Chapter 6

4Er, er allein, ist ihrer werth,Ist werth in ihrem Arm sich zu vergöttern.Und, o! ihr fehlt ein Blitz, die Feindin zu zerschmetternDie ihn bezaubert hält und ihr den Sieg erschwert!Doch, wie, Almansaris? Fühlst du dich selbst nicht besser?Gönn' ihm den kleinen Stolz, sich pfauengleich zu blähnIn seinem Heldenthum! Selbst Dir zu widerstehn!Das alles macht doch nur die Lust des Sieges größer!

5Bestürm' ihn erst, eh' du den Muth verlierst,Mit jedem Reitz, auf den sich wahre Schönheit brüstet;Begieb, damit du ihn um so viel sichrer rührst,Der fremden Waffen dich, womit die Kunst uns rüstet;Er fühl' und seh' was Götter selbst gelüstet!Und wenn du dann sein Herz noch nicht verführst,Er dann dich noch verschmäht—dann, Königin, erwacheDein Stolz, und schaffe dir die süße Lust der Rache!

6So flüstert ihr aus einer Zofe MundDer kleine Dämon zu, den ihr, mit vollem Köcher,Gebietrisch sitzen seht auf diesem Erdenrund!Der alle Welt aus seinem ZauberbecherBerauscht, und den, wer ihn nicht besser kennt,Zur Ungebühr den Gott der Liebe nennt!Denn—jeder jungen unerfahrnen DameZur Nachricht sey es kund!—Asmodi ist sein Nahme.

7Almansaris, in deren warmem BlutSchon ein Verführer schleicht, ist gegen den BetrügerVon außen, weniger als jemahls auf der Hut;Sein Anhauch nährt und fächelt ihre Gluth,Und kaum daß sie, zur Zier, dergleichen thutAls widerstände sie, so ist Asmodi Sieger.Die Zofe Schmeichlerin, sein würdiges Organ,Legt den Entwurf sogleich mit vieler Klugheit an.

8O! raubet nun dem Blitz die Feuerschwingen,Ihr Stunden, ihn herbey zu bringen,Den süßen Augenblick! Zu langsam schleichet ihr(Wie schnell ihr eilt!) der lechzenden Begier!Doch—Sie ist's nicht allein, die jetzt Sekunden zählet:Auch Hüon überlebt, von Ungeduld gequälet,Den trägen Gang der drey verhaßten Tage kaum,Und wachend und im Schlaf ist Rezia sein Traum.

9Der zweyte Morgen war dem sehnlichen VerlangenDer Haremskönigin nun endlich aufgegangen;Goldlockig, schön und rosenathmend stiegEr, wie der Herold, auf, der ihr den schönsten SiegVerkündigte; schon säuselt durch die Myrten,Die, dicht verweht, der Grotten schönste gürten,Ein leichter Morgenwind, und tausendstimmig schalltDer Vögel frühes Kor im nah gelegnen Wald.

10Doch um die Grotte her ist unterm MyrtenlaubeIn ew'ger Dämmerung das Heiligthum der Ruh.Hier girret nur die sanfte TurteltaubeDem Tauber ihre Sehnsucht zu.In diesen lieblichen Gebüschen,Dem dunkeln Sitz verborgner Einsamkeit,Pflegt öfters sich zur stillen MorgenzeitAlmansaris mit Baden zu erfrischen.

11Der anmuthsvolle Morgen riefDen schönen Hassan auf, indeß noch alles schlief,Die Blumenkörbe voll zu pflücken,Die er an jedem Tag dem Harem zuzuschickenVerbunden war: als ihm ein Sklav' entgegen lief,Und keuchend ihm befahl die Grotte aufzuschmücken.Der Neger fügt, zur Eil' ihn anzuspornen, bey,Daß eine Dame dort zu baden Willens sey.

12Verdrossen geht Herr Hüon auszurichtenWas ihm befohlen war. Er füllt mit bunten SchichtenVon Blumen, Florens ganzem Schatz,Den größten Korb, und eilt zum angewiesnen Platz.Fern ist's von ihm, der Sache mißzutrauen.Allein, beym Eintritt in die Grotte fällt auf ihnEin dumpfes wunderbares Grauen,Und ein verborgner Arm scheint ihn zurück zu ziehn.

13Betroffen setzt er seine Blumen nieder;Doch faßt er Augenblicks sich wiederUnd lächelt seiner Furcht. Das zweifelhafte Licht,Das unter tausendfachem FlitternIn diesem Labyrinth mit sichtbar'm Dunkel ficht,Ist ohne Zweifel Schuld an diesem kind'schen Zittern,Denkt er, und geht getrost, bey immer hellerm Schein,Mit seinem Blumenkorb ins Innerste hinein.

14Hier herrscht ein Tag wie zu verstohlnen FreudenDie schlaue Lust ein Zauberlicht sich wählt,Nicht Tag nicht Dämmerung; er schwebte zwischen beiden,Nur lieblicher durch das, was ihm zu beiden fehlt;Er glich dem Mondschein, wenn durch RosenlaubenSein Silberlicht zerschmilzt in blasses Roth.Der Held, wiewohl ihm hier noch nichts gefährlichs droht,Erwehrt sich kaum, bezaubert sich zu glauben.

15Was er am wenigsten sich überreden kann,Ist, daß man hier, wo alles um und anVon Blumen strotzt, noch Blumen nöthig hätte.Doch, wie sein Auge nun auf allen Seiten irrt,O wer beschreibt, wie ihm zu Muthe wird,Da ihm auf einem RuhebetteSich eine Nymf' aus Mahoms ParadiesIm vollen Glanz der reinsten Schönheit wies!

16In einem Licht, das zauberisch von obenWie eine Glorie auf sie herunter strömt,Und, durch die Dunkelheit des übrigen erhoben,Mit ihres Busens Schnee die Lilien beschämt;In einer Lage, die ihm Reitzungen entfaltetWie seine Augen nie so schön entschleiert sahn;Mehr werth als alles was zum Farren und zum SchwanDen Jupiter der Griechen umgestaltet.

17Die Gase, die nur, wie ein leichter SchattenAuf einem AlabasterbildSie hier und da umwallet, nicht verhüllt,Scheint mit der Nacktheit selbst den Reitz der Scham zu gatten.Weg, Feder, wo Apell und TizianBestürzt den Pinsel fallen ließen!Der Ritter steht, und bebt, und schaut bezaubert an,Wiewohl ihm besser war die Augen zuzuschließen.

18In süßem Irrthum steht er daUnd glaubt, doch nur zwey Augenblicke,(So schön ist was er sieht) er sehe Rezia.Allein, mit Recht mißtrauisch einem GlückeDas ihm unglaublich däucht, tritt er ihr näher, sieht,Erkennt Almansaris, und wendet sich und flieht;Er flieht, und fühlt im Fliehn von zwey elastisch rundenMilchweißen Armen sich gefangen und umwunden.

19Er kämpft den schwersten Kampf, den je seit Josefs ZeitEin Mann gekämpft, den edlen Kampf der TugendUnd Liebestreu' und feuervollen JugendMit Schönheit, Reitz und heißer Üppigkeit.Sein Will' ist rein von sträflichem Entzücken;Allein, wie lange wird er ihrem süßen Flehn,Den Küssen voller Gluth, dem zärtlich wilden DrückenAn ihren Busen, widerstehn?

20O Oberon, wo ist dein Lilienstängel,Wo ist dein Horn in dieser Fährlichkeit?Er ruft Amanden, Oberon, alle EngelUnd Heilige zu Hülf'—Und noch zu rechter ZeitKommt Hülf' ihm zu. Denn just, da jede SehneErmatten will zu längerm Widerstehn,Und mit wollüst'ger Wuth ihn die erhitzte SchöneFast überwältigt hat, läßt sich Almansor sehn.

21Gleich einem angeschoßnen Wild,Und wüthend, eine Frau, die ihn verschmäht, zu lieben,Hat er, verfolgt von Zoradinens Bild,Schon eine Stunde sich im Garten umgetrieben:Der Zufall leitet ihn in dieses Myrtenrund;Er glaubt die Stimme von Almansaris zu hören,Und, weil die Grottenthür nur angelehnet stund,Geht er hinein, sich näher zu belehren.

22Der Dämon, der durch seiner PriesterinnenGefährlichste des Ritters Treu' bestritt,Wird schon von fern an seinem SultansschrittAlmansors nahe Ankunft innen.O Hülfe, Hülfe! schreyt das schnell gewarnte Weib,Und wechselt stracks mit Hüons Ihre Rolle,Stellt sich, als kämpfte sie um ihren eignen LeibMit einem Wüthenden, der sie entehren wolle.

23Ihr wilder Blick, ihr halb zerrissenes Gewand,Ihr fliegend Haar, des jungen Gärtners Schrecken,Der von der unversehenen keckenBeschuldigung wie blitzgetroffen stand,Der Ort, wo ihn der Sultan fand;Kurz, alles schien in ihm den Frevler zu entdecken.O! Alla! sey gelobt, rief die Betrügerin,Daß ich Almansorn selbst die Rettung schuldig bin!

24Drauf, als sie schamhaft sich in alle ihre SchleierGewickelt, lügt sie, mit dem TonDer Unschuld selbst, ein falsches Abenteuer:Wie dieser schändliche verkappte Christensohn,Da ihr die Lust im Kühlen sich zu waschenGekommen, sich erfrecht sie hier zu überraschen,Und wie sie mit Gewalt sich seiner kaum erwehrt,Als ihn, zu größtem Glück, der Sultan noch gestört.

25Um von dem häßlichen Verbrechen,Deß er beschuldigt wird, den Ritter los zu sprechen,Bedurft's nur Einen unbefangnen Blick;Doch seinem Richter fehlt auch dieser einz'ge Blick.Der Held verachtet es, mit einer Frauen SchandeSich selbst vom Tode zu befreyn;Er schmiegt den edeln Arm in unverdiente Bande,Und hüllet schweigend sich in sein Bewußtseyn ein.

26Der Sultan, den sein Unmuth zum VerdammenNoch rascher macht, bleibt dumpf und ungerührt.Der Frevler werd' in Ketten weggeführt,(Herrscht er den Sklaven zu, die sein Befehl zusammenGerufen) werfet ihn in eine finstre Gruft;Und morgen früh, so bald vom Thurm der Imam ruft,Werd' er, im äußern Hof, ein Raub ergrimmter Flammen,Und seine Asche streut mit Flüchen in die Luft!

27Der Edle hört sein Urtheil schweigend,—blitzetAuf das verhaßte Weib noch Einen Blick herab,Und wendet Sich, und geht in Fesseln ab,Auf einen Muth, den nur die Unschuld giebt, gestützet.Kein Sonnenblick erfreut das fürchterliche Grab,Worin er nun tief eingekerkert sitzet;Der Nacht des Todes gleicht die Nacht, die auf ihn drücktUnd jeden Hoffnungsstrahl in seinem Geist erstickt.

28Ermüdet von des Schicksals strengen Schlägen,Verdrossen, stets ein Ball des Wechselglücks zu seyn,Seufzt er dem Augenblick, der ihn befreyt, entgegen.Schreckt ihn das Vorgefühl der scharfen Feuerpein:Die Liebe hilft ihm's übertäuben;Sie stärkt mit Engelskraft die sinkende Natur.Bis in den Tod (ruft er) getreu zu bleiben,Schwor ich, Amanda, dir, und halte meinen Schwur!

29O daß, geliebtes Weib, was morgenBegegnen wird, auf ewig dir verborgen,Auf ewig auch, Dir, treuer alter Freund,Verborgen blieb'!—Wie gern erlitt' ich unbeweintMein traurig Loos! Doch, wenn ihr es erfahret,Erfahret wessen ich beschuldigt ward, und mitDem Schmerz um meinen Tod sich noch die Schande paaretZu hören, daß ich nur was ich verdiente litt—

30O Gott! es ist zu viel auch dieß noch zu erdulden!Es büße immerhin für meine SündenschuldenDer strengste Tod! Ich klage niemand an!Dieß einz'ge nur, o Oberon, gewähreDem, den du liebtest, noch: beschütze meine Ehre,Beschütze Rezia!—Du weißt, was ich gethan!Sag' ihr, daß ich, den heil'gen Schwur der TreueZu halten, den ich schwor, den Feuertod nicht scheue.

31So ruft er aus, und, vom Vertraun gestärktDaß Oberon ihn hört, berührt ihn unvermerktDer mohnbekränzte Gott des SchlummersMit seinem Stab, dem Stiller alles Kummers,Und wieget ihn, wiewohl nur harter SteinSein Küssen ist, in leichte Träume ein.Hat ihm vielleicht, zum Pfand, daß bald sein Leiden endet,Der gute Schutzgeist selbst dieß Labsal zugesendet?

32Noch lag die halbe Welt mit Finsterniß bedeckt,Als ihn aus seiner Ruh ein dumpfes Klirren weckt.Ihn däucht er hör' im Schloß die schweren Schlüssel drehen;Die Eisenthür geht auf, des Kerkers schwarze WandErhellt ein blasser Schein, er höret jemand gehen,Und stämmt sich auf und sieht—in schimmerndem Gewand,Die Krone auf dem Haupt, die Lampe in der Hand,Almansaris zu seiner Seite stehen.

33Sie reicht die Lilienhand ihm, reitzvoll lächelnd, dar,Und—Wirst du, spricht sie, mir vergeben,Was nur die Schuld der Noth, nicht meines Herzens, war?O du Geliebter, hängt an Deinem schönen LebenMein eignes nicht? Ich komme, der GefahrDich zu entziehn, (trotz deinem Widerstreben!)Vom Holzstoß dich, wozu dich der BarbarVerdammt', auf einen Thron, den du verdienst, zu heben!

34Die Liebe öffnet dir der Hoheit Sonnenbahn:Auf, mache sie von deinem Ruhm erschallen!Nimm diese Hand, die dir sich schenket, an:In einem Wink soll dein Verfolger fallen,Und all sein Volk, wie Staub, um deine Füße wallen.Im ganzen Harem ist mir alles unterthan;Vertraue dich der Liebe sichern Händen,Und, was sie wagte, wird dein eigner Muth vollenden!

35"Hör' auf! o Königin! Dein Antrag häufet bloßMein Leiden durch die Qual dir alles abzuschlagen.O! warum zwingst du mich's zu sagen?Ich kaufe mich durch kein Verbrechen los!"Ist's möglich, ruft sie, kann so weit der Unsinn gehen?Unglücklicher, im AngesichtDer Flamme, die bereits aus deinem Holzstoß bricht,Kannst du Almansaris und einen Thron verschmähen?

36Sag' mir, versetzt er, Königin,Ich könne dir mit meinem Blute nützen,So soll die Lust, womit ich eil' es zu verspritzen,Dir zeigen, ob ich unerkenntlich bin!Ich kann, zum Danke, dir mein Herzensblut, mein Leben,Nur meine Ehre nicht, nicht meine Treue geben.Wer Ich bin weißt du nicht, vergiß nicht wer Du bist,Und muthe mir nichts zu, was mir unmöglich ist.

37Almansaris, aufs äußerste getriebenDurch seinen Widerstand, sie wendet alles an,Was seine Treu' durch alle Stufen übenUnd seinen Muth ermüden kann.Sie reitzt, sie droht, sie fleht, sie fällt, verlorenIn Lieb' und Schmerz, vor ihm auf ihre Kniee hin:Doch unbeweglich bleibt des Helden fester Sinn,Und rein die Treu', die er Amanden zugeschworen.

38So stirb denn, weil du willst!—ruft sie, des Athems schierVor Wuth beraubt: ich selbst, ich will an deinem LeidenMein gierig Aug' mit heißer Wollust weiden!Stirb als ein Thor! des Starrsinns Opferthier!Schreyt sie mit funkelndem Aug', und flucht der ersten StundeDa sie ihn sah, verwünscht mit bebendem MundeSich selbst, und stürmt hinweg, und hinter ihrSchließt wieder klirrend sich des Kerkers Eisenthür.

39Inzwischen hatte das Gerüchte,Das Unglücksmähren gern verbreitet und verziert,Von ihrem Herrn die traurige GeschichteAuch Scherasmin und Fatmen zugeführt.Der schöne Hassan, hieß es, sey im BadeVom Sultan mit Almansaris alleinGefunden worden, und morgen ohne GnadeWerd' er, im großen Hof, ein Raub der Flammen seyn.

40Ob Hüon schuldlos sey, war ihnen keine Frage;Sie kannten ja der Sachen wahre Lage.Doch, hätt' er auch gefehlt, so war er mitleidswerth.In Fällen dieser Art wird echte Treu' bewährt.Anstatt die Zeit mit Jammern zu verderben,Beschlossen sie, das äußerste für ihnZu wagen, um ihn noch aus dieser Noth zu ziehn,Und, schlüg' es fehl, mit ihrem Herrn zu sterben.

41Kurz eh' der Tag begann, gelingt es Fatmens MuthUnd Wachsamkeit, die Hüter zu betrügen,Und unerkannt sich bis ins Schlafgemach zu schmiegen,Wo Rezia, von Hüon träumend, ruht.Des unverhofften Wiedersehens FreudeMacht einen Augenblick sie sprachlos alle beide.Das erste Wort, das Fatme sprechen kann,Ist Hüon, ist Bericht von dem geliebten Mann.

42Was sagst du, goldne Amme? ruft Amande,Und fällt ihr um den Hals—Mein Hüon, mir so nah?Wo ist er?—Ach! Prinzessin, was geschah!(Schluchzt jene weinend) Hilf! zerreiße seine Bande!Spreng seinen Kerker auf! Dem Unglücksel'gen droht,Aus Liebe bloß zu dir, ein jämmerlicher Tod.Und drauf erzählt sie ihr genau die ganze Sache,Und ihres Ritters Treu' und der Sultanin Rache.

43Schon, ruft sie, steht der Holzstoß aufgethürmt,Nichts rettet ihn, wenn ihn nicht Zoradine schirmt!Mit einem Schrey der Angst, halb sinnlos, fährt AmandeIn wilder Hast von ihrem Lager auf,Wirft, wie sie steht, im leichten Nachtgewande,Den Kurdé um, und eilt in vollem LaufDes Sultans Zimmer zu, durch alle Sklavenwachen,Die sie mit Wunder sehn, und schweigend Platz ihr machen.

44Sie dringt hinein, nichts achtend daß es frühAm Tage war, und wirft mit lilienblassen Wangen,Und Haaren, die zerstreut um ihre Schultern hangen,Sich vor dem Sultan auf die Knie':"Almansor, laß mich nicht vergebensDir knieen! Schwöre, wenn mein Leben dirErhaltenswürdig scheint, daß du die Bitte mirGewähren willst! Es gilt die Ruhe meines Lebens!"

45Begehr', o Schönste, spricht erstaunt und froh zugleichDer Sultan, laß mich nicht in Ungewißheit schweben!Dir zu gefallen ist mein feurigstes Bestreben;Begehre frey! Mein Schatz, mein Thron, mein Reich,Nichts ist zu viel, was ich zu gebenVermag. Ein einzigs nur behält sich Mansor vor,Dich selbst!—"Du schwörst es mir?"—Der liebestrunkne MohrBeschwört's.—"So schenke mir des Gärtners Hassan Leben!"

46Wie? ruft er mit bestürzter Miene,Welch eine Bitte, Zoradine?Was geht das Leben dich von diesem Sklaven an?"O, viel, Almansor, viel! Mein eignes hängt daran!"Sprichst du im Fieber? Schwärmest du? Verzeihe,Doch, du mißbrauchst des unbegrenzten RechtsDas dir die Schönheit giebt.—Am Leben eines KnechtsDer sein Verbrechen büßt?—"Er büßt für seine Treue!

47"Mir ist sein Herz bekannt, er hält an seiner Pflicht,Ist schuldlos, ist ein Mann von unverletzter Ehre;Und doch—o Mansor!—wenn er schuldig wäre,So räche sein Vergehn an Zoradinen nicht!"Mit Augen die von kaum verhaltnem Grimme funkelnRuft Mansor: Grausame, was quält dein Zögern mich?Welch ein Geheimniß dämmert aus dem dunkelnVerhaßten Räthsel auf! Was ist dir Hassan? Sprich!

48"So wiß es denn, weil mich die Noth zum Reden zwinget,Ich bin sein Weib! Ein Band, das nichts zerreißen kann,Ein Band, gewebt im Himmel selber, schlingetMein Glück, mein Alles fest an den geliebten Mann.Uns drückt mit seiner ganzen furchtbarn SchwereDes Schicksals Arm—Wer weiß, wie bald an dichDie Reihe kommt!—Du siehst mich elend—EhreMein Leiden, Glücklicher!—Du kannst es, rette mich!"

49Wie? du bist Hassans Weib, und liebst ihn?—"Über alles!"Unglückliche, er ist dir ungetreu!—"Er ungetreu? Die Ursach' seines Falles,Ich bin's gewiß, ist einzig seine Treu'."—Ich glaube was ich sah!—"So ward er erst betrogen,Und du mit ihm!"—Mit zürnendem GesichtSpricht Mansor: Spanne nicht den Bogen,Zu stolz auf deinen Reitz, so lange bis er bricht!

50Dein Hassan stirbt—und ich kann nichts, als dich beklagen.Er stirbt? schreyt Rezia—Tyrann,Er, dem ein Wort von dir das Leben schenken kann,Er stirbt? Du hast ein Herz mir das zu sagen?Er hat des Harems Zucht verletzt,Erwiedert Mansor kalt; ihm ist der Tod gesetzt!Doch, weil du willst, so sey des Sklaven Leben,Sein Leben oder Tod, in deine Hand gegeben!

51Gieb, Schönste, mir ein Beyspiel edler Huld,Gieb mir die Ruh, die du mir raubtest, wieder!Ich lege Kron' und Reich zu deinen Füßen nieder;Ergieb dich mir, so sey dem Frevler seine SchuldGeschenkt! Er zieh', mit königlichen GabenNoch überhäuft, zu seinem Volk zurück!O zögre nicht, die Güte selbst zu habenDie du begehrst!—Ein Wort macht mein und sein Geschick.

52Unedler! ruft mit eines Engels ZürnenDas schöne Weib, so theuer kauft der Mann,Den Zoradine liebt, sein Leben nicht!—Tyrann,Kennst du mich so?—Die schlechteste der Dirnen,Die mich bedienten einst, verschmähte deinen ThronUnd dich um solchen Preis! Zwar steht, uns zu verderben,In deiner Macht: doch, hoffe nicht davonGewinn zu ziehn—Barbar, auch Ich kann sterben.

53Der Sultan stutzt. Ihn schreckt des edeln Weibes Muth.Sein feiges Herz wird mehr von ihrem Dräun gerühretAls da sie bat; doch, ihre Schönheit schüretDas Feuer der Begier zugleich in seinem Blut.Was sagt' er nicht ihr Herz mit Liebe zu bestechen!Wie bat er sie! wie schlangenartig wandEr sich um ihren Fuß!—Umsonst! Ihr WiderstandWar nicht durch Drohungen, war nicht durch Flehn zu brechen.

54Sie blieb darauf, ihr soll der Tod willkommner seyn.Der Sultan schwört mit fürchterlicher StimmeBey Mahoms Grab, nichts soll vor seinem GrimmeSie retten, geht sie nicht sogleich den Antrag ein."Ist's nicht mein letztes Wort, soll Alla mich verdammen!Hört man den Wüthenden bis in den Vorsahl schreyn:Entschließe dich, sey auf der Stelle mein,Wo nicht, so stirb mit dem Verworfnen in den Flammen!"

55Sie sieht ihn zürnend an, und schweigt.—Entschließe dich,Ruft er zum zweyten Mahl.—O so befreye michVon deinem Anblick, spricht die Königin der Frauen;Des Todes Grinsen selbst erweckt mir minder Grauen.Almansor ruft, und giebt, von Wuth erstickt,Den grausamen Befehl, und Höllenfunken sprühenAus seinem Aug'. Der Schwarzen Erster bücktSich bis zur Erde hin, und schwört, ihn zu vollziehen.

56Schon steht der gräßliche AltarZum Opfer aufgethürmt; schon drängt sich, Schaar an Schaar,Das Volk herzu, das, gern in Angst gesetzet,An Trauerspielen dieser ArtDie Augen weinend labt, und schaudernd sich ergetzet.Schon stehn, zum Leiden und zum Tode noch gepaart,An einen Marterpfahl gebunden,Die einz'gen Liebenden, die Oberon rein erfunden.

57Ein edles Paar in Eins verschmolzner Seelen,Das treu der ersten Liebe blieb,Entschlossen, eh' den Tod in Flammen zu erwählen,Als ungetreu zu seyn selbst einem Thron zu Lieb'!Mit nassem Blick, die Herzen in der Klemme,Schaut alles Volk gerührt zu ihnen auf,Und doch besorgt, daß nicht den freyen LaufDes Trauerspiels vielleicht ein Zufall hemme.

58Den Liebenden, wie sie gebunden stehn,Ist zwar der Trost versagt einander anzusehn;Doch, über alles, was sie leidenUnd noch erwarten, triumfiertDie reinste, seligste der Freuden,Daß ihre Lieb' es ist, was sie hierher geführt.Der Tod, der ihre Treu' mit ew'gem Lorber ziert,Ist ihres Herzens Wahl; sie konnten ihn vermeiden.

59Inzwischen siehet man mit Fackeln in den HändenZwölf Schwarze sich dem Opfer paarweis' nahn.Sie stellen sich herum, bereit es zu vollenden,So bald der Aga winkt. Er winkt. Sie zünden an.Und stracks erdonnert's laut, die Erde scheint zu beben,Die Flamm' erlischt, der Strick, womit das treue PaarGebunden stand, fällt wie vermengtes Haar,Und Hüon sieht das Horn an seinem Halse schweben.

60Im gleichen Augenblick, da dießGeschah, zeigt sich von fern in zwey verschiednen Reihen,Von ängstlicher BekümmernißGespornt, Almansor hier, und dort Almansaris,Er Zoradinen, Sie den Hassan zu befreyen.Halt! hört man sie aus allen Kräften schreyen.Auch stürzt mit blitzendem Schwert durch die erschrockne MengeEin schwarzer Rittersmann sich mitten ins Gedränge.

61Doch Hüon hat das Pfand, daß nun sein OberonVersöhnt ist, kaum mit wonnevollem SchaudernAn seinem Hals erblickt, so setzt er ohne ZaudernEs an den Mund, und lockt den schönsten TonDaraus hervor, der je geblasen worden.Sein edles Herz verschmäht ein feiges Volk zu morden:Tanzt, ruft er, tanzt, bis euch's den Athem raubt;Dieß sey die einzige Rache, die Hüon sich erlaubt.

62Und wie das Horn ertönt, ergreift der ZauberschwindelZuerst das Volk, das um den Holzstoß steht,Schwarzgelbes, lumpiges, halb nackendes Gesindel,Das plötzlich sich, wie toll, im schnellsten Wirbel dreht;Bald mischet sich mit allen seinen NegernDer Aga drein; ihm folgt—was Füße hatBey Hof, im Harem, in der Stadt,Vom Sultan an bis zu den Wasserträgern.

63Unlustig faßt der Schach—Almansaris beym Arm;Sie sträubt sich; doch was hilft sein Unmuth und ihr Sträuben?Der Taumel reißt sie fort, sich mitten in den SchwarmDer Walzenden mit ihm hinein zu treiben.In kurzem ist ganz Tunis in Allarm,Und niemand kann auf seiner Stelle bleiben:Selbst Podagra, und Zipperlein, und GichtUnd Todeskampf befreyt von dieser Tanzwuth nicht.

64Indessen, ohne auf das Possenspiel zu blicken,Hält das getreue Paar, in seligem Entzücken,Sich sprachlos lang' umarmt. Kaum hat ihr Busen RaumFür diesen Überschwang von Freuden.Er ist nun ausgeträumt der Prüfung schwerer Traum!Nichts bleibt davon als was ihr Glück verschönt:Gebüßt ist ihre Schuld, das Schicksal ausgesöhnt,Aufs neu von ihm vereint, kann nun sie nichts mehr scheiden!

65Theilnehmend inniglich, sieht, noch auf seinem Roß,Der biedre Scherasmin (Er war der schwarze Ritter)Der Wonne zu, worin ihr Herz zerfloß.Er ist's, der wie ein UngewitterVorhin daher gestürmt, um das geliebte PaarZu retten aus der feigen Mohren Händen,Und, schlüg's ihm fehl, ein Leben hier zu enden,Das, ohne sie, ihm unerträglich war.

66Er springt herab, drängt durch den tollen ReigenMit Fatme, die ihm folgte, sich hinan,Den Liebenden von ihrem Throne steigenZu helfen, und sie im Triumfe zu empfahn.Groß war die Freude, doch sie schwoll noch höher an,Da sie den wohl bekannten Wagen,Von Schwanen durch die Luft, stets niedriger, getragen,Zu ihren Füßen nun auf einmahl halten sahn.

67Sie stiegen eilends ein—Die Mohren mögen tanzenSo lang' es Oberon gefällt!(Wiewohl der Alte raspeln oder schanzenFür eine beßre Kurzweil hält.)Der lüft'ge Faeton fliegt, leicht und ohne Schwanken,Sanft wie der Schlaf, behender als Gedanken,Mit ihnen über Land und Meer,Und Silberwölkchen wehn, wie Fächer, um sie her.

68Schon tauchte sich auf Bergen und auf HügelnDie Dämmerung in ungewissen Duft;Schon sahen sie den Mond in manchem See sich spiegeln,Und immer stiller ward's im weiten Reich der Luft;Die Schwanen ließen itzt mit sinkendem GefiederAllmählich sich bis auf die Erde nieder:Als plötzlich, wie aus Abendroth gewebt,Ein schimmernder Palast vor ihren Augen schwebt.

69In einem Lustwald, mitten zwischenHoch aufgeschoßnen vollen Rosenbüschen,Stand der Palast, von dessen WunderglanzDer stille Hain und das Gebüsche ganzDurchschimmert schien—War's nicht an diesem Orte,Spricht Hüon leis' und schaudernd—Doch, bevorEr's ausspricht, öffnet schnell sich eine goldne Pforte,Und zwanzig Jungfrau'n gehn aus dem Palast hervor.

70Sie kamen, schön wie der May, mit ewig blühenden Wangen,Gekleidet in glänzendes Lilienweiß,Die Erdenkinder zu empfangenDie Oberon liebt. Sie kamen tanzend, und sangenDer reinen Treue unsterblichen Preis.Komm, sangen sie (und goldne Zymbeln klangenIn ihren süßen Gesang, zu ihrem lieblichen Tanz)Komm, trautes Paar, empfang den schönen Siegeskranz!

71Die Liebenden—sich kaum besinnend—in die WonneDer andern Welt verzückt—sie wallen, Hand in Hand,Den Doppelreihen durch: als, gleich der MorgensonneIn ihrem Bräut'gamsschmuck, der Geist vor ihnen stand.Nicht mehr ein Knabe, wie er ihnenIn lieblicher Verkleidung sonst erschienen—Ein Jüngling, ewig schön und ewig blühend, standDer Elfenkönig da, den Ring an seiner Hand.

72Und ihm zur Seite glänzt, mit ihrer RosenkroneGeschmückt, Titania, in milderm Mondesglanz.In beider Rechten schwebt ein schöner Myrtenkranz.Empfange, sprechen sie mit liebevollem Tone,Du treues Paar, zum edlen Siegeslohne,Aus deiner Freunde Hand den wohl verdienten Kranz!Nie wird von euch, so lang' ihr dieses ZeichenVon unsrer Huld bewahrt, das Glück des Herzens weichen.

73Kaum daß das letzte Wort von Oberons Lippen fiel,So sah man aus der Luft sich eine Wolke neigen,Und aus der Wolke Schooß, bey goldner Harfen Spiel,Mit Lilien vor der Brust drey Elfentöchter steigen.Im Arm der dritten lag ein wunderschöner Knab',Den sie, auf ihren Knie'n, Titanien übergab.Süß lächelnd bückt zu ihm die Königin sich nieder,Und giebt, mit einem Kuß, ihn seiner Mutter wieder.

74Und, unterm Jubelgesang der Jungfrau'n, die in ReihnVor ihnen her den Weg mit Rosen überstreun,Ziehn durch die weite goldne PforteDie Glücklichen hinein in Oberons Freudenhaus.Was sie gesehn, gehört, an diesem schönen Orte,Sprach ihre Zunge nie beym Rückerinnern aus.Sie sahn nur himmelwärts, und eine WonnethräneIm glänzenden Auge verrieth wohin ihr Herz sich sehne.

75In einen sanften Schlaf verlor sich wonniglichDer sel'ge Traum. Und mit dem Tage fandenSie beide, Arm in Arm, wie neu geboren, sichAuf einer Bank von Moos. Zu ihrer Seite standenIm leicht umschattenden Gebüsch,Reich aufgeschmückt, vier wunderschöne Pferde,Und ringsum lag ein schimmerndes GemischVon Waffen, Schmuck und Kleidern auf der Erde.

76Herr Hüon, dem das Herz von Freude überfloß,Weckt seinen Alten auf; AmandeSucht ihren Sohn, der noch auf Fatmens SchooßSanft schlummernd lag. Sie sehn sich um. Wie großIst ihr Erstaunen!—Herr, in welchem LandeGlaubt ihr zu seyn? ruft Scherasmin entzücktDem Ritter zu—Kommt, seht von diesem StandeNach Westen hin, und sagt, was ihr erblickt!

77Der Ritter schaut hinaus, und trautDem Anblick kaum.—Er, der so viel erfahren,Und dessen Augen so gewöhnt an Wunder waren,Glaubt kaum was er mit offnen Augen schaut.Es ist die Sein', an deren Bord sie stehen!Es ist Paris, was sie verbreitet vor sich sehen!Er reibt sich Aug' und Stirn, schaut immer wieder hin,Und ruft: Ist's möglich, daß ich schon am Ziele bin?

78Nicht lange schaut er hin, vor Freude ganz betroffen,So stellt sich ihm ein neues Schauspiel dar.Ihm däucht, daß alles um die Burg in Aufruhr war.Man hört Trommetenschall, und eine RitterschaarTrabt dem Turnierplatz zu, die Schranken stehen offen.Mein Glück, ruft Hüon, läßt mein HoffenStets hinter sich. Geh, Freund! wofern nicht alles michBetrügt, giebt's ein Turnier; geh, und erkund'ge dich.

79Der Alte geht. Inzwischen wird AmandeVon Fatmen angekleid't. Denn, was sie haben muß,Sich, mit dem Glanz, der ihrem hohen StandeUnd ihrer Schönheit ziemt, in diesem fremden LandeZu zeigen, fanden sie im reichsten ÜberflußGehäuft zu ihren Füßen liegen.Herr Hüon läßt indeß, mit manchem Vaterkuß,Den kleinen Hüonnet auf seinem Knie sich wiegen,

80Und sieht, mit inniglicher Lust,Das schöne Weib, durch alles fremde ZierenUnd Schimmern nichts gewinnen noch verlieren.Ob eine Rose ihre BrustUmschattet, ob ein Strauß von blitzenden JuwelenIn Glanz sie hüllt—stets durch sich selber schönUnd liebeathmend, scheint durch DenIhr nichts geliehn, bey Jener nichts zu fehlen.

81Der Alte kommt itzt mit der Nachricht an,Drey Tage sey bereits der Schranken aufgethan.Karl, (spricht er) immer noch durch seinen Groll getrieben,Hat ein Turnier im Reiche ausgeschrieben:Und rathet, welchen Dank der Sieger heut erhält!Nichts kleiners, Herr, als—Hüons Land und Lehen!Denn, euch aus Babylon mit Ruhm gekrönt zu sehen,Ist was dem Kaiser nicht im Schlaf zu Sinne fällt.

82Auf, waffne mich, ruft Hüon voller Freuden;Willkommner konnte mir kein' andre Botschaft seyn.Was die Geburt mir gab, sey nun durch Tugend mein!Verdien' ich's nicht, so mag's der Kaiser dem bescheidenDer's würdig ist!—Er sagt's, und siehet ReziaIhm lächelnd stillen Beyfall nicken.Ihr Busen klopft ihm Sieg!—In wenig AugenblickenSteht glänzend schon ihr Held in voller Rüstung da.

83Sie schwingen sich zu Pferd, die Ritter und die Frauen,Und ziehen nach der Stadt! und allenthalben schauen,Von ihrer Pracht entzückt, die Leute nach, und werDie Gassen müßig tritt, läuft hinter ihnen her.Bald langt mit Rezia Herr Hüon vor den PlankenDer Stechbahn an. Er läßt, nachdem er sich bey ihrBeurlaubt, Scherasmin zu ihrem Schützer hier,Zieht sein Visier herab, und reitet in die Schranken.

84Ein lautes Lob verfolgt von beiden Seiten ihn,Ihn, der an Anstand und an StärkeDen besten, die der ritterlichen WerkeBisher gepflegt, weit überlegen schien.Schel sehend stand am Ziel, auf seinem stolzen Roß,Der Ritter, der in diesen dreyen TagenDes Rennens Preis davon getragen,Und mit den Fürsten sah der Kaiser aus dem Schloß.

85Herr Hüon neigt, nach ritterlicher Weise,Sich vor dem Kaiser tief, dann vor den Damen undDen Richtern—tummelt drauf im KreiseDen muth'gen Hengst herum, und macht dem Sieger kund,Daß er gekommen sey, den Dank ihm abzusagen.Er sollte zwar erst Stand und Nahmen sagen;Allein sein Schwur, daß er ein Franke sey,Und seines Aufzugs Pracht, macht vom Gesetz ihn frey.

86Er wiegt und wählt aus einem Haufen SpeereSich den, der ihm die meiste SchwereZu haben scheint, schwingt ihn mit leichter Hand,Und stellt, voll Zuversicht, sich nun an seinen Stand.Wie klopft Amandens Herz! wie feurige GebeteSchickt sie zu Oberon und allen Engeln ab,Als itzt die schmetternde TrompeteDen Ungeduldigen zum Rennen Urlaub gab!

87Dem Ritter, der bisher die Nebenbuhler alleDie Erde küssen hieß, schwillt mächtiglich die Galle,Daß er gezwungen wird, auf diese neue SchanzSein Glück und seinen Ruhm zu setzen.Er war ein Sohn des Doolin von Maganz,Und ihm war Lanzenspiel kaum mehr wie Hasenhetzen.Er stürmet, wie ein Strahl aus schwarzer Wolken Schooß,In voller Wuth auf seinen Gegner los.

88Doch, ohne nur in seinem Sitz zu schwanken,Trifft Hüon ihn so kräftig vor die Brust,Und wirft mit solcher Macht ihn seitwärts an die PlankenDaß alle Rippen ihm von seinem Fall erkranken.Zum Kampf vergeht ihm alle weit're Lust;Vier Knappen tragen ihn ohnmächtig aus den Schranken.Ein jubelnd Siegsgeschrey prallt an die Wolken an,Und Hüon steht allein als Sieger auf dem Plan.

89Er bleibt am Ziel noch eine Weile stehen,ob jemand um den Dank noch kämpfen will, zu sehen;Und da sich niemand zeigt, eilt er mit schnellem TrabAmanden zu, die, hoch auf ihrem schönen Rosse,Wie eine Göttin glänzt, und führt sie nach dem Schlosse.Sie langen an. Er hebt gar höflich sie herab,Und führt sie, unterm VivatrufenDes Volks, hinauf die hohen Marmorstufen.

90Wie eine Silberwolk' umwebtAmandens Angesicht ein undurchsicht'ger Schleier,Durch den sich jedes Aug' umsonst zu bohren strebt.Voll Ungeduld, wie sich dieß AbenteuerEntwickeln werde, strömt die Menge ohne ZahlDem edeln Paare nach. Itzt öffnet sich ein Sahl;Hoch sitzt auf seinem Thron, von seinem FürstenratheUmringt, der alte Karl in kaiserlichem Staate.

91Herr Hüon nimmt den Helm von seinem Haupt,Und tritt hinein, in seinen schönen LockenDem Gott des Tages gleich. Und alle sehn erschrockenDen Schnell-erkannten an. Der alte Kaiser glaubtDes Ritters Geist zu sehn. Und Hüon, mit AmandenAn seiner Hand, naht ehrerbietig sichDem Thron, und spricht: Mein Lehnsherr! siehe mich,Gehorsam meiner Pflicht, zurück in deinen Landen!

92Denn, was du zum Beding gemachtVon meiner Wiederkehr, mit Gott hab' ich's vollbracht!In diesem Kästchen sieh des Sultans Bart und Zähne,An die, o Herr, nach deinem Wort, ich LeibUnd Leben aufgesetzt—und sieh in dieser SchöneDie Erbin seines Throns, und mein geliebtes Weib!Mit diesem Worte fällt von Reziens AngesichteDer Schleier ab, und füllt den Sahl mit neuem Lichte.

93Ein Engel scheint, in seinem Himmelsglanz,(Gemildert nur, damit sie nicht vergehen)Vor den Erstaunten da zu stehen:So groß, und doch zugleich so lieblich anzusehen,Glänzt Rezia in ihrem MyrtenkranzUnd silbernen Gewand. Die Königin der FeenSchmiegt, ungesehen, sich an ihre Freundin an,Und alle Herzen sind ihr plötzlich unterthan.

94Der Kaiser steigt vom Thron, heißt freundlich sie willkommenAn seinem Hof. Die Fürsten drängen sichUm Hüon her, umarmen brüderlichDen edeln jungen Mann, der glorreich heim gekommenVon einem solchen Zug. Es stirbt der alte GrollIn Karls des Großen Brust. Er schüttelt liebevollDes Helden Hand, und spricht: Nie fehl' es unserm ReicheAn einem Fürstensohn, der Dir an Tugend gleiche!

Glossarium

über die im Oberon vorkommenden veralteten oder fremden, auch neu gewagten Wörter, Wortformen und Redensarten

Acqs, II. 13. Acqus, (Aquae Augustae) eine kleine, vor Alters beträchtliche, bischöfliche Stadt in den Landes von Gascogne, die ihren Nahmen von einer mitten in der Stadt befindlichen heißen Quelle hat. Aus den Worten Scherasmins sollte man schließen, daß Acqus damahls im Besitz eines so genannten Gnadenbildes der heiligen Jungfrau gewesen sey. Poetisch zu reden, mußte er das, als in diesen Gegenden einheimisch, am besten wissen, und in so fern kann uns auch, ohne andere historische Beweise, an seinem Zeugniß genügen.

Allzuhauf, V. 38. Nach der Analogie von allzugleich, allzumahl, u. a. aus All und zu Hauf (welches letztere in den Redensarten zu Haufe bringen, treiben, kommen, noch nicht völlig aus der Übung gekommen ist) in Form eines Nebenwortes zusammen gesetzt. Da der Dichter sich keiner Stelle im "Heldenbuch", "Theuerdank", und dergleichen erinnert, auf die er sich zu Rechtfertigung dieses ungewöhnlichen Wortes berufen könnte, so muß er es darauf ankommen lassen, ob es als ein neu gewagtes geduldet oder verworfen werden wird.

Alquif, I. 22. Ein weiser Meister und großer Zauberer im Amadis de Gaule.

Angehen, VI. 22. So viel als unternehmen, beginnen; eine sehr alteBedeutung dieses Wortes, deren Gebrauch durch Hagedorns Beyspiel (in derFabel vom Löwen, der mit seinem Bilde im Brunnen fechten will) hinlänglichgerechtfertigt ist:

Und fordert ihn heraus den Zweykampf anzugehen.

Poetische Werke, II. 8. 239. nach der Hamb. Ausgabe von 1769.

Babylon, wird in diesem Gedichte mehrmahls (wiewohl unrichtig) als gleichbedeutend mit Bagdad gebraucht, welches letztere unter den Abassischen Kalifen der Sitz dieser mächtigen Fürsten war. Die alten Romanciers übten eine so willkührliche Gewalt über die Geografie als über Kronologie und Geschichte aus; und unser Dichter hielt es für schicklich, sich ihnen auch in diesem Stücke gleich zu stellen. Übrigens ist nicht zu läugnen, daß das Babylon im Roman von Huon de Bordeaux, dessen so genannte Admirale (Miramolins) in den Romanen von Charlemagne und seinen Pairs eine große Rolle spielen, nicht in Mesopotamien, sondern angeblich in Ägypten gelegen haben soll.

Bangen, nach etwas bangen, VI. 27. Statt, mit bänglicher Ungeduld nach etwas verlangen, ein neu gewagtes Wort, welches sich selbst durch die Welt helfen mag, wenn es kann. Ob es nicht in alten Zeiten schon üblich gewesen, davon finden wir zwar keine Spur; aber wie wenig sind auch die noch vorhandenen Überbleibsel aus den Zeiten der Minnesänger theils gekannt, theils benutzt!

Bar, "schön wie ein barer Engel", IV. 47. Ein veraltetes Wort, welches ehemahls unter andern die Bedeutung von offenbar, augenscheinlich (manifestus, luculentus) hatte, und, in so fern dieser Begriff damit verbunden wird, in die Sprache der Dichter, (in welcher die Beywörter größten Theils als Farben zu betrachten sind) wenigstens in die Sprache des komischen, scherzhaften und launigen Styls, aufgenommen zu werden verdient. Man hat es deßwegen einer Person in den Mund gelegt, der es anständig ist, sich in einer, wo nicht niedrigen, doch weniger edeln Sprechart auszudrücken, als der Held des Stücks, oder der Dichter, wenn er selbst erzählt.

Betefahrt, II. 32. In der katholischen Kirche eine Procession mit Kreuz und Fahnen, wobey gebetet wird. Besonders wurde vor Alters der in der so genannten Kreuzwoche (Hebdomas Rogationum) übliche feierliche Umgang, wobey die Felder und Früchte eingesegnet werden, so genannt. Auch kommt dieses Wort in der allgemeinen Bedeutung von Wallfahrt vor. Es scheint Niedersächsischen Ursprungs zu seyn.

Betitelt, mit einem rechtsgültigen Grunde (titulo juris) zum Anspruch an etwas versehen, X. 53; "zu einem Gärtnerschurz betitelt," statt berechtigt, ist in dieser Bedeutung neu gestempelt.

Dank, kommt mehrmahls in der Bedeutung vor, die dieß Wort in der alten Turniersprache hatte, worin es den Preis bezeichnete, welchen der Ritter gewann, der alle anderen aus dem Sattel gehoben hatte.

Dienstmann, V. 56 in der weitesten Bedeutung, ein Lehensmann oder Vasall.

Domina, II. 34 wird die Vorsteherin der Frauenklöster in einigen religiösenOrden genannt.

Durstiglich, VI. 32, nach einer veralteten Oberdeutschen Form von Nebenwörtern, welche in inniglich, ewiglich, wonniglich u. a. wenigstens in der Dichtersprache sich noch erhalten hat. Luther gebraucht das Wort dürstiglich in seiner Übersetzung der Bibel mehrmahls, um den höchsten Grad einer leidenschaftlichen Begierde auszudrücken; als 1 Mos. 34,25. "die Brüder der Dina gingen in die Stadt Sichems dürstiglich und erwürgten alles was männlich war," und—Sprichw. Salom. 14,5. "ein falscher Zeuge redet dürstiglich Lügen". In diesem Sinne wird es hier gebraucht.

Eitel, I. 30 in der veralteten Bedeutung: "in eitel Lust und Pracht," statt, in lauter Lust—

Elfen, II. 22 und a.o. Alfen, Elfen oder Elven sind eine Art von Genien, in der Mythologie der Nordischen Völker, in welcher sie (wie Adelung unter dem Wort Alp schon bemerkt) ungefähr die Stelle der Nymfen und Waldgötter der Griechen vertreten. Auch die Fairies, an welche das Brittische Landvolk noch itzt hier und da glaubt, gehören in diese Rubrik. In Chaucers "Merchants-Tale" ist Oberon König der Fairies. Unser Dichter hat diese Elfen zu einer Art von edeln, mächtigen und den Menschen gewogenen Sylfen erhoben, und Oberon, ihr König, spielt in diesem Gedicht eine so wichtige Rolle, daß es daher den Nahmen von ihm erhalten hat.

Fahr, II. 16. Das veraltete Wort, an dessen Stelle Gefahr gewöhnlich ist. Daher Fährde, fährlich, Fährlichkeit, wovon ebenfalls in der Dichtersprache (nur pudenter, wie Horaz sagt) Gebrauch zu machen wäre.

Fahren, für reisen, ausziehen, wallfahrten, I. 26. "Als wir zum heil'gen Grab zu fahren uns verbanden." In noch weiterer Bedeutung hieß fahren herum irren, im Lande herum ziehen; daher fahrende Ritter, (Chevaliers errans) fahrende Schüler, Landfahrer u. d. Fahrt, III. 55 ist also so viel als Zug, Ritt, oder das Französische Wort Traite.

Fant, IV. 47 "Ein fremder junger Fant."—Dieses Wort wird hier für Jüngling gebraucht, und ist in so fern mit dem alten Worte Knapp (wovon Schildknapp, Bergknapp) gleichbedeutend. In Niedersachsen, wo es so viel als Knecht ist, wird es Fent ausgesprochen; im Isländischen lautet es Fant. Das Italiänische Fante ist damit vielleicht einerley Ursprungs. Auch die Bauern (Pions) im Schachspiele werden in einigen Gegenden Fant oder Fänt genannt.

Gaden, IV. 15. Ein uraltes Wort, dessen Gebrauch in Ober—und Niederdeutschland, und vornehmlich in der Schweiz, hier und da noch in verschiedenen aus einem gemeinsamen Begriff entspringenden Bedeutungen sich erhalten hat. In den Nahmen der gefürsteten Propstey Berchtoldsgaden und des Oberbayerischen Prämonstratenser-Stifts Steingaden ist Gaden eben das, was hausen, heim, zell in den Nahmen einer Menge von Klöstern in Österreich, Bayern und Schwaben. In der Bedeutung von Laden, Kammer, Scheune, Stall sagte man ehemahls Würzgaden, Gadendiener, Speisegaden, und sagt noch itzt in der Schweiz Milchgaden (Milchkeller), Käsegaden, Viehgaden, Heugaden. Für Stockwerk eines Hauses kommt es im "Schwaben-" und "Sachsenspiegel" u.b.a. und für Zimmer oder Gemach im "Heldenbuche" vor.

Da schloß die KüniginneDrey Riegel vor das Gaden.

Eva war ein Gaden (Wohnsitz) aller weiblichen Tugend, sagte der zu seiner Zeit berühmte Prediger Joh. Matthesius noch im sechzehnten Jahrhundert. Man sollte dieses Wort (welches schon beym Ottfried und Willeram in der Form Gadum und Gegadame vorkommt) um so mehr zu erhalten suchen, da es ohne Zweifel eines von denen ist, die uns aus der ältesten Sprache, der gemeinschaftlichen Stamm-Mutter der Hebräischen, Fönizischen, Persischen und Celtischen, übrig geblieben sind. Denn es ist im Hebräischen gadar, einzäunen, im Punischen Gadir, Einzäunung, in Gades, dem alten Nahmen der Stadt Cadiz, und in dem Nahmen der Persischen Stadt Menosgada und der Burg Pasergada oder Persagadum, in der Gegend wo Cyrus den berühmten Sieg über den Astyages erhielt, unverkennbar. In unserm Gedichte scheint es hier, zumahl im Munde Scherasmins, an seinem rechten Orte zu stehen, und eine kleine Ladenstube oder Kammer eines schlechten Häuschens in einer Winkelgasse zu bezeichnen.

Glorie, XII. 16. "Wie eine Glorie. "—Wenigstens in dieser zu unsrer Mahlerkunstsprache gehörigen Bedeutung, in welcher es das Bild des sich öffnenden Empyreums und der Erscheinung himmlischer Wesen, Engel, und Heiligen, in der Fantasie erregt, sollte, dünkt uns, dieses zwar fremde, aber schon in Kaisersbergers Postille und einigen unsrer ältesten Kirchenlieder vorkommende, und also längst verbürgerte Wort beybehalten werden. Aber auch bloß als poetische Farbe ist es der Dichtersprache, um den höchsten Grad von Ruhm, Herrlichkeit und Majestät auszudrücken, (wie so manche andre Wörter, deren man uns ohne Noth oder Nutzen berauben will) unentbehrlich.

Großheit, III. 40. Großheit verhält sich zu Größe, wie Hoheit zu Höhe, nur daß es in dieser Bedeutung im Hochdeutschen noch nicht üblich ist. Der Dichter versteht unter Großheit das, was beym ersten Anblick eine große, über gewöhnliche Menschen weit empor ragende Person ankündigt. Größe, ohne irgend eine hinzu gesetzte nähere Bestimmung, erweckt nur den Begriff körperlicher Quantität: Großheit erregt ein mit Ehrfurcht verbundenes dunkles Gefühl der Würde und Vortrefflichkeit einer Person. Majestät ist nur ein höherer Grad von Großheit, und beide können auch ohne eine über das gemeine Maß hinaus gehende körperliche Größe (Procerität) Statt finden, wiewohl diese unstreitig ein beträchtliches dazu beyträgt, das Gefühl und Vorurtheil von Großheit und Majestät zu erregen.

Gulistan, IX, 5. Ein Persisches Wort, welches Blumen—oder Rosengarten bedeutet, bekannt aus einem unter diesem Nahmen in die vornehmsten Europäischen Sprachen übersetzten Gedichte des berühmten Persischen Dichters Sahdi, oder Scheik Mosleheddin Saadi von Schiras, der um das Jahr Christi 1193 geboren wurde, und bis 1313 unsrer Zeitrechnung gelebt haben soll.—Der Gebrauch dieses Wortes an dieser Stelle bedarf wohl keiner Rechtfertigung.

Hämmling, V. 47. Ungefähr eben diese Art von Sklaven Kombabischen Geschlechts, V. 33, welche in der 48ten Stanze höflicher Kämmerlinge heißen. Das Wort Hämmling ist nach Wachtern sehr alt, und scheint nicht von Hammel, sondern von dem alten Wort hämeln, stümmeln, verschneiden, abgeleitet zu seyn. In dem Sinne, worin es hier gebraucht wird, kommt es in einer von Adelung unter dem Worte Hammel angeführten alten Übersetzung des Terenzischen "Eunuchus" vor, die im Jahre 1486 zu Augsburg gedruckt wurde. In einer hundert Jahre spätern Übersetzung eben dieser Komödie, durch M. Josua Loner, Pfarrherrn und Superintendenten zu Arnstadt, wird Eunuchus durch Frauenhut gegeben. "Wenn man (sagt der Übersetzer) das deutsch wollt geben gut, Möcht mans nennen den Frauenhut." (Hut wird hier, wie man sieht, in einer veralteten Bedeutung für Hüter genommen.) Der Erfinder dieses komischen Wortes ist aber nicht besagter Loner, sondern D. Luther, wie aus folgender von Wachtern angezognen Stelle aus seiner berüchtigten Schrift "Wider Hans-Worst", Wittenberg 1541, zu ersehen ist: "Er were besser ein Frauenhut, der nichts thun sollte, denn wie ein Eunuchus, d. i. ein Frauenhut, stehen in einer Narrenkappe mit einem Fliegenwedel,* und der Frauen hüten, und des davon sie Frauen heißen, (wie es die groben Deutschen nennen.)"

Han, IV. 36. Eben das, was Karavan—oder Kirwan-Serai; große öffentlicheGebäude in den Muhamedanischen Ländern, wo Reisende, jedoch ohneVerpflegung, beherbergt werden.

Heiden, II. 5, wird hier, nach der Weise der alten Ritterbücher, von allenNicht-Christen, also auch von Sarazenen oder Muhamedanern, gebraucht.

Hesperien, I. 3. Italien, welches die ältesten Griechen, weil es ihnen gegen Abend lag, Hesperia, das Abendland, nannten.

Idschoglan, X. 49. Nahme einer Art von Pagen des Türkischen Hofes, die im dritten Hofe des Serai neben dem Divan wohnen, und in vier Oda's oder Klassen abgetheilt sind, von welchen die vierte unmittelbar zur Bedienung der Person des Sultans bestimmt ist. Vermöge einer den Dichtern immer zugestandenen Freyheit wird hier vorausgesetzt, daß ungefähr dieselbe Einrichtung auch am Hofe des Königs von Tunis Statt gefunden habe.

Je und ie, III. 57. Die alte und noch immer übliche Oberdeutsche Form der Partikel je ist ie, welches beynahe wie i ausgesprochen wird. So kommt sie bey den Minnesängern immer vor, und die Richtigkeit dieser Form und Aussprache wird auch durch das offenbar aus den alten Verneinungswörtchen ni und ie zusammen gesetzte nie bestätigst. Weil man einem Deutschen Dichter das Reimen nicht ohne Noth erschweren sollte, indem unsre Sprache ohnehin arm genug an Reimen ist, so halten wir für billig, daß man reimenden Dichtern erlaube, sich der Wörter je, jeder, und jetzt sowohl in dieser neuern, als in der Altdeutschen Form, ie, ieder, und itzt, nach Gefallen zu bedienen. Ohne diese Freyheit hätte hier eine der besten Stanzen des ganzen Oberons entweder gänzlich kassiert, oder ins schlechtere verändert werden müssen.

Jungfernzwinger, II. 32. Ein (vermuthlich) von unserm Dichter gestempeltesWort für Jungfernkloster. Daß sich dazu keine andre Analogie fand als dasJägerwort Hundezwinger, wird ihm hoffentlich zu keinem Vorwurf gereichen.

Klosterbühl, II. 33. Bühel, Bühl, (in den härtesten Mundarten Büchel) ist ein gutes altes Wort für Hügel. Die Reichsstadt Dinkelsbühl hat ihren Nahmen von Dinkel (einer Getreideart, die vermuthlich in ihrer Gegend vorzüglich geräth) und von einem dreyfachen Bühl, d. i. Hügel, worauf sie erbaut ist.

Knappen, III. 2, so viel als Schildknappen, Waffenträger, Knapo im mittlern Latein. Es war vor Alters mit Knecht oder Edelknecht (Englisch Knight) einerley, und wurde auch von einem jungen Edelmann gebraucht, welcher einem ältern Ritter, entweder als Lehrjunge, um die Ritterschaft zu erlernen, oder als Geselle, um sie unter Anleitung und Aufsicht eines Meisters auszuüben, Dienste that. Nach und nach verlor es, wie Knecht und Schalk, seine vormahlige Bedeutung und Würde, und ist dermahlen nur noch in den Benennungen Tuchknappe, Mühlknappe, Bergknappe, üblich.

Kobold, II. 11. Eine Art von Mittelgeistern, Gobelinus im Latein des Mittelalters, von welchen man glaubte, daß sie den Menschen eher hold als zu schaden geneigt seyen, wiewohl dieß so ziemlich von ihrer Laune und andern Umständen abhing. Der Kobold der Bergleute, oder das Bergmännchen, scheint mit Gabalis Gnomen, oder Elementargeistern von der vierten Klasse, einerley zu seyn.

Kurdé, XII. 43. Ein weites Oberkleid der türkischen Damen. S. "Letters ofLady M. Worthley Montague" L. XXIX.

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* Eine Anspielung auf den Pseudo-Frauenhut Chärea im Terenz, dem eine Magd, in der Meinung, daß er der Verschnittene sey, welchen ihre Dame zum Geschenk erhalten hatte, die junge Pamfila zu hüten gab, mit dem Auftrag, ihr, während sie nach dem Bade der Ruhe pflegte, Luft zuzufächeln. (Zurück)

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Langon, II. 46. Eine kleine Stadt an der Garonne, berühmt durch ihren Wein, der für den besten unter den weißen Bourdeaux-Weinen, Vins de Grave genannt, gehalten wird. "Melanges tirés d'une grande Bibliotheque". Vol. 36 p. 94.

Laudan, X. 43. Laudanum, eine aus Opium zubereitete Arzney von derErfindung des berühmten Paracelsus, steht hier für jedes andere Kordial.

Magd, III. 18. Magd, Maget, Magad, Maid, Meyd, sind verschiedene Formen eines Wortes, welches in seiner ältesten Bedeutung eine ungeschwächte junge Frauensperson, eine Jungfrau im eigentlichen Verstande, bedeutete. "Es heißt im Deutschen Magd (sagt D. Luther) ein solch Weibsbild, das noch jung ist, und mit Ehren den Kranz trägt und in Haaren geht." In diesem Sinne wird Maria in einem alten Kirchenliede die reine Magd genannt. Im "Heldenbuch", "Theuerdank", u. a. heißen junge Damen vom ersten Rang edle Meyd oder Magd, ohne daß eben auf die fysische Bedingung der Jungfräulichkeit Rücksicht genommen wird. Magdthum bezeichnet daher im alten Deutschen sowohl den jungfräulichen oder ledigen Stand, als was man jetzt in engerer Bedeutung Jungferschaft nennt.

Mahneh, XI. 33, auch Salam genannt, ist eine unter den Türken und Maurischen Sarazenen gewöhnliche Art von geheimen Liebesbriefen, wobey Blumen, Spezereyen und tausend andere Dinge, als symbolische Zeichen, die eine gewisse abgeredete Bedeutung haben, statt der Worte gebraucht werden. In Plants Türkischem Staatslexikon ist ein Beyspiel davon gegeben, wo eine Weinbeere, ein Strohhalm, eine Jonquille, ein seidener Faden, Papierschnitzel, ein Schwefelhölzchen, eine Pistazie, eine verwelkte Tulpe und ein Stückchen Goldfaden, in einem Beutel der Geliebten überschickt, ihr ungefähr so viel sagen, als: "Holdes Mädchen, erlaube daß ich dein Sklave sey und laß dir meine Liebe gefallen. Ich brenne vor Sehnsucht nach dir, und diese Flamme verzehrt mein Herz.—Meine Sinne verwirren sich. Ach möchten wir doch zusammen auf Einem Bette ruhen! Ich sterbe, wenn du mir nicht bald zu Hülfe kommst."—Eine ähnliche Probe theilt Lady Worthley Montague im vierzigsten der oben angezogenen Briefe ihrer Korrespondentin mit. Ihrem Berichte nach ist mit jedem symbolischen Zeichen dieser geheimen Sprache ein gewisser Vers aus einem Dichter kombiniert; und sie sagt, sie glaube, es sey eine Million Verse zu diesem Gebrauch bestimmt;—was, wenn wir auch neun Zehntheile von der Million fahren lassen, diese Sprache zu einer der schwersten in der Welt machen würde.

Mahom, II. 5 und öfters. Eine in den alten Französischen Rittergedichten, Fabliaux, u. d. ziemlich allgemeine komische Abkürzung des Nahmens Mahomed, wenn von dem großen Profeten der Sarazenen die Rede ist.

Manichäer, II. 23, war in Hüons Zeiten ein eben so gemeiner als verhaßter Ketzernahme, wobey man sich das abscheulichste dachte, ohne sich darum zu bekümmern, was die wirklichen Anhänger des Manes ehemahls gelehrt hatten oder nicht. Der Kaplan konnte also dem tief studierten Manne, der sich so positiv gegen die Geister erklärte, keinen schlimmern Streich spielen, als ihm einen Nahmen anzuhängen, den jener nicht auf sich sitzen lassen durfte, wenn er den anwesenden Laien nicht ein Gräuel werden wollte. Daher vermuthlich der Fechterkniff, im Fortgang des Streits sich hinter so viel Latein zurück zu ziehen, daß die Zuhörer, und vielleicht auch der orthodoxe Kaplan selbst, ihm nichts weiter anhaben konnten.

Märtrerberg, IX. 6. Montmartre bey Paris, so genannt, weil nach ehemahligem gemeinem Glauben der heilige Dionysius Areopagita mit seinen Gefährten S. Rustikus und S. Eleutherus den Martertod auf diesem Berg erlitten haben soll.

Herzog Nayms, I. 52. Die alten Ritterbücher von Charlemagne und den Helden seiner Zeit sprechen viel von einem Herzog Naymes von Bayern, als dem weisesten Mann an Karls Hofe, für dessen Rath dieser Kaiser immer besondere Achtung getragen habe. Bekannter Maßen kennt die Geschichte dieser Zeit keinen andern Herzog in Bayern als den unruhigen Tassilo. Ich habe dem seltsamen Nahmen Naymes überall nachgespürt, und nichts gefunden, als daß in dem Zedlerischen Universal-Lexikon ein Nainus oder Nämus als ein General der Bayern unter Karl dem Großen aufgeführt wird, ohne die Quelle, woraus diese Angabe geschöpft ist, anzuzeigen.

Obsiegen, III. 20, (einem) auch ansiegen, eine Altdeutsche Form, für einen besiegen, bezwingen.

Ok, die Sprache von Ok, I. 12. Die so genannte Romanische (romana rustica) Sprache, die nach der Zerstörung der Römischen Herrschaft in Gallien vom Volke gesprochen wurde, theilte sich in zwey sehr ungleichartige Mundarten, in deren einer das dermahlige Französische Bejahungswörtchen oui, oil, in der andern hingegen ok ausgesprochen wurde. Diese letztere, die in dem mittäglichen Frankreich herrschte, hieß daher la langue d'oc, und wurde späterhin die provenzalische genannt. S. die Einleitung vor le Grands "Fabliaux ou Contes du XII. et XIII. Siecle".

Pan, der große Pan, II. 18. Eine im Munde Scherasmins fast zu gelehrte Anspielung auf das bekannte Mährchen von dem Ägyptischen Schiffer Thamos, dem, als er einst, unter der Regierung des Kaisers Tiberius, an den Echinadischen Inseln vorbey fuhr, nach einer plötzlich erfolgten Windstille eine Stimme von den Paxischen Inseln her zu dreyen Mahlen befahl: so bald er den Hafen Pelodes (an der Küste von Epirus) erreicht haben würde, sollte er mit lauter Stimme ausrufen: Der große Pan sey gestorben. Thamos hatte diesen seltsamen Auftrag wieder vergessen, als er durch eine abermahlige Windstille, die ihn im Angesicht des Hafens Pelodes befiel, daran erinnert wurde: und kaum hatte er den Tod des großen Pans ausgerufen, so ließ sich ein großes Wehklagen und Gewinsel in der Luft hören, wie von unsichtbaren Personen, die an dieser Nachricht ganz besondern Antheil nähmen, und ihr Erstaunen und Leidwesen darüber bezeigten. Das merkwürdigste an dieser schönen Geschichte ist, daß Plutarch in seiner Abhandlung von den Ursachen, warum die Orakel aufgehört hätten, sie einem gewissen Ämilianus in den Mund legt, der sie von seinem Vater, als einem unmittelbaren Augen—und Ohrenzeugen, gehört zu haben versicherte.—Übrigens ist es, in Rücksicht des bekannten Gebrauchs, welcher in der Folge von dieser Erzählung gemacht wurde, eben nicht unmöglich, daß Scherasmin gelegentlich von seinem Pfarrer etwas von ihr gehört haben könnte, wiewohl ihm nichts davon im Gedächtniß geblieben, als die isolierte Vorstellung, wie still und todt es auf einmahl in der Natur werden müßte, wenn der große Pan wirklich zu sterben kommen sollte.

Pär (Pair) des Reichs, I. 48. Es bedarf wohl kaum erinnert zu werden, daß unser Dichter auch hier, da sein Held sich (als Herzog von Guyenne oder Aquitanien) einen Pär des Reichs nennt, in der 49sten Stanze von Fürsten des Kaiserreichs spricht, und in dieser Qualität das Recht seinen Ankläger zum Zweykampf heraus zu fordern geltend macht, nicht der Geschichte, sondern den Ritterromanen von Charlemagne folgt, welche wahrscheinlich erst im XII. und XIII. Jahrhundert ausgeheckt wurden. Der unbekannte Mönch, der seinen aus den abenteuerlichsten Erdichtungen zusammen gestoppelten Roman "de Gestis Caroli M. et Rolandi", um ihm das Ansehen einer wahren Geschichte zu geben, dem Erzbischof Tilpin von Rheims (den er Turpin nennt) unterschob, hatte so wenig Kenntniß und Begriff von Karl dem Großen und seiner Regierung, daß er nicht nur die Gebräuche, Sitten und Lebensweise der so genannten Ritterzeiten, sondern sogar die ganze Verfassung von Frankreich, wie er sie unter Ludwig VII. und Filipp August (unter deren Regierung er lebte) fand, in die Zeit jenes großen Königs der Franken hinüber trägt. Daher denn auch die vorgeblichen zwölf Pärs desselben, die in diesen Romanen als die zwölf großen erblichen Kronvasallen erscheinen, da man doch damahls eben so wenig von Erb-Kronvasallen als von bestimmten Vorzügen und Vorrechten einiger derselben vor allen übrigen wußte, indem alle vom König unmittelbar belehnte Baronen eben darum, weil sie alle einander gleich waren, Pares Franciae hießen, und, in so fern ein jeder nur von seines gleichen gerichtet werden konnte, den Hof der Pärs, la Cour des Pairs, ausmachten. Von wem und zu welcher Zeit die ehemahls ungeheure Menge der Baronen oder Pärs von Frankreich auf zwölf (sechs geistliche und sechs weltliche*) eingeschränkt worden, ist eine eben so problematische oder vielmehr unauflösbare Frage in der Französischen Geschichte, als der Ursprung der Kurfürsten in der Deutschen: aber so viel ist gewiß, daß von diesen zwölf Pärs erst unter Ludewig VII. Erwähnung geschieht. S. "Les Moeurs et Coutumes dans les differens tems de la Monarchie Franç. au Tome VI. de l'Hist. de France de le Gendre".

Recke, III. 47. Ein veraltetes Wort für Riese. Es wurde ehemahls auch von andern tapfern und streitbaren Männern gebraucht, und die alten Sueven werden in dieser Bedeutung in dem Lobgesang auf den Heiligen Anno St. 19. gute Reckin genannt. In den alten Isländischen Mythen heißen ihre Heerführer oder Landeshauptleute (Könige) Landrecken.

Rennen, I. 35. "Bey einem offnen Rennen," d. i. in einem Turnier; ein in dem alten "Amadis aus Gallien" und ähnlichen Werken häufig vorkommendes Wort. Noch gewöhnlicher hieß es ein Stechen, Stechspiel, Ritterstechen; daher Stechhelm, ein Turnierhelm, der das ganze Gesicht bedeckte und nur zum Sehen und Athmen Öffnungen hatte,—Stechpferd, ein starkes zum Turnieren abgerichtetes Pferd, Stechbahn, Stechzeug, u.s.w. ein scharfer Stecher, III. 12. Reiten wurde ebenfalls als ein Synonym von turnieren, oder eine Lanze mit einander brechen, gebraucht; daher ein Ritt, III. 10. Für Turnier wurde damahls auch Turney gesagt: II. 19, im Feld und im Turney.

Schimpf, I. 26. "In Schimpf und Ernst," d. i. in Ritterspielen und in gefährlichen Abenteuern, wo Leib und Leben gewagt wurde.—Schimpf wird hier in der veralteten Bedeutung von Spiel und Scherz gebraucht. Noch im 15ten Jahrhundert waren scherzen und schimpfen gleichbedeutend. So heißt es zum Beyspiel (nach Adelungs Zeugniß) in einer zu Straßburg 1466 gedruckten Deutschen Bibel: "Abimelech sah in (ihn, den Isaak) schimpfen mit Rebekka seiner Hausfrauen."—Es wird aus Schimpf noch Ernst werden, ist eine Redensart, die noch itzt in Oberdeutschland zuweilen gehört wird.

Stange, für Speer oder Lanze, V. 65, kommt in dieser Bedeutung noch inLuthers Bibelübersetzung vor, Matth. 26,47.

Stapfen, einher stapfen, VI. 42, ein veraltetes aber mahlerisches Wort, für stark und fest auftreten.

Sultanin, IX. 5, (Sequin) eine Türkische Goldmünze, deren Werth hier, wo es auf eine sehr genaue Bestimmung nicht ankommt, etwa einem Goldgülden oder halben Maxd'or gleich angenommen werden kann.

Unangemuthet, III. 39, d.i. ohne eine Anmuthung zu dieser Person zu spüren, ohne daß sein Herz ihm etwas für sie sagt, ohne daß sie ihn interessiert. Muth (Mod, Mûat, Mûoth) hieß bey den alten Angelsachsen, Franken und Allemannen animus bene vel male adfectus, das Gemüth, oder was wir figürlich das Herz nennen, und Muthen war so viel als das Gemüth in Bewegung setzen, anziehen. Daher Anmuth, was unser Herz anspricht, anzieht. Das Zeitwort anmuthen scheint also vorzüglich dazu geschickt zu seyn, wenigstens in vielen Fällen die Stelle des fremden und unsern Puristen anstößigen interessieren zu ersetzen; zumahl wenn unsre Schriftsteller sich entschlössen, dieses Wort in dem Sinne, worin es ansinnen oder zumuthen (d. i. verlangen daß ein anderer über eine gewisse Sache eben so gemuthet sey wie wir) heißt, nie wieder zu gebrachten. Von etwas angemuthet oder unangemuthet seyn oder werden, wäre diesem nach so viel als davon interessiert oder nicht interessiert werden: und in diesem Sinne scheint unser Dichter das von ihm vermuthlich zuerst gebrauchte Wort unangemuthet genommen zu haben.

Ventregris, II. 20. Ein nur in Scherasmins Munde duldbarer, wiewohl ehemahls dem König Heinrich IV. von Frankreich sehr geläufiger, Gaskonnischer Schwur, statt Ventre-Saint-Gris.

Verdrieß, I. 41. Die alte Form des Wortes Verdruß, welche hier mit gutemBedacht der gewöhnlichen vorgezogen worden ist.

Verluppt, III. 36. "Ganz in verlupptem Stahl," d. i. in bezauberten Waffen. Luppen, verluppen hieß in der alten Allemannischen Sprache vergiften; daher verlüppte Pfeile. Weil aber, wie Wachter wohl anmerkt, im gemeinen Volksglauben giftmischen und zaubern verwandte und associierte Begriffe sind, so bekamen die Worte luppen, verluppt, auch die Bedeutung von zaubern und bezaubert. So sagt zum Beyspiel König Tyrol (beym Goldast):

Der konnte luppen, (d.i. zaubern) mit die (dem) Speer;

und der Dichter Nithart (ebenfalls in Goldasts Paraenet.) Zöverluppe für Zauber, fascinum magicum.

Versehen, IV. 63. Etwas versehen, d. i. schicken, verfügen, kommt in dieser veralteten Form und Bedeutung öfters in Luthers Bibel vor.

Versteinen, VIII. 61, zu Stein werden, statt des gewöhnlichen versteinern, wo das r in der Endsylbe überflüssig und sogar unrichtig ist. Wenn man verbessern, verschönern, verkleinern, vergrößern sagt, so geschieht es darum, weil etwas besser, schöner, kleiner, größer werden soll als es war. Bey versteinert hingegen ist die Rede nicht davon, etwas noch steinerner als es ist, sondern etwas, das kein Stein war, zum Stein zu machen.

Wage, V. 72, VII. 22. Für das, was man bey einer Entschließung wagt. Wage ist in dieser Bedeutung ein zwar veraltetes, aber wenn es am rechten Orte steht, jedem verständliches, und kaum entbehrliches Altdeutsches Wort. Auch Wagestück, welches in einigen Provinzen noch gehört wird, für eine gefahrvolle Unternehmung, verlangt mit gleichem Recht wieder in Umlauf zu kommen.

Wehre für Gewehre, I. 43. Wehrgeschmeide, III. 4, für Waffenschmuck, Waffenrüstung.—Wörter, die in der Dichtersprache erhalten zu werden verdienen.

Weib, III. 58 "da steht vor ihm ein göttergleiches Weib,"—wird hier in der Altdeutschen Bedeutung gebraucht, vermöge deren es, wie das Griechische gyne, eine jede Frauensperson, ohne Rücksicht auf Geburt, Stand und Alter bezeichnet. So kommt das Wort Wib beständig bey den Minnesängern vor, wiewohl schon Walther von der Vogelweide in einem seiner schönsten Lieder sich sehr darüber ereifert, daß man zu seiner Zeit (im 13ten Jahrhunderte) schon einen Unterschied zu machen anfing, weil die vornehmern nicht mehr Weiber sondern Frowen (Frauen) heißen wollten. Indessen sagen noch itzt in Oberdeutschland Personen von Stande, wenn von ihres gleichen die Rede ist, —"Sie ist ein schönes Weib"; und auch in unsrer neuern Dichtersprache ist das Wort Weib von mehrern wieder in seine alte Würde eingesetzt worden. Denn, wie der eben benannte edle Minnesänger sagt:

Wib muß immer sin der Wibe höhster Nahme.

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* Jene waren, der Erzbischof von Rheims, der Bischof Herzog von Laon, derBischof Herzog von Langres, der Bischof Graf von Beauvais, und die Bischöfevon Chalons sur Marne und von Noyon; Diese, die drey Herzoge von Burgund,Normandie und Guyenne, und die drey Grafen von Flandern, Champagne undToulouse. (Zurück)

————————————Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Oberon" von Wieland.


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