Chapter 4

»Diese Olivia,« rief Frau Khuenbeck, »die so heikel war, daß sie vom Tisch aufstand und nicht weiteressen konnte, wenn auf einem Salatblatt ein Wurm kroch! Was kann ihr die Welt noch sein, danach? Kann sie je wieder ein harmloses Leben führen, ein Leben mit kleinen Pflichten?«Lamm erhob sich. »Wir werden das Problem heute nicht lösen, Verehrteste,« antwortete er schroff. »Unser Verstand ist überhaupt unzulänglich gegenüber dem traurigen Verwesungsvorgang, den man Leben nennt. Mich dürfen Sie schon gar nicht interpellieren. Ich gestehe Ihnen, mir wird übel, wenn ich ja oder nein sagen soll. Ich bin im Begriff, mir das Reden abzugewöhnen; meine Zunge hat nicht die geringste Lust mehr, Geräusche zu artikulieren. Ein überflüssiges Stück Fleisch, das mir im Munde fault. Empfehle mich Ihnen.«Als er durch den Korridor seines Hauses schritt, traten ihm zwei Herren in den Weg. Der eine war Doktor Strygowski, der andere, der mit außerordentlicher Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, etwas aufgeschwemmtes Gesicht, und seine Miene verriet Unsicherheit und Anmaßung. Er blieb vor dem Hofrat stehen, lüpfte den tadellos gebügelten Zylinder, nannte seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher Bescheidenheit und sagte, er sei entzückt von der Besichtigung des Hauses,das eine Perle unter den Lazaretten der Stadt sei, und er freue sich, dies öffentlich verkündigen zu können.Lamm stand steif wie ein Stock. Der andere verbeugte sich, lächelte aus irgendeinem Grunde geschmeichelt und ging.Doktor Strygowski sagte: »Einer unserer führenden Journalisten. Besichtigt Spitäler im Auftrag des Roten Kreuzes.«Lamm nickte. »Kennen Sie die Geschichte vom Grafen Ulrich von Württemberg und dem Dieb?« fragte er. »Der Graf Ulrich hatte die Gewohnheit, oft den ganzen Tag vor seinem Schloß zu sitzen und mit jedem zu sprechen, der vorüberging. Einmal schlich sich ein Mensch aus dem Tor, der hatte drinnen in der Küche einen Fisch gestohlen und er hatte einen sehr kurzen Mantel an, unter dem der Fisch hervorhing. Da rief ihn der Graf zu sich und sagte zu ihm: ›Wenn du wieder Fische stehlen gehst, so zieh einen längeren Mantel an oder nimm einen kürzeren Fisch.‹«Doktor Strygowski lachte. »Ich glaube, der Rat hat gefruchtet,« antwortete er. »Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend langen Mänteln versehen.«Lamm warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Arzt. »Doktor Strygowski, wenn ich nicht irre –?«»Strygowski ist mein Name. Ich bitte um Verzeihung, daß ich unterlassen habe –«Lamm schüttelte ungeduldig den Kopf. »Nichts, nichts,« unterbrach er den Doktor. Dann ließ er abermals den Blick mit fast verletzender Unbekümmertheit auf dessen Zügen ruhen. Er war gefesselt von dem Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und sagte: »Es wäre mir lieb, wenn Sie am Abend eine Stunde zu mir kommen würden. Ich habe einige Fragen an Sie zu richten.«Doktor Strygowski erwiderte, er werde kommen, sobald es ihm seine Zeit erlaube.»Herr Doktor, der Transport,« sagte Schwester Nina, die vom Eingangsflur heraufkam. Lamm kannte die schöne, blasse Frau Senoner. Er grüßte kühl.Die Sanitätsleute kamen mit den Bahren. Regungslos lagen die verwundeten Männer, mit eingesunkenem Brustkorb und auf die Seite geneigtem Kopf. Ihre Gesichter waren von einem verwitterten Grau, das Blut war durch die Verbände gedrungen und klebte auf der Haut. Mit dumpf-ungläubiger Verwunderung sahen sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen, verursachte ihnen eine mit Furcht gemischte Spannung, über die sie grübelten.Hinter den letzten Trägern ging Olivia. Sie war in einen ziemlich groben Mantel gehüllt, das Gesicht war entfärbt. Als sie Robert Lamm gewahrte, nickte sie ihm ohne Lächeln zu.Es war elf Uhr vorbei, als Doktor Strygowski in Robert Lamms Stube trat. Er entschuldigte sein spätes Kommen. Lamm deutete schweigend auf einen Sessel gegenüber seinem Lehnstuhl.»Ich will über Olivia Khuenbeck mit Ihnen sprechen,« begann er ohne Umschweife. »Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß Olivia während ihrer ganzen Jugend unter meiner Obhut gestanden ist. Ich fühle mich noch immer für das, was sie tut, verantwortlich. Möglich, daß es eine Torheit ist, aber es ist nun einmal so. Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias zu dem Beruf, den sie sich hier erwählt hat?«Ein wenig verwundert über den Ton eines verhörenden Richters, antwortete der junge Arzt nach einigem Überlegen: »Zu einem Urteil oder einer Kritik fehlt jede Befugnis, wo etwas so Ungewöhnliches vollbracht wird.«»Hat sie von Anfang an gewußt, was ihr beschieden sein würde, wenn sie beharrlich blieb?«»Ohne Zweifel,« versetzte Doktor Strygowski.»Beachten Sie eines,« fuhr Lamm eindringlich fort; »viele Menschen, die sich an ein schwieriges Unternehmen wagen, ermangeln der Kenntnis und aufrichtiger Einschätzung ihrer Fähigkeit. Sie brauchen darum nicht zu versagen, oft zeigen sich die höheren Kräfte mit der höheren Forderung. Aber wo es sich um den beständigen Anblick von Blut und Wunden handelt, muß unbedingt die Phantasie nach und nach ertötet werden, sonst ist an eine fruchtbare Arbeit nicht zu denken. DerAugenschein schwächt sich ab, die Gewohnheit macht die Sinne stumpf.«»Das kann ich nicht leugnen, und es gilt in allen Fällen, nur bei Schwester Olivia nicht,« versetzte Doktor Strygowski. »Ihr Geist und ihr Gemüt sind der Abstumpfung nicht unterworfen. Das ist das Merkwürdige und das Seltene bei ihr. Nicht bloß, daß sie sich an das vielfältig Entsetzliche nicht gewöhnt, nie gewöhnen wird, sondern jeder neue Eindruck reißt ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem Grauen, dem Schmerz, der Empörung, dem Mitleid mit einer Intensität überliefert, die ohne Grenze ist.«»Also ein Phänomen, ganz einfach ein Phänomen,« sagte Lamm mit erheuchelter Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den Sessel zurück und umklammerte mit den Fingern die Armlehnen fest.Doktor Strygowski fuhr fort: »Sie kennt jeden einzelnen Mann, und wir haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. Sie kennt die Beschaffenheit der Wunden bei jedem, sie weiß ob Hoffnung besteht, das Leben zu erhalten oder nicht, jede Besserung oder Verschlimmerung spürt sie unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, wenn Gefahr droht. Die Fieberzustände sind ihr so vertraut, daß alles Fieberwesen, vom gelispelten Betteln um Wasser bis zur Raserei, vom Zähneklappern bis zur Hochglut zur besonderen Sprache und Mitteilung für sie geworden ist. Und sie begnügt sich nicht, sie will immer noch ein Mehr; von sich selbst heißt das, nur von sich selbst.«Lamm erhob sich, ging auf und ab, setzte sich wieder. Er zwang sich mühsam zu Ruhe. »Ich begreife es nicht,« stieß er hervor, »begreife es nicht. Ich will gar nicht die Frage erörtern, wie sie es physisch aushalten soll; aber Tag für Tag das alles sehen! Und nicht nur sehen, auch hören, das Stöhnen, Wimmern, Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier oben schaudert mir manchmal die Haut, und ich bin doch ein hartgesottener alter Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von jedem Windhauch war sie abhängig, jede übel gelaunte Miene hat sie erschreckt; sie an einem Wirtshaus vorüberzuführen, wo Betrunkene lärmten, war ein Wagnis.«Überrascht von der Aufwallung eines Mannes, den er für trocken und unempfindlich gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski den Kopf. »Vor einigen Tagen war ich mit Schwester Olivia in einem Haus, wo irrsinnige Verwundete untergebracht sind,« erzählte er mit leiser Stimme; »da waren Zimmer angefüllt mit Männern, die aneinander vorübergingen, ohne einander zu gewahren, in gleichmäßigem Marschtempo, mit Blicken der angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo Männer saßen, die stundenlang die Hände steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach ihren Angehörigen riefen; da war es schwer, sich zusammenzunehmen, sehr schwer. Schwester Olivia hatte eine Gebärde, die ich nicht vergessen kann seitdem; so, als wollte sie sagen: ›O Gott, was ist mit deiner Welt geschehen, was ist mit eurer Welt geschehen, ihr Menschen!‹«»Ja, das kann ich mir gut denken,« antwortete Lamm nun wieder mit erkünstelter Ruhe. »Aber erklären Sie mir doch, was in ihr vorgeht,« fügte er hinzu und kniff die Augen sonderbar zusammen; »mich läßt da die Logik im Stich.«»Die menschliche Seele ist ein wunderbarer Organismus, Herr Hofrat,« sagte Doktor Strygowski sinnend. »Ich will nicht von mir reden. Ich bin Arzt. Aber auch ein Arzt, für den der Menschenkörper Studium und Sache wird, gerät jetzt bisweilen mit der sogenannten göttlichen Weltordnung in Konflikt. Man fragt sich, was das alles soll, das Leben und Sterben und die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken an mir nagen, und ich schaue Schwester Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa einem stümpernden Dilettanten, der vor einem Künstler steht. Die leidet! Das ist Leiden! Gewiß, der Tag faßt vieles, man vergißt, man flieht, die gespannte Saite lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes Wort, einen geistigen Zuspruch, aber bei ihr ist auch davon keine Spur. Es scheint mir oft, als sei sie bereits einen Schritt über die Alltäglichkeit hinausgelangt, ich kann es mir nicht anders erklären, irgendein unbekanntes Element hat sich ihrer bemächtigt, für mich im stillen nenne ich es die Metempsyche.«Lamm schwieg, kaum daß er atmete, und nach einer kurzen Weile fuhr DoktorStrygowski fort: »Sie versteht die Heiterkeit nicht mehr, das harmlose Gespräch nicht mehr, das selbstverständliche Weitergehen des Daseins nicht mehr. Sie versteht nicht, daß es noch Menschen gibt, die von ihren Geschäften, ihren Wünschen, ihren persönlichen Vorteilen und Enttäuschungen reden können. Ich sah sie einmal ins Pflegerinnenzimmer treten, als eines der Mädchen vor dem Spiegel saß und sich frisierte, einigermaßen umständlich, wie es ja manche Frauen tun. Die Miene, mit der sie wehmütig und unwillig staunte, war ergreifend. Sie selbst hat sich ja ihr Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.«»Nein, ich wußte es nicht,« murmelte Lamm, »ich wußte es in der Tat nicht. Das unvergleichliche Haar! In Generationen schafft die Natur so etwas nicht zum zweitenmal.«»Unter unseren freiwilligen Damen,« begann Doktor Strygowski wieder, »ist auch eine vielgerühmte Schauspielerin, Schwester Susanne, eine verwöhnte Gesellschaftsdame mit Prinzessinnen-Allüren; um sie ist der ganze Lügendunst des Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten mit der großen Geste, mit der sie ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu sehen, wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. Sie schlägt die Augen zu Boden, als schäme sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie soll ich sagen, etwas geradezu magisch Edles. Sie weiß natürlich, wie es um so manche dieser Frauen bestellt ist; daß sie sich im Pflegedienst Abwechslung und Zerstreuung verschaffen wollen, daß sie die Leere ihres Gemütes zudecken durch einen Eifer, der ihnen Beifall einträgt.«Robert Lamm lachte bitter auf. »Sie sind ein gründlicher Herr, das muß man gestehen,« sagte er. »Nun, und das wucherische Treiben der Lieferanten, weiß sie auch von dem? Und wie verhält sie sich dazu? Und zu der Schwerfälligkeit der Ämter und Behörden, der Schmähsucht der Unzufriedenen, den Ränken der Beleidigten, den Ausreden der Faulen, den krampfhaften Bemühungen der Streber und Ordensjäger, dem frühzeitigen Erlahmen derer, die in rascher Begeisterung Wunder zu tun versprochen hatten, mit einem Wort, dem ganzen landesüblichen Unrat, wie verhält sie sich dazu?«»Ich glaube, das alles legt sie sich förmlich selber zur Last und verwandelt es in eine Forderung an sich,« erwiderte Doktor Strygowski. Er dachte eine Weile nach, bevor er zögernd fortfuhr: »Sie muß ein Erlebnis von einschneidender Bedeutung gehabt haben. Sie muß einmal so zu Boden geschlagen worden sein, daß es aller Kraft bedurfte, die ein Gemüt überhaupt aufbringen kann, damit sie sich wieder erheben konnte. Deshalb ihre Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb ihr unbeirrbar gerichteter Weg.«»Ach was, Flausen!« rief Lamm schroff, ja fast wild. »Flausen! Darauf fall’ ich Ihnen nicht herein!«Ein rascher Blitz des Unwillens traf ihn aus Strygowskis Augen. »Ich habe Ihnen meine Meinung nicht aufgedrängt, Herr Hofrat,« sagte er leise. »Daß ich Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht leugnen. Ich gestehe sogar, daß ich noch nie einen Menschen in diesem Maß bewundert habe. Meine Bewunderung ist um so größer, als ich mir nicht verhehle, nicht verhehlen kann,wohinder Weg führt, den sie geht.«Lamm schwieg betroffen. Die beiden Männer sahen sich an.»Und Sie haben kein – Kapital in diese Bewunderung investiert? Sie wollen keine Zinsen daraus ziehen?« fragte Lamm mit verkniffenem Mund.»Ich verstehe nicht –«»Ich meine, ob Sie nicht ein bißchen bestochen sind, vielleicht ohne es zu wissen? Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, ohne geheime Hoffnung, ohne die Erinnerung an einen Nervenkitzel, ohne ein egoistisches Ziel.«»Hierauf habe ich keine Antwort.«»Das ist jedenfalls bequem.« Lamm erhob sich und begleitete seine Worte mit heftigen, abgehackten Gebärden. »Ich soll also schlechterdings an Engel glauben, an graduierte Engel mit Schnurrbart und Brille! Seit wann sind denn die Doktoren der Medizin unter die Idealisten und Propheten gegangen? Hat euch die blutige Zeit betrunken gemacht?«»Ihr Ungestüm gibt Ihrer Beschuldigung noch nichts Plausibles,« sagte Strygowski, der blaß geworden war.»Ich beschuldige Sie nicht, ich weiß nichtsvon Ihnen, Sie sind mir fremd, lassen wir Ihre Person aus dem Spiel,« fuhr Lamm grollend fort. »Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, will ich abbitten. Aber können Sie sich als erfahrener Mann, als redlicher Beobachter vorstellen, daß ein Wesen wie Olivia sich Tag für Tag, Stunde für Stunde unter Männern bewegt, ohne nur im Geringsten als Weib auf diese Männer zu wirken? Meine Frage enthält keine Frivolität. Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir leben auf einem Planeten, mag er auch noch so mangelhaft gezimmert sein, auf dem es für bestimmte Daseinsformen bestimmte Gesetze gibt. Hunger ist Hunger, Blut ist Blut. Hunger will Sättigung, Blut will Wärme. Riechen Sie nicht den tückischen Giftstoff, von dem das ganze Haus erfüllt ist? Glauben Sie, daß irgendein Weib sich dem entziehen kann, auch wenn sie Olivia heißt?«»Ich glaube es,« erwiderte Doktor Strygowski entschlossen. »Was Sie sagen, ist keine Wahrheit für mich, sondern eine Anklage, die erst bewiesen werden muß. Es müßte erst bewiesen werden, daß die Caritas, vor der ich meine Knie beuge, ein lemurischer Unhold ist.«»Ist sie auch!« rief Lamm mit Leidenschaft. »Ein Unhold und Lügengeist, der Frauen- und Mädchenseelen mit falschen Hoffnungen umgarnt, um sie dann, jeder Illusion bar, hinaus ins Leben zu stoßen.«Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski zog die Uhr aus der Tasche, überlegte eine Weile, während er die Uhr in der Hand behielt und sagte dann: »In einer Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre zweite Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur durch den Augenschein widerlegt werden. Unmöglich, daß Sie auf Ihrer Meinung beharren, wenn Sie sie dabei sehen.«»Ich brauche den Augenschein nicht,« knurrte Lamm. »Alles was ist, kann ich mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.«»Diese Paradoxie ist mir bekannt,« entgegnete der Arzt; »ich kenne dieses Leiden.« Er blickte traurig zu Boden.In diesem Augenblick vernahmen sie ein seltsames, eintöniges Plärren, ein singsangähnliches Heulen wie von einem Hund. Der Hofrat ging zur Tür und lauschte. Dann öffnete er die Türe, schritt durch den kleinen Vorraum und die Treppe hinunter.Doktor Strygowski folgte ihm.Auf der untersten Treppenstufe saß zusammengekauert ein Mensch. Erst als er ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener Gerold. Er war es, der wie ein Idiot halblaut vor sich hinheulte und dabei mit dem Oberkörper schaukelte. »Was treibst du da?« herrschte ihn Lamm an.»Herr Hofrat, ich find’ im ganzen Haus kein Plätzchen, wo es still ist,« flüsterte der Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah aus wie geschwollen.»Geh auf der Stelle in deine Kammer und in dein Bett,« befahl Lamm.Gerold erhob sich schwerfällig und wankte über die Stiege. »Kann aber nicht schlafen, Herr Hofrat,« klagte er.Lamm schüttelte sich ein wenig. Er machte Miene, wieder in seine Stube zu gehen, aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so forschend, so sonderbar auffordernd auf ihn gerichtet, daß er mit einer unbehaglichen Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte und hinter dem Arzt in das große Zimmer ging, das vormals seine Bibliothek gewesen war. Die Lichter waren ausgelöscht bis auf eines, das neben der Tür brannte und durch ein grünes Tuch abgedämpft war. Nur in den zunächst stehenden Betten konnte man die Gesichter sehen. Sie hatten einen fahlen Schein. Einige Verwundete wachten und hoben von Zeit zu Zeit den Kopf; dabei glänzten die Augen heiß, und wenn sie den Kopf zurücksinken ließen, ächzten sie.Doktor Strygowski zog Lamm in den Schatten und raunte ihm zu: »Sie muß gleich kommen; hier war sie noch nicht, denn die Schwester dort drüben ist eingenickt.«Er hatte kaum ausgeredet, da trat im Hintergrund eine Gestalt durch die Türe. Es war Olivia.Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit im Raum ließen ihr Gesicht nahezu weiß erscheinen. Der Schritt war lautlos und verlieh der Bewegung etwas Geisterhaftes. Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, die schlummernd auf dem Stuhl saß und berührte mit der Hand deren Schulter. Das Mädchen fuhr erschrocken empor; dieBestürzung in ihremGesichtverwandelte sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia schüttelte den Kopf und ging weiter.Die Blicke derer, die wach waren, hatten sie entdeckt; sie flogen ihr zu, förmlich ungeduldig; dies hatte etwas wie bei hungrigen Säuglingen, wenn die Amme an die Wiege tritt.Es warrührend und unheimlich. Olivia schien es zu fühlen; sie neigte die Stirn; alles war plötzlich so sanft an ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar innerlich und beredt.Sie ging wie mit einer Lampe in der Hand, die nicht verlöschen durfte. Aber trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare Lampe ihre ganze Aufmerksamkeit zu beanspruchen schien, war es, als sehe und spüre sie alles, was rund um sie war, mit zehnfach geschärften Sinnen.Als sie in das nächste Zimmer treten wollte, kam Schwester Emilie, eine ältere Person, aus der Tür. Sie sagte: »Mit Nummer 42 geht es jetzt zu Ende.«»Rufen Sie Doktor Strygowski,« antwortete Olivia.Vor dem kleinen Raum, in welchem Nummer 42 lag, standen flüsternd einige Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, als er zu dem Bett des Unbekannten ging. Robert Lamm hatte sich unter sie gemischt. Olivia bemerkte ihn im Vorüberschreiten und nickte ihm zu wie am Abend, ohne zu lächeln, doch mit einem verwunderten Aufschimmern des Blicks.Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, sondern eine Kraft, die ihren Ursprung in Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, die sie trug.Der Sterbende war in einem Zustand von Auflösung und Entrückung. Der Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, daß es peinigend war, in sie zu schauen. Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem Gestrüpp.Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf der keuchenden Brust des Mannes und lauschte dem Herzschlag.War es nur eine Täuschung, oder verhielt es sich wirklich so: alle im Zimmer Anwesenden hatten den Eindruck, als seien die Blicke des Unbekannten, die bis zu dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten Gegenstand oder einem Menschen geruht hatten, auf Robert Lamm gerichtet, ausschließlich und ohne abzuirren auf ihn, und zwar in einer Art, wie wenn er eine Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn er ihn an ein Versprechen mahnen wollte. Der Blick war so dringend, als sei zwischen den beiden zu irgendeiner Zeit einmal eine Verabredung getroffen worden und als sei eben jetzt die Frist verstrichen. Es war ein Blick des Willens und des Bewußtseins, der alle in Erstaunen versetzte.Lamm spähte scheu um sich her; er wollte dem Blick entrinnen, doch zwang es ihn stets von neuem in die Richtung, wo er dem schauerlich und dringlich glänzenden Auge begegnen mußte. Olivia stand hinter dem Arzt; in ihrem Gesicht war ein gedankenvoller Ernst. Auch dagegen sträubte sich Lamm mit stummer Anstrengung; am liebsten hätte er ihr zugerufen: Sprich mit mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus seiner Bedrängnis befreit hätte, sich abzuwenden und wegzugehen, war ihm durchaus unmöglich. In dieser Not griff er zu einem sonderbaren Hilfsmittel: er riß seine Zigarettendose aus der Tasche, entnahm ihr eine Zigarette und hielt sie dem Sterbenden hin. Es geschah dies weniger aus Überlegung, als aus Trotz und Trieb, die gesteigerte Situation ins Gewöhnliche zu ziehen.Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger Funke aus den Augen des Unbekannten blitze; er machte eine schwache Bewegung mit dem Arm, und Lamm schob ihm nun die Zigarette zwischen die Lippen. Aber um den blutlosen Mund spielte auf einmal ein Ausdruck der Verachtung; ja, der deutlichen, bittersten Verachtung, durch ein mattes Lächeln nicht gemildert, sondern verstärkt. Sodann erschütterte ein schrecklicher Seufzer den Körper, das Auge brach, das Leben war dahin.Als Robert Lamm den Raum verließ, war ihm wie einem zu schimpflicher Strafe Verurteilten zumute; das Lächeln unergründlicher Verachtung in der letzten Agonie des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal auf ihm.Olivia tat das Herz so weh, als sei es ein Geschwür in ihrer Brust. Am Anfang und am Ende jeder Handlung stand dieselbe Frage; jede Gedankenfolge schloß mit einem jammervollen Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo ist Trost?Die Schauspiele verwirrten sich wie die Schicksale. Der gemeinsame Ursprung der Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses Haus, in dem sie zufällig wirkte, war nur eines unter den Tausenden von Becken, in denen sich das Unglück sammelte. Man mußte die Einbildungskraft in Schranken zwängen, um nur die Hände rühren zu können. Es war ein krampfhaftes Ansichhalten vom Morgen über den Tag zum Morgen, vom Abend die Nacht zum Tag.Und dennoch: immer wieder auf und hinüber, hin zu den Wunden, vielleicht, daß eine Berührung, ein Wort, ein Blick Linderung brachte oder Geduld einflößte.Sie fühlte eine Kraft in sich, deren Wesen ihr nicht bekannt war. Sie fühlte diese Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und die Augen an ihr hingen. Diese Augen redeten eine Sprache von nie gehörter Eindringlichkeit, die sie ohne Gewissenspein nur hinnehmen konnte, wenn sie sich ganz ausschöpfte im Tun, sich ganz und gar vergaß.Die Schicksale stürzten über sie, und sie wurde das Opfer von ihnen. Sie wollte es sein, in ihren hingegebensten Stunden sehnte sie sich danach, völlig zermalmt zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. Ruhte sie, faßte sie sich wieder, so wurde es zu gräßlich, nur zu denken an das, was war. Nicht allein von Bildern der Zerstörung war ihr Geist beladen, Bildern leckender Flammen, eingeäscherter Wohnungen, unerträglichen Hungers, erstickender Todesangst, hoffnungslosen Siechtums und der Verzweiflung, die keinen Blutstropfen unvergiftet ließ, sondern von dem auch, was dahinter war an Wut, Haß und Bosheit, dem Gewebe kleiner Lügen, den Beleidigungen der Menschenwürde, von dem Aufgestachelten in allen, der von überallher tönenden Klage.Damals, als ihre Mutter in der Sorge um Ferdinand zu ihr kam, mußte Olivia in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; sie sagte: »Du darfst die Hoffnung nicht sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.«»Ich? Warum nur ich? Warum nicht auch du?« gab Frau Khuenbeck erstaunt zurück.Olivia schwieg. Ihr war, als verriete sie alle andern, wenn sie den Bruder beklagte.Leo von Scheyern war gefangen, Ernst von Scheyern war unter den Vermißten. Frau von Scheyern kam nicht mehr ins Spital. Sie sprach eines Tages mit Olivia darüber, wie sie beim Anblick jedesBriefträgers bleich geworden sei, bei jedem Läuten der Wohnungsglocke gezittert habe. Da sah Olivia Tausende und aber Tausende von Müttern, die in folternder Ungewißheit um das Leben ihrer Söhne schwebten und an keinem Morgen erwachten, ohne auf die Kunde gefaßt zu sein, die ihr Dasein in eine Wüstenei verwandelte.Im Anfang blieben die Geschehnisse im Schatten, und nur die Gesichter traten hervor. Als sie aufhörten, stumm zu sein, wenigstens für Olivia, wälzte sich von allen Seiten das Grauen heran. Viele von denen, die dalagen, hatten überdies Worte, unvergeßliche Worte, um andre wieder schallte tönend ihr Erlebnis, ohne daß sie selber Kunde gaben.»Ich will nimmer hinaus,« knirschte einer im Fieber und bäumte sich verzweifelt, »tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh’ nimmer.« Einer stieß im Schlaf die schrecklichsten Angstlaute aus, und einer schaute gebannt, mit aufgerissenen Augen in die Luft, als sehe er in ununterbrochener Folge wieder und wieder, was ihm das Herz zerfleischt und den Verstand geraubt hatte.Da war ein Mann, der in seinem bürgerlichen Beruf Akrobat gewesen war. Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe bildete, die Cromwell-Truppe, wie sie sich fremdländisch-imposant nannte, war er jahrelang durch die Provinz gezogen und hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit ergötzt. Ein Schrapnellschuß hatte ihm beide Beine weggerissen, Frau und Kinder waren des Ernährers beraubt, er lag da, ein Krüppel, und sann darüber nach, was er an Stelle seiner verlorenen Kunst würde treiben können. Er dachte an das bunte Kostüm, in dem er aufgetreten war, an den Beifall, den er mit seiner Arbeit am hohen Trapez geerntet, und daß das alles nun vorbei war.Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. Es war ein sehr gewöhnliches Gesicht mit vollen Backen, kleinen dummen Augen und niederer, fliehender Stirn. Aber die Gewöhnlichkeit der Züge war durch die geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren Kräfte umglüht. Wie ging das zu?Sie grübelte unablässig. Was bedeuteten ihr im Grunde all diese Leute, die aus einem kleinen Leben zufällig in ein großes gerissen worden und darin zerschmettert worden waren, zufällig in diesem Haus ein Asyl gefunden hatten? Was galt ihr der Bauer aus der Südmark, der da lag, erblindet? Aber wie er es trug, was er daraus schuf! Was war mit ihm vorgegangen, daß er tun konnte, was er getan? Viele Wochen hatte er unbeweglich im nassen Schützengraben zugebracht, unter den Folgen eines bösartigen Rheumatismus hatte er das Augenlicht eingebüßt. Eines Tages war seine Mutter ins Spital gekommen, ein abgehärmtes Weib, frühzeitig ergraut, in Sorgen gealtert. Er war ihr einziger Sohn, ihre Stütze, ihre Hoffnung. Sie wußte nichts von der Erblindung, und er hatte beschlossen, sie ihr noch zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, hatte er Ärzte und Schwestern gebeten, daß man ihr nichts sage. Zuerst ging es ganz gut; er nahm sich zusammen, die Brille mit farbigen Gläsern begünstigte die Täuschung. Allmählich wurde die Frau stutzig. Ein paar tastende Gebärden, der tote Ausdruck der Züge erweckten Ahnungen. Sie langte plötzlich nach seiner Hand, und als er sich nicht rührte, stieß sie einen markerschütternden Schrei aus. Der junge Mensch erbleichte. Mit schuldbewußtem Ton sagte er: »Was willst denn, Mutter, ich seh’ dich ja.« Aber es war zu spät, sie glaubte ihm nicht mehr. Sie mußte fortgebracht werden. Von Zeit zu Zeit hörte man ihn immer wieder vor sich hinmurmeln: »Ich seh’ dich ja.«Woher kam ihm dieser Heroismus?Woher kamen dem einfachen mährischen Soldaten die Worte, mit denen er schilderte, wie er in Polen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hindurch einen irrsinnig gewordenen Oberleutnant hatte bewachen müssen? Es waren die furchtbarsten Stunden seines Lebens gewesen und der tiefste Eindruck, den er vom Krieg empfangen hatte. Er vor der Hütte, der Offizier in der einzigen Stube drinnen, immer auf und ab gehend, vor sich hinsprechend, immer auf und ab und in regelmäßigen Pausen zu dem Soldaten tretend. »Laß mich heraus.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« Und jener, wie ein verstörter Geist, zur Wand hinüber, in die Wand hineinredend: »Er will mich nicht herauslassen.« Dann wieder: »Gib mir dein Gewehr.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.«Der Offizier zur Wand, und dort in klagendem Ton: »Er gibt mir das Gewehr nicht.« So ging es den ganzen Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, kurzen, hastigen Schritten wanderte er ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach zehn Minuten und forderte etwas, das Gewehr, ein Messer, Briefpapier, Schnaps, und wenn es ihm der Soldat verweigerte, stellte er sich mit dem Gesicht zur Wand und rapportierte der Wand, daß er nicht erhalten habe, was er begehrt. Es war herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, noch der Bericht stockte unter der Wirkung des Grauens.Und der Konditor, der vom Vollzug des Standrechts in Serbien erzählte. Man hieß ihn bloß den Konditor, denn er war in seinem Zivilverhältnis Gehilfe bei einem Zuckerbäcker. Er war aufgeschwemmt und ziemlich roh, doch wenn er an eine gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen und die ihm nicht aus dem Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme, und von oben bis unten schüttelte es ihn. Es war Befehl gegeben worden, alle Häuser zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden Truppen gefeuert worden war, und die Männer, die man darin fand, sogleich zu erschießen. Eines Tages marschierte die Abteilung durch eine Dorfstraße und gelangte unangefochten bis ans letzte Haus. Aus einem Fenster dieses Hauses wurden zwei Schüsse abgegeben, die aber niemand trafen. Die Leute, denen das Morden schon zu viel war, wollten keine Notiz davon nehmen, jedoch das Kommando wurde erteilt. Als sie nun das Haus betraten, lagen in der Tenne zwölf Männer auf den Knien, schon zum Tod bereit. Ebenso viele Frauen standen bleich, hochaufgerichtet im Hintergrund des Raumes an der Wand. Zwölf Soldaten legten die Gewehre auf die zwölf Männer an, die Salve krachte, die Männer stürzten tot zu Boden. Von den Frauen aber verzog keine einzige eine Miene, sie rührten sich nicht, mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses strich langsam mit der Hand über die Stirne; sonst nichts. Es mußte in der Gebärde etwas Übermenschliches an Qual enthalten gewesen sein, denn der Erzähler kam immer wieder darauf zurück; es ließ ihn nicht los, er mußte es immer wieder beschreiben.Olivia sah diese Frauenhand, sah sie über die Stirne streichen, als sei die letzte Hoffnung die, daß vielleicht alles nur ein böser Traum war. Und »warum?« fragte es in ihr, »warum, o Gott?«In einem der Zimmer kauerte ein Hund; er war nicht vom Bett seines Herrn zu vertreiben, dem er in die Schlacht und von der Schlacht wieder bis ans Krankenlager gefolgt war. Ein schmutziger, häßlicher Köter war es, der aber niemand zur Last fiel. So oft sein Herr einen Laut von sich gab, blickte er mit sanften Augen empor, sonst starrte er müde vor sich hin, gleich als sei er dort draußen von einem Strahl höheren Bewußtseins getroffen worden, der seine Tierseele flüchtig erleuchtet hatte, so daß sie jetzt in dunkler Pein noch danach rang.Warum diese unermeßliche Schwermut in den Augen des schmutzigen Hundes? Was begriff er? Was war ihm seltsam, was hatte ihn so still werden lassen?Ein Bild war da, so oft sie es dachte war ihr als müsse sie hinstürzen und ihr Denken erwürgen: zwei Offiziere, in der Attacke aufeinander zureitend, mit geschwungenem Säbel gegeneinander. Schon will der unsere zuhauen, da sieht er, daß der Russe keinen Kopf mehr hat, daß er aber noch immer, den Säbel hoch im Arm, auf seinem Gaul sitzt. Da stößt der unsere einen Schrei aus, fällt vom Pferd, und auf dem Boden windet er sich stumm wie ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, er hatte die Sprache verloren.Sie sah die Flüchtlinge, Männer mit eilig errafften Habseligkeiten, die Weiber mit ihren Kindern, die eine hatte einen Säugling verloren, die andere brach zusammen, und sie waren ohne Speise und Trank und nächtigten auf dem Felde und zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in den Viehwagen langer Eisenbahnzüge eingesperrt, wie sie fuhren, immerzu fuhren, durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte Ruinen gab, und wie sie um Brot schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, ihre Säuglinge verschmachteten.Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrüchigen auf einer öden Insel glichen; sah die Väter, die keine Söhne, die Kinder, die keinen Vater mehr hatten, die Witwen, die trauernden Bräute, die Verlassenen,Beraubten, zugrunde Gerichteten überall. Sie sah die Mutigen erlahmen, die Feigen apathisch werden, und wie die Freunde aufhörten, füreinander zu zittern. Sie sah die tausendfältige Unbill, Zurücksetzung und Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der Idee auch im Edlen erlosch, wenn die trübe Flut des Niedrigen und Gewöhnlichen emporschwoll oder das körperliche Leiden die Kraft der Seele besiegte. Wie die Begeisterung flügellahm, die Tapferkeit zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch für den Leichtherzigsten seinen Reiz, die Gefahr ihre Lockung einbüßte und nur den Stärksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt.Olivia sah die Städte rauchen, die Anwesen geplündert, die Äcker zerstampft, die Wälder geknickt. Sie sah den Tod in jeglicher Gestalt, ja, die Erde war gepflastert mit Toten. Sie hingen verstümmelt in den Drahtverhauen und lagen eingebettet in Blumen, sie waren versunken in den Sümpfen und hinuntergestürzt in Gebirgsschluchten, sie schwammen in den Wellen des Meeres und fielen aus den Wolken herab: Männer und Jünglinge, Kinder und Greise, Frauen und Mädchen, Reiche und Arme, Gute und Schlechte, Verräter und Verratene, Schöne und Häßliche, Glückliche und Unglückliche.Und sie hörte das Geläute der Glocken und das Prasseln der Brände und alle Laute, die die menschliche Stimme hat, um Schmerz und Todesangst auszudrücken. Sie hörte, wie sie in den Kirchen beteten und in den Stuben weinten. Sie hörte die Worte des Abschieds und die Worte frommer Fügsamkeit. Sie hörte den Marschschritt der Armeen, das Schlürfen müder Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, die Gesänge des Triumphes und die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen oder wenn sie sich berauschen wollten.Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann vorsang, der in einer Nacht beim Granatenfeuer weiße Haare bekommen hatte.Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten,zu begraben, zu begraben die Soldaten.Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Länge,dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben!die Gemeinen unten, Korporale oben.An den Seiten viere, in der Mitten viere,überquer die Herren, Herren Offiziere.Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe,dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden,zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.Morgen früh vielleicht bin ich auch geschossen,morgen früh, gewiß, ist mein Blut geflossen.Diese einfachen Strophen machten auf Olivia einen ungewöhnlichen Eindruck, und ihre Gedanken begannen hinter dem zerstückten und verworrenen Getriebe nach etwas Bestimmtem zu suchen.Es wurde ihr alles zur Vision, immer glühender und glühender, und sie suchte in der glühenden Wirrnis nach einer Gestalt. Sie suchte den Urheber, sie suchte den Bösen. Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen des Bösen. Sie sagte sich: einer muß sein, der das ungeheure Leid, den unermeßlichen Jammer bewirkt; einer muß da wirken, Gott kann es nicht sein, es muß ein Gegner von Gott sein und ein Feind seiner Kreaturen; Feind alles Geschaffenen, alles Blutes, aller Wärme, aller Liebe, alles Lebens und Entstehens. Sie nannte ihn den Bösen, und sie suchte ihn.Eines Nachts lag sie angekleidet auf dem Sofa in der Kammer, die allein zu bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, welche sie sich verstattete. Es war finster, sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in die Luft.Um eine reichgedeckte Tafel saßen fünf oder sechs junge Weiber. Sie waren in Gesellschaftstoilette, tief entblößt, lachten ausgelassen und tranken Sekt. Mit ihren Scherzen, frivolen Wortspielen und verführerischen Gebärden wandten sie sich an einen, der am oberen Ende der Tafel saß. Der aber hatte keine Gestalt, er war wie ein Kloß, wie ein Stück Lehm. Aber die Diener zitterten, wenn sie in seine Nähe kamen, und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anschaute.Ein befrackter Mensch mit langem Künstlerhaar spielte Klavier; bisweilen warf ihm der Gestaltlose ein Goldstück hinüber, das er geschickt auffing, ohne sein Spiel zu unterbrechen.Mitten auf dem blendendweißen Tischtuchlag, unbemerkt von allen, eine Leiche. Ihr Körper war ganz und gar mit Früchten und Konfekt bedeckt, und aus der Brust ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, die Griffe von drei Messern heraus. Durch die Fugen des Tisches rann Blut und tropfte in leisen Schlägen auf den Boden.Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in übermütigster Laune, da erhob sich der Gestaltlose und forderte eine der Frauen zum Tanze auf. Die Betreffende war geradezu ein Wunder an Schönheit, strahlend von Jugend und Leidenschaft; sie trug ein enganliegendes Gewand aus Silberschuppen, das die schlanke Figur zur höchsten Geltung brachte. In ihrem Tanz war die freie Anmut bewußter Kunst, und als sie den Kopf zurückbog und hingerissen lächelte, lächelten die andern Frauen mit und klatschten in die Hände.Während der Klavierspieler in einen schnelleren Rhythmus überging, war es, als ob der tanzende Kloß sich dehne und wachse; er bekam einen Schädel, aus dem Schädel blickten Augen, und diese Augen sprachen: Ich begehre, ich begehre. Diese irisierenden Gallertaugen waren von einer solchen Lust erfüllt, daß die Zuschauerinnen plötzlich verstummten und sich ein bleierner Druck auf sie legte. Die Tänzerin aber wurde zusehends blasser, sie suchte sich aus der Umklammerung des Kloßes zu befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldürre Arme, mit denen er sie still gewalttätig an sich preßte, immer fester, so fest, daß sie zu röcheln begann, daß ihr Gesicht blau wurde, daß ihr Leib in der Mitte einknickte, und als sie ihm schließlich entseelt in den Armen hing, sah es aus, als sei nichts mehr von ihr übrig als das Kleid.Ihre Genossinnen sprangen schreiend auf, wollten fliehen, umklammerten einander, da richtete der Mensch, der mit den drei Messern in die Brust unter Früchten begraben war, den Kopf in die Höhe und sagte mit geschlossenen Augen, wodurch sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: Gib sie mir wieder!In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten schien, strömten nun auf einmal viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, Soldaten, Offiziere, ärmlich gekleidete Frauen, junge Mädchen. Einer von ihnen, ein alter Mann mit weißem Bart, drängte sich nach vorn und sagte zu dem Kloß, der jetzt allmählich eine menschliche Gestalt annahm: Gib mir meine Tochter wieder!Mehrere, die hinter ihm standen, schrien gleichfalls, wie außer sich: Gib uns unsere Töchter zurück! Unsere Bräute! Unsere Schwestern!Da aber wurde ein monotones Gemurmel hörbar, die Aufgeregten sahen sich um und machten scheu einer Gruppe von Bauern Platz, die demütig und bekümmert aussahen; sie beugten sich zur Erde und riefen: Gib uns unser Land, gib uns unsere Wälder!Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Söhne gib uns, du Mörder, unsre Söhne!Der Kloß wich Schritt für Schritt ins Leere, bekam aber immer mehr Gestalt. Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hände und Körper; es war als sei er mit Rost überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Züge erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit seinen überaus langen Armen winkte er den Dienern, die brachten nun Säcke voll Gold und Edelsteinen und schütteten ihren Inhalt auf den Boden. Es entstand ein beklommenes Schweigen, bis der alte Mann vortrat, auf den ausgebreiteten Schatz wies und in strengem Ton sagte: Das für unsere Töchter? Das für unsere Söhne? Für unser Herzblut das, du in Ewigkeit Verruchter?Und alle Stimmen riefen verzweifelt: Unsere Brüder! Unsere Söhne! Unsere Länder! Du in Ewigkeit Verruchter!Olivia hatte die Augen offen und sah und hörte alles so wirklich, als ob sie im Theater säße.Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich unablässig; wo soll ich hin, wo kann man noch leben, wo ist es noch möglich, zu lächeln, wo ist noch Freude, wie kann je wieder Freude entstehen?Sie wünschte, sich verwandeln zu können. Als sie von fern durch die Glaswand der Treibhäuser Blumen sah, erbleichte sie in geisterhafter Sehnsucht nach einem Blumenleben. So in der Erde zu wurzeln, tief und innig, bewußtlos hinzudämmern, mit zartesten Fasern an die Natur gebunden!Daß man Blume werden könne, irgendwie, irgendwann, wurde Traum und beglückende Idee für sie. Es erschien ihr wie ein letzter Preis und ein letztes Asyl.Sie erhielt die Nachricht, daß ihr Bruder bei einem Sturmangriff fern im Osten gefallen war. Stumm und zu keiner Tröstung fähig saß sie zu Hause vor der versteinerten Mutter.Nach einer Weile kam Robert Lamm und setzte sich zu ihnen.»Dazu muß man Kinder haben, dazu sie aufziehen,« sagte die unglückliche Mutter mit Augen ohne Tränen; »zwanzig Jahre war er alt.«Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu Olivia: »Um Pfingsten herum werd’ ich vielleicht allein bei ihr sitzen. Man müßte dich mit Stricken auf ein Bett binden.«Ein paar Tage später ging sie gegen Abend in seine Kammer. »Schau’ dich nach der Mutter um,« bat sie, »ich kann meinen Platz nicht verlassen.«»Ja, du bist wichtig,« pflichtete er ihr voller Hohn bei, »oder du glaubst es wenigstens zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den Halbtoten ihre Toten beklagen zu helfen.«»Wozu also taugst du?« konnte sie sich zu fragen nicht enthalten, und ihr Blick flammte. »Du warst dir und andern lang genug gut gewesen, das schlechte Wetter zu machen. Wir haben aber soviel von der Sorte in unserm Land, daß sich die Sonne schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist kein Ruhm damit zu holen.«Er lachte sonderbar. »Wenn du Widerpart zu leisten verstehst, räum’ ich dir die Freiheit ein, mich zu beschimpfen,« entgegnete er und ließ, beinahe wie ein Sklave, Arme und Schultern hängen; »nur nicht diese wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses Schmachten im Überschmerz. Ich werde verrückt, wenn ich es ansehe. Zu weich, meine Teure, zu weich! Ihr lockert eure Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.«Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb erstaunt. »Du bist sehr einsam,« sagte sie.»Ich will ja deine Mutter besuchen,« lenkte er ab, unangenehm berührt von ihrem Ton und ihrer betrachtenden Kühle, »aber sie hat nichts von mir. Ich bin ihrer Trauer nur im Wege. Ich bin schließlich allen im Wege, auch mir selbst.«»Du bist sehr einsam,« wiederholte Olivia, und in ihrem Gesicht war plötzlich ein Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern machte.»Nun ja,« stotterte er, »was weiter?«»Einsamkeit ist eine Todsünde, Robert.« Sie trat einen Schritt näher vor ihn hin und sagte: »DeineEinsamkeit ist Todsünde.«»So nimm sie mir weg,« versuchte er düster zu scherzen. »Bekehre mich, vielleicht gelingt’s, sonst holt mich eines Tages sicher der Teufel. Siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist? Sahst du es nicht?« brach er aus und bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen. »Auch Blindheit kann eine Todsünde sein,« murmelte er völlig verstört, »genau so wie Einsamkeit.«Daß ihm dieses oder ein ähnlich geartetes Wort jemals entschlüpfen könnte, hätte er nie für möglich gehalten. Scham bemächtigte sich seiner, und am liebsten hätte er sich mit Nägeln das Gesicht zerfleischt. Er sah sich alt, verkommen, wertlos, ohne Licht, ohne Kraft, ohne Würde, und für die Dauer einiger Minuten war sein ganzes Wesen umnachtet und im Krampf.Als die Hände von den Augen sanken, war Olivia aus dem Zimmer gegangen. Mit welcher Miene, mit welch erschüttertem Zögern hatte er nicht wahrgenommen, darum brach alles zusammen in ihm. Nun war er wirklich alt, wirklich ohne Wert und Würde. Denn der Mensch ist doch am Ende das, wozu ihn die formen, denen seine Liebe gilt.Einsamkeit Todsünde? So will ich mich mit Menschen umstellen, sagte er sich, das steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten Lebenswandel kann ich Absolution erwerben.Es kam eine Wut über ihn, sich gemein zu machen, ein Verlangen nach Lärm, Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu horchen, zu schnüffeln, zu schüren. Er ging in die Kaffeehäuser, in die Versammlungen, zu früheren Kollegen, sprach Bekannte auf der Straße an und redete so lange mit ihnen, bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen Geierblick für die Unzufriedenen, die Verschwörer, die heimlichen Brandstifter, die Nörgler und Dunkelmänner aller Kategorien.Er wußte sie so einzuspinnen, daß sie getäuscht die Maske fallen ließen. Er verstand so zu heucheln, daß er sich selber widerlich wurde. Seine tückischen Mitleids- und Freundschaftsversicherungen wurden mit den Geständnissen quittiert, um die es ihm zu tun war. Er tat jenen schön, deren Bestechlichkeit und Verrätertum öffentliches Geheimnis war; er schmeichelte den Betrügern und klatschte den falschen Propheten Beifall.Er rechnete mit der Redseligkeit, der sich auch die Schlauesten im Katzenjammer nach einer Orgie überließen; mit dem Zynismus, den auch der Tartüff in der Erwartung der großen Katastrophe an den Tag legte; mit der aufgehäuften Bitterkeit der Erniedrigten und Zurückgesetzten, mit dem Druck der Lasten auf allen Schultern, mit der natürlichen Freude des Menschen an Unheil, Tod und Zerstörung.Aber sein selbstquälerischer und haßerfüllter Gang zu den Menschen nahm eine unerwartete Wendung. Die Gegenspieler traten vor ihn hin, während ihn die Spieler beschäftigten; von Schatten umringt, die in einer Schattensprache redeten, sah er über ihnen, unter ihnen, hinter ihnen Gestalten. Hingekauert an einem morschen und entlaubten Baum, vernahm er den ewigen Gesang der Wurzel. Er fühlte die Kraft, fühlte die Bewegung, fühlte die Wehen der Wiedergeburt mitten unter Gespenstern; er fühlte sein Land, er fühlte sein Volk. Wenn er vor den Bäckerläden die blassen Frauen stehen sah, geduldig wartend, daß das Brot ausgeteilt werde, wenn die zu Krüppel Geschossenen mit unbegreiflich strahlenden, fast schwärmerischen Augen, an Stöcke gefesselt, einherhumpelten, wenn verschämte Armut den Geber mied und die Verlorenen in den Elendsquartieren Siegesfeste gläubig-still feierten, da wurde ihm der Zusammenhang bewußt, da war er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur, wie allein er war, sondern auch, wie verlassen sie waren, wie er sie verlassen hatte.Über den Gesichtern, die er schaute, lag der Schein einer verborgenen Lichtquelle. Kam nicht das Licht von der unsichtbaren Lampe her, mit der Olivia des Nachts durch die Säle geschritten? Er konnte sich dieser Vorstellung nicht entziehen: in der finster gewordenen Welt die eine Flamme; ringsum im Kreis die Seelen, deren Kraft es ist, zu schweigen und zu dienen; sie warten auf das Wunder, das darin besteht, daß sie die Lampe sehen werden, denn dann sind sie erlöst.Traum eines Einsamen, Traum von der Lampe und vom Volk!Eines Abends kam er heim, angegriffen von der Frühlingsluft, in einer sonderbaren Stimmung zwischen Hinwelken und innerlicher Glut, in der ihm jetzt zumute war, als müsse er das Gesicht in Kissen vergraben und schluchzen, und jetzt wieder, als stehe er am Anfang der Zeit und an der Schwelle des Lebens: so zwischen Tod und Werden kam er und suchte ein Bild und einen Begriff von seinem eigenen Wesen. Da öffnete sich die Türe und Olivia trat herein.Er erbebte; es ahnte ihm, daß es sich um eine Entscheidung handelte.Die Bestürzung, in der Olivia das letztemal von Lamm weggegangen, war nachhaltig gewesen. Sie hatte eine dunkle Schuld gegen ihn immer empfunden, aber daß er sie nun zur Verantwortung ziehen würde, hatte sie nicht erwartet.So weit sie auch zurückdachte, er war die herrschende Gestalt in ihrem Dasein, von jener Stunde an, wo sie als Kind durch seinen Einspruch einer peinlichen Schaustellung enthoben worden war. Sie hatte gegen ihn gewirkt, er gegen sie, aber das Band zwischen ihnen war nur um so fester geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen hatte, um ihm nicht gänzlich zu verfallen, war sie ihm schon gänzlich verfallen.Sie hatte aber nie aufgehört, ihn Freund zu heißen. Ja, es war der erfahrene, wohlgesinnte, starke, verläßliche Freund gewesen, sogar in den Jahren ihrer Verfinsterung und des Selbstverlustes. Dann, als die Verwandlung kam, als sie sein Haus von ihm forderte, als er in geheimnisvollem Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens ihr entrissen wurden bis auf eine Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte, nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge der andern entdeckte, auch da war noch der Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, der Mensch. Und das Wissen um seinen Haß und Abscheu war nur ein Ansporn geworden, so zu erglühen, daß der Eispanzer um seine Brust schmelzen mußte.›Auch Blindheit kann Todsünde sein, siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist?‹ Dieses Wort vernichtete wie ein zündender Blitzstrahl alles, was sie um sich her gebaut hatte.Nur zu deutlich hatte sie die Not gefühlt, in der er es ihr entgegenschrie. Also war er überzeugt, daß sein Vorwurf und der Anspruch, den er erhob, zu Recht bestünden? Daß sein Schicksal, er das ihre wäre? Unbeseelt und mißverstehend hatte sie ihn benutzt, wie man einen Boten benutzt oder einen Führer, und hatte seine Gaben, sein hingeströmtes Inneres als Tribut genommen, doch immer in der fernen Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, der Titel Freund nicht eine wertlose Münze, ein Almosen, das ihr Gewissen beruhigen sollte? So wenig Sinn und Phantasie war in ihr, daß sie ihn im Dunkeln hatte tappen lassen Jahr für Jahr und er mit getäuschtem Herzen zum Verräter werden mußte an sich und an der Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit und den hartgeschlossenen Mund, das lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, die Tyrannei und die stumme Bitte, das ganze Leiden, den ganzen mühevollen Weg. Und sie hatte oft an ihn gedacht als an einen, der die Truggestalten überdauert, die in kurzem Glücks- und Sehnsuchtsrausch verlockend erschienen waren. Geträumt hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte sie ihn nicht eine Stunde, nie hatte sie sein Bild verloren.Einst, auf einem Ball, hatte ein junger Mann zu ihr gesagt: »Man erzählt, daß der Hofrat Lamm um Sie wirbt.« Sie hatte den Kopf zurückgeworfen und mit aufsteigender Blässe in den Wangen erwidert: »Wenn Robert Lamm mich haben wollte, hätte er nicht nötig, zu werben.«Doch gerade damals war sie in Georg Ingbert verliebt gewesen.Plötzlich war sie ein Weib, sein Weib. Er hatte den Verlauf ihrer Spiele, ihrer Verstrickungen, ihrer Trübungen abgewartet, um sie zu rufen im Angesicht einer blutüberströmten Welt. Geschah es, weil er nach einem letzten Halt griff? Geschah es in der Erkenntnis ihres Wesens oder in der Verzweiflung über den Niederbruch aller irdischen Ordnung? Sie widerstrebte nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein Weib. Doch außer einem schmerzlichen Verlangen nach Frieden und Zärtlichkeit fühlte sie nichts, was an Liebe erinnerte oder was die Menschen darunter verstanden.An einem Nachmittag um die Dämmerungsstunde betrat sie das kleine Lese- und Sprechzimmer, das für die Genesenden eingerichtet worden war. Es war niemand darin als Schwester Nina Senoner. Sie saß am Tisch und hatte den Kopf in die Hand gestützt. Trotz der Dunkelheit war an den Umrissen des schönen Gesichts der Kummer erkennbar. Olivia ging näher zu ihr hin. »Was ist mit Ihnen, Nina?« fragte sie, und als Nina Senoner erschrocken aufblickte, spürte Olivia die unheilbare Verstörung in diesem Gemüt. Aber sie hatte Furcht, der neuen Forderung nicht gewachsen zu sein, die in dem Schmerz der Freundin lag.Da machte Nina Senoner eine jähe Bewegung, schlang die Arme um Olivias Hüften und preßte das Gesicht gegen ihre Brust.Olivia hatte lange nicht mit einer Frau gesprochen; persönliches Wort auf dem Grund persönlichen Gefühls zu finden, fiel ihr schwer. Sie hatte verlernt, wichtig zu nehmen, was der einzelne in seinem Kreis mit seinem Schicksal auszukämpfen hat; nun sah sie die Verarmung darin und empfand Reue. Sie legte die Hände wie schützend auf Ninas Haar. Die stolze, herbe Frau, die ungeachtet ihrer fünfunddreißig Jahre wie ein junges Mädchen wirkte, begann zu schluchzen; unaufhörlich zuckte ihr Körper.Nach einer Weile gelang es Olivia, sie in ihr Zimmer zu führen, wo sie ungestört sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; sie trocknete mit ihrem Taschentuch die Tränen auf dem weißen Gesicht. Sie fragte, fragte; hingebend, ja zärtlich. Es dauerte lange, bis Nina Senoner ihre Scheu überwand. Nie zuvor hatte jemand in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft aufgewachsen, sie kannte nur Menschen von Haltung, von nicht zu durchdringender Fremdheit, von vorsichtigstem Anteil. Das Element der Kälte hatte sie allmählich in eine lebende Statue verwandelt;alles in ihr war erfroren, was Frauen erst zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb und Mitteilung.Mit achtzehn Jahren hatte sie einen Mann geheiratet, den sie achtete und der ihr ein vortrefflicher Gefährte war. Aber sein Los war die Arbeit, und je reicher er wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender wurde die Arbeit. In den Ruhepausen verlangte er freundliche Mienen, einen geräuschlosen Haushalt und angenehme Gespräche. Nina hatte viel Verkehr, dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. Alle Güte und Sorgfalt des Mannes war auf das Äußere des Daseins gerichtet; er umgab sie mit Luxus und mit Menschen, und wenn sie Kopfweh hatte und blaß aussah, ließ er die teuersten Ärzte kommen und wachte darüber, daß deren Ratschläge befolgt würden. Sie hatten nie Streit miteinander, kaum einen Wortwechsel, ihre Ehe wurde als mustergültig betrachtet, und das strahlende Temperament der aufwachsenden Jeanette schien ein Glück zu besiegeln, dem in den Augen der Welt nichts zur Vollkommenheit mangelte.Es vergingen viele Jahre, ehe Nina Senoner überhaupt merkte, daß sich mit ihr eine Veränderung ereignet hatte, die durchaus nicht zu diesem bewunderten und beneideten Bild des Glückes passen wollte. Sie gehörte zu den Menschen, die selten über sich und ihren Zustand nachdenken, zu jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher Strenge jede Regung der Unzufriedenheit in ihrer Brust ersticken. Doch kam es immer häufiger vor, daß ein sehnsüchtiger Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe ihre Stirn in Schatten hüllten. Sie war gern allein; solche Stunden genoß sie tief; da verflog das Gefühl der Einsamkeit, und sie wurde fröhlich, wie sie als junges Mädchen gewesen war. Aber man erlaubte ihr nicht, allein zu sein. Die geselligen Pflichten nahmen an Vielfältigkeit zu; man drängte sich an sie; man wollte sie haben; man fühlte sich wohl in ihrem Haus und in ihrer Nähe; trotzdem sie fast immer schweigsam war, fesselte und reizte sie Männer wie Frauen; ihr Lachen verbreitete eine festliche Stimmung, ihr sanfter Blick glättete alle Stirnen. Sie war immer verabredet, immer unterwegs, oder zu Hause immer unter Gästen. Die zahllosen Ansprüche zu befriedigen, wurde schwer, sie zu vermindern ganz unmöglich. Es war eine Lawine, die selbsttätig anschwoll und ihre Seele unter sich begrub.Da hatte sie eines Tages die Empfindung, als werde sie nur künstlich und nach dem Belieben aller dieser Menschen bewegt und in ihr selbst sei gar kein Wille mehr, kein Entschluß und keine Freiheit. Es schien ihr, als habe man sie planmäßig und Schritt für Schritt ihres Eigenlebens beraubt und als sei sie dessen erst inne geworden, nachdem jeder Funke davon ausgelöscht war. Sie sah sich nur noch als Hülle ihres früheren Ichs, als Opfer von toten Dingen, als Erfüllerin von zwangvollen Pflichten, als Beute von fremden Menschen. Und das Schreckliche war, daß sie auch Mann und Kind unter diesen Fremden erblickte, die sie geplündert und ihr nichts übriggelassen hatten als einen müden Körper und ein freudloses Herz.Ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit hatten viele Männer berückt; hochgestellte und geringe, alte und junge, berühmte und unbedeutende hatten für sie geschwärmt; manche hatten sich mit der Verehrung aus der Ferne begnügt, andere hatten ihr Heil in heimlichem oder offenem Werben gesucht; die Bemühungen der meisten hatte sie übersehen, und sie konnte dabei einen Hochmut entfalten, der gründlich erkältete; einige gab es, die sie eines vertrauten Gesprächs für würdig hielt, von denen sie Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse einflößte. Doch keinen einzigen hatte sie so begünstigt, daß er sich in besonderer Weise hätte ausgezeichnet finden dürfen, geschweige denn, daß sie sich ihm gegenüber etwas vergeben hätte. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, zählte die ungetreue Gattin zu den gewöhnlichsten Erscheinungen des Lebens; sie hatte gegen solche Frauen stets eine heftige Abneigung verspürt, und der Gedanke, ihren Gatten zu betrügen, auch nur mit einem Blick, mit einem Lächeln nur, war ihr niemals in den Sinn gekommen.Vor zwei Jahren war es gewesen, da hatte sie in einem Kurort einen Mann kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom Leben weit umhergetriebenen Menschen, sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, mit Eigenschaften des Charakters,die je anziehender wurden, je länger man sich mit ihm beschäftigte. Der Eindruck, den er auf sie machte, war von der ersten Sekunde an entscheidend. Er stand im selben Alter wie Nina, in der Mitte der Dreißig, aber so reif und erfahren er wirkte, es war doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhängigkeit seiner Gesinnung öffnete Nina eine neue Welt, deren Schwelle zu überschreiten sie zaghaft und verwundert zauderte. Er war verheiratet, nicht eben glücklich, hatte Kinder, die er liebte, verfocht aber mit einer beinahe zornigen Leidenschaft und mit Verachtung gegen die feigen Grundsätze der sogenannten Moral das Recht der Freiheit der Herzen.Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel schaute, sah sie, daß ihre Züge anfingen, welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren einer eigentümlichen Abspannung wie bei jemand, der jahrelang vergebens gewartet und endlich die Hoffnung aufgegeben hat. Jetzt wußte sie, worauf sie gewartet hatte. Die Jugend war dahin, und sie hatte nichts von ihr genossen. Sie hatte nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.Der Freund vermochte es, ihr dieses Geständnis zu erpressen. Er vermochte mehr. Er gab ihr den Glauben, daß es noch nicht zu spät sei. Dies aus seinem Mund zu hören und immer wieder zu hören, beglückte und erschütterte sie. Sie verlor sich in dunkle Träumereien. Stumm lauschte sie den Worten des Mannes, den sie plötzlich mit einer Gewalt liebte, von der sie früher keinen Begriff gehabt und in der sie sich verwildert und entwurzelt erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so hätte sie doch niederknien mögen, um seinen Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge, ihre Gebärde furchtsam und abwehrend, so war doch ihr Inneres voll Zärtlichkeit und Sehnsucht. Er verstand sie; er drängte nicht; er achtete ihr Gefühl, und seine besondere Art von Güte erstaunte sie bei einem Mann und machte ihn ihr täglich teurer, während der Kampf, der in ihr tobte, täglich ungestümer wurde. Eine stille Raserei nahm von ihr Besitz; es schwindelte ihr, wenn sie seine Stimme, seinen Namen hörte; sie wünschte zu sterben und begehrte heißer als jemals zu leben; alle Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische Ratlosigkeit prägte ihrem Gesicht den Ausdruck einer Somnambulen auf, dabei mußte sie auf der Hut sein und sich beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit von vielen.Ihren Gatten zu hintergehen und sein Vertrauen zu mißbrauchen, war ihr entsetzlich zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung und völlig im Bann der überlegenen Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch nahe daran, den letzten Schritt zu wagen, bloß um die Qual zu beenden, bloß um dem Spender des Gefühls, das sie erfüllte, dankbar zu sein. Da kam Jeanette. Als sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte Nina zu ihrem Freund: »Wir dürfen uns nicht mehr sehen.« Der Ingenieur reiste ab. Nina erkrankte.Nachdem man sie in die Stadt geschafft hatte, rief sie ihn wieder. Sie konnte es nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. Es waren Nächte, wo sie Angst hatte, wahnsinnig zu werden. Der Freund folgte ihrem Ruf, und er besuchte sie nun, so oft sie es verlangte, zu jeder Stunde, die sie bestimmte. Es konnte nicht häufig geschehen, aber von einem Mal zum nächsten brachte sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen Freude hin. Sie konnte tagelang in seliger Schwärmerei an ihn denken, sich seinen Gang vorstellen, sein Lächeln, seinen Gruß, und wenn sie ihn erwartete, schritt sie vom frühen Morgen an aufgeregt durch die Zimmer und war totenbleich.Aber die wenigen Stunden, die sie dann für einander hatten, wurden oft durch das Erscheinen Jeanettes gestört. Sie trat mit einem Scherz, einer Neckerei ein, so wie sie damals getan, als sie zur Mutter aufs Land gekommen war. Genau wie damals schien sie belustigt von dem tiefen Ernst in den Mienen der beiden, bedachte den Mann mit mädchenhaftem Spott, bevormundete in ihrer gutmütigen und etwas derben Weise die Mutter, war anspruchsvoll, ohne es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. Ihre Heiterkeit hatte einen Anflug von Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte den Verdacht, daß sie spioniere. Und doch war sie davon weit entfernt. Sie war nur immer da; war sie nicht im Zimmer, so war sie doch im Haus; war sie nicht im Haus, so war sie doch im Garten; war sie fortgegangen, so drohte ihre Rückkehr; sie war immer da, immer zu fürchten.Allmählich verkörperte sie für Nina den Argwohn der Welt, die Stimme des Gewissens, die Pflicht, die sie dem Gatten schuldete. Schaute sie in das Antlitz der Tochter, so fühlte sie die unbarmherzige Forderung, die Fessel nicht zu brechen, die fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet hatten, empfand sie die ganze Nüchternheit und Dumpfheit ihres Daseins. Das eigene Kind, das sie liebte, ja vergötterte, war ihr zugleich ein Gegenstand des Hasses und der Furcht; es war der Wächter vor ihrem Gefängnis, der Anwalt des Vaters, die Meinung der Gesellschaft.Sie geriet in Verwirrung und unsägliche Qual. Sie floh vor Jeanette und suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie schmeichelte ihr und bestach sie mit Geschenken; dann wieder war sie verschlossen und kalt. Eines Tages sagte die Achtzehnjährige zu ihrer Mutter: »Du bist mir ein Rätsel,« und vor ihrem verwundert forschenden Auge senkte Nina den Blick. Der Freund fand sie ruhelos und launenhaft. Wenn sie dem Flehenden ihre Hand überließ, horchte sie mit emporgezogenen Schultern und abgewandtem Gesicht zur Tür. Er fragte, warum sie so vor dem Kind zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebärde als Antwort; wie von Leidenschaft gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er bot ihr alles, sein Leben, die Lösung seiner Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie erhob beschwörend die Hände. Er wollte sie umarmen, sie stieß einen Schrei aus und stellte sich schnellatmend mit dem Rücken gegen die Türe. »Sie würde mich bis ans Ende der Welt verfolgen,« sagte Nina flüsternd; »sie hat alle Macht, und ich habe keine.« Dieses wunderliche Wort ergriff den Freund, und zum erstenmal hatte auch er bei dem Gedanken an Jeanette die Ahnung der Gefahr.Einst standen sie in der Dämmerung nah’ beieinander am Fenster, da wurden rasche Schritte hörbar, und Jeanette trat ein. Sie blieb an der Schwelle stehen und lachte. Nina drehte sich um und bemerkte unmutig: »Wie kann man sich nur so taktlos benehmen!« – »Aber Mutter!« rief Jeanette, abermals und noch lauter lachend. Was konnte der Grund ihres Lachens sein, das eigentlich ein wenig albern klang? Es schnitt Nina in die Seele, jedoch der Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese Jugend verachtete das Halbe und seine dunklen Katastrophen, verachtete die hingezogenen Entscheidungen, verachtete die Umwege und das matte Zweifeln, verachtete die Dämmerung und das Geheimnis. Sie schuf sich ein neues Lebensgesetz, sie hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich zu verkündigen und für sich einzustehen, sie erklärte sich für das Gerade, für die Helligkeit und für die Kraft.Das war es, was er aus dem unschuldig und albern klingenden Lachen Jeanettes herausfühlte. Und er sagte es Nina. »Geh zu ihm oder geh zu mir,« schloß er; »zu einem mußt du gehen.«Sie schwieg. Aber am Abend schrieb sie dem Freund einen Abschiedsbrief, dann ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, daß sie einen andern liebe. Sein Gesicht wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als sie anstarren. Zwei Tage und zwei Nächte sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. Sie sagte: »Ich bin deine Frau.« Da fragte er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben wolle, das sie in Ungarn besaßen, und sie bejahte. Er begleitete sie hin, und sie blieb dort monatelang. Jeanette besuchte sie häufig, sie war verändert, voll Zartheit und Rücksicht, als wisse sie um das Geschehene und sei nun zufriedengestellt. Von dem Geliebten hörte sie erst wieder, als er bei Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. Er sandte einen letzten Gruß.Heute hatte sie die Nachricht erhalten, daß er gefallen sei.In das verstörte Herz fiel der Strahl der Lampe. Ihr Geisterschein ließ aufschimmern, was Ninas wortunkundige Lippen verschweigen mußten. Olivia war so sehend geworden, so allfühlend, so mitschwingend; sie dachte auf einmal an ein Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein einziges Herz.Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt und Gesicht vor ihr auf. Es war wie ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, den sie wußte und lebte, zum Kampf gegenübertrat. Leib und Seele standen auf widereinander; ach, dieser Verzicht, dies dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verratwurde! Der ewige Hunger der Dämonen schrie nach Stillung.Eine reuevolle Unruhe erfaßte sie. Ingbert war der Erwecker ihrer Sinne gewesen, und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der Zerrüttung menschlicher Dinge, aus Ninas vernichtetem Schicksal. Der Genius in ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, da Lamm gekommen war, um sein Recht zu fordern.Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr Ingbert beim Abschied übergeben hatte. Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es drängte sie hin wie zu einem Menschen. Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah sie, daß auf dem Bande, an dem das Siegel befestigt war, Worte geschrieben standen. Sie las: Zu öffnen von Olivia, wenn sie einmal spüren kann, was sie mir war.Zaghaft streifte sie das Band herunter und öffnete die Rolle. Es kam eines der Porträts zum Vorschein, das Ingbert nach seiner Krankheit von ihr angefertigt hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, daß es ein ausgearbeitetes Werk war, eine Komposition, der die zahlreichen Skizzen, die er damals gemacht, zur Grundlage gedient hatten. Das Gesicht war von solcher Schönheit, daß Zweifel sie beschlichen, ob es auch wirklich ihre Züge seien und nicht eine in dem Maler wurzelnde Idee davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit in dem Antlitz, etwas Strahlendes und Enthusiastisches, und um den Mund lag eine sinnliche Bereitschaft, die Olivia fremd berührte und sie erröten ließ. ›Soll ich so gewesen sein?‹ fragte sie sich.Hatte er sie so gesehen und empfunden, dann mußte sie auch so gewirkt haben. Dann mußte das alles auch in ihr sein. Ihr Puls schlug matter; unwillkürlich schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter ihr stehe und sie ihn fragen könne. Nichts erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu fragen.Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurück. Da meldete man ihr, daß im Sprechzimmer ein Offizier auf sie warte. Sie ging hinein; der Offizier, der Arm und Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar vom Felde kamen, leidend angestrengte Züge hatte, erhob sich und fragte höflich, ob sie Schwester Olivia Khuenbeck sei. Dann nannte er seinen Namen und fuhr fort: »Ich bin vom Leutnant Georg Ingbert dringend beauftragt, Ihnen Grüße zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, es nicht zu versäumen. Ich entledige mich hiermit meiner Mission.«»Wo ist Georg Ingbert?« erkundigte sich Olivia mit leiser Stimme.»Er liegt in Zawadow bei Strji.«»Verwundet?«»Schwer verwundet; so schwer, daß man ... daß man seinen Tod wünschen muß.«Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen sagte sie, kaum hörbar: »Ich danke Ihnen. Sie haben mir einen großen Dienst geleistet.«Ihr Entschluß war gefaßt.Sie stand vor Robert Lamm in derselben Haltung wie vor dem Offizier. »Ich muß so schnell wie möglich nach Galizien, Robert,« sagte sie; »sei mir behilflich, daß ich morgen die nötigen Papiere erhalte.«»Was willst du denn in Galizien tun?« fragte er.Sie antwortete: »Ich muß zu Georg Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend in einem Feldspital.«Lamm ging, an ihr vorüber, auf und ab. Nach einer Weile sagte er: »Ich werde die Papiere besorgen.« Dann, wieder nach einer Weile: »Wäre es dir lästig, wenn ich dich begleiten würde? Du brauchst auf dieser Reise einen Schutz.«Sie sah ihn groß an. Statt etwas zu entgegnen, bot sie ihm die Hand. Er starrte darauf nieder, überwältigt. »Olivia, zwischen uns beiden steht das Schicksal in seiner ganzen Unerbittlichkeit,« murmelte er.Sie schüttelte den Kopf. »Zwischen uns beiden ist nichts Trennendes mehr,« sagte sie mit schönem Lächeln und legte auch die linke Hand in seine.Ungläubig hob er die Augen. Es gibt ein Glück, das wie Angst wirkt. »Zu spät, Olivia, zu spät,« stammelte er. »Ich bin ein gar zu irdischer Mensch. Die Sorte geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde. Aber ich habe nun wenigstens die Genugtuung, daß ich nicht an ein törichtes Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei liegt eine höhere Vernunft.«Olivia, sichtlich müde, lehnte den Kopf an seine Schulter.

»Diese Olivia,« rief Frau Khuenbeck, »die so heikel war, daß sie vom Tisch aufstand und nicht weiteressen konnte, wenn auf einem Salatblatt ein Wurm kroch! Was kann ihr die Welt noch sein, danach? Kann sie je wieder ein harmloses Leben führen, ein Leben mit kleinen Pflichten?«

Lamm erhob sich. »Wir werden das Problem heute nicht lösen, Verehrteste,« antwortete er schroff. »Unser Verstand ist überhaupt unzulänglich gegenüber dem traurigen Verwesungsvorgang, den man Leben nennt. Mich dürfen Sie schon gar nicht interpellieren. Ich gestehe Ihnen, mir wird übel, wenn ich ja oder nein sagen soll. Ich bin im Begriff, mir das Reden abzugewöhnen; meine Zunge hat nicht die geringste Lust mehr, Geräusche zu artikulieren. Ein überflüssiges Stück Fleisch, das mir im Munde fault. Empfehle mich Ihnen.«

Als er durch den Korridor seines Hauses schritt, traten ihm zwei Herren in den Weg. Der eine war Doktor Strygowski, der andere, der mit außerordentlicher Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, etwas aufgeschwemmtes Gesicht, und seine Miene verriet Unsicherheit und Anmaßung. Er blieb vor dem Hofrat stehen, lüpfte den tadellos gebügelten Zylinder, nannte seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher Bescheidenheit und sagte, er sei entzückt von der Besichtigung des Hauses,das eine Perle unter den Lazaretten der Stadt sei, und er freue sich, dies öffentlich verkündigen zu können.

Lamm stand steif wie ein Stock. Der andere verbeugte sich, lächelte aus irgendeinem Grunde geschmeichelt und ging.

Doktor Strygowski sagte: »Einer unserer führenden Journalisten. Besichtigt Spitäler im Auftrag des Roten Kreuzes.«

Lamm nickte. »Kennen Sie die Geschichte vom Grafen Ulrich von Württemberg und dem Dieb?« fragte er. »Der Graf Ulrich hatte die Gewohnheit, oft den ganzen Tag vor seinem Schloß zu sitzen und mit jedem zu sprechen, der vorüberging. Einmal schlich sich ein Mensch aus dem Tor, der hatte drinnen in der Küche einen Fisch gestohlen und er hatte einen sehr kurzen Mantel an, unter dem der Fisch hervorhing. Da rief ihn der Graf zu sich und sagte zu ihm: ›Wenn du wieder Fische stehlen gehst, so zieh einen längeren Mantel an oder nimm einen kürzeren Fisch.‹«

Doktor Strygowski lachte. »Ich glaube, der Rat hat gefruchtet,« antwortete er. »Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend langen Mänteln versehen.«

Lamm warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Arzt. »Doktor Strygowski, wenn ich nicht irre –?«

»Strygowski ist mein Name. Ich bitte um Verzeihung, daß ich unterlassen habe –«

Lamm schüttelte ungeduldig den Kopf. »Nichts, nichts,« unterbrach er den Doktor. Dann ließ er abermals den Blick mit fast verletzender Unbekümmertheit auf dessen Zügen ruhen. Er war gefesselt von dem Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und sagte: »Es wäre mir lieb, wenn Sie am Abend eine Stunde zu mir kommen würden. Ich habe einige Fragen an Sie zu richten.«

Doktor Strygowski erwiderte, er werde kommen, sobald es ihm seine Zeit erlaube.

»Herr Doktor, der Transport,« sagte Schwester Nina, die vom Eingangsflur heraufkam. Lamm kannte die schöne, blasse Frau Senoner. Er grüßte kühl.

Die Sanitätsleute kamen mit den Bahren. Regungslos lagen die verwundeten Männer, mit eingesunkenem Brustkorb und auf die Seite geneigtem Kopf. Ihre Gesichter waren von einem verwitterten Grau, das Blut war durch die Verbände gedrungen und klebte auf der Haut. Mit dumpf-ungläubiger Verwunderung sahen sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen, verursachte ihnen eine mit Furcht gemischte Spannung, über die sie grübelten.

Hinter den letzten Trägern ging Olivia. Sie war in einen ziemlich groben Mantel gehüllt, das Gesicht war entfärbt. Als sie Robert Lamm gewahrte, nickte sie ihm ohne Lächeln zu.

Es war elf Uhr vorbei, als Doktor Strygowski in Robert Lamms Stube trat. Er entschuldigte sein spätes Kommen. Lamm deutete schweigend auf einen Sessel gegenüber seinem Lehnstuhl.

»Ich will über Olivia Khuenbeck mit Ihnen sprechen,« begann er ohne Umschweife. »Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß Olivia während ihrer ganzen Jugend unter meiner Obhut gestanden ist. Ich fühle mich noch immer für das, was sie tut, verantwortlich. Möglich, daß es eine Torheit ist, aber es ist nun einmal so. Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias zu dem Beruf, den sie sich hier erwählt hat?«

Ein wenig verwundert über den Ton eines verhörenden Richters, antwortete der junge Arzt nach einigem Überlegen: »Zu einem Urteil oder einer Kritik fehlt jede Befugnis, wo etwas so Ungewöhnliches vollbracht wird.«

»Hat sie von Anfang an gewußt, was ihr beschieden sein würde, wenn sie beharrlich blieb?«

»Ohne Zweifel,« versetzte Doktor Strygowski.

»Beachten Sie eines,« fuhr Lamm eindringlich fort; »viele Menschen, die sich an ein schwieriges Unternehmen wagen, ermangeln der Kenntnis und aufrichtiger Einschätzung ihrer Fähigkeit. Sie brauchen darum nicht zu versagen, oft zeigen sich die höheren Kräfte mit der höheren Forderung. Aber wo es sich um den beständigen Anblick von Blut und Wunden handelt, muß unbedingt die Phantasie nach und nach ertötet werden, sonst ist an eine fruchtbare Arbeit nicht zu denken. DerAugenschein schwächt sich ab, die Gewohnheit macht die Sinne stumpf.«

»Das kann ich nicht leugnen, und es gilt in allen Fällen, nur bei Schwester Olivia nicht,« versetzte Doktor Strygowski. »Ihr Geist und ihr Gemüt sind der Abstumpfung nicht unterworfen. Das ist das Merkwürdige und das Seltene bei ihr. Nicht bloß, daß sie sich an das vielfältig Entsetzliche nicht gewöhnt, nie gewöhnen wird, sondern jeder neue Eindruck reißt ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem Grauen, dem Schmerz, der Empörung, dem Mitleid mit einer Intensität überliefert, die ohne Grenze ist.«

»Also ein Phänomen, ganz einfach ein Phänomen,« sagte Lamm mit erheuchelter Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den Sessel zurück und umklammerte mit den Fingern die Armlehnen fest.

Doktor Strygowski fuhr fort: »Sie kennt jeden einzelnen Mann, und wir haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. Sie kennt die Beschaffenheit der Wunden bei jedem, sie weiß ob Hoffnung besteht, das Leben zu erhalten oder nicht, jede Besserung oder Verschlimmerung spürt sie unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, wenn Gefahr droht. Die Fieberzustände sind ihr so vertraut, daß alles Fieberwesen, vom gelispelten Betteln um Wasser bis zur Raserei, vom Zähneklappern bis zur Hochglut zur besonderen Sprache und Mitteilung für sie geworden ist. Und sie begnügt sich nicht, sie will immer noch ein Mehr; von sich selbst heißt das, nur von sich selbst.«

Lamm erhob sich, ging auf und ab, setzte sich wieder. Er zwang sich mühsam zu Ruhe. »Ich begreife es nicht,« stieß er hervor, »begreife es nicht. Ich will gar nicht die Frage erörtern, wie sie es physisch aushalten soll; aber Tag für Tag das alles sehen! Und nicht nur sehen, auch hören, das Stöhnen, Wimmern, Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier oben schaudert mir manchmal die Haut, und ich bin doch ein hartgesottener alter Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von jedem Windhauch war sie abhängig, jede übel gelaunte Miene hat sie erschreckt; sie an einem Wirtshaus vorüberzuführen, wo Betrunkene lärmten, war ein Wagnis.«

Überrascht von der Aufwallung eines Mannes, den er für trocken und unempfindlich gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski den Kopf. »Vor einigen Tagen war ich mit Schwester Olivia in einem Haus, wo irrsinnige Verwundete untergebracht sind,« erzählte er mit leiser Stimme; »da waren Zimmer angefüllt mit Männern, die aneinander vorübergingen, ohne einander zu gewahren, in gleichmäßigem Marschtempo, mit Blicken der angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo Männer saßen, die stundenlang die Hände steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach ihren Angehörigen riefen; da war es schwer, sich zusammenzunehmen, sehr schwer. Schwester Olivia hatte eine Gebärde, die ich nicht vergessen kann seitdem; so, als wollte sie sagen: ›O Gott, was ist mit deiner Welt geschehen, was ist mit eurer Welt geschehen, ihr Menschen!‹«

»Ja, das kann ich mir gut denken,« antwortete Lamm nun wieder mit erkünstelter Ruhe. »Aber erklären Sie mir doch, was in ihr vorgeht,« fügte er hinzu und kniff die Augen sonderbar zusammen; »mich läßt da die Logik im Stich.«

»Die menschliche Seele ist ein wunderbarer Organismus, Herr Hofrat,« sagte Doktor Strygowski sinnend. »Ich will nicht von mir reden. Ich bin Arzt. Aber auch ein Arzt, für den der Menschenkörper Studium und Sache wird, gerät jetzt bisweilen mit der sogenannten göttlichen Weltordnung in Konflikt. Man fragt sich, was das alles soll, das Leben und Sterben und die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken an mir nagen, und ich schaue Schwester Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa einem stümpernden Dilettanten, der vor einem Künstler steht. Die leidet! Das ist Leiden! Gewiß, der Tag faßt vieles, man vergißt, man flieht, die gespannte Saite lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes Wort, einen geistigen Zuspruch, aber bei ihr ist auch davon keine Spur. Es scheint mir oft, als sei sie bereits einen Schritt über die Alltäglichkeit hinausgelangt, ich kann es mir nicht anders erklären, irgendein unbekanntes Element hat sich ihrer bemächtigt, für mich im stillen nenne ich es die Metempsyche.«

Lamm schwieg, kaum daß er atmete, und nach einer kurzen Weile fuhr DoktorStrygowski fort: »Sie versteht die Heiterkeit nicht mehr, das harmlose Gespräch nicht mehr, das selbstverständliche Weitergehen des Daseins nicht mehr. Sie versteht nicht, daß es noch Menschen gibt, die von ihren Geschäften, ihren Wünschen, ihren persönlichen Vorteilen und Enttäuschungen reden können. Ich sah sie einmal ins Pflegerinnenzimmer treten, als eines der Mädchen vor dem Spiegel saß und sich frisierte, einigermaßen umständlich, wie es ja manche Frauen tun. Die Miene, mit der sie wehmütig und unwillig staunte, war ergreifend. Sie selbst hat sich ja ihr Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.«

»Nein, ich wußte es nicht,« murmelte Lamm, »ich wußte es in der Tat nicht. Das unvergleichliche Haar! In Generationen schafft die Natur so etwas nicht zum zweitenmal.«

»Unter unseren freiwilligen Damen,« begann Doktor Strygowski wieder, »ist auch eine vielgerühmte Schauspielerin, Schwester Susanne, eine verwöhnte Gesellschaftsdame mit Prinzessinnen-Allüren; um sie ist der ganze Lügendunst des Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten mit der großen Geste, mit der sie ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu sehen, wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. Sie schlägt die Augen zu Boden, als schäme sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie soll ich sagen, etwas geradezu magisch Edles. Sie weiß natürlich, wie es um so manche dieser Frauen bestellt ist; daß sie sich im Pflegedienst Abwechslung und Zerstreuung verschaffen wollen, daß sie die Leere ihres Gemütes zudecken durch einen Eifer, der ihnen Beifall einträgt.«

Robert Lamm lachte bitter auf. »Sie sind ein gründlicher Herr, das muß man gestehen,« sagte er. »Nun, und das wucherische Treiben der Lieferanten, weiß sie auch von dem? Und wie verhält sie sich dazu? Und zu der Schwerfälligkeit der Ämter und Behörden, der Schmähsucht der Unzufriedenen, den Ränken der Beleidigten, den Ausreden der Faulen, den krampfhaften Bemühungen der Streber und Ordensjäger, dem frühzeitigen Erlahmen derer, die in rascher Begeisterung Wunder zu tun versprochen hatten, mit einem Wort, dem ganzen landesüblichen Unrat, wie verhält sie sich dazu?«

»Ich glaube, das alles legt sie sich förmlich selber zur Last und verwandelt es in eine Forderung an sich,« erwiderte Doktor Strygowski. Er dachte eine Weile nach, bevor er zögernd fortfuhr: »Sie muß ein Erlebnis von einschneidender Bedeutung gehabt haben. Sie muß einmal so zu Boden geschlagen worden sein, daß es aller Kraft bedurfte, die ein Gemüt überhaupt aufbringen kann, damit sie sich wieder erheben konnte. Deshalb ihre Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb ihr unbeirrbar gerichteter Weg.«

»Ach was, Flausen!« rief Lamm schroff, ja fast wild. »Flausen! Darauf fall’ ich Ihnen nicht herein!«

Ein rascher Blitz des Unwillens traf ihn aus Strygowskis Augen. »Ich habe Ihnen meine Meinung nicht aufgedrängt, Herr Hofrat,« sagte er leise. »Daß ich Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht leugnen. Ich gestehe sogar, daß ich noch nie einen Menschen in diesem Maß bewundert habe. Meine Bewunderung ist um so größer, als ich mir nicht verhehle, nicht verhehlen kann,wohinder Weg führt, den sie geht.«

Lamm schwieg betroffen. Die beiden Männer sahen sich an.

»Und Sie haben kein – Kapital in diese Bewunderung investiert? Sie wollen keine Zinsen daraus ziehen?« fragte Lamm mit verkniffenem Mund.

»Ich verstehe nicht –«

»Ich meine, ob Sie nicht ein bißchen bestochen sind, vielleicht ohne es zu wissen? Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, ohne geheime Hoffnung, ohne die Erinnerung an einen Nervenkitzel, ohne ein egoistisches Ziel.«

»Hierauf habe ich keine Antwort.«

»Das ist jedenfalls bequem.« Lamm erhob sich und begleitete seine Worte mit heftigen, abgehackten Gebärden. »Ich soll also schlechterdings an Engel glauben, an graduierte Engel mit Schnurrbart und Brille! Seit wann sind denn die Doktoren der Medizin unter die Idealisten und Propheten gegangen? Hat euch die blutige Zeit betrunken gemacht?«

»Ihr Ungestüm gibt Ihrer Beschuldigung noch nichts Plausibles,« sagte Strygowski, der blaß geworden war.

»Ich beschuldige Sie nicht, ich weiß nichtsvon Ihnen, Sie sind mir fremd, lassen wir Ihre Person aus dem Spiel,« fuhr Lamm grollend fort. »Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, will ich abbitten. Aber können Sie sich als erfahrener Mann, als redlicher Beobachter vorstellen, daß ein Wesen wie Olivia sich Tag für Tag, Stunde für Stunde unter Männern bewegt, ohne nur im Geringsten als Weib auf diese Männer zu wirken? Meine Frage enthält keine Frivolität. Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir leben auf einem Planeten, mag er auch noch so mangelhaft gezimmert sein, auf dem es für bestimmte Daseinsformen bestimmte Gesetze gibt. Hunger ist Hunger, Blut ist Blut. Hunger will Sättigung, Blut will Wärme. Riechen Sie nicht den tückischen Giftstoff, von dem das ganze Haus erfüllt ist? Glauben Sie, daß irgendein Weib sich dem entziehen kann, auch wenn sie Olivia heißt?«

»Ich glaube es,« erwiderte Doktor Strygowski entschlossen. »Was Sie sagen, ist keine Wahrheit für mich, sondern eine Anklage, die erst bewiesen werden muß. Es müßte erst bewiesen werden, daß die Caritas, vor der ich meine Knie beuge, ein lemurischer Unhold ist.«

»Ist sie auch!« rief Lamm mit Leidenschaft. »Ein Unhold und Lügengeist, der Frauen- und Mädchenseelen mit falschen Hoffnungen umgarnt, um sie dann, jeder Illusion bar, hinaus ins Leben zu stoßen.«

Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski zog die Uhr aus der Tasche, überlegte eine Weile, während er die Uhr in der Hand behielt und sagte dann: »In einer Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre zweite Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur durch den Augenschein widerlegt werden. Unmöglich, daß Sie auf Ihrer Meinung beharren, wenn Sie sie dabei sehen.«

»Ich brauche den Augenschein nicht,« knurrte Lamm. »Alles was ist, kann ich mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.«

»Diese Paradoxie ist mir bekannt,« entgegnete der Arzt; »ich kenne dieses Leiden.« Er blickte traurig zu Boden.

In diesem Augenblick vernahmen sie ein seltsames, eintöniges Plärren, ein singsangähnliches Heulen wie von einem Hund. Der Hofrat ging zur Tür und lauschte. Dann öffnete er die Türe, schritt durch den kleinen Vorraum und die Treppe hinunter.

Doktor Strygowski folgte ihm.

Auf der untersten Treppenstufe saß zusammengekauert ein Mensch. Erst als er ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener Gerold. Er war es, der wie ein Idiot halblaut vor sich hinheulte und dabei mit dem Oberkörper schaukelte. »Was treibst du da?« herrschte ihn Lamm an.

»Herr Hofrat, ich find’ im ganzen Haus kein Plätzchen, wo es still ist,« flüsterte der Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah aus wie geschwollen.

»Geh auf der Stelle in deine Kammer und in dein Bett,« befahl Lamm.

Gerold erhob sich schwerfällig und wankte über die Stiege. »Kann aber nicht schlafen, Herr Hofrat,« klagte er.

Lamm schüttelte sich ein wenig. Er machte Miene, wieder in seine Stube zu gehen, aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so forschend, so sonderbar auffordernd auf ihn gerichtet, daß er mit einer unbehaglichen Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte und hinter dem Arzt in das große Zimmer ging, das vormals seine Bibliothek gewesen war. Die Lichter waren ausgelöscht bis auf eines, das neben der Tür brannte und durch ein grünes Tuch abgedämpft war. Nur in den zunächst stehenden Betten konnte man die Gesichter sehen. Sie hatten einen fahlen Schein. Einige Verwundete wachten und hoben von Zeit zu Zeit den Kopf; dabei glänzten die Augen heiß, und wenn sie den Kopf zurücksinken ließen, ächzten sie.

Doktor Strygowski zog Lamm in den Schatten und raunte ihm zu: »Sie muß gleich kommen; hier war sie noch nicht, denn die Schwester dort drüben ist eingenickt.«

Er hatte kaum ausgeredet, da trat im Hintergrund eine Gestalt durch die Türe. Es war Olivia.

Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit im Raum ließen ihr Gesicht nahezu weiß erscheinen. Der Schritt war lautlos und verlieh der Bewegung etwas Geisterhaftes. Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, die schlummernd auf dem Stuhl saß und berührte mit der Hand deren Schulter. Das Mädchen fuhr erschrocken empor; dieBestürzung in ihremGesichtverwandelte sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia schüttelte den Kopf und ging weiter.

Die Blicke derer, die wach waren, hatten sie entdeckt; sie flogen ihr zu, förmlich ungeduldig; dies hatte etwas wie bei hungrigen Säuglingen, wenn die Amme an die Wiege tritt.Es warrührend und unheimlich. Olivia schien es zu fühlen; sie neigte die Stirn; alles war plötzlich so sanft an ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar innerlich und beredt.

Sie ging wie mit einer Lampe in der Hand, die nicht verlöschen durfte. Aber trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare Lampe ihre ganze Aufmerksamkeit zu beanspruchen schien, war es, als sehe und spüre sie alles, was rund um sie war, mit zehnfach geschärften Sinnen.

Als sie in das nächste Zimmer treten wollte, kam Schwester Emilie, eine ältere Person, aus der Tür. Sie sagte: »Mit Nummer 42 geht es jetzt zu Ende.«

»Rufen Sie Doktor Strygowski,« antwortete Olivia.

Vor dem kleinen Raum, in welchem Nummer 42 lag, standen flüsternd einige Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, als er zu dem Bett des Unbekannten ging. Robert Lamm hatte sich unter sie gemischt. Olivia bemerkte ihn im Vorüberschreiten und nickte ihm zu wie am Abend, ohne zu lächeln, doch mit einem verwunderten Aufschimmern des Blicks.

Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, sondern eine Kraft, die ihren Ursprung in Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, die sie trug.

Der Sterbende war in einem Zustand von Auflösung und Entrückung. Der Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, daß es peinigend war, in sie zu schauen. Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem Gestrüpp.

Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf der keuchenden Brust des Mannes und lauschte dem Herzschlag.

War es nur eine Täuschung, oder verhielt es sich wirklich so: alle im Zimmer Anwesenden hatten den Eindruck, als seien die Blicke des Unbekannten, die bis zu dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten Gegenstand oder einem Menschen geruht hatten, auf Robert Lamm gerichtet, ausschließlich und ohne abzuirren auf ihn, und zwar in einer Art, wie wenn er eine Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn er ihn an ein Versprechen mahnen wollte. Der Blick war so dringend, als sei zwischen den beiden zu irgendeiner Zeit einmal eine Verabredung getroffen worden und als sei eben jetzt die Frist verstrichen. Es war ein Blick des Willens und des Bewußtseins, der alle in Erstaunen versetzte.

Lamm spähte scheu um sich her; er wollte dem Blick entrinnen, doch zwang es ihn stets von neuem in die Richtung, wo er dem schauerlich und dringlich glänzenden Auge begegnen mußte. Olivia stand hinter dem Arzt; in ihrem Gesicht war ein gedankenvoller Ernst. Auch dagegen sträubte sich Lamm mit stummer Anstrengung; am liebsten hätte er ihr zugerufen: Sprich mit mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus seiner Bedrängnis befreit hätte, sich abzuwenden und wegzugehen, war ihm durchaus unmöglich. In dieser Not griff er zu einem sonderbaren Hilfsmittel: er riß seine Zigarettendose aus der Tasche, entnahm ihr eine Zigarette und hielt sie dem Sterbenden hin. Es geschah dies weniger aus Überlegung, als aus Trotz und Trieb, die gesteigerte Situation ins Gewöhnliche zu ziehen.

Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger Funke aus den Augen des Unbekannten blitze; er machte eine schwache Bewegung mit dem Arm, und Lamm schob ihm nun die Zigarette zwischen die Lippen. Aber um den blutlosen Mund spielte auf einmal ein Ausdruck der Verachtung; ja, der deutlichen, bittersten Verachtung, durch ein mattes Lächeln nicht gemildert, sondern verstärkt. Sodann erschütterte ein schrecklicher Seufzer den Körper, das Auge brach, das Leben war dahin.

Als Robert Lamm den Raum verließ, war ihm wie einem zu schimpflicher Strafe Verurteilten zumute; das Lächeln unergründlicher Verachtung in der letzten Agonie des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal auf ihm.

Olivia tat das Herz so weh, als sei es ein Geschwür in ihrer Brust. Am Anfang und am Ende jeder Handlung stand dieselbe Frage; jede Gedankenfolge schloß mit einem jammervollen Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo ist Trost?

Die Schauspiele verwirrten sich wie die Schicksale. Der gemeinsame Ursprung der Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses Haus, in dem sie zufällig wirkte, war nur eines unter den Tausenden von Becken, in denen sich das Unglück sammelte. Man mußte die Einbildungskraft in Schranken zwängen, um nur die Hände rühren zu können. Es war ein krampfhaftes Ansichhalten vom Morgen über den Tag zum Morgen, vom Abend die Nacht zum Tag.

Und dennoch: immer wieder auf und hinüber, hin zu den Wunden, vielleicht, daß eine Berührung, ein Wort, ein Blick Linderung brachte oder Geduld einflößte.

Sie fühlte eine Kraft in sich, deren Wesen ihr nicht bekannt war. Sie fühlte diese Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und die Augen an ihr hingen. Diese Augen redeten eine Sprache von nie gehörter Eindringlichkeit, die sie ohne Gewissenspein nur hinnehmen konnte, wenn sie sich ganz ausschöpfte im Tun, sich ganz und gar vergaß.

Die Schicksale stürzten über sie, und sie wurde das Opfer von ihnen. Sie wollte es sein, in ihren hingegebensten Stunden sehnte sie sich danach, völlig zermalmt zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. Ruhte sie, faßte sie sich wieder, so wurde es zu gräßlich, nur zu denken an das, was war. Nicht allein von Bildern der Zerstörung war ihr Geist beladen, Bildern leckender Flammen, eingeäscherter Wohnungen, unerträglichen Hungers, erstickender Todesangst, hoffnungslosen Siechtums und der Verzweiflung, die keinen Blutstropfen unvergiftet ließ, sondern von dem auch, was dahinter war an Wut, Haß und Bosheit, dem Gewebe kleiner Lügen, den Beleidigungen der Menschenwürde, von dem Aufgestachelten in allen, der von überallher tönenden Klage.

Damals, als ihre Mutter in der Sorge um Ferdinand zu ihr kam, mußte Olivia in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; sie sagte: »Du darfst die Hoffnung nicht sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.«

»Ich? Warum nur ich? Warum nicht auch du?« gab Frau Khuenbeck erstaunt zurück.

Olivia schwieg. Ihr war, als verriete sie alle andern, wenn sie den Bruder beklagte.

Leo von Scheyern war gefangen, Ernst von Scheyern war unter den Vermißten. Frau von Scheyern kam nicht mehr ins Spital. Sie sprach eines Tages mit Olivia darüber, wie sie beim Anblick jedesBriefträgers bleich geworden sei, bei jedem Läuten der Wohnungsglocke gezittert habe. Da sah Olivia Tausende und aber Tausende von Müttern, die in folternder Ungewißheit um das Leben ihrer Söhne schwebten und an keinem Morgen erwachten, ohne auf die Kunde gefaßt zu sein, die ihr Dasein in eine Wüstenei verwandelte.

Im Anfang blieben die Geschehnisse im Schatten, und nur die Gesichter traten hervor. Als sie aufhörten, stumm zu sein, wenigstens für Olivia, wälzte sich von allen Seiten das Grauen heran. Viele von denen, die dalagen, hatten überdies Worte, unvergeßliche Worte, um andre wieder schallte tönend ihr Erlebnis, ohne daß sie selber Kunde gaben.

»Ich will nimmer hinaus,« knirschte einer im Fieber und bäumte sich verzweifelt, »tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh’ nimmer.« Einer stieß im Schlaf die schrecklichsten Angstlaute aus, und einer schaute gebannt, mit aufgerissenen Augen in die Luft, als sehe er in ununterbrochener Folge wieder und wieder, was ihm das Herz zerfleischt und den Verstand geraubt hatte.

Da war ein Mann, der in seinem bürgerlichen Beruf Akrobat gewesen war. Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe bildete, die Cromwell-Truppe, wie sie sich fremdländisch-imposant nannte, war er jahrelang durch die Provinz gezogen und hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit ergötzt. Ein Schrapnellschuß hatte ihm beide Beine weggerissen, Frau und Kinder waren des Ernährers beraubt, er lag da, ein Krüppel, und sann darüber nach, was er an Stelle seiner verlorenen Kunst würde treiben können. Er dachte an das bunte Kostüm, in dem er aufgetreten war, an den Beifall, den er mit seiner Arbeit am hohen Trapez geerntet, und daß das alles nun vorbei war.

Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. Es war ein sehr gewöhnliches Gesicht mit vollen Backen, kleinen dummen Augen und niederer, fliehender Stirn. Aber die Gewöhnlichkeit der Züge war durch die geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren Kräfte umglüht. Wie ging das zu?

Sie grübelte unablässig. Was bedeuteten ihr im Grunde all diese Leute, die aus einem kleinen Leben zufällig in ein großes gerissen worden und darin zerschmettert worden waren, zufällig in diesem Haus ein Asyl gefunden hatten? Was galt ihr der Bauer aus der Südmark, der da lag, erblindet? Aber wie er es trug, was er daraus schuf! Was war mit ihm vorgegangen, daß er tun konnte, was er getan? Viele Wochen hatte er unbeweglich im nassen Schützengraben zugebracht, unter den Folgen eines bösartigen Rheumatismus hatte er das Augenlicht eingebüßt. Eines Tages war seine Mutter ins Spital gekommen, ein abgehärmtes Weib, frühzeitig ergraut, in Sorgen gealtert. Er war ihr einziger Sohn, ihre Stütze, ihre Hoffnung. Sie wußte nichts von der Erblindung, und er hatte beschlossen, sie ihr noch zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, hatte er Ärzte und Schwestern gebeten, daß man ihr nichts sage. Zuerst ging es ganz gut; er nahm sich zusammen, die Brille mit farbigen Gläsern begünstigte die Täuschung. Allmählich wurde die Frau stutzig. Ein paar tastende Gebärden, der tote Ausdruck der Züge erweckten Ahnungen. Sie langte plötzlich nach seiner Hand, und als er sich nicht rührte, stieß sie einen markerschütternden Schrei aus. Der junge Mensch erbleichte. Mit schuldbewußtem Ton sagte er: »Was willst denn, Mutter, ich seh’ dich ja.« Aber es war zu spät, sie glaubte ihm nicht mehr. Sie mußte fortgebracht werden. Von Zeit zu Zeit hörte man ihn immer wieder vor sich hinmurmeln: »Ich seh’ dich ja.«

Woher kam ihm dieser Heroismus?

Woher kamen dem einfachen mährischen Soldaten die Worte, mit denen er schilderte, wie er in Polen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hindurch einen irrsinnig gewordenen Oberleutnant hatte bewachen müssen? Es waren die furchtbarsten Stunden seines Lebens gewesen und der tiefste Eindruck, den er vom Krieg empfangen hatte. Er vor der Hütte, der Offizier in der einzigen Stube drinnen, immer auf und ab gehend, vor sich hinsprechend, immer auf und ab und in regelmäßigen Pausen zu dem Soldaten tretend. »Laß mich heraus.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« Und jener, wie ein verstörter Geist, zur Wand hinüber, in die Wand hineinredend: »Er will mich nicht herauslassen.« Dann wieder: »Gib mir dein Gewehr.« – »Darf nicht, Herr Oberleutnant.«Der Offizier zur Wand, und dort in klagendem Ton: »Er gibt mir das Gewehr nicht.« So ging es den ganzen Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, kurzen, hastigen Schritten wanderte er ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach zehn Minuten und forderte etwas, das Gewehr, ein Messer, Briefpapier, Schnaps, und wenn es ihm der Soldat verweigerte, stellte er sich mit dem Gesicht zur Wand und rapportierte der Wand, daß er nicht erhalten habe, was er begehrt. Es war herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, noch der Bericht stockte unter der Wirkung des Grauens.

Und der Konditor, der vom Vollzug des Standrechts in Serbien erzählte. Man hieß ihn bloß den Konditor, denn er war in seinem Zivilverhältnis Gehilfe bei einem Zuckerbäcker. Er war aufgeschwemmt und ziemlich roh, doch wenn er an eine gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen und die ihm nicht aus dem Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme, und von oben bis unten schüttelte es ihn. Es war Befehl gegeben worden, alle Häuser zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden Truppen gefeuert worden war, und die Männer, die man darin fand, sogleich zu erschießen. Eines Tages marschierte die Abteilung durch eine Dorfstraße und gelangte unangefochten bis ans letzte Haus. Aus einem Fenster dieses Hauses wurden zwei Schüsse abgegeben, die aber niemand trafen. Die Leute, denen das Morden schon zu viel war, wollten keine Notiz davon nehmen, jedoch das Kommando wurde erteilt. Als sie nun das Haus betraten, lagen in der Tenne zwölf Männer auf den Knien, schon zum Tod bereit. Ebenso viele Frauen standen bleich, hochaufgerichtet im Hintergrund des Raumes an der Wand. Zwölf Soldaten legten die Gewehre auf die zwölf Männer an, die Salve krachte, die Männer stürzten tot zu Boden. Von den Frauen aber verzog keine einzige eine Miene, sie rührten sich nicht, mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses strich langsam mit der Hand über die Stirne; sonst nichts. Es mußte in der Gebärde etwas Übermenschliches an Qual enthalten gewesen sein, denn der Erzähler kam immer wieder darauf zurück; es ließ ihn nicht los, er mußte es immer wieder beschreiben.

Olivia sah diese Frauenhand, sah sie über die Stirne streichen, als sei die letzte Hoffnung die, daß vielleicht alles nur ein böser Traum war. Und »warum?« fragte es in ihr, »warum, o Gott?«

In einem der Zimmer kauerte ein Hund; er war nicht vom Bett seines Herrn zu vertreiben, dem er in die Schlacht und von der Schlacht wieder bis ans Krankenlager gefolgt war. Ein schmutziger, häßlicher Köter war es, der aber niemand zur Last fiel. So oft sein Herr einen Laut von sich gab, blickte er mit sanften Augen empor, sonst starrte er müde vor sich hin, gleich als sei er dort draußen von einem Strahl höheren Bewußtseins getroffen worden, der seine Tierseele flüchtig erleuchtet hatte, so daß sie jetzt in dunkler Pein noch danach rang.

Warum diese unermeßliche Schwermut in den Augen des schmutzigen Hundes? Was begriff er? Was war ihm seltsam, was hatte ihn so still werden lassen?

Ein Bild war da, so oft sie es dachte war ihr als müsse sie hinstürzen und ihr Denken erwürgen: zwei Offiziere, in der Attacke aufeinander zureitend, mit geschwungenem Säbel gegeneinander. Schon will der unsere zuhauen, da sieht er, daß der Russe keinen Kopf mehr hat, daß er aber noch immer, den Säbel hoch im Arm, auf seinem Gaul sitzt. Da stößt der unsere einen Schrei aus, fällt vom Pferd, und auf dem Boden windet er sich stumm wie ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, er hatte die Sprache verloren.

Sie sah die Flüchtlinge, Männer mit eilig errafften Habseligkeiten, die Weiber mit ihren Kindern, die eine hatte einen Säugling verloren, die andere brach zusammen, und sie waren ohne Speise und Trank und nächtigten auf dem Felde und zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in den Viehwagen langer Eisenbahnzüge eingesperrt, wie sie fuhren, immerzu fuhren, durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte Ruinen gab, und wie sie um Brot schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, ihre Säuglinge verschmachteten.

Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrüchigen auf einer öden Insel glichen; sah die Väter, die keine Söhne, die Kinder, die keinen Vater mehr hatten, die Witwen, die trauernden Bräute, die Verlassenen,Beraubten, zugrunde Gerichteten überall. Sie sah die Mutigen erlahmen, die Feigen apathisch werden, und wie die Freunde aufhörten, füreinander zu zittern. Sie sah die tausendfältige Unbill, Zurücksetzung und Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der Idee auch im Edlen erlosch, wenn die trübe Flut des Niedrigen und Gewöhnlichen emporschwoll oder das körperliche Leiden die Kraft der Seele besiegte. Wie die Begeisterung flügellahm, die Tapferkeit zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch für den Leichtherzigsten seinen Reiz, die Gefahr ihre Lockung einbüßte und nur den Stärksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt.

Olivia sah die Städte rauchen, die Anwesen geplündert, die Äcker zerstampft, die Wälder geknickt. Sie sah den Tod in jeglicher Gestalt, ja, die Erde war gepflastert mit Toten. Sie hingen verstümmelt in den Drahtverhauen und lagen eingebettet in Blumen, sie waren versunken in den Sümpfen und hinuntergestürzt in Gebirgsschluchten, sie schwammen in den Wellen des Meeres und fielen aus den Wolken herab: Männer und Jünglinge, Kinder und Greise, Frauen und Mädchen, Reiche und Arme, Gute und Schlechte, Verräter und Verratene, Schöne und Häßliche, Glückliche und Unglückliche.

Und sie hörte das Geläute der Glocken und das Prasseln der Brände und alle Laute, die die menschliche Stimme hat, um Schmerz und Todesangst auszudrücken. Sie hörte, wie sie in den Kirchen beteten und in den Stuben weinten. Sie hörte die Worte des Abschieds und die Worte frommer Fügsamkeit. Sie hörte den Marschschritt der Armeen, das Schlürfen müder Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, die Gesänge des Triumphes und die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen oder wenn sie sich berauschen wollten.

Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann vorsang, der in einer Nacht beim Granatenfeuer weiße Haare bekommen hatte.

Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten,zu begraben, zu begraben die Soldaten.Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Länge,dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben!die Gemeinen unten, Korporale oben.An den Seiten viere, in der Mitten viere,überquer die Herren, Herren Offiziere.Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe,dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden,zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.Morgen früh vielleicht bin ich auch geschossen,morgen früh, gewiß, ist mein Blut geflossen.

Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten,zu begraben, zu begraben die Soldaten.

Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Länge,dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.

Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben!die Gemeinen unten, Korporale oben.

An den Seiten viere, in der Mitten viere,überquer die Herren, Herren Offiziere.

Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe,dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.

Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden,zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.

Morgen früh vielleicht bin ich auch geschossen,morgen früh, gewiß, ist mein Blut geflossen.

Diese einfachen Strophen machten auf Olivia einen ungewöhnlichen Eindruck, und ihre Gedanken begannen hinter dem zerstückten und verworrenen Getriebe nach etwas Bestimmtem zu suchen.

Es wurde ihr alles zur Vision, immer glühender und glühender, und sie suchte in der glühenden Wirrnis nach einer Gestalt. Sie suchte den Urheber, sie suchte den Bösen. Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen des Bösen. Sie sagte sich: einer muß sein, der das ungeheure Leid, den unermeßlichen Jammer bewirkt; einer muß da wirken, Gott kann es nicht sein, es muß ein Gegner von Gott sein und ein Feind seiner Kreaturen; Feind alles Geschaffenen, alles Blutes, aller Wärme, aller Liebe, alles Lebens und Entstehens. Sie nannte ihn den Bösen, und sie suchte ihn.

Eines Nachts lag sie angekleidet auf dem Sofa in der Kammer, die allein zu bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, welche sie sich verstattete. Es war finster, sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in die Luft.

Um eine reichgedeckte Tafel saßen fünf oder sechs junge Weiber. Sie waren in Gesellschaftstoilette, tief entblößt, lachten ausgelassen und tranken Sekt. Mit ihren Scherzen, frivolen Wortspielen und verführerischen Gebärden wandten sie sich an einen, der am oberen Ende der Tafel saß. Der aber hatte keine Gestalt, er war wie ein Kloß, wie ein Stück Lehm. Aber die Diener zitterten, wenn sie in seine Nähe kamen, und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anschaute.

Ein befrackter Mensch mit langem Künstlerhaar spielte Klavier; bisweilen warf ihm der Gestaltlose ein Goldstück hinüber, das er geschickt auffing, ohne sein Spiel zu unterbrechen.

Mitten auf dem blendendweißen Tischtuchlag, unbemerkt von allen, eine Leiche. Ihr Körper war ganz und gar mit Früchten und Konfekt bedeckt, und aus der Brust ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, die Griffe von drei Messern heraus. Durch die Fugen des Tisches rann Blut und tropfte in leisen Schlägen auf den Boden.

Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in übermütigster Laune, da erhob sich der Gestaltlose und forderte eine der Frauen zum Tanze auf. Die Betreffende war geradezu ein Wunder an Schönheit, strahlend von Jugend und Leidenschaft; sie trug ein enganliegendes Gewand aus Silberschuppen, das die schlanke Figur zur höchsten Geltung brachte. In ihrem Tanz war die freie Anmut bewußter Kunst, und als sie den Kopf zurückbog und hingerissen lächelte, lächelten die andern Frauen mit und klatschten in die Hände.

Während der Klavierspieler in einen schnelleren Rhythmus überging, war es, als ob der tanzende Kloß sich dehne und wachse; er bekam einen Schädel, aus dem Schädel blickten Augen, und diese Augen sprachen: Ich begehre, ich begehre. Diese irisierenden Gallertaugen waren von einer solchen Lust erfüllt, daß die Zuschauerinnen plötzlich verstummten und sich ein bleierner Druck auf sie legte. Die Tänzerin aber wurde zusehends blasser, sie suchte sich aus der Umklammerung des Kloßes zu befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldürre Arme, mit denen er sie still gewalttätig an sich preßte, immer fester, so fest, daß sie zu röcheln begann, daß ihr Gesicht blau wurde, daß ihr Leib in der Mitte einknickte, und als sie ihm schließlich entseelt in den Armen hing, sah es aus, als sei nichts mehr von ihr übrig als das Kleid.

Ihre Genossinnen sprangen schreiend auf, wollten fliehen, umklammerten einander, da richtete der Mensch, der mit den drei Messern in die Brust unter Früchten begraben war, den Kopf in die Höhe und sagte mit geschlossenen Augen, wodurch sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: Gib sie mir wieder!

In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten schien, strömten nun auf einmal viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, Soldaten, Offiziere, ärmlich gekleidete Frauen, junge Mädchen. Einer von ihnen, ein alter Mann mit weißem Bart, drängte sich nach vorn und sagte zu dem Kloß, der jetzt allmählich eine menschliche Gestalt annahm: Gib mir meine Tochter wieder!

Mehrere, die hinter ihm standen, schrien gleichfalls, wie außer sich: Gib uns unsere Töchter zurück! Unsere Bräute! Unsere Schwestern!

Da aber wurde ein monotones Gemurmel hörbar, die Aufgeregten sahen sich um und machten scheu einer Gruppe von Bauern Platz, die demütig und bekümmert aussahen; sie beugten sich zur Erde und riefen: Gib uns unser Land, gib uns unsere Wälder!

Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Söhne gib uns, du Mörder, unsre Söhne!

Der Kloß wich Schritt für Schritt ins Leere, bekam aber immer mehr Gestalt. Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hände und Körper; es war als sei er mit Rost überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Züge erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit seinen überaus langen Armen winkte er den Dienern, die brachten nun Säcke voll Gold und Edelsteinen und schütteten ihren Inhalt auf den Boden. Es entstand ein beklommenes Schweigen, bis der alte Mann vortrat, auf den ausgebreiteten Schatz wies und in strengem Ton sagte: Das für unsere Töchter? Das für unsere Söhne? Für unser Herzblut das, du in Ewigkeit Verruchter?

Und alle Stimmen riefen verzweifelt: Unsere Brüder! Unsere Söhne! Unsere Länder! Du in Ewigkeit Verruchter!

Olivia hatte die Augen offen und sah und hörte alles so wirklich, als ob sie im Theater säße.

Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich unablässig; wo soll ich hin, wo kann man noch leben, wo ist es noch möglich, zu lächeln, wo ist noch Freude, wie kann je wieder Freude entstehen?

Sie wünschte, sich verwandeln zu können. Als sie von fern durch die Glaswand der Treibhäuser Blumen sah, erbleichte sie in geisterhafter Sehnsucht nach einem Blumenleben. So in der Erde zu wurzeln, tief und innig, bewußtlos hinzudämmern, mit zartesten Fasern an die Natur gebunden!

Daß man Blume werden könne, irgendwie, irgendwann, wurde Traum und beglückende Idee für sie. Es erschien ihr wie ein letzter Preis und ein letztes Asyl.

Sie erhielt die Nachricht, daß ihr Bruder bei einem Sturmangriff fern im Osten gefallen war. Stumm und zu keiner Tröstung fähig saß sie zu Hause vor der versteinerten Mutter.

Nach einer Weile kam Robert Lamm und setzte sich zu ihnen.

»Dazu muß man Kinder haben, dazu sie aufziehen,« sagte die unglückliche Mutter mit Augen ohne Tränen; »zwanzig Jahre war er alt.«

Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu Olivia: »Um Pfingsten herum werd’ ich vielleicht allein bei ihr sitzen. Man müßte dich mit Stricken auf ein Bett binden.«

Ein paar Tage später ging sie gegen Abend in seine Kammer. »Schau’ dich nach der Mutter um,« bat sie, »ich kann meinen Platz nicht verlassen.«

»Ja, du bist wichtig,« pflichtete er ihr voller Hohn bei, »oder du glaubst es wenigstens zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den Halbtoten ihre Toten beklagen zu helfen.«

»Wozu also taugst du?« konnte sie sich zu fragen nicht enthalten, und ihr Blick flammte. »Du warst dir und andern lang genug gut gewesen, das schlechte Wetter zu machen. Wir haben aber soviel von der Sorte in unserm Land, daß sich die Sonne schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist kein Ruhm damit zu holen.«

Er lachte sonderbar. »Wenn du Widerpart zu leisten verstehst, räum’ ich dir die Freiheit ein, mich zu beschimpfen,« entgegnete er und ließ, beinahe wie ein Sklave, Arme und Schultern hängen; »nur nicht diese wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses Schmachten im Überschmerz. Ich werde verrückt, wenn ich es ansehe. Zu weich, meine Teure, zu weich! Ihr lockert eure Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.«

Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb erstaunt. »Du bist sehr einsam,« sagte sie.

»Ich will ja deine Mutter besuchen,« lenkte er ab, unangenehm berührt von ihrem Ton und ihrer betrachtenden Kühle, »aber sie hat nichts von mir. Ich bin ihrer Trauer nur im Wege. Ich bin schließlich allen im Wege, auch mir selbst.«

»Du bist sehr einsam,« wiederholte Olivia, und in ihrem Gesicht war plötzlich ein Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern machte.

»Nun ja,« stotterte er, »was weiter?«

»Einsamkeit ist eine Todsünde, Robert.« Sie trat einen Schritt näher vor ihn hin und sagte: »DeineEinsamkeit ist Todsünde.«

»So nimm sie mir weg,« versuchte er düster zu scherzen. »Bekehre mich, vielleicht gelingt’s, sonst holt mich eines Tages sicher der Teufel. Siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist? Sahst du es nicht?« brach er aus und bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen. »Auch Blindheit kann eine Todsünde sein,« murmelte er völlig verstört, »genau so wie Einsamkeit.«

Daß ihm dieses oder ein ähnlich geartetes Wort jemals entschlüpfen könnte, hätte er nie für möglich gehalten. Scham bemächtigte sich seiner, und am liebsten hätte er sich mit Nägeln das Gesicht zerfleischt. Er sah sich alt, verkommen, wertlos, ohne Licht, ohne Kraft, ohne Würde, und für die Dauer einiger Minuten war sein ganzes Wesen umnachtet und im Krampf.

Als die Hände von den Augen sanken, war Olivia aus dem Zimmer gegangen. Mit welcher Miene, mit welch erschüttertem Zögern hatte er nicht wahrgenommen, darum brach alles zusammen in ihm. Nun war er wirklich alt, wirklich ohne Wert und Würde. Denn der Mensch ist doch am Ende das, wozu ihn die formen, denen seine Liebe gilt.

Einsamkeit Todsünde? So will ich mich mit Menschen umstellen, sagte er sich, das steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten Lebenswandel kann ich Absolution erwerben.

Es kam eine Wut über ihn, sich gemein zu machen, ein Verlangen nach Lärm, Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu horchen, zu schnüffeln, zu schüren. Er ging in die Kaffeehäuser, in die Versammlungen, zu früheren Kollegen, sprach Bekannte auf der Straße an und redete so lange mit ihnen, bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen Geierblick für die Unzufriedenen, die Verschwörer, die heimlichen Brandstifter, die Nörgler und Dunkelmänner aller Kategorien.Er wußte sie so einzuspinnen, daß sie getäuscht die Maske fallen ließen. Er verstand so zu heucheln, daß er sich selber widerlich wurde. Seine tückischen Mitleids- und Freundschaftsversicherungen wurden mit den Geständnissen quittiert, um die es ihm zu tun war. Er tat jenen schön, deren Bestechlichkeit und Verrätertum öffentliches Geheimnis war; er schmeichelte den Betrügern und klatschte den falschen Propheten Beifall.

Er rechnete mit der Redseligkeit, der sich auch die Schlauesten im Katzenjammer nach einer Orgie überließen; mit dem Zynismus, den auch der Tartüff in der Erwartung der großen Katastrophe an den Tag legte; mit der aufgehäuften Bitterkeit der Erniedrigten und Zurückgesetzten, mit dem Druck der Lasten auf allen Schultern, mit der natürlichen Freude des Menschen an Unheil, Tod und Zerstörung.

Aber sein selbstquälerischer und haßerfüllter Gang zu den Menschen nahm eine unerwartete Wendung. Die Gegenspieler traten vor ihn hin, während ihn die Spieler beschäftigten; von Schatten umringt, die in einer Schattensprache redeten, sah er über ihnen, unter ihnen, hinter ihnen Gestalten. Hingekauert an einem morschen und entlaubten Baum, vernahm er den ewigen Gesang der Wurzel. Er fühlte die Kraft, fühlte die Bewegung, fühlte die Wehen der Wiedergeburt mitten unter Gespenstern; er fühlte sein Land, er fühlte sein Volk. Wenn er vor den Bäckerläden die blassen Frauen stehen sah, geduldig wartend, daß das Brot ausgeteilt werde, wenn die zu Krüppel Geschossenen mit unbegreiflich strahlenden, fast schwärmerischen Augen, an Stöcke gefesselt, einherhumpelten, wenn verschämte Armut den Geber mied und die Verlorenen in den Elendsquartieren Siegesfeste gläubig-still feierten, da wurde ihm der Zusammenhang bewußt, da war er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur, wie allein er war, sondern auch, wie verlassen sie waren, wie er sie verlassen hatte.

Über den Gesichtern, die er schaute, lag der Schein einer verborgenen Lichtquelle. Kam nicht das Licht von der unsichtbaren Lampe her, mit der Olivia des Nachts durch die Säle geschritten? Er konnte sich dieser Vorstellung nicht entziehen: in der finster gewordenen Welt die eine Flamme; ringsum im Kreis die Seelen, deren Kraft es ist, zu schweigen und zu dienen; sie warten auf das Wunder, das darin besteht, daß sie die Lampe sehen werden, denn dann sind sie erlöst.

Traum eines Einsamen, Traum von der Lampe und vom Volk!

Eines Abends kam er heim, angegriffen von der Frühlingsluft, in einer sonderbaren Stimmung zwischen Hinwelken und innerlicher Glut, in der ihm jetzt zumute war, als müsse er das Gesicht in Kissen vergraben und schluchzen, und jetzt wieder, als stehe er am Anfang der Zeit und an der Schwelle des Lebens: so zwischen Tod und Werden kam er und suchte ein Bild und einen Begriff von seinem eigenen Wesen. Da öffnete sich die Türe und Olivia trat herein.

Er erbebte; es ahnte ihm, daß es sich um eine Entscheidung handelte.

Die Bestürzung, in der Olivia das letztemal von Lamm weggegangen, war nachhaltig gewesen. Sie hatte eine dunkle Schuld gegen ihn immer empfunden, aber daß er sie nun zur Verantwortung ziehen würde, hatte sie nicht erwartet.

So weit sie auch zurückdachte, er war die herrschende Gestalt in ihrem Dasein, von jener Stunde an, wo sie als Kind durch seinen Einspruch einer peinlichen Schaustellung enthoben worden war. Sie hatte gegen ihn gewirkt, er gegen sie, aber das Band zwischen ihnen war nur um so fester geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen hatte, um ihm nicht gänzlich zu verfallen, war sie ihm schon gänzlich verfallen.

Sie hatte aber nie aufgehört, ihn Freund zu heißen. Ja, es war der erfahrene, wohlgesinnte, starke, verläßliche Freund gewesen, sogar in den Jahren ihrer Verfinsterung und des Selbstverlustes. Dann, als die Verwandlung kam, als sie sein Haus von ihm forderte, als er in geheimnisvollem Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens ihr entrissen wurden bis auf eine Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte, nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge der andern entdeckte, auch da war noch der Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, der Mensch. Und das Wissen um seinen Haß und Abscheu war nur ein Ansporn geworden, so zu erglühen, daß der Eispanzer um seine Brust schmelzen mußte.

›Auch Blindheit kann Todsünde sein, siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist?‹ Dieses Wort vernichtete wie ein zündender Blitzstrahl alles, was sie um sich her gebaut hatte.

Nur zu deutlich hatte sie die Not gefühlt, in der er es ihr entgegenschrie. Also war er überzeugt, daß sein Vorwurf und der Anspruch, den er erhob, zu Recht bestünden? Daß sein Schicksal, er das ihre wäre? Unbeseelt und mißverstehend hatte sie ihn benutzt, wie man einen Boten benutzt oder einen Führer, und hatte seine Gaben, sein hingeströmtes Inneres als Tribut genommen, doch immer in der fernen Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, der Titel Freund nicht eine wertlose Münze, ein Almosen, das ihr Gewissen beruhigen sollte? So wenig Sinn und Phantasie war in ihr, daß sie ihn im Dunkeln hatte tappen lassen Jahr für Jahr und er mit getäuschtem Herzen zum Verräter werden mußte an sich und an der Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit und den hartgeschlossenen Mund, das lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, die Tyrannei und die stumme Bitte, das ganze Leiden, den ganzen mühevollen Weg. Und sie hatte oft an ihn gedacht als an einen, der die Truggestalten überdauert, die in kurzem Glücks- und Sehnsuchtsrausch verlockend erschienen waren. Geträumt hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte sie ihn nicht eine Stunde, nie hatte sie sein Bild verloren.

Einst, auf einem Ball, hatte ein junger Mann zu ihr gesagt: »Man erzählt, daß der Hofrat Lamm um Sie wirbt.« Sie hatte den Kopf zurückgeworfen und mit aufsteigender Blässe in den Wangen erwidert: »Wenn Robert Lamm mich haben wollte, hätte er nicht nötig, zu werben.«

Doch gerade damals war sie in Georg Ingbert verliebt gewesen.

Plötzlich war sie ein Weib, sein Weib. Er hatte den Verlauf ihrer Spiele, ihrer Verstrickungen, ihrer Trübungen abgewartet, um sie zu rufen im Angesicht einer blutüberströmten Welt. Geschah es, weil er nach einem letzten Halt griff? Geschah es in der Erkenntnis ihres Wesens oder in der Verzweiflung über den Niederbruch aller irdischen Ordnung? Sie widerstrebte nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein Weib. Doch außer einem schmerzlichen Verlangen nach Frieden und Zärtlichkeit fühlte sie nichts, was an Liebe erinnerte oder was die Menschen darunter verstanden.

An einem Nachmittag um die Dämmerungsstunde betrat sie das kleine Lese- und Sprechzimmer, das für die Genesenden eingerichtet worden war. Es war niemand darin als Schwester Nina Senoner. Sie saß am Tisch und hatte den Kopf in die Hand gestützt. Trotz der Dunkelheit war an den Umrissen des schönen Gesichts der Kummer erkennbar. Olivia ging näher zu ihr hin. »Was ist mit Ihnen, Nina?« fragte sie, und als Nina Senoner erschrocken aufblickte, spürte Olivia die unheilbare Verstörung in diesem Gemüt. Aber sie hatte Furcht, der neuen Forderung nicht gewachsen zu sein, die in dem Schmerz der Freundin lag.

Da machte Nina Senoner eine jähe Bewegung, schlang die Arme um Olivias Hüften und preßte das Gesicht gegen ihre Brust.

Olivia hatte lange nicht mit einer Frau gesprochen; persönliches Wort auf dem Grund persönlichen Gefühls zu finden, fiel ihr schwer. Sie hatte verlernt, wichtig zu nehmen, was der einzelne in seinem Kreis mit seinem Schicksal auszukämpfen hat; nun sah sie die Verarmung darin und empfand Reue. Sie legte die Hände wie schützend auf Ninas Haar. Die stolze, herbe Frau, die ungeachtet ihrer fünfunddreißig Jahre wie ein junges Mädchen wirkte, begann zu schluchzen; unaufhörlich zuckte ihr Körper.

Nach einer Weile gelang es Olivia, sie in ihr Zimmer zu führen, wo sie ungestört sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; sie trocknete mit ihrem Taschentuch die Tränen auf dem weißen Gesicht. Sie fragte, fragte; hingebend, ja zärtlich. Es dauerte lange, bis Nina Senoner ihre Scheu überwand. Nie zuvor hatte jemand in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft aufgewachsen, sie kannte nur Menschen von Haltung, von nicht zu durchdringender Fremdheit, von vorsichtigstem Anteil. Das Element der Kälte hatte sie allmählich in eine lebende Statue verwandelt;alles in ihr war erfroren, was Frauen erst zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb und Mitteilung.

Mit achtzehn Jahren hatte sie einen Mann geheiratet, den sie achtete und der ihr ein vortrefflicher Gefährte war. Aber sein Los war die Arbeit, und je reicher er wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender wurde die Arbeit. In den Ruhepausen verlangte er freundliche Mienen, einen geräuschlosen Haushalt und angenehme Gespräche. Nina hatte viel Verkehr, dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. Alle Güte und Sorgfalt des Mannes war auf das Äußere des Daseins gerichtet; er umgab sie mit Luxus und mit Menschen, und wenn sie Kopfweh hatte und blaß aussah, ließ er die teuersten Ärzte kommen und wachte darüber, daß deren Ratschläge befolgt würden. Sie hatten nie Streit miteinander, kaum einen Wortwechsel, ihre Ehe wurde als mustergültig betrachtet, und das strahlende Temperament der aufwachsenden Jeanette schien ein Glück zu besiegeln, dem in den Augen der Welt nichts zur Vollkommenheit mangelte.

Es vergingen viele Jahre, ehe Nina Senoner überhaupt merkte, daß sich mit ihr eine Veränderung ereignet hatte, die durchaus nicht zu diesem bewunderten und beneideten Bild des Glückes passen wollte. Sie gehörte zu den Menschen, die selten über sich und ihren Zustand nachdenken, zu jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher Strenge jede Regung der Unzufriedenheit in ihrer Brust ersticken. Doch kam es immer häufiger vor, daß ein sehnsüchtiger Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe ihre Stirn in Schatten hüllten. Sie war gern allein; solche Stunden genoß sie tief; da verflog das Gefühl der Einsamkeit, und sie wurde fröhlich, wie sie als junges Mädchen gewesen war. Aber man erlaubte ihr nicht, allein zu sein. Die geselligen Pflichten nahmen an Vielfältigkeit zu; man drängte sich an sie; man wollte sie haben; man fühlte sich wohl in ihrem Haus und in ihrer Nähe; trotzdem sie fast immer schweigsam war, fesselte und reizte sie Männer wie Frauen; ihr Lachen verbreitete eine festliche Stimmung, ihr sanfter Blick glättete alle Stirnen. Sie war immer verabredet, immer unterwegs, oder zu Hause immer unter Gästen. Die zahllosen Ansprüche zu befriedigen, wurde schwer, sie zu vermindern ganz unmöglich. Es war eine Lawine, die selbsttätig anschwoll und ihre Seele unter sich begrub.

Da hatte sie eines Tages die Empfindung, als werde sie nur künstlich und nach dem Belieben aller dieser Menschen bewegt und in ihr selbst sei gar kein Wille mehr, kein Entschluß und keine Freiheit. Es schien ihr, als habe man sie planmäßig und Schritt für Schritt ihres Eigenlebens beraubt und als sei sie dessen erst inne geworden, nachdem jeder Funke davon ausgelöscht war. Sie sah sich nur noch als Hülle ihres früheren Ichs, als Opfer von toten Dingen, als Erfüllerin von zwangvollen Pflichten, als Beute von fremden Menschen. Und das Schreckliche war, daß sie auch Mann und Kind unter diesen Fremden erblickte, die sie geplündert und ihr nichts übriggelassen hatten als einen müden Körper und ein freudloses Herz.

Ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit hatten viele Männer berückt; hochgestellte und geringe, alte und junge, berühmte und unbedeutende hatten für sie geschwärmt; manche hatten sich mit der Verehrung aus der Ferne begnügt, andere hatten ihr Heil in heimlichem oder offenem Werben gesucht; die Bemühungen der meisten hatte sie übersehen, und sie konnte dabei einen Hochmut entfalten, der gründlich erkältete; einige gab es, die sie eines vertrauten Gesprächs für würdig hielt, von denen sie Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse einflößte. Doch keinen einzigen hatte sie so begünstigt, daß er sich in besonderer Weise hätte ausgezeichnet finden dürfen, geschweige denn, daß sie sich ihm gegenüber etwas vergeben hätte. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, zählte die ungetreue Gattin zu den gewöhnlichsten Erscheinungen des Lebens; sie hatte gegen solche Frauen stets eine heftige Abneigung verspürt, und der Gedanke, ihren Gatten zu betrügen, auch nur mit einem Blick, mit einem Lächeln nur, war ihr niemals in den Sinn gekommen.

Vor zwei Jahren war es gewesen, da hatte sie in einem Kurort einen Mann kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom Leben weit umhergetriebenen Menschen, sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, mit Eigenschaften des Charakters,die je anziehender wurden, je länger man sich mit ihm beschäftigte. Der Eindruck, den er auf sie machte, war von der ersten Sekunde an entscheidend. Er stand im selben Alter wie Nina, in der Mitte der Dreißig, aber so reif und erfahren er wirkte, es war doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhängigkeit seiner Gesinnung öffnete Nina eine neue Welt, deren Schwelle zu überschreiten sie zaghaft und verwundert zauderte. Er war verheiratet, nicht eben glücklich, hatte Kinder, die er liebte, verfocht aber mit einer beinahe zornigen Leidenschaft und mit Verachtung gegen die feigen Grundsätze der sogenannten Moral das Recht der Freiheit der Herzen.

Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel schaute, sah sie, daß ihre Züge anfingen, welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren einer eigentümlichen Abspannung wie bei jemand, der jahrelang vergebens gewartet und endlich die Hoffnung aufgegeben hat. Jetzt wußte sie, worauf sie gewartet hatte. Die Jugend war dahin, und sie hatte nichts von ihr genossen. Sie hatte nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.

Der Freund vermochte es, ihr dieses Geständnis zu erpressen. Er vermochte mehr. Er gab ihr den Glauben, daß es noch nicht zu spät sei. Dies aus seinem Mund zu hören und immer wieder zu hören, beglückte und erschütterte sie. Sie verlor sich in dunkle Träumereien. Stumm lauschte sie den Worten des Mannes, den sie plötzlich mit einer Gewalt liebte, von der sie früher keinen Begriff gehabt und in der sie sich verwildert und entwurzelt erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so hätte sie doch niederknien mögen, um seinen Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge, ihre Gebärde furchtsam und abwehrend, so war doch ihr Inneres voll Zärtlichkeit und Sehnsucht. Er verstand sie; er drängte nicht; er achtete ihr Gefühl, und seine besondere Art von Güte erstaunte sie bei einem Mann und machte ihn ihr täglich teurer, während der Kampf, der in ihr tobte, täglich ungestümer wurde. Eine stille Raserei nahm von ihr Besitz; es schwindelte ihr, wenn sie seine Stimme, seinen Namen hörte; sie wünschte zu sterben und begehrte heißer als jemals zu leben; alle Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische Ratlosigkeit prägte ihrem Gesicht den Ausdruck einer Somnambulen auf, dabei mußte sie auf der Hut sein und sich beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit von vielen.

Ihren Gatten zu hintergehen und sein Vertrauen zu mißbrauchen, war ihr entsetzlich zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung und völlig im Bann der überlegenen Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch nahe daran, den letzten Schritt zu wagen, bloß um die Qual zu beenden, bloß um dem Spender des Gefühls, das sie erfüllte, dankbar zu sein. Da kam Jeanette. Als sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte Nina zu ihrem Freund: »Wir dürfen uns nicht mehr sehen.« Der Ingenieur reiste ab. Nina erkrankte.

Nachdem man sie in die Stadt geschafft hatte, rief sie ihn wieder. Sie konnte es nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. Es waren Nächte, wo sie Angst hatte, wahnsinnig zu werden. Der Freund folgte ihrem Ruf, und er besuchte sie nun, so oft sie es verlangte, zu jeder Stunde, die sie bestimmte. Es konnte nicht häufig geschehen, aber von einem Mal zum nächsten brachte sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen Freude hin. Sie konnte tagelang in seliger Schwärmerei an ihn denken, sich seinen Gang vorstellen, sein Lächeln, seinen Gruß, und wenn sie ihn erwartete, schritt sie vom frühen Morgen an aufgeregt durch die Zimmer und war totenbleich.

Aber die wenigen Stunden, die sie dann für einander hatten, wurden oft durch das Erscheinen Jeanettes gestört. Sie trat mit einem Scherz, einer Neckerei ein, so wie sie damals getan, als sie zur Mutter aufs Land gekommen war. Genau wie damals schien sie belustigt von dem tiefen Ernst in den Mienen der beiden, bedachte den Mann mit mädchenhaftem Spott, bevormundete in ihrer gutmütigen und etwas derben Weise die Mutter, war anspruchsvoll, ohne es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. Ihre Heiterkeit hatte einen Anflug von Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte den Verdacht, daß sie spioniere. Und doch war sie davon weit entfernt. Sie war nur immer da; war sie nicht im Zimmer, so war sie doch im Haus; war sie nicht im Haus, so war sie doch im Garten; war sie fortgegangen, so drohte ihre Rückkehr; sie war immer da, immer zu fürchten.

Allmählich verkörperte sie für Nina den Argwohn der Welt, die Stimme des Gewissens, die Pflicht, die sie dem Gatten schuldete. Schaute sie in das Antlitz der Tochter, so fühlte sie die unbarmherzige Forderung, die Fessel nicht zu brechen, die fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet hatten, empfand sie die ganze Nüchternheit und Dumpfheit ihres Daseins. Das eigene Kind, das sie liebte, ja vergötterte, war ihr zugleich ein Gegenstand des Hasses und der Furcht; es war der Wächter vor ihrem Gefängnis, der Anwalt des Vaters, die Meinung der Gesellschaft.

Sie geriet in Verwirrung und unsägliche Qual. Sie floh vor Jeanette und suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie schmeichelte ihr und bestach sie mit Geschenken; dann wieder war sie verschlossen und kalt. Eines Tages sagte die Achtzehnjährige zu ihrer Mutter: »Du bist mir ein Rätsel,« und vor ihrem verwundert forschenden Auge senkte Nina den Blick. Der Freund fand sie ruhelos und launenhaft. Wenn sie dem Flehenden ihre Hand überließ, horchte sie mit emporgezogenen Schultern und abgewandtem Gesicht zur Tür. Er fragte, warum sie so vor dem Kind zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebärde als Antwort; wie von Leidenschaft gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er bot ihr alles, sein Leben, die Lösung seiner Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie erhob beschwörend die Hände. Er wollte sie umarmen, sie stieß einen Schrei aus und stellte sich schnellatmend mit dem Rücken gegen die Türe. »Sie würde mich bis ans Ende der Welt verfolgen,« sagte Nina flüsternd; »sie hat alle Macht, und ich habe keine.« Dieses wunderliche Wort ergriff den Freund, und zum erstenmal hatte auch er bei dem Gedanken an Jeanette die Ahnung der Gefahr.

Einst standen sie in der Dämmerung nah’ beieinander am Fenster, da wurden rasche Schritte hörbar, und Jeanette trat ein. Sie blieb an der Schwelle stehen und lachte. Nina drehte sich um und bemerkte unmutig: »Wie kann man sich nur so taktlos benehmen!« – »Aber Mutter!« rief Jeanette, abermals und noch lauter lachend. Was konnte der Grund ihres Lachens sein, das eigentlich ein wenig albern klang? Es schnitt Nina in die Seele, jedoch der Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese Jugend verachtete das Halbe und seine dunklen Katastrophen, verachtete die hingezogenen Entscheidungen, verachtete die Umwege und das matte Zweifeln, verachtete die Dämmerung und das Geheimnis. Sie schuf sich ein neues Lebensgesetz, sie hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich zu verkündigen und für sich einzustehen, sie erklärte sich für das Gerade, für die Helligkeit und für die Kraft.

Das war es, was er aus dem unschuldig und albern klingenden Lachen Jeanettes herausfühlte. Und er sagte es Nina. »Geh zu ihm oder geh zu mir,« schloß er; »zu einem mußt du gehen.«

Sie schwieg. Aber am Abend schrieb sie dem Freund einen Abschiedsbrief, dann ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, daß sie einen andern liebe. Sein Gesicht wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als sie anstarren. Zwei Tage und zwei Nächte sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. Sie sagte: »Ich bin deine Frau.« Da fragte er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben wolle, das sie in Ungarn besaßen, und sie bejahte. Er begleitete sie hin, und sie blieb dort monatelang. Jeanette besuchte sie häufig, sie war verändert, voll Zartheit und Rücksicht, als wisse sie um das Geschehene und sei nun zufriedengestellt. Von dem Geliebten hörte sie erst wieder, als er bei Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. Er sandte einen letzten Gruß.

Heute hatte sie die Nachricht erhalten, daß er gefallen sei.

In das verstörte Herz fiel der Strahl der Lampe. Ihr Geisterschein ließ aufschimmern, was Ninas wortunkundige Lippen verschweigen mußten. Olivia war so sehend geworden, so allfühlend, so mitschwingend; sie dachte auf einmal an ein Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein einziges Herz.

Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt und Gesicht vor ihr auf. Es war wie ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, den sie wußte und lebte, zum Kampf gegenübertrat. Leib und Seele standen auf widereinander; ach, dieser Verzicht, dies dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verratwurde! Der ewige Hunger der Dämonen schrie nach Stillung.

Eine reuevolle Unruhe erfaßte sie. Ingbert war der Erwecker ihrer Sinne gewesen, und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der Zerrüttung menschlicher Dinge, aus Ninas vernichtetem Schicksal. Der Genius in ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, da Lamm gekommen war, um sein Recht zu fordern.

Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr Ingbert beim Abschied übergeben hatte. Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es drängte sie hin wie zu einem Menschen. Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah sie, daß auf dem Bande, an dem das Siegel befestigt war, Worte geschrieben standen. Sie las: Zu öffnen von Olivia, wenn sie einmal spüren kann, was sie mir war.

Zaghaft streifte sie das Band herunter und öffnete die Rolle. Es kam eines der Porträts zum Vorschein, das Ingbert nach seiner Krankheit von ihr angefertigt hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, daß es ein ausgearbeitetes Werk war, eine Komposition, der die zahlreichen Skizzen, die er damals gemacht, zur Grundlage gedient hatten. Das Gesicht war von solcher Schönheit, daß Zweifel sie beschlichen, ob es auch wirklich ihre Züge seien und nicht eine in dem Maler wurzelnde Idee davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit in dem Antlitz, etwas Strahlendes und Enthusiastisches, und um den Mund lag eine sinnliche Bereitschaft, die Olivia fremd berührte und sie erröten ließ. ›Soll ich so gewesen sein?‹ fragte sie sich.

Hatte er sie so gesehen und empfunden, dann mußte sie auch so gewirkt haben. Dann mußte das alles auch in ihr sein. Ihr Puls schlug matter; unwillkürlich schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter ihr stehe und sie ihn fragen könne. Nichts erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu fragen.

Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurück. Da meldete man ihr, daß im Sprechzimmer ein Offizier auf sie warte. Sie ging hinein; der Offizier, der Arm und Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar vom Felde kamen, leidend angestrengte Züge hatte, erhob sich und fragte höflich, ob sie Schwester Olivia Khuenbeck sei. Dann nannte er seinen Namen und fuhr fort: »Ich bin vom Leutnant Georg Ingbert dringend beauftragt, Ihnen Grüße zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, es nicht zu versäumen. Ich entledige mich hiermit meiner Mission.«

»Wo ist Georg Ingbert?« erkundigte sich Olivia mit leiser Stimme.

»Er liegt in Zawadow bei Strji.«

»Verwundet?«

»Schwer verwundet; so schwer, daß man ... daß man seinen Tod wünschen muß.«

Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen sagte sie, kaum hörbar: »Ich danke Ihnen. Sie haben mir einen großen Dienst geleistet.«

Ihr Entschluß war gefaßt.

Sie stand vor Robert Lamm in derselben Haltung wie vor dem Offizier. »Ich muß so schnell wie möglich nach Galizien, Robert,« sagte sie; »sei mir behilflich, daß ich morgen die nötigen Papiere erhalte.«

»Was willst du denn in Galizien tun?« fragte er.

Sie antwortete: »Ich muß zu Georg Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend in einem Feldspital.«

Lamm ging, an ihr vorüber, auf und ab. Nach einer Weile sagte er: »Ich werde die Papiere besorgen.« Dann, wieder nach einer Weile: »Wäre es dir lästig, wenn ich dich begleiten würde? Du brauchst auf dieser Reise einen Schutz.«

Sie sah ihn groß an. Statt etwas zu entgegnen, bot sie ihm die Hand. Er starrte darauf nieder, überwältigt. »Olivia, zwischen uns beiden steht das Schicksal in seiner ganzen Unerbittlichkeit,« murmelte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Zwischen uns beiden ist nichts Trennendes mehr,« sagte sie mit schönem Lächeln und legte auch die linke Hand in seine.

Ungläubig hob er die Augen. Es gibt ein Glück, das wie Angst wirkt. »Zu spät, Olivia, zu spät,« stammelte er. »Ich bin ein gar zu irdischer Mensch. Die Sorte geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde. Aber ich habe nun wenigstens die Genugtuung, daß ich nicht an ein törichtes Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei liegt eine höhere Vernunft.«

Olivia, sichtlich müde, lehnte den Kopf an seine Schulter.


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