Vorwort
Vor etlichen Jahren überreichte mir eine inzwischen verstorbene Zürcher Dame in zwei Heften ihre Lebensbeschreibung wie die ihres Mannes, der ihr bereits im Tod vorangegangen war. Die alte, aber stets noch lebhafte »Frau Nick Tappoli« äußerte dabei die Hoffnung, daß mich die bewegten Schicksale, die in den Aufzeichnungen enthalten sind, zur Gestaltung eines Romans anregen möchten. Nun habe ich als Schriftsteller immer das Gefühl gehabt, daß für uns eigentlich nur die Stoffe gut und dankbar sind, die ohne äußeres Dazutun aus der eigenen Seele keimen und wachsen. So ließ der Roman der »Nick Tappoli« auf sich warten, und die Anregerin selber hat also die Erfüllung ihres Wunsches nicht mehr erlebt.
In der langen Öde der Kriegszeit aber, die sich allem friedlich dichterischen Schaffen so furchtbar feindlich erwies, geriet ich wieder einmal über die beiden Manuskripte und suchte in ihrer Bearbeitung Vergessen von den wehen Eindrücken der Weltbegebenheiten. So entstand der Roman doch. Inwieweit nun das Werk das geistige Eigentum der Verstorbenen ist, inwieweit ich den Stoff ausgebaut und gerundet habe, möge vor den Lesern nicht erörtert werden; es genüge die Feststellung, daßich die etwas merkwürdigen Linien der Handlung getreu aus den Heften der Zürcher Dame übernommen habe und mir nur an ihrer Vereinfachung gelegen sein ließ. Ich machte dabei die alte Erfahrung, daß die Wirklichkeit des Lebens viel freier und willkürlicher mit den Menschenschicksalen spielt, als es die dichterische Phantasie in einer nach künstlerischen Gesichtspunkten aufgebauten Erzählung wagen darf. Der Leser möge es entschuldigen, wenn er Spuren davon auch im Buche noch findet.
Bei dem teilweise Zürcher örtlichen Gepräge des Buches liegt mir noch an der Erklärung, daß ich darin alles, was auf bekannte Lebende oder Verstorbene deuten könnte, nach bestem Wissen und Gewissen ausgemerzt habe. Das beliebte Spiel, die Vorbilder der Gestalten eines Romans auszuforschen, hätte in diesem Fall keinen Sinn und würde nur zu falschen Vermutungen führen.
Möge »Nick Tappoli« aufgenommen werden als das, was das Buch ist: ein mitten aus der Flut des Lebens geschöpftes Beispiel menschlichen Ergehens, ein Zeugnis, wie Kraft und Unvermögen, Irrtum und Erkenntnis uns den Weg bereiten.
J. C. Heer