XI

XI

Die plumpen und lauten Dinge, die Emmich in nervösem Unbehagen gefürchtet hatte, warteten schon auf ihn, als er ins Haus zurücktrat.

Da war Madame, mehr vorwurfsvoll und umwölkt als verbindlich, aber doch immerhin mit der teilnehmenden Note im Wesen, die man Leuten schuldig ist, die man für sehr zahlungsfähig hält. Sie tat, als wenn ihre ganze Pension dem Zusammenbruch entgegengeführt werde, falls das tote Kind nicht sofort aus dem Haus gebracht werde. Es zeigte sich auch, daß sie schon die entsprechenden telephonischen Anordnungen gegeben hatte, daß der Arzt unterwegs sei, und daß Beamte jenes düsteren Geschäftsbetriebes, der hier in Frage kam, noch vor zehn Uhr zur Stelle sein würden. Wenn die Pensionäre schlafen gegangen — und dies pflegten sie frühzeitig zu tun — sollte der traurige kleine Transport bewerkstelligt werden.

Emmich hatte Flüstergespräche mit der sommersprossigen Martha, die immer von neuem weinte und deshalb kein praktischer Beistand war. Es schien, als habe sie teils ein allgemeines Grauen, teils wirklichen Kummer und dabei vielleicht auch die undeutliche Empfindung, daß sie der Situation Untröstlichkeit schuldig sei.

Der Arzt kam, und Emmich hörte vielerlei von ortspolizeilichen Vorschriften.

Mit ihm zusammen beschloß er, daß man das Kind leise, ohne Vorwissen der jungen Mutter, fortschaffen müsse.

Jutta lag, körperlich von äußerster Schwäche gebändigt, ganz still — in einem Mittelzustand von Ohnmacht und Schlummer.

Einmal trat Emmich an ihr Bett — er sah: man konnte nicht zu ihr sprechen.

Es mußte gehandelt werden ohne ihre Zustimmung.

Das war alles nicht leicht ... bevormundend in die Tragik eines anderen Lebens einzutreten ...

Herbert von Gamberg fiel ihm ein ...

„Wäre ich nicht zur Stelle, hätte der Mann alles in die Hand genommen,“ dachte er. Und diese Vorstellung erleichterte ihm etwas die schweren Stunden.

Was die Zukunft auch bringen mochte: Maltes Kind sollte nicht von Maltes Todfeind begraben werden ...

Mitten in all dem traurigen Hasten erzählte Martha ihm einmal, daß Herr von Gamberg wieder habe nachfragen lassen, und daß der Diener den Bescheid vom erfolgten Ableben des Kindes mitbekommen habe. Man sah: es war ihr wichtig. Es hatte ihr auch wohlgetan, sich mit dem Diener, der vielleicht ihr guter Freund war, auszusprechen.

„Also nun weiß er es,“ dachte Emmich, „kann sein, daß es ihm leid tut — natürlich, einer Frau, die man liebt, der möchte man Gram erspart sehen — möglich auch, daß dieser Tod so mancherlei Zukunftssorgen auslöscht, noch eh’ sie deutlich wurden — es war immer Maltes Kind — erinnerte an ihn — hielt sein Gedächtnis, seinen Namen im Leben der Frau ganz gegenwärtig ... kann schon sein, daß ein heimlicher kleiner Erleichterungsseufzer sich in die Kondolenz mischt — wäre menschlich.“

Bald nach zehn Uhr fuhren, im vorausgleitenden Licht, das in Strahlenkegeln aus den Laternen am Bock kam, zwei geschlossene Wagen durch die Hochsommernacht. Der Wald stand als Finsternis am Weg. Rasch bergab ging die Fahrt.

Aus dem Schweigen des Waldes führte sie in das hellerleuchtete Schweigen einer schon schlafenden Stadt. Vor einem Tor mit strengen Pfeilern hielten endlich die Wagen. Alles war schattenhaft. Das Dunkel einer Kapelle tat sich auf. Lichter, die einsam wirkten und wie verloren in dem schwarzen Grund, blinkten und bewegten sich. Männer tauchten auf und verschwanden in der Tiefe. Dann schlossen sich Türen. Ein heller, klingender Ton, der Schlag von Eisen gegen Eisen, zitterte kurz auf.

Und Emmich hatte seine Pflicht getan. Nun blieb nur noch die letzte: morgen nachmittag den kleinen Sarg aus der Kapelle zu geleiten und in die Erde betten zu lassen.

Er fuhr zurück. Es war gegen ein Uhr in der Nacht, als er in der Pension eintraf. Das Haus war wie versunken in schonungsvolle Stille. Nur eine Lampe erhellte karg Korridor und Treppe.

Ratlos stand er vor den Türen der unseligsten Frau.

Hatte man drinnen seinen leisen Schritt, sein tastendes Anhalten gehört.

Martha öffnete eine Tür und winkte ihm.

Befangen trat er ein — von der aufwallenden Furcht benommen, einem leidenschaftlichen Ausbruch standhalten zu müssen.

Aber seine Befangenheit wuchs und wurde zur Erschütterung, weil er ein Unbegreifliches fand.

Die junge Frau ruhte, halb aufrecht, in einem Stuhl, am offenen Fenster. Ihre Arme, in ganz gleichmäßiger Haltung, lagen auf den Lehnen.

Sie sah aus wie eine, die zu schwach ist, nur die Hand zu heben, zu sprechen, zu denken — so — als seien alle ihre Kräfte plötzlich und ganz erloschen.

Und dennoch hob sie ihre Hand, mit einer schweren, mühevollen Bewegung — — als er vor ihr stand ...

Er beugte sich tief. Er schluckte hinunter, was ihm in der Kehle hochquoll.

Und küßte voll Ehrfurcht vor der Majestät des Leides ihre Hand ...

„Dank ...“ sprach sie leise ...

Sie sah ihn an ...

Lange und tief ... Er verstand nicht, was dieser Blick voll Ernst und Gram ihm sagen sollte ...

Ihm war, als täte sich eine Welt von Elend vor ihm auf ...

„Dank,“ flüsterte sie noch einmal und legte sich, die Augen schließend, wieder zurück. —

Nachher, als er endlich zu Bett gehen konnte und eine ganz merkwürdige, vollkommene Stille und Nacht ihn gleichsam umwuchs, so daß er sich ganz wie verborgen darin vorkam — nachher sah sein Gedächtnis noch immer in diesen unbegreiflichen Blick hinein ... Und er suchte danach: was wollte er mir sagen? — — Er fand keine Deutung. — So quälte ihn dieser Blick, daß er sich zuletzt einbildete, ein Vorwurf habe darin gestanden.

Wofür? Sie hatte es seltsam gefaßt hingenommen, daß das Kind schon fortgebracht sei, berichtete ihm Martha, die es ihr gesagt, als sie aus ihrem Dämmerzustand zum vollen Bewußtsein gekommen war.

Also nein, ein Vorwurf nicht. Sie flüsterte ihm doch auch zweimal „danke“ zu ...

Eine Frage? Vielleicht die Frage: Du willst mich richten?

O Gott, nein — er wollte nicht richten. Man schlägt nicht noch auf Seelen ein, die schon zerbrochen am Boden liegen.

Aber was war denn seine kalte Heftigkeit gegen Renate anderes gewesen als Richterhochmut und selbstsüchtige Furcht?!

Mit einem Male vernahm er ganz deutlich, was er in der Dunkelheit des Gartens mit zornigem Vorsatz überhört hatte: Renatens Weinen.

All sein männlicher Hochmut schmolz dahin. Verwandelte sich in ein Mitleid, das ihn ganz weich machte.

Sein liebes Mädchen hatte geweint! Und er ließ sie ungetröstet.

Anstatt sie herzlich und ernst an sich zu ziehen und ihr zu sagen: sieh, laß uns von diesem allem lernen — laß uns begreifen, daß es in der Liebe keinen festen Besitz gibt, daß man sie jeden Tag und jede Stunde voll Wachsamkeit beschützen muß. Nicht gegen die Versuchungen, die von draußen kommen, sondern viel mehr und viel ängstlicher gegen unsere eigenen Schwächen.

Anstatt so zu ihr zu sprechen, wie er als der Reifere hätte tun müssen, ließ er sie weinen.

Gefiel sich förmlich in Härte.

Bis sie mit einem stillen „Lebe wohl!“ von dannen ging, hinein in die Dunkelheit.

Dies Lebewohl ängstigte ihn mit einem Male schwer. Er legte allerlei Klänge hinein: den des Schmerzes, der Bitterkeit, des tief verletzten Stolzes. — Es kam ihm plötzlich nachträglich so vor, als sei der Vater in stummem Zorn mit seiner Tochter davongegangen ...

Ja, dies Lebewohl war ein Abschied gewesen.

Einem so heftigen, ungerechten Menschen wollte dieser milde, liebe, erfahrene Vater ganz gewiß sein Kind nicht geben.

Wenn es nur erst Tag werden wollte, damit er zu ihr eilen könne ...

Aber als es Tag war, kamen andere Pflichten.

Gerade saß er bei seinem Morgentee und hatte gewissermaßen eine stille Beratung mit seiner Uhr. Mit ihrer Kette und all ihren kleinen Geräteanhängseln lag sie auf dem Tisch neben der Tasse und gab ihm die Auskunft, daß es erst sieben sei.

Er konnte auch nicht von hier fortgehen, ehe er nach Jutta gesehen hatte. Das verstand sich von selbst.

Da klopfte es, und Martha kam herein. Sie war aufgeregt.

„Herr Kapitän — Herr Kapitän ...“ Sie weinte.

„Liebes Kind,“ sagte er in einem Gemisch von Wohlwollen und Ungeduld, „weinen Sie weniger, fassen Sie sich mehr. Dann machen Sie sich noch verdienter.“

„Aber ich ängstige mich doch so.“

Ja, um ihre Herrin ängstigte sie sich. Die benahm sich wunderlich ...

Und ihr Gebaren hatte Martha auf den schrecklichsten Gedanken, die tollste Furcht gebracht.

Seit es Tag war, kramte sie zwischen allen Sachen herum — ordnete dies und das — Und sagte nicht, was es für einen Sinn habe ... Und antwortete nicht auf Fragen.

Nur einmal hatte sie gesagt: „Du mußt nun allein in die Heimat zurückreisen, Martha — ich — ich gehe anderswohin — weit fort ...“

„Weit fort ... dahin, von wo man niemals wiederkehrt,“ dachte Martha.

Er spürte es wohl —

Aber er faßte es anders auf.

Weit fort ...

Hin zu dem anderen Mann, der sie liebte? Und mit ihm in die Welt hinaus oder lebensscheu in die Verborgenheit hinein?

Konnte das möglich sein? So unmittelbar von dem Grabe ihres Kindes fort?

Der Gedanke war ihm so hart, daß er fast wünschte, die Auffassung dieser treuen, ergebenen Dienerin möchte die richtige sein.

Wär’s nicht milder, dem fernen Mann zu sagen: Dein Weib wollte ihr Kind nicht überleben, sie beging eine Tat des Wahnsinns — als sagen zu müssen: Dein Weib lief sofort mit einem anderen davon, sie beging eine Tat der Unwürde.

„Wir wollen gut aufpassen,“ sagte er nur.

Das war ein übles Amt, und es machte die Stunden nicht kurzweilig, daß er es vor sich und vor der Frau zu verstecken trachtete, wie er hier eigentlich als Spion und Wächter sich herumschlug.

Er sah Jutta nur auf wenige Minuten, um ihr zu sagen, daß er mit ihr am Nachmittag zum Kirchhof fahren werde.

Wieder machte ihn ihre Haltung und ihr Aussehen ängstlich und betroffen.

Eine fast erhabene Ruhe lag über ihrem Wesen. Es war das eines Menschen, für den es Zweifel und Kämpfe nicht mehr gibt.

Zu welcher Gewißheit mochte ihr Leid sie getragen haben?

Und hat schon jemals Wachsamkeit eine verzweifelnde Seele von einer schlimmen Tat zurückhalten können? War er dazu imstande?

Er ging in den Garten, der ja eigentlich nur eine beschränkte Terrasse war, darauf Tische und Stühle standen, und die ein aus Tannenästen gefügtes Geländer gegen den Abhang schützte, aus dem Wipfel an Wipfel sich emporreckten.

Der Tag half nicht seine gequälte Stimmung klären. Wie eingesperrt kam Emmich sich vor, an diesen kleinen Platz gebunden, den kein Windhauch erreichte. Von dem hinaus man in die weite, besonnte Welt sah. Es war sehr heiß. Früh schon flimmerten Luftwellen über dem See. Der Himmel hatte eine fast stechende Bläue.

Emmich sehnte sich bald recht von Herzen nach dem klugen Gesicht des Geheimrats, in dem auch während des tiefsten Ernstes stets ein Lächeln zu warten schien. Aber dies Gesicht, das einen immer wie von selbst zur Frische und zum Mut ermahnte, zeigte sich nicht. Und plötzlich dachte Emmich, es habe ein stolzer und kalter Zurückzug darin gelegen, wie der Geheimrat gestern abend sagte: „Du benachrichtigst mich wohl, wenn ich hier noch gebraucht werde.“

Dies — nachdem er ein paar Stunden vorher extra sich in der Nähe angesiedelt hatte, um zum Beistand bereit zu sein. Natürlich war es ein Rückzug gewesen! Und wie denn auch nicht? ...

„Er sah, daß ich seine Tochter weinen ließ ...“

Und mit einem Male saß Emmich vor einem Briefbogen und schrieb mit dahinrasender Feder:

„Geliebte! Ich kann nicht zu Dir eilen und flehen: verzeih, daß ich Dich weinen ließ. Denn ich muß hier wachsam sein. Ich mußte gestern abend nicht heftig werden. Ich mußte sagen: Laß uns an dem Beispiel der Schwäche und des Leides lernen, daß wir stark und glücklich werden! Bin ich denn noch — ja, immer und ewig bin ich

Dein Emmich.“

Es fand sich zum Glück ein Bote in der Pension, der die größte Schnellfüßigkeit versprach ...

Nun ertrugen sich die Stunden schon leichter.

Er dachte: sie wird ja nicht unerbittlich sein — Und er lächelte manchmal glücklich in sich hinein.

Weil seine Stimmung sich verändert hatte, war er plötzlich wieder von Vertrauen zu ihr erfüllt. — Das Unlogische hiervon wollte sich ihm manchmal aufdrängen. Aber er fühlte, sich entschuldigend: ... in der Liebe! Wer hat schon von ihr Logik gefordert? —

Auch die Begegnung wurde ihm erspart, der er voll Unbehagen entgegensah: der Legationsrat von Gamberg zeigte sich nicht.

Und dann kam endlich der Augenblick, wo er die junge Mutter geleiten mußte, damit sie ihr kleines Kind in das allerletzte Lager betten sähe ...

Ihm schien, als werde sie von Erschütterung ergriffen, als er eintrat — sie schwankte — hielt sich an der nächsten Stuhllehne und faßte sich gewaltsam ...

Erinnerte er sie an den fernen Gatten? Deutlicher als je vielleicht? Weil er, der feierlichen Stunde die Ehre gebend, seine Uniform angelegt hatte ... Den Rock, den auch der Vater des Kindes trug? War es das? ... Aber sie schien sich rasch zu beherrschen.

In aufrechter Haltung ging sie an den Wagen.

Von schwarzen Schleiern ganz umhüllt, in Schweigen, das ihm unnatürlich und bedrohlich schien, saß sie neben ihm. Und doch war es vielleicht nur ein gefaßtes, sanftes Schweigen völligster Ergebung.

Er wagte nicht mit einem Wort der Frage oder des Trostes daran zu rühren.

Ihm fiel wunderlich deutlich ein, was sein Schwiegervater gestern abend gesagt: „Solches Leid verwischt sich und vergißt sich, wenn neues, blühendes Leben ins Haus kommt.“ — Ja, der sprach aus der Erfahrung einerglücklichen Eheheraus ...

Was für eine Zukunft wollte diese Frau sich aufbauen? Oder dachte sie an keine mehr? ...

Und so, in Schweigen, kamen sie an die Pforte mit den strengen Pfeilern ...

Sie betraten den Kirchhof — jenen wunderbaren Platz aller Melancholien und aller Entzückungen, aller Leiden und allen Trostes.

Die junge Frau, am Arm Emmichs gehend, hielt im Schreiten inne ... Sie sah sich um — sah hinaus — langsam ging ihr Blick von der Ferne zur Nähe ... verweilte wie erstaunt auf dem weißen Marmorbildnis der tragischen Königin, das aus Blumenüppigkeiten unterhalb des Friedhofs sich erhob — ein steinernes Mal, der Menschheit ein Zeichen, daß auch ein Thron keine Zufluchtsstätte vor den Grausamkeiten des Schicksals gewährt ...

Sie seufzte tief auf ... und schritt langsam und schweigend weiter ... Da war eine kleine Kapelle ... da waren Menschen ... Erkannte sie denn keinen?

Auch den hohen, blassen Mann nicht, der neben Renatens Mutter gestanden hatte und nun herankam und ihre Hand küßte und gleich mit Ehrfurcht wieder zurücktrat? Auch ihn nicht?

Es schien, sie sah nichts, außer dem winzigen Sarg, der eigentlich nur ein Gehäuf von Blumen war, auf einem kleinen, mit schwarzem Tuch bedeckten Postament.

Sie hielt sich immer fest an Emmichs Arm ...

Als sei er ihr der Nächste in diesem schweren Augenblick — als sei der hohe, blasse, ernste Mann ihr ganz fremd. Da war ein Priester ... Er sprach ein tröstliches Gebet. Nicht mehr als das ...

Über ein kleines Kind, das gekommen und gegangen war, ohne vom Leben etwas zu wissen, konnte Menschenweisheit nicht mehr sagen ...

Und dann trug ein Mann den länglichen kleinen Berg von Blumen auf vorsichtigen Armen voran.

Es war ein winziger Zug, der folgte. Die junge Mutter wie ein Schatten nur — neben ihr fest und gerade der Mann im blauen Rock, der die Zähne zusammenbiß und so stark und so deutlich an den fernen Kameraden dachte — als könne er ihn dadurch herbeschwören ...

Durch ferne Wasser rauschte sein Schiff — die Flagge wehte — die Möwen flogen — phantastisch fremdartige Ufer dämmerten am Horizont — stark und voll eherner Ruhe klang das Kommando ... am weißen Bug schwollen die Wogen ... Und hier begräbt man dein Kind — das du nie gesehen — dessen Schrei du nie gehört ...

Seemannslos, mein alter Kamerad — Seemannslos.

Aber wir stehen aufrecht! Ja, das tun wir. Und zerbrechen nicht daran ...

Er drückte den Arm der Frau an sich, so fest, so stark, als könne er sie damit halten, an den fernen Mann ketten.

Als hätte dieser Druck ihr weh getan — so zog sie nun ihren Arm aus dem seinen. Vielleicht wollte sie auch allein, ganz allein an die Stätte treten.

Hinter ihnen gingen Renate und ihre Mutter — in jenen leisen Tränen, wie nur Frauenmitleid und Frauenwissen sie weinen können ...

Und dann die beiden Männer: der kleine Gelehrte mit bekümmerter Miene und der andere — in etwas steifer Haltung, beherrscht und undurchdringlich wie immer ... Wie schnell war die letzte Arbeit für das kleine Kind getan ... Emmich empfand es beinahe als etwas Schauriges. So viel Hoffnung und Vorfreude, so viel geheimnisvolles Werden — all die heiße Not der einsamen Mutterschaft, die die Frau erlitten — all die Bitterkeit und Tränen ...

Und nun: ein paar Hantierungen — noch ein Gebet ... Und im Grunde eines engen und nicht sehr tiefen Loches häuften sich Blumen ... Das war alles.

Scheu trat er zurück ... Ihm war: man muß sie wohl allein lassen. Zu einem letzten Blick.

Vielleicht fühlten die anderen Zeugen ebenso ... eine unschlüssige, zögernde Bewegung ging durch die paar Menschen. Da sah Emmich ganz deutlich, daß Jutta eine Hand erhob — ganz leise nur — als wolle sie sie ausstrecken — in der Geste, die man macht, wenn man jemand halten will. Und er sah auch: das galt dem Mann.

Gervasius’ mußten es auch bemerkt haben. Auch sie zogen sich rasch zurück. Emmich fand sich mit ihnen im Hauptweg zusammen. Sie gingen der Pforte mit den strengen Pfeilern zu, und zur Rechten, über die Rosensträuche des Friedhofs hinweg, sahen sie in das gewaltige Schönheitsbild hinaus.

Emmich wurde sich erst jetzt so recht eigentlich der Nähe der Geliebten bewußt. Er nahm leise ihre Hand.

„Verzeih’ mir,“ sagte er, „ich war so ganz bei einem, der weit von hier ist ...“

„Das habe ich gefühlt,“ sprach sie herzlich.

„Willst du denn noch etwas von mir wissen?“ fragte er halblaut.

„Ach, Emmich ...“

Sie drückten sich sehr fest die Hand. So blieben sie stehen und sahen sich nach den Eltern um, die es verstanden hatten, unauffällig zurückzubleiben.

Nun kamen sie heran, und Emmich litt kurz an jener Verlegenheit, die reife Menschen befällt, wenn sie den Zeugen ihrer Kämpfe in die Augen sehen sollen.

Aber die Eltern verstanden sich auf die Zartheit der Blinden. Emmich küßte seiner Schwiegermutter die Hand.

Es schien, als sei gar nichts gewesen.

„Ja,“ sagte der Geheimrat, „wir müssen wohl auf unsere Freundin warten.“

Und er sah an Emmich vorbei. Sie brauchten sich nicht erst durch einen Blick darüber zu verständigen, daß sie beide voll Unruhe dachten: was spricht sie mit ihm?

Zwei Menschen standen an der winzigen Gruft ...

Die Frau atmete schwer — als hindere noch ein Druck sie am Sprechen. Sie weinte nicht. Sehr bleich war ihr Gesicht im Rahmen schwerer schwarzer Kreppfalten.

Sie sah ihn an, mit einem merkwürdigen starren Blick ...

„Ich habe nicht gewagt, dich aufzusuchen,“ begann er halblaut, „ich hatte das Gefühl, als ob ein Feind dich bewache ... Aber du weißt es: dein Leid ist meines ...“

Er hätte auch nicht gewagt, hier an dieser Stelle zu ihr zu sprechen ... Aber sie hatte die Hand nach ihm ausgestreckt — vor all diesen Zeugen — das bezwang ihn ... Wer hätte Selbstbeherrschung von ihr fordern dürfen, in diesem Augenblick ... Sie streckte die Hand aus nach dem Mann, den sie liebte, der ihr Trost war ...

So nahm er es ... Wie konnte er anders ...

„Ich habe gelitten, daß ich dir nicht beistehen durfte. Aber ich verstand es wohl, daß der andere Rechte zu haben glaubte ...“

„Herbert,“ begann sie —

All dies hatte sie gar nicht gehört. Sie hörte nichts wie das, was sie selbst sagen mußte — was in ihren Gedanken schon mit deutlichen, grausamen Worten stand ... „Herbert ... Herbert — wir — du und ich ... wir werden uns niemals mehr sehen ...“

Er machte eine Bewegung — in jähem Schreck ... Sah sie an ... Ihre Blicke starrten ineinander — wie vor Entsetzen. „Niemals ...“ wiederholte sie leise.

Er trat einen Schritt auf sie zu ... Sie wich zurück — hielt sich mit der Linken an eine aufrechte Marmortafel, die, mit schwarzen Buchstaben bedeckt und von Schatten überfleckt, neben der kleinen Gruft stand.

„Besinn dich,“ sprach er halblaut, „besinn dich — Liebe! Nicht hier — nicht jetzt — solche Worte ...“

„Ja — hier — gerade hier.“ Sie faßte sich.

„Dies Grab steht zwischen uns — für immer —“

„Jutta ...“

Sie streckte ihm die Hand hin.

Er faßte sie hastig — mit seinen beiden Händen — noch voll Unglauben — noch voll verzweifelter Abwehr gegen diese Worte — noch in der Hoffnung, sie beschwören zu können ... Sie sah ihn an — lange und stumm ...

Sie sah die leidenschaftliche Bitte in seinen Augen.

Alles war in ihr erloschen — wie weggeweht. — Und dennoch — dennoch tat es weh, zu sagen: leb’ wohl ...

Sie begriff es nicht mehr, daß sie um seinetwillen gezittert hatte ... Und dennoch — das Wort „niemals“ ist wie Tod ... Sie wußte: es verdirbt sein Leben ...

„Ich kann nicht anders, Herbert,“ sagte sie sehr leise und sehr traurig. Und wieder hingen ihre Blicke ineinander. In einem letzten, schweigenden Kampf ...

Und in einer grausamen, tödlich demütigenden Erkenntnis begriff die Frau es plötzlich: ihm verdanke ich es — seinem Stolz und seiner Ehre, daß wir schuldlos scheiden können ... Sie schluchzte auf.

„Leb’ wohl ... Und Dank ... Und vergib ...“

Sie entzog ihm ihre Hand.

Sie brach zusammen ... Die Hände vor dem Gesicht, beugte sie sich und legte ihre Stirn gegen den kalten Stein — der von einem fremden Leben und anderen längst erloschenen Leiden sprach ...

Sonne und Schatten spielten unruhig über sie hin ...

Noch ein paar Herzschläge lang stand er — wartend — vielleicht — vielleicht betäubt von der Gewißheit: verloren — zum zweitenmal verloren — für immer verloren ... Und dann ging er — rasch — unbeherrscht — Form und Schein und Welt vergessend — ganz benommen von dem Wissen: Verloren ...

So kam er an den Freunden vorüber, ohne sie zu grüßen — ohne sie zu sehen ... Ein fassungsloser Mann ... Emmich sah ihm nach. — Was war das?

„Der sah nicht gut aus!“ dachte der Geheimrat voll Unbehagen ... Und die junge Frau? Was war mit ihr. In erwachender Sorge wollten sie zu ihr zurückeilen. Aber da kam auch sie schon gegangen. Gefaßt und aufrecht ... in einer stillen, sicheren Haltung.

Als sie sah, daß Renate an Emmichs Arm hing, wurde ihr Gesicht sogar ein wenig hell — wie in der Andeutung eines Lächelns ...

Sie umarmte Renate. Es war, als wolle sie sagen: verliert euch nie! Sie wandte sich zu Emmich.

„Lieber Emmich,“ sprach sie mit einer ganz kraftlosen Stimme, deren Klang ergreifend war — denn sie verriet all den Gram, den die gefaßte Haltung verbergen wollte, „für so viele Treue habe ich Ihnen zu danken — wollen Sie mir noch einen Dienst erweisen — einen letzten ...“

In einem Gemisch von Rührung und Spannung, das ihn ganz benahm, versprach er: „Jeden. Natürlich.“

Sie wurde rot. Sie schien sich fast zu fürchten vor dem, was sie sagen wollte — mußte ...

„Helfen Sie mir — daß ich auf das nächste, das rascheste Schiff komme, das mich zu — Malte bringt ...“

„Jutta!“ schrie er jubelnd auf. „Gott segne Sie für dieses Wort.“

Sie sah vor sich hin — sprach leise — zu sich selbst mehr als zu den Freunden: „Sein Kind sollte ich hüten — nun muß ich ihm sagen, daß ich es nicht mehr habe ...“

Nur drei Tage später war es. Auf dem Pier des Norddeutschen Lloyd in Genua stand Emmich mit seiner Braut. Auch Renatens Eltern waren dabei. Sie hatten die Scheidende geleitet, um ihr mit Liebe und Fürsorge wohlzutun bis zu jenem Augenblick, wo sie allein ihren Weg weiterwandern mußte in der schweren Einsamkeit ihres Grams.

Und der Augenblick war da. Die Brücke, die Bord und Pier verbunden hatte, war schon zurückgezogen — nach aufklatschendem Fall lag sie nun auf den Steinen.

Der Pier, der sich als steinerner Arm in den Hafen hinein erstreckte, glich beinahe einer hohlen Gasse, zwischen den ragenden Borden der Schiffe, die hüben und drüben an seinem Doppelkai ankerten.

Da lag der aus Australien heimkehrende „Barbarossa“ und dehnte seinen mächtigen Leib an den Quadern entlang, als wolle er sich ein wenig verschnaufen, ehe er weiter ging. Oben auf seinem Promenadendeck war es leer, nur ein paar Stewards in ihren blauen Jacken und ein Koch mit weißer Mütze standen dort und sahen nach dem befreundeten Schiff hinüber, das nun Anker aufgehen wollte. Mittschiffs war emsiges Leben auf dem „Barbarossa“, da holten lautlos mit ihren beweglichen Tintenfischarmen die Dampfwinden Stückgut aus der Tiefe des Raumes und führten es an Stricken mit leisem Pendeln durch die Luft, um es in die Leichter hinabzulassen, die sich an die Planken drängten.

Am Heck flatterte im frischen Wind die schwarzweißrote Flagge. Und ganz oben, am Hauptmast, strich die Luft das weiße Stück Tuch glatt aus, darauf ein blauer Schlüssel und ein blauer Anker sich kreuzten.

Mit diesem selben Zeichen spielte der fröhliche Wind auch auf dem „Prinzen Heinrich“.

Ein blauer Himmel, den weiße, rasch ziehende Wolken belebten, stand über dem Hafen und seinen aneinander gedrängten Schiffen. Bord klemmte sich fast an Bord, dem flüchtigen Blick schien es unmöglich, Masten und Schornsteine noch in ihrem sicheren Zusammenhang mit den neben- und hintereinander liegenden Rümpfen festzustellen. Es war eine Wirrnis von Linien und Farben. Die Menschenansammlung in der hohlen Gasse des Piers zwischen dem „Barbarossa“ und dem „Prinzen Heinrich“ wartete voll Spannung auf den Augenblick, wo sich dieser in Bewegung setzen, und wie es ihm möglich werden solle, aus dem Gedränge sich herauszuarbeiten.

Renate und Emmich, Arm in Arm, sahen mit erhobenen Gesichtern hinauf zu der schwarzen Frauengestalt, die sich an die Reling des Hauptdecks lehnte. Über ihr auf dem Promenadendeck war ein unruhevolles Treiben. Da standen die Musikstewards bereit, den Augenblick der Abfahrt mit schmetternder Blechfanfare und patriotischen Weisen anzublasen. Da liefen Passagiere umher, die noch nicht sich zu orientieren vermocht hatten. Andere standen und winkten letzte Grüße hinab zu den Menschen auf dem Pier.

Jutta stand allein, denn das Hauptdeck war in diesen Minuten wenig belebt.

Emmich hatte sie dem Kapitän zu seiner besonderen Obhut anvertraut. Er fand in ihm einen Kameraden der Reserve, mit dem er, als sie beide Kapitänleutnants waren, im scharfen Dienst und bei fröhlichen Ausflügen sich famos verstanden hatte. Der joviale und ritterliche Mann würde schon alles tun, Jutta mit Herzlichkeit und Takt die Fahrt angenehm zu machen.

Gut aufgehoben war sie — da gab es keine Sorge ...

Aber die Last, die sie in ihrem Gemüt mit hinübernahm über den Ozean, die konnte ihr eben niemand tragen helfen ...

Sie hatte nicht geweint beim Abschied. Es schien Emmich sogar, als habe sie in der Art, ihr Haupt zu tragen, wieder ein wenig von der alten stolzen Haltung — es war immer so etwas Kühnes und Mutvolles darin gewesen. Und wahrlich, es gehörte Mut dazu, den Weg zu gehen.

„Glaubst du,“ flüsterte Renate, wie sie nun so standen und zu der einsamen Frau hinaufsahen, „glaubst du, daß sie sich wiederfinden?“

„Er ist gerecht und gütig,“ sagte Emmich zuversichtlich, „und sie ist vollkommen wahr — ja, das ist sie — sie wird ihm nichts — nichts verbergen — und sie würde nicht zu ihm gehen, wenn da was wäre, was sie verbergen müßte — dafür kenn’ ich sie denn doch ... Wie sollten sie sich nicht wiederfinden ...“

Renatens Mutter trat heran. Sie war fraulich und mütterlich sehr besorgt: eine so schöne, junge Frau und so allein und mit dem Kummer ... Und dann: wenn sie ihren Mann nun gar nicht mehr in Hongkong fände.

„Dann findet sie ihn anderswo ... Du glaubst nicht, Mama, wie klein die Erde ist ... ich hab’s ihm heute früh depeschiert — daß sie zu ihm kommt ...“

„Ach und wenn sie ihn findet — ob es wohl zu ihrem Glück ist? Du sagtest einmal: sie hat eine wandernde Seele — eine, die mit Sehnsucht vergiftet ist — eine von denen, für die es keine Erfüllung gibt.“

„Freilich hab’ ich das gesagt,“ gab der Geheimrat zu, „aber da hatte sie all das Schwere noch nicht erlitten — und und es gibt Seelen, die erst durch einige Narben zu rechter Festigkeit kommen — die erst im Schmerz lernen, was für ein Gut die Freude ist ...“

Er unterbrach sich. Ein heulender Ton — dreimal hintereinander — schnitt ihm und allen das Wort ab.

Und alle horchten diesen dunkeln Wehlauten nach. Sie hatten etwas Menschliches — trotz der mißtönigen Kraft ihres Schalles. Abschied, schrieen sie, Abschied.

Zugleich rührte sich das Schiff — ganz behutsam. —

Vorn, neben seinem Bug, hatte sich der grüne, plumpe, kleine Lotsendampfer angeseilt ... Der führte nun wie eine dicke, kleine, sorgliche Mutter den großen Adoptivsohn durch das Gewühl ...

Und oben vom Promenadendeck schwollen kräftige, metallische Töne, kriegerisch in ihrer Klangfarbe, ruhevoll in ihrem Rhythmus.

„Deutschland, Deutschland über alles ...“ Tücher wehten — flatternde Grüße — zum letzten Lebewohl ...

Die einsame Frau stand unbeweglich. Aber es war ihnen, die ihr mit nassen Augen nachsahen — als grüße ein letzter Blick der Liebe und der Dankbarkeit sie ...

Langsam glitt das Schiff weiter ... Das grüne Wasser des Hafens spielte an seinen weißen Planken entlang ...

Schwächer wurde der zitternde Klang der Blechmusik — man konnte die Melodie nicht mehr erkennen.

Und doch lag sie Emmich noch als Nachhall im Ohr.

„Deutschland — Deutschland über alles.“

Er dachte: „Sie hört es auch!“

Und das gab ihm gute Zuversicht, daß es zu ihr sprechen und ihr helfen werde — daß sie tapfer ihren Weg zurücklegen und ihren Gatten in Wahrheit wiederfinden werde. Er drückte den Arm seiner Braut fester an sich. „Komm.“

Der Geheimrat, um sich über seine Rührung fortzusetzen, hakte seine Frau ein und sagte: „Es wird mir klar — in unserer Ehe ist es zu prosaisch hergegangen. Wie denkst du darüber? Soll ich mal versuchen, ihr etwas romantischen Anreiz zu geben? Gelegenheit ließe sich ja am Ende ...“

„Ich bin durchaus zufrieden im Prosaischen,“ sagte sie lachend. Und dachte: „Na gottlob — sein Humor ist wieder da.“

Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung NachfolgerStuttgart und Berlin

Geh. = Geheftet, Lnbd. = Leinenband, Ldrbd. = Lederband, Hlbfrzbd. = Halbfranzband


Back to IndexNext