufgerufen? Wahrhaftig, ich schäme mich es auszusprechen: Rassenhaß!
Draußen spazieren die zarten Frühlingsdamen, ich kann ihnen nicht nahen. Unablässig sehen meine Augen jenes tragische Ereignis vor sich. Und so ist es mir beinahe lieb, daß von mehreren Seiten an mich appelliert wurde, einige »Details« der Öffentlichkeit preiszugeben. Da der Zweck ein löblicher, ja patriotischer ist, will ich, obgleich das Ansinnen fast eine Frechheit war, weil kein anderer den Fall auch nur mit den Fingern berühren mag, die Sache auf mich nehmen und in den Schlund springen . . .
Reginald Mammuthbaum mußte endlich Rücksichten dem Vaterlande gegenüber platzgreifen lassen. Snob schon der Abstammung nach, wählte er das exklusivste Garde-Regiment. Früher war die Sache lebenslänglich und die Anführer dachten: »Was heute nicht geschieht, geschieht morgen«. Seitdem man aber diese detestable tausendjährige Dienstzeit eingeführt hat, eilt den Vorgesetzten die Ausbildung, und die Lage der Rekruten ist eine sehr prekäre. Gar die Mammuthbaums haben nichts Gutes.
Nun, vorerst wurde das Usuelle gegen den Eindringlingangewendet. Jahrzehntelang Gelenksübungen im Chaos, Kanonenschultern, Kniebeugen, Bauchwellen, Eilmärsche, man stelle sich vor: mitten im bittersten Universum!
Das Terrain ist koupiert, gibt man einen Moment nicht acht, auf ja und nein hat man sich einen giftigen Stern eingetreten und wird ihn nie wieder los. Und die Gefühle! Riesenzecken sind nichts dagegen . . . Sterne aber, vor denen hatte Sidonie, Reginalds Mutter, großen Respekt. Sie sagte stets: »Kinder, wenn ihr die Welt aufeßt, immer hübsch die Sterne ausspucken!«
Wie man weiß, gibt es viererlei Sorten von Sternen. Ihr Wohlgeschmack und Nährwert ist ihrer Größe gerade proportional. Erst das reifere Alter, und zwar nur der geschlechtlich quieszierten Exemplare verbürgt bei den Siderozoën die Genießbarkeit. Jugendliche oder gar infantile Individuen sind als unbekömmlich, unter Umständen sogar als giftig zu bezeichnen. Im übrigen ist ihr Wachstum wie das unsere an Nahrungsaufnahme gebunden, nur sind sie hierbei ganz auf schwächere, jüngere Artsgenossen beschränkt. Geselligkeitstrieb, was dasselbe wäre: Erotik, d. h. Hunger läßt Kometen größeren Kometen verfallen. Das größere Gewicht hemmt die Flüchtigkeit der neuentstandenen Organismen, die man Satelliten nennt, sie erliegen der anziehenden Kraft der Planeten und werden von ihnen schließlich einverleibt, All das nichts als Etappen der Sonnenbildung, Stationen auf dem Wege zum ausgewachsenen Fixsterne.
Nur die Sonnen lassen sich leicht fangen, da sie nicht liebedurstig einherirren wie die jungen, sondernsexuell gesättigt und wiederkäuend ruhig an einem Ort verharren, bis die Luftfischer unseres Kaiserreiches Mirabilien kommen und nach ihnen sehen. Dann sprechen wir das Tischgebet und streichen uns die nahrhaften Körner wie Fischrogen aufs Brot . . . In geringer Quantität sind sie ganz unschädlich, in großen Mengen hingegen rufen sie Cholera hervor . . . Ich für meine Person vertrage ziemlich viel. Sterne, in Essig eingemacht, munden mir wenigstens bedeutend besser als Schwammerln. Die eßbaren Altersstufen selbstverständlich. Und auch die darf nur verzehren, wer einen heilen Mund besitzt. Sogar unzubereitet schmecken die kleinen, gustiösen Flammenbälle sehr pikant. Freilich: die Mitglieder des Tierschutzvereines schlagen Lärm, wenn man die armen Tierchen roh, bei lebendem Leib schnabuliert. Und die Vegetarier gar erblicken im Sternkonsum, in der Vereinigung mit niedrigstehenden Geschöpfen Sodomie . . . Aber — Verzeihung dem Ausdruck — wer wird sich noch um diese alten Weiber kümmern!
Was unseren R. M. anlangt, so haben ihn derartige Anwürfe nie treffen können, seiner Mama ängstlich-nasale Laute: »Reggie! Paß auf, daß du keine Planetoiden schluckst!« hielten den Feigling ab, sich eine gewisse Fertigkeit im Sternschlucken anzueignen. Wahrscheinlich glaubte die würdige Dame, wie so manche Laien, diese Pfefferkugeln seien den Nieren unerwünscht. Vielleicht war auch in ihren famosen Speisegesetzen dieses Nahrungsmittel verboten und ein Rest von Antipathie zurückgeblieben. Ich weiß es nicht.
Des schlappen Kerls reglementwidrige Furcht vor den Himmelsinfusorien wurde irgendwie notorisch. Und die Offiziere wollten einen derartigen Temperenzler nicht im Korps dulden. Niemand wird ihnen das weiter verübeln. Nur die Art und Weise, wie sie ihn abreagierten, war schon mehr als unkollegial. Man machte Reginald trunken.
Unter dem Beistande des logischerweise gesinnungsverwandten Koches, der das fatale Nahrungsmittel schlecht passierte, im Zeichen eines symbolischen Termines, wurde von den Aufrechten Mirabiliens die übelriechend-zertretene Minderheit und Varietät in Mammuthbaum vernichtet. Ein krasser Fall von Soldatenmißhandlung!
In der Ehrenstunde unseres Repräsentanten, der 5% Jehovaleute und 95% Andersgeartete zu vertreten hat, dessen Selbsterhaltungstrieb also mit einiger Notwendigkeit für die verschwindende Minorität weniger übrig haben muß als für die dominierende Masse seiner Stammesgefährten: am Geburtstag des Selbstherrschers machte man Reginald trunken.
Im Urrausch fand er ein säuerliches Gelee, eine verhängnisvolle Sternsauce, sehr plausibel. Der Unglückliche litt an chronischem Rachenkatarrh. Die verschiedenen Sonnensysteme taten ihm nicht wohl und ein Satellit, ein verdammter kleiner Mond, blieb in der Kehle stecken. In dem törichten Bestreben, durch plötzlichen Schreck das Schlucken zu erleichtern, nannten die Offiziere den Namen der Speise.
An wunden Stellen mochte es schon früher im Rachennicht gefehlt haben, heftiges Würgen vergrößerte sie, und ließ die seltenen Gäste in die Blutbahnen eintreten, wo sie erfahrungsgemäß giftig wirken. Namentlich wenn Trunkenheit ihre Virulenz steigert.
Zu spät holte man mich. Ich legte mein Ohr an Reginalds Thorax. Wenn Bazillen in unsereinen einmarschieren, singen sie zuerst ihre Volkshymne. Es ist ja ein Triumph für sie. Und auch diese hier produzierten sich im Mammuthbaum: bei ihren Atembewegungen und Umschwüngen summten die Sterne in ihm — ihm und sich die Sterbegesänge.
Die Krankheit dauerte relativ lang. Spät erst traten die Vorboten der Agonie auf: er erzählte Gleichnisse, einen Witz zwei- oder dreimal ein und demselben Zuhörer. In normalen Fällen pflegen wir ein Individuum, das so weit ist, zu erschießen, da es um erinnerungslos-greise Hirne nicht schad ist und wir Gesunden unter zu oft wiederholten Leitmotiven wimmern. Man muß es demnach als ein Zeichen von Schuldbewußtsein auffassen, daß man befahl, ihn über diese Grenze hinaus zu erhalten. Und die nach seinem Tode erfolgte Verfügung, laut der Gestirne von nun ab nur gegen ärztliche Anweisung verkauft werden dürfen, läßt sich ebenfalls nicht anders deuten.
Ich ahne es tief: man wird, dieser scheinbaren Anklage wegen, mich, den in vielen Feldzügen dekorierten Stabschirurgen, mit Demokraten, Anarchisten oder gar Judäophilen in einen Topf werfen wollen. Das Gefühl der Pflichterfüllung wird mich über alle Anwürfe hinausheben.
Es gibt nur zwei Wege. Entweder erläßt man wieder den Kultusgemeinden die Blutsteuer. Abgesehen von der erziehlichen Wirkung, welche die komische Körperhaltung der semitischen Soldaten auf die restliche Mannschaft ausübt, verliert man damit ein großes Quantum Kanonenfutter . . . Oder aber, und dazu möchte ich einraten: man verbiete den jüdischen Trilliardären, wenn sie schon adelshalber wohltätig sein wollen, das Gründen von Krankenhäusern für Konnationale. Man stelle nichtarischen Schriftstellern vorläufig den Betrieb ein. Man drohe Bibliotheksbenützern aus den Kreisen der Übelnasigen mit der Todesstrafe! Faßlicher zu sprechen: Siechenhäuser ins Leben rufen, heißt die Folgen bekämpfen, wo sich mit geringerem Aufwande die Ursache entfernen ließe: einfach durch Kreierung von Sportplätzen für die Patriarchenstämmlinge.
Die Regierung wird anfänglich meinem Projekte mit Mißtrauen begegnen. Wenn die Zionisten des Universums die für sie charakteristischen Gesten und Körperlinien verlieren, muß das Ministerium befürchten, bei den Wahlen die Stimmen der Satiriker billiger Wirkungen, die Stimmen der Karikaturisten tiefstehender Rassen einzubüßen.
Demgegenüber fällt ins Gewicht: es ist wahrscheinlich, daß wir zu groß sind, um von den Sternen oder gar schmarotzenden Bewohnern derselben gesehen und verstanden werden zu können. Dies darf uns aber nicht abhalten, dies entbindet uns nicht der Pflicht, uns vordiesen immerhin denkbaren Zuschauern anständig zu benehmen, unsere Tugenden exhibitionistisch vor ihnen zu entfalten und unsere Stellung als einzig-echte Bekenner wahrhaft humanen Christentums im Weltall von neuem zu kräftigen.
Ich verbitte es mir, in meinem Exposé eine Beschuldigung erblicken zu wollen. Ich bin überzeugt, daß der größte Teil unseres Offizierskorps geschilderter Art der Mißhandlung jenes Freiwilligen innerlich ganz verständnislos gegenübersteht.
Unterdrückte Klassen sind eben immer an sich lächerlich, und man steinigt, man reagiert auf diese Lächerlichkeiten absichtslos, rein instinktiv. Unerlaubt ist es bloß, unterdrückte Völker in einem Grade zu demütigen, der dem eigenen Land abträglich ist. Diese Möglichkeit liegt vor, deswegen erhebe ich meine Stimme.
Mit den Gesetzen der Biologie nicht Vertraute werden behaupten, ich übertreibe. Das ist unwahr. Jedes Wesen weicht gern seinen Peinigern aus. Und so liegt gegenwärtig bei den diversen Mammuthbäumen ein den Rekrutierungen unbekömmlicher Wille zur Degeneration vor. Ihre Füße besitzen bereits keine Trittfläche mehr, nach der gewiß authentischen Klageschrift der Hutmachergenossenschaft weisen ihre Lockenköpfe sonst bloß bei Säuglingen statthafte Dimensionen auf. Sie wollen ihren Angreifern die ausgesucht kleinste Zielscheibe darbieten, sie verwehrlosen, verflüchtigen sich, sie schrumpfen ein, sie ducken sich unter das Militärmaß.