IX
Der Strand von Saßnitz war buntscheckig von der gedrängten Menschenmenge. Nicht nur am Kai, sondern vor den vom Bergwald überragten, ansteigenden Häuserzeilen stand sie in Beharrlichkeit. Sie hatte sich lang hinausgezogen, wand sich, einem wandernden Ameisenheer nicht unähnlich, in dünner Linie auch am Ufersaum hin, hart am Meer, dicht unter den steilen Wänden der weißen Kalkfelsen, die auf ihren Häuptern die grünen, tiefen Buchenwälder trugen.
Ein Sommertag voll ruhigen Lichtes und klarer Wärme wollte zu Ende gehen. Das Meer lief im gelassenen Gleichmaß der Bewegung gegen das Ufer an. Das blaue Glas der Wogen zersprang auf ihren Gipfeln und zerschlug sich zu weißem Schaum.
Ganz fern, geradeaus stieg eine Rauchsäule vor dem Horizont. Das Schiff, das sie emporflocken ließ, glitt rasch hinweg; es fuhr in stetiger Richtung nordwärts und versank bald hinter der Linie zwischen dem Wasser und dem zarteren Blau des Himmels. Dann hielt sich an jener Stelle noch eine Weile ein graues Wölkchen. Als sich auch das in der reinen Luft ganz verflüchtigt hatte, breitete sich eine majestätische Leere aus. Die Einsamkeit thronte über den Wassern.
Aber sie wirkte nicht herüber auf die tausend Menschen und stimmte sie heute nicht zur Andacht. Die Unruhe der Erwartung fieberte in der Menge. Und wie hypnotisiert starrte sie westwärts. Die sinkende Sonne stach ihr beizend und blendend in die Augen; hinter den weißen ragenden Felsen von Stubbenkammer ging sie horizontwärts, ihre Strahlen gaben der Silhouette des Waldes hoch dort oben einen Heiligenschein. Und die ganze Seite des Himmels war wie eine Wand von hellem Gold, das ganz allmählich, zur Höhe hin, in das feine Blau der Luft hinüberging und sich in ihr auflöste.
Gleich einer Kulisse stand der weiße Fels mit seiner verschatteten Wand und seiner scharfen, steilen Linie in diesen Hintergrund von Glanz hinein. Gegen seinen Fuß warfen sich in unaufhörlicher Arbeit die Wellen und brodelten weißschäumig.
Plötzlich ging das schon etwas stumpf gewordene Warten der Menschen in freudige Unruhe über.
Hinter der Kulisse hervor schob sich ein schwarzes Tier. Wie ein Walfisch. Und anstatt eines Wasserstrahls ließ es eine düstere Säule von Kohlenrauch steigen.
Es war nicht allein. Es dampfte an der Spitze einer Schar von Genossen, die ihm in Keilformation folgten.
Eine Torpedobootdivision des Aufklärungsgeschwaders.
Seltsamen Ungeheuern glichen sie. Als habe die Hand der Menschen dem Meer die furchtbaren Saurier wiedergeben wollen, die die Natur nicht lebensfähig hatte erhalten können.
Nun schwammen sie durch die schwerflutende See, und aus dem Mund ihrer Dampfpfeifen kam ein mißtöniges Geheul, ein dunkler, warnender Laut gereizter Tiere.
Dann fuhren die Schiffe wie lautlos. Wie ermüdet von harten Kämpfen, gelassen. Sie zogen dem Hafen zu, um einmal eine Nacht zu schlafen. Ihre kohlschwarzen Leiber, so wenig sie auch die Wasserlinie überragten, zeichneten sich bedrohlich ab vor dem goldig glänzenden, glatten Hintergrund des Himmels. Um ihren Bug, so leise sie auch fuhren, schwoll, wie an der Brust dunkler Schwimmvögel, das Wasser hoch, das sie zerteilten. Neben den kurzen, dicken Schornsteinen und dem niederen Aufbau ihrer Kommandobrücken trugen sie seltsame Zeichen — gleich schlanken, kleinen Masten, und daran mystische Figuren — da ein Dreieck, dort ein Quadrat — hier zwei Querhölzer — dort eins, dort ein schräges Kreuz — ihre Male, die sie für das Auge des Kommandanten und der Gefährten unterschiedlich machten. —
So kamen sie heran. Eine düstere Schar, schon jetzt in ihrem friedlichen Tun furchtbar anzusehen — eine Verkörperung von Krieg und Tod — die Phantasie anreizend, so daß man sich wie von selbst diese niedrigen, schwarzen Gesellen vorstellen mußte, wenn sie nachts, von schäumenden Fluten überstürzt, in heulendem Sturm, mit verlöschendem Feuer, den Scheinwerfern des Feindes zu entgehen trachteten — oder sich an ihn heranzuschleichen suchten — selbst des Untergangs gewiß, den sie dem Gegner zu bringen die Selbstaufopferung haben sollten. Kraft, die selbst sterben muß, wenn sie Tod bringt ...
Von dieser ruhevoll vorwärts dampfenden schwarzen Schar ging eine Majestät des Mutes aus, die alle Zuschauer, ohne daß sie wußten warum, verstummen ließ.
Sie suchte den Hafen auf. Die Reede konnte ihr keinen Ankerplatz geben. Sie kannte jenseits der Molen nur eins: Bewegung. —
Und andere Erscheinungen traten aus der Felsenkulisse hervor, als hätten sie dort gewartet, um ihre stolze Wirkung, ungeschmälert durch die kleine, rasche Heldenschar, ganz allein zu genießen.
Groß und grau, in der Langsamkeit von einer stillen und bezwingenden Gewalt, glitten die großen Kriegsschiffe über das blaue Wasser. Ungeheuer voll Grazie. Ruhevoll stieg der feine Dampf aus ihren grauen Essen. In der Takelage ihrer Signalmasten war ein emsiges Huschen von Farbenflecken. Da stiegen und sanken und hißten und tippten allerlei kleine Flaggen, und einige von ihnen blieben hängen, in einer geheimnisvollen Anordnung — beredt für die, die ihre Sprache verstanden — stumme Befehlshaber, die blinden Gehorsam forderten.
Vor dem goldenen Grunde des Abendhimmels kamen die Schiffe, wunderbare Symbole der Macht, in schweigendem Stolz — unnahbar, seltsam abgesondert von der Erde und der atemlos staunenden Menge auf ihr — und doch in der unerklärlichsten Nähe mit ihr verbunden — von einer in jeder Brust aufjauchzenden heißen Liebe begrüßt ... „Unsere Flotte“ ...
Die huschenden Farbenflecke hatten alle ihre Befehle über das auch in Keilformation fahrende Geschwader hin verbreitet. Nun änderte sich die Bewegung. Einige der Schiffe lagen still — andere glitten noch weiter — in einer Stellung zueinander, deren Ordnung und tiefer Sinn den Zuschauenden verborgen blieb, kamen sie endlich alle zur Ruhe.
Und nun lagen sie da, eine undurchdringliche, in sich abgeschlossene Welt.
Aber nicht lange, und es schien, als entstehe ein eiliges Hin und Her zwischen dem Land und dem Geschwader.
Während der goldene Glanz im Westen erlosch, nahm das Meer eine graue, ernste Farbe an; das Heranrauschen der Wogen war kein heiteres Spiel mehr, sondern eine Musik voll Schwermut. Der Himmel entfärbte sich und bekam eine matte Zinnfarbe.
Und in dieser Lichtlosigkeit, ehe die Nacht hereinfiel, wurde es lebendig um die Riesenleiber der Kriegsschiffe herum. Barkassen lösten sich von ihnen und puckerten in eiliger Fahrt zum Hafen. Boote schossen heran, von den sich im präzisen Gleichmaß hebenden und senkenden Rudern getrieben. Die Wasser tropften von den Hölzern, und die Riemen knirschten. In militärischer Ordnung saßen die Maaten auf den Bänken und beugten sich vor und legten sich zurück. Dann warteten sie an den Brücken auf die Post, die der Postmaat holte, während die Menge die Blaujacken umstand und betrachtete und auch wohl mit Biergeld und Zigarren beschenkte.
Die Gig der „Thuringia“ nahm außer der Post auch noch den Kapitän von Krietzow auf, der hier eingetroffen und seit diesem Mittag schon bereit gewesen war, sich wieder an Bord zurückzumelden, um seinen Stellvertreter Hochhagen abzulösen.
Der Abend wandte sich mit Hochsommerraschheit zur Nacht. Auf den Schiffen blitzten Heere von Lichtern auf. Wo vorher die kleinen Gruppen bunter Flaggen gesprochen hatten, zeigten sich nun ebenso geheimnisvolle Gruppierungen verschiedenfarbiger Lichter.
Und ab und zu strich, vom Scheinwerfer des Wachtschiffes herausströmend, ein grellweißer Lichtkegel über das Meer und das Land. Er huschte über jede Erscheinung weg, ließ sie auftauchen und wieder in Dunkelheit versinken. Die Menge am Ufer fühlte sich oft in hellen Tag versetzt, lachte und kreischte — und schon glitt der weiße Schein weiter und ließ, gleich einem Phantom, ein Schiff erscheinen und war blitzgleich wieder anderswo.
Und in diesem flinken Wechsel von krasser Helle und nach ihr gesteigert scheinendem Dunkel sah Emmich Hochhagen einmal, schon ganz nahe der „Thuringia“, die Gig auftauchen und verschwinden. Er erkannte in dem huschenden Moment, daß sein Kamerad Krietzow darin saß. Krietzow hatte sich schriftlich schon angemeldet und war also erwartet worden. Es hätte sich demnach ungefähr ein Weltuntergang ereignen müssen, um Krietzow am pünktlichen Erscheinen zu hindern ... ein deutscher Offizier, der sich dienstlich zur Stelle zu melden hat! ... Dennoch aber fühlte Hochhagen sich so erleichtert, daß er aufseufzte.
Er wartete fast seit Beginn seines vorübergehenden Kommandos schon dringlich auf die Ablösung — was er sich freilich nicht einmal selbst gestand. Und was kein Mensch an Bord ihm angemerkt hätte.
Renatens Briefe ängstigten ihn mehr und mehr. Er spürte, daß die unselige, in ihrer Verlassenheit um alle Haltung gekommene Frau einen immer größeren Einfluß auf sein holdes Mädchen bekam. Das mißfiel ihm höchst. Deshalb ersehnte er den Tag der Ablösung. Er hatte sich einen unmittelbar an sie anschließenden Urlaub von zwei Wochen erwirken können. Und nun, wo die Flotte für einen Ruhetag vor Saßnitz ankerte, um dann in die wirklichen Manöver einzutreten, nun dachte er Krietzow die Geschäfte zu übergeben und sofort, im Morgengrauen, nach der Schweiz abzureisen.
In seiner heimlichen Unruhe hatte er sich eingebildet, Krietzow könne in allerletzter Stunde abermals erkranken. Auch gibt es ja Unfälle auf Eisenbahnen und Gott weiß was sonst noch.
Also da war Krietzow! Endlich, endlich!
In der großen Unruhe an Bord, in der Eile der an Land Beurlaubten, bei all dem Kommen und Gehen fand Krietzows Ankunft doch viel Beachtung. Man sagte ihm, daß er glänzend aussehe, warf ihm noch neidvoll vor, daß er wie ein Gott in Frankreich gelebt, während man sich selbst wieder mal geschunden habe. Dann, nachdem er sich beim Kommandanten gemeldet hatte, zog er sich mit Hochhagen in die Koje des Ersten Offiziers zurück, um die dienstliche Angelegenheit zu besprechen.
Inzwischen war die Post sortiert und wurde an Bord ausgetragen.
Emmich sah, als die Ordonnanz die seinige auf den Schreibtisch legte, vor dem er mit Krietzow saß, obenauf den Brief Renatens.
Aber natürlich, mehr als diesen Blick konnte er den lieben Schriftzügen jetzt nicht gönnen.
Erst der Dienst.
Und in seinem Gedränge mochte er auch nicht lesen. Es war gerade, als hielte eine heimliche, warnende Stimme ihn davon ab, einen kurzen Blick hineinzutun.
Emmich Hochhagen erledigte erst alles, was noch abzuwickeln war, ließ seine Sachen packen, meldete sich beim Kommandanten ab und fuhr dann mit einigen Kameraden an Land. Alles freute sich auf die Abwechslung. Es tat den Nerven schon wohl, sich einmal in hohen weiten Räumen beim Essen aufzuhalten; nicht nur mit Männern in engen, niedrigen, kunstvoll ausgesparten Räumen zusammen zu sein. Es war ein Vergnügen, Frauen zu sehen, die eleganten Frauen eines Badeortes, die mit lächelnden und gütigen Blicken an ihnen vorbeistrichen, zu rascher und mehr oder minder harmloser Anknüpfung merkwürdig bereit.
Man aß zusammen in dem Hotel, in dem Emmich Hochhagen zu übernachten dachte, um den Frühzug nach Berlin zu nehmen. Im Hinblick auf die Anwesenheit des Geschwaders war eine Reunion veranstaltet. Aus dem Saal neben dem Restaurant klang Musik. An der Glastür vorbei drehten sich tanzende Paare. Vorurteilslos und bereit, jede frohe Stunde zu nehmen, wie sie ihnen zufiel, beteiligten sich die jüngeren Offiziere mit leidenschaftlichem Eifer am Tanz, als lägen nicht die aufreibenden Mühen eines spannungsvollen Aufklärungsmanövers hinter ihnen.
Die Kameraden von der „Thuringia“ feierten Hochhagen weg und quälten ihn — ahnungslos — mit ihrem wohlwollenden Neid! Ja, wer solchen Dusel hatte! Zu so einer entzückenden Braut fuhr! Sich so fabelhaft nette Schwiegereltern zugelegt! Ja, der konnte wohl zugeben, daß das Leben immerhin ein Pläsier sei.
Er lächelte etwas mühsam dazu.
Sie wußten ja nicht, daß sein junges Glück von einem Unbehagen umlauert war, das von Post zu Post wuchs.
Und gerade weil er ein beklemmendes Vorgefühl hatte bei dem Gedanken: was mag nun wieder dieser Brief bringen? gerade deshalb blieb er länger noch mit den Kameraden zusammen, als er es vorgehabt hatte.
Das ganze Leben des Badeortes schien rascheren und freudigeren Pulsschlag bekommen zu haben. Viel lauter als sonst gebärdete es sich und wollte der Nacht das Recht auf Stille lange nicht gönnen.
Es war fast zwei Uhr, als der Kapitän Hochhagen sich endlich in seinem Zimmer allein befand — in jener Einsamkeit, die fast unsicher machte, wie festes Land nach bewegter Seefahrt. In all dem Nachhall von Lachen, Musik, Bewegung, Gläserklang können die Nerven sich noch nicht in der Lautlosigkeit zurechtfinden.
Er preßte die Hand gegen die Stirn und besann sich. Ja, da war der Brief. Und morgen — nein, heute — um neun Uhr und? wieviel Minuten doch? fuhr der Zug. Saßnitz ab? — Berlin an? Dort mußte er den Nachtzug nach Stuttgart nehmen ... Über den Bodensee — Zürich — Genf. — — Wo war doch das Reichskursbuch? Natürlich irgendwo tief unten im Koffer, wo man es nie findet, nach jener unergründlichen und wirklich märchenhafterweise sich ewig fortpflanzenden Burschenweisheit, die das Nötige listig verpackt und das Überflüssige handlich obenauf legt ...
Aber der Brief ...
Und plötzlich hatte er ihn geöffnet und stand mitten in dem gräßlichen kleinen Zimmer, zwischen dem häßlichen Bett und dem Sofatisch mit geblümter Plüschdecke, gerade unter der elektrischen Birne, die in ihrem tellerartigen Schirm fest unter der Decke saß. Sie schien ihm grell auf Renatens Schriftzüge und das weiße Papier.
Immer finsterer wurde sein Gesicht und sein Ausdruck hart.
Er setzte sich auf den Stuhl am Fenster. Starrte hinaus — und sah nichts von dem grandiosen Bild da draußen, wo auf dem dunkeln Meer die von Lichtern übersprenkelte Flotte in wachsamer Ruhe lag — sah nur im schwarzen Glas das Spiegelbild der kargen, banalen Stube — die blanke Glühbirne unter dem weißgekalkten Plafond und sein eigenes Gesicht — —
Wußte denn Renate, was sie ihm da alles gestand?
Wenn sie es wußte, hieß es soviel als: ich habe mich doch wohl geirrt!
Nicht in ihrer Liebe. O nein! Das fühlte er wohl.
Ihr Herz drängte sich an das seine voll Angst und Unruhe.
Das war es: voll Angst.
Junge Liebe darf keine Angst kennen. Die soll nur hoffen und glauben.
Was schreibt sie da?
„Wenn ich daran denke, daß Jutta ihren Mann aus leidenschaftlicher Liebe heiratete, und daß all dies Glück sich jetzt schon in Kummer, ja in Verzweiflung verwandelt hat, muß ich weinen vor Angst, daß es auch unserer Liebe ebenso ergehen könnte.“
Und wie zitterte sie vor der Zukunft?
„Ob ich wohl stärker wäre als Jutta? Ob ich wohl während einer so langen Trennung immer freudig bliebe? Ob Liebe wohl durchaus der Gegenwart des Geliebten bedarf, um ganz lebendig zu bleiben? Oder ob man ein wenig oberflächlich sein muß, weniger am Geliebten hängen muß, um seine Abwesenheit gefaßter zu ertragen? Ach, du glaubst es nicht, wie mich alle diese Fragen beschäftigen.“
Und weiter: „Schreckliches Mitleid hab’ ich mit ihr — wir weinen so viel zusammen. Und dabei ist mir manchmal zumute, als weinte ich über uns ...
Ich habe nicht gedacht, daß man als Braut so schwere Gedanken haben könnte. Aber vielleicht muß es so sein. Mama sagte mal, man müsse die Brautzeit nicht durchjubeln, sondern zur ernsten Einkehr benutzen. Und nun frage ich mich immerfort, ob ich auch wohl stark und groß genug bin, die Frau eines Seeoffiziers zu werden. Die braucht viel Tapferkeit und viel Selbstverleugnung ... Ich habe immer gedacht: durch Liebe bringt man das auf. Aber die arme Jutta hatte doch auch Liebe.“
Er las den Brief wieder und wieder.
Zuletzt sonderte er gar nicht mehr die einzelnen Stellen heraus. Alles floß zusammen. Alles hatte im Grunde den einen, den gleichen Inhalt: Furcht vor der Zukunft!
Und was langsam, von einem Brief zum anderen in ihm emporgewachsen war, stand nun als harter Gedanke plötzlich ganz klar vor ihm da.
Lieber jetzt ein jäher Schnitt — ein furchtbares Zerreißen, als eine Zukunft voll Unsicherheit ...
Er fühlte: es würde seine Manneskraft untergraben, seine Berufsfreudigkeit aufzehren, wenn er später in Angst vor dem Gemütsleben seiner Frau zu sein hätte. Er hatte ja die Frau seines fernen Freundes betreut — hatte gesehen, wie haltlos eine Frauenseele werden kann, wenn sie vor Sehnsucht müde wird. —
Das wollte er nicht erleben. —
Lieber ein einsamer Mann bleiben ...
Auch um des holden, zärtlichen jungen Wesens willen, das sich jetzt schon vor bloßen Möglichkeiten fürchtete ... deren Glück, das frische, jubelnde Brautglück, sich schon jetzt in verzehrende Unruhe verwandelt hatte.
Ihr, vor allem ihr, noch mehr als sich selbst, war er es schuldig, als Mann zu handeln.
Er begriff, daß dies vielleicht einer von den Fällen war, wo höchste Härte am letzten Ende höchste Selbstaufopferung ist.
Was mußte er tun?
Ihr schreiben. Ihr das Wort zurückgeben und ihr anheimstellen, sich in Freiheit noch einmal zu prüfen.
Schreiben?!
Er lächelte bitter in sich hinein.
Wo andere Männer handeln, eingreifen und durch die Wucht ihrer persönlichen Gegenwart einen Kampf zu ihren Gunsten entscheiden können, bleibt uns — ein Brief! Der jämmerliche Abklatsch des Gefühls! Erregung, Zorn, Bitte, Liebe aus zweiter Hand — auf dem Papier.
Die Ferne nimmt uns unsere Waffen ...
Aber er — er war hier — saß nicht wie der arme Malte drüben bei den schrägäugigen, gelbhäutigen Chinesen, während hier sein Glück in die Brüche ging, das er nur mit — Papierfeuer hatte heißhalten können. — Er war zur Stelle — hatte nur einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag zu fahren, um vor die Geliebte zu treten — Aug’ in Auge mit ihr um sein Glück zu ringen. Ihr streng und stolz, fest und stark zu sagen: Hast du kein Vertrauen zu dir selbst — so leb’ wohl! Was mich betrifft, ich habe den Glauben an mich: es können mich Jahre und Ozeane von dir trennen: ich bleibe dein, freudig und treu. Traust du dir’s nicht zu: leb’ wohl! Begreifst du nicht: eine große Sache fordert Opfer auch von dir — leb’ wohl! Erkennst du nicht: es liegt ein tiefer, heiliger Sinn darin, daß die Frau gefaßt zu warten versteht auf den Mann, der nicht zu selbstischen Zwecken hinauszieht, sondern um dem Vaterland zu dienen — erkennst du es nicht, dann: leb’ wohl! ...
Ja, so wollte, so mußte er vor sie hintreten ...
Aber plötzlich, in den lodernden Zorn dieser Vorsätze, fiel der Schreck: Nein, das kann ich nicht — man reist nicht von weit her zu einer Frau, um ihr zu sagen: wir müssen scheiden.
Er sah ihre Eltern vor sich. Diese Menschen, die er um all ihrer reifen Güte und Klugheit willen so hochstellte.
Er sah sie selbst: das weiche, schöne, liebe Gesicht! So jung! So zärtlich ...
Und noch so lachend war es gewesen vor wenig Wochen — ganz unberührt von allen Seelenkämpfen.
Er sah sie weinen ...
Und die Vorstellung war so beklemmend, daß sich ihm die Stirn feuchtete.
Das war zu hart für beide — für ihre Weichheit — für sein Mitleid — sich in solcher Aussprache gegenüberzustehen ...
Er fürchtete auch plötzlich, daß Hoffnungen und der heiße Wunsch, sie sein zu nennen, ihn schwach machen könnten.
Daß wiederum sie sich nicht frei entscheiden, sondern sich auch von zärtlicher Aufwallung bestimmen lassen könne ...
So blieb wohl nichts als schreiben — als das elende Mittel, das immer nur einem Bruchteil alles Gedachten und Empfundenen auf den anderen hinüberwirken lassen kann ...
„Ich habe ja Zeit,“ dachte er.
Morgen kann ich schreiben — morgen — anstatt in jubelnder Vorfreude auf Wiedersehen zu ihr zu eilen ...
Schlaflos lag er die ganzen Stunden, bis der Tag graute. Es waren ihrer ja nur wenige.
Seine Nerven, überreizt von den großen Anstrengungen der letzten Wochen und Tage, von der Unsumme von Angelegenheiten und Verantwortlichkeiten, die er, als Erster Offizier an Bord, ständig geistesgegenwärtig in seinem Kopf zu halten hatte, wollten sich auf keine Weise zur Ruhe zwingen lassen.
Er versuchte, an die mechanischen Dienstsachen zu denken — an irgendeinen kleinen Ärger, den es da oder dort gegeben hatte — an die drolligen Schrullen einiger Kameraden — —
Umsonst.
Er konnte nichts, als sich in die Vorstellung hineinleben: ich habe mein Glück verloren.
Zuletzt schien es ihm, als trennten ihn schon große Zeiträume von dem Augenblick, wo er von Bord gegangen war — Zeiträume, in denen das Leben über ihn hinweg weitereilte und ihn zurückließ: alt, mutlos, freudlos ...
Eigentlich hatte er ganz vergessen, daß da draußen auf der Reede das Geschwader ankerte. Daß wohl schon jetzt, im Morgengrau, im Dunst der See, die ihre Wärme dampfend an die kühle Luft abgab, daß da schon Depeschenboote über die Wasser schwammen, mit leisem, eiligem Rauschen die glatte Oberfläche zerschneidend.
Als es an seine Tür klopfte, hart und schnell, antwortete er gehorsam „ja“ und dachte, daß er vielleicht befohlen habe, man solle ihn zur Abreise rechtzeitig wecken.
Er wunderte sich, als nun der Maat eintrat, der an Bord sein Bursche gewesen war, und den er gestern abend dort hatte zurücklassen müssen.
„Was vergessen?“
Der Mann stand stramm. Die weiße Tür gab seiner schlanken, blauen Gestalt blanken Hintergrund. Sein bartloses Gesicht konnte trotz allen dienstlichen Ernstes ein freudiges Licht in den hellen Augen nicht verstecken.
„Eine Depesche, Herr Kapitän. Ich soll eine schöne Empfehlung von Herrn Kapitän von Krietzow machen. Sie wär’ in der Nacht gekommen. Er hätt’ sie aus Versehen aufgemacht. Weil die Ordonnanz bloß meldete: an den Ersten Offizier. Und nachgesehen hätt’ er nicht — aus ’m Schlaf ’raus, sagt Herr Kapitän.“
„Bestellen Sie: das machte nichts. Und viele Grüße an Herrn Kapitän ...“
Der Maat machte auf den Hacken kehrt.
Und Emmich Hochhagen nahm die Depesche aus dem Briefumschlag, in den Krietzow sie getan hatte.
„Das Kind der Frau von Falckenrott seit einigen Tagen in größter Lebensgefahr. Gamberg zwar hier, nehme aber an, daß im Ernstfall Du der armen Frau näherer Beistand bist. Erwarten Dich voll Ungeduld. Viele Grüße. Papa Gervasius.“
Er besann sich keinen Augenblick. Er verließ sein Bett. Zog sich mit einer Raschheit an, als seien Alarmsignale gegeben worden. Klingelte und befahl die Rechnung, einen Wagen — nur rasch — nur rasch. — — Er sah: die Zeit war knapp — denn er hatte ja gedacht, er habe keine Eile ... Er hatte ja gedacht: zu einem Abschiedswort — zu einer letzten, ehern ernsten Frage, die vielleicht das Ende des Glücks bedeutet — dazu hastet man nicht ...
Er erreichte den Zug noch. Dann, als er in seiner Ecke saß und draußen die Landschaftsbilder vorbeiglitten, wurde er allmählich frei von dem Gefühl, ein Gehetzter zu sein. Sich auf dem Wege zu befinden, ist schon immer etwas.
Jetzt war keine Schonung möglich — jetzt mußte er seine Auseinandersetzung mit Renate und vielleicht auch ihren Eltern Aug’ in Auge haben.
Aber welchen Stunden voll schmerzlicher Erregung, voll gefährlicher Versuchungen er auch entgegenging — die Pflicht rief ihn.
Der Freund, als er schied, hatte ihm gesagt: sei meiner Frau ein treuer Bruder! Er war es gewesen, hatte versucht, es zu sein, so sehr, daß sie seine fürsorgliche Ergebenheit sogar als bevormundende Wachsamkeit empfand.
Aber mit aller treuen Brüderlichkeit hatte er doch nicht verhüten können, daß die Frau in schwere Kämpfe geriet ...
Und nun war das Kind des Freundes in Gefahr?
Und an der Seite der Frau befand sich jener Mann ... der in all seiner höflichen Ruhe und formvollen Undurchdringlichkeit für Emmich unheimlich war — in dem er den Zerstörer ahnte ...
Dieser, gerade dieser war neben Jutta am Bett des Kindes?
Wenn es nun stürbe? Würde das nicht auf das Gemüt der Frau so wirken, daß sie sich sagte: nun ist jedes Band zwischen Malte und mir zerrissen?
Ganz gewiß!
Mußte nicht ihr leidenschaftlicher Gram sie dem Mann in die Arme treiben, der wartend bereitstand?
Ganz gewiß!
Ihr Herz hatte die Einsamkeit nicht ertragen. Mit förmlich fanatischer Liebe hing sie an dem Kind als an ihrem einzigen Trost — vielleicht war das Kind auch ihr Halt gewesen. — Wenn es ihr geraubt würde, bewies sie sich vielleicht: auf meiner Ehe ruht kein Segen. Ja, sie würde von Malte fortgehen, hin zu dem anderen, wenn das Kind stürbe.
Wenn es doch am Leben bliebe! Es schien durch sein bloßes Dasein die Sache seines fernen Vaters zu führen.
Während der langen Stunden seiner Tag- und Nachtreise dachte Hochhagen sich in all dieses immer stärker hinein.
Ihm war, als sei er unterwegs, um zu helfen, zu handeln. Und er litt vor Ungeduld, wenn er sich klarmachte, daß er im Grunde weder helfen noch handeln könne.
Er durfte Gamberg nicht stellen. Ihm nicht auf den Kopf zusagen: Du liebst sie und willst einen Abwesenden berauben — ich stehe hier anstatt seiner und versperre dir mit den Waffen in der Hand den Weg zu der Frau.
Vor Dingen, die man nur spürt, auf deren Vorhandensein man zwar schwören könnte, und die man doch nicht zu beweisen vermag, steht man ohnmächtig.
Der Legationsrat von Gamberg hatte mit keinem Wort und keiner Miene Kritik herausgefordert, er hatte nicht ein einziges Mal eine Haltung angenommen, die verletzend für die Ehre des Abwesenden genannt werden konnte.
Und gerade deshalb fürchtete Hochhagen ihn.
So beherrschte Naturen sind zielbewußt — gefährlich sind sie durch ihre Unangreifbarkeit.
Ein Mann, der nichts wollte, wie eine temperamentvolle, unter ihrer Einsamkeit leidende Frau trösten, um dann mit dankbaren Siegergefühlen seiner Wege zu gehen, ein solcher Mann würde sich anders benehmen.
Dieser wollte mehr! Das witterte Hochhagen. Gerade diese vornehme, vollkommen besonnene Art des anderen bewies es ihm: der wollte die Frau für immer sich erobern und war vielleicht schon jetzt voll Besorgnis, in ihr die zukünftige Trägerin seines Namens zu schonen.
Hochhagen fragte sich allerlei: ob wohl dies Gemisch von Liebesromantik und äußerster Rücksicht, von verbotenen Wünschen und starker Hochachtung für eine Frau bezaubernd war?
Er gab sich auf diese und andere Fragen keine Antwort. Er wagte es nicht. Er sah wohl: man spricht so erfahren über Frauen und kennt sie in- und auswendig.
Aber sowie man zu ihnen in eine Stellung kommt, von der aus man wirklich in ihre Seele hineinsehen kann, bekommt man die Empfindungen eines Analphabeten: man weiß wohl, da stehen tiefe Dinge, aber man kann sie nicht lesen ...
Mitten in all diesen Grübeleien erlebte er dann auch noch eines Morgens die Sensationen des märchenhaften Szenenwechsels. Er hatte während der Reise kaum auf die Bilder draußen geachtet — stumpf für alles, was draußen sich begab, war die ganze Fahrt mit ihren wechselnden Stationen, lärmdurchbebten Durchgangswagen voll Staubgeschmack, schmalbettigen Schlafcoupés, hastigen Mahlzeiten, tausend fremden Gestalten an ihm vorübergegangen, als stehe er gleichgültig still, und all dies rase unbegreiflich sinn- und zwecklos an ihm vorüber.
Nun sah er auf einmal den Genfer See vor sich und wußte: noch eine Stunde, und ich bin da ...
Der feine Frühnebel, ganz von silbernem Glanz durchwirkt, stand auf der weiten Fläche. Er breitete sich auch zart vor der Wand des Gebirges aus und machte seine Größe mild. Es waren gar keine starken Töne in dem Bild. Wunderbar keusch und leise wirkte es — ein Morgentraum.
Das tat dem Auge wohl. Wie dem Mund die fast herbe und feuchte Luft, die durch das Fenster hereinkam.
Hochhagen atmete sie förmlich mit Vorsatz tief ein. Als könne sie ihm das peinliche, brennende Gefühl in der Brust löschen ...
Er dachte nicht mehr an die unselige Frau, die zu behüten und vielleicht zu retten er gekommen war.
Er dachte nur noch an seine Liebe und seine eigene Not ...
Was „sie“ wohl zu seinem Telegramm gesagt hatte?
Gestern, gegen Abend, von irgendeiner Station aus, hatte er depeschiert, er würde von morgen früh an in Juttas Pension sein. Er bat den Geheimrat, ihn dort aufzusuchen.
Diese Fassung der Depesche mußte Renate gezeigt haben, daß er nicht ihretwegen diese Reise unternommen hatte ...
Begriff sie? War sie sich völlig bewußt, wie ihre Briefe auf ihn gewirkt hatten? Zu welchen Sorgen sie ihn führen mußten?
Freute sie sich auf ihn? Ängstigte sie sich vor ihm?
Ahnte sie schon, daß er lieber auf Glück verzichten als eines gewinnen wolle, neben dem her der Unglaube an die Beständigkeit dieses Glücks ging?
Station Territet ...
Sein Herz klopfte ... das Gefühl, dem geliebten Mädchen nun nahe zu sein, benahm ihn ganz.
Wie Furcht befiel ihn der Gedanke: wie, wenn sie auf dem Bahnsteig steht? ...
Aber er übersah es mit dem einen schnellen, scheuen Blick, den er rasch über den offenen Bahnsteig gleiten ließ: nein, sie war nicht da ...
Als er einem Träger seinen Gepäckzettel in die Hand drückte und mit einem Kutscher über die Fahrt nach der Pension verhandelte, fühlte er eine Hand — sie gab ihm einen leichten, wohlwollenden Schlag auf die Schulter ...
„Na ... gottlob!“ sagte der Geheimrat.
Es erschien Emmich Hochhagen unbegreiflich, daß der Geheimrat gänzlich unverändert war: das kluge, bartlose Gesicht lächelte — freudig — weich — was ihm drollig stand — denn so ein Fünkchen Selbstironisierung war meist dabei, wenn er weich wurde ... Und das war er in diesem Augenblick. Sein zärtliches Vaterherz ahnte, daß das bräutliche Glück seiner Tochter schon aus den Fugen war — die schwermütige Unruhe ihrer Stimmung hatte sich seit dem Eintreffen von Emmichs kühler Depesche zu einer Nervosität gesteigert, wie sie die Eltern an ihrem Kind nicht für möglich gehalten hatten. Ihnen selbst war die Fassung der Depesche nicht ganz geheuer. Aber sie wollten das Vertrauen ihrer Tochter nicht erzwingen und gestanden es sich nur untereinander: zwischen Renate und Emmich war nicht alles in Ordnung, und vielleicht kam er gar nicht als Renatens Verlobter her, sondern nur in Erfüllung der Freundespflicht gegen den fernen Kameraden.
Aber er war da! Das war nun erst einmal die Hauptsache!
Der Geheimrat als erfahrener Mann hoffte immer ... Bloß die Jugend verzweifelt, pflegte er zu sagen.
So klopfte er denn nochmals wohlgefällig, wie um die Tatsache seiner Ankunft zu loben, Emmich auf die Schulter.
„Wie steht es?“ fragte der hastig.
„Nicht gut.“
„Ist noch Hoffnung?Dumußt es doch wissen!“
„Ach lieber Emmich — wie überschätzest du unser bißchen Weisheit! Die beiden tüchtigen Ärzte, der gutwillige, aber nicht ganz angenehme Doktor von hier und der Professor Lequint, den Herr von Gamberg aus Lausanne hat kommen lassen, die hoffen immer noch. Ich will dir was anvertrauen: es gehört das ein bißchen zum Metier ... Mut geben ... die Angehörigen instand halten ... sich selbst suggerieren: es kann noch werden — weil doch nun mal jeder Mensch lieber in Zuversicht als in Entmutigung handeln mag ... Vielleicht ist auch so ’ne Art Sportgefühl dabei: man will denn doch durchaus nicht den Tod Erster werden lassen ... Wenn er es sich aber mal vorgesetzt hat ... Na, genug. — — Bauen wir auf ein Wunder. Welche Redensart, wie du bemerkst, ein Sideroxylon, das heißt ein innerer Widerspruch, ist ...“
Emmich hörte wohl: der Geheimrat glaubte an keinen guten Ausgang.
Nun saßen sie zusammen im Wagen. Der Geheimrat seinerseits fand den Kapitän sehr verändert. Nicht nur braun von der Seesonne. Auch hager fand er ihn, und einen scharfen Zug von Unruhe hatte er im Gesicht. Und noch nicht einmal sah er seinem Schwiegervater gerade und freudig in die Augen. Auch fragte er nicht nach Renate ... Und Freundestreue in Ehren: aber dies wäre doch das natürlichste gewesen! Erst die Braut! Dann Glück und Leid der übrigen Menschheit.
Gervasius dachte: „Dies bleibt abzuwarten.“
Und saß, die Hände auf dem Stockknopf zwischen den Knien, äußerst unbefangen da, während er in der Tat Miene und Ton des anderen gespannt beobachtete.
„Seit wann ist Herr von Gamberg hier?“ fragte Emmich.
„Der Legationsrat? Den trafen wir in Evian — ich las ihn im Gedränge auf — überraschte die Damen mit ihm ... Ich glaube, ich war es, der ihn überredete, sich uns anzuschließen. Er wollte, so viel ich weiß, nur zwei Tage hier bleiben. Gerade da erkrankte das Kind. Er ist dann geblieben, und in all seiner gemessenen Art zeigt er viel Teilnahme — das heißt weniger in Worten als durch die Tat ... hat den Professor gerufen — sorgt für alles ... ich muß sagen: ich mag ihn leiden. Er weiß viel. Und dann: so unauffällige Leute mit sehr viel Takt — die tun direkt wohl.“
Ob das alles so sich entwickelt hatte, wie der Geheimrat es sah? War alles klug angeordnet? Nach versteckten Verabredungen? Um, ohne den Klatsch der Welt zu erwecken, doch an dieser schönen Stätte zusammen sein zu können? Waren Gervasius’ nichts wie Statisten in einer wohlberechneten Szene? Brutal gesagt: die Elefanten?
Jedenfalls konnte Hochhagen aus dem beifälligen Bericht des Geheimrats entnehmen, daß das Betragen der beiden Menschen, die er in geheimer Leidenschaft zueinander verstrickt glaubte, äußerlich ein einwandfreies gewesen sein mußte.
Ja, ungreifbar — nur drohende Schatten. — Wie sollte man da als Freund für den lieben Kameraden in der Ferne eintreten?
„Das Kind darf nicht sterben!“ sagte er schroff.
„Darf nicht! Ach du lieber Gott! Wenn wir was zu erlauben hätten ...“
„Ich muß dir anvertrauen — halte mich nicht für indiskret — ichmußes sagen: rette das Kind — die Ehe der Eltern geht sonst in die Brüche!“
Der Geheimrat faßte den Arm des anderen: „Ruhe, mein Lieber, Ruhe! Wie naiv werden doch alle Menschen, wenn der Tod in Sicht ist! Als könnte man mit ihm handeln! Als gäbe es für ihn Gründe. Die Ehe der Eltern geht hier den Arzt nichts an — um das Leben an sich wird gekämpft — ich will dir sagen: wenn der Tod hinter der Tür steht, gibt es nurdas Leben an sich, das verteidigt wird nach besten Kräften. Was Nebenumstände? Was Vergangenheit? Was Zukunft? Um ihretwillen wär’s manchmal besser, man fiele dem Tod nicht in die Arme. Aber das steht nie zur Frage. Immer nur: das Leben an sich! Es ist immer beinahe, als symbolisiere sich in dem einen Leben, das zu Ende gehen will, die Wichtigkeit alles Lebendigen. Ach, so oft man’s auch mitgemacht hat: dagegen härtet man nie ab.“
Er schwieg.
Und Emmich sagte noch, zäh seinen heißen Wunsch verteidigend: „Ja, es muß leben. Es wird auch — es wäre so grausam.“
Nach einer Weile fragte der Geheimrat: „Ich glaube aber, die Pension ist voll?“
„So? Ich habe gestern depeschiert, gebeten, Zimmer zu reservieren, Antwort konnte ich ja nicht erbitten.“
„Weiß Jutta, daß du kommst?“
„Habt ihr es ihr nicht gesagt?“ fragte er zurück.
„Wir fanden deine Depesche, als wir gestern abend von unserem Besuch bei ihr zurückkamen. Nach einer kleinen Meinungsverschiedenheit zwischen meiner Frau und mir kamen wir doch überein, ihr nicht zu telephonieren.“
Plötzlich waren sie ganz verlegen voreinander.
Sie fühlten: nun mußte doch irgend etwas gesagt werden ...
Wie um das gerade zu verhüten, fragte Emmich hastig: „Diese Sache stört euch doch wohl die Ferien? Der Verkehr zwischen dem Hotel da oben und der Pension kann ja nicht kurzerhand abgemacht werden?“
„Das anlangend: wir haben ja Zeit. Und irgendeine Partie machen wir doch alle Tage — nun steigen wir zu Fuß eben täglich herab und fahren zum Diner wieder hinauf. Das ergab sich höchst einfach.“
„Es tut mir aber doch sehr leid — eigentlich kam es ja durch mich ...“
„Nun irgendwie müssen Menschen zueinander kommen — der Mittelsmann braucht nicht betroffen zu sein, wenn was nicht glatt geht ...“
„Ich bin begierig ...“ dachte der Geheimrat; „endlichmußer doch mal nach ihr fragen ...“
Aber Emmich fragte nicht. Eine unbegreifliche und unerträgliche Befangenheit machte ihn unfrei. Nicht um die Welt hätte er Renatens Namen aussprechen können.
Er fühlte deutlich, daß ihr Vater voll Spannung darauf wartete. Wie erstaunlich mußte ihm dies Schweigen sein. Der Wagen fuhr langsam, kopfnickend zogen ihn die Pferde bergan. Zwischen den Tannen war ein grünes, kühles Licht, aber nicht die Abgeschlossenheit der Waldeseinsamkeit. Denn durch jede Lücke sah man das blasse Blau der Fernsicht.
Eine unnatürliche Situation lange zu ertragen, ging wider den Verstand des Geheimrats.
Die feine, weiße Operateurshand legte sich auf die braune Faust, die Emmich auf sein Knie gestemmt hielt.
„Ich habe eine Tochter, sie heißt Renate,“ sprach er lächelnd.
Emmich zuckte ein wenig — beherrschte sich und sagte leise, erbittert: „Und ich leide um ihretwillen ...“
Ganz sanft wie eine Frau, so vorsichtig und liebevoll fragte der Geheimrat: „Darf denn der alte Papa nicht wissen, wie das möglich ist?“
Emmich antwortete nicht gleich. Da fuhr der ältere Mann fort: „Fast seit wir hier sind, ist das Kind verändert. Nur ganz vereinzelt hat es noch sein liebes, sonniges, sorgloses Gesicht — mit all der Weichheit darin, die mich immer so gerührt hat. — Und meine Frau und ich, wir fangen an uns zu fragen: was ist denn das für eine Liebe, die so schnell aufhörte zu strahlen.“
„Das ist es ja, was ich mich auch frage,“ sagte Emmich, in großer Erregung aufwallend.
Emmich sah: die Eltern waren nicht blind — hatten auch schon ihre Beobachtungen gemacht. Er konnte — er mußte offen sein.
Auch war eine merkwürdige Erleichterung dabei ... als lüde er nun einfach dem Vater seine Last auf, der der Nächste dazu war, sie mit zu tragen — als schone er Renate, wenn er seine Sorge nicht in grausamer Deutlichkeit zuerst ihr, wenn er sie vorher dem Vater gegenüber darlegte.
„Vielleicht versteht ihr euch brieflich nicht,“ meinte der Geheimrat. „Ich hab’ es schon erlebt: Menschen, die sich Aug’ in Auge gut begriffen, schrieben sich einfach auseinander! Feder und Tinte sind oft voll geheimer Fährlichkeiten. Hier ist ein erfahrener, gereifter Mann, der schreibt. Da ist ein junges Mädchen, das noch nicht den fast unbegreiflichen Wertunterschied zwischen gesprochenen und geschriebenen Worten erkannt hat. Was meinst du, Emmich? Kann das so etwas zwischen euch sein?“
„Nein, Papa. Es ist mehr. Leider viel mehr. Kein Stilunterschied, wenn du so willst — ein Unterschied in der Liebe, im gegenseitigen Verstehen.“
„Du meinst, daß Renate ...“ er mochte kaum vollenden — sah ja zweifellos: es sollte seine Tochter sein, die weniger liebte ... Er konnte es nicht begreifen.
„Ja, Papa. Ich kann mich keiner Täuschung mehr darüber hingeben: Renate fürchtet sich vor der Ehe mit mir.“
„Das ist unmöglich!“ sagte der Geheimrat festen Tones. So wankelmütig konnte seine Tochter nicht sein, das hätte doch allem widersprochen, was er seit ihrer frühesten Kindheit von ihr erwartete.
„Ja. Man hat ihren Glauben an Glück, an die Zuverlässigkeit ihrer eigenen Liebe, an die Möglichkeit einer befriedigenden Zukunft zerstört. Vergiftet hat man sie. Nicht mit Vorsatz und nicht aus bösem Willen — so wenig wie ein Kranker den Gesunden, der um ihn ist, mit Absicht ansteckt ... aber er steckt ihn eben doch oft an ...“
„Du meinst, daß Jutta Falckenrott ...“ fragte der Geheimrat.
„Das meine ich, daß die unselige Frau aus ihrem zerrissenen Gemüt, ihrem ganzen unbefriedigten Temperament heraus schädlich auf Renate eingewirkt hat. Alle innere, freudige Sicherheit hat sie ihr genommen. Wenn ich schon etwas bereute, ist es dies: sie zusammengeführt zu haben. Ich sehe freilich nicht, wie ich es hätte verhüten können, ohne den fernen Freund unheilbar zu kränken, ohne ein peinliches Aufsehen zu erregen.“
„Daß die Frau leidet, haben wir ja immer gesehen. Aber du meinst, in solchem Grade? ... So aller Selbstbeherrschung bar, daß ihr die junge Glückseligkeit einer Braut nicht Respekt einflößte?“
„Vielleicht,“ sprach Emmich erbittert, „vielleicht hat sie gar geglaubt, als Weib von Erfahrung die Unerfahrene warnen, retten zu müssen — was weiß ich, wie weit Frauen untereinander in ihren Gesprächen und Geständnissen gehen.“
„Mein altes Vorurteil gegen Frauenfreundschaft!“ dachte der Geheimrat.
„Seit langer Zeit bin ich in schweren Sorgen um die Ehe meines Freundes. Dir, nur dir und in der ernsten Lage, in der ich selbst mich befinde, sei es anvertraut: Ich fürchte, daß in der Seele dieser Frau, die in der Einsamkeit ganz mutlos geworden war, Liebe zu einem anderen Mann entstand. Aus deinem Telegramm sah ich zu meinem Schrecken, daß er hier ist. Und deshalb, nur deshalb reiste ich sofort.“
„Gamberg?!“ rief der Geheimrat so völlig überrascht, daß diese Überraschung eigentlich wie ein Zeugnis war ...
Emmich nickte ...
„Wieder sag’ ich: unmöglich! Aber nicht ein Blick — nicht ein Ton verriet, daß ... Selbst jetzt, wo du’s sagst ... wenn ich kritisch zurückdenke ... Nichts. Du irrst! Oder, wenn du nicht irrst, ist das so tief verborgen, so ganz unter der Oberfläche, daß man nur auf raffinierteste schuldvolle Beherrschung oder — schwersten Ernst schließen dürfte ...“
„Gewiß das letztere — ganz gewiß!“ sagte Emmich mit starkem Ausdruck. „Du wirst mir glauben: wenn ich Jutta nur von fern eines leichtsinnigen Abenteuers für fähig hielte, hätte ich den fernen Freund und meinen ganzen Kieler Kreis, ohne zu zögern, brüskiert und sie von Renate ferngehalten ... Aber so! Wie sollte ich — wie konnte ich. Und nun, da ich dem Freund treu mein Versprechen hielt, seiner Frau ein Bruder zu sein suchte, nun ist mir dadurch mein eigenes Glück zerstört worden.“
„Aber lieber Emmich — ich kenne doch meine Tochter — die ist von geradem Wuchs — man kann wohl mal versuchen, sie zu verbiegen — aber das richtet sich fest und stark wieder auf — ihr werdet euch aussprechen! Ihr werdet euch wieder verstehen.“
Aber indem er das mit möglichst zuversichtlichem Ton sprach, fiel ihm schwer ins Gedächtnis, was er seiner Frau gesagt hatte: Hat Renate nicht die Kraft zu dem, was von ihr verlangt wird, so ist es besser, sie tritt beizeiten zurück ...
„Ich fürchte, ich verstehe sie nur zu gut. Sieh mal, Papa — und deshalb — damit du siehst, wie tief das liegt, deshalb sag’ ich dir das von Jutta ... Du wirst es mir nachfühlen: ich kann nicht ertragen, zu denken, Renate ist vielleicht ähnlich veranlagt, könnte, im Fall einer langen Trennung, in die gleichen Leiden und Versuchungen geraten. Das ist eine furchtbare Vorstellung. Macht mich halb verrückt, kann ich dir sagen ... Ich muß begreifen: dann ist es für sie und für mich besser, wir gehen jetzt auseinander. Ich will lieber ein einsamer Mann bleiben, als eine Frau haben, der ich nicht blind vertrauen kann. Ich will ein Mann bleiben, ein ganzer Kerl — ich liebe meinen Beruf über alles in der Welt — ich liebe auch meine Braut über alles in der Welt — entsteht da ein Zwiespalt — mein Gott, er ist ja schon da! Nun, dann muß eben das Herz bluten und verzichten! Dem Beruf hab’ ich mich angelobt mit Ehre und Eid. Ihm untreu zu werden um einer Liebe willen ... was wär’ das, wenn ein deutscher Offizier das könnte ...“
Er schwieg ein paar Augenblicke, von Bewegung übermannt.
Ganz heiß war ihm die Stimme in der Kehle.
Aber fest mußte er bleiben — ganz fest!
„Und — ja — ich muß es dir sagen — es will kaum heraus — und ich wäre nicht gekommen. Und ich hätte Renate geschrieben: hier ist mein Wort zurück. Deine Depesche zwang mich her — ich sah, ich habe hier vielleicht an meines fernen Kameraden Stelle zu stehen — ihm schulde ich Treue ... Und so kam ich ... Aber es ist vielleicht besser, wir sehen uns nie mehr — sie und ich.“
Mit mannhaft ruhigem Druck umfaßte die zarte Hand wieder die starke, braune.
Und sehr liebevoll, fast als spräche er zu einem ganz jungen Menschen, sagte der Geheimrat: „Wir wollen uns besinnen — lieber Emmich, wir wollen uns besinnen. Mit so raschen Worten entscheidet man nicht über Schicksale ...“
In diesem Augenblick hielt der Wagen vor dem zwischen Eisenstäbe gespannten Netzgitter der Pension.