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Nick hatte es bei der Witwe Gugolz gut getroffen. Ihre Vermieterin war eine herbe und wortkarge Frau in ordentlichen Verhältnissen, sie hatte das junge, alleinstehende Wesen nur bei sich aufgenommen, damit sie noch jemand neben sich in der Wohnung habe. Mit unaufdringlicher Mütterlichkeit sah sie zum Wohl des jungen Fräuleins. Das durch die Geräte und Bilder aus dem Elternhaus heimelig gewordene Zimmer unter dem Dach war luftig und hell und blickte auf einen alten, etwas vernachlässigten Garten, der wie ein Inselchen zwischen Häusern und Häuschen eingeklemmt lag. Da huschten die Amseln unermüdlich durch das verschneite Gesträuch, und die Spatzen pudelten sich auf den versilberten Ästen der Bäume.
Nick saß am Fenster und überlegte. Wie nun weiter das Brot verdienen? Gab es für sie nichts Besseres als die Krämerei? Ihr Sinn stand auf irgendeiner Beschäftigung, bei der sie ihre geistigen Werte hätte zur Geltung bringen können. Dabei überschlich sie aber eine Unsicherheit. Wohl war ihr der Vater ein anregender Lehrer gewesen, aber ihr Wissen war doch nicht derart, daß es sich in einen Verdienst hätte umprägen lassen. Sie konnte sich nicht verhehlen: es war zu wenig eigentlicher Schulsack dabei, man hatte es damit im frohsinnigenPfarrhaus nie streng genommen, überhaupt vergessen, sie für den Kampf ums Brot auszurüsten. Wie angeflogen kam ihr ein sonderbarer Gedanke. Wenn sie einmal jene Frau Doktor Livia Hartmann besuchte, die geborene polnische Gräfin, deren Trauung die letzte Amtshandlung ihres Vaters gewesen war! Vielleicht wüßte ihr die vornehme Frau guten Rat. Doch nein, die stand ja hoch über den Kleinigkeiten des Lebens, und es war so bitter, die Notlage zu bekennen. Sie ging zu Herrn Groß, erbat sich ein Zeugnis, wandte sich damit an den Besitzer eines angesehenen Weißwarengeschäfts, der eine Verkäuferin suchte, und kam bei ihm unter.
Sie war wieder in ihrem hübschen Dachstübchen. Da stieg der Postbote mit schwerem Tritt die steilen, ausgelaufenen Treppen empor. Er brachte ihr ein verspätetes Weihnachtspaket von der Mutter. Darin lag als Geschenk Ferdinand Bürstelers ein Zwanzigfrankenstück. Die Gabe rührte sie. Das Geld überhob sie einer großen Sorge; es wäre ihr bitter gewesen, Frau Gugolz mit einem Teil der Monatsrechnung warten zu lassen, und ein Mädchen, das auf sich hält, hat doch stets noch besondere Ausgaben.
Mit der mütterlichen Sendung war ein Brief von John Wildholz eingetroffen; er schrieb ihr von Zeit zu Zeit über die Erlebnisse seiner Reise, nicht gerade ausführlich, aber teilnehmend um ihr Ergehen besorgt. Bei sich selber war sie ja sicher, daß er nur ihretwegen in die Ferne gegangen war, einer unausgesprochenen Liebe wegen, die nicht sein durfte. Was halfen ihr aber die Briefe des mit einer Andern Verlobten? Freudigerhätte sie von Ulrich Junghans ein paar Zeilen empfangen. Sie machte sich auf den Weg zu Marie. Sie mußte, bevor das Jahr zu Ende ging, noch etwas von ihm hören.
Die Freundin hatte wohl recht gesegnete Weihnacht hinter sich. Sie sprach nicht davon, aber Leuchten und Lachen stand in ihren Augen. Nick wagte deshalb die Bitte, daß sie ihr einmal einen Brief von Ulrich zeige. Marie schaute sie verwundert an, zögerte einen Augenblick und sagte: »Gut denn! Ich gebe dir alle, es steht nichts drin, was du nicht wissen dürftest. Sie mögen dir meine Unterhaltung ersetzen. Wir erwarten diesen Abend große Gesellschaft, da habe ich viel mit den Vorbereitungen zu tun.« Sie holte das Bündel Briefe. »Mögen sie dir helfen, daß du den Weg zurück zu ihm findest. Das ist mein Neujahrswunsch für dich!«
Monika verbrachte den Abend daheim über den Briefen, und je länger desto stärker war ihr, sie wandere mit Ulrich durch das altprächtige Nürnberg.
»Bis Ulm kam ich also ohne Abenteuer,« erzählte er. »Dort auf der Herberge aber geriet ich in die Gesellschaft eines österreichischen Tischlers und eines bayerischen Zinngießers. Sie waren leichtes Blut, ihre Beutel noch leichter. Schon im Tal der Brenz verlegten sie sich aufs Fechten. Um jeden Verdacht einer Barschaft von mir abzulenken, tat ich mit. Ich spielte bald den Aufpasser gegen den Büttel, bald pochte ich selber an die Türen und sagte mit gezogenem Hut den Spruch: ›Es bittet ein armer Handwerksbursche um einen Zehrpfennig‹. Kannst du dir deinen Bruder Uli bettelnd vorstellen?Nun, ich bin dann doch als ein anständiger Mensch in Nürnberg eingewandert.
»In der Herberge fegte ich den Staub aus Haar und Kleid. Am Abend suchte ich Meister Melchior Finkler auf, der nahe am Wall in einer alten Gasse wohnt. Durch ein halboffenes Portal sah ich in einen kleinen, wohlgepflegten Garten. Im Hintergrund stand er selber ruhsam unter der Tür, in weißem, lockigem Haar und Vollbart, das Pfeifchen im Mundwinkel, das buntbestickte Sammetkäppchen über die hohe Stirn zurückgeschoben, die Daumen zu beiden Seiten des Schurzfelles eingesteckt. Je näher ich kam, desto besser gefiel mir der breite, stattliche Mann. Als ich ihm den Brief des Vaters überreichte, empfing er mich mit großem Wohlwollen, ebenso die Frau Meisterin und die beiden Töchter. Nur von dem Kämmerlein, das man mir anwies, war ich enttäuscht. Es ist ein Gelaß unter dem Dach, durch dessen Luken ich die Sterne wandern sehe. Doch geht es ja dem Sommer entgegen.
»Bereits bin ich an unsern Werktag gewöhnt. Und meine Arbeit freut mich. Melchior Finkler ist in Nürnberg der angesehenste Messerschmied, besonders bekannt für chirurgische Instrumente. Zum Neid einiger älteren Gesellen bin ich in dieser Abteilung beschäftigt und freue mich darüber, obgleich die Werkzeuge, die mir während des Entstehens durch die Hände gehen, genug an menschliche Not und Krankheit erinnern. Die trüben Gedanken aber, die sich daran knüpfen könnten, verscheuche ich am besten in den Plauderstunden mit meinem einzigen Freund, dem Mitgesellen Janos Szedesky, einem Ungarn.Um sieben Uhr läutet die Glocke zum Frühstück. Es besteht aus Haferbrei und einem großen Stück Brot. Bis zum Mittagessen arbeiten wir durch. Da gibt es gut und genug. Die Meistersleute sind würdige, gutmütige Menschen, doch verknöchert und erstarrt in ihren Ansichten, die Töchter Margret und Emmeline, von Stadt und Welt abgeschieden aufgewachsen, haben schon einen Stich ins Altjüngferliche. Ohne je von einem jungen Manne beachtet worden zu sein oder die Spur einer Liebe erlebt zu haben, müssen sie einmal recht hübsch gewesen sein. Noch jetzt haben sie rote Wangen, glänzende Augen, stattliche Zöpfe, Emmeline sogar ein Grübchen im Kinn, und wenn beide auch ganz im Hauswesen aufgehen, so besitzen sie doch Vorzüge. Vom Morgen bis zum Abend stillfroh tätig, sind sie rührend höflich und dienstfertig gegen die Eltern, unter sich und gegen jedermann.
»Mit den Eltern, die mich gern wie einen Sohn im engern Kreise halten möchten, bilden sie die Umgebung, in der ich meine Abende, Sonn- und Feiertage verbringe, allerdings manchmal mit einem tiefen Heimweh nach dem Rhein.
»Die Töchter sind dankbar, wenn ich ihnen aus der Heimat erzähle, und irgendwoher wissen sie, daß auf den Alpen der Schweiz gejodelt wird. Nun soll auch ich jodeln! Und zuweilen singe ich in meiner luftigen Kammer ein Volkslied von daheim und einen Reigen dazu, freilich nicht gerade aus voller Brust, denn ums Singen ist mir nicht, wenn ich an Monika denke.«
Hier stutzte die einsame Leserin, und ein Seufzerging über ihre Lippen. Aber sie war gleich wieder bei dem Brief.
»Nun jodeln heimlich auch die Mädchen,« fuhr Uli fort, »sie tun es wie Kanarienvögel, die nicht recht zu singen wagen. Den Eltern aber ist es unheimlich, daß durch mich ein so leichtsinniger Geist ins Haus gefahren ist. Auch sonst geht seit meiner Anwesenheit eine merkbare Veränderung mit den Mädchen vor, sie werden lebhafter, sie besinnen sich plötzlich, daß sie Augen haben zu sehen, Ohren zu hören. So wenn wir am Sonntag gegen Abend den Spaziergang um das Tor machen, wie die Nürnberger ihre gesamte Stadtumwallung mit Mauern und Türmen nennen. Bisher ließ sich die Familie auf dem Spaziergang fast nur von der hochwichtigen Frage des Grüßens bewegen: wen, wie stark und ob man den Bekannten so und so die Ehre des Stillstehens erweisen wolle oder nicht. Vor Grüßen, Gegrüßtwerden, Vor- und Nachbetrachtungen über die Grüße haben die Leute gar keine Zeit, sich ein wenig an der Stadt zu freuen. Ich aber finde meine Kurzweil in der Betrachtung der grauen runden Türme, der Wehrgänge mit ihren Dächern, des vielen blühenden Grüns und der hübschen Gärtchen in den Gräben. Meine Art gefällt den Mädchen. Auch sie fangen nun an zu beobachten, haben Teilnahme für vieles Schöne und genießen in der eigenen Heimat Entdeckerfreuden wie Schulkinder. Am Samstag schmieden sie Pläne für den Sonntag, in aller Schüchternheit vertreten sie ihre Wünsche vor den Eltern, und ich erlebe nun mit ihnen die Freuden eines Forschers, bald in der Stadt selber,bald draußen vor den Toren. Die Eltern aber fallen über unsere Gänge von einer Verwunderung in die andere, ich komme ihnen unheimlich wie ein Zauberer vor, daß ich die bisher wunschlosen Töchter in so neugierige Menschenkinder habe umwandeln können.
»Ja, liebe Marie, was es in Nürnberg Herrliches zu sehen gibt! Da ist die Lorenzokirche. Am Portal geraten die kunstvollen Steinbilder fast ins Handgemenge, und im Innern steht der ›gegossene Stein‹, ein zierliches, schlankes Sakramentshäuschen, so wunderbar, daß die Sage entstanden ist, die alten Meister hätten die Steine nicht gemeißelt, sondern die geheimnisvolle Kraft besessen, sie weich zu machen und in Formen zu gießen. In der Nähe der Kirche ist der Jugendbrunnen. Für mich sind die sieben nackten Mädchengestalten, aus deren Brüsten die Wasserstrahlen springen, lustig anzusehen; meine Begleiterinnen aber wenden jedesmal schamvoll den Kopf hinweg, sprechen von etwas anderem und drängen gegen die Pegnitz hinunter. Da gewähren das Flüßchen, die hölzernen Stege, die gemauerten Brücken, die Gerbereien und sonngebräunten Holzhäuser mit den vielen sich in der Luft schneidenden Giebeln ein sehr schönes Bild, und mehr noch, was jenseits der Brücken liegt: der Markt, das Rathaus, die Sebalduskirche, die Burg.
»Doch nein, ich kann dir nicht alles schildern. Häufig muß ich auf meinen Wanderungen an einen Mann aus unserer Jugend denken, an Doktor von Jaberg. Wie hat er mir auf seinen Forschungen am Rhein für so vieles am Weg die Augen geöffnet! Das merke ich hierund glaube den Schwestern Finkler kein schlechter Führer durch ihre Heimatstadt zu sein.
»Ich stieg mit ihnen auf die Burg, die uralt und gewaltig auf die Stadt hinschaut, und wir traten in das düstere Gefängnis, in dem die eiserne Jungfrau aufgestellt ist. Ich studierte lange an einer lateinischen Inschrift herum:Atris patratis sunt atra theatra parata.Mit meinem Latein aus Konstanz brachte ich unter einigem Zögern den Sinn heraus: ›Für dunkle Taten sind dunkle Bühnen bereit.‹ Seit dieser kleinen Übersetzung halten mich Margret und Emmeline für den gescheitesten Menschen, der in Nürnberg herumläuft.
»Wir haben auch schon einen Ausflug über die Stadt hinaus gemacht, hinaus ins Knoblauchland. Da liegt der Dutzendteich, ein großer, dunkler Weiher mit ärmlichen Schwarzföhren im Hintergrund. An den Wassern fanden wir einen Mietkahn. Den Schrecken hättest du sehen sollen, als ich sie einsteigen ließ, die Seligkeit, als das Boot unter meinen Ruderschlägen dahinglitt und ich für sie Seerosen pflückte. Sie bekamen vor Freude purpurne Wangen, Emmeline, die mir überhaupt näher steht, war fast schön. Einmal über das andere rief sie: ›Gott, wie herrlich ist das Leben! Warum haben wir es so lange verträumt und verschlafen!‹ Am Montag fand ich einen Strauß Rosen in der Dachkammer. Es war ihr Dank.
»Und nun, liebe Marie, hast du vielleicht schon etwas gemerkt. Gott sei's geklagt: beide Schwestern Finkler sind mir gewogener, als ich wünsche, schmücken sich heimlich ein wenig für mich und geben mir jede auf ihreArt ihre Verliebtheit zu verstehen – Emmeline durch schüchterne Begegnungen in der Stadt, Margret, indem sie mir im stillen stets etwas von den Leckerbissen zusteckt, welche die Meistersfamilie hinter dem Rücken der Gesellen verzehrt.
»Und die Eltern? Sie schauen dem veränderten Wesen ihrer Töchter mit großer Überraschung zu. Aus den freundlichen Worten, mit denen Meister Finkler oft von unserm Vater spricht, und aus der feinen Arbeit, die er mir zuweist, schließe ich, daß ich ihm als Schwiegersohn willkommen wäre. Er denkt wohl, daß das vortrefflich eingerichtete Atelier einen genügenden Ausgleich gegen den Altersunterschied von fünf bis sieben Jahren bildete, der zwischen den Töchtern und mir besteht. Die Zurückhaltung aber, die ich sowohl gegen Margret wie Emmeline übe, legt er sich vielleicht dahin aus, daß ich selber noch unsicher sei, welche von beiden mir besser gefalle. Daß ich aber von keiner etwas wissen will, das ahnt er in seinem ebenso großen wie verhaltenen Handwerkerstolz nicht.
»In der Tat kümmere ich mich, seit ich von Monika Tappoli den Nasenstüber erhalten habe, um die Weiblichkeit nicht mehr, sondern lasse es mir an der Freundschaft mit Janos Szedesky, meinem Nebenarbeiter, genügen. Doch über den lieben, guten Menschen später einmal. Mein Brief ist ja wahrhaftig schon recht lang geworden!« –
Bewegt legte Nick den Brief zur Seite, und ehe sie es sich versah, hatte sie schon das zweite Schreiben Ulrichs in der Hand:
»Die beiden Fräulein Finkler sind stets gleich lieb und gütig zu mir. Ich aber habe gegen sie ein schlechtes Gewissen, denn ich werde niemals eine von ihnen beglücken. Ich will einmal etwas Junges, – alt wird man von selber. Auf den Gedanken geriet ich durch ein Mädchen, das mir kürzlich auf dem Henkersteg begegnet ist. Ich merkte gleich, daß Nick Tappoli doch nicht alles in meiner Seele totgeschlagen hat, was das Weibliche betrifft. Das Mädchen ist hübsch schlank, hat ungemein weiches, blondrotes Haar, ein Gesicht wie Pfirsichblust und braune, strahlende Augen, dazu etwas so Einfaches und Anheimelndes, als käme sie aus unserer Heimat. Indessen ist Kätchen Dormann eine Lehrerstochter aus einem Nachbardorf von Nürnberg. Sonst weiß ich von ihr bloß, daß sie jeden Mittwoch und Samstag in die Stadt kommt, um Einkäufe zu besorgen. Gesprochen habe ich sie noch nie; aber es ist meine Erholung, daß ich ihr an diesen Tagen über den Weg laufe und den Hut vor ihr lüfte. Ich habe den Eindruck, sie mag es leiden; sie sieht mich jedesmal neugierig an und nickt ein bißchen. Gerade dieses stille Sichverstehen gefällt mir, ich werde noch lange warten, bis ich ein Wort an sie richte. Wenn aber die Fräulein Finkler um dieses Spiel wüßten, wie wären sie totunglücklich!
»Wie ich dir schon früher schrieb, hab' ich hier nur einen Vertrauten unter den auf meine Arbeit neidischen Gesellen Janos Szedesky, und wir sind so gute Freunde, daß einer vom andern alles weiß, auch die kleinen Liebesangelegenheiten. Er ist ein wenig älter als ich, hat auch schon mehr Welt gesehen, und ich lasse mich von ihmin vielen Dingen beraten. Du solltest mal den Mann sehen, seine vornehme Beweglichkeit, die sprühenden Augen, das edle Gesicht, den schwarzglänzenden, in nadelfeine Spitzen gezogenen Schnurrbart. Er ist um den halben Kopf kleiner als ich, von fast zierlicher Gestalt und voll ungarischen Heimatstolzes. Am Sonntag kleidet er sich wie in seinem Land, den Rock über die Brust mit Kordeln verschnürt, statt der Knöpfe schimmernde Maria-Theresia-Taler. Er sieht dann aus wie ein Baron, und alle Mädchen schielen nach ihm. Nun, er darf auftreten. Er kommt aus einem guten Haus, sein Vater besitzt eine kleine, gutgehende mechanische Werkstatt in Debreczin, und er selber arbeitet in Deutschland nur, damit er später die väterliche Unternehmung erweitern und in die Höhe bringen kann. Schon im nächsten Frühling will er sich wieder heimwärts wenden. Scheinbar immer fröhlich, hat er im Untergrund doch einen schönen Lebensernst, und wie gerne er mit Mädchen scherzt, vergißt er nie, daß daheim eine Jugendfreundin auf ihn wartet.
»Seit meiner Knabenfreundschaft mit Gerold von Jaberg habe ich nie wieder einen Kameraden so geliebt wie Janos Szedesky. Wir mögen in den freien Stunden nicht ohne einander sein. Er ist musikalisch, spielt die Laute wie ein Künstler, und am Abend lerne ich es von ihm. An den Sonntagen aber wandern wir hinaus in die Dörfer, ja bis in die hübschen Täler der fränkischen Schweiz, sind überall wohlgelittene Gäste und verleben miteinander eine wunderschöne Sommerszeit. Die Schwestern Finkler aber hassen ihn, weil ich jetzt häufigermit ihm als mit ihnen ausgehe, sie würden ihn am liebsten aus Haus und Werkstatt vertreiben; doch ist der Meister zu klug, sich einen so guten Gesellen zu verscherzen. Wie komme ich nun wohl weiter mit den beiden zurecht? Und mit Kätchen Dormann?« –
Familienangelegenheiten, die noch in dem Brief standen, überschlug Nick und suchte mit etwas hastenden Fingern die Antwort auf diese Fragen in seinem letzten, knapp vor der Weihnacht geschriebenen Brief.
»Das Scheiden von Nürnberg liegt leider in der Luft,« schrieb er. »Je mehr ich mit Janos ging, desto mehr hoffte ich, die Meisterstöchterlein würden von ihrer Verliebtheit geheilt. Umsonst! Sie haben miteinander das Dach meiner Kammer so ausgestopft und ausgefüttert, daß ich auch im Winter darin nicht friere. Halb bemitleidete ich die närrischen, gütigen Geschöpfe, halb lächerte mich ihr Wettkampf. Die Eltern gaben mir durch stumme Blicke den Wink, es sei jetzt Zeit, daß ich mich für eine von ihnen entscheide. Margret verlor die Geduld, sie wurde gegen mich wortkarg und ausfällig, Emmeline, die noch hoffte, stets zuvorkommender. Schon stand die Stadt im ersten Schnee, und beim ›Schönen Brunnen‹ verkauften die Marktweiber allerlei Wintergrün. Sie hängte mir als Überraschung für den Sankt Nikolaustag Tannreiser, Tannzapfen, Mistelbüsche mit weißen Beeren und rotbackige Äpfel an die Decke der Kammer. Nun stieß aber Margret dazu; unter den Schwestern, die sich sonst in Gehorsam, Sanftmut und Ergebenheit überboten, kam es zu heftigem Auftritt, wohl dem ersten in ihrem Leben. Margret schrie: ›Duhast ihn mir abspenstig gemacht!‹ Sie ging auf Emmeline los, als wolle sie mit ihr handgemein werden, und hochatmend standen die beiden in einer Ecke, als die Meistersleute und ich dem Lärm nacheilten. Die Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ›Das müssen wir an unsern Töchtern erleben!‹ Finkler verlor die Würde und fluchte und tobte gegen mich: ›An allem sind Sie schuld, Ulrich! Bekennen Sie endlich, welche gilt, Margret oder Emmeline?‹
»Ich fiel schier an die Wand. ›Drunten in der Stube wollen wir den Streit austragen, Herr Finkler,‹ stotterte ich. So geschah's. Ich sprach von den vielen Wohltaten, die ich in seiner Familie genossen habe, von der hohen Achtung, die ich für die Herzensgüte und die häuslichen Tugenden der Töchter hege, – ›aber‹, fügte ich an Monika Tappoli denkend hinzu, ›mein Herz ist bereits vergeben, ich habe eine Liebe in der Heimat zurückgelassen.‹ Melchior Finkler wurde kreidebleich. ›Und meine Töchter?‹ fragte er. ›Sie, Ulrich, würden doch einmal Haus und Atelier erben.‹ Er merkte aber, daß ich damit nicht zu bestechen war, zitternd vor Zorn kündigte er mir schon auf den Morgen die Stelle und sagte mir noch einiges Derbe über die Hinterhältigkeit, mit der ich in seine Familie getreten sei.
»Ich ging, meine Werkzeuge zusammenzulegen, und erzählte Szedesky, daß ich wandern werde. Da antwortete er: ›Teremtete! Wir wollen zusammenbleiben, Freund Schweizer, ich kündige die Stelle auch. Schreibe mir ein Wort, und in vierzehn Tagen bin ich, wo du bist!‹ Seine Kündigung brachte Meister Finkler außer Randund Band. ›Seid Ihr alle verrückt?‹ schrie er. Als ich mich am Morgen verabschieden wollte, versetzte er bedrückt: ›Gehen Sie in Ihre Kammer und ziehen Sie wieder den Werktag an. Ich kann weder Sie noch Szedesky entlassen und will den Reißausteufel in meiner Werkstatt nicht. Von jetzt an sind Sie in Ihrer Abteilung Vorarbeiter!‹
»Ich könnte also mit der Abklärung, die mein Verhältnis zu den Meistersleuten gefunden hat, zufrieden sein, aber am Tisch sitz' ich wie in einen Schraubstock gezwängt. In den Augen der Frau stehen die stummen Vorwürfe, und die Töchter benehmen sich wieder so einträchtig, so dienstfertig, so hoffnungslos und gottergeben wie damals, als ich ins Haus trat, – arme Blumen, die das Blühen verlernt haben, weil doch nie ein liebendes Auge auf sie blickt. Gegen mich sind sie vollkommen scheu. Sie tun mir leid, ohne daß ich ihnen helfen kann. Deswegen stehen meine Sinne stets auf Wanderschaft, nur nicht gerade jetzt. Der Sturm umzuckert manchmal vom Abend zum Morgen die Stadt mit Schnee, daß ich nicht mehr weiß, ist es Nürnberg oder ein Märchen.
»Auch von Kätchen Dormann, von der ich dir einmal geschrieben habe, kann ich ruhig scheiden, ja sogar mit einer schönen Erinnerung. Sie trug eines Abends an ihren Einkäufen recht schwer. Ich anerbot mich, ihr den Korb abzunehmen. Etwas zögernd erlaubte sie es. ›Nur über die Stadt hinaus,‹ sagte sie, ›dann kommt mir aus meinem Heimatdorf ein junger Mann entgegen.‹ Ihr Erröten verriet das weitere, aber auf dem Wege verwickeltenwir uns in ein Gespräch, als ob wir uns seit Jahren kennten. Sie erzählte von ihrem Freund. ›Ich habe ihm von Ihnen gesprochen. Weit davon, eifersüchtig zu werden, freute er sich, daß ich auch noch einem andern gefalle als ihm, und äußerte den Wunsch, Sie einmal zu sehen. Nun können Sie sich ja guten Abend sagen!‹
»Ich lernte in ihm einen jungen Bauern kennen, der mir achtungsvoll begegnete und mich vieles aus unserer Heimat fragte. Er und Kätchen sind wie für einander geschaffen, und es wäre ein großes Unrecht, da auch nur mit einem Gedanken stören zu wollen. Nun ist das Paar öffentlich verlobt, und wenn ich Kätchen in der Stadt sehe, so lacht mir selber das Herz über dem innigen Glück, das ihr in den Augen steht. Auch ihren Bräutigam habe ich schon ein paarmal wieder begegnet, mit ihm und Szedesky schöne Stunden verbracht, und wir haben dem Paar versprochen, daß wir, ehe wir scheiden, es einmal mit unsern Lauten auf seinem Dorf besuchen und ihm Schweizer und ungarische Volkslieder vorsingen werden.
»Möchte jeder Liebestraum, der keine Wahrheit werden kann, so schön zerrinnen wie der meine von Kätchen Dormann! Ich spüre, es ist mehr Glück als Schmerz dabei. Frei werde ich im Frühling mit Janos von Nürnberg scheiden. Frei? – Nein, liebe Schwester. Ich muß noch so häufig an die Nick denken. Oft meine ich, ich hätte die Liebe zu ihr überwunden und begraben, aber plötzlich wallt das Weh um sie wieder in mir auf, brennt wie Feuer, und ich kann es so wenig fassen wiebei meinem Abschied von daheim, daß sie mir verloren sein soll!« –
Nick drängten sich die Tränen in die Augen, die klare Schrift Ulis verschwamm ihr vor den Blicken. Mühsam las sie weiter: »Im übrigen alle Achtung vor Nick! Es gefällt mir, daß sie sich nicht von ihrem Schwager Bürsteler durchfüttern läßt, sondern den Kampf mit dem Leben aufnimmt. Das ist tapfer und bezeugt, daß sie den Stolz nicht nur im Kopf, sondern auch in der Seele hat. Doch wozu so viel von ihr schreiben? – Da ziehen ja in meinen Träumen nur die Jugendtage am Rhein wieder herauf, und ich muß fast heulen vor Heimweh. Manchmal kommt es mir wie ein Trost vor, daß sie zu dir von einer Notlüge gesprochen hat, es ist mir dann, ich müßte, wenn ich einmal heimkehre, doch noch ein ernstes Wort mit ihr reden. Ich habe aber auch meinen Stolz, und in manchen Stunden denke ich: Nein, ein zweites Mal will ich von ihr nicht abgewiesen werden; es ist wohl klüger, ich frage sie nicht wieder.«
Nick ließ den Brief sinken und sprang empor. »Uli, wie kannst du so denken!« rief sie. »Ich habe dich ja lieb und immer lieber!«
Seine Briefe hatten sein liebes Bild neu in ihr erwachen lassen. Es schien ihr urgesund, wie er über Menschen und Dinge urteilte. Er war ein Mann, der mit hellen Augen vorwärts kam, und plötzlich sah sie ihn wie leibhaftig vor sich: groß, frisch, straff und in den Kleidern wohlgetan. Was Wunder, wenn sich die Mädchen in seine forschenden Kinderaugen verschauten! Gottlob, in Nürnberg waren seine weiblichen Erlebnisse harmlosabgelaufen. Konnte das aber nicht von einem Tag zum folgenden anders werden?
Da kamen von den Türmen der Stadt mächtig und feierlich die Klänge der Neujahrsglocken und rissen sie aus ihren Gedanken empor. Von der Straße tönten jubelnde Stimmen zu ihr herauf, Frau Gugolz pochte an ihre Tür und reichte ihr die Hand: »Ein gesegnetes 1867, Fräulein!« Nick erwiderte ihre Glückwünsche. Als die Hauswirtin gegangen war, öffnete sie in starker Bewegung das Fenster, schaute hinauf zum Sternenhimmel und hielt in sich selber Andacht. »Lieber Gott,« betete sie, »erhalte mir meinen Uli. Gib mir die Kraft, daß ich meinen törichten Stolz besiege und mein Herz dem seinen in einem Brief offenbaren kann.«
Freudige Raketen stiegen aus den Gassen in die dunkle Nacht, frohe Lieder tönten von fernher, und jede Seele hoffte, daß ihr das Jahr ein besonderes Glück bringe.
Bald aber herrschte wieder der Alltag. Nick stand am Ladentisch des Weißwarengeschäftes Wasmer in altertümlicher Gasse, und in die Einförmigkeit ihres Lebens fiel als einzige Abwechslung, daß ihr Marie um die Fastnachtszeit wieder einen Brief Ulrichs zeigte, diesmal aus Heidelberg.
Er meldete seinen Auszug aus Nürnberg und von fröhlicher Kreuz- und Querfahrt mit Janos Szedesky durch die deutschen Lande. Dörfer, Schlösser, Städte schilderte er und das Treiben der Menschen. Nach dem Lied »Andre Städtchen, andre Mädchen« lebte er mit dem Ungarn. Doch das gehörte wohl zu frischen, jungenMännern von Ulrichs Schlag, und solange einer über die kurzweiligen Abenteuer so frei und froh wie er an die Schwester schrieb, war wohl für die tiefere Herzensliebe keine Gefahr.
Nun aber wandten sich die Freunde von Heidelberg nach dem Rhein. Von den Rheinländerinnen jedoch hatte Nick schon genug gehört: wie schön sie seien mit ihren blonden Zöpfen und blauen Augen, wie lieb und zutunlich, wenn ihnen ein Bursche gefiel, – so lieb, daß mancher sein Lebtag den Heimweg nicht wieder gefunden habe. Wenn nun auch Uli sein Herz am grünen Strom verlor?
Zu manchen Stunden überfiel sie eine gewaltige Angst um ihn. Siemußteihm schreiben.