XI.

Wir grüßten und kamen nach dem Rudersporthause, wo wir seit dem Ruderfeste nicht mehr gewesen waren. Ein alter Herr, der dort allerlei Schreibereien besorgte, und ein eifriger Ruderer war, zeigte uns das Museum, das Archiv und den Trophäensaal und gab uns Aufschluß über die Einrichtung der Vereine und deren Unterstützung durch den Staat. Er sagte, daß man für die unerläßliche Deckung der leiblichen Bedürfnisse, aber auch — innerhalb gewisser Grenzen — der idealen Bedürfnisse durch geregelte Arbeit vorgesehen habe, daherjedermann täglich eine gewisse Anzahl von Stunden durch so und so viele Jahre, das sei nach dem Berufe verschieden, arbeiten müsse, was das Volk von ihm fordere.

Allein man habe gefunden, daß der Mensch eigentlich arbeitsbedürftig sei und, kaum von der Arbeit gekommen, wieder etwas schaffen wolle. Dadurch sei nun der Gedanke angeregt worden, nicht nur Einzelnen, wie das auch früher geschehen, gewisse Materialien zur freien Arbeit zu überlassen, sondern auch Vereine ins Leben zu rufen und denselben große Mittel anzuweisen, um eine gewisse Thätigkeit zu entwickeln, die ja offenbar nützlich sei.

So habe man den Rudervereinen Häuser gebaut, die Anfertigung von Booten nach ihren Angaben ermöglicht, den Mitgliedern zweckmäßige Kleider zur Verfügung gestellt, ihnen den Druck einer Zeitung auf Staatskosten gestattet, Preise bewilligt und der Centralleitung eine Million Eisenbahnfahrtmeilen zur Vertheilung unter die Mitglieder angewiesen, damit sie zu Berathungen und Uebungen, sowie zu den Wettbewerbungen Reisen unternehmen könnten, die dem Einzelnen nicht in seine gewöhnlichen Reisen eingerechnet werden. Es sei durch diesen Sport das Menschenmaterial verbessert worden; die Leute würden breitschulteriger und der Brustkorb dehne sich aus, was immer mehr im Volkstypus sich auspräge. Dr. Kolb predige immer, diesen Sport zu fördern, weil er offenbar der menschlichen Gestalt zum Vortheile gereiche.

Eben kam Dr. Kolb hinzu und bestätigte das. Er erzählte, daß die Gemeinde Tulln ihn gebeten habe, — von seiner Kunst wolle er später einmal sprechen, er sei Bildhauer, — eine Statue des Zwirner zu entwerfen, durch deren Aufstellung man ihn und mehr noch seine Frau erfreuen wolle, wenn sie nach den Flitterwochen einrückten. Er habe einen ganz hübschen Entwurf gemacht und hoffe, daß man ihm diesmal seine Arbeit in Stein gießen werde, was ihm für große Werke besser gefalle, als Bronce, mit der man auch ein wenig sparen müsse. Er wolle an der Zwirnerstatue den linken Arm auf ein schlankes und überragendes Ruder gestützt und den rechten Arm, wie weithin auf die sich sammelnden Boote weisend, ausgestreckt darstellen. Die Rudertracht verstatte ihm, den prächtigen Nacken und die Muskeln der Arme zu bilden, und er habe den Gedanken, die gegenwärtige Braut des Zwirner, die bald seine Frau sein werde, in den Brautgewändern, ohne Zweifel griechischen, anliegenden Kleidern, nackten mit Sandalen bekleideten Füßen, nackten Schultern und Armen, die Rose im Haare, darzustellen. Dann könne man die Statuen im Parke von Tulln aufstellen und kommenden Geschlechtern eine Erinnerung an ein Paar prächtiger Menschen sichern.

Wir wurden allesammt zu Tische gerufen, wo heute viel von Zwirner die Rede war, der wieder in Königstetten und seit der Verlobung beurlaubt war. Nach Tisch aber ertönte von den Gongs ein für diese Fälle bestimmtes Zeichen, worauf alleshinauseilte und sich auf das gegebene Signal in die Häuser, Wirthschaftsräume, Stallungen und Werkstätten vertheilte. Es war eben ein Wagen eingefahren und Fürst Hochberg, vom Gemeindebeamten empfangen, stieg aus, um eine Musterung vorzunehmen, wozu er von der kaiserlichen Kanzlei heute den Auftrag erhalten hatte. Er ließ sich die Inventarsverzeichnisse vorlegen und mittlerweile mußte alles an seinen Platz gebracht werden. Es wurden die sämmtlichen Inventarstücke und Vorräthe, Bücher, Werkzeuge und der Viehstand durchgemustert, und da mehrere Stücke abgängig waren, die Aufklärung ertheilt, daß dies und jenes an Nachbargemeinden verliehen, zwei Thiere in eine Thierheilanstalt abgegeben worden seien u. s. w. Mittlerweile war der Kreisbeamte von St. Pölten herübergekommen und einige Techniker aus verschiedenen Orten erschienen, da es sich darum handelte, nicht nur die eiserne Eisenbahnbrücke einer Generalprobe und Prüfung zu unterziehen, sondern auch aus den Acten zu ermitteln, ob die vom Gesetze vorgeschriebenen regelmäßigen Prüfungen genau waren vorgenommen worden. Alles befriedigte den Fürsten und da er den Wagen wieder besteigen wollte, sagte der Beamte, die Gemeinde wolle, da er eben hier sei, die Gelegenheit benutzen, der Familie Hochberg und dem jungen Brautpaare ein Fest zu geben, und man bitte den Fürsten, da zu bleiben; es seien Einladungen an die Fürstin und die jungen Leute abgegangen, die man endlich in Sieghartskirchen ausfindig gemacht habe.

Da kamen schon die Fürstin im Wagen und bald darauf Zwirner mit Lori und Mary mit Professor Lueger zu Pferde, und da es schon spät war, bereitete man sich zum Abendmahle vor. Der Beamte sagte aber, der Fürst und die Fürstin würden diesmal wohl auch ein Stück Nacht opfern müssen. Das wolle man sich nicht gereuen lassen, sagte der Fürst lachend.

Die Fürstin hatte, bevor sie von Königstetten wegfuhr, für Stellvertretung gesorgt. Denn es muß immer, wo officielle Geselligkeit mehrere Menschen vereinigt, jemand repräsentieren. Diesmal hatte die Fürstin eine in Königstetten zu Gaste anwesende Tragödin gebeten, die Stelle der Hausfrau zu übernehmen, da sie sich dazu vortrefflich eignete, denn sie war gewaltig würdevoll und gab auf der Bühne immer die Königinnen.

Beim Abendmahle fehlte niemand als die Kranken und die Säuglinge, zu deren Wartung einige ältere Mädchen waren strafweise bestimmt worden. Sie wären natürlich gar zu gerne mit dabei gewesen, da sie sich aber etwas in der Schule hatten zu Schulden kommen lassen, was noch nicht gebüßt war, war diese Gelegenheit erwünscht.

Natürlich darf man sich kein üppiges Mahl vorstellen, denn die Oesterreicher leben mäßig aus ästhetischem Gefühle, aus Gesundheitsrücksichten und weil jedermann satt werden muß. Trotzdem kam zum Thee nicht nur Aufschnitt, wie sonst oft, mindestens an Sonntagen, sondern auch Backwerk, Früchteund Eis, und am Schlusse, da es galt, den Brautleuten ein Hoch auszubringen, wurden 5 Hektoliter vom besten Klosterneuburger angefahren, mit dem die Gemeinde sehr sparsam umgehen muß, weil die besseren Weine nicht eben im Ueberflusse wachsen.

Nach kurzer Pause, während welcher sich der Saal geleert hatte, bat man die Gäste zu den Spielen im Riesensaale des Bezirkspalastes. Dieser Saal war mittels ansteigender Gerüste in ein Amphitheater verwandelt worden und man belehrte uns, daß man der vielen Regatten und anderer Feste wegen beim Rudersporthause zerlegbare Tribünen, die dort in einem Hofe aufgeschichtet seien, für Tausende von Zuschauern habe, und man habe sie zu diesem Zwecke benützt, wie auch viele Hunderte von Operngläsern vertheilt werden konnten, die zur letzten Regatta von den Wiener Bühnen waren geschickt und noch nicht abgeholt worden.

Alles nahm Platz, unten die Kinder, oben die Erwachsenen nach der Größe. Die Kleinen waren übrigens größtenteils von anderen Gemeinden, denn während der Ferien ziehen die Kinder mit ihren Wärterinnen viel herum, um schon in jungen Jahren die Welt kennen zu lernen.

Im freien Raume in der Mitte war ein grasgrüner Teppich ausgebreitet und mit kleinen Gewächsen darauf gewissermaßen eine waldige Gegend markirt, die eine Matte umsäumt. Nun schoß von der Decke ein greller Strahl elektrischen Lichtes herab, der nur diesen Raum, der als Bühne diente, scharfbeleuchtete, während der ganze übrige Theil des Saales ganz finster war, und so konnten die verschiedenen Acteure aus der Finsterniß auftauchen und wieder darin verschwinden und die Illusion wurde nicht gestört. Es konnten aber viele Hunderte von Menschen das Schauspiel genießen.

Erst kamen gutgeschulte kleine Schauspieler aus Klosterneuburg, die, als Zwerge verkleidet, eine allerliebste kleine Feerie aufführten. Dann eine reizende Tänzerin, als Bajadere gekleidet. Sie war Mitglied der Ballettruppe, aber beurlaubt und in Tulln zu Hause. —

Dann kamen braune Gesellen, bei deren Anblick wir Lori rufen hörten: “Die Zigeuner!” — Man hatte längst keine Zigeuner mehr, da jedermann seßhaft werden und sich in die neue Ordnung der Dinge einleben mußte, aber die Spielweise der Zigeuner hatte sich in Ungarn erhalten, wie auch ihr Aussehen und ihre Kleidung aus Bildern noch erkennbar waren, und da hatten sich Berufsmusiker, die den großen Orchestern angehörten und auch Unterricht ertheilten, zusammengethan und einige Zigeunerkapellen gebildet, die, um sich und anderen ein Vergnügen zu machen, zuweilen, aber aus freien Stücken und selbstverständlich ohne Entgeld, abends, bald hier, bald dort mit Geige und Hackbrett aufspielten. Lori war eine große Liebhaberin von dieser Art Musik, daher man sie bei deren Erscheinen immer: “Die Zigeuner” rufen hörte, und darum kamen sie gerne ihr zu Liebe.

Als diese einige Musikstücke zum besten gegeben hatten und wieder abzogen, kam nach kurzer Pause aus dem Dunkel eine komische Figur ins Licht gewirbelt und nachdem sie einigemal im Kreise herum blitzschnell Räder geschlagen, daß man nicht ausnehmen konnte, was es sei, stand der sonderbare Kauz plötzlich aufrecht da, mit aufgerecktem Halse und gravitätischer Grandezza. Man hatte dergleichen nie gesehen und wußte nicht, was man davon halten solle. Er hatte die Haare nach drei Seiten wie zu Flammen aufgebürstet, das Gesicht weiß gefärbt, dagegen Wangen und Lippen mit abscheulicher rother Farbe bekleckst und hochaufgezogene Augenbrauen gemalt. Er stak in einer weißen Kleidung mit faustgroßen schwarzen Knöpfen und begann wie ein Hahn herumzustolziren und dummes Zeug zu reden, wobei er sich ab und zu ein paarmal in der Luft überschlug und dann wieder steif und aufrecht stand. Da kam aus dem Dunkel eine Fidel sammt Bogen in den Lichtkegel geflogen, die er geschickt auffing und, scheinbar kindisch darüber erfreut, zu spielen versuchte. Er that, als ob er es nicht verstünde, vervollkommnete sich aber zusehends und kam endlich in ein verrücktes Tempo, wobei er vor Freude Luftsprünge zu machen anfing und endlich, sich überschlagend und zugleich fortspielend, immer toller wurde und plötzlich mit einem Satze im Dunkel verschwand. Alles lachte und fragte sich, was das wäre. Ich konnte bestätigen, daß dergleichen zu meiner ersten Zeit von herabgekommenen Leuten aufgeführt wurde,ich wisse aber nicht, wie die Tollheit daher gekommen. Im Verlassen des Hauses erfuhr ich denn, das sei der jüngere Bruder Zwirners, ein bildsauberer und äußerst gelenker Bursche. Selbstverständlich lebten die Eltern Zwirners nicht mehr, denn sonst hätte ich das verehrte Publicum mit ihnen bekannt machen müssen. Der Junge nun hätte bei seinem Bruder unter den alten Sachen Bilder und Beschreibungen gesehen, aus welchen er diese Eulenspiegelei entnommen und sich insgeheim eingeübt habe, um auch einmal etwas zum allgemeinen Vergnügen beizutragen. Er durfte dafür, nachdem er sein Gesicht blank gescheuert hatte, Lori auf den Mund küssen.

Nachdem man sich verabschiedet hatte, fuhren die Hochbergs mit dem Professor und Mary heim.

Spät am Abend noch benützte der Beamte von Tulln eine zufällige Begegnung, um mir zu sagen, die Vorsteherin der Frauencurie habe ihn beauftragt, die Freiheit zur Sprache zu bringen, die ich mir gegen Selma erlaubt. Diese selbst habe für nöthig erachtet, das Vorkommniß ihren Schwestern mitzutheilen, und man glaube, daß ich nicht ganz ohne Vorwurf sei. Es sei schon nicht ganz zu billigen, daß ich mich irgend einer Gunst berühmte, die ich erfahren; es sei das etwas rücksichtslos gegen die Frauen im allgemeinen, und man meine, daß Selma unrecht gehandelt habe, darauf mit einem Scherze zu antworten, sie würde am besten gethan haben, es zu überhören. Aber die anmaßende Galanterie gegen eine verheirathete Frau, wozu ich mich im Verlaufeder Conversation verleiten ließ, sei denn doch nicht wohl zu entschuldigen. Ich sagte darauf, daß Selma verheirathet sei, hätte ich nicht gewußt. Darauf bemerkte der Beamte, die Instruction belehre mich doch darüber, daß verheirathete Frauen, welche den goldenen Reif am Finger tragen, auf besondere Zurückhaltung Anspruch hätten. Ich schützte vor, daß ich darauf nicht geachtet habe, aber darauf wurde mir geantwortet, es wäre doch das Klügste, im Zweifel eher größere Zurückhaltung zu beobachten, als sich Freiheiten anzumaßen, die übel aufgenommen werden könnten. Es sei übrigens das Ganze ohne Folgen geblieben, denn der junge Ehemann habe keinen Anstoß genommen und halte alles für recht, was seine vergötterte Selma thue, und es sei nur zu wünschen, daß ich in Hinkunft die Empfindlichkeit der Frauen mehr schonen möge.

Gleich jenem Kronprinzen in der Fabel schwur ich, in Hinkunft vorsichtiger zu sein und ließ Selma und die Frauen im allgemeinen bitten, mir Vergebung zu gewähren.

Heute, am Tage vor der Hochzeit, wollten wir ruhen und lagen viel im Walde und auf schattigen Stellen der Wiesen, stürzten uns auch einigemale in die Donau an Stellen, wo man baden durfte, ruderten ein Boot und verlebten einige Stunden der Beschaulichkeit. Da plauderte ich einmal wieder vertraulich mit Mr. Forest. Er erkundigte sich nun, wie es im Jahre 1887 gewesen sei, im Vergleiche mit heute. Ich hatte damals Reisen in Europa gemacht und kannte die Zustände des 19. Jahrhunderts auch in diesem Theile der Erdkugel.

Ich gab meine Meinung folgendermaßen kund: Damals würde die Lori eine hochnasige Comtesse, geheimen Sünden ergeben und sehr fromm gewesen sein und schließlich, wenn sie etwa arm war, einen Cavalier um seines Reichthums willen geheirathet und sich für das, was ihm abging, bei einem Stallknechte schadlos gehalten haben. Die Hochbergs würden ebenso vor dem Kaiser gekrochen sein, wie die Bauern verachtet haben, und wenn ein Prinz an Lori Gefallen gefunden hätte, würde sie sich vorihrer Verheirathung ihm pflichtschuldigst, aber ohne Liebe und wie eine Dirne hingegeben und damit den Wunsch ihres Herrn Vaters erfüllt haben, der sich das zur Ehre anrechnete, was er wieder in fürstlicher Herablassung seinem Schloßverwalter als Gunst erwies.

Zwirner wäre ein roher Holzhauer, der zwar rechtschaffen wäre, aber vielleicht doch in's Criminal käme, wenn es ihn juckte, einmal ein Stück Wild im Hochberg'schen Parke zu schießen.

Mary wäre vielleicht eine ehrsame Bauerndirne ohne Bildung und Geschmack, viel wahrscheinlicher aber, da sie ungewöhnlich schön und Wien nicht weit ist, ein lichtscheues Geschöpf, das sich bei Tage nicht sehen lassen kann, krank, dem Trunke ergeben, mit heiserer Stimme und verachtet, obgleich nicht ein Tüpfelchen schlechter, als alles um sie herum. Doctor Kolb wäre ein Quacksalber, der den reichen Leuten für theueres Geld zu Diensten steht, aber den Armen an die Klinik verweist; er würde sich am besten mit geheimen Krankheiten befassen, die er eher schonungsvoll pflegen, als heilen würde, und nichteinRecept würde er schreiben, ohne sich am nächsten Tage ein kleines Douceur beim Apotheker zu holen, der dafür den dreifachen Preis nehmen würde. Wenn eine Freundin heirathete, würde er nicht eine Photographie — ich hatte zufällig etwas von seiner Absicht wegen eines Hochzeitsgeschenkes für Lori erfahren —, sondern, da nur Werth hatte, was viel Geld kostete, seinen Einkünften gemäß eine silberneTheekanne oder ein Porzellanservice schicken und die Empfängerin würde ihm sehr freundlich danken, sich aber im Stillen über seinen schlechten Geschmack und die Knauserei ärgern.

Dem kleinen Zwirner würde es am besten von allen gehen, vorausgesetzt, daß er sich ganz dem Gewerbe widmen und sein Lebtag nur Purzelbäume schlagen wollte.

Denke man an die Photographien, die Dr. Kolb von seinen weiblichen Statuen mache, so hatte das Europa von damals sein Gegenstück in schmachvollen Photographien, die allen feineren Sinnes baar, das Roheste auf das Roheste darstellen, und würden Hunderte davon leben, diese Photographien geheim herumzuzeigen und zu verkaufen, am liebsten an junge Leute, denen es recht zum Schaden gereicht und die ihren Eltern das Geld aus der Lade stehlen, um recht hohe Preise für solche schöne Sachen zu bezahlen.

Wollten sich die Dorfbewohner einen guten Tag machen, so würden sie sich betrinken und dann wechselseitig halb todt schlagen. Aber — nicht wahr “Mr. Forest? — damals war es doch schöner!”

“Das will ich nicht behaupten, aber auch damals hätte man ja das alles bleiben lassen können!”

Ich erwiderte darauf, daß ich wieder an der Richtigkeit seiner, des Mr. Forest, Anschauungen zu zweifeln angefangen hätte und, wenn ich noch hundert Jahre lebte, hoffte, die Wahrheit zu ergründen.

Wir gingen dann zu Dr. Kolb ins Atelier.Er war Bildhauer aus Liebhaberei und hatte im Bezirkspalaste neben der Modellirschule einen großen Saal für seine Zwecke angewiesen erhalten, da man seine Kunst für nützlich hielt und ihn auf alle Weise unterstützen wollte. Es stand neben ihm ein Modell — nun ein Modell — aber ohne mütterliche Begleitung, denn es war ein Riesenkerl, der, selbst ein Ruderer, Schultern und Arme hatte, die zur Zwirnerstatue vortrefflich paßten. Den Kopf Zwirners hatte Dr. Kolb unzähligemale nach der Natur modellirt, daher er eine Portraitstatue machen konnte, obgleich Zwirner nicht erfahren sollte, was im Werke sei. Während der Arbeit, die wesentlich nur mehr im Vollenden des Nackens, der Schultern mit den Schlüsselbeinen, der Arme und Hände bestand, plauderte Dr. Kolb mit uns und da wir unsere Verwunderung über die gestrige Improvisation der Abendunterhaltung aussprachen, sagte er, wo viele Hände zusammenwirken, vollbringe der Mensch Erstaunliches. Er bat uns, während er arbeitete, unter den zahllosen Statuen und Büsten auf den niederen Schemeln Platz zu nehmen, auf welche er seine lieben Modelle zu stellen pflegte, und erbot sich, uns eine Geschichte zu erzählen. Wir sahen eine Statue, die, ganz mit Tüchern verhüllt, im Hintergrunde stand.

“In Gutenstein,” fing er an, “lebt heute noch ein Ingenieur, der in jungen Jahren die unglaublichsten Dinge vorschlug und auch ausführte, und dem man sich seiner Findigkeit wegen gerne zuDiensten stellte, wenn er ein Projekt ausgesonnen hatte. Da war er eines Tages, — es war ein Freitag Abend, — mit einigen Freunden im Parke von Gutenstein, wohin sie sich ein kleines Fäßchen Bier gerollt hatten, das sie, auf die Wiese gelagert, zu vertilgen beschlossen hatten. Nun kam die Rede auf viele große Dinge, die schon durch das Zusammenwirken vieler rasch wären ausgeführt worden, und der Ingenieur vermaß sich, alles zu übertreffen. Man lachte und sagte, man wolle es auf eine Probe ankommen lassen, und als das Bier alle geworden, gingen die jungen Leute in der Nacht ihrer Wege. Sie waren ihrem Freunde zu Liebe aus verschiedenen Gemeinden gekommen, ihn zu beglückwünschen, weil er in Kürze sich vermählen sollte. Alle waren Techniker und am nächsten Tage bei der Tafel erhielten sie, jeder von ihnen an seinem Orte, ein versiegeltes Packet von dem Ingenieur, — sein Name war Schneider, — zugesandt, worauf stand, der Empfänger solle sich mit so vielen Männern und Jünglingen, als er auftreiben könne, um 6 Uhr beim Telephon einfinden und dann erst das versiegelte Packet eröffnen.”

“Das thaten nun die Empfänger auch, und da alles gespannt war, was denn der Teufelsschneider wieder ausgeheckt habe, blieben alle jungen und alten Männer auf Meilen in die Runde zu Hause, obschon sonst am Samstage alles mobil wurde und auf Ausflüge sann, besonders nahe dem Schneeberg, den in solchen Nächten viele Tausende erstiegen.Zwischen 6 und 7 Uhr löste sich das Räthsel. Schneider hatte beschlossen, auf eine Nebenkuppe des Schneeberges, die bisher von den Touristen war vernachlässigt worden, in 24 Stunden nicht nur ein Touristenhaus zu zaubern, sondern auch einen ganz neuen Aufstieg dahin zu machen, der, in Serpentinen sachte ansteigend, für Fußgänger und Saumthiere zu brauchen sein sollte. Jeder von den Freunden hatte für seine Section, in welcher er die Arbeiten leiten sollte, an zehn Gehilfen zu ernennen und zu instruieren. In den versiegelten Packeten waren die zehn Sectionen der Wegstrecke von dem bergkundigen Erfinder auf das klarste angegeben und fand sich auch der Plan des Touristenhauses mit Zeichnungen aller Werkhölzer und genauen Anweisungen beigegeben, welche Materialien erforderlich seien und wie viele Tragthiere man brauche, um alles richtig auszuführen, und welche Werkzeuge man mitnehmen müsse, wobei auch Dynamitpatronen nicht vergessen waren, da an gewissen Stellen Sprengungen erforderlich waren. Aber man brauche 5000 Arbeiter, legte der Erfinder dar, denn die gesammte Länge des Weges betrage des sanften Anstieges wegen 15 000 laufende Meter und er wolle im Durchschnitte keinem mehr als 3 Meter der Wegstrecke zumuthen. Die am Fuße des Berges hatten aber 7 Meter herzustellen und jene, die bis zur Spitze zu wandern hatten, brauchten nur 2 oder 1 Meter zu übernehmen. Für jede Gemeinde war die Stelle angegeben, wo sie zu arbeiten habe, und so genauwaren die einzuschlagenden, oft nur dem Schneider bekannten Wege, auf welchen zur Arbeitsstelle zu gelangen sei, angegeben, daß man sich auch im Finstern hätte zurechtfinden können. Es war aber eine mondhelle Nacht. Die Zimmerleute, Tischler, Schlosser und Glaser sollten in der ersten Hälfte der Nacht oder mindestens bis 4 Uhr Morgens alles fertig machen und die Hütte in ihren einzelnen Theilen hinaufschaffen, was nicht schwierig sei, da bis dahin der Weg schon gangbar sein müsse. Freilich müßten viele zusammenarbeiten und die Beamten, die ja eine Art Dispositionsfond für solche Zwecke besaßen, trockenes Holz und die Dampfsäge sammt anderen Holzbearbeitungsmaschinen zur Verfügung stellen. Da aber in Neunkirchen eine große Bautischlerei mit allen Maschinen sei, könne es nicht fehlen, daß der Plan gelinge. Die Maurer brauchten nur gelöschten Kalk in Truhen mitzunehmen, die ja von zwei Saumthieren getragen werden könnten. Sand, Stein und Wasser fänden sie im Ueberflusse und bedürfe es ja nur unbedeutender Fundamente.”

“Man jubelte und ging an's Werk und schleppte auch aus den Vorräthen die ganze Einrichtung sammt Kochherd mit. Morgens holte sich der Schlaue, der in der Nacht vom Freitag auf Samstag rastlos an seinen Plänen und Instruktionen gearbeitet hatte, vom Samstag auf Sonntag aber ganz ruhig in seinem Bette schlief, sein Bräutchen ab und sagte, er wolle ihr ihre Morgengabe heute schon geben. Da sie reisefertig war und er durch das Telephonerfahren hatte, alles sei gelungen, führte er sie den neuen Serpentinenweg hinan, von jenen, die noch die letzte Hand ans Werk zu legen hatten, stürmisch applaudirt, bis zur Schutzhütte, leerte ein Glas Wein, das er dann 200 Meter tief in einen Abgrund schleuderte, auf das Wohl seiner Braut und sagte. ‘Nun, Freunde! tauft die Hütte ‘zur schönen Schneiderin’ und entweiht mir sie nicht bis zum Ablauf meiner Flitterwochen, die ich hier mit meiner Kathi verleben will. Dann gehört das Haus der ganzen Welt.’ — Das fand man gerecht, und, nachdem er sich vermählt hatte, zog er mit Proviant, Büchern und Bildern und einem Photographenapparate mit ihr hinauf und verjubelte einen Monat. Als er zurückkam, zeigte er zahllose photographische Ansichten, die er aufgenommen hatte, und man begriff nicht, was der Teufelskerl gemacht hatte; denn es war doch keine Seele bei ihnen und auf allen Bildern war er mit seiner jungen Frau abgebildet; da sah er ihr kochen zu, dort schnitt sie einem Huhn, das sie verzehren wollten, den Kragen ab, dann wieder speisten sie oder tranken sich fröhlich zu, hier neckten sie sich, dann hielt er ihr eine Strafpredigt und sie schien ganz unbändig zerknirscht, bald darauf wieder lag er wie verzweifelt vor ihr auf den Knieen und sie drehte ihm ärgerlich den Rücken, und so ging es fort; auf allen schönen Plätzen und Ruhebänken und Aussichtspunkten waren Schneider und Schneiderin verewigt, und an einem Abgrunde stand er gar, als wollte er sich hinabstürzen, undsie zog aus Leibeskräften an seinen Rockschößen. Nachdem man sich den Kopf zerbrochen hatte, wie das zugegangen, zeigte Schneider, wie er mit Häckchen, Bindfaden, Rollen und Steinen, die als Gewichte dienten, es zu Stande gebracht hatte, daß sich die Klappe des Apparates zur bestimmten Zeit blitzschnell von selbst öffnete und wieder schloß, und so hatte er, nachdem er den Apparat eingestellt hatte, Zeit, seine Stelle einzunehmen und mit seiner Frau das gewünschte Stück zu spielen. Aber die Freunde behaupteten, Schneider verheimliche einen Theil seiner Bilder, man wisse, daß er 100 Platten mitgenommen, und es wären nur 97 Aufnahmen da. Das sei gegen den Communismus, er müsse auch die drei anderen Bilder zeigen. Frau Schneider wurde unmerklich roth, er aber schwur hoch und theuer, das sei Verläumdung, bei seinem Kampfe mit seiner Frau am Abgrunde seien drei Platten hinabgestürzt und wenn sie es nicht glaubten, möchten sie nur nachspringen.”

“Da habt ihr die Entstehungsgeschichte vom Schutzhause zur schönen Schneiderin, die ihr gesehen haben müßt, als ihr auf dem Schneeberge übernachtetet.”

Das hatten wir auch. Wir glaubten dem Erzähler alles aufs Wort.

Wir fuhren am Mittwoch den 29. Juli 2020 nach Wien, wo heute die Vermählung der 100 Schönsten stattfinden sollte. Die Nächstbetheiligten waren schon früh in Kutschen voraus gefahren und wir gelangten vom Franz Josefs-Bahnhofe aus auf einem Straßenbahnwagen bis zum Burgtheater, wo wir ausstiegen und durch den Rathhauspark zum Palaste des Tribunats wanderten, um über eine Prachtstiege in den großen Festsaal emporzusteigen, wo man uns neben vielen Broncestatuen die des Dr. Johann Nepomuck Prix, des ersten Bürgermeisters von Groß-Wien, zeigte. Wir stellten uns mit den anderen Zusehern im Kreise der Fensterseite gegenüber auf und ließen von den Thüren her Gänge frei für den Einzug der Bräute. Auf der Gallerie wimmelte es von Frauen aller Art, die Eintrittskarten erobert hatten, und uns gegenüber war unter einem Zelte von rothem, goldgesticktem Sammt und vergoldeten Zeltstangen ein Thron aufgerichtet, zu dem man über Stufen aus seltenemHolze, auf denen ein kostbarer Teppich lag, hinaufschritt.

Es war eben 2 Uhr; die Thurmuhr schlug dröhnend und man hörte drei Schläge an der Saalthüre, die aufsprang und hinter Hellebardieren und den Tribunen in ihrer Amtsfesttracht schritt der Unterrichtsminister im rothen Talare mit dem rothen Barett auf den weißen Haaren, die Amtskette mit zahllosen Diamanten auf der Brust, herein, gefolgt von hohen Beamten und Hellebardieren, die den Schluß machten. Die Julisonne spielte in den Bäumen im Parke und durch die mächtigen Fenster sah ich das Burgtheater, über dem der verdächtige Apollo thront, uns gegenüber stehen.

Nachdem der Unterrichtsminister, der heute die Stelle des Kaisers vertrat, sich niedergelassen und die Begleitung und die Hellebardiere ihre Plätze eingenommen, wurde das Zeichen gegeben und zwei Saalthüren öffneten sich, durch welche die Bräute, geführt von ihren Auserwählten und zu beiden Seiten geleitet von einem Schwarm von Ehrenfräulein, eintraten und einen engeren Kreis um den Thron bildeten. Der junge Mann stand hinter seiner Braut und weiter zurück die Ehrenfräulein. Die Bräute trugen das Haar in Flechten. Die Tracht war griechisch, das Oberkleid an beiden Schultern aufgeknüpft, und hatte man heute Goldbrocat gewählt. Das an den Hüften aufgeschürzte Oberkleid bildete dort etwas überhängende Falten und floß bis zu den Knöcheln; an den nackten Füßen trugen sie reichgezierteSandalen und mit Geschmeide an Hals und Armen war man nicht sparsam umgegangen, da nicht nur die Brautschatzkammer zur Verfügung stand, sondern das Obersthofmeisteramt auf Befehl des Kaisers die ganze kaiserliche Schatzkammer geplündert hatte. Schon seit drei Tagen waren die Bräute zur Probebekleidung gekommen, denn das Schmücken einer Braut war eine Kunst, welche nur wenige verstanden, und tagelang wählte man unter dem Schmucke herum, bis man das richtige gefunden hatte, das zu Haar- und Hautfarbe am besten stand. Jede einzelne Braut war in der Eigenart ihrer Schönheit auf das sinnigste geziert. Da nichteineBraut im Saale war, die nicht Rosenkönigin gewesen wäre, hatten sie alle die goldene Rose im Haare und man war geblendet von der Schönheit, die hier zu schauen war. Vergebens suchten Perlen und Diamanten uns irre zu machen, wir sahen nur Hälse und Schultern, kräftige Arme im schönsten Ebenmaße, die Haut schimmernd vom reinsten matten Weiß bis zum hellen Bernstein und ein Königreich hätte man geben können für das allerkleinste Muttermal oder eine Sommersprosse. In allen Farben spielten die Haare, aber das Schwarz überwog; nur unsere Mary Zwirner hatte aschblonde Haare.

Nun hielt der Unterrichtsminister sitzend, etwas vorgebeugt, die Ansprache und beglückwünschte erst die jungen Männer, welche so herrliche Frauen heimführten, aber auch die Bräute, die Freude an ihren Männern erleben würden. Den Bräuten sagte er,daß sie eine schwere Bürde auf sich nähmen und viel zu leiden haben würden, aber es beseelige sie der Gedanke, daß in ihnen das Geschlecht fortleben werde, und das Vaterland sei dankbar. Niemand stehe höher in Ehren im Vaterlande, als die Mutter, von blühenden Kindern umgeben, und es würde ihnen an solchen nicht fehlen. Oesterreich habe sich seiner Frauen nicht zu schämen. Schönheit, Anmuth, Kraft und Geschmeidigkeit zierten ihren Leib und Grazie entzücke in ihren Bewegungen und ihrem Mienenspiele, aber die hundert Freundinnen, die hier vor ihm stünden, hätten ihresgleichen nicht auf dem Erdenrund; die Gottheit sei in ihnen lebendig geworden und diese Stunde sei für alle, die anwesend seien, eine weihevolle.

Er ließ die Ehepaare, welche ein Herold beim Namen aufrief und der Reihe nach vor ihn hintraten, nachdem er die Stufen herabgeschritten war, den Ringwechsel vollziehen, und entließ jedes Paar mit den Worten: “Von dieser Stunde an seid ihr Mann und Frau.”

Als die Ceremonie vorüber war und die Ehepaare mit den Ehrenjungfrauen den Saal verlassen hatten, stürzte alles nach den Ausgängen, um auf die Straße zu kommen und ein Plätzchen nahe dem Burgtheater uns zu sichern, denn nun kam der Brautfestzug, der sich um die Ringstraße bewegen sollte. Voran die Herolde mit silbernen Trompeten, aus welchen ab und zu Fanfaren klangen, dann die Ehrenfräulein auf weißen Pferden, endlich die herrlichen100 Brautwagen, von Isabellen gezogen, mit glänzendem Geschirre, von schönen und reichgekleideten Jünglingen gelenkt und in jedem saß die liebliche Braut neben ihrem Erwählten in großer Bewegung und sich beständig verneigend, während der von Glück strahlende Gatte den Freunden winkte und grüßte, die Rechte aber nicht wollte von der Schulter seiner Frau nehmen, der er am liebsten um den Hals hätte fallen mögen. Da der Zug sich sehr langsam bewegte, um all' den Tausenden von Zuschauern Zeit zur Bewunderung der Schönen zu lassen, eilten wir, als der Zug, in dessen Mitte der Unterrichtsminister, umgeben von berittenen Tribunen und Beamten fuhr, kaum vorüber war, durch das Gedränge voraus und konnten gerade noch auf den Stufen des Monumentes der Kaiserin Maria Theresia einen Platz erobern, als die ersten Wagen auf dem Forum anlangten und links einbogen, um im Halbkreise unter den Fenstern der dreitheiligen kaiserlichen Burg vorüberzufahren, die mit Teppichen und Gewächsen geschmückt war. Dort in der Mitte auf einem weiten Balcon stand der Kaiser, der vom Hoflager auf der Rosenburg bei Horn hereingefahren war, und die Kaiserin mit den Prinzen und Prinzessinnnen und alle Fenster waren besetzt mit Hofbeamten und Adeligen, fremden Gesandten und den Hausgenossen des Kaisers, von den Ehrendamen und Castellanen bis zu den Wagenlenkern und Köchen mit ihren Gehilfen und Gehilfinnen. Alle schwenkten die Tücher und man sah einige Bräute in Thränenausbrechen. So ging es weiter über die Ringstraße bis wieder zur Burg zurück, wo mittlerweile die Tafel gedeckt wurde, weil die jungen Eheleute und das ganze Gefolge, worunter wir uns auch mischen durften, beim Kaiser zu Tische waren.

Im Riesensaale, der, nachdem man, um das Tageslicht auszuschließen, die Fenster geschlossen hatte, hell erleuchtet worden war, waren die Tafeln aufgerichtet. Das Mahl verlief fröhlich und war nicht nur eine große Pracht entfaltet, sondern es fehlte auch nicht an Musik, welche der Natur des Festes angepaßt war. Nach dem dritten Gange erhob sich der Kaiser und alle Tischgenossen folgten seinem Beispiele. Mit weithin tönender Stimme sprach der Fürst den Trinkspruch: “Ich leere mein Glas zum Preise und zur Ehre der Frauenschönheit, die in so vielen und mannigfaltigen Gestalten hier verkörpert ist, und zum Ruhme der jungen Frauen, die das kostbare Gut göttlicher Schönheit vererben auf kommende Geschlechter, ihren Ehegenossen zum Entzücken, ihren Kindern zum Segen und dem menschlichen Geschlechte zur Vervollkommnung, — hoch die jungen Frauen!”

Die Männer fielen ein und die Frauen verneigten sich lächelnd. Der Kaiser ließ das Glas an das seiner Nachbarin, der Fürstin Anselma Lobkowitz, anklingen. Diese erwiderte: “Dank Dir, dem Fürsten so vieler edler Völker, die den vaterländischen Boden besitzen, im gleichen Ansehen und durch redliche Arbeit habsburgischer Kaiser in wechselseitigem Vertrauen und Frieden vereint. Dir und deinem Hausehängen wir an und unsere Söhne und Enkel, solange dein Haus den Völkern Treue bewahrt. Habsburg hoch!” — “Habsburg hoch!” scholl es von Aller Lippen. — Der Kaiser sah lächelnd auf die freimüthige Sprecherin.

Nun erhob sich Zwirner zur Rechten der Kaiserin, Lori an der Hand haltend: “Unsere Frauen vererben mit uns vereint den kommenden Geschlechtern Schönheit und Kraft. Ein Erbe wollen wir Männer vor Allem auf sie übertragen, Treue und Verehrung den Frauen und Treue der bürgerlichen Gesellschaft, jene Pflichttreue, worin uns die Habsburger bisher Wegweiser gewesen. — Dem wir Alle dienen, Oesterreich, hoch!” — Begeistert fielen alle ein und nun machte man der Tafel, an welcher nur wenige Schüsseln, aber vortreffliche Weine gereicht wurden, bald ein Ende, denn die Ehemänner wollten nach Hause fahren.

Die Nacht war schon hereingebrochen und die Kutschen geschlossen und es steht uns frei, Betrachtungen anzustellen, ob da vielleicht das Küssen schon angegangen.

Unserem Freunde war für die Honigmonde ein allerliebster Pavillon im Schloßparke von Königstetten, versteckt im rückwärts gelegenen Theile unter hohen Linden, eingeräumt und dieser Theil weit herum in Bann gethan, daß niemand bei schwerer Strafe eindringen dürfe, ausgenommen die Freundinnen, die gerufen wurden, um die Mahlzeiten aufzustellen und die Gemächer in Stand zu halten. Wir konntenweder Zwirner noch Lori mehr zu Gesichte bekommen und erwarteten, daß sie uns ganz vergessen würden. Wir mußten uns an Dr. Kolb als Vertreter unseres Freundes genügen lassen, der uns für den nächsten Tag versprach, uns über einige Zweifel Aufschluß zu geben.

Zwirner, der anderes zu thun gehabt, habe ihm die Bücher von Bellamy und Michaelis zum Lesen überlassen und er wisse uns Bescheid zu geben.

Am nächsten Tage wanderten wir mit Dr. Kolb über Tulbing ins Gebirge, wo wir, das sei im Vorbeigehen bemerkt, später von einer Höhe aus den verzauberten Pavillon unserer Freunde ein wenig durch dichtes Baumgezweige schimmern sahen, und widmeten einige Stunden der Besprechung jener Frage, die uns hierhergeführt hatte.

Dr. Kolb leitete seine Erörterungen mit einem Ueberblicke über die Bücher von Bellamy und Michaelis ein und wies nach, daß Bellamy viele Irrthümer begangen hätte, aber Michaelis noch weit mehr und daß offenbar beide fehlerhaft berichtet hätten. Das Fernsprechwesen diene nach Bellamy nur zu kindischen Spielereien, nicht als Hilfsmittel der Produktion und Vertheilung; die größeren Städte ließen auf zerstreute Farmen schließen, welchen alle geistige Kultur fehlen müsse, und wenn Dr. Leete mir berichtet habe, daß die Waaren durch pneumatische Röhren in die Dörfer befördert würden, so habe er mir offenbar einen Bären aufgebunden. Aus solchen Verhältnissen müsse sich nothwendig eineSchichtung im Volke ergeben zwischen überfeinerten und rohen Elementen, die sich nicht verstehen und anfeinden, daher man sich den Anfall des Fest auf Dr. Leete recht wohl erklären könne.

So, wie Bellamy, oder eigentlich ich als seine Puppe gesehen, könne Amerika im Jahre 2000 nicht ausgesehen haben und ebenso irrig seien die Anschauungen gewesen, die Michaelis den Mr. Forest habe äußern lassen. Bellamy habe unmögliche Dinge gesehen und Einrichtungen bewundert, die herzlich schlecht waren, aber nicht schlecht, weil sie communistisch waren, sondern schlecht, weil der Communismus nicht vollständig zum Durchbruch gekommen und das neue Prinzip möglichst ungeschickt angewendet worden war. “Auch sehen wir aus Bellamys Berichte wohl, wie es Dr. Leete ergeht, er gibt uns aber gar keinen Aufschluß über die Lage des Bauern- und Arbeiterstandes, über die Vertheilung der Bevölkerung, den Volksunterricht und vieles andere. Die Reste von Privatwirthschaft verwirren alle Verhältnisse, ohne irgend einen Nutzen zu gewähren. Das Eigenthum muß ganz abgeschafft, oder richtiger, alles muß Collektiveigenthum werden und wenn auch die Arbeitstheilung und damit die Berufstheilung nicht nur beibehalten, sondern bis ins kleinste hinein durchgeführt und noch weit über das dem 19. Jahrhunderte bekannte Maß vervollkommnet werden muß, so dürfen die einzelnen Berufe sich nicht wie hinterlistige Gegner gegenüber und in demselben Interessenkonflikte stehen, in dem früher die Individuen standen.Es hat sich ja auch unter den von Zwirner geprüften Werken des 19. Jahrhunderts ein Buch von Dr. Theodor Hertzka, ‘Die Gesetze der sozialen Entwicklung’ betitelt, vorgefunden, wo neben scharfsinniger Kritik der landläufigen Lehren die abstrusesten Vorschläge enthalten waren, wie alle Berufe, die doch auf eigene Rechnung arbeiten und Eigenthümer der Produkte bleiben sollten, schuldig wären, darüber Rechnung zu legen, damit die ganze Welt sollte erfahren können, in welchem Berufe die höchsten Dividenden abfallen und jeder sein armes Gewerbe sollte aufgeben und dem lukrativsten beitreten können.”

“Es waren unklare Gedanken, die Eigennutz und Uneigennützigkeit durcheinander warfen, und immer zeigte sich ein Angstgefühl, daß der Wettbewerb erlöschen könnte. Man sah nicht, daß damals ein Wettbewerb für Spekulanten und Raubritter bestand, daß aber die ehrliche Arbeit keinen Lohn fand und der Wettbewerb der Arbeiter nur den Taschen der Unternehmer zugute kam und am Ende immer wieder zu verschärfter Sklaverei der Arbeiter führte, daher diese mit vollem Rechte, weil ihr eigenes Leben daran hing, besonderen Fleiß ihrer Kameraden mit ihrem Hasse verfolgten.”

“Auch war es ein Zeichen großer Begriffsverwirrung, daß man damals keinen Unterschied zwischen materieller und geistiger Produktion, zwischen jener menschlichen Thätigkeit, welche die bereits erworbene Kultur ausbeutet, und jener, welche dem Fortschritte dient und der Menschheit neue Bahnen eröffnet, machteund daß man nicht erkannte, daß die eine Art menschlicher Thätigkeit nur fruchtbar ist, wenn sie geregelt wird, die andere nur fruchtbar, wenn sie freien individuellen Impulsen folgt, und daß es ebenso absurd ist, alle menschliche Thätigkeit zu regeln, wie es absurd ist, für alle menschliche Thätigkeit Freiheit und Individualismus in Anspruch zu nehmen. Da aber dem Fortschritte und der geistigen Cultur offenbar nur ein kleiner Theil der wirthschaftlichen Mittel zugewendet werden kann, so war es ja auch offenbar, daß die überwiegende Masse der menschlichen Arbeit eine gebundene und kollektive sein müsse, wie sie es ja auch damals schon, aber nicht zum Vortheile des Volkes und der arbeitenden Classe, sondern zum Vortheile einer kleinen Zahl glücklicher Unternehmer wirklich war. Der Erfolg des Großbetriebes wies auf die absolute Nothwendigkeit hin, die mechanische Arbeit der Menschen zu regeln.”

“Für denFortschrittallerdings mußte ein Wettbewerb fortdauern.”

“Wirhabeneinen Wettbewerb, aber nur in der edelsten Form. Ich bin längst arbeitsfrei, das heißt, ich brauche keine geregelte Arbeit mehr zu leisten, weil ich als Arzt diente und daher, da Aerzte einen verantwortlichen Beruf haben und Tag und Nacht zur Verfügung stehen müssen, schon mit 47 Lebensjahren meine Dienstzeit abgeleistet hatte. Es sind seither drei Jahre verflossen und ich habe mich immer noch mit Liebe meinem früheren Berufe gewidmet, nur nicht mit der Gebundenheit eines Beamtenund mit einer Einschränkung, die mir erlaubt, dem Vaterlande auch andere Dienste zu leisten, auf die es kein Recht mehr hätte. Wo man erfährt, daß ich mich im Orte oder in der Nähe aufhalte, lassen mich Schwerkranke oder ihre Angehörigen bitten, am Krankenbette zu erscheinen, und ist mein Rath manchesmal von Nutzen gewesen, denn die geschicktesten Collegen sind oft in einem einzelnen Falle mit Blindheit geschlagen, wie es mir ja auch oft ergangen. Ich betheilige mich oft an gelehrten Congressen, erstatte Gutachten über allgemeine Einrichtungen, diene als Sachverständiger in Rechtsfällen und schreibe Artikel für die Fachblätter. Aber das geschieht nur mehr aus Liebe zur Sache und zum Vaterlande und weil ich sehe, daß sich alle anderen Leute, die sich zur Ruhe gesetzt haben, nützlich machen, und weil wir Aerzte überdies genau wissen, daß man dadurch sein Leben verlängert. Es ergeht jedem übel, der nach beendeter Dienstzeit in Trägheit und Genußsucht verfällt.”

“Aber ich bin, wie jeder andere, nicht nur Berufsmensch, sondern auch Dilettant und habe mich, wie ihr schon wißt, hauptsächlich der Plastik zugewendet, wobei mir meine anatomischen Kenntnisse zustatten kamen. Ich habe dieser Kunst schon früher gehuldigt, seit Beendigung meiner Dienstzeit aber an hundert Büsten und Statuen in Thon geschaffen, wobei mir von Vortheil war, daß ich für meine Lehrjahre Materiale in Hülle und Fülle hatte und nicht um Stoff zu betteln brauchte. Ich habe bald einen Ruferlangt und die Staatsverwaltung, wie auch die Civilliste, haben viele meiner Statuen gießen lassen und mir so einen weitbekannten Namen gemacht. Erst in neuerer Zeit habe ich mich daran gewagt, meine Werke in Marmor zu meißeln, und ist ein Werk für eine hohe Frau in Arbeit, von welcher die reizende Idee stammt, welche dem Ganzen zu Grunde liegt.”

“Es wird sehr viel in Bronze gegossen, weil die Feld- und Festungskanonen aufgelassen und auch die zahllosen Glocken größtentheils eingeschmolzen wurden, und es liegen noch einige tausend Uchatius in den Magazinen die darnach lüstern sind, sich in berühmte Männer oder schöne Frauen umgießen zu lassen. Das Ciseliren meiner Werke übernehme ich zwar in der Regel selbst, aber auch das Ciseliren ist zu einer weit verbreiteten Liebhaberei geworden und oft sehe ich in einer Ortschaft Freunde beschäftigt, einen Abguß meiner Statuetten zu ciseliren.”

“Wir haben auch andere Vervielfältigungsverfahren, wie den Steinguß nach einer Methode, die im 19. Jahrhunderte der Firma Matscheko und Schrödl patentirt wurde, deren Werkstätten, zehnfach vergrößert, noch an den südlichen Marken von Wien stehen. Dann hat man auch versucht, von schon ziselirten Bronzestatuen Formen zu machen und mit Hilfe elektrischer und galvanischer Prozesse in den Formen einen metallischen Ueberzug herzustellen, der mit einer Pasta ausgegossen werden kann, die steinhart wird. Wenn dann die Formen abgenommen werden, hat maneine Reproduktion, die die feinste Ciselirung haarscharf wiedergibt, und es ist mir nicht klar, weshalb diesem Abguß nicht dem Originale im Werthe vollkommen gleich gehalten werden sollte. So werden plastische Werke überallhin verbreitet und sie sind nicht mehr blos in Sammlungen zu finden.”

“Wie bemerkt, habe ich schon einen großen Ruf und da die Frauen die Künste verehren, fehlt es mir nicht an Modellen. Die schönsten Mädchen, auch solche, die zur Ehe bestimmt sind, kommen, natürlich unter dem Schutze der Mutter oder Adoptivmutter, in mein Atelier und hat mein Auge Schönheit geschaut, für die es keinen Ausdruck gibt. Als Anatom weiß ich das Entscheidende festzuhalten und wiederzugeben. Ich habe eben mein Meisterstück beendet, das noch niemand sehen darf und womit ich hoffe, — es mag eine Täuschung sein —, einen Meisterpreis zu erringen. Der Wettbewerb für Plastik findet im Dezember statt und bis dahin will ich niemand mein Werk sehen lassen. Ihr sahet ja in meinem Atelier die verhüllte Statue stehen.”

“Es stellt die Braut dar, die, das Haupt soviel als möglich seitwärts gewendet, nur das Antlitz in dem im Ellbogen eingeknickten Arme vergräbt, um wenigstens davon soviel, als ohne Hilfsmittel geschehen kann, in holder Scham zu verbergen, die rechte Hand, wie ganz leise abwehrend, senkt, so tief der Arm reicht, und, man möchte glauben, es zu fühlen, wonneschauernd Schonung heischt. Den jungen Gatten müssen wir uns dazu denken, wie er, vorseiner Göttin zu Boden gesunken, die lieben Füße küßt. Ich schmeichle mir, daß die Haltung der Statue jeden das Bild so ergänzen läßt, und das scheint mir die Aufgabe der Kunst; sie soll keine Räthsel aufgeben, die sich nicht im bloßen Anschauen und mit voller Sicherheit lösen lassen.”

“An fünfzig Modelle habe ich Probe stehen lassen, bis ich das Mädchen fand, das nicht nur unvergleichlich schön war, sondern auch die plastische Haltung in meinem Sinne wiederzugeben schien.”

“Wenn mir nur die Frauencurie nicht den Vorwurf macht, ich hätte die Phantasie nicht bis in das Brautgemach führen dürfen, oder meinem Kunstwerke fehle die Wahrheit, weil kein keusches Weib solche Gunst selbst dem Gatten erweise. Ich aber werde nicht müde, für unsere armen schönheitshungrigen Männer zu wirken.”

“Die Statue,” sagte Mr. Forest, “könnte man wohl eher für eine zur Besichtigung ausgestellte Haremssklavin halten.”

Darauf bemerkte Dr. Kolb, ein wenig ärgerlich: “Das hängt von der Lebensanschauung des Beschauers ab. In unserer Zeit, in welcher wohl eher die Männer in einer Art — allerdings süßer — Sklaverei gehalten werden, wird diese Auslegung nicht leicht sich aufdrängen, und dagegen spricht auch die Rose, die wir unseren schönsten Jungfrauen verleihen, und der im Haare zurückgebliebene Brautschmuck.”

Unsere Lebensanschauung sträubte sich dagegen, die unserem Gesellschafter erwünschte Auslegung sounzweifelhaft zu finden, doch gaben wir unseren Gedanken nicht weiter Ausdruck.

“Was könntest du in Amerika für eine solche Statue bekommen und hier wird man dir gewiß kargen Lohn geben,” bemerkte Mr. Forest.

“Ich will meine Statuen im Lande behalten, der Lohn wäre aber nicht karg, wenn die Kunstrichter und das Volk mit mir zufrieden wären. Ich könnte mir ein Schloß auswählen und Gärten fordern, Pferde und Wagen und ein Dutzend Hausgenossen aussuchen, bis etwa die Geduld der Regierung reißen und man das Volk befragen würde, ob man meiner Unersättlichkeit noch ferner nachgeben solle. Aber wenn ich Lohn verlange, schließe ich mich selbst vom Wettbewerbe um die Ehrensäule aus und ein Communist, der bald hier, bald dort wohnen und den Freuden nachgehen will, hat kein Vergnügen daran, sich mit einem Schlosse an eine kleine Scholle binden zu lassen. Denn das ist eine gerechte Forderung, daß derjenige, welcher etwas ausschließlich für sich verlangt, sich dafür ausschließen läßt von jenem, was allen gemeinsam ist.”

Ich sagte darauf, wir glaubten, von dem Gegenstande, der hier alle Köpfe zu beherrschen scheine, genug zu wissen und daß ja jetzt vielleicht die Antwort auf Mr. Forests Frage folgen könnte, wie man es hier mit Religion halte, und ob denn keine Christen im Lande seien, da man keinen Gottesdienst sehe.

Darauf sagte Dr. Kolb, daß die sichtbare Kirchesich aufgelöst habe und es nur eine unsichtbare gebe. Es scheine geheime Sekten zu geben, die niemand eindringen lassen, den man für freigeisterisch hält, aber sie hätten es aufgegeben, sich gewaltsam aufzudrängen. Die Kirchen seien nach einem stillschweigenden Einverständnisse meist abgetragen worden, Geistliche habe man nicht wieder angestellt und beim letzten Conklave habe man zwar die weißen Wölkchen aufsteigen sehen, die von den nach beendeter Wahl verbrannten Wahlzetteln aus einem bestimmten Schornsteine aufzusteigen pflegen, aber als einige Nobili und Frauen begeistert riefen: “Habemus papam!” seien die Cardinäle unverrichteter Dinge aus dem Conklave gekommen und hätten gesagt: “Papam non habemus.”

“Die Evangelien wurden durchgeprüft und man fand, daß Christus eineöffentlicheGottesverehrungja gar nicht haben wollteund daß der Kern des Christenthums ist: ‘Liebe Deinen Nächsten, wie dich selbst,’ was in eigenthümlicher, aber wirklich tiefsinniger Ausdrucksweise Paulus mit den Worten bezeichnet: ‘Keiner suche das seinige, sondern das des andern.’ Lange wurde hin- und her gekämpft und dann nahm die Bewegung doch jenen Verlauf, den die Denkenden vermuthet hatten. In Wien sind noch drei Kirchen zu sehen, die Stefanskirche, die Votivkirche und die Kapuzinerkirche, die der alten Kaisergruft wegen fortbesteht. Auf der Eingangsthüre stehen aber die Verse: Was ist dasfür ein Haus, das ihrmirbauen wollt, und was ist das für ein Ort, daichruhen soll?[D]” “Du aber, wenn du betest, gehe in deine Kammer und schließe die Thür zu und bete zu deinem Vater imVerborgenen”[E].

“Habt ihr keinen Religionsunterricht mehr?” fragte ich. Dr. Kolb sagte, daß man das Evangelium Matthäus von einigen für Kinder unpassenden Stellen gereinigt und bedeutend gekürzt habe und daß die Lehren Christi vorgetragen würden, wie eine Legende oder ein Märchen. Dogmen lehre man Kindern gar nicht und die Erzählungen von Christus übten doch eine große Wirkung aus, da man auch zwei Feste daran knüpfe, die das Gemüth der Kinder feierlich stimmen. Man habe den Christbaum mit der Krippe darunter und das Osterfest im dunkel gemachten Bibliothekssaal, in welchem farbige Lichter mehr glühen als leuchten, beibehalten und an letzteres Fest schließe sich die Auferstehung an und ergreifende Gesänge begleiteten die Feier.

“An die Stelle des Dogmas ist die Symbolik getreten und lehrt man — wie Christus erwiderte: >Ich aber sage euch, Elias ist schon wiedergekommen[F]< —, daß Christus in Wirklichkeit schon auferstanden sei, denn in unserem Staate hätten wir das Reich Gottes verwirklicht und die Auserwählten seien bereits eingezogen in das Reich, das ihnen von Anbeginn der Welt bestimmt war, da jeder Hungrige gespeist, jeder Durstige getränkt, jeder Nackte bekleidet, jeder Fremdling beherbergt und jeder Kranke besucht werde.”[G]

Der mächtige Christbaum werde beim Weihnachtsfeste in Stücken in den Saal gebracht und von den Müttern mit Lichtern besteckt und geschmückt. — Spielzeug und Näschereien fehlten nicht und der Abend bringe manches Neue, so insbesondere auch Kleidchen und Bücher. Man lasse noch immer die kleinsten Kinder bei den Glauben, daß alles von dem hoch oben schwebenden Christkinde herbeigezaubert sei. “Wir halten dafür, daß geradewirChristen und unsere Gegner Pharisäer seien.Wirsind es, die das Christenthum verwirklichen, aber aus Ueberzeugung, nicht nach den Irrlehren der Confessionen.”

“Die Erfahrung wurde gemacht, daß das Einschlafen des öffentlichen Gottesdienstes keine üblen Folgen hatte. Wer ein Bedürfniß empfindet, sich an religiösen Uebungen zu betheiligen, kann in privaten Conventikeln Erbauung suchen oder die zahllosen Erbauungsbücher der früheren Zeit lesen. Das Bedürfniß darnach wird aber niemand durch Schule und Erziehung aufgezwungen. Wir glauben, daß viele unverheirathete Mädchen dieser Schwärmerei sich hingeben, aber es wird nichts davon bekannt. Die staatliche Ordnung ist so mächtig geworden, daß sie einer Unterstützung der Kirche nicht bedarf, religiöse Secten aber niemals gefährlich werdenkönnen. Jemand seiner Ueberzeugung oder seiner religiösen Uebungen wegen zu kränken, ist strenge verpönt.”

“Und die Frauenemancipation hat keinen Schaden angerichtet?”

“Sicher nicht. Die Frauen haben sich von allem Anfange an mit großem Tacte ein Gebiet erobert, auf dem sie herrschen, die Liebe und die Familie. Sie haben eingesehen, worin die Familie dem Staate Zugeständnisse machen muß. Dagegen ist in dieser Hinsicht und in der Liebe nichts geregelt worden, was die Frauen nicht einmüthig gebilligt hätten. Es hat sich gewissermaßen von selbst gemacht, daß sie sich eine Art geheimer Nebenregierung errichteten, und der Gebrauch, ihre Ideen über diese Gegenstände in geheimen Berathungen und einer geheimen Zeitung auszutauschen, ermöglicht eine reifliche Erwägung ganz im Sinne der Frauen. — Für alle Feierlichkeiten und Gebräuche gingen die Vorschläge von ihnen aus und sie billigen jede Freiheit, die die Frauen in überwiegender Mehrheit gutheißen. Gegen den Frauentact verstößt keine und die Position, die die Frauen in der Ehe und in der Liebe einnehmen, ist unerschütterlich. Gegen Bewilligung der Aufnahme ihres Curiatsrechtes in die Verfassung haben sie eingewilligt, daß weder der Staatsbeamte, noch der Tribun, noch der Pädagog oder der leitende Arzt aus den Frauen solle gewählt werden können. Dagegen haben sie ihre medicinische Schule, wo nur Frauen tradiren und demonstriren, auch nurFrauen behandelt und weibliche Leichname zergliedert werden, und ihre medicinische Wissenschaft entwickeln sie in ihrer Frauenzeitung. Nur Forschungsergebnisse und Lehrmeinungen, die ohne Zusammenhang mit dem Geschlechtsleben sind, verhandeln sie öffentlich und in den öffentlichen Blättern.”

In allen wirthschaftlichen Fragen sei die Frau natürlich ebenso fähig zu stimmen, wie die Männer, aber auch in Verfassungsfragen und anderen öffentlichen Angelegenheiten seien die Frauen gerade so competent, wie Männer. In gewissen Fällen vertraue sich eine Frau oder ein Mädchen nur dem weiblichen Arzte an und müsse die Frau Doctor sich übrigens der Leitung des ärztlichen Beamten unterwerfen und die amtlichen Geschäfte ihm überlassen, wie auch ihm Aufschlüsse ertheilen. So sei das uralte Unrecht der Hörigkeit der Frau abgeschafft und gerade die Frauen hätten dem Lande zu den möglichst vollkommenen, wenn auch gewiß noch immer verbesserungsfähigen Zuständen des Geschlechtslebens verholfen.

Wir wollten nun hören, ob kein Mißbrauch der kaiserlichen Gewalt und keine Parteilichkeit oder Tyrannei der Beamtenschaft vorkomme. — Darin gerade, sagte unser Gewährsmann, unterscheide sich Europa von Amerika, daß es die Monarchie beibehalten habe und daß die Beamten nicht so, wie man es oft als ein Erforderniß der Freiheit betrachtete, vom Volke, sondern vom Kaiser oder in seinem Namen ernannt werden. Damit hänge auch die Ersprießlichkeitder Monarchie zusammen. Der Kaiser habe vor Allem eine Stelle zu besetzen, auf die sich niemand drängen kann, und er sei in der Lage, sich über die Würdigkeit und Rechtschaffenheit der Beamten ein Urteil zu bilden, das dem Volke großen Schutz gewährt. Das Tribunat habe auch Gelegenheit, über Beamte direct beim Kaiser Klage zu führen, was rascher zum Ziele führe, als eine zeitraubende Volksabstimmung, mit der das Volk gerne verschont bleibe, wenn andere Abhilfe gefunden werden kann. Die Staatsverwaltung müsse sich aber als eine offenbar organische Institution auf eine Organisation stützen und diese sei die Beamtenschaft. Eine Organisation erheische ebenso Stetigkeit, wie Stoffwechsel, das heißt, es müssen unbrauchbare und absterbende Theile rasch ersetzt werden können, ohne das Ganze in Zerfall gerathen zu lassen. Das treffe zu in einem Beamtenkörper, der im Ganzen beharrt, aber immer in der Lage ist, faule Theile abzustoßen und für diese, sowie sonst ausscheidende Elemente, geeigneten Ersatz zu finden. So geartet sei nicht nur die monarchische Beamtenschaft, sondern auch jede Beamtenschaft in einem prosperirenden Privatunternehmen. Ganz im Gegensatze damit stehe ein gewählter Beamtenkörper, der von vier zu vier Jahren oder in anderen Intervallen abtreten und anderen Beamten Platz machen müsse. Das sei der Gipfel der Unvernunft, hervorgegangen aus einem Mißverständnisse, daß es nämlich die Organisation sei, wodurch die Bureaukratie schädlich wirke. Das Volkkönne die Ernennung der Beamten getrost der Regierung überlassen, wenn es in der Lage ist, in die Beamtenthätigkeit Einsicht zu gewinnen und den einzelnen Beamten, wie auch die Regierung selbst, zur Rechenschaft zu ziehen. Die Einrichtung des Volkstribunats und die Verwirklichung der Volkssouveränität habe allen Uebeln der Beamtenwirthschaft ein Ende gemacht, ohne die Stetigkeit der Verwaltung zu beeinträchtigen. Der von der Regierung ernannte Beamte habe zwar die eigentliche Entscheidung in allen Fragen der Production, dann der Vertheilung von Arbeit und Gütern, aber er arbeite mit einem vom Volke gewählten und jederzeit absetzbaren Volkstribune, vor dem er keinen seiner Schritte verbergen könne, der von allem Einsicht nehme, der jederzeit an den vorgesetzten Beamten berufen, über alles an das Volk berichten könne.

“Wie halten es aber Monarch und Prinzen mit den Frauen?”

“Was das Privatleben der Glieder des kaiserlichen Hauses anbelangt, so ist es ebenso heilig gehalten, wie das der einfachen Bürger. Oeffentliches Aergerniß aber darf nicht geboten werden. Gerichtsbarkeit unter ihnen kann nur der Kaiser üben und alle sind unverletzlich.” Aber wer ihnen nur im geringsten in etwas ungerechtem oder auch nur unschicklichem diene oder auch nur passive Assistenz leiste, werde von dem Volksgerichte bestraft. Wenn ein Mädchen, eine geschiedene Frau oder eine Witwe mit dem Kaiser oder einem Prinzen ein Liebesverhältnißunterhielte, so würde sie nur dann Tadel treffen, wenn ein Hauch von Käuflichkeit gewittert würde. Auch wolle man keine kaiserlichen Bastarde haben. Glaube man, daß diese Frauen nicht aus Liebe gewähren, sondern um äußeren Vortheil oder gewisse Parteilichkeit, so werde das Volk und vor allem die Frauencurie, sich immer Recht zu verschaffen wissen. — Die Geliebte in seine Nähe zu bringen, sei dem Kaiser oder Prinzen nicht schwierig, da in allen Palästen der kaiserlichen Familie männliche und weibliche Hausgenossen, die der Civilliste zur Last geschrieben werden, angestellt seien. Käme aber eine Ueberführung wegen Käuflichkeit vor, so würde die Schuldige abgerufen und die Fortsetzung des Liebesverhältnisses unmöglich gemacht, indem man sie internirt. — Die Frauen wollten ihre Ehre und Würde corporativ wahren, und das sei von unermeßlichem Werthe.

Da warf Mr. Forest ein, daß man zwar den Mitgliedern der kaiserlichen Familie nicht verwehren könne, in der Liebe dieselbe Freiheit zu genießen, wie der einfache Bürger, aber man scheine es da mit der Heiligkeit der Ehe minder genau zu nehmen, als im Volke. Dr. Kolb bemerkte darauf, es habe sich ja vorhin nur darum gehandelt, ob die Bürger nicht für die Ehre ihrer Frauen und Töchter zu fürchten hätten. Was die Frauen in der kaiserlichen Familie anbelange, so könnten sie jederzeit Schutz gegen Untreue finden, wenn sie die Hilfe der Frauencurie anriefen. Wenn man auch keine Gewalt überden Gatten habe, so habe man doch volle Gewalt über die Mitschuldige. Auch könne die beleidigte Frau ihren Gatten verlassen und das Volk sei reich und mächtig genug, ihr Ersatz für den Hausstand zu bieten, den sie aufgebe.

Er wolle aber noch einiges über die Beamtenschaft auseinandersetzen.

“Die Beamten sind unter der allerstrengsten Aufsicht. — Der nächste Vorgesetzte ist für seine Untergebenen verantwortlich insoferne er nicht beweisen kann, daß er ein Unrecht oder eine Nachlässigkeit nicht habe erfahren oder nicht habe hindern können. Die Beamten sind schon von der Schule her nach Charakter und Begabung genau beschrieben. Sie rücken nur vor, wenn sie sich bewährt haben, und auch eine größere Ungeschicklichkeit kann sie ihre Stelle kosten, in welchem Falle sie Landarbeiter oder Handwerker werden müssen. Der Geist, der im ganzen Beamtenkörper herrscht, erfaßt jedes einzelne Mitglied. Arbeit und Güter werden in den statistischen Ausweisen so genau verrechnet, daß ein Mißbrauch der Stellung gar nicht möglich ist, und wenn man noch weiters in Betracht zieht, daß man annimmt, jede Mehrbelastung oder Minderversorgung eines Menschen müsse auf sein Leben zurückwirken und somit jede Parteilichkeit fühlbar in der mittleren Lebensdauer zum Ausdrucke kommen, so hat man auch darin einen Maßstab für die Beurtheilung der gerechten Amtsverwaltung und einen Antrieb für den Beamten, größte Gerechtigkeit walten zu lassen.”

“Was die Verrechnung betrifft, so kann ich euch nur an einzelnen Beispielen zeigen, wie sie gehandhabt wird und daß die Beamten Unterschleife nicht begehen können, es wäre denn beim Verkehre mit handeltreibenden fremden Staaten, wo ganz besondere Controllmaßregeln Anwendung finden. Ein wichtiger Verrechnungsartikel ist die Milch, weil sie rasch verbraucht wird, und darum wird die Verrechnung der Production von Milch und ihres Verbrauchs täglich veröffentlicht. Jede Gemeinde hat eine Vorsteherin für die Milchwirthschaft, welche unter Controlle ihrer Arbeiterinnen täglich die Menge der gemolkenen Milch und ihre Verwendung feststellt und dem Beamten verrechnet. Soviel ermolken, soviel an die Küche, soviel an die Butter- und Käseerzeugung, soviel an die Bezirksverwaltung abgegeben, soviel Vorrath vom Vortage, bleibt soviel Vorrath für morgen. Ebenso wird die Käse- und Buttererzeugung und die Gewinnung und der Verbrauch der dabei sich ergebenden Abfälle verrechnet. Die Verrechnung wird täglich schriftlich in der Gemeinde, beim Bezirksbeamten und beim Kreisbeamten hinterlegt und zunächst das Bezirkssummarium aufgestellt. Ist die erste Verrechnung richtig — und auf diese hat der Beamte nur einen mittelbaren Einfluß, — so kann nichts mehr gefälscht werden. Das Kreisblatt veröffentlicht nun nach Art einer statistischen Tabelle am nächsten Tage das Kreissummarium und dessen Entstehung aus den Bezirkssummarien, und da die Richtigkeit der letzteren Angaben von jedem Bewohnerdes Bezirkes aus den Acten constatirt werden kann, so ist diese Verrechnung für den Kreis ebenso zweifellos richtig, wie das Provinz- und Reichssummarium.”

“Da nun zugleich die Bevölkerungsstatistik täglich publicirt wird, so ist jedermann in der Lage, die Vertheilung dieses einen Artikels genau zu prüfen. Andere Verbrauchs- und Gebrauchsgegenstände werden wöchentlich oder monatlich verrechnet, Bauten jährlich. Dieser statistische Theil der Regierungsblätter, die unter Verantwortung des Staatsbeamten und des Volkstribuns für den Kreis, beziehungsweise die Provinz und das Reich erscheinen, liegen in jeder Gemeinde der Circumscription in zehn Exemplaren auf, was vollkommen genügt, um volle Oeffentlichkeit zu verbürgen. Die Statistik fremder Kreise und Provinzen findet man nur am Bezirksorte.”

“Nun aber, welche Sicherheit habt ihr, daß der Monarch nach außen Frieden hält und den Volksrechten nichts vergibt?”

Hierauf sagte Dr. Kolb: “Die Völker des europäischen Festlandes sind bis zur Ostgrenze des russischen Reiches in einen Verband getreten, der gemeinsame Vertheidigung gegen außen und ewigen Frieden im Innern der Union verbürgt.” Die Unionsarmee, über die Rußland, und die Seewehr, über die Oesterreich das Commando führe, werde gemeinsam erhalten und der Beitrag an Truppencontingent und Naturalien nach der Bevölkerungsziffer aufgetheilt. Dagegen haben alle Staaten abgerüstet undauch Rußland sich verbunden, nicht mehr Truppen auszuheben, als percentuell auf dieses Reich entfallen. Europa habe viele Millionen an Gewehren zerstört und das Arsenal für die Wehr zu Land sei in Ostrußland. England sei außerhalb der Union und besitze nichts mehr in den Gewässern von Gibraltar bis Aden. Dieses Seegebiet werde von der Union wie ein Binnensee behandelt, die Einfahrt bei Gibraltar und in das rothe Meer sei allen fremden Handels- und Kriegsschiffen verwehrt und demgemäß befestigt.

“Die innerhalb dieses Gebietes gelegenen Küsten bedürfen gar keiner Befestigungen und befinden sich übrigens in diesem ganz gesicherten Gebiete die Hauptmarinearsenale und die Schiffswerften und es ist gewissermaßen der Exerzirplatz für die Unionsmarine. Fremde Handelsschiffe, die in unseren geschlossenen Meeren ausgeladen werden, werden von Unionsmatrosen übernommen und nach Löschung der Ladung zurückgebracht wie ein Waggon, der die Reichsgrenze passirt. Aber der auswärtige Handel nach den Häfen der geschlossenen Meere hat beinahe ganz aufgehört. Auch die Ostsee istmare clausum.”

Die türkische Herrschaft sei ganz beseitigt worden und habe Rußland Kleinasien und Arabien in Verwaltung genommen, Italien Egypten, Frankreich das Gebiet von Egypten bis an die Westgrenze von Algier, Spanien den ganzen Westen des nördlichen Afrika. Die Völker der Balkanstaaten hätten vier selbständige christliche Reiche gebildet, die unter derOberhoheit des Kaisers von Oesterreich ständen, der auch den Befehl über die Marine und den Küstenschutz habe.

Nun müsse nicht nur jedes republikanische Staatsoberhaupt, sondern auch jeder Monarch, der sein Amt antritt, in Gegenwart des Tribunats und, wenn das Volk es verlange, gewählter Deputirter, zuerst den Eid auf die Verfassung, dann den Eid auf die Unionstraktate schwören, wodurch für ewige Zeiten jede Verschiebung der Grenzen ausgeschlossen sei. Zu dieser Eidesleistung erschienen meistens alle Staatsoberhäupter Europas. Den Eid wolle man jetzt durch die Worte ersetzen: “So wahr meine Rede ja, ja und nein, nein ist!” Internationale Streitigkeiten der Unionsstaaten würden durch die nichtbetheiligten Staatsoberhäupter als internationalem Gerichtshof entschieden und sei die unverbrüchliche Beobachtung dieser Erkenntnisse ein Theil der beschworenen Unionspflichten.

“Wir halten eine Gefahr, daß die Union in die Brüche gehen könne, wie weiland der deutsche Bund, für ausgeschlossen, und es ist übrigens auch Vorsorge getroffen, daß das Unionsrecht sich zeitgemäß entwickeln kann. Wir hoffen, daß England bald gezwungen sein wird, der Union beizutreten, und für die allerdings noch ferne Zukunft können wir wohl annehmen, daß ganz Asien für das Collektivprinzip wird gewonnen und dann Europa, Asien und Afrika, welche ja in Wirklichkeit nureinenContinent bilden, zu einem einzigen Staatenbunde werden vereinigt werden.”

Unter diesen Gesprächen war es Nacht geworden und wir gingen im Mondscheine heim, um das Nachtmahl einzunehmen und uns den geselligen Freuden in Tulln hinzugeben. Wir hatten davon, zuviel von anderen Dingen angezogen, bisher wenig kennen gelernt. Es war großes Kinderspiel unter den Linden, woran sich alte Leute gerne als Zuseher betheiligten. In einem Theile des Speisesaales hatte sich das junge Volk für heute die Abhaltung eines Tanzvergnügens ausbedungen und in den kleinen Sälen und Schulzimmern neben dem Bibliothekssaale fanden heute die Schlußberathungen für die Abstimmung über die Anträge auf Aufhebung des Adels und Abschaffung der Monarchie statt, da morgen abends 7 Uhr die Stimmen abgegeben werden sollten. Wir aber gingen auf Anrathen des Dr. Kolb in einen Musiksaal, wo heute Sänger aus Tirol, die eben auf Besuch hier waren, sich hören lassen wollten. Wir hatten hier einen eigenartigen Genuß und haben uns vortrefflich unterhalten. Die Fortsetzung unserer Gespräche wurde aufgeschoben.


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