Finderlohn.

Finderlohn.Im Spätsommer des vergangenen Jahres, so erzählte eine mir befreundete Dame, unternahm ich eine kleine Reise nach dem Badeort K... Der Zufall führte mich auf dem Bahnhof mit einer Freundin zusammen, und froh, die etwas einförmige Fahrt durch angenehme Gesellschaft verkürzt zu sehen, bestieg ich dasselbe Coupé mit ihr. Es war allerdings kein Damencoupé, welches ich bei allein unternommenen Reisen sonst vorziehe, indeß ist dies eigentlich ein Vorurtheil, welches jede Frau, die über sechzehn Jahre zählt, zu ihrem eigenen Besten bekämpfen sollte. Alle Hochachtung vor den reisenden Repräsentantinnen meines Geschlechts — aber ich bin noch nie in einem solchen Coupé gefahren, ohne mich über die kleinliche Ungefälligkeit meiner Reisegefährtinnen, ihre Empfindlichkeit gegen Hitze und Kälte und ihre beständigen Wünsche nach solchen Lebensmitteln zu ärgern, die eben auf den Stationennichtzu haben waren.So dankte ich denn dem Zufall, der mich heute aus diesem Dilemma erlöste, und bestieg mit meiner Freundin zusammen einen Waggon, der den Gebildeten beiderlei Geschlechts zugänglich war. Außer uns befand sich nur noch ein alter Herr im Wagen, der uns, als wir einstiegen, freundlich begrüßte.Da unser Reisegefährte der Held der Geschichte ist, die ich zu erzählen im Begriff stehe, so kann ich es nicht unterlassen, ihn zu beschreiben mit all’ dem Enthusiasmus, den ich für ihn empfand; erstens um dem Leser damit ein Bild von ihm zu geben, und zweitens in der stillen Hoffnung, daß der Gegenstand meiner Zuneigung vielleicht irgendwo diese Blätter zur Hand nimmt, darin liest und nach einer Weile mit dem mich noch in der Erinnerung entzückenden herzlichen Lachen, in welches er zuweilen ausbrach, ruft: „Das sollichwohl am Ende sein?“Mein lieber, alter Herr! Denn jung war er insofern nicht mehr, als seine freie Stirn von schneeweißem, feinem Haar umwachsen war, welches, glänzend wie die Federn eines Silberreihers, ein wenig keck in die Luft stand, und die sehr schönen, auffallend hochgeschwungenen Augenbrauen auch schon ein wenig beschneit aussahen. Jung aber war er doch, denn unter diesen seltsamen Augenbrauen sahen zwei so schöne, lebhafte, recht junge Augen hervor, daß sie einem Zwanziger Ehre gemacht hätten — jung war er, denn das blühende Roth einer erprobten Gesundheit lag auf seinem schönen Gesicht, die liebenswürdige, goldene Heiterkeit einer ewigen Jugend tönte aus dem unwiderstehlich herzlichen Lachen, mit welchem er in jeden Scherz einstimmte.Man sieht, ich verlor sofort mein Herz an den reizenden alten Herrn! Das ist ein Damenwort, ich weiß es, aber ich bleibe dabei und rufe zum Schluß meiner Beschreibung noch einmal energisch aus: Nicht nur ein reizender alter Herr war mein Reisegefährte, ich brauche sogar den Superlativ, es war der reizendste alte Herr, den ich je gesehen habe. Wie er sich über Alles amüsirte! Nur daran zu denken, erheitert mich noch! Ueber den kleinen, schäbigen Jungen, der auf einer Station emsig und still vor sich hin Purzelbäume schoß, über die Männer, die mit eintönigen Ausrufen Kirschen und Birnen den Wagen entlang trugen, über die Ankommenden und Abreisenden! Wie elektrisirt er war, als eine klangvolle italienische Leier uns die „schöne blaue Donau“ zu hören gab, wie ernst und gerührt er wurde, als dieselbe Leier dann eine sanfte, traurige Melodie spielte, und wie herzlich er dann wieder über seine eigene Rührung lachte!Meine Freundin und ich kamen, nachdem wir uns ein Weilchen mit diesem liebenswürdigen Coupégenossen unterhalten hatten, durch eine zufällige Ideenverbindung auf eine Verlobung zu sprechen, die in unseren Kreisen vor kurzem stattgefunden.Ein sehr hübsches, viel umworbenes Mädchen hatte einen Ausflug zu ihrer Schwester unternommen, war acht Tage dort geblieben, hatte am zweiten dieser acht Tage einen jungen Gutsbesitzer kennen gelernt und sich vor Ablauf der genannten Frist mit demselben verlobt. Wir fanden das nach Frauenart sehr leichtsinnig, zuckten ein wenig die Achseln über so schnell gewonnene Herzen und ich meinte:„Wenn das nur gut abläuft! Ein Brautpaar, das sich nur acht Tage gekannt hat, ehe es ein Brautpaar wurde! Eine bedenkliche Sache!“Bei diesen Worten wendete der alte Herr den Kopf nach uns um.„Verzeihen Sie,“ begann er lächelnd, „wenn ich mich in Ihr Gespräch mische, welches von Persönlichkeiten handelt. Aber von der Bemerkung, die Sie eben machten, mein Fräulein, fühle ich mich zu sehr getroffen, als daß ich mich nicht vertheidigen möchte. Ich war auch in dem Fall, von dem Sie eben sprechen — ich habe meine Frau sogar nur drei oder vier Mal gesehen, eh’ wir uns verlobten, und wir sind doch ein sehr glückliches Ehepaar geworden.“Um mein Leben nicht konnte ich die tactlose Aeußerung nicht unterdrücken, daß ich in diesem Fall das sehr natürlich fände. Mein alter Herr nickte mir lachend mit herzlicher Miene zu, es mochte ihm wohl schon öfter vorgekommen sein, daß er so schnell Eroberungen machte.Meine Freundin, noch kühner als ich, richtete nun die Frage an ihn, wie das denn gekommen sei, ob er nicht Zeit gehabt hätte, sich länger zu besinnen?Der alte Herr sah mit einem schelmischen Lächeln in unsere neugierigen Gesichter, dann sagte er freundlich:„Ja, so etwas hören junge Damen immer gern! Aber es ist eine lange Geschichte, am Ende komme ich an’s Ziel meiner dreistündigen Fahrt, eh’ ich zu Ende bin!“„Ach bitte,“ riefen wir Beide, „es wird schon gehen, die Geschichte istunssicher nicht zu lang — wenn Sie so sehr freundlich sein wollen!“Der alte Herr ließ sich erbitten, wir rückten uns alle Drei gemüthlich zurecht und er begann:„Daß es schon eine ganze Weile her ist, seitdem ich auf Freiersfüßen ging, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Ja, diese Eisenbahn, auf der wir jetzt so selbstverständlich durch die Welt fliegen, war damals etwas ganz Neues, ein Wunderwerk, welches nur mit ehrfurchtsvollem Staunen und einem leisen Schauder benutzt wurde. So gewöhnt sich der Mensch an Alles und wir nennen die Jugend mit Unrecht anspruchsvoll, ihr wird nur eben Das schon in die Wiege gelegt, was wir als große Leute erst staunend und dankbar bekommen haben. Der Telegraph war damals auch erst eben erfunden — ja, ja, denken Sie nur!Ich war im Begriff, eine kleine Vergnügungsreise auf unbestimmte Zeit anzutreten, ein Entschluß, der mir um so leichter wurde, als ich ganz frei und ungebunden in der Welt dastand, und von Angehörigen Niemanden besaß, als zwei alte Tanten und einen kleinen Hund, der, ein Nachklang der Zeitströmung, auf den schönen Namen „Nap“ hörte. Nicht wahr, eine ziemlich durchsichtige Abkürzung im Jahrhundert der Freiheitskriege?Nap, ein kleiner, guter, schwarzer Kerl, war als einziger und letzter Bewohner meiner Kinderheimath mit mir in die Fremde gewandert, hatte mit mir studirt, Examina gemacht, und war mir stets ein lieber Freund und treuer Genosse gewesen, ja, ich glaube, ich war damals so weit, daß ich den alten Hund mehr liebte als irgend ein Wesen auf der Welt, meine lieben alten Tanten nicht ausgenommen.Diese Tanten hätten Sie sehen sollen! Das waren noch ein paar Repräsentantinnen der gemüthlichen Vergangenheit, wo die Leute sich Zeit ließen. Schon die äußere Umgebung der beiden alten Damen war die Zierlichkeit selbst. Sie wohnten in einem kleinen, saubern Hause, nicht am selben Ort mit mir, welches sich durch die blitzendsten Fensterscheiben auszeichnete und grüne Jalousien hatte. Das Häuschen war umgeben von einem etwas pedantischen Garten, dessen Hecken und Grasplätze von einem asthmatischen alten Factotum mit der Papierscheere in Ordnung gehalten wurden. Da können Sie glauben, daß kein Zweig sich erlauben durfte, nach seinem Gutdünken zu wachsen, sofort war die Papierscheere da und stutzte den Naseweisen. Ein Paar ordnungsliebendere, gutherzigere, ängstlichere und gewissenhaftere Seelchen, als meine beiden lieben Tanten gab es nicht! Sie trugen sich ganz gleich, hatten Jede vier weiße, mathematisch genau gekämmte Löckchen, Hauben mit jenen thurmhohen weißen Krausen, wie man sie jetzt nur noch auf Bildern sieht, und trugen Beide Brillen.An einem schönen Sommerabend traf ich denn mit meinem Nap bei den Tanten ein, die mich herzlich und liebevoll aufnahmen, und mich in ihre Gartenlaube zu einem zierlich aufgestellten Nachtmahl luden, dessen Dimensionen ungefähr der Art waren, als hätten die sieben Zwerge fragen können: „wer hat von meinem Tellerchen gegessen“ u. s. w. Aber ich ließ es mir wohlschmecken, und nachdem ich den Tanten meine Pläne für die nächste Zeit mitgetheilt hatte, rückte ich vorsichtig mit dem kühnen Ansinnen heraus, ob sie Nap, eine sonst bei ihnen wohlgelittene Creatur, für die Zeit meiner Abwesenheit wohl in Pflege und Obhut nehmen wollten.Sie können sich denken, daß die beiden Schwestern nicht wenig erstaunten, selbst erschraken. Ein Zuwachs ihrer Hausbewohnerschaft, ein bellender, springender, zottiger Mitbewohner ihres stillen, beschaulichen Daheim; sie sahen sich wechselweise eine gute Viertelstunde an, schnupften, niesten, selbst dies Mittel schien heut’ nicht anzuschlagen, endlich nahmen siea tempodie Brillen ab und sagten so feierlich, als gelte es ein Eheversprechen, ein lautes, deutliches „Ja!“Ich wußte, welch’ ein Opfer sie mir brachten, und sprach ihnen es auch dankbar aus, ich fügte bei, daß nur das Bewußtsein, meinen Hund in den besten Händen zu wissen, mich zu der großen Bitte ermuthigt hätte, und dann machte ich mich eilig davon, damit die Tanten ihren edelmüthigen Entschluß nicht etwa bereuen möchten. Ich erklärte meinen schnellen Aufbruch damit, daß ich am nächsten Morgen sehr früh mit der Bahn weiter müsse, welche nur noch zu einem nah belegenen Städtchen führte, von da wollte ich mit Postpferden und auf eigenen Füßen meinen Weg fortsetzen.„Und, liebe, beste Tanten,“ fügte ich noch dringend hinzu, „laßt Nap die nächsten Tage nicht aus den Augen, er wird gewiß Versuche machen mir nachzusetzen und könnte alsdann verloren gehen!“Feierlich wurde mir dies angelobt, und ich nahm gerührten und dankbaren Abschied, während Nap, durch ein Schüsselchen Milch in’s Haus gelockt, ahnungslos diesen Labetrank schlürfte.Der andere Tag war leider trübe und schwül. Als ich in das Städtchen H... einfuhr, welches die Grenze zwischen Flachland und Gebirge bildet, zog ein Gewitter dumpf grollend herauf und der erste Willkommensgruß, der mir in H... wurde, war ein großer Regentropfen, der auf meine Nase fiel. Ihm folgten mehrere, ein wahrer Wolkenbruch stürzte hernieder und das liebenswürdige Wetter benutzte den Tag, um sich, wie man sagt, recht gründlich „einzuregnen.“ Unter diesen Umständen eine Fußtour beginnen, oder sich einer Postchaise anvertrauen zu wollen, um das Gebirge kennen zu lernen, wäre mehr als Thorheit gewesen. Es hieß also warten!Ich quartierte mich in dem ersten Gasthofe der Stadt ein, der vermuthlich so hieß, weil es keinen zweiten gab, und sah zum Fenster hinaus. Zum Glück war ich von jeher besonders unfähig, mich zu langweilen, ich hatte manchmal den besten Willen, da kam mir etwas Unterhaltendes in die Quere — es ging nicht!Auch hier war es so. Ich hätte mich eigentlich recht gut langweilen können, aber da lag gerade dem Gasthause gegenüber ein ganz allerliebstes Haus, das immer etwas zu sehen oder zu hören gab. Ich konnte freilich nur die Seitenfront des freundlichen Gebäudes beobachten, denn die Vorderzimmer gingen nach einem schönen, großen Garten hinaus, dessen Lavendelduft, selbst durch den Regen nicht ertränkt, Abends zu mir herüber geflogen kam.An diesen Seitenfenstern nun saß öfters eine junge Dame und nähte. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, sie bückte sich immer sehr tief auf die Arbeit; ich sah nur ein Stückchen Wange, zuweilen flüchtig die Umrisse eines zierlichen Profils, und ein Nest dunkelblonder Zöpfe um einen seltsam geformten weißen Kamm geschlungen.Da es nun schon den zweiten Tag regnete, hatte ich volle Muße, diese Beobachtungen anzustellen. Freundlicherweise hatte das Haus seinen Eingang auch auf der Seite. Gegen Abend kam ein dicker, stattlicher Herr nach Hause, dessen Kopf ich auch noch nie zu Gesicht bekommen hatte, denn er hielt immer einen großen, wohlhabend aussehenden Schirm über sich, den er erst zumachte, wenn seine behäbige Person schon innerhalb der Hausthür war. Und dann zur Thür hinaus schüttelte und spritzte er diesen Schirm aus, als wenn die Straße noch nicht naß genug wäre.Ich hätte ja durch eine Frage leicht etwas über meinvis-à-viserfahren können, aber ich wollte es nicht — es war so sehr ergötzlich, mir meine Schlüsse aus Dem zu ziehen, was ich sah.Der Hausherr war entschiedenkeinArzt, dazu kam er zu regelmäßig nach Hause, sondern Beamter, ein Mann mit Bureaustunden. Die junge Dame am Fenster war seine Tochter und zwar sein Liebling, denn er begab sich stets geraden Weges zu ihr in’s Zimmer. Dann stand sie sofort auf, legte die Arbeit zusammen und ging mit ihm hinaus. Eine dritte Person, die ich häufig ausgehen und wiederkommen sah, eine Dame in mittleren Jahren, mußte die Gesellschafterin sein, nicht die Frau vom Hause, denn wenn sie dem Vater begegnete, machte sie einen Knix.Am Nachmittag des dritten Tages schien der Himmel ein ganz klein wenig lichter zu werden, ich trat an’s Fenster und, wie mir schon zur Gewohnheit geworden war, blickte ich nach dem Hause gegenüber. Da saß die junge Dame — dies Mal ohne Näharbeit — ich hätte ihr Gesicht gewiß ganz gut sehen können, aber sie hielt ein Tuch vor die Augen — sie weinte!Ich blieb erstaunt stehen. Warum mochte sie weinen? Sie werden mir zugeben, daß ein junges Mädchen mit so schönen blonden Zöpfen, die von ihrem Papa verzogen wird und — weint, ein Fall ist, über den man nachdenklich werden kann.Nach einer Weile trocknete sich mein Gegenüber die Augen, schrieb einige Worte auf einen kleinen Zettel, stand auf und verließ das Fenster. Wenige Minuten darauf öffnete sich die Hausthür, sie trat heraus, einen Regenschirm in der Hand, in Hut und Mantel und blickte nach dem Himmel. Ein reizendes Gesicht war es, das muß ich schon sagen!Warum ich meinen Paletot ergriff und die Treppe hinunterging, weiß ich nicht zu sagen, aber ich that es und folgte der jungen Dame in respectvoller Entfernung, auch mit dem Regenschirm bewaffnet.Ein plötzlicher, heftiger Windstoß faßte den Schirm meiner Schönen und drehte ihn von innen nach außen, er machte, wie man zu sagen pflegt, eine Tulpe daraus. Im selben Moment stürzte der Regen mit verdoppelter Gewalt hernieder und das Mädchen, nach einem vergeblichen Versuch, den treulosen Beschützer wieder in seine alte Form zu bringen, verdoppelte ihre Schritte und eilte in einen geräumigen Hausflur, von wo sie in das tobende Wetter hinaussah. Ich dachte: Das kann Jeder! und nicht faul, betrat ich denselben Hausflur, zog den Hut und postirte mich der jungen Dame gegenüber an die Wand. Nach einer kleinen Weile trat sie an die Hausthür, zog den rechten Handschuh ab und streckte die Hand hinaus, um zu fühlen, ob der Regen noch nicht nachgelassen habe. „Kein Trauring!“ dachte ich erfreut, ohne eigentlich zu wissen, warum es mich freute.Da es noch mit aller Gewalt vom Himmel heruntergoß, nahm das Fräulein ihren Schirm wieder vor und versuchte ihn in die richtige Verfassung zu bringen. Es gelang ihr aber nicht und ich hielt dies für einen Wink des Schicksals, ein Gespräch anzuknüpfen. Mit abgezogenem Hut trat ich bescheiden vor und bot meine Hülfe an, die auch freundlich angenommen wurde.Daß es mir nicht gelang, den Schirm zurechtzubringen, versteht sich von selbst. Sanfter Ueberredung wollte er nicht weichen, ich wendete alle Gewalt an, der Tückische aber verstand keinen Spaß, sondern brach gelassen mitten durch. Das Fräulein sah erschrocken aus, aber nicht zornig — durchaus nicht zornig, was ich mir mit richtiger Menschenkenntniß als einen Beweis liebenswürdigen Temperaments auslegte. Ich stand da wie ein armer Sünder, stammelte ein paar Entschuldigungen und bat endlich um die Erlaubniß, meinen Schirm als Ersatz anbieten zu dürfen, wozu mich noch die egoistische Hoffnung stachelte, ich würde durch Rückgabe des von mir zerbrochenen Individuums einen Vorwand haben, um in die Burg zu dringen, die von der blondzöpfigen Prinzessin bewohnt war. An Abreise dachte ich schon nicht mehr, wie Sie sehen. Aber es kam anders!„Ich danke sehr, mein Herr,“ sagte das junge Mädchen freundlich, „ich kann Sie Ihres Schirmes nicht berauben. Wollen Sie mir aber eine Droschke besorgen, damit ich meinen Weg fortsetzen kann, so nehme ich es dankbar an!“Nun, das that ich natürlich und hatte die Genugthuung, daß ein sehr liebenswürdiges „Danke“ mich belohnte, dann, während ich, den Hut in der Hand, wie ein Lakai mich am Schlage aufstellte, rief die junge Dame zum Kutscher hinauf: „Nach der Zeitungsexpedition!“ Der Schlag fiel zu — und da stand ich.Nach der Zeitungsexpedition! Was thut eine junge Dame in der Zeitungsexpedition? Allerlei finstere Gedanken bestürmten mich — sie wird doch nicht einen Brief abholen, von dem der Papa nichts wissen soll? Erst Thränen, dann Zeitungsexpedition — verdächtige Zusammenstellung!„Dahinter muß ich kommen,“ rief ich so zornig, als wäre ich der Beichtvater der kleinen Dame.Eine Idee fuhr blitzschnell durch meinen Kopf! Ich mußte einen Vorwand haben, auch nach der Expedition zu gehen. Sollte ich nach Briefen fragen? Nein, das war mit einem „Nichts für Sie!“ zu schnell abgemacht. Also ich mußte etwas annonciren! Gedacht, gethan, ein Blatt aus der Brieftasche gerissen und im Stehen geschrieben wie folgt: „Ein kleiner, schwarzer Affenpinscher mit hellblauseidenem Halsband, auf den Namen Nap hörend, hat sich verlaufen. Der ehrliche Finder wird gebeten, denselben gegen eine angemessene Belohnung im Hotel zum grünen Falken, Zimmer Nr. 10, abzugeben.“ Meine Adresse fügte ich bei, damit die Sache an Wahrscheinlichkeit gewönne und die junge Dame nicht glaubte, ich wollte sie nur unter einem Vorwand wiedersehen.Nun denken Sie — der arme Nap! Er mußte noch herhalten, mußte sich angeblich verlaufen haben, um seinen Herrn auf den richtigen Weg zu bringen! Einige Kreuz- und Querfragen führten mich rasch nach der Expedition des Blattes, welches, wie ich hörte, das einzige für den ganzen Kreis, daher mit Inseraten stets sehr überhäuft war.Auch heute fand sich in dem Local eine bedeutende Menschenmenge vor, welche fast bis an die Thür hin sich drängte und nur langsam zum Schalter avancirte. So sah ich denn auch meine Unbekannte gleich am Eingang stehen, ihr Zettelchen in der Hand wartete sie geduldig auf den Augenblick der Beförderung.Als ich sie mit ehrerbietiger Verbeugung begrüßte, dabei etwas von „glücklichem Zufall“ murmelte, sah sie mich überrascht an, erröthete und ein leichtes Zucken ihrer Augenbrauen verrieth, daß sie diese zweite Begegnung für keine zufällige hielt. Auf meine Bemerkung erwiderte sie kein Wort, sondern sah mit einer schnellen Kopfwendung nach der andern Seite hin. Ich that, als bemerkte ich es gar nicht.„Denken Sie, mein Fräulein, wie traurig es mir ergeht! Ich komme vor drei Tagen ganz fremd hier in die Stadt und bin heute schon in der Lage, eine Annonce in die Zeitungsexpedition zu tragen, in der ein verlorener Besitz und ein ehrlicher Finder die Hauptrolle spielen!“Meine Nachbarin blickte rasch auf. Sie mochte fühlen, daß sie mir Unrecht gethan — nachihrerAnsicht — und ärgerte sich vielleicht ein wenig über die Eitelkeit, welche ihr zugeflüstert, ich sei wohl ihretwegen nach der Expedition gekommen, kurz, sie entgegnete etwas freundlicher, sie sei in demselben Fall. Sie habe ein kleines Schmuckstück verloren, ein liebes, unersetzliches Andenken.„So, wie es hier beschrieben ist,“ fügte sie hinzu und reichte mir den kleinen Zettel, den ich behutsam ergriff. „Können Sie mir wohl sagen, mein Herr, ob die Anzeige so richtig gefaßt ist? Ich wollte zu Haus Niemand darum fragen,“ setzte sie treuherzig hinzu, „weil — nun, weil ich fürchtete, mein Vater könnte sehr ungehalten sein, wenn er erführe, daß ich ebendiesesBesitzthum verloren habe!“Der Zettel enthielt in einer zierlichen Schulmädchenhand die Anzeige, daß ein schmaler goldener Ring mit einem Vergißmeinnicht von Türkisen darauf verloren gegangen und gegen Belohnung T...straße Nr. 6 abzugeben sei.„Sie können sich einige Worte sparen,“ bemerkte ich; „mit Ihrer Erlaubniß gebe ich dem Ganzen eine geschäftsmäßigere Form.“Sie nickte und ich ließ mit großer Geschicklichkeit das Original des kleinen Schriftstückes in meiner Brieftasche verschwinden, als ich dem Fräulein die Copie überreichte. Sie schien es gar nicht zu bemerken.„Sie sagten, Sie hätten auch etwas verloren,“ begann sie nun ihrerseits etwas schüchtern, „ist es auch ein Andenken?“„Ja, aber anderer Art,“ erwiderte ich, „meinAndenken hat vier Beine, einen krausen, schwarzen Pelz und bellt — mein Hund ist mir verloren gegangen!“„Ach, wie schade,“ sagte sie bedauernd, „aber wie kann man einen Hund verlieren!“ setzte sie vorwurfsvoll hinzu.„Nun,“ gab ich ruhig zurück, „ebensogut, wie man einen Ring verlieren kann, den man am Finger trägt.“Sie lachte.„Ich hatte ihn aber abgezogen,“ erwiderte sie eifrig, „ich wollte ihn zu dem Juwelier dort drüben tragen,“ sie wies nach einem hübschen Laden mit großen Spiegelfenstern, „wie ich nun hinkomme und den Ring abgeben will — ist er fort, und ob ich ihn auf dem Wege oder sonst wo verloren habe, weiß ich nicht.“„Ich denke, er findet sich wieder,“ tröstete ich, „und ich für meine Person werde jetzt immer mit niedergeschlagenen Augen umhergehen — wer weiß, ob ich nicht das verlorene Vergißmeinnicht irgendwo treffe und dann so glücklich bin, es Ihnen zu geben.“In diesem Augenblick wurde Platz am Schalter, die junge Dame eilte vor, gab ihren Zettel ab und verließ mit einer flüchtig freundlichen Kopfneigung gegen mich die Expedition, während ich nach ihrem Verschwinden gedankenlos mein Inserat bezahlte und mir dann überlegte, daß es ja nun ganz unnöthig gewesen sei, meine Lüge dem Druck zu übergeben. Doch Sie wissen, zu geschehenen Dingen läßt sich zwar noch viel sagen, aber nichts mehr thun. Ich ging dann meiner Wege, grübelnd und sinnend, wie ich den angeknüpften Faden der Bekanntschaft weiter spinnen sollte.Plötzlich fiel mir etwas ein.Ich dachte, einmal gelogen, ist nach einem alten Sprichwort kein Mal, also wollen wir es noch ein zweites Mal thun, und dabei mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen — die Gelegenheit zur Fortsetzung einer Beziehung finden, die mich schon mächtig anzog, und dem liebenswürdigen Mädchen väterliche Vorwürfe ersparen.Schnell, um dem Gewissen nicht erst Zeit zu lassen, mir etwas vorzubellen, betrat ich den mir von der jungen Dame bezeichneten Juwelierladen und bat, mir verschiedene Ringe vorzulegen. Während der Kaufmann das Verlangte herbeiholte, durchblätterte ich rasch den auf dem Ladentisch liegenden Adreßkalender, der mir auch bald über Namen und Stand meines Gegenüber bereitwillig Auskunft ertheilte.Ich hatte Recht, der Vater des Mädchens war, wie ich vermuthete, Justizrath — leider sind die Adreßbücher nicht ausreichend, um sonstige gewünschte Details über eine Familie zu erfahren. Indeß ich wußte genug und begann mein Lügengewebe zuversichtlich weiter zu spinnen.Ich suchte unter den Schmucksachen, die der freundliche Kaufherr mir vorlegte, schüttelte den Kopf und sagte endlich, dies sei Alles nicht was ich wollte, ich brauchte einen bestimmten Ring.„Ich will genau denselben haben, den Fräulein W..., die Tochter des Justizrath W... in der T...straße, besitzt, es handelt sich um eine Wette,“ fügte ich rasch hinzu, da der Juwelier mich erstaunt ansah und sogar ein wenig lächelte.„Ich erinnere mich des Ringes ganz gut,“ sagte er nun, „und ich hatte genau denselben noch einmal, habe ihn aber meiner Tochter geschenkt, der er bei Fräulein W... so gut gefiel.“„Das ist betrübend,“ erwiderte ich achselzuckend, „denn ich müßte ihn bald haben. In zwei bis drei Tagen spätestens verlasse ich die Stadt und möchte meine Wette gern vorher noch zum Austrag bringen.“Der Juwelier besann sich ein Weilchen.„Wenn Ihnen so sehr viel daran gelegen ist,“ begann er dann zögernd, „so könnte ich ja meiner Tochter später ein anderes Exemplar des Gewünschten anfertigen lassen — er ist nun freilich schon längere Zeit getragen worden und sieht nicht mehr ganz so blank aus, wie ein neuer Ring.“„Um so besser,“ rief ich erfreut und unvorsichtig, setzte aber dämpfend hinzu, „ich meine, das schadet nichts — wenn Ihr Fräulein Tochter so sehr gütig sein wollte!“„Ich will mit ihr sprechen,“ bemerkte der Vater, dem die Sache zweifelhaft schien, „vielleicht bemühen Sie sich morgen früh noch einmal zu mir.“Ich versprach es und verließ den Laden, ärgerlich darüber nachdenkend, wie ich nun den Tag hinbringen werde. Nachdem ich mein schönesvis-à-viseinmal gesprochen, konnten mich die stummen Fensterbeobachtungen nicht mehr ergötzen, und waren gewissermaßen auch unstatthaft geworden.In reiferen Jahren sieht man erst ein, wie thöricht es ist, sich darüber zu beklagen, daß die Zeit nicht rasch genug vergeht! Aber die Jugend, mit ihrem unerschöpflichen Reichthum an zukünftigen Tagen, möchte oft das „heute“ mit den Händen vorwärts schieben, um bald zu irgend einem ersehnten „morgen“ zu gelangen!Nun, auch mein Tag ging dahin — und ehe ich mich’s versah, war der Abend da und die Nacht — ich ging auf mein Zimmer, um mich zur Ruhe zu begeben.Vorher öffnete ich noch einmal das Fenster und sah auf die Straße und auf das Haus gegenüber.Das Wetter hatte sich aufgeklärt, ein ruhiger Mondschein lag auf den Dächern, milde, warme Luft strich über meine Stirn — ich konnte weiter reisen — wenn ich wollte!Ich schlief bis tief in den nächsten Morgen hinein und trat im Traum auf einen kleinen harten Gegenstand, der sich als ein Ring mit einem blauen Stein auswies. Freudestrahlend will ich mich eben damit nach dem Hause des Justizraths begeben — da klopft es an meine Thür, und die naseweise Bemerkung: „Der Barbier ist da!“ ruft mich aus der Traumwelt in die rauhe Wirklichkeit zurück.Ich frühstückte eilig — es war mittlerweile elf Uhr geworden — und wollte eben das Hotel verlassen, als ich neben meiner Kaffeetasse die neueste Zeitung liegen sah.Hastig durchsuchte ich den Inseratentheil — richtig — da stand der kleine, blaue Ring, und da stand Nap, im Falken Zimmer Nr. 10 abzugeben.Sofort machte ich mich auf den Weg zum Juwelier.Der prachtvollste Sommertag, klar und warm, war angebrochen — zu einer Gebirgsreise wie geschaffen!Ich schämte mich eigentlich, daß ich nicht reiste!Im Laden angekommen, bemerkte ich sofort an dem lächelnden Gesicht des Inhabers, daß „Goldschmieds Töchterlein“ wirklich so liebenswürdig gewesen sei, den Ring herzugeben. Ich bezahlte, steckte mein neuerworbenes Eigenthum schleunigst in die Tasche und begab mich nach dem Hause, welches schon so lange der Gegenstand meiner eifrigsten Beobachtungen war.Vor der Thür stand ich einen Augenblick still. Mir sagte eine innere Stimme, daß ich mit dieser Schwelle zugleich einen bedeutungsvollen Lebensabschnitt beträte — und mit heiligem Schauder zog ich an dem Klingelgriff.Meine Karte, die ein sauberes Dienstmädchen hineinbeförderte, mochte wohl Verwunderung erregen, um so mehr, da ich nach den Damen gefragt hatte, also nicht wohl für einen geschäftlichen Besucher gelten konnte — aber ich wurde angenommen und befand mich bald in einem großen, hellen Zimmer, das in einen schönen, blumengeschmückten Gartensalon Einblick gewährte.Auf dem Sopha saß die schon erwähnte ältere Dame — aber sonst war Niemand zu sehen!Das Schicksal schien mir durch meinen schon ganz ausgearbeiteten Entwurf einen häßlichen Strich machen zu wollen — indeß ich konnte nichts weiter dabei thun!Die Dame stand auf, machte mir eine Verbeugung und sah mich fragend an.„Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,“ begann ich, mit einer mir durchaus neuen Verlegenheit kämpfend, „daß ich so fremd hier einzudringen wage. Meine Kühnheit ist nur durch einen besondern Umstand zu entschuldigen — ich habe heute Morgen in der Zeitung gelesen, daß eine Dame aus diesem Hause einen kleinen Ring verloren hat — und ich bin so glücklich gewesen, denselben wiederzufinden!“„Ach, Sophiechen’s Ring,“ rief die Dame mit sehr freundlichem Gesicht, „das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, mein Herr, daß Sie sich selbst zu uns bemühen. Das arme Kind hat sich schon soviel um den Ring gegrämt, sie hatte ihn von der Tante Adele, die dann so bald gestorben ist, eine Schwester der Frau Justizräthin, die uns auch leider so früh entrissen wurde, und da durfte gar nichts verlauten, daß der Ring verloren war, denn der Herr Justizrath ist im Allgemeinen sehr gut, wirklich, man kann sagen, ausnehmend gut und nun gar zu Sophiechen ein sehr guter Papa, aber Sie wissen ja, wie die Herren sind, sie haben alle ihre Eigenheiten und eigen ist der Herr Justizrath auch.“Ich fand begreiflicher Weise weder Zeit noch Gelegenheit, ein Wort einzuschieben.„Nun aber,“ fuhr die gute Dame fort, „will ich Sophiechen holen. Sie sollen selbst sehen, was sie für eine Freude haben wird! Sie ist ja schon ganz unglücklich über den Ring! Nein, ich kann mich gar nicht genug wundern, daß er wieder da ist! So ein kleines Ding, wie leicht konnte er zertreten werden, oder bei dem Regen gestern — er konnte in die Gosse fallen — und weg war er! Es konnte ihn ja auch Jemand finden, der nicht ehrlich war — es giebt zu schlechte Menschen!“Hier ging ihr glücklicherweise der Athem aus und sie verließ mit den Worten: „Einen Augenblick, mein Herr!“ das Zimmer, während ich meinen Ring in der Hand hielt, mich schämte und mich freute.Es verging eine ziemliche Zeit, ehe die Dame wieder eintrat, und dicht hinter ihr das junge Mädchen, deren Bekanntschaft ich schon gestern gemacht.Sie stutzte, als sie mich sah, erröthete und setzte eine kleine vornehme Miene auf. Ich wollte mich ihr eben mit einigen erklärenden Worten nähern, als die Alte wieder dazwischen fuhr.„Na, Sophiechen, du wirst dich wundern! Du wunderst dich wohl schon, nicht wahr? Wie ich ihr sage, daß sie mitkommen soll, es wäre ein fremder Herr da, da sagt sie: „Tante, was soll ich denn drüben, du kannst doch wohl einen fremden Herrn allein annehmen,“ denn sie war gerade über dem Einkochen von —“„Liebe Tante,“ unterbrach sie das Mädchen freundlich, „das kann den Herrn unmöglich interessiren!“Und dabei wandte sie sich zu mir und sah mich fragend an.„Darf ich wissen, was es ist, wovon meine Tante sich so große Verwunderung meinerseits verspricht?“„Ich war so glücklich,“ begann ich stockend, hielt aber inne und überreichte ihr den Ring.Eine helle Freude flog über das reizende Gesicht und zwei große Thränen traten ihr in die Augen. Mit ausgestreckter Hand kam sie auf mich zu.„Ich danke Ihnen — ich danke vielmals! Sie machen mir eine unendlich große Freude — mein lieber Ring!“Ich kam mir in dem Augenblicke wie ein ganz nichtswürdiger Betrüger vor! Hier stand ich und nahm Dank, Freudenthränen, freundliche Aufnahme — sogar einen freundlichen Händedruck entgegen — für einen ganz abscheulichen Schwindel.Ich war drauf und dran, meine Sünden zu bekennen, und herausgeworfen zu werden, als sich die Thür auf’s neue öffnete und der stattliche Herr des Hauses eintrat.Er blieb überrascht stehen, als er die Gruppe in der Mitte des Zimmers erblickte.Sie — die Gruppe — sah auch nicht unbedenklich aus! Ein verlegener junger Mann, ein erröthendes Mädchen mit Thränen in den Augen und einem Ringe in der Hand und eine ältere Dame, die eben hätte segnen können!Diese Letztere stürmte indeß sofort auf den verblüfften Justizrath ein und überschüttete ihn mit Ausrufen, Erklärungen, Vorstellungen — bis er sich lachend die Hände vor die Ohren hielt.„Das Kurze und Lange von der Sache ist jedenfalls, daß Sophie ihren Ring verloren und wiederbekommen hat und daß wir Ihnen, mein Herr, dafür zu danken haben.“Höfliche Verbeugung! Wieder ein Dank, den ich nicht verdiente! Ich erstickte fast daran und mußte mich nun noch von dem Papa auf’s Sopha nöthigen lassen und eine halbe Stunde lang mit ihm über Juristerei plaudern!Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich begreifen, wie einem Friseur oder Schneidergesellen zu Muth sein muß, der als Graf in ein Weltbad reist und demgemäß behandelt wird.Ich war, wie ich schon sagte, wirklich immerfort im Begriff, meine Larve abzuwerfen und als blamirtes, aber ehrliches Schaf aus meinem Wolfspelz hervorzukriechen — aber der Zauber des Augenblicks war stärker als ich — ich blieb und schwieg.Als ich es endlich an der Zeit fand, die Familie nicht länger vom Genuß des Mittagessens zurückzuhalten, lud mich der Hausherr in freundlicher Weise ein, den Abend bei ihnen zu verleben, was ich tief beschämt, aber äußerlich mit schöner Fassung annahm.So war ich denn nun durch die Dornenhecken gänzlicher Unbekanntschaft in das verzauberte Schloß gedrungen, aber das Ritterschwert, welches mir den Weg zur Prinzeß Dornröschen gebahnt hatte — war eine Lüge! Mit einem Seufzer und dem alten Wort, daß der Zweck die Mittel heilige, sang ich mein Gewissen in Schlaf, und kehrte in den Gasthof zurück.Im Hausflur stand ein Mann in einer blauen Jacke, mit einer groben Physiognomie, er trug einen kleinen schwarzen Hund auf dem Arm. Ich achtete nicht auf ihn, sondern begab mich auf mein Zimmer, um mich angenehmen Erinnerungen und noch schöneren Erwartungen zu überlassen.Leises Pochen an der Thür schreckte mich auf.Auf mein „Herein!“ erschien zuerst der wohlfrisirte Oberkellner, hinter ihm der Mann in der blauen Jacke mit dem Hunde, den ich beim Eintreten bemerkt hatte. Der Letztere trat einen Schritt näher und indem er das Thier am Genick faßte und mir mit vorgestrecktem Arm entgegenhielt, sagte er:„Ich wollte fragen, ob das der Hund ist, den Sie verloren haben?“Meine Empfindungen sind schwer zu beschreiben! Lachlust und Beschämung kämpften heftig in mir — die greifbaren Folgen derzweitenLüge machten sich bemerklich.„Nein,“ sagte ich kurz, „das ist nicht mein Hund!“„Am Ende doch!“ bemerkte der Fremde, „er ist ja schwarz und klein!“Hierbei setzte er das Thier auf den Boden und schien es nicht wieder an sich nehmen zu wollen. Die kleine, höchst gemein aussehende Creatur fuhr, wahrscheinlich durch schlechte Behandlung gereizt, sofort bellend und schreiend auf mich ein und schnappte in höchst ungemüthlicher Weise nach meinen Stiefeln.„Sehen Sie, er kennt Sie!“ sagte das blaujackige Individuum mit der größten Frechheit, „ich bitte um die Belohnung, die in der Zeitung —“„Das ist doch zu stark!“ rief ich nun meinerseits geärgert, „dieses Thier habe ich nie gesehen, es beißt mich, und Sie wollen von mir noch eine Belohnung? Dort ist die Thür!“Der Mann rührte sich nicht.„Nun, dann bitte ich mir wenigstens ein Trinkgeld aus — ich habe zwei ganze Stunden hier auf Sie gewartet und meine Zeit kostet Geld!“„Nemesis!“ dachte ich und gab ihm, um es kurz zu machen, ein Geldstück, worauf er den Hund wieder wie ein Bündel Lumpen ergriff und mit einem höhnischen Kratzfuß das Feld räumte.Im Laufe des Nachmittags erschienen noch zwei Frauen und ein großer schurkischer Junge, die Alle Hunde brachten — der Junge sogar einen weißen! — und die mit Jammern und Grobheiten Futterkosten, Wartegeld und wer weiß was sonst noch von mir erpreßten. Aber der Abend sollte mich für diese Mühsal belohnen.Ich saß in dem hübschen Garten drüben bei meinen neuen Freunden, und wir plauderten so gemüthlich, als kennten wir uns schon seit langer Zeit.Dann ging Sophie in den Gartensaal und sang uns ein Lied; der Vater sah vergnügt dazu aus — und ich — nun ich war auch ganz befriedigt von meiner Lage. Aber Eins wußte ich schon an diesem Abend ganz genau, daß meine Bekanntschaft mit Sophie nicht umsonst durch einen Ring angefangen hatte — wenn es nach mir ging, sollten noch mehr Ringe in unseren gegenseitigen Beziehungen eine Rolle spielen. Also, es geht manchmal schnell mit solchem Entschluß, wie dies Beispiel zeigt!Den nächsten Tag verbrachte ich wieder fast ganz im Hause des Justizraths, wir hatten sogar eine Art Verwandtschaft aufgestöbert, die zwischen einer Großmutter meiner Stieftante und einem Onkel des Justizraths bestanden haben konnte — ich hatte also gewissermaßen ein Recht, dort zu sein!Nun, und es traf sich so, daß ich am dritten Abend mit Sophie und der Tante im Gartensaal saß und die Letztere abgerufen wurde.Jetzt, werden Sie denken, hätte ich meinen schnell erblühten Gefühlen gleich Worte gegeben? O nein, so von selber ging das nicht! Ich mußte noch gehörig durch die Traufe.Wir saßen in etwas stockender, verlegener Unterhaltung zusammen, wie das so leicht kommt, wenn man mehr zu sagen wüßte, als recht angehen will — da stürzt freudeglühenden Antlitzes die Magd des Hauses herein.„Na, Fräulein Sophie, Sie werden sich aber freuen! Ich bin in Ihrer Stube und nähe und da fällt mir der Fingerhut auf die Erde und kollert unter den großen Schrank. Ich hole mir den Johann und wir rücken den Schrank etwas beiseite und was finde ich? — Ihren Ring, den Sie so gesucht haben!“Prosit die Mahlzeit!Ich weiß kaum anzugeben, was ich in dem Moment dachte. Mein Hauptgefühl war lebhaftes Bedauern, daß die Wohnungen wohlhabender Privatleute keine Versenkungen haben, in denen man in so entschieden blamablen Augenblicken verschwinden könne.Sophie war ganz ruhig, nur sehr blaß geworden. „Ich danke, Christiane, es ist mir sehr lieb, daß der Ring da ist — Sie können gehen!“Die Magd verschwand, augenscheinlich sehr verblüfft über die ruhige Aufnahme dieses freudigen Ereignisses.Sophie wandte sich zu mir, ihre Stimme zitterte etwas.„Ich darf Sie wohl bitten, Herr Doctor, mich über dies sonderbare Zusammentreffen aufzuklären und — Ihr Eigenthum wieder an sich zu nehmen!“Bei diesen Worten streifte sie langsam den Ring, den ich gefunden haben wollte, vom Finger und hielt ihn mir hin.Und ich? Nun ich that, was ich gleich hätte thun sollen — ich beichtete ehrlich, demüthig, zerknirscht, wie sie mich interessirt hätte, ehe ich ein Wort mit ihr gesprochen, wie lebhaft ich gewünscht, in das Haus ihres Vaters zu kommen, wie ich dann im Moment die ganze Finte ersonnen und, einmal drin, nicht wieder herausgekonnt hätte. Und dann bat ich sie flehentlich, den Ring zu behalten und wurde immer eifriger und beredter und sagte schließlich Alles heraus, daß ich den Ring nur dann wiedernehmen würde, wenn ich ihn mit einem andern vertauschen dürfte — mit dem Verlobungsring!Und daß mir verziehen wurde, beweist Ihnen die Thatsache, daß der wirkliche Ring noch heut hier an meiner Uhrkette hängt — sehen Sie, das ist er! und daß Sophie seit einer langen Reihe von Jahren meine Frau ist. Um aber noch einmal auf den Verlobungsmoment zurückzukommen, so saßen wir ganz stillvergnügt zusammen, als plötzlich der Diener erschien und mir ein Telegramm überreichte.Erschrocken und überrascht öffnete ich dasselbe. Es war von meinen Tanten und lautete:„Anzeige im Kreisblatt unnöthig, Nap ist hier!“ Daß nun die Hundegeschichte auch noch an den Tag kam, daß Abends, als die Gesundheit des Brautpaares getrunken wurde, der Schwiegervater meine ganze Schlechtigkeit erfuhr, das können Sie sich denken.Aber sehen Sie, es kann manchmal schnell gehen mit dem Kennenlernen und Verloben und es hält doch.“Der Zug begann langsamer zu fahren.„Leben Sie wohl, meine jungen Damen,“ sagte der liebe, alte Herr mit seinem freundlichsten Lächeln, „vergeben Sie, wenn Ihnen meine Geschichte zu lang war, und nehmen Sie ja kein Beispiel daran! Immer geht’s nicht so gut ab mit dem Lügen und dann ist es doch sehr unangenehm, wenn es an’s Licht kommt!“Der Zug hielt an, der alte Herr verließ uns und ich habe ihn seitdem nicht wieder gesehen. — Aber noch heute besteige ich keinen Dampfwagen ohne die leise Hoffnung, den silbernen Kopf meines alten Herrn mir entgegenglänzen zu sehen und ihn noch einmal lachen zu hören!

Im Spätsommer des vergangenen Jahres, so erzählte eine mir befreundete Dame, unternahm ich eine kleine Reise nach dem Badeort K... Der Zufall führte mich auf dem Bahnhof mit einer Freundin zusammen, und froh, die etwas einförmige Fahrt durch angenehme Gesellschaft verkürzt zu sehen, bestieg ich dasselbe Coupé mit ihr. Es war allerdings kein Damencoupé, welches ich bei allein unternommenen Reisen sonst vorziehe, indeß ist dies eigentlich ein Vorurtheil, welches jede Frau, die über sechzehn Jahre zählt, zu ihrem eigenen Besten bekämpfen sollte. Alle Hochachtung vor den reisenden Repräsentantinnen meines Geschlechts — aber ich bin noch nie in einem solchen Coupé gefahren, ohne mich über die kleinliche Ungefälligkeit meiner Reisegefährtinnen, ihre Empfindlichkeit gegen Hitze und Kälte und ihre beständigen Wünsche nach solchen Lebensmitteln zu ärgern, die eben auf den Stationennichtzu haben waren.

So dankte ich denn dem Zufall, der mich heute aus diesem Dilemma erlöste, und bestieg mit meiner Freundin zusammen einen Waggon, der den Gebildeten beiderlei Geschlechts zugänglich war. Außer uns befand sich nur noch ein alter Herr im Wagen, der uns, als wir einstiegen, freundlich begrüßte.

Da unser Reisegefährte der Held der Geschichte ist, die ich zu erzählen im Begriff stehe, so kann ich es nicht unterlassen, ihn zu beschreiben mit all’ dem Enthusiasmus, den ich für ihn empfand; erstens um dem Leser damit ein Bild von ihm zu geben, und zweitens in der stillen Hoffnung, daß der Gegenstand meiner Zuneigung vielleicht irgendwo diese Blätter zur Hand nimmt, darin liest und nach einer Weile mit dem mich noch in der Erinnerung entzückenden herzlichen Lachen, in welches er zuweilen ausbrach, ruft: „Das sollichwohl am Ende sein?“

Mein lieber, alter Herr! Denn jung war er insofern nicht mehr, als seine freie Stirn von schneeweißem, feinem Haar umwachsen war, welches, glänzend wie die Federn eines Silberreihers, ein wenig keck in die Luft stand, und die sehr schönen, auffallend hochgeschwungenen Augenbrauen auch schon ein wenig beschneit aussahen. Jung aber war er doch, denn unter diesen seltsamen Augenbrauen sahen zwei so schöne, lebhafte, recht junge Augen hervor, daß sie einem Zwanziger Ehre gemacht hätten — jung war er, denn das blühende Roth einer erprobten Gesundheit lag auf seinem schönen Gesicht, die liebenswürdige, goldene Heiterkeit einer ewigen Jugend tönte aus dem unwiderstehlich herzlichen Lachen, mit welchem er in jeden Scherz einstimmte.

Man sieht, ich verlor sofort mein Herz an den reizenden alten Herrn! Das ist ein Damenwort, ich weiß es, aber ich bleibe dabei und rufe zum Schluß meiner Beschreibung noch einmal energisch aus: Nicht nur ein reizender alter Herr war mein Reisegefährte, ich brauche sogar den Superlativ, es war der reizendste alte Herr, den ich je gesehen habe. Wie er sich über Alles amüsirte! Nur daran zu denken, erheitert mich noch! Ueber den kleinen, schäbigen Jungen, der auf einer Station emsig und still vor sich hin Purzelbäume schoß, über die Männer, die mit eintönigen Ausrufen Kirschen und Birnen den Wagen entlang trugen, über die Ankommenden und Abreisenden! Wie elektrisirt er war, als eine klangvolle italienische Leier uns die „schöne blaue Donau“ zu hören gab, wie ernst und gerührt er wurde, als dieselbe Leier dann eine sanfte, traurige Melodie spielte, und wie herzlich er dann wieder über seine eigene Rührung lachte!

Meine Freundin und ich kamen, nachdem wir uns ein Weilchen mit diesem liebenswürdigen Coupégenossen unterhalten hatten, durch eine zufällige Ideenverbindung auf eine Verlobung zu sprechen, die in unseren Kreisen vor kurzem stattgefunden.

Ein sehr hübsches, viel umworbenes Mädchen hatte einen Ausflug zu ihrer Schwester unternommen, war acht Tage dort geblieben, hatte am zweiten dieser acht Tage einen jungen Gutsbesitzer kennen gelernt und sich vor Ablauf der genannten Frist mit demselben verlobt. Wir fanden das nach Frauenart sehr leichtsinnig, zuckten ein wenig die Achseln über so schnell gewonnene Herzen und ich meinte:

„Wenn das nur gut abläuft! Ein Brautpaar, das sich nur acht Tage gekannt hat, ehe es ein Brautpaar wurde! Eine bedenkliche Sache!“

Bei diesen Worten wendete der alte Herr den Kopf nach uns um.

„Verzeihen Sie,“ begann er lächelnd, „wenn ich mich in Ihr Gespräch mische, welches von Persönlichkeiten handelt. Aber von der Bemerkung, die Sie eben machten, mein Fräulein, fühle ich mich zu sehr getroffen, als daß ich mich nicht vertheidigen möchte. Ich war auch in dem Fall, von dem Sie eben sprechen — ich habe meine Frau sogar nur drei oder vier Mal gesehen, eh’ wir uns verlobten, und wir sind doch ein sehr glückliches Ehepaar geworden.“

Um mein Leben nicht konnte ich die tactlose Aeußerung nicht unterdrücken, daß ich in diesem Fall das sehr natürlich fände. Mein alter Herr nickte mir lachend mit herzlicher Miene zu, es mochte ihm wohl schon öfter vorgekommen sein, daß er so schnell Eroberungen machte.

Meine Freundin, noch kühner als ich, richtete nun die Frage an ihn, wie das denn gekommen sei, ob er nicht Zeit gehabt hätte, sich länger zu besinnen?

Der alte Herr sah mit einem schelmischen Lächeln in unsere neugierigen Gesichter, dann sagte er freundlich:

„Ja, so etwas hören junge Damen immer gern! Aber es ist eine lange Geschichte, am Ende komme ich an’s Ziel meiner dreistündigen Fahrt, eh’ ich zu Ende bin!“

„Ach bitte,“ riefen wir Beide, „es wird schon gehen, die Geschichte istunssicher nicht zu lang — wenn Sie so sehr freundlich sein wollen!“

Der alte Herr ließ sich erbitten, wir rückten uns alle Drei gemüthlich zurecht und er begann:

„Daß es schon eine ganze Weile her ist, seitdem ich auf Freiersfüßen ging, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Ja, diese Eisenbahn, auf der wir jetzt so selbstverständlich durch die Welt fliegen, war damals etwas ganz Neues, ein Wunderwerk, welches nur mit ehrfurchtsvollem Staunen und einem leisen Schauder benutzt wurde. So gewöhnt sich der Mensch an Alles und wir nennen die Jugend mit Unrecht anspruchsvoll, ihr wird nur eben Das schon in die Wiege gelegt, was wir als große Leute erst staunend und dankbar bekommen haben. Der Telegraph war damals auch erst eben erfunden — ja, ja, denken Sie nur!

Ich war im Begriff, eine kleine Vergnügungsreise auf unbestimmte Zeit anzutreten, ein Entschluß, der mir um so leichter wurde, als ich ganz frei und ungebunden in der Welt dastand, und von Angehörigen Niemanden besaß, als zwei alte Tanten und einen kleinen Hund, der, ein Nachklang der Zeitströmung, auf den schönen Namen „Nap“ hörte. Nicht wahr, eine ziemlich durchsichtige Abkürzung im Jahrhundert der Freiheitskriege?

Nap, ein kleiner, guter, schwarzer Kerl, war als einziger und letzter Bewohner meiner Kinderheimath mit mir in die Fremde gewandert, hatte mit mir studirt, Examina gemacht, und war mir stets ein lieber Freund und treuer Genosse gewesen, ja, ich glaube, ich war damals so weit, daß ich den alten Hund mehr liebte als irgend ein Wesen auf der Welt, meine lieben alten Tanten nicht ausgenommen.

Diese Tanten hätten Sie sehen sollen! Das waren noch ein paar Repräsentantinnen der gemüthlichen Vergangenheit, wo die Leute sich Zeit ließen. Schon die äußere Umgebung der beiden alten Damen war die Zierlichkeit selbst. Sie wohnten in einem kleinen, saubern Hause, nicht am selben Ort mit mir, welches sich durch die blitzendsten Fensterscheiben auszeichnete und grüne Jalousien hatte. Das Häuschen war umgeben von einem etwas pedantischen Garten, dessen Hecken und Grasplätze von einem asthmatischen alten Factotum mit der Papierscheere in Ordnung gehalten wurden. Da können Sie glauben, daß kein Zweig sich erlauben durfte, nach seinem Gutdünken zu wachsen, sofort war die Papierscheere da und stutzte den Naseweisen. Ein Paar ordnungsliebendere, gutherzigere, ängstlichere und gewissenhaftere Seelchen, als meine beiden lieben Tanten gab es nicht! Sie trugen sich ganz gleich, hatten Jede vier weiße, mathematisch genau gekämmte Löckchen, Hauben mit jenen thurmhohen weißen Krausen, wie man sie jetzt nur noch auf Bildern sieht, und trugen Beide Brillen.

An einem schönen Sommerabend traf ich denn mit meinem Nap bei den Tanten ein, die mich herzlich und liebevoll aufnahmen, und mich in ihre Gartenlaube zu einem zierlich aufgestellten Nachtmahl luden, dessen Dimensionen ungefähr der Art waren, als hätten die sieben Zwerge fragen können: „wer hat von meinem Tellerchen gegessen“ u. s. w. Aber ich ließ es mir wohlschmecken, und nachdem ich den Tanten meine Pläne für die nächste Zeit mitgetheilt hatte, rückte ich vorsichtig mit dem kühnen Ansinnen heraus, ob sie Nap, eine sonst bei ihnen wohlgelittene Creatur, für die Zeit meiner Abwesenheit wohl in Pflege und Obhut nehmen wollten.

Sie können sich denken, daß die beiden Schwestern nicht wenig erstaunten, selbst erschraken. Ein Zuwachs ihrer Hausbewohnerschaft, ein bellender, springender, zottiger Mitbewohner ihres stillen, beschaulichen Daheim; sie sahen sich wechselweise eine gute Viertelstunde an, schnupften, niesten, selbst dies Mittel schien heut’ nicht anzuschlagen, endlich nahmen siea tempodie Brillen ab und sagten so feierlich, als gelte es ein Eheversprechen, ein lautes, deutliches „Ja!“

Ich wußte, welch’ ein Opfer sie mir brachten, und sprach ihnen es auch dankbar aus, ich fügte bei, daß nur das Bewußtsein, meinen Hund in den besten Händen zu wissen, mich zu der großen Bitte ermuthigt hätte, und dann machte ich mich eilig davon, damit die Tanten ihren edelmüthigen Entschluß nicht etwa bereuen möchten. Ich erklärte meinen schnellen Aufbruch damit, daß ich am nächsten Morgen sehr früh mit der Bahn weiter müsse, welche nur noch zu einem nah belegenen Städtchen führte, von da wollte ich mit Postpferden und auf eigenen Füßen meinen Weg fortsetzen.

„Und, liebe, beste Tanten,“ fügte ich noch dringend hinzu, „laßt Nap die nächsten Tage nicht aus den Augen, er wird gewiß Versuche machen mir nachzusetzen und könnte alsdann verloren gehen!“

Feierlich wurde mir dies angelobt, und ich nahm gerührten und dankbaren Abschied, während Nap, durch ein Schüsselchen Milch in’s Haus gelockt, ahnungslos diesen Labetrank schlürfte.

Der andere Tag war leider trübe und schwül. Als ich in das Städtchen H... einfuhr, welches die Grenze zwischen Flachland und Gebirge bildet, zog ein Gewitter dumpf grollend herauf und der erste Willkommensgruß, der mir in H... wurde, war ein großer Regentropfen, der auf meine Nase fiel. Ihm folgten mehrere, ein wahrer Wolkenbruch stürzte hernieder und das liebenswürdige Wetter benutzte den Tag, um sich, wie man sagt, recht gründlich „einzuregnen.“ Unter diesen Umständen eine Fußtour beginnen, oder sich einer Postchaise anvertrauen zu wollen, um das Gebirge kennen zu lernen, wäre mehr als Thorheit gewesen. Es hieß also warten!

Ich quartierte mich in dem ersten Gasthofe der Stadt ein, der vermuthlich so hieß, weil es keinen zweiten gab, und sah zum Fenster hinaus. Zum Glück war ich von jeher besonders unfähig, mich zu langweilen, ich hatte manchmal den besten Willen, da kam mir etwas Unterhaltendes in die Quere — es ging nicht!

Auch hier war es so. Ich hätte mich eigentlich recht gut langweilen können, aber da lag gerade dem Gasthause gegenüber ein ganz allerliebstes Haus, das immer etwas zu sehen oder zu hören gab. Ich konnte freilich nur die Seitenfront des freundlichen Gebäudes beobachten, denn die Vorderzimmer gingen nach einem schönen, großen Garten hinaus, dessen Lavendelduft, selbst durch den Regen nicht ertränkt, Abends zu mir herüber geflogen kam.

An diesen Seitenfenstern nun saß öfters eine junge Dame und nähte. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, sie bückte sich immer sehr tief auf die Arbeit; ich sah nur ein Stückchen Wange, zuweilen flüchtig die Umrisse eines zierlichen Profils, und ein Nest dunkelblonder Zöpfe um einen seltsam geformten weißen Kamm geschlungen.

Da es nun schon den zweiten Tag regnete, hatte ich volle Muße, diese Beobachtungen anzustellen. Freundlicherweise hatte das Haus seinen Eingang auch auf der Seite. Gegen Abend kam ein dicker, stattlicher Herr nach Hause, dessen Kopf ich auch noch nie zu Gesicht bekommen hatte, denn er hielt immer einen großen, wohlhabend aussehenden Schirm über sich, den er erst zumachte, wenn seine behäbige Person schon innerhalb der Hausthür war. Und dann zur Thür hinaus schüttelte und spritzte er diesen Schirm aus, als wenn die Straße noch nicht naß genug wäre.

Ich hätte ja durch eine Frage leicht etwas über meinvis-à-viserfahren können, aber ich wollte es nicht — es war so sehr ergötzlich, mir meine Schlüsse aus Dem zu ziehen, was ich sah.

Der Hausherr war entschiedenkeinArzt, dazu kam er zu regelmäßig nach Hause, sondern Beamter, ein Mann mit Bureaustunden. Die junge Dame am Fenster war seine Tochter und zwar sein Liebling, denn er begab sich stets geraden Weges zu ihr in’s Zimmer. Dann stand sie sofort auf, legte die Arbeit zusammen und ging mit ihm hinaus. Eine dritte Person, die ich häufig ausgehen und wiederkommen sah, eine Dame in mittleren Jahren, mußte die Gesellschafterin sein, nicht die Frau vom Hause, denn wenn sie dem Vater begegnete, machte sie einen Knix.

Am Nachmittag des dritten Tages schien der Himmel ein ganz klein wenig lichter zu werden, ich trat an’s Fenster und, wie mir schon zur Gewohnheit geworden war, blickte ich nach dem Hause gegenüber. Da saß die junge Dame — dies Mal ohne Näharbeit — ich hätte ihr Gesicht gewiß ganz gut sehen können, aber sie hielt ein Tuch vor die Augen — sie weinte!

Ich blieb erstaunt stehen. Warum mochte sie weinen? Sie werden mir zugeben, daß ein junges Mädchen mit so schönen blonden Zöpfen, die von ihrem Papa verzogen wird und — weint, ein Fall ist, über den man nachdenklich werden kann.

Nach einer Weile trocknete sich mein Gegenüber die Augen, schrieb einige Worte auf einen kleinen Zettel, stand auf und verließ das Fenster. Wenige Minuten darauf öffnete sich die Hausthür, sie trat heraus, einen Regenschirm in der Hand, in Hut und Mantel und blickte nach dem Himmel. Ein reizendes Gesicht war es, das muß ich schon sagen!

Warum ich meinen Paletot ergriff und die Treppe hinunterging, weiß ich nicht zu sagen, aber ich that es und folgte der jungen Dame in respectvoller Entfernung, auch mit dem Regenschirm bewaffnet.

Ein plötzlicher, heftiger Windstoß faßte den Schirm meiner Schönen und drehte ihn von innen nach außen, er machte, wie man zu sagen pflegt, eine Tulpe daraus. Im selben Moment stürzte der Regen mit verdoppelter Gewalt hernieder und das Mädchen, nach einem vergeblichen Versuch, den treulosen Beschützer wieder in seine alte Form zu bringen, verdoppelte ihre Schritte und eilte in einen geräumigen Hausflur, von wo sie in das tobende Wetter hinaussah. Ich dachte: Das kann Jeder! und nicht faul, betrat ich denselben Hausflur, zog den Hut und postirte mich der jungen Dame gegenüber an die Wand. Nach einer kleinen Weile trat sie an die Hausthür, zog den rechten Handschuh ab und streckte die Hand hinaus, um zu fühlen, ob der Regen noch nicht nachgelassen habe. „Kein Trauring!“ dachte ich erfreut, ohne eigentlich zu wissen, warum es mich freute.

Da es noch mit aller Gewalt vom Himmel heruntergoß, nahm das Fräulein ihren Schirm wieder vor und versuchte ihn in die richtige Verfassung zu bringen. Es gelang ihr aber nicht und ich hielt dies für einen Wink des Schicksals, ein Gespräch anzuknüpfen. Mit abgezogenem Hut trat ich bescheiden vor und bot meine Hülfe an, die auch freundlich angenommen wurde.

Daß es mir nicht gelang, den Schirm zurechtzubringen, versteht sich von selbst. Sanfter Ueberredung wollte er nicht weichen, ich wendete alle Gewalt an, der Tückische aber verstand keinen Spaß, sondern brach gelassen mitten durch. Das Fräulein sah erschrocken aus, aber nicht zornig — durchaus nicht zornig, was ich mir mit richtiger Menschenkenntniß als einen Beweis liebenswürdigen Temperaments auslegte. Ich stand da wie ein armer Sünder, stammelte ein paar Entschuldigungen und bat endlich um die Erlaubniß, meinen Schirm als Ersatz anbieten zu dürfen, wozu mich noch die egoistische Hoffnung stachelte, ich würde durch Rückgabe des von mir zerbrochenen Individuums einen Vorwand haben, um in die Burg zu dringen, die von der blondzöpfigen Prinzessin bewohnt war. An Abreise dachte ich schon nicht mehr, wie Sie sehen. Aber es kam anders!

„Ich danke sehr, mein Herr,“ sagte das junge Mädchen freundlich, „ich kann Sie Ihres Schirmes nicht berauben. Wollen Sie mir aber eine Droschke besorgen, damit ich meinen Weg fortsetzen kann, so nehme ich es dankbar an!“

Nun, das that ich natürlich und hatte die Genugthuung, daß ein sehr liebenswürdiges „Danke“ mich belohnte, dann, während ich, den Hut in der Hand, wie ein Lakai mich am Schlage aufstellte, rief die junge Dame zum Kutscher hinauf: „Nach der Zeitungsexpedition!“ Der Schlag fiel zu — und da stand ich.

Nach der Zeitungsexpedition! Was thut eine junge Dame in der Zeitungsexpedition? Allerlei finstere Gedanken bestürmten mich — sie wird doch nicht einen Brief abholen, von dem der Papa nichts wissen soll? Erst Thränen, dann Zeitungsexpedition — verdächtige Zusammenstellung!

„Dahinter muß ich kommen,“ rief ich so zornig, als wäre ich der Beichtvater der kleinen Dame.

Eine Idee fuhr blitzschnell durch meinen Kopf! Ich mußte einen Vorwand haben, auch nach der Expedition zu gehen. Sollte ich nach Briefen fragen? Nein, das war mit einem „Nichts für Sie!“ zu schnell abgemacht. Also ich mußte etwas annonciren! Gedacht, gethan, ein Blatt aus der Brieftasche gerissen und im Stehen geschrieben wie folgt: „Ein kleiner, schwarzer Affenpinscher mit hellblauseidenem Halsband, auf den Namen Nap hörend, hat sich verlaufen. Der ehrliche Finder wird gebeten, denselben gegen eine angemessene Belohnung im Hotel zum grünen Falken, Zimmer Nr. 10, abzugeben.“ Meine Adresse fügte ich bei, damit die Sache an Wahrscheinlichkeit gewönne und die junge Dame nicht glaubte, ich wollte sie nur unter einem Vorwand wiedersehen.

Nun denken Sie — der arme Nap! Er mußte noch herhalten, mußte sich angeblich verlaufen haben, um seinen Herrn auf den richtigen Weg zu bringen! Einige Kreuz- und Querfragen führten mich rasch nach der Expedition des Blattes, welches, wie ich hörte, das einzige für den ganzen Kreis, daher mit Inseraten stets sehr überhäuft war.

Auch heute fand sich in dem Local eine bedeutende Menschenmenge vor, welche fast bis an die Thür hin sich drängte und nur langsam zum Schalter avancirte. So sah ich denn auch meine Unbekannte gleich am Eingang stehen, ihr Zettelchen in der Hand wartete sie geduldig auf den Augenblick der Beförderung.

Als ich sie mit ehrerbietiger Verbeugung begrüßte, dabei etwas von „glücklichem Zufall“ murmelte, sah sie mich überrascht an, erröthete und ein leichtes Zucken ihrer Augenbrauen verrieth, daß sie diese zweite Begegnung für keine zufällige hielt. Auf meine Bemerkung erwiderte sie kein Wort, sondern sah mit einer schnellen Kopfwendung nach der andern Seite hin. Ich that, als bemerkte ich es gar nicht.

„Denken Sie, mein Fräulein, wie traurig es mir ergeht! Ich komme vor drei Tagen ganz fremd hier in die Stadt und bin heute schon in der Lage, eine Annonce in die Zeitungsexpedition zu tragen, in der ein verlorener Besitz und ein ehrlicher Finder die Hauptrolle spielen!“

Meine Nachbarin blickte rasch auf. Sie mochte fühlen, daß sie mir Unrecht gethan — nachihrerAnsicht — und ärgerte sich vielleicht ein wenig über die Eitelkeit, welche ihr zugeflüstert, ich sei wohl ihretwegen nach der Expedition gekommen, kurz, sie entgegnete etwas freundlicher, sie sei in demselben Fall. Sie habe ein kleines Schmuckstück verloren, ein liebes, unersetzliches Andenken.

„So, wie es hier beschrieben ist,“ fügte sie hinzu und reichte mir den kleinen Zettel, den ich behutsam ergriff. „Können Sie mir wohl sagen, mein Herr, ob die Anzeige so richtig gefaßt ist? Ich wollte zu Haus Niemand darum fragen,“ setzte sie treuherzig hinzu, „weil — nun, weil ich fürchtete, mein Vater könnte sehr ungehalten sein, wenn er erführe, daß ich ebendiesesBesitzthum verloren habe!“

Der Zettel enthielt in einer zierlichen Schulmädchenhand die Anzeige, daß ein schmaler goldener Ring mit einem Vergißmeinnicht von Türkisen darauf verloren gegangen und gegen Belohnung T...straße Nr. 6 abzugeben sei.

„Sie können sich einige Worte sparen,“ bemerkte ich; „mit Ihrer Erlaubniß gebe ich dem Ganzen eine geschäftsmäßigere Form.“

Sie nickte und ich ließ mit großer Geschicklichkeit das Original des kleinen Schriftstückes in meiner Brieftasche verschwinden, als ich dem Fräulein die Copie überreichte. Sie schien es gar nicht zu bemerken.

„Sie sagten, Sie hätten auch etwas verloren,“ begann sie nun ihrerseits etwas schüchtern, „ist es auch ein Andenken?“

„Ja, aber anderer Art,“ erwiderte ich, „meinAndenken hat vier Beine, einen krausen, schwarzen Pelz und bellt — mein Hund ist mir verloren gegangen!“

„Ach, wie schade,“ sagte sie bedauernd, „aber wie kann man einen Hund verlieren!“ setzte sie vorwurfsvoll hinzu.

„Nun,“ gab ich ruhig zurück, „ebensogut, wie man einen Ring verlieren kann, den man am Finger trägt.“

Sie lachte.

„Ich hatte ihn aber abgezogen,“ erwiderte sie eifrig, „ich wollte ihn zu dem Juwelier dort drüben tragen,“ sie wies nach einem hübschen Laden mit großen Spiegelfenstern, „wie ich nun hinkomme und den Ring abgeben will — ist er fort, und ob ich ihn auf dem Wege oder sonst wo verloren habe, weiß ich nicht.“

„Ich denke, er findet sich wieder,“ tröstete ich, „und ich für meine Person werde jetzt immer mit niedergeschlagenen Augen umhergehen — wer weiß, ob ich nicht das verlorene Vergißmeinnicht irgendwo treffe und dann so glücklich bin, es Ihnen zu geben.“

In diesem Augenblick wurde Platz am Schalter, die junge Dame eilte vor, gab ihren Zettel ab und verließ mit einer flüchtig freundlichen Kopfneigung gegen mich die Expedition, während ich nach ihrem Verschwinden gedankenlos mein Inserat bezahlte und mir dann überlegte, daß es ja nun ganz unnöthig gewesen sei, meine Lüge dem Druck zu übergeben. Doch Sie wissen, zu geschehenen Dingen läßt sich zwar noch viel sagen, aber nichts mehr thun. Ich ging dann meiner Wege, grübelnd und sinnend, wie ich den angeknüpften Faden der Bekanntschaft weiter spinnen sollte.

Plötzlich fiel mir etwas ein.

Ich dachte, einmal gelogen, ist nach einem alten Sprichwort kein Mal, also wollen wir es noch ein zweites Mal thun, und dabei mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen — die Gelegenheit zur Fortsetzung einer Beziehung finden, die mich schon mächtig anzog, und dem liebenswürdigen Mädchen väterliche Vorwürfe ersparen.

Schnell, um dem Gewissen nicht erst Zeit zu lassen, mir etwas vorzubellen, betrat ich den mir von der jungen Dame bezeichneten Juwelierladen und bat, mir verschiedene Ringe vorzulegen. Während der Kaufmann das Verlangte herbeiholte, durchblätterte ich rasch den auf dem Ladentisch liegenden Adreßkalender, der mir auch bald über Namen und Stand meines Gegenüber bereitwillig Auskunft ertheilte.

Ich hatte Recht, der Vater des Mädchens war, wie ich vermuthete, Justizrath — leider sind die Adreßbücher nicht ausreichend, um sonstige gewünschte Details über eine Familie zu erfahren. Indeß ich wußte genug und begann mein Lügengewebe zuversichtlich weiter zu spinnen.

Ich suchte unter den Schmucksachen, die der freundliche Kaufherr mir vorlegte, schüttelte den Kopf und sagte endlich, dies sei Alles nicht was ich wollte, ich brauchte einen bestimmten Ring.

„Ich will genau denselben haben, den Fräulein W..., die Tochter des Justizrath W... in der T...straße, besitzt, es handelt sich um eine Wette,“ fügte ich rasch hinzu, da der Juwelier mich erstaunt ansah und sogar ein wenig lächelte.

„Ich erinnere mich des Ringes ganz gut,“ sagte er nun, „und ich hatte genau denselben noch einmal, habe ihn aber meiner Tochter geschenkt, der er bei Fräulein W... so gut gefiel.“

„Das ist betrübend,“ erwiderte ich achselzuckend, „denn ich müßte ihn bald haben. In zwei bis drei Tagen spätestens verlasse ich die Stadt und möchte meine Wette gern vorher noch zum Austrag bringen.“

Der Juwelier besann sich ein Weilchen.

„Wenn Ihnen so sehr viel daran gelegen ist,“ begann er dann zögernd, „so könnte ich ja meiner Tochter später ein anderes Exemplar des Gewünschten anfertigen lassen — er ist nun freilich schon längere Zeit getragen worden und sieht nicht mehr ganz so blank aus, wie ein neuer Ring.“

„Um so besser,“ rief ich erfreut und unvorsichtig, setzte aber dämpfend hinzu, „ich meine, das schadet nichts — wenn Ihr Fräulein Tochter so sehr gütig sein wollte!“

„Ich will mit ihr sprechen,“ bemerkte der Vater, dem die Sache zweifelhaft schien, „vielleicht bemühen Sie sich morgen früh noch einmal zu mir.“

Ich versprach es und verließ den Laden, ärgerlich darüber nachdenkend, wie ich nun den Tag hinbringen werde. Nachdem ich mein schönesvis-à-viseinmal gesprochen, konnten mich die stummen Fensterbeobachtungen nicht mehr ergötzen, und waren gewissermaßen auch unstatthaft geworden.

In reiferen Jahren sieht man erst ein, wie thöricht es ist, sich darüber zu beklagen, daß die Zeit nicht rasch genug vergeht! Aber die Jugend, mit ihrem unerschöpflichen Reichthum an zukünftigen Tagen, möchte oft das „heute“ mit den Händen vorwärts schieben, um bald zu irgend einem ersehnten „morgen“ zu gelangen!

Nun, auch mein Tag ging dahin — und ehe ich mich’s versah, war der Abend da und die Nacht — ich ging auf mein Zimmer, um mich zur Ruhe zu begeben.

Vorher öffnete ich noch einmal das Fenster und sah auf die Straße und auf das Haus gegenüber.

Das Wetter hatte sich aufgeklärt, ein ruhiger Mondschein lag auf den Dächern, milde, warme Luft strich über meine Stirn — ich konnte weiter reisen — wenn ich wollte!

Ich schlief bis tief in den nächsten Morgen hinein und trat im Traum auf einen kleinen harten Gegenstand, der sich als ein Ring mit einem blauen Stein auswies. Freudestrahlend will ich mich eben damit nach dem Hause des Justizraths begeben — da klopft es an meine Thür, und die naseweise Bemerkung: „Der Barbier ist da!“ ruft mich aus der Traumwelt in die rauhe Wirklichkeit zurück.

Ich frühstückte eilig — es war mittlerweile elf Uhr geworden — und wollte eben das Hotel verlassen, als ich neben meiner Kaffeetasse die neueste Zeitung liegen sah.

Hastig durchsuchte ich den Inseratentheil — richtig — da stand der kleine, blaue Ring, und da stand Nap, im Falken Zimmer Nr. 10 abzugeben.

Sofort machte ich mich auf den Weg zum Juwelier.

Der prachtvollste Sommertag, klar und warm, war angebrochen — zu einer Gebirgsreise wie geschaffen!

Ich schämte mich eigentlich, daß ich nicht reiste!

Im Laden angekommen, bemerkte ich sofort an dem lächelnden Gesicht des Inhabers, daß „Goldschmieds Töchterlein“ wirklich so liebenswürdig gewesen sei, den Ring herzugeben. Ich bezahlte, steckte mein neuerworbenes Eigenthum schleunigst in die Tasche und begab mich nach dem Hause, welches schon so lange der Gegenstand meiner eifrigsten Beobachtungen war.

Vor der Thür stand ich einen Augenblick still. Mir sagte eine innere Stimme, daß ich mit dieser Schwelle zugleich einen bedeutungsvollen Lebensabschnitt beträte — und mit heiligem Schauder zog ich an dem Klingelgriff.

Meine Karte, die ein sauberes Dienstmädchen hineinbeförderte, mochte wohl Verwunderung erregen, um so mehr, da ich nach den Damen gefragt hatte, also nicht wohl für einen geschäftlichen Besucher gelten konnte — aber ich wurde angenommen und befand mich bald in einem großen, hellen Zimmer, das in einen schönen, blumengeschmückten Gartensalon Einblick gewährte.

Auf dem Sopha saß die schon erwähnte ältere Dame — aber sonst war Niemand zu sehen!

Das Schicksal schien mir durch meinen schon ganz ausgearbeiteten Entwurf einen häßlichen Strich machen zu wollen — indeß ich konnte nichts weiter dabei thun!

Die Dame stand auf, machte mir eine Verbeugung und sah mich fragend an.

„Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,“ begann ich, mit einer mir durchaus neuen Verlegenheit kämpfend, „daß ich so fremd hier einzudringen wage. Meine Kühnheit ist nur durch einen besondern Umstand zu entschuldigen — ich habe heute Morgen in der Zeitung gelesen, daß eine Dame aus diesem Hause einen kleinen Ring verloren hat — und ich bin so glücklich gewesen, denselben wiederzufinden!“

„Ach, Sophiechen’s Ring,“ rief die Dame mit sehr freundlichem Gesicht, „das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, mein Herr, daß Sie sich selbst zu uns bemühen. Das arme Kind hat sich schon soviel um den Ring gegrämt, sie hatte ihn von der Tante Adele, die dann so bald gestorben ist, eine Schwester der Frau Justizräthin, die uns auch leider so früh entrissen wurde, und da durfte gar nichts verlauten, daß der Ring verloren war, denn der Herr Justizrath ist im Allgemeinen sehr gut, wirklich, man kann sagen, ausnehmend gut und nun gar zu Sophiechen ein sehr guter Papa, aber Sie wissen ja, wie die Herren sind, sie haben alle ihre Eigenheiten und eigen ist der Herr Justizrath auch.“

Ich fand begreiflicher Weise weder Zeit noch Gelegenheit, ein Wort einzuschieben.

„Nun aber,“ fuhr die gute Dame fort, „will ich Sophiechen holen. Sie sollen selbst sehen, was sie für eine Freude haben wird! Sie ist ja schon ganz unglücklich über den Ring! Nein, ich kann mich gar nicht genug wundern, daß er wieder da ist! So ein kleines Ding, wie leicht konnte er zertreten werden, oder bei dem Regen gestern — er konnte in die Gosse fallen — und weg war er! Es konnte ihn ja auch Jemand finden, der nicht ehrlich war — es giebt zu schlechte Menschen!“

Hier ging ihr glücklicherweise der Athem aus und sie verließ mit den Worten: „Einen Augenblick, mein Herr!“ das Zimmer, während ich meinen Ring in der Hand hielt, mich schämte und mich freute.

Es verging eine ziemliche Zeit, ehe die Dame wieder eintrat, und dicht hinter ihr das junge Mädchen, deren Bekanntschaft ich schon gestern gemacht.

Sie stutzte, als sie mich sah, erröthete und setzte eine kleine vornehme Miene auf. Ich wollte mich ihr eben mit einigen erklärenden Worten nähern, als die Alte wieder dazwischen fuhr.

„Na, Sophiechen, du wirst dich wundern! Du wunderst dich wohl schon, nicht wahr? Wie ich ihr sage, daß sie mitkommen soll, es wäre ein fremder Herr da, da sagt sie: „Tante, was soll ich denn drüben, du kannst doch wohl einen fremden Herrn allein annehmen,“ denn sie war gerade über dem Einkochen von —“

„Liebe Tante,“ unterbrach sie das Mädchen freundlich, „das kann den Herrn unmöglich interessiren!“

Und dabei wandte sie sich zu mir und sah mich fragend an.

„Darf ich wissen, was es ist, wovon meine Tante sich so große Verwunderung meinerseits verspricht?“

„Ich war so glücklich,“ begann ich stockend, hielt aber inne und überreichte ihr den Ring.

Eine helle Freude flog über das reizende Gesicht und zwei große Thränen traten ihr in die Augen. Mit ausgestreckter Hand kam sie auf mich zu.

„Ich danke Ihnen — ich danke vielmals! Sie machen mir eine unendlich große Freude — mein lieber Ring!“

Ich kam mir in dem Augenblicke wie ein ganz nichtswürdiger Betrüger vor! Hier stand ich und nahm Dank, Freudenthränen, freundliche Aufnahme — sogar einen freundlichen Händedruck entgegen — für einen ganz abscheulichen Schwindel.

Ich war drauf und dran, meine Sünden zu bekennen, und herausgeworfen zu werden, als sich die Thür auf’s neue öffnete und der stattliche Herr des Hauses eintrat.

Er blieb überrascht stehen, als er die Gruppe in der Mitte des Zimmers erblickte.

Sie — die Gruppe — sah auch nicht unbedenklich aus! Ein verlegener junger Mann, ein erröthendes Mädchen mit Thränen in den Augen und einem Ringe in der Hand und eine ältere Dame, die eben hätte segnen können!

Diese Letztere stürmte indeß sofort auf den verblüfften Justizrath ein und überschüttete ihn mit Ausrufen, Erklärungen, Vorstellungen — bis er sich lachend die Hände vor die Ohren hielt.

„Das Kurze und Lange von der Sache ist jedenfalls, daß Sophie ihren Ring verloren und wiederbekommen hat und daß wir Ihnen, mein Herr, dafür zu danken haben.“

Höfliche Verbeugung! Wieder ein Dank, den ich nicht verdiente! Ich erstickte fast daran und mußte mich nun noch von dem Papa auf’s Sopha nöthigen lassen und eine halbe Stunde lang mit ihm über Juristerei plaudern!

Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich begreifen, wie einem Friseur oder Schneidergesellen zu Muth sein muß, der als Graf in ein Weltbad reist und demgemäß behandelt wird.

Ich war, wie ich schon sagte, wirklich immerfort im Begriff, meine Larve abzuwerfen und als blamirtes, aber ehrliches Schaf aus meinem Wolfspelz hervorzukriechen — aber der Zauber des Augenblicks war stärker als ich — ich blieb und schwieg.

Als ich es endlich an der Zeit fand, die Familie nicht länger vom Genuß des Mittagessens zurückzuhalten, lud mich der Hausherr in freundlicher Weise ein, den Abend bei ihnen zu verleben, was ich tief beschämt, aber äußerlich mit schöner Fassung annahm.

So war ich denn nun durch die Dornenhecken gänzlicher Unbekanntschaft in das verzauberte Schloß gedrungen, aber das Ritterschwert, welches mir den Weg zur Prinzeß Dornröschen gebahnt hatte — war eine Lüge! Mit einem Seufzer und dem alten Wort, daß der Zweck die Mittel heilige, sang ich mein Gewissen in Schlaf, und kehrte in den Gasthof zurück.

Im Hausflur stand ein Mann in einer blauen Jacke, mit einer groben Physiognomie, er trug einen kleinen schwarzen Hund auf dem Arm. Ich achtete nicht auf ihn, sondern begab mich auf mein Zimmer, um mich angenehmen Erinnerungen und noch schöneren Erwartungen zu überlassen.

Leises Pochen an der Thür schreckte mich auf.

Auf mein „Herein!“ erschien zuerst der wohlfrisirte Oberkellner, hinter ihm der Mann in der blauen Jacke mit dem Hunde, den ich beim Eintreten bemerkt hatte. Der Letztere trat einen Schritt näher und indem er das Thier am Genick faßte und mir mit vorgestrecktem Arm entgegenhielt, sagte er:

„Ich wollte fragen, ob das der Hund ist, den Sie verloren haben?“

Meine Empfindungen sind schwer zu beschreiben! Lachlust und Beschämung kämpften heftig in mir — die greifbaren Folgen derzweitenLüge machten sich bemerklich.

„Nein,“ sagte ich kurz, „das ist nicht mein Hund!“

„Am Ende doch!“ bemerkte der Fremde, „er ist ja schwarz und klein!“

Hierbei setzte er das Thier auf den Boden und schien es nicht wieder an sich nehmen zu wollen. Die kleine, höchst gemein aussehende Creatur fuhr, wahrscheinlich durch schlechte Behandlung gereizt, sofort bellend und schreiend auf mich ein und schnappte in höchst ungemüthlicher Weise nach meinen Stiefeln.

„Sehen Sie, er kennt Sie!“ sagte das blaujackige Individuum mit der größten Frechheit, „ich bitte um die Belohnung, die in der Zeitung —“

„Das ist doch zu stark!“ rief ich nun meinerseits geärgert, „dieses Thier habe ich nie gesehen, es beißt mich, und Sie wollen von mir noch eine Belohnung? Dort ist die Thür!“

Der Mann rührte sich nicht.

„Nun, dann bitte ich mir wenigstens ein Trinkgeld aus — ich habe zwei ganze Stunden hier auf Sie gewartet und meine Zeit kostet Geld!“

„Nemesis!“ dachte ich und gab ihm, um es kurz zu machen, ein Geldstück, worauf er den Hund wieder wie ein Bündel Lumpen ergriff und mit einem höhnischen Kratzfuß das Feld räumte.

Im Laufe des Nachmittags erschienen noch zwei Frauen und ein großer schurkischer Junge, die Alle Hunde brachten — der Junge sogar einen weißen! — und die mit Jammern und Grobheiten Futterkosten, Wartegeld und wer weiß was sonst noch von mir erpreßten. Aber der Abend sollte mich für diese Mühsal belohnen.

Ich saß in dem hübschen Garten drüben bei meinen neuen Freunden, und wir plauderten so gemüthlich, als kennten wir uns schon seit langer Zeit.

Dann ging Sophie in den Gartensaal und sang uns ein Lied; der Vater sah vergnügt dazu aus — und ich — nun ich war auch ganz befriedigt von meiner Lage. Aber Eins wußte ich schon an diesem Abend ganz genau, daß meine Bekanntschaft mit Sophie nicht umsonst durch einen Ring angefangen hatte — wenn es nach mir ging, sollten noch mehr Ringe in unseren gegenseitigen Beziehungen eine Rolle spielen. Also, es geht manchmal schnell mit solchem Entschluß, wie dies Beispiel zeigt!

Den nächsten Tag verbrachte ich wieder fast ganz im Hause des Justizraths, wir hatten sogar eine Art Verwandtschaft aufgestöbert, die zwischen einer Großmutter meiner Stieftante und einem Onkel des Justizraths bestanden haben konnte — ich hatte also gewissermaßen ein Recht, dort zu sein!

Nun, und es traf sich so, daß ich am dritten Abend mit Sophie und der Tante im Gartensaal saß und die Letztere abgerufen wurde.

Jetzt, werden Sie denken, hätte ich meinen schnell erblühten Gefühlen gleich Worte gegeben? O nein, so von selber ging das nicht! Ich mußte noch gehörig durch die Traufe.

Wir saßen in etwas stockender, verlegener Unterhaltung zusammen, wie das so leicht kommt, wenn man mehr zu sagen wüßte, als recht angehen will — da stürzt freudeglühenden Antlitzes die Magd des Hauses herein.

„Na, Fräulein Sophie, Sie werden sich aber freuen! Ich bin in Ihrer Stube und nähe und da fällt mir der Fingerhut auf die Erde und kollert unter den großen Schrank. Ich hole mir den Johann und wir rücken den Schrank etwas beiseite und was finde ich? — Ihren Ring, den Sie so gesucht haben!“

Prosit die Mahlzeit!

Ich weiß kaum anzugeben, was ich in dem Moment dachte. Mein Hauptgefühl war lebhaftes Bedauern, daß die Wohnungen wohlhabender Privatleute keine Versenkungen haben, in denen man in so entschieden blamablen Augenblicken verschwinden könne.

Sophie war ganz ruhig, nur sehr blaß geworden. „Ich danke, Christiane, es ist mir sehr lieb, daß der Ring da ist — Sie können gehen!“

Die Magd verschwand, augenscheinlich sehr verblüfft über die ruhige Aufnahme dieses freudigen Ereignisses.

Sophie wandte sich zu mir, ihre Stimme zitterte etwas.

„Ich darf Sie wohl bitten, Herr Doctor, mich über dies sonderbare Zusammentreffen aufzuklären und — Ihr Eigenthum wieder an sich zu nehmen!“

Bei diesen Worten streifte sie langsam den Ring, den ich gefunden haben wollte, vom Finger und hielt ihn mir hin.

Und ich? Nun ich that, was ich gleich hätte thun sollen — ich beichtete ehrlich, demüthig, zerknirscht, wie sie mich interessirt hätte, ehe ich ein Wort mit ihr gesprochen, wie lebhaft ich gewünscht, in das Haus ihres Vaters zu kommen, wie ich dann im Moment die ganze Finte ersonnen und, einmal drin, nicht wieder herausgekonnt hätte. Und dann bat ich sie flehentlich, den Ring zu behalten und wurde immer eifriger und beredter und sagte schließlich Alles heraus, daß ich den Ring nur dann wiedernehmen würde, wenn ich ihn mit einem andern vertauschen dürfte — mit dem Verlobungsring!

Und daß mir verziehen wurde, beweist Ihnen die Thatsache, daß der wirkliche Ring noch heut hier an meiner Uhrkette hängt — sehen Sie, das ist er! und daß Sophie seit einer langen Reihe von Jahren meine Frau ist. Um aber noch einmal auf den Verlobungsmoment zurückzukommen, so saßen wir ganz stillvergnügt zusammen, als plötzlich der Diener erschien und mir ein Telegramm überreichte.

Erschrocken und überrascht öffnete ich dasselbe. Es war von meinen Tanten und lautete:

„Anzeige im Kreisblatt unnöthig, Nap ist hier!“ Daß nun die Hundegeschichte auch noch an den Tag kam, daß Abends, als die Gesundheit des Brautpaares getrunken wurde, der Schwiegervater meine ganze Schlechtigkeit erfuhr, das können Sie sich denken.

Aber sehen Sie, es kann manchmal schnell gehen mit dem Kennenlernen und Verloben und es hält doch.“

Der Zug begann langsamer zu fahren.

„Leben Sie wohl, meine jungen Damen,“ sagte der liebe, alte Herr mit seinem freundlichsten Lächeln, „vergeben Sie, wenn Ihnen meine Geschichte zu lang war, und nehmen Sie ja kein Beispiel daran! Immer geht’s nicht so gut ab mit dem Lügen und dann ist es doch sehr unangenehm, wenn es an’s Licht kommt!“

Der Zug hielt an, der alte Herr verließ uns und ich habe ihn seitdem nicht wieder gesehen. — Aber noch heute besteige ich keinen Dampfwagen ohne die leise Hoffnung, den silbernen Kopf meines alten Herrn mir entgegenglänzen zu sehen und ihn noch einmal lachen zu hören!


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