14
An einem Samstag, gegen Abend, sollte Friedrich mit dem Dampfboot dort eintreffen. Die Wiedersehensfreude bewegte Ulrich so tief, daß er sich von Appelius ein paar Stunden frei erbat und dem Ersehnten entgegenfuhr. In Oppenheim überraschte er ihn auf dem Deck. Friedrich, der sehr gut aussah, begann von daheim zu erzählen, wie es den gesamten Angehörigen wohl ergehe. Auch von Nick Tappoli. Ein inniges Glück verklärte das Gesicht Ulrichs über die Mitteilung, daß sie ihm einmal schreiben werde. Also gab es zwischen ihr und ihm ein Sichwiederfinden!
In der Ferne ragten die Türme von Mainz wie Schwerter in den Abendhimmel. Aus lichtgeränderten Haufenwolken sprühte die Sonne, und gerade diese Beleuchtung erinnerte daran, daß diese Stadt die goldene hieß. Überall in den Wassern und an den Ufern regte sich das Leben: Boote, mit fröhlichen Menschen besetzt, glitten von Gestade zu Gestade oder aus den grünen Fluten des Rheins hinein in die rötlichen des Mains, Lieder ertönten, von den Kirchen das friedliche Sonnabendgeläute. Am Landungssteg stand Szedesky in seiner Tracht und winkte herzlichen Willkomm.
So hatte Friedrich einen stimmungsvollen Einzug in die Stadt.
Am andern Morgen besichtigten die drei ihre Sehenswürdigkeiten, besonders den Dom, dessen wuchtiger Mittelturm fast in alle Straßen blickt. Ulrich kannte den etwas versteckten Eingang, durch die schönen und häßlichen Häuser, die ihn dicht umstellen und in denen gekauft, verkauft, geschustert und gehämmert wird. Wie still, wie kühl, wie erhaben erschien ihnen das Innere mit der Menge der Säulen! Noch nie hatte Friedrich so etwas Herrliches gesehen. Ulrich zeigte ihm die vielen Denkmäler, besonders dasjenige des mächtigen Kirchenfürsten Willigis, der als Wagnerssohn das Doppelrad seines Vaters im Wappen und dazu den Wahlspruch führte: »Willigis, Willigis, denk woher du kommen sis!« Der Spruch gefiel Friedrich, der zu sittlichen Betrachtungen neigte, ungemein. »Uli,« meinte er, »wir wollen auch nie vergessen, daß wir aus einem zwar einfachen, doch rechtschaffenen Elternhaus stammen.« Dem Jüngern aber fiel die Barensky ein, und ein Stich ging ihm durch die Brust. Mehr als eine Stunde weilten sie vor den Merkwürdigkeiten der Kirche, nicht am wenigsten vor dem alten Bilde, das darstellt, wie der Minnesänger Frauenlob von acht Mainzerinnen in einem mit drei Kronen geschmückten Sarge ehrenvoll zu Grabe getragen wird. Überall war Ulrich ein gewandter Erklärer.
Von den schönen Eindrücken beglückt, lachte Friedrich beim Mittagessen: »Nicht jeder hat eine so prächtige Aufnahme in einer fremden Stadt. Wie mancher Handwerksgeselle wird von niemand abgeholt, muß in einer schlechten Herberge schlafen und von Tür zu Tür Umschauhalten. Bei euch aber ist mit der Arbeitsstelle das schöne Quartier schon da!«
Am Nachmittag machten sie den Ausflug auf den Bichelstein, sahen weit hinein in die Rheinlande, bewunderten beim Dörfchen Zahlbach die Reste einer mächtigen römischen Wasserleitung, ließen sich wieder vom Leben der Stadt umrauschen und wandten sich über die Schiffsbrücke nach Kostheim hinüber. Sie traten in einen bei den Mainzern beliebten Wirtschaftsgarten, der gerade im Angesicht des türmereichen Bildes der Stadt lag und den Überblick über die stromherab und stromherauf ziehenden Schiffe gewährte. Noch berieten sie, wo sich niederlassen, um die Aussicht am vollsten zu haben. Da trat die Familie Römer in den Garten, Vater, Mutter und die beiden Töchter. Ulrich und Szedesky grüßten auf das höflichste, ihrem Beispiel folgte Friedrich. Den Mädchen aber sah man die Überraschung an, daß nun neben Ulrich plötzlich noch ein zweiter hochgewachsener Fremdling, fast sein Ebenbild, aufgetaucht war. Der Jüngere spürte die Pflicht, den Bruder vorzustellen, und Szedesky sagte den jungen Damen ein paar artige Worte des Abschieds. So kam man ins Gespräch. Dem Vater Römer lachte das Wohlgefallen an den frischen Männern aus den Augen, er lud sie ein, mit der Familie an demselben Tische Platz zu nehmen, und nach der flüchtigen Treppenbekanntschaft mit den Töchtern kamen die Freunde nun auch mit den Eltern ins Gespräch.
Dabei bildeten sich merkbar zwei Gruppen. Die Mutter und Lotte nahmen sich Friedrichs an, der dieSchüchternheit des Neulings noch nicht überwunden hatte. Szedesky und Ulrich aber saßen näher bei Vater Römer und der knospenhaften Lutz.
»Sie werden fünfundzwanzig sein,« wandte sich die Mutter wohlgefälligen Blicks an Friedrich. Als er die Richtigkeit ihrer Schätzung bestätigte, versetzte sie nachdenklich: »Unser einziger Sohn war mit Ihnen gleichalterig; leider haben wir ihn, als er Gymnasiast geworden war, verloren.« Es war, als suchte sie im Gesicht des jungen Mannes die Spur des Dahingegangenen. Lotte aber lenkte das Geplauder auf die schöne Musik, die den sich immer mehr belebenden Garten durchflutete, dann auf einen sich stromaufwärts arbeitenden holländischen Schleppdampfer. In der Tat bot das dunkelgeteerte Schiff, das eine Reihe von Kähnen schleppte, ein liebliches Bild. Um die kleinfenstrige, doch hübsch mit Vorhängen und Blumen geschmückte Wohnung auf dem Hinterteile saß eine Familie und hielt Feierabend. Die Kinder tanzten in weißen Hauben und in Holzschuhen Ringelreihen, auf dem flachen Dach thronte der weiße Spitzer und betrachtete sich die Welt. Über das Leben dieser Schiffersleute erging sich Lotte, und Friedrich bewunderte ihre bewegliche Geistesart.
Vater Römer aber scherzte zu Ulrich hinüber: »Sind denn in Ihrem Land alle jungen Leute so blond, so stattlich und groß wie Sie und Ihr Bruder?« »Das wohl nicht,« erwiderte der Schweizer, »in unserer Familie aber liegt's.«
Nun fragte ihn Römer manches nach Eltern und Heimat. Ähnlich hielt er es mit Szedesky. Lutz hörtedem Gespräch aufmerksam zu. Einmal ruhte ihr Blick auf dem Ring, den Ulrich zu Ehren der Ankunft Friedrichs trug. »Ist der Reifen ein Altertum?« fragte sie. »Nein, aber doch ein Andenken.« Er zog ihn vom Finger und reichte ihn ihr hin. Sie las die Inschrift, gab Ulrich einen freudig überraschten Blick und bot den Ring dem Vater. »Alle Achtung!« versetzte Römer. »Das Stück ehrt Sie und Ihre Heimat.« Ulrich spürte wohl, wie sein Ansehen bei Tochter und Vater durch den Reifen gewachsen war.
Das Gespräch sprang auf das Geschäft Appelius über. »Ja, da sind Sie gut aufgehoben,« versetzte Römer und nickte. »Ich kenne Vater und Sohn. Es sind hervorragende Industrielle, wie Mainz ihrer mehr besitzen sollte. Dann erlebten wir das betrübende Schauspiel nicht, daß sich unsere Stadt in allen Betrieben von Frankfurt überflügeln läßt. Es ist aber einmal gegen die Mainzer Gemütlichkeit nicht anzukämpfen.« Wie er so sprach, machte er den Eindruck eines bei aller Jovialität ernst- und kernhaften Mannes.
In der Dämmerung ging die Gesellschaft gemeinsam über die Schiffsbrücke nach der Stadt zurück. Auf dem breiten, metallisch flimmernden Bande des Rheins kamen von weitem die hellerleuchteten Dampfer gezogen, die Sonntagsausflügler von Koblenz und Bingen kehrten zurück, und die hellen Gesänge der Fröhlichen schwebten stets vernehmbarer herüber. Es war ein Abend voll Lied und Lust, auch in den Herzen der jungen Gesellen.
Als sie in ihrem Quartier beisammensaßen, lächelteSzedesky: »Es ist gut, daß ich gehe und mir daheim schon ein Mädchen weiß; sonst würde mir Lutz das Herz anzünden, nicht bloß für einen Tag, sondern für immer. Nun aber behalte du sie im Auge, Ulrich.« Überrascht erwiderte der Schweizer: »Das würde mir wohl nicht viel nützen!« worauf Janos stolz versetzte: »Wir sind ja auch nicht auf wilden Bäumen gewachsen.« Und in Friedrichs ehrlichem Gesicht stand ein verklärter Glanz der Freude über den Abend.
Um sechs Uhr am nächsten Morgen stellte Ulrich den Bruder bei Appelius vor, nachher nahm er sich die Stunde, um sich von seinem lieben Szedesky zu verabschieden. Ihr Gespräch war nicht mehr so fröhlich wie gestern, der Scheidende äußerte noch einmal Befürchtungen wegen der Barensky. Die letzten Augenblicke aber waren seinen Freundschaftsversicherungen vorbehalten: »Du bleibst mein Herzbruder, ich der deinige. Wenn es dir am Rhein nicht mehr gefällt, komm ins Ungarland!«
Nun war der Getreue davongefahren. Ulrich aber wurde wegen der Barensky von Sorgen nicht frei. Wo er stand und ging, fürchtete er eine neue Begegnung mit ihr oder Mab, sprach aber Friedrich, der jedem Abenteuer abhold war, nie von der zweifelhaften Bekanntschaft, und um sie zu vergessen, war es ihm eben recht, daß ihn das Geschäft stark in Anspruch nahm, die Überstunden oft bis um neun, mitunter sogar bis um zehn Uhr abends dauerten.
Die Abteilung Friedrichs war etwas weniger beschäftigt, um sieben Uhr hatte er Feierabend. Mit musikalischemTalent probte er dann auf der Laute Ulrichs und wäre froh gewesen, der Bruder hätte ihm einigen Unterricht, nur ein paar Minuten im Tag, gegeben. Doch der blieb unlustig. Von weitem hatte er die Mab wieder gesehen.
Im übrigen aber lebte sich Friedrich angenehm in die neuen Verhältnisse ein. Fast Tag um Tag fügte es sich wie von selbst, daß er oft mit Uli, oft allein die Schwestern Römer sah. Jedesmal gab es ein zwang- und harmloses Gespräch. Die beiden Mainzerinnen freuten sich, daß ihm ihre Vaterstadt so gut gefiel. Schon war die Zeit des ersten Obstes da. Wenn die bräunliche Lotte und die sonnblonde Lutz von der Morgenarbeit in ihrem Garten kamen und mit den beiden ins Haus traten, so reichten sie ihnen aus den Körbchen von den Früchten dar, die eben reif geworden waren: Kirschen, Frühpfirsiche, Birnen oder Äpfel. Kam Ulrich später heim, rief ihm Friedrich entgegen: »Dort sind noch die Erdbeeren der Fräulein Römer für dich! Die meinen hab' ich schon geschmaust.« Die Gaben der Mädchen erschienen ihnen wie ein Segen für die Nacht, der vor bösen Träumen schützt. Selbst Ulrich wurde darüber wieder heller. Als er ihnen einmal begegnete, scherzte er: »Merkwürdige Gärtnerinnen sind Sie doch; nie ist eine Spur von Erde an Ihnen. Ernsthaft kann ich mir Ihre Arbeit nicht vorstellen.« Da verteidigten sich die Schwestern lebhaft: »Denken Sie denn, wir hätten kein Gartenhäuschen?« lachten sie hell. »Da hängen unsere Arbeitsschürzen. Kommen Sie und sehen Sie sich die wohlbestellten Beete an!«
Unerwartet wurde wenigstens Friedrich diese Freude zuteil. Als er am Abend von der Arbeit kam, traf er die Geschwister unterwegs, wie sie den Vater abholen wollten. Sie luden ihn leichthin zur Begleitung ein. Alwin Römer, der kräftige, kaum ergrauende Fünfziger, war eifrig am Graben; es sei seine Lieblingserholung, erklärte er. Als der Mechaniker ihn so munter hantieren sah, griff er selber auch zum Spaten und bewies, daß er mit dem Boden umzugehen wisse. Auf dem Heimweg erbot er sich, Tag für Tag ein Stündchen mitzutun. Vater Römer nahm seine Hilfe scherzend an, und da die Tage des Sommers genügend lang waren, erlebte Friedrich draußen stets einen schönen Feierabend. Auf dem Rückweg in die Stadt trat der Alte mit ihm zu einem Glas schäumenden Bieres in eine Gartenschenke und verstand sich mit dem erst kürzlich Zugewanderten auf das herzlichste.
War es nun Anerkennung für die Mitarbeit Friedrichs oder überhaupt Wohlwollen gegen die Brüder Junghans, er lud sie auf einen Sonntag zum Abendbrot im Garten ein. So gelangte auch Ulrich in das ihm bisher unbekannte Paradies der Schwestern Lotte und Lutz. Als die Brüder dort ankamen, trafen sich die beiden allein, die Eltern waren noch durch einen Besuch in der Stadt festgehalten. Die Mädchen wanderten nun mit ihnen durch das romantische Stück Erde, das an die mittelalterlichen Festungswerke der Stadt lehnte. Wohlgeordnet dehnten sich die Beete, und üppig standen die Obstbäume in alten verwachsenen Gräben. Über geborstene Mauern hin aber kletterte eine unberührte,träumerische Wildnis. Schmale Wege wanden sich durch knorriges, zum Teil zermorschtes Baumwerk hinab in halbeingestürzte Keller und Gewölbe und stiegen die verwitterten Stufen an den Zinnen empor bis auf die Altane eines geborstenen Rundturms, von der sie die Stadt und den dahinter flimmernden Rhein überblickten. Es gab sich wie von selber, daß sich Friedrich mehr zu Lotte, Ulrich mehr zu Lutz hielt, und ebenso, daß sich auf den vielen Wegwindungen ein Paar vom andern verlor, bis sich die Schwestern durch Zurufe, die wie Glockentöne klangen, davon überzeugten, daß sie einander doch nahe seien. Es wurde nichts gesprochen, das nicht alle Menschen hätten hören dürfen, aber eine feinzarte Stimmung des Vertrauens lag über den paarweisen Gängen. Das Vierblatt fand sich auf den Mauern wieder, lagerte sich, als wären sie Geschwister, in der Sonne, und noch mehr als in der Stadt sprach im Grünen der rheinländische Mädchenzauber zu den Fremdlingen, die so Schönes erleben durften.
Die Eltern kamen. Auch durch ihre Gespräche klang die Wertschätzung, die sie den Hausgenossen entgegenbrachten. Erzählen und Lachen würzten das Mahl, und erst als die Sterne am Himmel emporzogen, wandte sich die Gesellschaft wieder in die Stadt. Sie trennte sich unter dem herzlichen Dank der Brüder, als bestände die Freundschaft von langem her, und goldig beglänzte die Erinnerung an den Abend den Werktag der beiden.
Ulrich aber hatte an einem der folgenden Tage einen großen Schrecken. »Rumpedidum trara!« scholl es durch die Straßen der Stadt, und Trompeten schmetterten.Der Zirkus Tempelmann hielt mit einer buntflitternden Karawane von Kamelen, Elefanten, Bären, Pferden, Affen, Kunstreitern und Reiterinnen, Riesen und Zwergen, Negern und Arabern, einem langen Troß von Raubtier- und Bagagewagen Einzug in die Stadt. Gerade als die Brüder zum Mittagessen gingen, bewegte er sich mit viel Prunk und Lärm durch die Straßen. Die Fenster der Häuser flogen auf und besetzten sich mit neugierigen Köpfen, die Jugend stürzte sich ins Freie, und von der herzuströmenden Menge in ihrem Weg aufgehalten, mußten sich die Brüder den Zug wohl oder übel mitansehen.
Friedrich tat es halb mit Neugier, halb mit Verächtlichkeit; Ulrich aber war es, der Boden unter ihm habe sich in eine glühende Eisenplatte verwandelt.
Erst die schmetternden Herolde, ein Abstand, dann acht Reiter in roten Fräcken und roten, hohen Hüten, wieder ein Abstand, dann ein paar das Rad schlagende Clowns – und nun, auf weißen Zeltern mit perlmutterschimmernden Schabracken, in langen fließenden, silber- und golddurchwirkten Gewändern Werra Barensky und Mab, dahinter wieder ein Troß Reiter und Damen. Wenn nun eine der beiden den Kopf zur Seite wendete, so war Ulrich entdeckt! »Nur das nicht,« durchzuckte es ihn, doch auch mitten in der Angst der Gedanke: »Wunderbar schön ist das wilde Weib!« Sie wie Mab aber ritten ahnungslos vorüber, ein Alpdruck fiel von seiner Brust. Und Friedrich drängte: »Gehen wir! Was kümmert uns das Schwindelzeug!«
Im Heimlichen kümmerte es Ulrich schon. In derNacht, wenn alle Dinge schwärzer aussehen, als sie sind, weckte ihn die Furcht, die Barensky möchte in den Wochen, die der Zirkus in Mainz blieb, irgendwie erfahren, daß er noch in der Stadt stecke. Wenn nun das rücksichtslose Weib einmal plötzlich ins Haus drang, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen, daß er nie wieder zu ihr gekommen war, oder um die Mittagszeit plötzlich vor dem Atelier Appelius stand, – welche Schande, welche Schmach! In was für eine häßliche Geschichte war er doch aus bloßer Höflichkeit hineingekommen! Dabei fühlte er seine völlige Hilflosigkeit. In Dingen, die das Licht nicht zu scheuen brauchten, wußte er sich stets Rat; aber wenn er an Werra Barensky dachte, war ihm der Verstand wie vernagelt, blieb ihm nichts als ein ödes Bangen vor einer unangenehmen Überraschung. Auf seinem Lager seufzte er in schlafloser Sorge.
Da kam die Stimme Friedrichs zu ihm herüber, der in der gleichen Kammer schlief: »Uli, bist du auch wach?« Sie schlugen Licht, und der Jüngere sah, wie der Bruder aufrecht und mit fieberglänzenden Wangen auf dem Bett saß.
»Uli,« stieß Friedrich hervor, »ich bringe den Sonntag und die Lotte Römer nicht mehr aus dem Sinn! Tag und Nacht muß ich an sie denken.«
Der Stoßseufzer des Bruders lenkte Ulrich von den eigenen Schmerzen ab. Es mußte schon schlimm um Friedrich stehen, daß der Gesunde, Bedächtige, der wohl noch nie von einem Mädchen geträumt hatte, in fiebriger Verliebtheit den Schlaf nicht mehr fand. »Da gibt es nichts, als du fragst sie um ihre Hand,« versetzte er. –»Bist du verrückt?« gab der Ältere zurück. »Ich die Lotte! Nein, so hoch darf ich die Gedanken gar nicht erheben. Aber einen schönen Tag möchte ich noch mit ihr verleben, dann von meiner Stelle scheiden und weit von Mainz suchen, wie ich mit ihrem Bild fertig werde.« – »Das kannst du noch, wenn sie wirklich Nein gesagt hat!« – »Da hast du eigentlich Recht,« seufzte Friedrich. »Aber das Fragen, das Fragen! Geht es dir nicht auch so mit der Lutz?«
»Fast,« erwiderte Ulrich. »Ehe ich sie aber um ihre Hand bitten kann, müßte ich noch einmal Nick Tappoli sprechen. Über die Nick geht mir doch keine!«
Da war Friedrich enttäuscht. Er warf sich auf das Bett zurück, und bald hörte Ulrich die regelmäßigen Atemzüge des Eingeschlafenen.
In der folgenden Nacht wiederholte sich ihr Gespräch. »Ich habe mich besonnen,« sagte Friedrich. »Als Dank für den schönen Sonntag im Garten sollten wir Lotte und Lutz zu einer Rheinfahrt einladen!« – »Das geht natürlich nicht, ohne daß wir den Vater Römer um Erlaubnis bitten!« warf Ulrich ein. – »Freilich,« seufzte Friedrich, und nun standen sie am Berg des Anstoßes. Durften sie es wagen, dem Alten ihr Anliegen vorzubringen? Darüber berieten sie nun den folgenden Tag, die folgende Nacht. Friedrich war sehr zaghaft; hinter der Jovialität des Vaters Römer, das wußte er, stak doch auch viel Stolz und Strenge.
»Ich will einmal mit Lutz sprechen,« löste Ulrich den Knoten, »und sie offen fragen.«
Die Gelegenheit gab sich. Lutz spitzte gelüstend den Mund. »O ja, eine Rheinfahrt! Wie herrlich! Wir dürfen dann zwar den Zirkus nicht besuchen, aber eine Rheinfahrt mit Ihnen ist viel schöner. Der Vater hat von Appelius sehr Erfreuliches über Sie gehört, jeder von Ihnen wäre imstand, selbständig eine Fabrik zu leiten. Da wird er nicht Nein sagen. Er darf es nicht!« setzte sie schelmisch hinzu.
Das wohlwollende Urteil des Herrn Appelius stärkte den Mut der Brüder. Wie zu einem hohen Fest angetan, standen sie vor der Römerschen Tür. Als sie aufging, warteten dahinter übermütig die Mädchen, und in das Zimmer Römers hinein erhielt jeder einen heimlichen Ermunterungspuff, Friedrich von Lotte und Ulrich von Lutz. Dieser machte den Sprecher.
Römer erwiderte trocken: »Sie haben so gute Advokatinnen angestellt, daß ich zu dem Sonntagsausflug bloß Ja und Amen sagen kann. Also machen Sie mit den Töchtern die Fahrt und bringen Sie dieselben wieder gesund zurück. Es ist das erste Mal, daß sie mit jungen Männern ausfliegen dürfen!«
Als die Mechaniker in ihr Quartier hinaufstiegen, wischte sich Friedrich den Schweiß von der Stirne, und ein Freudenruf von Lutz kam wie ein Glockenton leise die Treppe empor. Heimlicher Jubel der Jugend herrschte oben und unten im Haus.
Am Vorabend der Fahrt aber erlebte Ulrich noch etwas recht Ärgerliches, einen Brief der Werra Barensky, in dem sie ihm in ihrem falschen Deutsch schwere Vorwürfe machte, daß er Mab vorgelogen habe, er verreise,und daß er sie nie besuche; er solle nun aber kommen, sobald als möglich!
Ulrich fand gerade noch Zeit, den Brief einzustecken, ehe Friedrich dazukam. Seine schlechte Laune verschlimmerte sich, als ihm die Hauswirtin mitteilte, ein merkwürdiges junges Wesen, wahrscheinlich vom Zirkus, habe den Brief gebracht. Wenn sich das nun über den Flur treppauf, treppab flüsterte!
Spät abends noch verließ er entgegen seiner Gewohnheit das Haus, ohne Ziel lief er durch die Stadt. Seine Gedanken waren nur bei dem Brief. Was sollte er mit einem Weib, dessen Bild auf riesigen gelben Papierbogen an allen Straßenecken klebte? Pfui Teufel! Wie eine Drohung aus der Hölle kam ihm der Brief vor. Welche Widerwärtigkeiten mußte er noch von der Artistin befürchten! Erst um Mitternacht kam er heim. Friedrich lag in tiefem Schlaf, eine frohe Stimmung auf dem Gesicht: vielleicht träumte er von Lotte Römer, vielleicht war es auch nur die Vorfreude auf die morgige Fahrt. »Könnte ich mit so gutem Gewissen schlafen wie du!« seufzte der Jüngere.