Vierter AufzugDie Dorfkirche von Norby. Im Hintergrund der Altar. Morgengrauen. Von draußen Feuerschein. Lärm. DerAmtmannund derKüstertreten auf.Der AmtmannDas war ein guter Einfall für uns zwei.Gelobt sei Gott! Ist auch die Tür verschlossen?Der KüsterSehr fest, Herr Amtmann. In die Sakristeiführt noch ein Pförtchen, das die Mordgenossendes Satans, draußen, hoffe ich, nicht kennen.Sie werden noch den ganzen Ort verbrennen.Der AmtmannHalunken sind es. Pack! Barbaren!Da hilft nicht Rechtsgewalt, da hilft kein Drohn.Doch später soll der Pöbel mir erfahren,wer Amtmann ist. Bernd Oerlsunds Sohngebärdet sich, als sei er Herr im Ort.Mir liefen meine eignen Knechte fortund höhnten noch, als ich sie halten wollte:Ob man das Amthaus auch verbrennen sollte.Der KüsterDer Himmel sei uns Heimgesuchten nah.Das ist das schlimmste Unheil, das ich sah.Um unsern schönen Pfarrhof ist’s geschehn.Wer wird den Pfarrer lebend wiedersehn?Der AmtmannIch warf mich der verrohten Schar entgegenund schrie, daß mir noch jetzt die Kehle brennt:Um Jesu willen und der Kirche wegen,zurück ein jeder, der den Amtmann kennt!Ein langer Flegel, den ich nicht erkannte,hob eine Stange, dick, wie Ihr hier seht,die er mir meuchlings in den Körper rannte.Ich wäre tot, hätt ich mich nicht gedreht. —Gelobt sei Gott, der uns die Kirche gab.Ach, merkt doch gut, was ich gerufen hab’,daß die Regierung später recht erfährt,daß ich dem Aufruhr nach Gebühr gewehrt.Der KüsterIch geb es Euch auf Eid, verbrieft, versiegelt.Mein Gott, was ändert das am Tatbestand?Naemi hat die Burschen aufgewiegelt.Wer gab die Macht in ihre schwache Hand?Wo führt das hin? Der Satan soll uns schonen.Wer hätte das von einem Weib geglaubt?Wir haben sie dem Meere einst geraubt,nun rächt es sich. Das Meer gebiert Dämonen.Der AmtmannWär nur die wüste Bande eins geblieben;es würde leichtes Spiel gewesen sein.Sie hätten uns den Pfarrer bald vertrieben.Nun aber plötzlich bilden sich Partein.Schon kracht die Tür, der Dachfirst loht,da plötzlich sieht sich Freund von Freund bedroht,und unterm Tor, im rauchenden Gedränge,entwickelt sich ein blutig Handgemenge.Der KüsterIch sah’s. Ein Bursch, ein halber Knabe noch,warf sich dem jungen Oerlsund blind entgegen,ganz ohne Waffen, schweigend, totverwegen.Wo Oerlsund zupackt, schließt das letzte Loch.Er sank ihm wie ein Toter von der Brust.Der Oerlsund hat den rechten Griff gewußt.Herr Gott, wenn ich mir denke, diese Faustsäß’ mir am Halse ... Heiland, wie mir graust!Der AmtmannWas soll man da für Recht und Unrecht halten?Mir schwankt das Herz in Zorn und tiefem Leid.Und wo der Himmel, wo die Hölle walten,erkennt kein Sterblicher mit Sicherheit.Gewiß ist nur, der Pfarrerwollteleiden,was trieb sein Herz in Kämpfe und Gefahr?Ich möchte nicht mit Sicherheit entscheiden,von welchem Geiste dieser Fremde war.Der KüsterMir scheint vor allen Dingen eins gewiß,er säte Zwiespalt, brachte Ärgernis.Der AmtmannDas kann man auch von Jesus Christus sagen,ist man in Zweifel, darf man Euch nicht fragen.Doch still! Horcht hin! Die Tür der Sakristei!Sie haben uns entdeckt. Es ist vorbei!Der KüsterUns sucht ja niemand. Still, gemach ...Die wollen Schutz hier unter unserm Dach.Das sind nicht Feinde, hört sie draußen heulen.Wir werden sehn, dort decken uns die Säulen.Beideab. DerPfarrervon Norby undNaemitreten auf, hinter dem Altar hervor, der Pfarrer auf Naemi gestützt.Arnesinkt auf den Stufen des Altars niederDer Bursche traf mich gut!NaemiOh sieh mich an!Erkennst du mich? Ich bin es, die dich führt,und was geschah, hab ich, nur ich getan.Du darfst nicht sterben!ArneNur was mir gebührt,geschieht mir. Laß nun dein Bemühn,das du als gut und böse nicht erkannt.Es ist zu spät, mein Leben floß dahin.NaemiOh laß dir helfen! Laß mich meine Handauf deine Wunde pressen. — Hilf mir doch!Du grausam Unerbittlicher am Kreuz!ArneLaß mich, sei ruhig. Sieh, ich leide kaum.Dein Schmerz verdunkelt mir den letzten Traum.Ich weiß, daß sich mein Dasein nun beschließt.Hab Dank, daß du mich nicht verließt.Gerechtigkeit, oh Mutter du im Leid!Du Ursprung aller Schmerzen, du ihr Heil,du ihre Stillung, segne nun mein Teilam Gut des Guten, das ich unbereitund ohne Kraft, im nie befleckten Kleid,empfing und nahm, nach aller Menschen Weise.Gerechtigkeit, du Ziel der irdischen Reise,du Ursprung aller Schmerzen, du ihr Heil,du ihre Stillung, nun der liebste Teilder weiten, weiten Hoffnung meiner Seele.NaemiOh dunkle Mächte, die ihr dies gewolltund dies gekonnt, erbarmt euch meiner Qual!Die ich durch dich dies Schreckliche gesollt,erlös mich, Liebster, noch dies letzte Mal.Sprich gut zu mir! Mach alles wieder gut,wie du so oft mein rasches Blut geheilt.Oh sieh mein Dasein, martervoll zerteilt,wie es zerstört in deinen Händen ruht.— Ich war ein Kind, als ich die Augen hobzu deiner Kraft und deinem großen Wesen.In deiner Andacht und in deinem Lobbin ich zu jener Freiheit erst genesen,der ich vertraute, ohne Recht und Glück,weildeineSeele sie in mir erschuf.Nun schlug die Glut auf ihren Gott zurück,die nicht bestand aus eigenem Beruf.Oh, sei barmherzig, sieh, mein blinder Haßwar dir zur Ehre, wie einst jede Lust.Wie meine Liebe, die ohn’ Unterlaßnur dich und nur von dir gewußt.ArneAuf meinem Sinn lag noch der dunkle Kranzverblichnen Ruhms und überwundner Stärke.In meinem Herzen war der lichte Glanzder neuen Zukunft zweiflerisch am Werke.Nun ist mir so, als ob ein groß und schwerVermächtnis an die Menschheit mich bedrückte,als ob ein Licht von weit, weit hermeine zerbrechenden Kräfte schmückte.Als müßt ich aufspringen, die Arme empor,und endlich, endlich alles verkünden.Und weiß doch nur: Ich wollte finden,und brach in die Kniee am Tor.NaemiOh, lehr mich fassen, was mein Herz getan.Sieh nicht sein Tun, sieh seine Wunden an.Oh Übermaß, oh tugendlose Glut,mein höchstes Heil und Elend, du mein Blut,dich klag ich an, du Strom, der nie geruht!Der seligsten Gewißheit freies Weinen,der helle Stolz, von hohem Wert entfacht,erlischt zerbrochen, klagend, unter deinem,in meines Schmerzes wilder Übermacht.Verflucht sei Anspruch, Glut und jene Treue,die mich erhob im Abglanz meines Rechts.Verflucht sei meines törichten GeschlechtsBeruf, die ich den eignen Wert bereue.ArneKlag nicht Natur, klag nicht dein Wesen an,Beschwörerin des Todes du in Flammen.Sein kühles Kleid schließt uns erst ganz zusammen,erst mit dem Tode führt der Weg hinan.Der reichen Herzen oft beweintes Glückbleibt irdisch doch in Schuld und Weh verwoben.Natur, unwandelbare, dich zu loben,erleichtert mich, beständiges Geschick!Du hast den Geist zum Licht emporgehoben.Wer aber faßt dich, unverführten Sinns,wer will Gott nennen, noch in dir betrübt?Wir rühmen traurig, was wir heiß geliebt,und preisen es als Krone des Gewinns.Oh Traum der Welt, so lieblich du, so eitel,wie sank dein Glanz, wenn ich im Geiste lebte.Da lag des Vaters Hand auf meinem Scheitel,da war mein Glück so rein, daß ich erbebte.Erkenntnis du, oh aller Sehnsucht Herz,du reines Glück, du Liebe ohne Schmerz!NaemiIch hab’s getan. Ich hab’s getan!Oh, laß mich sterben. Ich bin schuld daran.ArneMein abgewandtes Antlitz war dir feind.Wo ist dein Sohn, daß du mir ganz vergibst?Wo ist dein Sohn, daß du mich ewig liebst,wie eines edlen Weibes Sehnsucht meint.Oh Heil, oh Gram in deinem Leib und Wesen.Du Pfad, du blühender, der Wiederkunft.Berufen du, in Leiden zu genesen,als Gottes Mutter selige Vernunft!Triumph im Leid, du Sieg auch über mich!Du blühst im Licht, oh liebliche Gestalt.Ach, daß mein Blut dem frohen Sinn entwich,aus dessen Glanz, mit zwingender Gewalt,das neue Angesicht des Gottes taut,der noch so schmerzreich auf uns niederschaut.NaemiDer Altar deiner Kirche hütet dich.Du bist in Sicherheit. Oh, sieh auch mich!ArneNahm mich die alte Kirche freundlich auf?War ich ihr Kind noch, daß sie mich empfängt?Oh, welche Macht hat mich hierher gelenkt,die mich zuletzt in diesen Frieden drängt,als sei er noch mein Erbteil und mein Dank.Hast du dein Kind zurückgerettet,du trüber Geist, den ich mit Inbrunst haßte,daß nun dein Sinken spät noch die erblaßteund kalte Stirn in seinen Schatten bettet?Daß mir im Licht der neuen Lebensmachtder Wert der alten mütterlich erglänze,daß so die Zukunft die verwehten Kränzedes alten Ruhms dem neuen würdig macht?Denn nur aus alter Wahrheit blüht die neue!Erlöser, gib, daß ich sie sterbend schau,und daß im Scheiden die verirrte Treuesehend dem neuen Licht vertrau.NaemiOh sieh mich an! Bin ich dir nichts?Wem gilt das Leuchten deines Angesichts?Arnezu Christus emporIch haßte, was dein lichtes Bild entstellt,und haßte, die dein Erbe frech entweihten,der du, geneigt, den reinen Sinn der Weltgeläutert hast im Licht der Ewigkeiten.Gekreuzigter, wer krönte dein Erblassen?Was sah dein Auge, als es einsam brach?Was litt dein Herz, als deine Lippe sprach:Warum dich Gottes Herrlichkeit verlassen?Sei mir geneigt, du, dessen Kraft besteht,in dessen Wahrheit endlich doch vergeht,was unsre Armut deinem Wert genommen.Wenn auch mein armes Lebenswerk verweht,ist doch dein Reich in mir gekommen.Du weißt, es gibt kein andres Gerichtin der Welt als das Licht.ZusammensinkendDem ich mich nun erst ganz vertrau,da ich es leiblich nicht mehr schau.Stimmen, Lärm und stürmisches Pochen gegen die Tür der Kirche.NaemiDa kommt der Tod, den ich geweckt!Sie stürmen die Kirche, wir sind entdeckt.Ach, könntest du mich einmal noch erkennen,daß mich ein letzter guter Blick versteht.Dein Auge bricht, und deine Lippen brennen,derweil dein Leib vor Durst vergeht.Das Kirchentor kracht unter dem Ansturm der Burschen.Dein Blick erlischt. Oh, sieh mich an.Oh, sprich ein Wort. Beweg die Hand!Sie entdeckt auf dem Altar den Kelch, hebt ihn herunter und setzt ihn dem Sterbenden an die Lippen.Das ist das Letzte, was ich geben kann.Die Stimme Holgersvon draußenStoß zu! Verflucht sei jede Hand,die nicht mit ganzem Willen schändet!Stoß zu! Solang der Satan nicht verendet,hält keiner unserm Ansturm stand.Eine schreiende FrauenstimmeErrette deine Kirche, Jesus Christ!Eine zweiteDie ganze Hölle ist zu Mord erwacht!Eine dritteHelft, helft, mein Sohn verblutet sich zu Tod!Eine MännerstimmedazwischenDurch Blut wird mehr gereinigt als befleckt.Hol ihn der Teufel, wenn dein Sohn verreckt!Die Kirchentür kracht zusammen.Holgertritt auf, gefolgt von denBurschen.Holgerim AnsturmDaß dein verfluchtes Leben endlich ende!Er prallt entsetzt zurück, als erNaemierblickt, den Kelch in ihrer Hand und den sterbenden Pfarrer am Altar im Licht der Morgensonne, das durch die zerschlagene Tür fällt. Hinter ihm sammeln sich, gehemmt durch ihn, die verwilderten und blutenden Gestalten der Burschen. Männer und Frauen drängen nach. Lärm und Rufe verstummen.ArneaufgerichtetEin neuer Morgen wird sein Lichtauf fernes Blühn der Berge tunund über mein Gesicht ...Herr Christ, laß dein lebendig Blutauch über mein vergänglich Guthinfließen. Laß mich ruhn.Er stirbt.Holgerlangsam vordringend, zuNaemi, die sich schützend vor die Leiche des Pfarrers stelltIst das der Sinn, um den ich rang und litt?Ist das der Lohn, um den ich redlich stritt?So sei durch mich der Frevelmut gesühnt,zu dem dein Schmerz der Liebe sich erkühnt.War ich ein Tier, ein Narr, ein Ungeweihter,daß du mein Glühn mit dieser Schmach bedankst?So freß die Glut, an der du Dirne krankst,in alle Ewigkeiten an dir weiter!HolgererstichtNaemi.NaemiWas ich dir antat, mußt ich tun ...Laßt mich an seinem Herzen ruhn.Sie sinkt über die LeicheArnesund stirbt. DerAmtmann, derKüstertreten auf, hinter den Säulen hervor.Der Amtmannzu den Burschen, aufHolgerweisendEr ist der Mörder. Haltet ihn!Im Namen des Gesetzes bindet ihn.Der KüsterWagt ihr zu trotzen, wo der Herr gerichtet!?Der AmtmannHier hat ein schändlich Dunkel sich gelichtet.Gerecht und ernsthaft fügte das Geschickzu grausem Zeichen, euch, den arg Betörten,ein rasches Ende. Ungeweihtes Glückund Schmach der Sünde fällten die Zerstörten.HolgerTu deine Pflicht, doch schweige, närrischer Held,vor diesem Schauspiel unerhörter Leiden.Vernichte mich, den Mörder dieser Beiden,nach nützlicher Gerechtigkeit der Welt.Doch schweigen, schweigen soll das arme Rechtder Lebenden, vor solcher Pflicht zum Sterben.Nur das Erbarmen reicht an ihren Thron.Erbarm auch meiner dich, o Gottes Sohn,laß meine arme Seele nicht verderben.Der AmtmannHinaus mit ihm, in Kerkerhaft und Ketten!Die Burschen dringen aufHolgerein.HolgerTut, was euch hilft. Ich habe nichts zu retten.Ende
Die Dorfkirche von Norby. Im Hintergrund der Altar. Morgengrauen. Von draußen Feuerschein. Lärm. DerAmtmannund derKüstertreten auf.
Die Dorfkirche von Norby. Im Hintergrund der Altar. Morgengrauen. Von draußen Feuerschein. Lärm. DerAmtmannund derKüstertreten auf.
Der Amtmann
Das war ein guter Einfall für uns zwei.Gelobt sei Gott! Ist auch die Tür verschlossen?
Der Küster
Sehr fest, Herr Amtmann. In die Sakristeiführt noch ein Pförtchen, das die Mordgenossendes Satans, draußen, hoffe ich, nicht kennen.Sie werden noch den ganzen Ort verbrennen.
Der Amtmann
Halunken sind es. Pack! Barbaren!Da hilft nicht Rechtsgewalt, da hilft kein Drohn.Doch später soll der Pöbel mir erfahren,wer Amtmann ist. Bernd Oerlsunds Sohngebärdet sich, als sei er Herr im Ort.Mir liefen meine eignen Knechte fortund höhnten noch, als ich sie halten wollte:Ob man das Amthaus auch verbrennen sollte.
Der Küster
Der Himmel sei uns Heimgesuchten nah.Das ist das schlimmste Unheil, das ich sah.Um unsern schönen Pfarrhof ist’s geschehn.Wer wird den Pfarrer lebend wiedersehn?
Der Amtmann
Ich warf mich der verrohten Schar entgegenund schrie, daß mir noch jetzt die Kehle brennt:Um Jesu willen und der Kirche wegen,zurück ein jeder, der den Amtmann kennt!Ein langer Flegel, den ich nicht erkannte,hob eine Stange, dick, wie Ihr hier seht,die er mir meuchlings in den Körper rannte.Ich wäre tot, hätt ich mich nicht gedreht. —Gelobt sei Gott, der uns die Kirche gab.Ach, merkt doch gut, was ich gerufen hab’,daß die Regierung später recht erfährt,daß ich dem Aufruhr nach Gebühr gewehrt.
Der Küster
Ich geb es Euch auf Eid, verbrieft, versiegelt.Mein Gott, was ändert das am Tatbestand?Naemi hat die Burschen aufgewiegelt.Wer gab die Macht in ihre schwache Hand?Wo führt das hin? Der Satan soll uns schonen.Wer hätte das von einem Weib geglaubt?Wir haben sie dem Meere einst geraubt,nun rächt es sich. Das Meer gebiert Dämonen.
Der Amtmann
Wär nur die wüste Bande eins geblieben;es würde leichtes Spiel gewesen sein.Sie hätten uns den Pfarrer bald vertrieben.Nun aber plötzlich bilden sich Partein.Schon kracht die Tür, der Dachfirst loht,da plötzlich sieht sich Freund von Freund bedroht,und unterm Tor, im rauchenden Gedränge,entwickelt sich ein blutig Handgemenge.
Der Küster
Ich sah’s. Ein Bursch, ein halber Knabe noch,warf sich dem jungen Oerlsund blind entgegen,ganz ohne Waffen, schweigend, totverwegen.Wo Oerlsund zupackt, schließt das letzte Loch.Er sank ihm wie ein Toter von der Brust.Der Oerlsund hat den rechten Griff gewußt.Herr Gott, wenn ich mir denke, diese Faustsäß’ mir am Halse ... Heiland, wie mir graust!
Der Amtmann
Was soll man da für Recht und Unrecht halten?Mir schwankt das Herz in Zorn und tiefem Leid.Und wo der Himmel, wo die Hölle walten,erkennt kein Sterblicher mit Sicherheit.Gewiß ist nur, der Pfarrerwollteleiden,was trieb sein Herz in Kämpfe und Gefahr?Ich möchte nicht mit Sicherheit entscheiden,von welchem Geiste dieser Fremde war.
Der Küster
Mir scheint vor allen Dingen eins gewiß,er säte Zwiespalt, brachte Ärgernis.
Der Amtmann
Das kann man auch von Jesus Christus sagen,ist man in Zweifel, darf man Euch nicht fragen.Doch still! Horcht hin! Die Tür der Sakristei!Sie haben uns entdeckt. Es ist vorbei!
Der Küster
Uns sucht ja niemand. Still, gemach ...Die wollen Schutz hier unter unserm Dach.Das sind nicht Feinde, hört sie draußen heulen.Wir werden sehn, dort decken uns die Säulen.
Beideab. DerPfarrervon Norby undNaemitreten auf, hinter dem Altar hervor, der Pfarrer auf Naemi gestützt.
Beideab. DerPfarrervon Norby undNaemitreten auf, hinter dem Altar hervor, der Pfarrer auf Naemi gestützt.
Arne
sinkt auf den Stufen des Altars nieder
sinkt auf den Stufen des Altars nieder
Der Bursche traf mich gut!
Naemi
Oh sieh mich an!Erkennst du mich? Ich bin es, die dich führt,und was geschah, hab ich, nur ich getan.Du darfst nicht sterben!
Arne
Nur was mir gebührt,geschieht mir. Laß nun dein Bemühn,das du als gut und böse nicht erkannt.Es ist zu spät, mein Leben floß dahin.
Naemi
Oh laß dir helfen! Laß mich meine Handauf deine Wunde pressen. — Hilf mir doch!Du grausam Unerbittlicher am Kreuz!
Arne
Laß mich, sei ruhig. Sieh, ich leide kaum.Dein Schmerz verdunkelt mir den letzten Traum.Ich weiß, daß sich mein Dasein nun beschließt.Hab Dank, daß du mich nicht verließt.Gerechtigkeit, oh Mutter du im Leid!Du Ursprung aller Schmerzen, du ihr Heil,du ihre Stillung, segne nun mein Teilam Gut des Guten, das ich unbereitund ohne Kraft, im nie befleckten Kleid,empfing und nahm, nach aller Menschen Weise.Gerechtigkeit, du Ziel der irdischen Reise,du Ursprung aller Schmerzen, du ihr Heil,du ihre Stillung, nun der liebste Teilder weiten, weiten Hoffnung meiner Seele.
Naemi
Oh dunkle Mächte, die ihr dies gewolltund dies gekonnt, erbarmt euch meiner Qual!Die ich durch dich dies Schreckliche gesollt,erlös mich, Liebster, noch dies letzte Mal.Sprich gut zu mir! Mach alles wieder gut,wie du so oft mein rasches Blut geheilt.Oh sieh mein Dasein, martervoll zerteilt,wie es zerstört in deinen Händen ruht.— Ich war ein Kind, als ich die Augen hobzu deiner Kraft und deinem großen Wesen.In deiner Andacht und in deinem Lobbin ich zu jener Freiheit erst genesen,der ich vertraute, ohne Recht und Glück,weildeineSeele sie in mir erschuf.Nun schlug die Glut auf ihren Gott zurück,die nicht bestand aus eigenem Beruf.Oh, sei barmherzig, sieh, mein blinder Haßwar dir zur Ehre, wie einst jede Lust.Wie meine Liebe, die ohn’ Unterlaßnur dich und nur von dir gewußt.
Arne
Auf meinem Sinn lag noch der dunkle Kranzverblichnen Ruhms und überwundner Stärke.In meinem Herzen war der lichte Glanzder neuen Zukunft zweiflerisch am Werke.Nun ist mir so, als ob ein groß und schwerVermächtnis an die Menschheit mich bedrückte,als ob ein Licht von weit, weit hermeine zerbrechenden Kräfte schmückte.Als müßt ich aufspringen, die Arme empor,und endlich, endlich alles verkünden.Und weiß doch nur: Ich wollte finden,und brach in die Kniee am Tor.
Naemi
Oh, lehr mich fassen, was mein Herz getan.Sieh nicht sein Tun, sieh seine Wunden an.Oh Übermaß, oh tugendlose Glut,mein höchstes Heil und Elend, du mein Blut,dich klag ich an, du Strom, der nie geruht!Der seligsten Gewißheit freies Weinen,der helle Stolz, von hohem Wert entfacht,erlischt zerbrochen, klagend, unter deinem,in meines Schmerzes wilder Übermacht.Verflucht sei Anspruch, Glut und jene Treue,die mich erhob im Abglanz meines Rechts.Verflucht sei meines törichten GeschlechtsBeruf, die ich den eignen Wert bereue.
Arne
Klag nicht Natur, klag nicht dein Wesen an,Beschwörerin des Todes du in Flammen.Sein kühles Kleid schließt uns erst ganz zusammen,erst mit dem Tode führt der Weg hinan.Der reichen Herzen oft beweintes Glückbleibt irdisch doch in Schuld und Weh verwoben.Natur, unwandelbare, dich zu loben,erleichtert mich, beständiges Geschick!Du hast den Geist zum Licht emporgehoben.Wer aber faßt dich, unverführten Sinns,wer will Gott nennen, noch in dir betrübt?Wir rühmen traurig, was wir heiß geliebt,und preisen es als Krone des Gewinns.Oh Traum der Welt, so lieblich du, so eitel,wie sank dein Glanz, wenn ich im Geiste lebte.Da lag des Vaters Hand auf meinem Scheitel,da war mein Glück so rein, daß ich erbebte.Erkenntnis du, oh aller Sehnsucht Herz,du reines Glück, du Liebe ohne Schmerz!
Naemi
Ich hab’s getan. Ich hab’s getan!Oh, laß mich sterben. Ich bin schuld daran.
Arne
Mein abgewandtes Antlitz war dir feind.Wo ist dein Sohn, daß du mir ganz vergibst?Wo ist dein Sohn, daß du mich ewig liebst,wie eines edlen Weibes Sehnsucht meint.Oh Heil, oh Gram in deinem Leib und Wesen.Du Pfad, du blühender, der Wiederkunft.Berufen du, in Leiden zu genesen,als Gottes Mutter selige Vernunft!Triumph im Leid, du Sieg auch über mich!Du blühst im Licht, oh liebliche Gestalt.Ach, daß mein Blut dem frohen Sinn entwich,aus dessen Glanz, mit zwingender Gewalt,das neue Angesicht des Gottes taut,der noch so schmerzreich auf uns niederschaut.
Naemi
Der Altar deiner Kirche hütet dich.Du bist in Sicherheit. Oh, sieh auch mich!
Arne
Nahm mich die alte Kirche freundlich auf?War ich ihr Kind noch, daß sie mich empfängt?Oh, welche Macht hat mich hierher gelenkt,die mich zuletzt in diesen Frieden drängt,als sei er noch mein Erbteil und mein Dank.Hast du dein Kind zurückgerettet,du trüber Geist, den ich mit Inbrunst haßte,daß nun dein Sinken spät noch die erblaßteund kalte Stirn in seinen Schatten bettet?Daß mir im Licht der neuen Lebensmachtder Wert der alten mütterlich erglänze,daß so die Zukunft die verwehten Kränzedes alten Ruhms dem neuen würdig macht?Denn nur aus alter Wahrheit blüht die neue!Erlöser, gib, daß ich sie sterbend schau,und daß im Scheiden die verirrte Treuesehend dem neuen Licht vertrau.
Naemi
Oh sieh mich an! Bin ich dir nichts?Wem gilt das Leuchten deines Angesichts?
Arne
zu Christus empor
zu Christus empor
Ich haßte, was dein lichtes Bild entstellt,und haßte, die dein Erbe frech entweihten,der du, geneigt, den reinen Sinn der Weltgeläutert hast im Licht der Ewigkeiten.Gekreuzigter, wer krönte dein Erblassen?Was sah dein Auge, als es einsam brach?Was litt dein Herz, als deine Lippe sprach:Warum dich Gottes Herrlichkeit verlassen?Sei mir geneigt, du, dessen Kraft besteht,in dessen Wahrheit endlich doch vergeht,was unsre Armut deinem Wert genommen.Wenn auch mein armes Lebenswerk verweht,ist doch dein Reich in mir gekommen.Du weißt, es gibt kein andres Gerichtin der Welt als das Licht.
Zusammensinkend
Zusammensinkend
Dem ich mich nun erst ganz vertrau,da ich es leiblich nicht mehr schau.
Stimmen, Lärm und stürmisches Pochen gegen die Tür der Kirche.
Stimmen, Lärm und stürmisches Pochen gegen die Tür der Kirche.
Naemi
Da kommt der Tod, den ich geweckt!Sie stürmen die Kirche, wir sind entdeckt.Ach, könntest du mich einmal noch erkennen,daß mich ein letzter guter Blick versteht.Dein Auge bricht, und deine Lippen brennen,derweil dein Leib vor Durst vergeht.
Das Kirchentor kracht unter dem Ansturm der Burschen.
Das Kirchentor kracht unter dem Ansturm der Burschen.
Dein Blick erlischt. Oh, sieh mich an.Oh, sprich ein Wort. Beweg die Hand!
Sie entdeckt auf dem Altar den Kelch, hebt ihn herunter und setzt ihn dem Sterbenden an die Lippen.
Sie entdeckt auf dem Altar den Kelch, hebt ihn herunter und setzt ihn dem Sterbenden an die Lippen.
Das ist das Letzte, was ich geben kann.
Die Stimme Holgers
von draußen
von draußen
Stoß zu! Verflucht sei jede Hand,die nicht mit ganzem Willen schändet!Stoß zu! Solang der Satan nicht verendet,hält keiner unserm Ansturm stand.
Eine schreiende Frauenstimme
Errette deine Kirche, Jesus Christ!
Eine zweite
Die ganze Hölle ist zu Mord erwacht!
Eine dritte
Helft, helft, mein Sohn verblutet sich zu Tod!
Eine Männerstimme
dazwischen
dazwischen
Durch Blut wird mehr gereinigt als befleckt.Hol ihn der Teufel, wenn dein Sohn verreckt!
Die Kirchentür kracht zusammen.Holgertritt auf, gefolgt von denBurschen.
Die Kirchentür kracht zusammen.Holgertritt auf, gefolgt von denBurschen.
Holger
im Ansturm
im Ansturm
Daß dein verfluchtes Leben endlich ende!
Er prallt entsetzt zurück, als erNaemierblickt, den Kelch in ihrer Hand und den sterbenden Pfarrer am Altar im Licht der Morgensonne, das durch die zerschlagene Tür fällt. Hinter ihm sammeln sich, gehemmt durch ihn, die verwilderten und blutenden Gestalten der Burschen. Männer und Frauen drängen nach. Lärm und Rufe verstummen.
Er prallt entsetzt zurück, als erNaemierblickt, den Kelch in ihrer Hand und den sterbenden Pfarrer am Altar im Licht der Morgensonne, das durch die zerschlagene Tür fällt. Hinter ihm sammeln sich, gehemmt durch ihn, die verwilderten und blutenden Gestalten der Burschen. Männer und Frauen drängen nach. Lärm und Rufe verstummen.
Arne
aufgerichtet
aufgerichtet
Ein neuer Morgen wird sein Lichtauf fernes Blühn der Berge tunund über mein Gesicht ...Herr Christ, laß dein lebendig Blutauch über mein vergänglich Guthinfließen. Laß mich ruhn.
Er stirbt.
Er stirbt.
Holger
langsam vordringend, zuNaemi, die sich schützend vor die Leiche des Pfarrers stellt
langsam vordringend, zuNaemi, die sich schützend vor die Leiche des Pfarrers stellt
Ist das der Sinn, um den ich rang und litt?Ist das der Lohn, um den ich redlich stritt?So sei durch mich der Frevelmut gesühnt,zu dem dein Schmerz der Liebe sich erkühnt.War ich ein Tier, ein Narr, ein Ungeweihter,daß du mein Glühn mit dieser Schmach bedankst?So freß die Glut, an der du Dirne krankst,in alle Ewigkeiten an dir weiter!
HolgererstichtNaemi.
HolgererstichtNaemi.
Naemi
Was ich dir antat, mußt ich tun ...Laßt mich an seinem Herzen ruhn.
Sie sinkt über die LeicheArnesund stirbt. DerAmtmann, derKüstertreten auf, hinter den Säulen hervor.
Sie sinkt über die LeicheArnesund stirbt. DerAmtmann, derKüstertreten auf, hinter den Säulen hervor.
Der Amtmann
zu den Burschen, aufHolgerweisend
zu den Burschen, aufHolgerweisend
Er ist der Mörder. Haltet ihn!Im Namen des Gesetzes bindet ihn.
Der Küster
Wagt ihr zu trotzen, wo der Herr gerichtet!?
Der Amtmann
Hier hat ein schändlich Dunkel sich gelichtet.Gerecht und ernsthaft fügte das Geschickzu grausem Zeichen, euch, den arg Betörten,ein rasches Ende. Ungeweihtes Glückund Schmach der Sünde fällten die Zerstörten.
Holger
Tu deine Pflicht, doch schweige, närrischer Held,vor diesem Schauspiel unerhörter Leiden.Vernichte mich, den Mörder dieser Beiden,nach nützlicher Gerechtigkeit der Welt.Doch schweigen, schweigen soll das arme Rechtder Lebenden, vor solcher Pflicht zum Sterben.Nur das Erbarmen reicht an ihren Thron.Erbarm auch meiner dich, o Gottes Sohn,laß meine arme Seele nicht verderben.
Der Amtmann
Hinaus mit ihm, in Kerkerhaft und Ketten!
Die Burschen dringen aufHolgerein.
Die Burschen dringen aufHolgerein.
Holger
Tut, was euch hilft. Ich habe nichts zu retten.
Ende
Ende
Anmerkungen zur TranskriptionRechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, nur offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.
Anmerkungen zur Transkription
Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, nur offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.
The cover image was created by a volunteer and is placed in the public domain.
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