16
Seit Friedrich Junghans nach Mainz gezogen war, dachte Nick ruhiger an Ulrich. Der bedächtige ältere Bruder war dem jüngern doch ein Schutz vor mancherlei Abenteuern.
Nebenbei bemutterte sie ihren unbehilflichen Freund Glorian Rollenbuz. Dann und wann hielt sie Nachschau in seiner Wohnung und bat die Hauswirtin, etwas sorgfältiger zu dem großen Kind zu sehen; auch schrieb sie mit seinem Einverständnis an die Stiftung in Basel um eine neue Ausstattung für ihn, nahm ihm, als die neuen Kleider angelangt waren, die alten weg und freute sich, mit ihm wieder unter die Menschen treten zu dürfen.
In der Familie Wasmer stand es wie früher. Der lebensfrohe Mann, dem es sonst nicht an freundlicher Rücksicht gebrach, verbarg es kaum mehr, daß er den Tod seines Weibes herbeisehnte, und mit dem erhöhten Spürsinn der Sterbenden wußte die Dahinsiechende um die Stimmung des Gatten. Im letzten großen Seelenschmerz suchte sie Trost bei Nick. Ohne sprechen zu dürfen, stand der Gast des Hauses zwischen Mann und Weib. Ja, eines Tages fühlte Nick, daß sie das Vertrauen der Kranken nicht mehr besaß, daß die fieberglänzenden Augen in unausgesprochenem Verdacht, inbrennender Eifersucht und in ohnmächtigem Haß, je länger desto stärker, auf ihr ruhten.
Sie wußte sich unschuldig, war aber von der Wesenswandlung der Kranken doch schwer betroffen. Auf einmal verstand sie den Sinn des geheimnisvollen Lächelns, der verblümten Anspielungen und der Gefälligkeiten Wasmers, und ihre innere Stimme gab der Leidenden völlig Recht: er rechnete darauf, wenn die Kranke erst gestorben sein würde, Nick zu heiraten.
Ein herzlicher Zorn auf den treulosen Mann kam über sie. Wie eine Schande für sich selbst empfand sie seine Gedanken, überhaupt als ein abgründiges Vergehen an Ehre, Gewissen und dem, was einem Menschen heilig sein soll.
Ein kleines Ereignis machte der heiklen Lage ein Ende. Hiob, der Junge, der sonst wie an einer älteren Schwester an ihr hing, benahm sich auffällig abweisend gegen Nick. Nach dem Abendbrot kam es zwischen ihnen zu einer kleinen Auseinandersetzung. Da stampfte der Junge mit dem Fuß: »Ich folge Ihnen nicht mehr, Fräulein. Sie sind schlecht!« Zuerst erschrak sie über die Beleidigung, dann ging sie auf den Jungen los und faßte ihn kräftig an beiden Ohren, wie sie es im Scherz oft, im Ernst noch nie getan hatte. »Was sagst du?« Der Knabe schrie erbärmlich auf, wiederholte aber: »Sie sind schlecht, weil Sie meine zweite Mutter werden wollen! Ich weiß es.« Da ließ Nick ihn los. »Wer lügt so?«
Der Streit aber hatte die strohhalmschwache Frau herbeigelockt, die sich mit den abgezehrten Händen an derWand entlang tastete. Der Anblick der Schwerkranken gab der zornbebenden Nick die Fassung wieder. Mit unheimlicher Ruhe sagte sie: »An dem, was mir Hiob vorgeworfen hat, ist kein wahres Wort. Ich würde mich in die Erde hinein schämen, wenn auch nur ein Funke daran wäre. Diese Beruhigung kann ich Ihnen geben, Frau Wasmer. Ich danke Ihnen für alles Liebe, das Sie mir erwiesen haben, aber ich verlasse sofort das Haus und das Geschäft. Möge Ihnen das den Frieden geben!«
»Fräulein Nick!« kam es tonlos von den Lippen der Kranken. Sie wollte weiter sprechen, konnte es aber nicht. Und Nick trug das Häuflein flackernden Lebens auf das Schmerzenslager zurück.
Dann packte sie ihre Sachen und schickte sich an, die Wohnung zu verlassen. Auf der Treppe jedoch begann sie herzzerbrechend zu weinen, setzte sich auf eine der untersten Stufen, und das Gesicht mit den Händen bedeckend ließ sie ihrem wilden Schmerz den Lauf.
Da gingen Schlüssel und Klinke der Haustür, Wasmer kam heim. Sie schoß auf und floh an ihm vorbei hinaus in die Nacht. Sein verwunderter Ruf scholl ihr nach: »Fräulein Tappoli! – Nick! – Um Himmels willen, was ist denn los?« Sie aber lief. Zum Glück war es noch nicht spät, und nach einigem Umherirren fand sie wieder Unterkunft bei der Frau Gugolz. »Mir war doch, Sie kämen zurück,« lächelte die Alte. »Ich habe deswegen nie recht Lust gehabt, das Zimmer wieder zu vermieten.«
Am Morgen setzte sich Nick eben mit wehem Kopfehin, um ihrem Geschäftsherrn einen Brief zu schreiben. Da kam einer seiner Ausläufer und rief sie zu ihm. Wohl oder übel trat sie den schweren Gang an und traf ihn allein auf dem Kontor. Er empfing sie mit verlegener Feierlichkeit.
»Es ist schief gegangen, Fräulein Tappoli,« begann er. »Es sind Dinge an den Tag gekommen, die ich noch lange für mich behalten wollte, und ich muß alle Schuld auf mich nehmen. Meine Frau hat mir eine Falle gelegt. Sie selber sprach von Ihnen, als wäre es ihr Wunsch, daß Sie ihre Nachfolgerin werden sollten. Ihre und meine Gedanken schienen sich zu treffen. Da wandte sich ihr Sinn, – die glühende Eifersucht kam zum Ausbruch. Aber, Fräulein Tappoli …«
»Kein Wort mehr!« rief Nick. »Ich kann nur das eine erwidern: Nie – nie – nie!«
»Fräulein,« bat er dringlich, »überlegen Sie sich die Sache doch noch einmal zu Ihrem eigenen Vorteil. Wie viel kann ich Ihnen bieten! Sie Idealistin gehören in ein sicheres Haus, aber nicht hinaus auf den Markt. Da werden Wesen Ihrer Art mit der gleichen Kaltblütigkeit wie Hasenfelle verkauft.«
Nick unterbrach den Faden seiner Rede. »Wir haben uns nichts mehr zu sagen, Herr Wasmer. Lassen Sie mich in Frieden gehn!« Mit einer raschen Wendung verließ sie das Kontor. Eine Stunde später schickte er ihr den Lohn, dazu ein Zeugnis, dessen überreichliches Lob sein schlechtes Gewissen verriet.
Zu gewöhnlichen Zeiten hätte ihr weiteres Fortkommen ihr nicht viel Sorge bereitet, aber gerade jetztschlich durch den Hochsommer der Stadt ein unheimliches Gespenst. Die Cholera war von einem Durchreisenden aus Rom im Gasthaus zum »Schwarzen Weggen« eingeschleppt worden, und nun ereigneten sich da und dort Fälle. Man sprach davon, wenn sie sich weiter ausbreite, würden viele Läden schließen.
Auch ein anderes beunruhigte Nick. Sie war der Ansicht gewesen, Glorian Rollenbuz sei ein bescheidener Verehrer, der es nie wagen würde, das Wort »Liebe« auszusprechen. Nun erhielt sie von ihm aber einen brieflichen Eheantrag, der mit unverständlichen Stellen aus römischen und griechischen Klassikern belegt war und einen langen Beweis enthielt, daß er für das Gedeihen seines Lebenswerkes der Mithilfe eines sich um ihn sorgenden Weibes bedürfe. Wie ihm nun antworten, daß ihre Empfindung für ihn nur eine freundschaftliche Gesinnung sei, aber nicht die Liebe, die für den gemeinsamen Gang durchs Leben ausreiche?
Sie wurde des unangenehmen Briefes enthoben. Glorian kam selber die schmale Treppe zu ihr emporgestiegen – nicht aus eigenem Mannesmut, sondern angetrieben von einer großen, bei aller Magerkeit starkgebauten Dame, die dem armen, sonst immer frierenden Menschen den Angstschweiß ins Gesicht jagte. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis sich die Drei im Stübchen zurechtgefunden hatten: das knochige Frauenwesen im Riesenblumenhut mit weitausgespanntem Reifrock, einem Reisetäschchen aus orientalisch gemustertem Stoff und fransengeschmücktem Sonnenschirm, die Armsündergestalt Glorians, der sich tief in die Ecke stellte, und Nickselbst, die nicht wußte, was werden sollte. Doch zuckte ihr durch den Kopf, der Unglücksmensch habe wohl den Angehörigen in Basel seine Heiratspläne verraten und die Dame mit der unheimlich großen, langen Nase sei gekommen, um sich als seine Verwandte mit ihr auseinanderzusetzen.
Leibhaftige Schwester Glorians sogar war Fräulein Rollenbuz! Nachdem sie das schwer betont hatte, versetzte sie in großer sittlicher Entrüstung: »Und Sie sind also das verdorbene Wesen, das seine Fangnetze nach meinem unschuldigen Bruder auswirft, das ihn mit unchristlichem, ja teuflischem Blendwerk aus seiner bisher makellosen Lebenslaufbahn herausreißen und in den Pfuhl eines sündhaften Wandels hinabziehen will!«
Zornglühend erhob sich Nick, um sich zu rechtfertigen. Aber bevor sie zu Wort kam, war Fräulein Rollenbuz im rauschenden Seidenrock emporgeschnellt, und mit langausgestreckten Armen kreischte sie: »Ich bin die Ältere, ich habe das Wort! Sie mögen mit Ihren gleißnerischen Wegleugnungen warten, bis ich gesprochen habe!«
Auch der zitternde Glorian machte einen Versuch, den Mund zu öffnen. »Henriette,« flehte er die Schwester an. Sie aber stieg wie eine Rakete über ihn. »Bruder, du verirrtes Schaf, statt in deiner halsstarrigen Betörung zu verbleiben, knie nieder und danke Gott, daß du noch eine liebe Schwester hast, die deine Unerfahrenheit gegen solche Fallstricke schützt und schirmt. Vor allem aber dulde ich von dir keine Unterbrechung der wohldurchdachten Worte, die ich nun sprechen will.« Daschaute er erbarmungswürdig und gebrochen zu seiner Angebeteten hinüber.
Jeder Versuch Nicks, selber in die Angelegenheit einzugreifen, wurde von dem eckigen Fräulein mit empörten Handbewegungen im Nu erstickt. »Welch ein Mangel an Erziehung, eine lebenserfahrene Dame berichtigen zu wollen! Das wagt doch nur eine ungeschliffene Zürcherin und fällt bei Ihnen um so schwerer in Betracht, als Sie aus einem Pfarrhaus stammen. Wo sind die duftenden Blüten, die fromme Elternliebe Ihnen ins Herz gepflanzt hat? Versengt von der bösen Stadt Zürich, die in Basel keines guten Rufes genießt! Die Untugend wohnt an der Limmat. Sie selber sind zu einer Dienerin der Hoffart hinabgesunken. Standen Sie nicht in einem Laden, in dem Damenhemden mit durchbrochenen Einsätzen und roten Bändchen verkauft wurden?«
»Herrgott, die Baslerinnen werden auch nicht in Sack und Asche gehen!« rief Nick, welche die Predigt des Fräuleins allmählich lächerlich fand.
Schon schwebten aber die Hände der Henriette Rollenbuz wieder beschwörend über ihr. »Wir sprechen nicht von unserm tugendreichen Basel, sondern von Ihnen, der Pfarrerstochter, die sich heruntergelassen hat, unchristlich gewordenen Mädchen und Frauen diejenigen Gegenstände zu verkaufen, welche die Blicke gottloser Männer mit Wollust erfüllen. Daß Sie sich dabei selber in Leichtfertigkeit verstrickt haben, ist mir nicht verwunderlich; es erscheint mir aber doch als eine besondere Bosheit von Ihnen, daß Sie die Hände nach meinem bishertadellosen Bruder ausstreckten. Indessen wird Ihnen der Anschlag nicht gelingen: meine schwesterliche Liebe durchschneidet Ihre Netze, sie führt Glorian in die Obhut seiner Familie nach Basel zurück.«
»Und rettet ihn vor der Cholera!« rief Nick, deren Zorn einem blühenden Mutwillen gewichen war. Jetzt hob das Fräulein ihre Arme nicht mehr beschwörend empor. Ihre Gestalt steifte sich krampfhaft, ihr Wort brach ab, schreckensbleich saß sie mit offenem Munde da.
Nick aber fuhr ein Übermut in die Seele, daß sie sich selber nicht mehr begriff. Möglichst weit von ihrer Gegnerin entfernt stellte sie sich in die Ecke, stemmte die Daumen in die Ohren, fächerte mit den Fingern, riß die dunklen Augen groß auf und das Gesicht zu einer Fratze. So lief sie auf die Erstarrte los, nahm ein Stück ihres Kleides, blies es an und rief: »Sie, Unglückliche, spüren Sie es nicht? Ich selber bin die Cholera!« Ein erstickter Schrei – und ohne sich mehr nach Glorian umzusehen, riß Henriette Rollenbuz Schirm und Tasche zusammen. Treppab war sie verschwunden, und schlotternd folgte ihr Glorian. »Viel Glück in Basel!« rief ihm Nick die Treppe hinunter nach und schlug die Hände über dem Kopf zusammen: »Mein Gott, ist das eine verrückte Welt!«
Am Nachmittag noch zitterte ihr das Erlebnis mit Glorian und seiner Schwester als etwas Unbegreifliches durch die Sinne. Ihrer Freiheit froh, lief sie planlos hinaus vor die Stadt, lief und stieg von Menschen unbehindert, bis sie auf dem Gipfel des Ütlibergs stand. Dort begann sie in die Einsamkeit hinaus ein Lied zusingen, und was ihr noch schwer in der Seele gelegen hatte, rollte mit den Tönen davon.
Der Tag war dunstig, die Aussicht verschwommen, gegen Abend aber hellte sich das Land zu herrlicher Klarheit, warm lag es in der sich neigenden Sonne: Stadt, See, Täler, Dorfschaften, grüne und weiße Berge, durch das milde Licht wunderbar miteinander verbunden. Welcher Friede!
Dort unten in der schimmernden Stadt aber wanden sich die Menschen in der Seuchenfurcht, dort kroch in hunderterlei Gestalten das Elend, der Wahn der menschlichen Leidenschaften. Nick brauchte nur an die abgezehrte Frau zu denken, die ungeliebt der Grube zuwankte, an den herzensrohen Mann, der sich schon zu Lebzeiten der Gattin das künftige Weib auslas, der sich einbildete, sie, Nick, müsse es sein, und dafür keine Anspruchsmittel als seine Wohlhabenheit besaß. Im Traum war ihr nie der Gedanke gekommen, ihr Dasein mit dem Wasmers zu vereinigen. Noch wahnsinniger aber erschien ihr die Vorstellung der Fräulein Rollenbuz, daß sie ihren Bruder für sich einfangen wolle. Diese Menschen hatten ja keine Ahnung, wie es in einer jungen Mädchenseele aussah. Auch quälte sie sich an dem Wort Wasmers: »Sie Idealistin, gehören in ein sicheres Haus, aber nicht hinaus auf den Markt. Da werden Wesen wie Sie mit der gleichen Kaltblütigkeit wie Hasenfelle verkauft.«
Der Ausspruch war für sie eine furchtbare Beleidigung. Sie fühlte sich stark genug, ihr Brot in Ehren zu verdienen, aber die beiden häßlichen Erfahrungen, dieihre letzten Tage bewegt hatten, gaben ihr doch die Erkenntnis, daß sie bisher das Leben nicht dunkel genug betrachtet hatte, daß es viel trauriger war, gemeiner und grausamer, als sie sich's je hatte vorstellen können. In ihr Herz schlich sich die Furcht vor Gefahren, die sie nicht kannte. Lebhafter als sonst spürte sie das weibliche Anlehnungs- und Schutzbedürfnis. Daraus stieg die Erinnerung an Ulrich Junghans, den Freien, Starken, der wie kein anderer ein Weib zu schirmen berufen war. Sie begriff sich selber nicht, daß sie ihm nicht längst den versprochenen Brief geschrieben hatte. Jetzt wollte sie es tun! In ihrem Kopfe war das Schriftstück schon im Werden. Eine große Ruhe überkam sie. Der Frieden ihrer Seele stand im Einklang mit der Einsamkeit der abendlichen Natur und ließ sie in der daherwallenden Dämmerung ohne Angst den Waldweg hinab in die Wiesen und Felder und hinüber in den Lichtdunst der Stadt schreiten. Sie freute sich, daß der Ausflug für ihr inneres Besinnen nicht umsonst gewesen war, schrieb den Brief aber doch nicht mehr, sondern überließ sich dem frühen, tiefen Schlaf der Jugend.
Die Uhr ging wohl schon gegen Mitternacht. Da wurde sie von Frau Gugolz geweckt: »Fräulein Tappoli, schon zweimal ging die Klingel. Ich weiß nicht: will jemand etwas von mir oder von Ihnen? Es ist so unheimlich in der Cholerazeit!« Wieder ging schwach die Glocke, aber aus dem Fenster war niemand auf der durch eine Gaslaterne erhellten Gasse zu entdecken, und auf eine Anfrage, wer unten sei, kam keine Antwort zurück. Wieder aber regte sich die Klingel. Da holte die Alte ihrePfefferbüchse und stattete Nick wie sich selber mit einer Hand voll Gewürz aus, um es dem Bösewicht ins Gesicht zu werfen, der vielleicht drunten stand. Mit einer Kerze tasteten sie die Treppe hinab, Nick als die Mutigere voran. »Gott, Sie sind es, Frau Wasmer!« schrie sie leise auf und schickte Frau Gugolz wieder in die Wohnung empor.
Am Hauseingang lehnte kraftlos die Todkranke. Sie nahm Nicks Hand in ihre beiden. »Ich finde keine Ruhe und kein Sterben, bis Sie mir verziehen haben,« stieg es ihr rauh aus der hohlen Brust. »Ich habe eingesehen, daß mein Verdacht gegen Sie todungerecht war.«
»Ich danke Ihnen,« stotterte Nick, und da Frau Wasmer sich nicht bewegen ließ, zu ihrer Erholung ins Haus zu treten, brachte sie die Schwankende durch die finstere Nacht wieder heim.
Wie ein Spuk kam ihr nachher das seltsame Erlebnis vor. Sie war aber doch tiefglücklich, daß die von Gewissensbissen gequälte Frau vor ihrem Hinscheiden die blind wütende Eifersucht gegen sie aus der Seele getilgt hatte. –
Aus freiem Herzen schrieb sie Ulrich Junghans am andern Morgen den Brief, der die alte Freundschaft wieder anknüpfen und die Liebe reifen sollte.
»Lieber Uli!« lautete er. »Marie, die ich zuweilen sehe, erzählte mir so viel Freundliches von deinem Aufenthalt in der Fremde, daß auch ich oft meine Gedanken zu Dir hinüber wandern lassen muß. Seit ich durch den Tod meines Vaters die schöne Jugendheimat am Rhein verloren habe und hier in der Stadt das Brot selberverdienen muß, sind meine Gedanken recht oft und nicht ohne Heimweh bei Dir. Ich sehe Dich stets noch, wie Du mit Deinen Flügeln in die Dornen fielst, aber auch, wie Du Dir von mir trotzig den Pfänderkuß erzwangst und als kühner Schiffer auf unserm Strom mit Wirbel und Woge fochtest. Leider mußtest Du dann zu dem Eindruck kommen, daß Du mir gleichgültig seiest. Die blitzdumme Antwort, die ich Dir auf Deine Herzensfrage gab, habe ich auf das innigste bereut, schon an dem Morgen, da Du auf die Wanderschaft gingst, und seither immer. Schiebe sie auf den Trotz und Stolz eines jungen Mädchens, das für Liebesfragen erst am Erwachen ist, und auf die große Verwirrung des Augenblicks. Nun war es mir aber eine tiefe Freude und Gewissensberuhigung, aus einem Brief, den Du noch in Nürnberg geschrieben hast und den mir Marie zeigte, zu sehen, daß Du mich doch nicht ganz verwirfst, wie Du nach meinem törichten Benehmen das Recht hättest. Dein Vorsatz, wenn Du einmal aus der Fremde heimkehrst, mit mir doch noch ein ernstes Wort zu reden, hat mir den Mut zu diesem Brief gegeben. – Aber was soll ich Dir schreiben? Nichts weiter, als daß ich Dir noch einen recht schönen Aufenthalt in der Ferne wünsche und daß Du, wenn Deine Zeit um ist, in Gesundheit und Segen in die Heimat zurückkehren und mir die Freude des Wiedersehens bereiten mögest.
Deine getreue Nick.«