20
In Berlin fand er in einer Werkstatt, die ein paar hundert Schritte hinter dem Potsdamer Platz lag, Unterkunft als Messerschmied. Da wollte er wenigstens so lange bleiben, bis ihm Traugott Meister Nachricht von der Geburt des Kindes gab. Und nachher? – Das lag ihm selbst im Dunkeln. Vielleicht zu Szedesky reisen.
Er hatte geglaubt, wenn er nur einmal von der Barensky und dem Zirkus los sei, so finde er von selber wieder Lebensglauben und Lebensglück. Dem war aber nicht so. Wohl hätte er in Berlin Gelegenheit genug gefunden, wieder eine Liebschaft anzuknüpfen, aber es ging ihm wie den gebrannten Kindern mit dem Feuer. Dann und wann dachte er an die Barensky, aber viel häufiger an Nick. Seine Seele trauerte um die Verlorene und schrie nach ihr; sie weinte nach der Heimat, die Kraft aber fand er nicht, den Eltern einen Brief zu schreiben. Wohl gerade, weil er in schmerzender Scham eine große natürliche Pflicht versäumte, gab es für ihn kein Aufatmen.
Ende Juni erhielt er von Traugott Meister ein paar Zeilen aus Hamburg: »Werra Barensky ist mit einem prächtigen, gesunden Jungen zu uns zurückgekehrt. Das Kind ist Ulrich getauft. Leider besteht vorläufig keine Hoffnung, daß sie es aus den Händen geben würde.Jedermann vom Zirkus, hinab bis zum geringsten Knecht, muß in ihr Hotel kommen und es bewundern.«
Das erste Gefühl Ulrichs war, auch er sollte hinfahren und seinen Sohn sehen. Dann aber ließ ihn Werra Barensky sicher nicht mehr los. Nein, seine Freiheit mußte er sich bewahren! Unter Schmerzen besiegte er die Regung. Seine Gedanken aber waren unablässig bei dem Kinde. Die Furcht, daß die ungebildete Mutter seine Erziehung vernachlässige und er ihm nicht helfen könne, quälte ihn Tag und Nacht. Vielleicht weil er von seiner Stellung befriedigt war, vielleicht weil die Bilder der großen Stadt dann und wann die mancherlei Gewissensbisse in seiner Brust wohltätig überfluteten, blieb er aber doch in Berlin.
Schon ging es auf Weihnachten. Die Stadt lag im Schnee. Da riß ihn eine Drahtnachricht von Traugott Meister aus seiner seelischen Dumpfheit empor: »Lübeck. Kommen Sie. Werra Barensky durch Unglücksfall tot, Ihr Kind frei.«
Jäh erregt warf Ulrich sich in den Zug, ihm war, er könne die paar Stunden Fahrt nicht überleben. Er bildete sich ein, die Barensky sei wohl durch ein wildes Tier zerrissen worden, wie einst ihr Vater von einem Eisbären. Ihr Tod erschien ihm wie ein Gottesgericht, verdient durch den verhängnisvollen Peitschenhieb in Mainz und dadurch, daß sie ihn aus seinen ehrsamen Verhältnissen in ein schmachvolles Abenteurerleben hineingezwungen hatte. Der Haß gegen das Weib war in ihm doch stets größer gewesen als die Liebe, ihr Tod befreite ihn von einer unerhörten Last. Niemand trennteihn mehr von dem Sohn, er war Herr über das Schicksal des Jungen. Der Gedanke erfüllte ihn mit freudiger Ruhe. Was aber nun? Es erschien ihm als der einzige gute Ausweg, daß er mit dem Kinde in ein fremdes Land gehe, denn in die Heimat wagte er sich aus Scham mit ihm nicht. Was würden die braven Eltern und Geschwister sagen, was Nick, wenn er mit dem lebendigen Zeugen seiner Schmach vor sie hinträte? – Sobald wie möglich wollte er einen Brief an Szedesky schreiben, in dem er ihm die Erlebnisse des letzten Jahres freimütig bekannte, ihn fragen, ob er Arbeit für ihn in seiner Fabrik habe und ob es Gelegenheit gebe, den Knaben bei einer guten Frau unterzubringen, wo er ihn dann und wann sehen und seine Entwicklung überwachen könne.
Am Bahnhof in Lübeck holte ihn Traugott Meister ab. »Nun hat sich ja für Sie der Knoten wunderbar gelöst,« empfing er den Freund, »ich wollte, das Schicksal hätte den meinen ebenso gründlich durchschnitten. Die Mab hat Werra Barensky erschossen.« Ulrich fuhr zurück. »Die Mab?« – »Unglücksfall oder Verbrechen?« fuhr Meister fort. »Niemand kann's wissen. Die beiden knallten sich gestern gegen Abend zur Unterhaltung in einem Gasthofzimmer hohle Glaskugeln von den Köpfen, – ein neuer Trick für die Arena, in dem sie sich seit einiger Zeit übten. Da ereignete sich der verhängnisvolle Schuß. Als auf den Schreckensschrei der Kleinen die ersten Zeugen zu dem Unglück kamen, kniete sie über Werra Barensky, die, mitten in die Stirne getroffen, auf dem Boden lag. In wildem Jammer rief sie unausgesetzt: »Meine Herrin, meine Herrin!« Die Sterbendegab noch Lebenszeichen und jammerte leise nach ihrem Kind. Im ersten Augenblick glaubte jedermann an einen unglücklichen Zufall. Bald aber tuschelte es sich unter dem erschrockenen Artistenvolk herum, es handle sich um Liebesrache. Mab soll Beziehungen zu einem jungen Griechen gehabt haben, der in einem Handelshaus tätig ist. Die Barensky fand aber auch Gefallen an dem schwarzen Krauskopf, er gab ihren Lockungen nach, die Kleine überraschte die beiden, – und nach ein paar Tagen fiel der Schuß. Jetzt ist Mab in Untersuchungshaft.«
Meister führte Junghans in einen Zirkusschuppen. Da lag die Leiche der Werra Barensky schon im Sarg. Auf ihrer Stirne war ein roter Tupf sichtbar, nichts weiter, und das blasse Gesicht sprach noch lebhaft von ihrer kraftvollen Schönheit. Ulrich aber hatte nur wieder das Gefühl, es sei ein Gottesgericht ergangen, und fand darin etwas wie Versöhnung mit der Toten, die so unselig in sein und anderer Leben eingegriffen hatte.
Nun aber zu dem Kind! Er traf es wohlversorgt in dem Hotel, in dem Werra gelebt hatte und verunglückt war. Schon halbjährig saß es in seiner mit Spitzentüchern reich ausgestatteten Wiege, an Fremde gewöhnt streckte es ihm gleich lächelnd die Ärmchen entgegen. Und siehe da, es war ein schönes, wohlgebildetes Kind, es hatte tiefblaue Augen, nur das ansprossende dunkle Haar verriet den Einschlag des mütterlichen Blutes. Vom ersten Augenblick an hatte er den vergnüglich lallenden Buben unsäglich lieb und fühlte sich durch seinen Anblick von einem Lebensmut beseelt wie in den Tagen, da er die Barensky noch nicht gekannt hatte.Seinetwegen nahm er Quartier im Hotel, und noch am gleichen Abend schrieb er einen langen, herzbewegten Brief an Szedesky. –
Er kam von der Beerdigung der jählings Abgeschiedenen, die nun in fremder Erde ruhte. Von den vielen seltsamen Bildern des erschütterten Zirkusvolkes, das einer der Seinigen die letzte Ehre gegeben hatte, hinweg schlenderte er in der sich früh neigenden Wintersonne durch die von sieben schlanken Kirchhelmen überragte alte Stadt, besah sich etwas zerstreuten Sinnes die farbenfreudigen Häuser aus Backsteinen, die ihn an die heimatlichen Kachelöfen erinnerten, die Gassen mit den reichen, bunten Mauern, Erkern, Säulen, Gesimsen, den engen, hohen Fenstern und den treppenförmig aufgebauten Giebeln. Als aber der Sonnenschein wich, die flammende Winterabendröte des Nordens um die Türme schwebte und dann in grünen und violetten, unheimlichen Tönen erlosch, trat er zu einer Erfrischung in das alte Zunfthaus der Schiffergesellschaft. Er setzte sich einsam an einen Tisch und betrachtete die merkwürdige Einrichtung, an der seit mehr als dreihundert Jahren nichts geändert worden war, die erhöhten Plätze der Älterleute, die Wappen und Schnitzwerke, die von der Decke niederhängenden Schiffsmodelle und die fremdländischen Kuriositäten.
Da spürte er plötzlich den Blick eines vornehmen, etwas blassen jungen Mannes, der in der Nähe saß, forschend in seine Züge gerichtet. »Himmel, das ist ja Gerold von Jaberg!« durchzuckte es ihn. Sein erster Trieb war, den Jugendgenossen zu begrüßen, aber dieblitzschnelle Erinnerung, in was für einer heiklen Lebensangelegenheit er in Lübeck weilte, ließ ihn davor zurückschrecken. Um Gottes willen, wenn ihn Jaberg nur nicht erkannte! Er saß noch eine Weile qualvoll da, rief dann dem zudienenden Mädchen: »Fräulein, bezahlen, bitte.« Nur die drei Worte – Jaberg stand auf, trat an ihn heran, ergriff freudig seine Hand. »Und du bist es also doch, Ulrich! Sprich, was führt dich nach Lübeck?«
»Wanderschaft,« erwiderte Junghans betroffen. »Und dich?«
Jaberg, dem ein hübscher Schnurrbart gewachsen war, setzte sich in alter Freundschaft zu ihm hin. »Noch dasselbe wie vor zehn Jahren, als wir miteinander auf das Gymnasium in Konstanz gingen. Meine Mutter wohnt hier in der Nähe auf dem Gut Mecklenhof. Wenigstens zu Weihnachten, oft auch in den Sommerferien besuche ich sie. Was treibt man aber im Winter? Man unternimmt eine Schlittenfahrt in die Stadt, dreiviertel Stunden. Sonst lebe ich als Mediziner in Leipzig. Mein Vater ist leider gestorben, mitten in seinen dänischen Forschungen. Doch jetzt erzähle du – nein, einen bessern Vorschlag, wir gehen miteinander in den Ratskeller, setzen uns in eine Ecke, speisen und erneuern die gemeinsamen Erinnerungen an Eglisau und das Rafzerfeld. Du siehst doch, wie ich mich über unser Wiederfinden freue!«
Ja, das mußte sich Ulrich gestehen, Gerold war nicht mehr der Junge, der beim Abschied etwas verlegen die rußigen Risse in seinen Händen betrachtet hatte, sondernder offene Freund wie in den schönsten Tagen ihrer Jugendzeit, und er durfte sich ihm nicht entziehen.
Sie hatten in der weitgewölbten, von mächtigen Pfeilern gestützten Kellerhalle die schirmende Ecke gefunden, der Wein perlte in den Römern, das Gespräch über die Jugendtage floß. »Wie, Nick Tappoli ist in Zürich Verkäuferin!« rief Gerold. »Sie war mein Knabentraum, überhaupt eines der feinsten Mädchen, die ich je kennen gelernt habe.« Ulrich wurde bei den Worten sonderbar ums Herz, ein tiefes Heimweh kam über ihn, je länger desto mehr faßte er das alte Freundesvertrauen zu Jaberg. Von seltsamem Erleben ging ihm der Mund über. Was er gelitten hatte, was er hoffte, schüttete er in ergreifender Erzählung aus und hatte an Gerold einen verständnisvollen, warmbeseelten Zuhörer. Als sie den Keller verließen, war Mitternacht schon vorüber. »Ich bleibe in der Stadt«, versetzte Jaberg, »und statte dir morgen einen Besuch ab. Vielleicht kann ich dir beim Ordnen der merkwürdigen Angelegenheit irgendeinen Dienst leisten.« Als Ulrich unter schimmernden Nachtsternen durch die totenstillen Gassen heim in seinen Gasthof ging, spürte er die große Herzenserleichterung, daß er sich endlich einmal mit einem Vertrauten über seine wirren Erlebnisse hatte aussprechen können. Der Abend blieb ihm wohl in unvergeßlicher Erinnerung.
Die Hilfe Jabergs konnte er in der fremden Stadt brauchen. Der junge Mann mit dem bekannten, geachteten Namen führte ihn bei den Behörden ein, die sich der Angelegenheiten der Barensky bemächtigt hatten.Die Bemühungen, sich einwandfrei in den Besitz des Knaben zu setzen, waren mit mehr Widerständen verbunden, als Ulrich vorausgesehen hatte. Da die Künstlerin außer dem Juwelenschatz ein ziemliches Vermögen hinterlassen hatte, vermuteten die Beamten, hinter seinen Wünschen eine eigennützige Absicht und forderten peinvolle Aufschlüsse über seine Beziehungen zu der Artistin, sogar der unglücklichen Mab stellte man ihn gegenüber. Nach etwa acht Tagen hatte er es erreicht, daß man ihm das Kind übergab. Das Vermögen der Barensky aber blieb in amtlicher Verwahrung, die Behörden wollten abwarten, ob nicht noch andere Ansprüche geltend gemacht würden. Das Wesentliche für Ulrich war, daß ihm die freie Vatergewalt über den Sohn zugesprochen worden war.
Unterdessen war die Antwort von Szedesky eingegangen. »Herzbruder!« begann der Brief. In schlechtem Deutsch enthielt er ein freudiges Willkommen für Ulrich wie für sein Kind. »Ich habe die Liebe meiner Jugend zum Weib genommen, und sie hat mir ein Söhnchen geschenkt. Warum soll sie nicht gleich zwei Jungen Mutter sein? Und du bist ihr nicht fremd. Oft habe ich zu ihr gesagt: Teufel, wo ist mein Freund geblieben? Ich wußte fast sicher: in den Krallen der Barensky, Tigertier verfluchtes! Ich habe geseufzt: Armer Ulrich! und den Abend in Frankfurt in die Hölle gewünscht. Aber gottlob, das wilde Weib ist jetzt tot. Grüß Gott, Ulrich, im schönen Ungarland!«
Junghans leuchteten die Augen über den Zeilen. Was ist es Herrliches um echte Männerfreundschaft!
Auch die Jabergs kamen ihm noch zustatten. Bei einem Besuch, den er auf dem Gut Mecklenhof machte, berieten sie, wie die weite Reise mit dem Kleinen am leichtesten einzurichten sein möge. »Wir haben hier auf dem Gehöft eine junge Knechtsfrau, Polin, die vor ein paar Monaten ein Kind geboren hat. Ich glaube, sie würde sich vortrefflich als Wärterin während der Eisenbahnfahrt eignen. Nur müßtest du ihr wieder für die Rückfahrt sorgen.« »Was tut's!« erwiderte Uli. »Ich habe in Berlin sparsame Monate gehabt.« Nach einigen Bedenken ließ sich das Weib gewinnen.
Ein paar Tage nach Neujahr hatte Ulrich auch seine Geschäfte in Berlin geordnet, und es kam die Abreise zudritt von Lübeck. Auf dem Bahnsteige standen zum Abschied Gerold Jaberg und Traugott Meister und schüttelten ihm die Hand. Sie gingen gemeinsam in die Stadt zurück. »Junghans ist einer der edelsten Menschen, die mir je begegnet sind,« plauderte Meister. »Unter uns Männern fast ein weißer Rabe,« erwiderte Jaberg. »Wie selten sorgt sich einer um sein uneheliches Kind!«
Ulrich aber fuhr mit seiner nicht alltäglichen Begleitung bald in guten, bald in schlechten Zügen dahin. Das Kind saß zufrieden auf dem Schoß der kleinen, dicken Wärterin und wollte ihr stets in die schwarzen Kirschenaugen greifen, als wären sie Spielzeug. Er aber dachte: Eine Mutter sollte der Uli doch wieder haben! Seine Gedanken kreisten um die ferne Nick. Plötzlich aber schüttelte er den Kopf so heftig, daß die Polin ihn verwundert anblickte. Wie durfte er sich in seinen Sinnennoch an Nick heranwagen? Wenn sie um seinen Buben wüßte, hätte sie für ihn ja doch nur das Herz voll kalter Verachtung. Er hatte erlebt, was kein Weib verzeiht. Und ihm war, durch das Rollen des Zuges gehe eine wehmütige Melodie von verscherzter Liebe. Ein Blick aber in die leuchtenden Kinderaugen – und das Herz schlug ihm höher. Sein Leben hatte nun doch einen großen Zweck!