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In eingehendem Gespräche setzte Nick am nächsten Tage der Frau Professor auseinander, was für Beziehungen zwischen ihr und Jaberg bestanden hatten. Im tiefsten Grunde ihrer Seele sei sie dem Schicksal dankbar, daß es dem Schwanken ihrer Gefühle ein Ende gemacht und sie zur Klarheit geführt habe. Zum ersten Male sprach sie mit der verständnisvollen Frau auch über Ulrich Junghans und machte kein Hehl daraus, daß es vor allem das uneheliche Kind des Jugendfreundes sei, das ihr den Weg zu ihm zurück verschließe.
Da glitt ein feines Lächeln über die ernsten Züge der Frau Bretscher, und mit ihrer sanften Stimme, die Nick schon oft wohlgetan hatte, sagte sie ruhig: »Ich verstehe das gut, liebe Monika, und an Ihrer Stelle würde ich wahrscheinlich ebenso fühlen. Ich weiß auch nicht, ob ich an Ihrem Platze klug und großherzig genug sein würde, um den Vorstellungen einer lebenserfahreneren Freundin Raum zu geben. Es handelt sich aber in dieser Angelegenheit doch um Vorurteile, über die ein edler Mensch sich hinwegsetzen kann und muß. Glauben Sie nicht, daß ich irgendeiner Zügellosigkeit das Wort reden will, – Sie kennen mich ja gut genug, um mich hierin nicht mißzuverstehen. Ich meine aber, daß es nichts Schöneres gibt für ein Menschenherz,als einem Verirrten auf den rechten Weg zurückzuhelfen, den er so gern wieder einschlagen möchte – und den er einschlagen würde, wenn ihn die Scham über seine Verirrung nicht hinderte. Dafür aber, daß er eine hilfreiche Hand verdient, gibt es doch wohl keinen besseren Beweis als eben diese Scham. – Und weiter,« fuhr sie nach einer Pause fort, in der sie die sinnende Miene Nicks mit stiller Freude beobachtete, »weiter, liebe Monika: Soll denn das Büblein, das aus dieser wilden Ehe geboren ist, lebenslänglich die Schuld seiner Eltern büßen, an der es doch so ganz unschuldig ist? Liegt nicht auch da für ein edles Frauenherz eine schöne, eine wunderschöne Aufgabe?«
Mit diesen Worten erhob sich die Frau Professor und reichte der immer noch versunken Dasitzenden beide Hände. Nick ergriff sie, herzliche Dankbarkeit in den großen dunklen Augen, und stand gleichfalls auf. »Hätte ich Sie doch schon früher kennen gelernt, Frau Professor,« sagte sie einfach. »Da wäre mir wahrscheinlich mancher Irrtum und mancher Irrweg erspart geblieben. Aber wer weiß, wozu auch die gut gewesen sind – für mich wie für Ulrich.«
»Sicherlich waren sie das,« bestätigte Frau Bretscher. »Nun aber sagen Sie mir: was wollen Sie tun, um den Faden wieder aufzunehmen, der zwischen Ihnen und dem Jugendfreunde zerriß?«
»Darüber will ich mit seiner Schwester beraten,« gab Nick ohne Zaudern zurück.
In der Tat ging sie noch an diesem Tage zu Marie Keller, die ein Töchterchen in den Armen wiegte.Sie bewunderte das halbjährige, wohlgedeihliche Kind, wie es das Mutterherz erfreute, bei einer günstigen Wendung des Gespräches aber führte sie jenen Namen, der so lange unausgesprochen zwischen ihnen geblieben war, endlich wieder einmal über die Lippen.
Die kräftige Marie sank mit ihrem Kinde in einen Stuhl zurück. Mit wenigen Worten, deren Kälte Nick ins Herz schnitt, tat sie den Bruder ab. »Die Eltern vergrämen sich in Sorge um ihn, nach all den übeln Gerüchten haben sie selber von ihm nichts mehr gehört, und alle Versuche, von seinem Aufenthalt etwas zu erfahren, sind vergeblich geblieben. Wir müssen fast wünschen, daß er irgendwo ein nicht allzu böses Ende gefunden habe. Wenn die Eltern nur diese traurige Gewißheit hätten!«
Nun wurde Nick die Anwaltin Ulrichs, und sogleich merkte Marie, daß die Freundin mehr um den verschollenen Bruder wußte als die eigene Familie. »So sprich doch – um Gottes willen erzähle! – Was weißt du durch Jaberg von ihm?«
Nick hielt nicht hinter dem Berge und gestand der überraschten Frau Keller alles und jedes, was sie von Ulrich wußte.
»Ein Kind – ein uneheliches Kind – von der wilden Frau!« schrie Marie auf, daß selbst die Kleine auf ihrem Arm unruhig wurde und zu weinen begann. »Nun verstehen wir! – Nein, so kann er freilich nicht heimkommen, der Taugenichts! – Das ist eine Schande für die Familie!«
»Wenn ich aber Ulrich für mich heimrufe,« trotzteNick, »wenn ich seinem Jungen Mutter werden will?«
»Nie – nie darfst du das tun!« empörte sich Marie, die über die Enthüllungen Nicks an Leib und Seele zitterte.
Es war ein Glück, daß in diesem Augenblick Lehrer Keller, der aus der Nachmittagsschule kam, zu den beiden aufgeregten Jugendfreundinnen trat. Sein Erscheinen beruhigte die fassungslos gewordene Marie. Zwar auch er war mächtig überrascht, daß durch Nick plötzlich hellscharfes Licht in das Dunkel fiel, das bisher das Schicksal seines ihm unbekannten Schwagers Ulrich umgeben hatte, aber er nahm die Tatsachen leichter als seine bebende Frau. Er bat sich die Freiheit aus, Nick bis zu ihrer Pension zurückbegleiten zu dürfen. Sie wählten dafür einen weiten Umweg und besprachen den Lebensgang Ulrichs noch einmal eingehend. Beim Abschied sagte er in seiner trockenen Art: »Ja, liebe Nick, ich glaube doch, daß Sie den geplanten Brief schreiben dürfen. Schon schwierigere Dinge sind in der Welt ins Blei gebracht worden. Mag die Familie Junghans sich jetzt entsetzen vor Scham, – wenn Uli und sein Kind einmal dastehen, so siegt ja doch die Stimme der Natur und des Blutes. Bei meiner Marie werde ich zuerst dafür besorgt sein!«
Unter der Adresse, die ihr aus Jabergs Erzählung fest in Erinnerung geblieben war, schrieb nun Nick an Ulrich Junghans in Debreczin den Brief, wie sie sich ihn zurechtgelegt hatte. Ohne Angabe, woher sie seinen Wohnsitz kenne, legte sie ihm einfach die Pflicht nahe, seinen um ihn tiefbesorgten Eltern ein Lebenszeichenzu geben. »Am besten aber würde es sein, wenn Sie sich zu einer Reise in die Heimat entschließen könnten.«
Ein einfaches »Auf Wiedersehen!« vor ihrer Namensunterschrift war das einzige, woraus Ulrich erkennen mochte, daß auch ihrerseits ein herzliches Willkommen seiner warte. Es schien ihr deutlich genug.
Eine Woche hatte sie nun Zeit, sich das Gesicht Ulrichs auszumalen, wenn ihn ihr Brief überraschte, wenn sich der aus freiem Entschluß Verschollene von der Heimat entdeckt sah. War es ihm ein Schrecken oder eine Freude? Vielleicht beides zusammen.
Da sprach unerwartet Marie für einen Augenblick in der Pension Bretscher vor. »Liebe Nick,« sagte sie etwas beschämt. »Ich muß dir nun doch für den Brief an Uli danken. Er hat den Eltern in Eglisau geschrieben. Bei ihnen herrscht unbeschreibliches Glück darüber, daß er Direktor einer großen mechanischen Werkstätte ist und daß er sie bald einmal zu besuchen gedenkt. Davon, daß du ihm einen Stoß gegeben hast, steht in seinem Brief kein Wort, die Eltern sind also überzeugt, sein Schreiben und seine Heimkehr kommen aus freiem Entschluß, und freuen sich darüber um so mehr. Mein Mann und ich stören sie in dem Glauben nicht. Und auch, was den Jungen betrifft, mischen wir uns nicht ein. Uli soll das selber mit Vater und Mutter ausmachen. Mein Mann hat mir über meine Ansichten in diesen Dingen den Kopf so gründlich gewaschen, daß ich jetzt lieber den Mund halte. Neugierig bin ich bloß, ob Uli den Jungen mit in die Heimat bringt.«
Marie verließ Nick mit freudestrahlenden Augen, und diese selber trug ein Glück im Herzen, daß sie oft an sich halten mußte, um nicht das Haus mit ihren Liedern zu erfüllen. Manchmal klopfte ihr aber auch das Herz heftig, dann, wenn sie sich ein Bild zu machen suchte, wie sich wohl das Wiedersehen zwischen ihr und Ulrich gestalte. Warum schrieb er ihr nicht im voraus eine Zeile? –
So waren wieder vierzehn Tage vergangen. Da kam Maries Mädchen als Botin und überbrachte ein Briefchen: »Liebe Nick! Neuigkeiten von Uli. Komm vorbei. Ich möchte Dir etwas zeigen. Gelt, Du kommst, so geschwind es Dir möglich ist? Marie.«
Nick legte die Bitte der Frau Bretscher vor. »Selbstverständlich. Sie gehen sofort zu Ihrer Freundin,« entschied diese nach kurzem Besinnen. »Ich verstehe Sie und folge Ihrer Freude teilnehmend, doch auch in der Vorahnung, daß wir Sie, liebe Monika, bald verlieren werden. Aber jetzt Glück auf den Weg!«
Als Nick in die Lehrerwohnung trat, hielt ihr Marie ein Bild hin. »Schau einmal!« sagte sie mit schelmischem Blick und beobachtete die Freundin mit verhaltener Neugier. Auf dem Bilde war ein Kind zu sehen, mit edel geschnittenen Zügen und tief dunkeln Augen, ein Kind, dessen Geschlecht aus der Kleidung noch nicht zu erkennen war, das aber wohl ein Knabe sein mußte, da es mit kräftigem Händchen einem stattlichen Schaukelpferd in die Mähne griff.
Nur ein Herzschlag: – »Der kleine Uli!« rief Nick. »Der kleine Uli! Wie herzig!«
Sie hatte es aber kaum gesagt, als die Tür des Nebenzimmers aufgerissen wurde. Ein großer, bärtiger, gebräunter Mann stürmte herein. Froh, frisch, gesund, mit blanken Augen und ausgebreiteten Armen eilte er auf sie zu: »Nick – Nick!«
Ihm antwortete ihr jauchzender Ruf: »Ja, Ulrich, da bin ich!« Und sie sank an seine Brust.
Marie aber hatte das Zimmer heimlich verlassen. Die beiden sollten allein sein in der Stunde ihres endlichen Sichwiederfindens.
Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart