„Sieht!“ rief der Pope aus Peregudi. „Nichts, gar nichts sieht er: er weiß nicht einmal, was er ist und nicht sein soll.“
„Wir wissen es aber, daß er unser Pope, unser Vater Sava ist.“
„Nein, er ist es nicht.“
„Ja, er ist unser Pope.“
„Nein, sage ich, er ist es nicht, und ich will es euch beweisen, daß er kein Pope ist.“
„Was ist er denn dann, wenn kein Pope?“
„Er ist weder Christ noch Pope.“
„Wie so, weder Christ noch Pope ... was redet Ihr denn für einen Unsinn ... oder seid Ihr ...?“
„Ich spreche keinen Unsinn ... ich sage euch nochmals, er ist kein Christ ...“
„Ja, was ist er denn dann?“
„Was er ist?“
„Nun ja?“
„Der Teufel allein weiß, was er ist!“
Auf dieses hin sind die Leute zurückgefahren und bekreuzten sich, der Pope aus Peregudi setzte sich in Savas Schlitten und sprach:
„Von hier aus fahre ich geradenweges zum Vikarius; ich bringe ihm eine solche Neuigkeit,worüber nicht nur ihm, sondern auch der gesamten christlichen Welt die Haare zu Berge steigen und sie die Hände über den Köpfen zusammenschlagen und sich auch noch dazu schämen werden; die Schmach aber fällt auf euch allein, denn euer Pope ist kein Pope und kein Christ, euere Kinder sind keine Christen, alle, die Sava getraut, sind nicht getraut, die Toten, die er eingesegnet, sind krepiert wie die Hunde, ohne Vergebung der Sünden, ohne kirchlichen Segen, sie alle braten in der Hölle, werden dort gemartert und gequält in Ewigkeit, denn Niemand, auch das innigste Gebet kann sie mehr retten. — Das, was ich euch eben sagte, ist Wahrheit, lautere Wahrheit ... und damit fahre ich nun zum Vikarius — aber ihr alle, die ihr hier seid und nicht glauben wollet, gehet hin zu der Kerasivna, fraget sie, solange sie noch lebt, und leben wird sie nicht lange mehr, und saget ihr, ich hätte befohlen, daß sie euch sage, was er ist, dieser Mensch, den ihr eueren Popen, eueren Vater Sava nennet ... Ja, ja, jahrelang konnte er Leute ins Verderben führen, jetzt aber sitzt die Elster auf dem Dache seines Hauses und ruft ihm zu: „Sava, Sava, zieh’ den Priesterrock aus ...“ Ja, ja, wir werden uns bald wiedersehen ... Nun aber, Junge, fahre rasch zum Vikarius, Du aber, Elster auf dem Dache, fahre recht kräftig fort zu schreien: „Sava, ziehe rasch den Priesterrock aus ...“ So, jetzt fahre ich, komme aber bald mit dem Vikarius zurück ...“
Mit diesen Worten ist der Peregudiner Pope weggefahren.
Das Volk, welches sich vor der Hütte der Kerasivna angesammelt hatte, wollte im ganzen Haufen in diese eindringen um sie auszufragen, was sie dem Peregudiner Popen über ihr eigenes Patenkind mitgeteilt habe, schließlich einigte man sich dahin, zwei Kasaken zu wählen, welche in Begleitung des Vater Sava diese ausfragen sollten.
Vater Sava und die zwei Kasaken traten in die Krankenstube der Kerasivna, fanden sie im Bette liegen, über welchem Heiligenbilder an der Wand hingen, bitterlich weinend:
„Verzeihe mir, mein Herzenskind, mein liebes, unseliges, unglückliches Kind,“ wendete sie sich an Sava, „in meinem Herzen verschloß ich länger als dreißig Jahre meine eigene Schuld, welche auch auf Dir lastet ... ich lebte in dieser ganzen Zeit in beständiger Furcht, daß diese schwere Schuld im Traume offenbart werden könnte, diese Furcht ist Schuld daran, daß ich nicht zur Beichte ging, damit ich sie einer zweiten Person nicht mitteilen müßte, jetzt aber, nachdem es Gottes Wille ist mich von der Welt abzurufen und ich vor ihm zu erscheinen habe, jetzt muß ich alles bekennen.“
Möglicherweise riefen derartige Reden eine gewisse Unruhe bei Vater Sava hervor, weil er durch das so jäh herausgestoßene Geheimniseiner ihm unbewußten Schuld unangenehm berührt wurde, aber sich überwindend, frug er äußerlich ruhig:
„Und worin besteht die große Schuld?“
„In der großen Sünde, die ich verübte an Dir.“
„An mir?“ frug Sava erstaunt.
„Ja, an Dir! — Dein ganzes Leben habe ich Dir verdorben deshalb, weil, obzwar Dir die ganze heilige Schrift bekannt ist und Du zum Geistlichen geweiht wurdest, Du dennoch unwürdig bist das Priesterkleid zu tragen, denn Du bist — — nicht getauft!“
Es ist schwierig sich vorzustellen, welchen Eindruck der Schluß der Rede auf die Anwesenden und besonders den friedfertigsten und gütigsten aller Priester, den Popen Sava machte.
Anfänglich war er bereit, derartige Reden als die eines fieberkranken Menschen, eines Sterbenden, anzusehen, ja er lächelte sanft, indem er sagte:
„Rede doch nicht so, Patin: wie wäre es denn möglich, ich, ungetauft, da Du doch meine Patin bist?“
Kerasivna bewies aber, daß sie noch bei vollem Verstande sei, indem sie zur Antwort gab:
„Ich, Deine Patin? — — Lasse das! — Dich hat Niemand getauft ... Auf wen alle Schuld fällt, weiß ich nicht ... und konnte mir auch darüber mein Lebenlang nicht klar werden ... Ob alles das, was geschah, die Folge war unserer Sünden oder bloßer Zufall, oder ob der heilige Nikolaus allein der Schuldtragendeist ... ich weiß nicht ... Doch, schau, jetzt kommt der Vikarius mit dem Popen ausPeregudi ... Setze Dich neben mir hierher ... und ich werde euch, wie es geschah, daß Sava ungetauft geblieben, erzählen.“
Der Vikarius wollte zwar nicht anfangs zulassen, daß Sava und die Kasaken bei dieser Beichte zugegen seien, mußte aber nachgeben, nachdem Kerasivna darauf bestand und erklärte nur in Gegenwart dieser Anwesenden alles zu sagen, im anderen Falle aber nichts.
Und nun hört zu, was Kerasivna erzählte.
„Sava,“ fing sie an, „Du bist überhaupt weder Sava noch Pope, sondern — ungetauft, was nur mir allein und Niemandem anderen bekannt ist. — An dem allen ist allein Dein verstorbener Vater, der Dukač, schuld, der einen heftigen, reizbaren Charakter besaß, den Niemand liebte, aber alle mieden und fürchteten, und bei dem Niemand, als ihm ein Sohn geboren wurde, Gevatter sein wollte. — Der alte Dukač ließ die junge Frau des Popen und einen Beamten einladen, seinen Sohn aus der Taufe heben zu wollen, beide sagten ab. — Darüber ist der alte Dukač so wild geworden und so böse auf alle, sogar den Popen selbst, daß er Niemanden mehr im Dorfe bitten wollte, seinen Sohn aus der Taufe heben zu wollen. — Auch ohne euch alle werde ich fertig — meinte er — auch ohne eueren Kram. —Er rief seinen Verwandten Agap, welcher bei ihm seit seiner Kindheit, nachdem seine Eltern gestorben, lebte und durch dessen Behandlung derselbe verblödete, befahl ihm ein paar starke Pferde vor den Schlitten zu spannen. Mich wählte er zur Patin für sein Kind und sagte: fahr’ mit Agap in das Nachbardorf und lass’ das Kind dort taufen ... Er schenkte mir sogar einen Pelz — Gott mit ihm — seit jener Zeit habe ich ihn nicht mehr angezogen; so hängt er nun mehr als dreißig Jahre lang an demselben Nagel, auf welchen ich ihn damals aufhängte. — Mir befahl der alte Dukač darauf zu achten, daß bei der Taufe nichts ungehöriges vorfalle, namentlich aber, sagte er, bemühe Dich mit dem dortigen Popen gut auszukommen und darauf zu sehen, daß er nicht, vielleicht aus Bosheit, dem Kind einen schweren oder gar einen Moskauer Namen gebe. — Es war um Barbara herum, im Dezember; das Wetter war höchst unbeständig, ja geradezu gefährlich, denn nach Barbara kommt Nikolai, das ist der Moskauer Hauptheilige, welcher uns Kasaken feindlich gesinnt ist, und nur den Moskovitern alles zuschanzt. Wenn etwas bei uns Kasaken geschieht, mag es sein, was es wolle und selbst dann, wenn wir im vollsten Rechte wären, wird er zu unserem lieben Herr Gott gehen, ihm dieses und jenes vorreden, ihm alles das so vorstellen und ihm einreden, daß alles zum Vorteile der Moskoviter ausfällt, denn seine Moskauer hebt er stets heraus, selbst wenn sie etwas getan hätten, was nicht recht ist, er wird sie jedesmal rechtfertigen und jedesmale alle Schuldauf die Kasaken schieben. — Doch neben dem heiligen Nikolaus da wohnt gleich in der Nachbarschaft der heilige Sava. Er ist einer von unseren Kasaken und uns deshalb sehr gewogen. Welche Stellung er im Himmel einnehmen mag, ist nicht bekannt, aber immerhin dürfte sie eine hohe und ziemlich einflußreiche sein, denn er nimmt sich stets seiner Kasaken an und ist stets ihr Verteidiger und Gönner.“
Ich antwortete dem Dukač:
„Das kann schon möglich sein; aber mir scheint, der heilige Sava besitzt wenig Einfluß im Himmel.“
Der alte Dukač aber meinte:
„Wenn auch der heilige Sava wenig Einfluß im Himmel besitzt, so ist er dafür schlau und was er nicht durch sein Ansehen und seine Macht durchsetzen kann, das erzielt er auf Umwegen, aber jedesmal zieht er seine Kasaken aus der Patsche. Wir werden ihn von hier aus unterstützen dadurch, daß wir in die Kirche Kerzen stellen, diese anzünden und Gebete lesen lassen; Gott wird aufmerksam darauf und wird sehen, daß es noch Leute gibt, welche den heiligen Sava ehren, er wird sich auf ihn erinnern und ihm wieder freundlich zugetan sein.“
Ich versprach dem Dukač alles, was er haben wollte!
Ich wickelte das Kind warm, barg dasselbe unter meinem Pelz, legte ihm jedoch noch beim Einwickeln ein Kreuzchen um den Hals, das es eigentlich erst bei der Taufe erhalten sollte.
Agap aber stellte ein Fäßchen Pflaumenbranntwein zu seinen Füßen, und so fuhren wir in Gottes Namen ab.
Wir waren noch keine Werst weit vom Dorfe gekommen, als mit einemmale ein solcher heftiger Sturm mit starkem Schneetreiben sich erhob, daß man kaum die Köpfe der Pferde noch weniger einen Weg sehen konnte. Ich sagte zu Agap:
Es ist unmöglich weiter zu fahren in diesem Wetter, kehre lieber um!
Doch Agap fürchtete seinen Onkel mehr wie das Feuer und wollte unter keinen Umständen umkehren.
Gott wird uns helfen in das nächste Dorf zu kommen — sagte er — mir ist es übrigens ganz gleichgültig, ob ich hier erfriere oder ob mich der Onkel totprügelt.
Und er hieb in die Pferde und trieb sie immer und immer an, denn was sich Agap ’mal in den Kopf setzte, dabei blieb er trotz allem Zureden.
Es wurde immer dunkler und dunkler, so daß überhaupt gar nichts mehr zu sehen war.
Und so fuhren wir und fuhren, wohin? das wußte weder Agap noch ich. Die Pferde, sich selbst überlassen, gingen bald nach rechts, bald nach links, hierher, dorthin — aber wir kamen immer nicht dorthin, wohin wir wollten.
Uns beiden ist kalt geworden, trotz der Pelze, die wir anhalten, ja wir fühlten uns halb erstarrt; und um nicht ganz zu erfrieren, tranken wir aus dem Fäßchen jenen Branntwein,der eigentlich für den Popen in Peregudi bestimmt war.
Ich sah nach dem Kinde und dachte, Gott behüte, daß es ersticke; doch dasselbe lag so warm unter dem Pelze, atmete so gleichmäßig und ruhig, so daß jeder Atemzug sichtbar wurde.
Ich wickelte das Kind noch fester und wärmer ein, ließ ihm jedoch soviel Öffnung, daß es frische Luft atmen konnte und war völlig glücklich darüber, daß das Kind so gesund und so ruhig schläft. Wir fuhren weiter, fuhren, fuhren, schließlich aber merkten wir doch, daß wir nur im Kreise gefahren sind; kein Licht, kein Baum, keine Hütte ist in der Finsternis sichtbar; die Pferde gehen wohin sie wollen.
An eine Rückkehr nach Hause, um dort das Wetter abzuwarten, war gar nicht mehr zu denken, denn es war nicht möglich sich darüber klar zu werden, wo wir eigentlich uns befinden, ob wir gegen Peregudi oder Paripsami fahren.
Ich riet dem Agap abzusteigen und die Pferde amZaume führen, er aber gab mir zur Antwort, ob ich nicht toll geworden sei, ihm wäre sehr kalt und er steige unter keiner Bedingung aus.
Ich versprach ihm einen Rubel zu geben, wenn er aussteige, sowie wir nach Hause kommen, er aber gab zur Antwort:
„Was soll ich mit dem Rubel, wir krepieren sowie so alle hier auf dem Wege, mitten im Feld. — Wenn ihr mir aber noch etwas gutes erweisen wollet, so läßt mich noch einenordentlichen Schluck aus dem Fäßchen machen.“
Ich sagte ihm: trink, so viel Du willst — und er trank.
Er trank sich voll, stieg dann aus und trachtete an die Köpfe der Pferde zu kommen, aber kaum hatte er zwei Schritte gemacht, als er eiligst zurücklief und vor Furcht zitterte.
Was ist denn geschehen? — frug ich — was ist vorgefallen?
„Schau, schau, hin“ — gab er zitternd vor Angst zur Antwort — „siehst Du nicht, und ist Dir nicht klar, daß Du, wenn auch eine gescheite Frau, doch nichts gegen Nikolaus machen kannst?“
Was redest Du denn für einen Unsinn, Du Dummkopf, wer will denn etwas gegen den heiligen Nikolaus beginnen?
„Warum steht er dann dort?“
Wo steht er?
„Dort! — siehst Du ihn nicht, ganz nahe an den Pferdeköpfen.“
Daß Dich, Du dummer Kerl! Du bist betrunken!
„Eh! ich und betrunken?“ — antwortete er — „Dein Mann war auch nicht betrunken und hat Geister gesehen und ich sehe sie auch.“
Schau — sage ich — Du hast Dich meines Mannes erinnert; was er gesehen, das weiß ich besser als Du, aber sage ’mal, was siehst Du?
„Ich sehe dort etwas sehr Großes stehen, eine große goldene moskauer Mütze hat esauf dem Kopf, es sprühen sogar Funken aus derselben.“
Die Funken sprühen aus Deinen besoffenen Augen.
Ich war der Meinung, daß das, was er zu sehen meint, gar nicht möglich sei, andererseits ist aber doch der Gedanke bei mir aufgekommen, daß dies wahr sein und der heilige Nikolaus böse sein könnte darüber, daß wir das Kind nicht auf seinen Namen, sondern Sava taufen lassen wollen; ich sagte dem Agap:
Was und wer es auch sein mag, beachte es nicht, jetzt wollen wir tun, als wenn wir nachgeben und seinen Willen tun möchten, und morgen tuen wir dann, was wir wollen. — Lass’ die Pferde, sie sollen gehen, wohin sie wollen — die werden uns gewiß nach Hause bringen; meinetwegen kannst Du alles austrinken, was noch in dem Fäßchen ist.
Agap war darüber ganz erstaunt.
Ja, trinke nur, Agap — sagte ich — trinke nur, aber zu Hause sage bei Leibe nichts, was vorgefallen ist, ich werde schon eine Geschichte zusammenstellen, die ich ihnen erzählen, und die sie für wahr halten werden. — Ich werde sagen, das Kind ist getauft auf den echten kasakischen Namen Sava, wie es der alte Dukač gewollt hat, auch das Kreuzchen werde ich ihm zeigen, das ich ihm um den Hals gehängt habe, dann werde ich sagen, der Pereguder Pope hätte befohlen das Kind am nächsten Sonntag nochmals in die Kirche zu bringen, damit er es nochmals segnen könne, deshalb müssen wir nochmals nach Peregudifahren, wo dann das Kind getauft wird, wie es sich für einen wahren Christen gebührt. — Ich schaute wieder nach dem Kinde und fand, daß es lebt und ruhig schläft, und so warm ist, daß sogar eine auf seine Stirne gefallene Schneeflocke sofort zerschmolz; mit diesem Wasser bekreuzte ich seine Stirne und sprach dabei: im Namen Gott des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes taufe ich Dich auf den Namen des heiligen Sava.
Wir ließen den Pferden freien Lauf; sie sollen gehen wohin sie wollen. Die Pferde gingen und gingen — bald blieben sie stehen, bald zogen sie an; das Wetter gestaltete sich immer ärger und ärger; der Sturm heulte; die Kälte wuchs.
Agap wurde schließlich voll trunken; anfangs brummte er etwas unverständliches, schließlich verstummte er, wälzte sich in den Schlitten und fing an zu schnarchen.
Mir aber wurde immer kälter und kälter, ich fühlte, wie meine Glieder starr zu werden anfangen, schließlich wurde ich bewußtlos und erwachte erst in der Hütte des Dukač, wo man mich mit Schnee rieb.
Als ich zum Bewußtsein gekommen, erinnerte ich mich daran, was ich mir vorgenommen hatte zu sagen und deshalb sagte ich, daß das Kind auf den Namen Sava getauft sei. —
Alle glaubten es; ich redete darüber nicht weiter, weil ich immer den Gedanken und Willen in mir trug, die Schuld gut zu machen und das Kind am nächsten Sonntag taufen zu lassen.
Aber ich wußte nicht, daß Agap angeschossen und in Folge der Verwundung gestorben sei, auch nicht, daß man den alten Dukač ins Gefängnis abgeführt, denn ich war krank und als ich später alles dieses erfuhr, da konnte ich mich nicht mehr dazu entschließen, dieses alles der alten Dukačin zu beichten, weil ich deren Gram, Schmerz und Unglück, das ja so groß genug war, nicht vermehren wollte.
Ich nahm mir vor, später alles aufzudecken; je weiter aber die Zeit verlief, um so schwerer gestaltete es sich für mich, Aufklärung zu bringen und so verschob ich die Sache von Tag zu Tag.
Die Zeit lief, Jahre sind vergangen; das Kind wuchs zum Knaben heran, alle riefen ihn Sava, Sava, ja sie schickten ihn studieren.
Und immer nahm ich mir vor, das Geheimnis aufzudecken, immer marterte mich der Gedanke, ich sei Schuld daran, daß der Knabe ungetauft ist.
Und als ich erfuhr, Sava solle sogar Pope werden, da lief ich in die Stadt, um dieses zu verhüten und um laut zu rufen, er sei ungetauft, doch mich hat man nicht beachtet, nicht gehört, ihn aber zum Priester geweiht.
Weiter über die Sache zu reden hatte dann keinen Zweck mehr. Seit der Zeit hatte ich keine Ruhe mehr; es war fürchterlich für mich zu wissen, daß durch meine Schuld die ganze hiesige christliche Gemeinde zum Spott und Gelächter der Welt sein werde, weil sie einenungetauften Popenzum Seelsorger habe.
Dann aber, als ich älter wurde, als ich sah, daß alle den Sava lieben und achten, da steigerte sich noch meine Qual und mein Schmerz, ja ich fürchtete mich vor dem Tode.
Erst jetzt, auf meinem Sterbebette, bekenne ich dieses alles, es bitter bereuend.
Möge mir die Christenheit verzeihen, was ich an ihr Böses getan, mögen mir jene verzeihen, deren Seelen durch den ungetauften Popen in Verderbnis gerieten; mich aber könnet ihr, wenn ihr wollet, lebendig begraben, ich werde auch diese Strafe freudig annehmen.“
Der Vikarius und der Pfarrer von Peregudi haben alles dieses zu Papier gebracht und unterschrieben, dann dem Vater Sava vorgelesen, sind dann zur Kirche gegangen und haben das Kirchentor versiegelt; hierauf fuhren sie zum Bischof nach der Gouvernementsstadt und nahmen Sava mit.
Darüber fing nun das Volk an unruhig zu werden und zu besprechen, was es wohl mit ihrem Väterchen sei, weshalb der Vikarius die Kirche versiegelt und ihren Sava nach der Stadt mitgenommen habe?
Kann denn so etwas je vorgekommen sein, was die Kerasivna erzählte?
Wäre es denn möglich, daß die Herren in der Stadt etwas derartiges hätten zulassen können?
Schließlich sind sie darüber einig geworden, daß dies alles der heilige Nikolaus angezettelt habe, um den heiligen Sava bloß zu stellen, und das erste, was geschehen müsse, sei, den heiligen Sava beim Gott kräftigst zu unterstützenund deshalb sei es notwendig, sofort zum Bischof zu gehen.
Die Kasaken rissen eigenmächtig die Siegel von der Kirche ab, öffneten sie, zündeten vor dem Altare und den heiligen Bildern so viele Kerzen an, als sie in der Kirche fanden, wählten sechs Kasaken aus, welche sofort zum Bischof gehen müssen, um ihm zu sagen, er solle es sich gar nicht einfallen lassen, den Sava aus ihrer Gemeinde zu entfernen oder ihm etwas anzutun, denn sie wollen nur den Sava haben und keinen anderen, wenn er, der Bischof, das, was sie wollen, nicht tut, so treten sie zu einer anderen Religion über, wenn nicht zur katholischen, so doch zur türkischen; denn ohne unseren Sava wollen wir nicht leben — sagten alle.
Dies gab eine schwierigere Aufgabe zu lösen, als jene es war als
der Diakonus N. den Trepak trat,Dieser aber nicht geklagt,Während dies der Inspektor tat!
der Diakonus N. den Trepak trat,
Dieser aber nicht geklagt,
Während dies der Inspektor tat!
Die Kerasivna starb, nachdem sie allgemeine Buße getan und der versammelten Gemeinde alles das erzählte, was sie demVikarius mitgeteilt.
Die Kasakendeputation machte sich auf den Weg in die Stadt zum Bischof, nachdem vorher in allgemeiner Versammlung nochmals beraten und beschlossen worden ist, was zu geschehen habe, wenn der Bischof ihrem Wunsche nicht entsprechen und ihnen den Sava nicht zurückgeben sollte.
Es wurde einstimmig beschlossen, daß sie, wenn sie dann nach Hause gekommen, allen Branntwein, welcher noch in den Schenken gefunden wird, austrinken werden, damit Niemand nach ihnen denselben trinken könne, dann werden sie Türken und jeder nimmt sich drei, die reicheren vier Weiber — denn so lange unser guter lieber Sava lebt, wollen wir keinen anderen Popen.
Es ist gar nicht denkbar, daß er ungetauft wäre, nachdem er so viele Leute getauft, getraut, begraben hat und so viele zu ihm zur Beichte gingen.
Wäre es denn möglich, daß alle diese Leute Ungläubige, Heiden wären?
Die Kasaken sind darin einig geworden, daß, wenn Sava wirklich nicht getauft sei, ihn der Bischof in der Stille taufen solle, damit er schließlich doch Pope bleiben könne ... denn sonst werden sie alle ... Türken.
Und wieder war es Winter, wieder gegen Abend, wieder um den Nikolai- und Sava-Tag, etwa zu jener Zeit als fünf und dreißig Jahre zurück die Kerasivna aus Paripsami nachPeregudi fuhr, um des alten Dukač einzigen Sohn taufen zu lassen.
Von Peripsami nach der Gouvernementsstadt, dem Sitze des Bischofs, war es beiläufig vierzig Werst.
Die zum Bischof behufs Befreiung ihres Sava abgesandte Kasakendeputation berechnete, daß sie fünfzehn Werst, bis zur Schenke des Jossel, gehen, dort sich stärken, wärmen, ausruhen werde, um so anderen Tages zeitlich früh beim Bischof vorsprechen zu können.
Die Sache aber nahm einen anderen Verlauf.
Für die Kasakendeputation gestaltete sich das Wetter ebenso unfreundlich, wie es gewesen war vor fünf und dreißig Jahren, als die Kerasivna mit Agap zur Taufe mit dem Kinde fuhren; es entwickelte sich ein heftiges Schneetreiben, so daß die Kasaken sich in der Steppe zu verirren begannen; sie verloren alle ihnen sonst wohl bekannten Merkzeichen, gerieten auf einen Abweg und wußten schließlich nicht, wo sie sich befinden, bis auf einmal, es konnte wohl eine Stunde vor Sonnenaufgang sein, sie von jemandem, nicht auf der Straße, sondern auf dem Eise, angeredet wurden:
„Nu, Jungens, wohin so zeitlich? wo?“
Die Kasaken grüßten.
„Was führt euch bei einem solchen Hundewetter her; seht, es hätte nicht viel gefehlt und ihr wäret ins Wasser gefallen.“
„So!“ gaben sie zur Antwort. „Wir befinden uns in schlimmer Lage, und gehen zum Bischof; wir möchten dort gerne eher vorsprechen, als unsere Feinde und ihn fußfällig bitten zu unseren Gunsten zu entscheiden.“
„Und was soll er für euch tun?“
„Uns unseren ungetauften Popen lassen, denn, wenn dies nicht geschieht, so werden wir aus lauter Gram und Schmerz Türken.“
„Warum wollt ihr gerade Türken werden? Die dürfen doch keinen Schnaps trinken.“
„Den trinken wir früher allen aus.“
„Ach! ihr Teufelskerle!“
„Ja, was bleibt uns denn anderes übrig zu tun, wenn sie uns so schwer kränken, daß sie uns unseren Popen nehmen.“
Der Unbekannte meinte:
„Erzählt mir doch die Geschichte von dem ungetauften Popen im Zusammenhange.“
Und die Kasaken erzählten.
Und so, an der Wuhne stehend, haben sie alles der Ordnung nach recht ausführlich dem Fremden mitgeteilt und immer und immer dabei hervorgehoben, daß, wenn der Bischof ihrem Wunsche nicht entspricht und ihnen den Sava nicht wieder zum Popen gibt, sie Türken werden.
Da meinte der Fremde:
„Seid ruhig, Jungens, seid ruhig und fürchtet nichts, ich glaube, der Bischof wird schon das richtige treffen.“
„Ja, wir glauben es selbst,“ sagten sie, „denn wer eine solche hohe Würde bekleidet, sollte stets ein rechtes und gerechtes Urteil fällen, aber wer kennt den Bischof, Gott allein!“
„Seid sicher, daß der Bischof das rechte Urteil geben wird, ich selbst werde schon dazu beitragen, was möglich ist.“
„Du? ... wer bist Du denn eigentlich? ... Sag ’mal, wie heißest Du?“
„Ich? ... ich heiße Sava.“
Und dieser Sava sagte ihnen weiters, sie wären gerade zur rechten Zeit gekommen und gerade an die rechte Stelle, wohin sie gehörten und auf den Berg zeigend, sagte er weiter: Seht, dort ist das Kloster, wo der Bischof wohnt.
Sie schauten auf und bemerkten auf der anderen Seite, gerade vor sich, das Kloster.
Die Kasaken waren darüber erstaunt, daß sie bei einem solchen fürchterlichen Schneetreiben und so heftigem Sturm ohne jede Störung und ohne jeden Aufenthalt vierzig Werst gegangen wären.
Nachdem sie den Berg erstiegen, setzten sie sich auf die Bank vor dem Kloster, öffneten ihre Rucksäcke und zogen alles Eßbare heraus, was sich darin befand und warteten, essend, bis die Glocken zum Frühgottesdienste anschlagen und das Klostertor sich öffnen würde.
Sie gingen in die Kirche, hörten den Gottesdienst stehend an, worauf sie zum Hause des Bischofs gingen, um Audienz zu erbitten.
Man kann nicht gerade behaupten, daß unsere hohen geistlichen Würdenträger große Neigung zum niederen Volke hätten, denn es ist außerordentlich schwierig vorgelassen zu werden, wenn man dem sogenannten Volke angehört; diesesmal war das gerade Gegenteil der Fall: unseren Kasaken wurden keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt, ja es hatte sogar den Anschein, als wenn sie erwartet worden wären, denn man führte sie, sowie sie ankamen, sofort in den Wartesaal, wo sie zwar sehr lange stehen mußten, und wohin sich der Vikarius,der Peregudiner Pope und Sava, sowie noch viele andere Personen einfanden.
Der Bischof trat später aus seinen Zimmern in den Wartesaal, sprach mit den Anwesenden, schien jedoch den Vikarius und die Kasaken nicht zu bemerken, erst nachdem alle anderen sich entfernt hatten, trat er an die Kasaken heran und meinte:
„Na, Jungens, gekränkt hat man euch und beunruhigt? ... den ungetauften Popen wollt ihr haben?“
Und die Kasaken baten:
„Ja ... Euer Gnaden ... seien Sie so gut ... so gütig ... Hochwürdigster Herr ... wie sollen wir nicht gekränkt sein ... einen solchen Popen, wie unseren Popen, gibt es in der ganzen Welt nicht ...“
Der Bischof lächelte:
„Recht habt’ ihr ... einen solchen zweiten gibt es nicht ...“ und sich zu dem Vikarius wendend, meinte er:
„Geh’ mal in die Sakristei; dort hat Sava ein Buch vorbereitet und bringe es herein, dann lese uns vor, was auf der aufgeschlagenen Seite steht.“
Der Bischof setzte sich.
Der Vikarius brachte das Buch und fing an zu lesen:
„Ich will Euch, Brüder, nicht sehen, wie unsere Väter, die immer unter der Wolke stehend, durch das Meer gegangen und in Moses getauft worden sind, in der Wolke und dem Meere. Alle haben dieselbe geistige Nahrung genossen und dasselbe geistige Wasser getrunkenaus einer Quelle, und diese Quelle war Christus.“
An dieser Stelle unterbrach der Bischof den Lesenden:
„Hast Du verstanden, was Du gelesen?“
„Verstanden.“
„Und erst jetzt begriffen?“
Der Vikarius wurde verlegen und wußte nicht, was er zur Antwort geben solle, deshalb sprach er so oben hin:
„Diese Stelle habe ich auch früher schon gelesen.“
„Wenn dieses der Fall gewesen, wie konntest Du es zulassen, daß diese Leute in große Aufregung gebracht wurden? warum wurden diese guten einfachen Leute beunruhigt, denen er ein guter und lieber und genehmer Seelenhirt gewesen?“
Der Vikarius antwortete:
„Nach den Regeln der heiligen Väter ...“
„Halt,“ unterbrach ihn der Bischof, „halt! geh’ nochmals zum Sava und lasse Dir ein zweites Buch geben.“
Der Vikarius ging und kam mit einem neuen Buche in der Hand zurück.
„Lese!“ befahl der Bischof.
„Wir lesen,“ fing der Vikarius an, „beim heiligen Grigorij dem Gottesgelehrten über den heiligen Vasilij, daß er für die Christen solange ein Heide gewesen, bis er zum Seelenhirten geweiht wurde.“
„Bis was er wurde?“ unterbrach ihn der Bischof.
Der Vikarius entgegnete:
„Ich tat dies alles aus Amtseifer, als es sich gezeigt hat, daß dieser in einem solchen Amte ungetauft sei.“
Nun aber stieß der Bischof ungeduldig mit dem Fuße auf:
„Du wiederholst immer eines und dasselbe! Es scheint, daß Deiner Ansicht nach man zum Moses durch die Wolke gelangen kann, um getauft zu werden, nicht aber zum Christus? — Es ist schon gesagt worden, daß diese, die Taufe suchten, durch die feuchte Wolke unter Todesfurcht drangen, daß sie mit dem vom Himmel auf die Stirne des Kindes gefallenem und aufgetautem Wasser dasselbe mit dem Zeichen des Kreuzes im Namen der heiligen Dreieinigkeit in den Schoß der Kirche brachten. — Was willst Du noch mehr? — Du bist ein streitsüchtiger, unduldsamer, zänkischer Mann und taugst nicht für die Arbeit in Christo: an Deine Stelle setze ich den Popen Sava; und ihr, Jungens, gehet ruhig nach Hause und fürchtet euch nicht, der Pope Sava, der euch gut ist, ist auch mir gut und Gott genehm. Geht mit Gott nach Hause.“
Die Kasaken fielen dem Bischof zu Füßen und dankten für seine Güte.
„Nun, seid ihr zufrieden?“
„Sehr, sehr zufrieden,“ gaben sie einstimmig zur Antwort.
„Und werdet ihr auch jetzt noch Türken?“
„Tfu! werden nicht, Väterchen, werden nicht!“
„Und den Schnaps werdet ihr auch nicht allen auf einmal austrinken?“
„Nein, nein, nicht auf einmal, nach und nach; der Teufel soll ihn ...“
„Nun, so geht mit Gott und lebt nach christlicher Art und Weise weiter.“
Und als sie schon im Begriffe waren den Wartesaal zu verlassen, da winkte der eine von ihnen dem Bischof mit dem Finger, um ihn auf sich aufmerksam zu machen und sagte ihm halblaut:
„Wären Euere Gnaden so gütig mit mir in ein Eckchen zu gehen?“
Der Bischof lächelte und sagte:
„Gut, gehen wir in ein Eckchen.“
Dort fängt nun derKasake an:
„Erlaubt, Euer Gnaden, Euch zu fragen, wer erzählte Euch das alles, ehe wir es Euchmitteilen konnten?“
„Geht es Dich ’was an?“ meinte der Bischof.
„Gewiß, geht es uns an; vielleicht hat es Euch der Sava erzählt?“
Dem Bischof, welchem tatsächlich der ihm nahe stehende Sava alles dieses erzählte, sah den Chochol an und entgegnete:
„Ja, Du hast es erraten — mir hat es der Sava mitgeteilt.“
Damit ging er aus dem Saale.
Jetzt begriffen die Kasaken alles.
Und seit dieser Zeit geht unter ihnen die Überlieferung, daß der schwache Sava still und ruhig, dafür aber warm für sie eintrat und den Moskauer Nikolaus, trotz seiner Macht, so hinterging, daß letzterer das Spiel verlor.
„Was ist doch unser Sava für ein listiger Heiliger,“ sagten sie, „was er nicht alles ausdachteund alles bei Seite schieben mußte, um über den Stärkeren und Mächtigeren zu siegen: selbst in die heiligen Bücher weiß er Sachen zu bringen, die Niemand begreifen kann. — Gott allein weiß es, ob er unseren Popen unter dem Pelze derKerasivna taufte, oder ob er alles dieses nur so knotete, damit es selbst der Bischof nicht auflösen kann? — Daß aber diese Angelegenheit zu unseren Gunsten ausfiel, dafür sei er bedankt.“
— — —
Vater Sava, sagt man, soll noch heute leben; um sein Dorf herum ist alles zum Stundismus übergetreten; seine Kirche ist jedoch stets übervoll von andächtigen Menschen ...
Man weiß zwar nicht, ob der heilige Sava in Paripsami noch tätig mithilft, soviel ist aber sicher, daß es in unseres Sava Bezirke keine nackten Michalki und Potapki gibt.
Sehr jung, fast noch ein Kind, trat ich in den Staatsdienst und wurde inKiev der Finanzdirektion zugeteilt, welcher Alexander Kirylovič Klučarev als leitender Direktor vorstand.
Klučarev war im wahren Sinne des Wortes ein „eifriger Beamter, ein Streber“ vom Scheitel bis zur Zehe, welcher von allen ihm Untergebenen nicht nur gefürchtet, sondern auch gehaßt wurde, sowohl in Kiev, wie auch in seinem früheren Dienstorte Žitomir; in Petersburg aber, wohin derselbe als Departements-Vorstand versetzt worden ist, empfand vor ihm Niemand Furcht, im Gegenteile, man gab diesem außergewöhnlich strengen, rücksichtslosen, trockenen Formalisten bald deutlich zu verstehen, daß man seiner Dienste nicht bedürfe, da ja auch andere, jüngere, eben dasselbe leisten können, wie er, Klučarev.
Er wurde in den Ruhestand versetzt, starb jedoch bald darauf, und es gab Niemanden, der ihm eine Träne nachgeweint hätte.
Klučarev stammte aus einer Popenfamilie und wurde in einemgeistlichen Seminar erzogen und ausgebildet.
Er war außergewöhnlich kräftig gebaut, unermüdlich tätig, trocken und kurz im Verkehr, liebte in allem Genauigkeit und Pünktlichkeit und war — harten Herzens.
Es ist wahr, er liebte seinen Schoßhund mit den braunen hängenden Ohren, küßte denselben aufs Maul, konnte sehr besorgt und unruhig sein, wenn er meinte, daß sich derselbe unwohl fühle und vielleicht traurig aussehe; dann machte er eigenhändig diejenigen nötigen Operationen und Waschungen, die man dem Tierarzt oder sonst irgend einem Diener überläßt; aber ich habe selbst gesehen, wie in seinem Gesichte auch nicht eine Muskel zuckte, in seinen Augen auch nicht ein einziger Strahl des Mitgefühls sichtbar wurde, wenn er einen altgedienten Beamten mit zahlreicher Familie — oft ohne jeden Grund und Ursache — aus dem Dienste jagte oder ein jüdisches Kind unter die Soldaten aufnehmen und ihm das Haar schneiden ließ.
Das Einstellen jüdischer Kinder in den Militärdienst war eine höchst grausame gesetzliche Bestimmung.
Das Gesetz bestimmte, daß Kinder unter zwölf Jahren keine Aufnahme finden sollten; meistenteils wurden doch Kinder unter diesem Alter „dem äußeren Ansehen nach“ aufgenommen, und zwar mit Vorliebe, einmal litt ja der Dienst nicht darunter, dann zeigte es sich, daß je jünger die Kinder waren, sie sich desto leichter einlebten, ihre Eltern vergaßenund keine Schwierigkeiten beim darauffolgenden Taufen machten.
Diesen Umstand benutzten die Juden, welche die Kinder wie jede andere Ware lieferten; die kleinen Kinder wurden den Müttern aus den Armen gerissen oder geradezu in der Nacht aus dem Bett gestohlen, geraubt, in die kleinen Krakauer Britschken gesetzt und zur Stellung geschleppt.
Wie herzzerreißend, wie widerwärtig alles dieses war, ist schwer, ja geradezu gesagt, unmöglich zu beschreiben.
In allen jüdischen Städten, Städtchen und Dörfern erneuerte sich tatsächlich das Weinen in Rama: „Rachel weinte bitter um ihre Kinder und war trostlos.“
War das Gesetz, welches, Gott sei Dank! bereits aufgehoben ist, an und für sich selbst grausam, es wurde dasselbe für die jüdische Bevölkerung noch unerträglicher und drückender durch die Niederträchtigkeit und Gewissenlosigkeit eigener Stammesgenossen.
Dem Gesetze zufolge mußte eine gewisse bestimmte Zahl jüdischer Rekruten zur Stellung kommen, man war jedoch nie im Stande diese Zahl aufzustellen unter den gewöhnlichen Verhältnissen; die Rekrutierungen folgten sich viel zu rasch eine nach der anderen, weshalb jedesmal bei der Stellung mit außerordentlicher Strenge verfahren werden mußte, um keinen Ausfall eintreten zu lassen.
Es wurden deshalb stets mehr junge Leute eingestellt, als eigentlich bestimmt war, wobei stets die Bemerkung gemacht wurde, daß dieses Mehr bei der nächsten Stellung in Abrechnungkomme; doch fand diese Zusicherung keine weitere Beachtung, wurde einfach — vergessen.
Angenommen, eingeschrieben und von der Hand weg!
Das eingestellte Kind wurde sofort einem Regimente zugeteilt, das sich weit, weit ab von dem Geburtsorte des Knaben in Garnison befand; die armen beklagenswerten Judeneltern wußten und erfuhren nie mehr, wo sich ihre Kinder befinden, oder wo man sie suchen könnte, die Kinder blieben für die Eltern verloren, waren für sie tot; außerdem wurden fast alle, ehe sie ihren Bestimmungsort erreichten, getauft.
Nicht wenige taufte man bereits in Kiev, wofür sich besonders die Gemahlin des damaligen General-Gouverneurs Fürstin Katharina Aleksejevna Vasilčikov geborene Fürstin Ščerbakov interessierte.
Die schreiendste Ungerechtigkeit bei diesem Rekrutierungsvorgange bestand darin, daß bei fast allen Geburtsscheine aus den Matriken der Rabbiner fehlten und daß das Alter, wie ich schon früher erwähnte, nur nach dem äußeren Ansehen, nach Abschätzung, bestimmt wurde, wobei Täuschungen und Irrtümer nicht ausgeschlossen waren.
Zumeist wurden „beschworene Aussagen“ vorgelegt von sechs oder zwölf Juden, welche unter Eid bestätigten, ihnen sei sehr genau bekannt, daß dieser oder jener Schmule, Mordechai oder Wolf bereits zwanzig Jahre alt sei; auf GrundsolcherDokumente wurdensieben- bis achtjährige Kinder für zwölf- bis vierzehnjährige ausgegeben.
Solcher Fälle gab es unendlich viele!
Ja, es kam nicht selten vor, daß das eine Dutzend Söhne Israels, angeworben von dem Lieferanten der lebenden Ware, schworen, Jakob sei zwölf Jahre alt; ein zweites, von den Eltern des Kindes gemietetes Dutzend ebenfalls unter Eid aussagten, Jakob zähle nicht mehr wie höchstens sieben Jahre.
Ja, ein und dasselbe Dutzend Juden schworen sogar sowohl zu Gunsten des Lieferanten wie gleichzeitig zu Gunsten der Eltern desselben Kindes.
Es bildete sich, geradezu gesagt, eine Zunft, ein Klüngel von „Schwörern“, bestehend aus dem Abschaum des jüdischen Proletariates und Pöbels, wie solche sehr eingehend und wahrheitsgetreu der zur katholischen Kirche übergetretene ehemalige Rabbiner Bravmann schilderte.
Es waren das Banden ehrloser, gewissensloser, demoralisierter Juden, die stets einen Haufen von mehreren Mann bildend, die Straßen unsicher machten, herumvagierten unter dem Vorwande nach „Arbeit“ zu suchen, d. h. Leute zu finden, welche einen falschen Eid, falsche Zeugenschaft oder ähnliches benötigten.
Und dort, wo es was zu beschwören gab, sei es beim Pristav oder dem Rabbiner, welche sehr leicht bestochen werden konnten, wurde ohne Furcht und ohne Zagen der Name Jehovas ungestraft angerufen, mit seinem Namen manche Untat, manche Lüge und Unrecht zugedeckt.
Dieser Mißbrauch mit dem Namen Gottes war allgemein bekannt, aber ... die einmal von formaler Seite nicht anfechtbare Angelegenheit konnte den Lauf der Sache nicht aufhalten.
Es hatte Niemand Zeit, Lust noch Mittel sich des Schwachen vor dem Stärkeren anzunehmen, ihm zu raten, ihn zu verteidigen oder das Urteil darüber zu fällen, ob das, was vorlag, auch tatsächlich wahr, recht oder falsch sei.
Ja, ich sage offen: ich spürte in mir keine Lust etwas zu tun, weil ich in diesem Meere von Tränen und Seufzern, in welchem ich meine jungen Jahre zu verleben gezwungen war, alles bessere Gefühl verlor.
Wenn sich dann und wann ein schwaches Zeichen von Mitgefühl in meinem Herzen regte, so wurde dieses Gefühl sofort unterdrückt durch die Erkenntnis, diesem gräßlichen, herzzerreißenden Jammer der weinenden Mütter und Väter nicht abhelfen zu können.
Die sich täglich, ja stündlich wiederholenden unbeschreiblichen Szenen des menschlichen Jammers machten keinen Eindruck mehr auch auf das feinstfühlige Herz.
Die Gewohnheit ist ein großes Ungeheuer!
Und wie es keine Regel ohne Ausnahme gibt, so erscheint vor meinem geistigen Auge eine solche Ausnahme, weshalb ich den Fall erzählen will, welcher meiner Ansicht nach einen weichen und warmen Strahl von Licht auf eine Persönlichkeit wirft, die sich besonders durch ihre Weichherzigkeit, MildtätigkeitReligiosität von allen anderen hohen Kirchenfürsten der russischen Kirche abhob und zwar den Mitropoliten in Kiev Filaret Amfiteatrov.
Möglicherweise werdet ihr Euch darüber wundern, was gemeinschaftliches der Mitropolit mit der Rekrutierung jüdischer Kinder hätte? — Für gewöhnlich wäre dieses auch leicht der Fall, aber hier liegt ein Ausnahmsfall vor, und dann ist das, was ich Euch erzählen werde, so wunderbar, so merkwürdig und bietet soviel Interesse, daß ich annehmen kann, ihr werdet mir bis zum Ende dieser nicht langen, aber wahren Geschichte aufmerksame Hörer bleiben.
Ohne Rücksicht darauf, daß ich noch sehr jung war, hat mich Klučarev der Stellungskommission zugeteilt, wobei keine große Gesetzkenntnis noch allgemeine Bildung, aber eine große Arbeitskraft nötig waren.
Von Früh bis Abends, solange es das Tageslicht erlaubte (bei Licht wurden die Stellungspflichtigen nicht untersucht) zog sich die Rekrutierung hin und es war absolut unmöglich während dieser Zeit das Gebäude auch nur für ganz kurze Zeit zu verlassen oder die Klagen und Proteste gegen die Vorführung entgegen zu nehmen, die vorgeführten Leute zu klassifizieren, Erläuterungen oder Aufklärungen zu geben und Urteile zu fällen.
War die Tagesarbeit beendet, dann mußte an die noch weit wichtigere, dringendere und viel Zeit in Anspruch nehmende Arbeit geschritten werden, welche darin bestand, die Schriften und Dokumente für den folgenden Tag vorzubereiten.
Nicht genug daran, es mußten eingelangte Klagen und Beschwerden durchgesehen, Rechnungen mit den Aufträgen kontrolliert, Anweisungen auf Montierungen, auf Geld für Provisionen gegeben werden, abgesehen von unzähligen Quittungen und Bestätigungen auf oft ganz minimale Beträge.
Im höchsten Grade widerwärtig war das Lesen der ganze Berge bildenden Denuntiationen, Zuträgereien und der nicht selten höchst verwickelten Beschwerdeschriften.
Das Kanzleipersonal bestand aus Beamten, welche aus den verschiedenen Abteilungen hierher abkommandiert, nichts weiter, als die mechanische Arbeit des Abschreibens zu besorgen hatten.
Der Hauptanteil an der ganzen Arbeit, welche eine gewisse Fassungs- und Beurteilungsgabe verlangte, fiel mir zu als dem bestellten — Kanzleivorstande.
Für gewöhnlich wurde auf diesen verantwortlichen, schweren und nervenerschütternden Posten stets eine Person bestimmt, welche bereits jahrelang im Dienste stand, aber Klučarev wählte, ich weiß nicht aus welchem Grunde und welcher Berechnung, gerade mich aus, der ich doch erst einige Monate diente und — 21 Jahre alt war.
Es ist leicht einzusetzen und zu begreifen, welche Mühe es mir machte ein derartiges Amt in Ordnung zu halten, besonders unter einem viel verlangenden, strengen, ja sogar harten, rücksichtslosen Vorgesetzten, wie es eben Klučarev war.
Sein Nachfolger, der seelen- und herzensguteN. M. Kobilin, welcher den Klučarev ablöste, bestätigte mich in meinem Amte.
Schon anderthalb Monate vor Anfang der Rekrutierung fing das hastige und eilige Arbeiten an, da die Rekrutierungsbezirke und deren Reihenfolge bestimmt werden mußten; die eigentliche Stellung nahm mehr Zeit weg als die Vorarbeiten zu derselben, und erst nach Beendigung derselben, der Abgabe des Schlußberichtes und der Rechnungslegung konnte ich ein wenig freier aufatmen.
Während dieser Zeit lebte ich eigentlich kein menschliches Dasein; hatte keinen Augenblick freie Zeit mit alleiniger Ausnahme von anderthalb Stunden zum Mittagessen und es blieben mir kaum vier Stunden zum Schlafen, die übrige Zeit verschlang der Dienst.
Es ist daher einleuchtend, daß bei einem solchen Leben wenig Zeit übrig geblieben ist, um sich für fremdes Leid interessieren zu können und mit fremden Leuten fremdes Leid zu beweinen. —
Zu jener Zeit an einem Tage, welcher mir nichts Angenehmes brachte, saß ich Abends hinter dem Schreibtisch in meiner Kanzlei und las die eingegangenen Aktenstücke, Beschwerden und Klagen.
Es waren ihrer keine geringe Zahl; fast alle enthielten eines und dasselbe: Klagen und Bitten, ja sie waren fast alle nach einer und derselben Schablone, fast mit denselben gleichen Worten verfaßt.
Mit einemmale fällt in meine Hand ein Blatt außergewöhnlich schlechten Papiers, zerknüllt, weshalb ich auf dasselbe aufmerksam wurde.
Von diesem Blatte Papier und dem, was auf demselben geschrieben stand, wehte eine so große Angst, Qual und Herzensleid, soviel Kummer und Sorge, daß man dasselbe nicht achtlos aus den Händen legen konnte.
Der Blick auf dieses Papier erinnerte an jene Bettler, bei welchen die Not und das Elend aus jedem Flicken, jedem Riß an den Kleidern, ja sogar aus den Augen blickt.
Obzwar ich — aufrichtig gesagt — den Klagen keine große Aufmerksamkeit für gewöhnlich zu schenken pflegte, fühlte ich hier eine nicht zu überwindende Notwendigkeit auf den Inhalt des Geschriebenen näher einzugehen und denselben aufmerksam durchzulesen; ich fand jedoch, daß dies fast unmöglich sei.
Vorerst war es schwierig zu bestimmen, in welcher Sprache das Bittgesuch eigentlich geschrieben sei; ja sogar die Buchstaben gehörten nicht einem und demselben Alphabet an.
Es standen hier russische und polnische Wörter in den betreffenden Schriftzeichen geschrieben nebeneinander, hie und da stand ein Wort, nicht selten sogar ganze Sätze in hebräischen Buchstaben unter den anderen.
Die Bittschrift war etwa in der Art und Weise verfaßt, wie jene der Gogol’schen Kaufleute an den „Herrn Finanzew Chlestakov“; es fanden sich hier einzelne Wörter aus dem allerhöchsten Titel, der Name des Präsidenten, der Bart des General-Gouverneurs, Ober-Hochehrwürden und „Flügertorčakov“[4]und „wenn Gott errette“ — mit einem Worte, aus dem ganzen war zu ersehen, der Bittsteller klage bei allen weltlichen und geistlichen Gerichten der ganzen Welt, doch war die Bittschrift derartig verfaßt, daß man dieselbe, unter anderen Verhältnissen, als eine Scherz- oder Spotteingabe angesehen und einfach in den Papierkorb geworfen hätte.
Und dennoch blickte aus allem diesen soviel Elend, Kummer, Sorge, Herzensleid, Angst heraus, daß der Bittsteller einem leid tat.
Statt dieses Bittgesuch, wie es sich gebührt hätte, wegen Nichteinhaltung der vorgeschriebenen Form einfach in den Papierkorb zu werfen, unternahm ich nochmals den Versuch dasselbe aufmerksam zu lesen.
Der Unsinn in der Aufschrift war nichts im Vergleiche zum Unsinn im Texte, dafür wehte aus diesem Unsinn erkennbar ein Weheruf, ein Schrei der Verzweiflung.
In schwer begreiflichen Ausdrücken, aus welchen sich der Sinn äußerst schwierig herauslesen ließ, brachte Bittsteller folgendes zur Anzeige: Er sei Introligator, d. h. Buchbinder; sein Handwerk bringe es mit sich, sich mitverschiedenartigen Büchern beschäftigen zu müssen, in folge dessen habe er verschiedene Lehren und Weisheiten über Gott und Religion sich angeeignet.
Diese Aneignung, dieses Wissen habe ihn nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, sondern auch bei den „Kahal“ selbst in Ungnade und Mißkredit gebracht, weshalb letztere in einer Nacht in seine Hütte eindrangen, seinen zehnjährigen Sohn aus dem Bette rissen, ihn raubten, um ihn auf den Stellungsplatz nach Kiev zu bringen.
Der Introligator war tatsächlich von der Stellungspflicht befreit, sein Sohn besaß noch nicht das vorgeschriebene Alter; außerdem lag dem Bittgesuche eine eidlich abgegebene Aussage bei, in welcher bestätigt wurde, daß der vom „Kahal“ geraubte Knabe erst sieben Jahre alt sei.
Andererseits legte der „Kahal“ ebenfalls eine unter Eid abgegebene Aussage vor, in welcher der Knabe des Buchbinders als bereits zwölfjährig angegeben wurde.
Der Introligator fühlte augenscheinlich, daß die Wahrheit durch die Lüge erdrückt wird, daß er sich auf Erfolg in diesem ungleichen Kampfe keine Hoffnung machen könne, weshalb er in zu Herzen gehenden, ergreifenden Worten bat, wenigstens einen Tag noch zu warten, ehe man seinen Sohn zur Stellung vorführe, da er einen Ersatzmann, einen zwanzig Jahre alten Juden, an Stelle seines Knaben stellen werde; er schicke seine Bittschrift mittels Post voraus, fahre aber mit dem Ersatzmann nach.
[4]Flügertorčakov sollte andeuten „FlügeladjutantČertkov“.
Nach der bei uns bestehenden Gepflogenheit bedeutete diese Eingabe gar nichts, um so mehr, als der Introligator mit seinem Ersatzmann noch gar nicht in Kiev war, während der Knabe sich bereits an Ort und Stelle befand und für morgen schon zur Stellung bestimmt war.
War derselbe gesund und kräftig gebaut, zeigte er sich dem äußeren Ansehen nach zwölfjährig, so war sein Schicksal besiegelt und klar: er wurde assentiert, geschoren und in ein Regiment, welches weit, weit im Norden vielleicht gar in Sibirien garnisoniert, gesteckt.
Deshalb legte ich die Bittschrift des Introligators, nachdem ich an derselben die nötige Bemerkung machte, bei Seite.
Mehr konnte ich nicht tun.
So verging in voller Tätigkeit eine Stunde, eine zweite, dritte; — mir ging der arme, belesene Introligator nicht aus dem Sinn.
Ich stellte mir vor: wie er morgen Früh hier anstürmt, sein Kind jedoch bereits als assentiert in der Kaserne findet, wohin man sehr leicht hinein-, schwer aber herausgelassen wird.
Mir tat der arme Jude mehr und mehr leid, denn seine Bittschrift zeigte trotz ihrer Eigentümlichkeit, daß der Buchbinder für die damalige Zeit eine ziemlich große allgemeine Bildung besitzen müsse, hinter welcher sichzwar die alte — doch stets neu bleibende — Geschichte von der Judenverfolgung offenbarte.
Man konnte daraus sehen, daß ein, von der Natur mit klarem Verstandebegabter Mensch, der sich bemühte ein wenig sich zu bilden und seinen Gesichtskreis zu erweitern, ohne sich seinem Glauben zu entfremden oder ihn zu verleugnen, sobald er sich seine eigene Ansichten über den Geist der Gesetze mache und nicht nach dem Buchstaben desselben lebe, von den Stammesgenossen sofort zu den „gefährlichen Freigeistern“, den „Abtrünnigen, Neuerern“ gezählt und von den phariseischen Talmudisten zu Grunde gerichtet wird, die sich vornehmen ihn von der Erde verschwinden zu lassen.
Wäre der Introligator reich, würde er Schweinebraten und Würste essen, würde er vollständig vergessen, daß es überhaupt einen Jehova und dessen Gesetze gäbe, aber würde er die Kreise der Talmudisten und deren Lügenmoral nicht stören — so hätte dieses gar nichts zu bedeuten — man würde ihn in der Gemeinde nach wie vor dulden, möglicherweise ehren und verteidigen; aber da zeigt sich auf einmal etwas kleines, unbedeutendes, eine Art Geistesfreiheit, ein Freisinn, welchen die orthodoxe Judenschaft nicht dulden will, noch vertragen kann.
Achtzehn Jahrhunderte konnten an dieser Geschichte nichts ändern.
Einem oder dem andern kann es möglicherweise eigentümlich vorkommen, warum ich den Worten des Introligators eine solche Bedeutung beilege, der durch das ihn betroffeneUnglück leicht den Glauben erwecken konnte, er werde seiner religiösen Ansichten wegen von den anderen Juden verfolgt.
Ich sehe dies ein; wenn dieser Fall zu jetziger Zeit sich ereignen würde, so möchte ich selbst einen derartigen Vorfall für sehr verdächtig halten und ansehen; aber zu jener Zeit, in welcher meine Geschichte ihren Anfang und ihr Ende nahm, war an so etwas, als „Freiheit des Geistes, oder der Meinungen“ gar nicht zu denken; darüber hatten sich damals selbst solche Leute keine Ansichten gemacht, welche in weit günstigeren und besseren Verhältnissen standen als der Jude, dessen Knaben man aus dem Bette raubte.
Dem Juden konnte es gar nicht in den Kopf kommen, mit Liberalismus und Freigeisterei glänzen zu wollen, da ihm diese mehr Schaden wie Nutzen bringen konnten, was doch seinen Berechnungen nicht entsprechen konnte.
Ich mußte deshalb aus den über Religion im Bittgesuche gebrauchten Worten und Sätzen den Schluß ziehen, daß dieselben tatsächlich wahrer und tiefer, überzeugungsvoller Religiosität entstammen und aus reinem Herzen kommen.
Ich wiederhole: mir tat der arme Jude leid!
Ich fasste den Gedanken, demselben, so weit es in meiner Macht stand und es meine Kräfte erlaubten, behilflich zu sein.
Ich nahm mir vor, noch spät Abends, nach beendigten täglichen Geschäften, im „Englischen Hof“, wo der zur Rekrutierung kommandierte Flügeladjutant wohnte, vorzufahren und ihn zu bitten, dem Juden seine Hilfeangedeihen zu lassen und die für morgen bestimmte Stellung auf übermorgen zu verschieben, wodurch ein Tag zu Gunsten des Juden gewonnen worden wäre.
Obzwar sich die zur Stellungskommission kommandierten Flügeladjutanten in die Anordnungen der Kommission nicht einzumischen pflegten, so wurden doch ihre Wünsche stets mehr oder weniger beachtet.
Meine Absicht kam jedoch nicht zur Ausführung, denn früher, ehe es dazu kam, hatte die unglückselige Angelegenheit eine solche Wendung genommen und wurde mit einemmale so schwierig, daß der Knabe nur durch ein Wunder gerettet und seinem Vater zurückgegeben werden konnte.
Und dieses Wunder ereignete sich, es fand statt!
Die scheinbar aufsteigenden Schwierigkeiten wurden auf eine einfache und leichte Art überwunden, Dank einem „Engel im Menschenkleide“, für welchen die Mehrzahl der Einwohnerschaft in Kiev den damaligen MitropolitenFilarethielt.
Er wurde in diese Judenangelegenheit ohne seinen Willen einbezogen und stürzte die ganze jüdische List und Falschheit sowie die ungerechte buchstäbliche Anwendung des Gesetzes um, einzig und allein durch das ebenso geistvolle wie menschenfreundliche „Urteil Seiner Eminenz“!
Es war bereits nahe an Mitternacht, als mich ein ziemlich großes Geräusch und lautes Gerede in meiner Arbeit zu stören begann; es schien mir, als wenn in dem neben meinem Arbeitszimmer gelegenen Saale irgend ein heftiger Streit zwischen den dort befindlichen Beamten entstanden wäre.
Derartige Ungehörigkeiten waren nichts seltenes; ich als junger Anfänger in der Beamtenlaufbahn, obzwar Kanzleivorstand, genoß nicht jene Achtung und besaß nicht das Ansehen wie bereits älter gediente Leute; meine Untergebenen fürchteten mich nicht und schenkten mir auch wenig Beachtung und nahmen auf mich keine Rücksichten.
Was die Subordination anbelangt, so konnte man nach dieser Richtung hin mit den altgedienten, mit Medaillen, Schnallen oder dem Stanislaus-Orden dekorierten Titularräten besser auskommen, wie mit den jungen Beamten.
Obzwar mich, beziehungsweise meine Kenntnisse, die Altgedienten nicht gerade sehr hoch schätzten und mir keine große Achtung als einem noch nicht „flügge gewordenen Jungen“, welchen, ihrer Ansicht nach, der Präsident ihnen zum Ärger, ohne Rücksicht auf ihr Alter, Dienstzeit, Solidität auf den Hals hetzte, entgegenbrachten, so machten sie dennoch die ihnen zugewiesene Arbeit ohne Lärm und Geschrei, Zank und Hader fertig, während dieJungen ebenfalls ihre Aufgabe fertig brachten, wobei es jedoch nicht ohne Lärm abging.
Es kam fast täglich vor, daß sie einen oder den anderen der Titularräte hänselten und sich über ihn lustig machten.
Als fast tägliche Zielscheibe ihres Spottes und fauler Witze diente ein Titularrat NamensGregor Ivanovič Salko, ein großer Sonderling, der seine erste Ausbildung von einem Diakon erhielt und seine Beamtenlaufbahn unter einem ehemaligen Diakon begann, worauf er außerordentlich stolz war.
Er war für das frühere Kanzleiregiment eingenommen und konnte sich mit Neuerungen nicht befreunden.
Er gab gewöhnlich ganz seltsame, originelle Ratschläge, welche sehr stark an des Diakons Weisheit erinnerten.
So z. B. erinnere ich mich, daß als ich einmal vor Müdigkeit und schlaflosen Nächten meine Augen kaum mehr offen halten konnte, er mir sagte:
„Machen Sie es so, wie es mich mein alter Diakon lehrte; nehmen Sie aus meiner Dose eine Prise Tabak, der wird ihre Augen öffnen und den Schlaf verjagen. — Zu jener Zeit, als noch wirklich Dienst gemacht wurde ...Sie waren noch lange nicht auf der Welt ... haben wir dieses Mittel stets alle benützt.“
Dieser und auch die anderen älteren Herren wurden von der übermütigen Jugend sehr oft geneckt und nicht selten aus ihrer Ruhe und Geduld gebracht, wobei mitunter aus dem Spaß großer Ernst wurde, der sehr oft bis zum Handgemenge überging.
Die Zeit, wo derartiges vorkommen konnte, ist noch nicht so ferne, aber scheint der jetzigen Nachfolge fast unglaublich.
Das Geräusch vernehmend, glaubte ich annehmen zu können, daß die Jugend wieder einmal einen der Titularräte hänsele und daß es schließlich zu einem kleinen Handgemenge gekommen, welches gewöhnlich zu allgemeiner Zufriedenheit unter heftigem, weit schallenden Lachausbruche endete.
Doch diesesmal schien etwas Außergewöhnliches vorgefallen zu sein, denn ich hörte, daß meine ganze „Bande“ auf einmal aus der Kanzlei verschwand; es wurde darin ganz stille.
Ich stand auf, um nachzusehen, was vorgehe.
Der große Saal war leer; Kerzen brannten auf den Tischen; nur in einer Ecke saß unbeweglich hinter seinem Tische, wie eine Mumie, der Senior meiner Titularräte, der Nestor der Kiever Kanzleien —Platon Ivanovič Dolinskij, welcher den Vladimirorden für fünfunddreißigjährige tadellose Dienstzeit besaß.
Dieser unser Senior war außergewöhnlich groß, mager, weißhaarig, ein Kleinrusse (Chochol), sehr unnahbar, sich für eine wichtige Persönlichkeit haltend.
Er stand nie ohne besondere Notwendigkeit oder Veranlassung von seinem Sitze auf, sprach mit Niemanden und wenn ja — dann nur um diesen auszuschimpfen, wobei er sich ausschließlich des Chochol-Dialektes bediente.
Sowie er mich erblickte, sah er über seine in Kupferdraht gefaßten Augengläser hinweg auf mich, zog seine Stirne kraus und fing an zu schelten:
„Wie kommt es, daß Sie nicht bemerken, was hier vorgeht? — Sie sehen, alle sind fortgelaufen, um einen ruppigen Juden in Augenschein zu nehmen. — Sie wollen Kanzleivorstand sein? Schämen Sie sich! — Gehen Sie doch hinaus auf den Korridor und jagen Sie alle hierher zu ihrer Arbeit.“
„Was für ein Jude hat sich hierher verirrt?“ frug ich.
„Der Teufel weiß, von wo er gekommen! Er ist noch immer hier und wälzt sich auf dem Korridor herum.“
Ich nahm den Leuchter von einem Tisch und ging in den Gang.
Hier in dem breiten, nur schwach beleuchteten Gange standen alle meine Beamten, einen dichten Kreis bildend, und betrachteten, einer dem anderen über die Achsel schauend, einen in der Mitte des Kreises stehenden Menschen, der mit verzweiflungsvoller, klagender Stimme im gemeinsten jüdischen Jargon sich hören ließ:
„Ai! wai! — Lassen sie mich, lassen sie ... Ui! ai, ai, ai, wai, lassen sie! ... Ai, lassen sie mich, ich habe keine Zeit, denn, dort — dort bei der Kirche ... lief er weg ... Ai! Herr Metropolit, Herr Metropolit ... ai, ai, wai, Herr Metropolit ... wann werdet ihr alter Mann ... ai, wai! ... wann werdet ihr an Gott glauben ... ai! ... was wird das werden! ... ai! lassen sie mich ... ai! ai!“
„Wohin sollen wir Dich, krätziger Jude, lassen?“ unterbrach der diensttuende SoldatAleksejevden Jammernden.
„Dorthin ... Gewalt ... ich weiß nicht, wohin ... wer an Gott glaubt ... Lassen sie mich ... Oh! ich armer unglücklicher Jude ... Was macht es ihnen für ein Vergnügen mich zu quälen ... mich zu ängstigen ... ich bin so genug bereits abgeplagt und abgehetzt ... um Gotteswillen, lassen sie mich ...“
„Wohin führt Dich der Teufel, zu wem willst Du denn hin? ... wohin willst Du?“
„Ai! ... lassen sie mich bloß ... ich gehe ... bei Gott! ich gehe ... doch weiß ich nicht, wohin ich gehe ... mir ist nötig zum Herrn Metropoliten selbst ...“
„Ach! Du dummer Jude, Du! sitzt denn ein solcher Herr hier!“ räsonierte der Soldat.
„Ach! ... wo ... wo ... ich weiß nicht, wo der Herr Metropolit sitzt, wo bei ihm anzuklopfen ... Mir ist er sehr nötig, mir ist er gewaltig nötig!“ schrie verzweiflungsvoll und dabei sich krümmend der Jude.
„Wenig ist dir ’was nötig; glaubst Du, Du krätziger Jude, daß sie Dich beim Mitropoliten vorlassen?“
Der Jude heulte noch mehr auf.
„Ach! ... mir ist der Metropolit nötig ... mich ... mich lassen sie nicht zum Metropoliten ... Verfallen, verloren ist mein Kind, mein armes, unglückliches Kind!“
Er ließ plötzlich einen so herzbrechendtraurig-wehmütigen Klagelaut ertönen, daß alle plötzlich stumm zurückwichen. Der Soldat drückte ihm mit der Hand den Mund zu,aber der Jude befreite sein Gesicht von derselben und fing von neuem in der üblichen jüdischen Synagogenvibration zu flehen an:
„Oi Jeschu! Jeschu Hanozri! Sie wollen dich betrügen ... nehme nicht den Laidak, den Mischiginer, den Lumpen ... Oi, Jeschu, zu was ist Dir ein solcher Heide ...“
Sowie ich hörte, daß der Jude den Namen unseres Heilandes anrufe, zerteilte ich mit der Hand den vor mir stehenden Haufen.
Vor mir sah ich eine Gruppe, welche mich lebhaft an jene mit dem Teufel des Rafael’schen Gemäldes „Verklärung Christi“, allgemein bekannt durch den Jordan’schen Stich, erinnerte.
Ein nicht mehr junger Jude, jedoch unbestimmbaren Alters, ganz naß, in angefrorenen Lumpen, aber mit vom Schweiße feuchtem Gesicht, mit an die Stirne angeklebten schwarzen Haaren,unstet rollenden Augen, in welchen Schreck, hoffnungslose Verzweiflung, Schmerz, neben unbegrenzter leidenschaftlicher Liebe und Selbstentsagung, die keine Grenzen kennt, zu lesen waren.
Am Kragen seines zerlumpten Rockes und an den Armen wurde er von zwei kräftigen Soldaten gehalten, unter deren Händen er sich krampfhaft wand, sich bald wie ein Igel zusammenziehend oder gleich einer Schlange sich windend, doch immer sich bemühend, sich frei zu machen von den ihn festhaltenden Eisenfäusten der Soldaten.
Dieser Ausbruch der fürchterlichen Verzweiflung, das stätig sich wiederholende „wer an Gott glaubt“, das ich einige Minuten vorherin der Bittschrift las, schienen mir in einigem Zusammenhange zu stehen.
Mir kam in den Sinn, ob ich nicht den Introligator vor mir zu stehen habe?
Aber wie konnte derselbe so rasch hinter seiner Bittschrift nachkommen und nicht erfroren sein in diesem schauderhaft zerlumpten leichten Röckchen; und schließlich, was wünschte er? was ist ihm nötig, daß er in seiner verzweiflungsvollen Art ohne Unterlaß den Mitropoliten und Jehoschua Hanozri anruft?
Vielleicht hat er den Verstand verloren?
Um dem häßlichen Auftritte ein Ende zu machen, gab ich den Soldaten mit der Hand ein Zeichen und bemerkte: „Laßt ihn los!“
Kaum hatten diese ihre Hände von ihm zurückgezogen, als der „närrische Jude“ einen Sprung nach vorwärts machte, wie eine Katze, welche in einem dunklen Schranke eingesperrt, plötzlich, durch Aufmachen der Türe, freigelassen wird.
Die Beamten, einige lachend, andere erschrocken, stoben auseinander, gleich Erbsen, welche man aus einem Sacke auf die Erde schüttet; während der Jude wie ein junges Zicklein herumsprang.
Er lief von einer Tür zur anderen, wollte in ein verschlossenes Zimmer eindringen, das zu einer anderen Abteilung gehörte, und alles dieses tat er unter Wehklagen, Heulen, Seufzen, Schreien ai! ai! und alles mit einer solchen Geschwindigkeit, daß man ihm gar nicht folgen konnte.
Wie er in unsere Abteilung gelangen und sich in einem Winkel verstecken konnte, war fast unbegreiflich.