Chapter 3

Rote DächerAus den Schornsteinen, hier und da, Rauch,Oben, hoch, in sonniger Luft, ab und zu, Tauben.Es ist Nachmittag.Aus Mohdrikers Garten her gackert eine Henne,Die ganze Stadt riecht nach Kaffee.— — — — — — — — — — — — —Nur drüben in Knorrs Regenrinne,Zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken,Ein Mann, der sägt,Und dazwischen, deutlich von der Kirche her,In kurzen Pausen, regelmäßig, hämmernd,Der Kupferschmied Thiel.Wenn ich unten runtersehe,Sehe ich grade auf Mutters Blumenbrett:Ein Topf Goldlack, zwei Töpfe Levkoyen, eine GeranieUnd mittendrin, zierlich in einem ZigarrenkistchenEin Hümpelchen Reseda.Wie das riecht?Bis zu mir rauf!!

Rote DächerAus den Schornsteinen, hier und da, Rauch,Oben, hoch, in sonniger Luft, ab und zu, Tauben.Es ist Nachmittag.Aus Mohdrikers Garten her gackert eine Henne,Die ganze Stadt riecht nach Kaffee.— — — — — — — — — — — — —Nur drüben in Knorrs Regenrinne,Zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken,Ein Mann, der sägt,Und dazwischen, deutlich von der Kirche her,In kurzen Pausen, regelmäßig, hämmernd,Der Kupferschmied Thiel.Wenn ich unten runtersehe,Sehe ich grade auf Mutters Blumenbrett:Ein Topf Goldlack, zwei Töpfe Levkoyen, eine GeranieUnd mittendrin, zierlich in einem ZigarrenkistchenEin Hümpelchen Reseda.Wie das riecht?Bis zu mir rauf!!

Rote DächerAus den Schornsteinen, hier und da, Rauch,Oben, hoch, in sonniger Luft, ab und zu, Tauben.Es ist Nachmittag.Aus Mohdrikers Garten her gackert eine Henne,Die ganze Stadt riecht nach Kaffee.— — — — — — — — — — — — —

Rote Dächer

Aus den Schornsteinen, hier und da, Rauch,

Oben, hoch, in sonniger Luft, ab und zu, Tauben.

Es ist Nachmittag.

Aus Mohdrikers Garten her gackert eine Henne,

Die ganze Stadt riecht nach Kaffee.

— — — — — — — — — — — — —

Nur drüben in Knorrs Regenrinne,Zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken,Ein Mann, der sägt,Und dazwischen, deutlich von der Kirche her,In kurzen Pausen, regelmäßig, hämmernd,Der Kupferschmied Thiel.

Nur drüben in Knorrs Regenrinne,

Zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken,

Ein Mann, der sägt,

Und dazwischen, deutlich von der Kirche her,

In kurzen Pausen, regelmäßig, hämmernd,

Der Kupferschmied Thiel.

Wenn ich unten runtersehe,Sehe ich grade auf Mutters Blumenbrett:Ein Topf Goldlack, zwei Töpfe Levkoyen, eine GeranieUnd mittendrin, zierlich in einem ZigarrenkistchenEin Hümpelchen Reseda.Wie das riecht?Bis zu mir rauf!!

Wenn ich unten runtersehe,

Sehe ich grade auf Mutters Blumenbrett:

Ein Topf Goldlack, zwei Töpfe Levkoyen, eine Geranie

Und mittendrin, zierlich in einem Zigarrenkistchen

Ein Hümpelchen Reseda.

Wie das riecht?

Bis zu mir rauf!!

So sind die Zeichnungen Otto Speckters. Man fühlt in ihnen ordentlich die reine klare Luft, in der das gesprochene Wort seinen Widerhall findet.

Wie kommt’s, daß mir beim Anblick dieser Blätter die Jugendjahre lebendig werden, daß mich hier oben im schönen bayerischen Land, im Anblick der Berge, die Sehnsucht nach der alten norddeutschen Heimat meiner Väter anfällt mit ihrem Strand, ihrer regenschweren Luft und ihren sausenden Stürmen? Was anders als die Stärke dieser Kunst, die eben in der Stärke des Naturgefühls wurzelt, die Meisterschaft, mit der all die Dinge in ihrer Wesenheit gepackt sind.

Freilich ist manches unbeholfen, ein wenig hart und trocken geraten. Aber ist diese Unbeholfenheit nicht auch ein Stück deutschen Wesens, diese Gradheit und Echtheit, die sich lieber scheu auf sich selbst zurückzieht, statt einer leeren Geste, dem hohlen Pathos, lieber Verhaltenheit in Ausdruck und Bewegung gibt?

Daß seinem ganzen Schaffen der kindliche Zug anhaftet, daß aus diesem tiefsten Grunde den Kinderbüchern der Preis gebührt, daß diese Seite seiner Kunst es ausschließt, daß das Tragische und Dämonische in seiner ganzen Stärke und Kraßheit damit zum Ausdruck gebracht wird, das sind Einschränkungen, die wohl gemacht werden müssen, aber das eigentümlich Specktersche nur unterstreichen und dem Liebhaber, der die Persönlichkeit über alles setzt, kaum als die Feststellung von Mängeln gelten werden.

Den Urgrund für all sein Schaffen, die Fülle, aus der er schöpfte, bildete des Künstlers eigenes glückliches Familienleben, das er sich schuf, nachdem das Elternhaus durch den Tod der Mutter (1842) und des Vaters (1846) verwaist war. Speckter hatte sich im Jahre 1847 mit der um 17 Jahre jüngeren Auguste Bergeest vermählt, die einer angesehenen Kaufmannsfamilie entstammte, deren Ahnherr Jahrhunderte vorher als durch den Religionshader verarmter Sproß eines elsässischen Adelsgeschlechts nach Hamburg eingewandert war und deren Familien- und Handelsbeziehungen über See nach England und dem dänischen St. Thomas reichten.

Dieses Eheleben, dem sieben Kinder erblühten, war voller Sonne, aber nicht ohne Schatten. Sorgen, nicht gerade ums tägliche Brot, wohl aber um die Aufrechterhaltung eines großen Hausstandes und eines Geschäftes, dessen Nutzen von Jahr zu Jahr fragwürdiger wurde, beeinträchtigten die ersten Jahre des harmonischen Zusammenlebens.

Zwei Schwestern, die weiter im Hause wohnen blieben, mußten mit versorgt werden. Der alte gleichfalls übernommene Teilhaber Herterich war allmählich etwas linkisch geworden. Seine Hauptbeschäftigung war das Kreidekochen, wenn er nicht stundenlang vor seiner Kopie nach Claude Lorrain saß, an der er bereits zwanzig Jahre lithographierthatte und angestrengt darüber nachgrübelte, ob er sie nicht durch einige Punkte und Striche noch verbessern könnte. Der Specktersche Familienwitz erfand daher für derartige Beschäftigungen die Bezeichnung „Clauden“.

Um so unermüdlicher war Otto Speckter in dem Bestreben, das Geschäft aufrecht zu erhalten und die vielen Pflichten gegenüber der Familie zu erfüllen.

Um ihm die oft ermüdende eintönige Arbeit zu erleichtern, las die Gattin ihm dabei vor, wie es früher die Mutter und die Schwestern getan hatten. Das und die Unterweisungen, die er ihr wiederum im Blumenmalen gab, befestigte die innige Interessengemeinschaft zwischen den Eheleuten.

Bescheidene kleine Reisen an der Seite der Frau, die Mappe unter dem Arm, den Malkasten über die Schulter gehängt, waren die einzige Erholung, die sich der Rastlose gönnte.

Als der alte Herterich im Jahre 1852 starb, war endlich die Zeit gekommen, das verhaßte Joch abzuschütteln. Die geschäftlichen Verhältnisse waren immer unübersichtlicher geworden, und als ein kaufmännischer Schwager bei Prüfung der Bücher doch einen recht annehmbaren Jahresgewinn herausrechnete, mußte Speckter ihm entgegnen, daß er ja die Honorare, die er für seine illustrierten Bücher empfing, hineinsteckte, um davon mit Mühe und Not die Gehilfen zu bezahlen, für Leistungen, die wenig oder nichts einbrächten.

Nicht ohne Widerstand der Familie, die im Aufgeben des ererbten Geschäftes einen Mangel an Pietät erblickte, während die einsichtige Frau zum Abschluß trieb, wurde der Verkauf durchgesetzt und erst nachdem dies geschehen und der Umzug mit dem im Laufe der Jahrzehnte angehäuftem Kram aus dem alten Haus in der Katharinenstraße in eine neue Wohnung nicht ohne Schwierigkeiten erfolgt war, konnte Speckter aufatmen und sich nun wirklich als freier Künstler fühlen.

Gerade mit dieser Schicksalswende fiel der Auftrag für die Ausstattung des „Quickborn“ zusammen. Sie gab dem Künstler die Kraft und Frische, sich dieser Aufgabe zu entledigen und die Muße, auf einer Studienreise sich in Land und Leute zu versenken.

Ohne die lästigen Geschäftssorgen waren nun die Tage doch dauernd mit allerlei Aufträgen ausgefüllt. Die Porträtaufgaben wurden gepflegt, auch sonstige lithographische Arbeiten künstlerischer Natur, die er für seinen Geschäftsnachfolger Ritter übernahm.

Zu den schon in der Jugend gefertigten Pathenbriefen gesellten sich Konfirmationsscheine, die von Velhagen & Klasing in Bielefeld gelegentlich eines Besuches daselbst am Schlusse einer Reise bestellt waren.

Die Malerei hatte er nach eigener Aussage bei Bottomley erlernt, während dieser Freund nach seiner Rückkehr aus Rom in einem unbenützten Raume des Hauses in der Katharinenstraße auf Ottos Einladung sein Atelier aufgeschlagen hatte. Sie wurde jetzt auch weiter getrieben.

Zumeist handelte es sich um Tierbilder. Einige Aristokraten und reiche Bürger ließen ihre Lieblingspferde und Hunde oder sich selbst mit ihrer Familie in der Ausübung eines Sports malen.

Viele Bewunderer fand auch der mit drei Tierfiguren geschmückte Fuß eines silbernen Prunkbechers für den Senat, dessen plastisches Vorbild der des Modellierens völlig Unkundige geschickt aus Wachs formte. Ferner eine Reihe von Dankadressen, die der Senat den fürstlichen Spendern gelegentlich der Not der Brandkatastrophe stiftete, und bei denen Speckter die alte Technik der Buchstabenvergoldung wieder belebte.

Die Münchener Bilderbogen von „Rapunzel“ und dem „Froschkönig“, deren Storm in seinem Schreiben Erwähnung tat, dürfen nicht vergessen werden. Es sind große figurenreiche Kompositionen, die in ihrem Aufbau an Schwinds berühmten Bilderbogen vom „Gestiefelten Kater“ erinnern und sich wohl auch an diesen anlehnen.

Selbst der Entwurf eines Schüttelbaums für die Militärkapelle wird erwähnt.

Die Modelle für sein Schaffen bot immer die nächste Umgebung, die auch ständig der Schauplatz eines bewegten Lebens war, das bei aller Einfachheit nie dürftig oder einseitig wurde.

Immer ist da ein kleiner Garten, eine große Linde, ein Obstbäumchen, das den jubelnden Kindern seinen Segen auf die braune Erde schüttelt. Und immer gibt es Tiere als Hausgenossen. Ein Hund gehört stets zur selbstverständlichen Vollzähligkeit der Familie. Jahrelang gackern auf dem kleinen Hof des Stadthauses Hühner. Ein Igel, ein Fuchs geben zeitweilig Gastrollen. Bald wird ein toter Schwan geschickt, dem man die Flügel mit Schnüren auseinanderspreizt, bis er zum Entsetzen der Hausbewohner platzt, bald ist es ein Kater, der vor Wut und Furcht durch die Stube faucht, dann wieder ein flügellahmer Storch, dem der Erstgeborene Hans zwischen die Flügel gesetzt wird, so daß das erschrockene Tier mit dem vor Glück jauchzenden Kind im Zimmer herumrast und dem vergnügten Vater ein neues Motiv bietet.

Einmal haben Freunde eine junge Ente als Modell geschickt. Sie wird in einer Wasserbütte im Schlafzimmer untergebracht. Ein mächtiges Gepolter ruft die Gattin nach oben. Ein morscher Bücherschrank ist zusammengestürzt, der Boden mit Büchern und Trümmern bedeckt, die Ente platscht lustig dazwischen herum und im Bett liegt Speckter lachend und meint, daß er auf die Weise am besten arbeiten könne.

In diesem lustigen Durcheinander wächst eine pausbäckige Kinderschar heran, die das ganze Glück der Eltern bildet.

Speckter duldet sie mit ihrem Spiel in seinem Arbeitsraum, nimmt auch selber daran Teil. Es werden große Schlachten geschlagen, die einen vollen Tag währen, und wobei die Zinnsoldatenheere das ganze Zimmer beherrschen. Puppentheater wird gespielt, Tierfiguren werden ausgenäht.

Besonders der Älteste, Hans, der schon frühzeitig Begabung zeigt, ist der Stolz des Vaters. In ihm möchte er unerfüllte Jugendträume verwirklicht wissen und er hat später noch die Genugtuung, ihn die Weimarer Akademie beziehen zu sehen.

Außer den Tieren und Kindern muß auch die sonstige häusliche Umgebung Modelle liefern. Für die zierlichen Landmädchen mit den großen Hüten im „Quickborn“ hat dielangjährige Milchfrau des Hauses als Vorbild gedient. Der Gärtner Feldmann wurde, in einen Talar gesteckt, für die Gewandstudie eines Pfarrerbildnisses gebraucht und den Hinzukommenden zur allgemeinen Belustigung als Pastor Feldmann vorgestellt. Im Haushalt, in dem Magret, die greise Kinderfrau, einen Ankömmling nach dem anderen betreute, herrschte ein patriarchalischer Ton. Als Beispiel dafür mag folgende hübsche Anekdote dienen:

Brunkhorst, das alte Faktotum, versuchte eines Morgens vergeblich vor seines Herrn Tür, die Stiefel zum Putzen fortzuholen, als vom Lager her ertönte: „Lat man sien, ick bin noch darin.“ Speckter war von einer Festlichkeit erst in der Morgenfrühe nach Hause gekommen und hatte sich in den Kleidern zu kurzem Schlummer ausgestreckt. Denn neben seiner eifrigen Teilnahme am Spiel der Kinder, half er auch mit Rat und Tat beim Spiel der Erwachsenen.

So gelegentlich des großen Schillerfestes im Jahre 1859, wo man ihn, nachdem die Berufenen versagt hatten, herbeiholte, um die lebenden Bilder zu stellen.

Die vonDr.Endrulat, dem geistigen Urheber der Feier, verfaßte Festschrift hat er dann mit Lithographien geschmückt.

Schon Jahre vorher hatte Friedrich Wilhelm IV. den Wunsch geäußert, bei einem Hoffest den „Gestiefelten Kater“ in lebenden Bildern vorgeführt zu sehen. Der preußische Gesandte, Minister von Haenlein, fuhr bei Speckter vor, um ihn dieserhalb zu einer Reise nach Berlin zu veranlassen, die aber aus Zeitmangel, wohl auch aus Bescheidenheit unterblieb.

Die Politik spielte in das gesellschaftliche Leben stark hinein und beschäftigte den Künstler leidenschaftlich und mehr, als in diesen Seiten gesagt werden kann. Mit Spannung wurden die Ereignisse auf dem Welttheater verfolgt, die damals alle deutschen Gemüter im Bann hielten.

Der überraschenden Vernichtung der dänischen Kriegsschiffe „Gefion“ und „Christian VIII.“ im Hafen von Eckernförde folgte die Eröffnung des Kriegsschauplatzes in unmittelbarster Nähe, als die Kriege von 1864 und 1866 wie prächtige Gewitter mit kurzen schnellen Schlägen daherbrausten.

Schon früher hatte Speckter sein „Politisches Glaubensbekenntnis“ abgelegt, wie er selber sein 1848 herausgegebenes Flugblatt nannte. Es trat in Bild und Wort für die Einigung der deutschen Stämme und für das Kaiserreich ein. Das von allegorischen Darstellungen und dem Geäst eines Eichbaums umrahmte Gedicht stammte von einem Verwandten, Hugo Hübbe, und begann mit den Worten: „Wir stehn in einem guten Kampf“. Während es, namentlich in der Familie, vielfach Ablehnung fand, traten Geibel, Curtius und E. M. Arndt dafür ein.

Geibel gehörte zu den Freunden des Hauses. Zum Polterabend, dem auch Jacob und Wilhelm Grimm beiwohnten, hatte er dem Brautpaare folgenden Trinkspruch aus dem Stegreif gewidmet:

Architektura baut das Haus,Die Malerei schmückt’s lustig aus,Sculptara stellt mit fleiß’gen HändenIhr Bildwerk auf an allen Wänden —Doch soll’s im Hause wohnlich sein,So muß Frau Minne erst hinein.Drum sprech ich’s aus und ruf’ es laut:„Hoch lebe Bräutigam und Braut!“

Architektura baut das Haus,Die Malerei schmückt’s lustig aus,Sculptara stellt mit fleiß’gen HändenIhr Bildwerk auf an allen Wänden —Doch soll’s im Hause wohnlich sein,So muß Frau Minne erst hinein.Drum sprech ich’s aus und ruf’ es laut:„Hoch lebe Bräutigam und Braut!“

Architektura baut das Haus,Die Malerei schmückt’s lustig aus,Sculptara stellt mit fleiß’gen HändenIhr Bildwerk auf an allen Wänden —Doch soll’s im Hause wohnlich sein,So muß Frau Minne erst hinein.Drum sprech ich’s aus und ruf’ es laut:„Hoch lebe Bräutigam und Braut!“

Architektura baut das Haus,

Die Malerei schmückt’s lustig aus,

Sculptara stellt mit fleiß’gen Händen

Ihr Bildwerk auf an allen Wänden —

Doch soll’s im Hause wohnlich sein,

So muß Frau Minne erst hinein.

Drum sprech ich’s aus und ruf’ es laut:

„Hoch lebe Bräutigam und Braut!“

Von anderen bekannten Schriftstellern wird noch Hoffmann von Fallersleben als Gast im Hause Speckter erwähnt.

Zwischen die vielen neuen Aufgaben fiel auch ein Auftrag von Perthes, für eine Neuausgabe der Fabeln die Bilder abermals, und zwar auf den Holzstock, zu zeichnen. Speckter, der dies schon vorher für einen englischen Verlag getan, begrüßte die Aufgabe um so mehr, als er schon oft seinen Unwillen darüber geäußert hatte, mit welcher Unbekümmertheit der Verleger seine vielen Neuauflagen mit immer schlechter kopierten Bildern herunterdrucke. Daß der Künstler von diesen Auflagen, die für den Verleger ein schönes Geschäft bedeuteten, nichts hatte, verstand sich nach damaliger Rechtsauffassung von selbst, und so mußte man in dem neuen Auftrag für die Holzstöcke ein besonders gönnerhaftes Entgegenkommen erblicken.

Auf Wunsch sandte Perthes ihm von jeder bisherigen Auflage ein Exemplar, Speckter aber, durch die schlechte Ausführung angeärgert, steckte sie alle in den Ofen, da sie ihm zu minderwertig erschienen, um selbst als Geschenk für arme Kinder zu dienen.

Nicht ohne Wichtigkeit für die Beurteilung seines Werkes sind für den Kenner die Arten der Vervielfältigungstechniken. Die ersten Fabelausgaben sind in Steinradierung hergestellt. Der zweite Teil der Fabeln wurde nie von ihm selbst, sondern nach seiner Zeichnung und Anleitung von Gehilfen ausgeführt. Bei der späteren Holzschnittausgabe hat er dann beide Teile der Bearbeitung unterzogen.

Das Holzschnittverfahren hatte den technischen Vorzug, daß der Druck der Bildplatten zugleich mit dem Typendruck erfolgen konnte, während die lithographischen Abzüge, auf dünnes Papier gedruckt, Seite für Seite in das Buch eingeklebt werden mußten. Errang so die bequemere Technik am Ende den Sieg über die umständlichere, so weisen doch die frühen Ausgaben gegenüber den späteren einen allerdings unbeabsichtigten Reiz auf, den diese nicht haben.

Die gleichen intimen Züge zeichnen die Radierungen in Rumohrs „Hundefuchsenstreit“ aus, ebenso die Lithographien zu Andersens Märchen und die Kupferstiche zum „Gestiefelten Kater“.

1845 versuchte ein Schriftsetzer Krake in Hamburg sich wieder im Holzschnitt. Speckter vertraute ihm einige Fabelbilder an und brachte ihn so weit, daß man ihn im RauhenHause anstellte, wo er die Holzstöcke zum Katechismus schnitt. Ihn ersetzten als Nachfolger ein gewisser Mackwitz und andere. Schuseil schnitt die Illustrationen zum „Quickborn“.

Während nun die Katechismusbilder, wie das im Charakter des Stoffes lag, eine mehr lineare Gestaltung erhielten und auch die Bilder zu den Missionsblättern volksbuchartig kräftig gehalten sind, wurde bei den Fabeln unwillkürlich versucht, die der Lithographie eigentümlichen Tonwirkungen auf dem Holzstock nachzuahmen, was den Stil der Bilder verwischte.

Auch den „Quickborn“ beherrscht jener für die Zeit bezeichnende Mischstil des Tonschnittes. Immerhin sind diese Blätter von vornherein in Hinblick auf die technische Ausführung erfunden, mit einer geschulten und bewußten Handwerklichkeit zu Ende gebracht und weisen die besonderen Reize auf, die wir ja auch in gleichzeitigen Werken Menzels oder Dorés zu schätzen wissen, indem wir sie als ein Ergebnis aus zwei verschiedenen Kunstbemühungen betrachten, des empfindenden Erfinders und des verständigen Vollenders, deren Wollen und Können sich in ihnen die Wage hält.

Der Speckter befreundete Kupferstecher Schröder stellte Anfang der vierziger Jahre nach Beschreibungen Versuche in dieser Technik an, deren erstes Ergebnis die Bilder zum „Gestiefelten Kater“ waren. Bei anderen Arbeiten wurde der Stahlstich angewandt, der von England aus sich der Buchillustration bemächtigte. Zu einem Stahlstecher Gray, der nach Hamburg übersiedelte, hatte Speckter Beziehungen. Die reizenden Vollbilder zu „Hannchen und die Küchlein“ sind in Stahl gestochen. Ihres an englische empfindsame Szenen erinnernden Stils wurde schon anfangs Erwähnung getan. Technische Reminiszenzen mögen unbewußt in diese Vorstellungen mit hineinspielen.

Das was uns am Lebenswerk Otto Speckters hauptsächlich interessiert, ist so eng mit der graphischen Technik verbunden, hat durch diese erst ihren historisch bestimmten Ausdruck gefunden, daß auch bei der Zusammenstellung der vorliegenden Auswahl fast ausschließlich nach diesem Gesichtspunkt verfahren wurde. Handzeichnungen sind bis auf eine — „Der Storch mit dem Kind“ — nicht aufgenommen.

Als Vorbilder für die Wiedergabe wurden, soweit sie erreichbar waren, die vortrefflichsten Ausgaben herangezogen. So sind bei den Fabeln teilweise Steinradierungen, teilweise Holzschnitte zugrunde gelegt. Die alte englische Ausgabe von „The charmed roe“ („Brüderchen und Schwesterchen“) erschien so hart und scharflinig, die noch vorhandenen Handzeichnungen so wenig in den Einzelheiten ausgeführt, daß der neuen Ausgabe von 1903 der Vorzug gegeben wurde, die in Lichtdruck eine etwas vergröberte und dabei weichere Wiedergabe der älteren lithographierten Blätter enthält.

So sehen wir denn, des Künstlers Gesamtwerk überschauend, wie sich auch in ihm die große Kurve der europäischen Kunstentwickelung abzeichnet, in der es mitschwingt. Von den klassisch gebundenen Anfängen, über die Romantik zum Realismus bis an jene verhängnisvolle Schwelle, hinter der im verstandesmäßigen Naturalismus, im Historizismusder schon vorbereitete Auflösungsprozeß seinen Fortgang nimmt, der die Tragik im Schaffen von Speckters Sohn Hans bestimmt. Daß das Werk Otto Speckters bereits vorher zum Abschluß kam, sichert ihm die Einheit der Wirkung, deren seltene Kraft wir an ihm wahrnehmen.

Daß vielerlei Einflüsse der wandelnden Zeit, auch solche technischer Natur, mit hineinspielen, bestätigt nur die bei aller Freiheit und Eigenheit im einzelnen bedingte Bindung, den Zwang unter das Gesetz der großen Weltbewegung, dem alle wahrhafte und menschlich echte Kunst unterworfen ist. Sie ist es, die den Typus bestimmt.

Die letzten acht Lebensjahre brachten dem Künstler durch eine schmerzhafte, unheilbare Krankheit, die mit dem Absterben der Zehen begann und durch gestörten Blutumlauf veranlaßt war, viel Leid. Oft war er wochen-, ja monatelang an das Schmerzenslager gefesselt. Dazwischen kamen vom Arzt verordnete Erholungsreisen, die ihn im Jahre 1863 auch zu Fritz Reuter führten. Die beiden humorvollen art- und stammverwandten Männer fanden sich bald zusammen.

Reuter schrieb damals in Eisenach an seiner „Stromtid“ und mußte, wie er Speckter gegenüber scherzend bemerkte, darin noch „dree lütte Mätens verfriegen“.

Man vereinbarte, daß Speckter den „Hanne Nüte“ illustrieren sollte, der ja mit seinem in die Handlung verwobenen Tierleben dem Künstler einen besonders geeigneten Stoff bot.

Die in den Jahren der Krankheit entstandenen Bilder erscheinen durch sie getrübt und ermangeln der Frische der Quickbornillustrationen, mit denen sie ihrer ganzen Auffassung nach zu einem Vergleich auffordern. Doch sind auch wieder die Tierszenen äußerst gelungen und atmen einen possierlichen Humor, der sich in den zierlichen Zeichnungen für die Geschichte vom „Feldmäuschen und Stadtmäuschen“ wiederholt.

Es scheint fast, als ob es den Todkranken dazu drängte, auf dem Gebiet, auf dem er seine schönsten Leistungen gezeitigt, noch einmal ein letztes Wort zu sprechen.

Ein geplantes größeres Werk über das Leben der Tiere kam nicht mehr zur Vollendung, weil sich kein Schriftsteller finden ließ, der den Text hätte verfassen können. Das fertige Material für die Gattungen: Huhn, Katze, Storch, Elster, Rohrdommel, Gans befindet sich im Besitz der Familie. Aus ihm ist, soviel ich weiß, das erst neuerdings erschienene Katzenbuch sowie das Vogelbuch zusammengestellt, die mit ihren nach den Handzeichnungen mechanisch wiedergegebenen Strichätzungen technischer Reize ermangeln.

Bis zum Ende blieb er all seinen Neigungen und Pflichten treu, soweit sein Zustand es ihm ermöglichte.

Am letzten Weihnachtsabend machte er noch den Versuch, dem Feste, das in gewohnter Weise gefeiert wurde, beizuwohnen. Als man den Christbaum anzündete, wurde er ins Zimmer getragen. Doch bald wurde ihm der Trubel zu viel und unter Tränen meinte er zu einem Bekannten: „Sie sehen, wie glücklich ich sein könnte, und wie unglücklich ich bin.“

Sein religiöser, ja kirchlicher Sinn war stark ausgeprägt. Mit Argwohn wurde von denAngehörigen eine Neigung zum Katholizismus beachtet, die sich als aus der nazarenischen Strömung herrührend erklären läßt, der er in der Jugendzeit während seines Aufenthalts im Overbeckschen Hause nicht fern stand.

Sein vaterländisches Gefühl ließ ihn eine Überbrückung des unheilvollen religiösen Zwiespalts der beiden großen Konfessionen erhoffen und in dieser Richtung selbst Schritte tun. So fanden in seiner Wohnung Zusammenkünfte protestantischer und katholischer Geistlicher statt, die freilich erfolglos blieben.

Die Kirchenbehörde von St. Michaelis wählte ihn zum Mitglied ihres Kollegiums und er entzog sich den Pflichten dieses Ehrenamtes nicht.

Den Klingelbeutel streckt er,Die Schlafenden erweckt erDer Maler Otto Speckter.

Den Klingelbeutel streckt er,Die Schlafenden erweckt erDer Maler Otto Speckter.

Den Klingelbeutel streckt er,Die Schlafenden erweckt erDer Maler Otto Speckter.

Den Klingelbeutel streckt er,

Die Schlafenden erweckt er

Der Maler Otto Speckter.

Mit diesen Strophen neckte ihn ein bekannter Pastor wegen der Ausübung seiner kirchenherrlichen Tätigkeit.

Seine militärischen Pflichten hat er als Mitglied der Bürgergarde bis zu seinem 45. Lebensjahre „treu erfüllt“.

Nicht unbetont mag es bleiben, daß Otto Speckter in seiner politischen Richtung ein Mann von streng konservativer Gesinnung war und in den Tagen des Umsturzes fest zu den Gewalten der Ordnung hielt.

Das brachte ihn, wie schon erwähnt, in Gegensatz zu seiner nächsten Verwandtschaft. Seine Schwester Hermine, die mit dem zur Frankfurter Nationalversammlung gewählten Professor Wurm verheiratet war, vertrat ihre sehr weit links gerichtete demokratische Auffassung mit großer Leidenschaft, und ihr schloß sich der übrige weibliche Teil der Familie an, der in Otto den mehr in ein Hirngespinst vernarrten weltfremden Träumer sah.

Er und seine Frau hielten zum preußischen Königtum und erhofften von der Bismarckschen Politik die deutsche Zukunft.

Den Zwiespalt der Meinungen beleuchtet ein aus jener Zeit erhaltener Brief Ottos, in dem er beglückt Schwester und Schwager die Geburt des ersten Sohnes anzeigt und der des jetzt wieder aktuellen Interesses halber im Anschluß an diesen Aufsatz hier wiedergegeben ist. Man nimmt daran wahr, wie die Dinge sich im ewigen Kreislauf wiederholen.

„Es ist wieder ein Speckter da!!“ heißt’s im ersten Jubel, und nachdem der Sehnsucht Worte verliehen sind, in dem Knaben unerfüllte Jugendwünsche verwirklicht zu sehen, geht es weiter: „Gott gebe, daß der Hans, wenn er anfängt zu denken, ein Einiges Deutschland und ein selbständiges Hamburg vorfinden möge.“ Und zum Schluß in rührender Herzensgüte, die politischen Groll nicht über menschliche Beziehungen Herr wissen will: „verzeiht vorgefallene Grobheiten“.

Es ist Speckter noch vergönnt gewesen, den Siegeslauf von 1870 zu erleben. Über seinemKrankenbett war eine Karte aufgehängt, auf der die eroberten Ortschaften mit Fähnchen abgesteckt wurden. Die Befreiung Straßburgs mit seinem symbolischen Münster erfüllte ihn mit innerem Jubel.

An der Kunde von der Ausrufung des Kaiserreichs in Versailles nahm er wohl kaum mehr bewußten Anteil.

Am 29. April 1871 pochte Freund Hein an seine Kammertür, der vertraute Weggenosse deutscher Zeichner von Holbein bis Rethel, und erlöste ihn mit milder Hand von seinen Martern.

So vollendete sich das Leben Otto Speckters, das, wie mich dünkt, von seinem Werke nicht zu scheiden ist.

In seiner Formstrenge beschlossen, in seiner Wirkung in die Weite und Breite gehend, wird es fast zum Symbol der alten deutschen Hansestadt, der er entstammt, und zum Spiegelbild des Bürgertums, aus dem er gekommen, und dem er sich mit all seinen Kräften zu eigen gegeben.

Aus ihm erklärt sich aber auch wieder seine Kunst.

Der Künstler, der auf einem Einzelgebiet bestimmten Problemen nachspürt, mag losgelöst von seiner Umgebung schaffen. Der Illustrator, der eigentliche Schilderer des Lebens, ist in dieser Losgelöstheit nicht denkbar.

Diese von Lebensgefühl gesättigte Kunst, die die Wesensart eines ganzen Landstrichs in keinem Zug verleugnet, aber alle Erscheinungen dieser Umwelt voll erfaßt und so deutet, daß überall, wo Deutsche und Menschen leben, sie als wahrhaftig empfunden werden, konnte nur auf einem Boden und innerhalb einer Gesellschaft erwachsen, die wie das Gemeinwesen der alten Städterepublik in einer auf Überlieferungen fußenden festen Form, politischer und religiöser Weitsichtigkeit den Spielraum läßt, der sie vor Verkümmerung in dogmatischer Enge bewahrt.

Und wo wäre solch Dasein natürlicher als in einer Handelsstadt, die durch tausend Interessen ihrer Bürger mit den entlegensten Gebieten des Weltballs und ebenso mit den widersprechendsten Anschauungen und Sitten der Menschheit verbunden ist.

Und wo wäre ein günstigerer Boden für solche Kunst als bei einem Bürgertum, dem ererbte Wohlhabenheit und alte Sitte die Pflege einer schönen Geselligkeit und edlen Menschlichkeit zu einer Lebensnotwendigkeit gemacht hat?

Das ist der Grund, warum in diesem Aufsatz, der das Werk Otto Speckters wieder der Vergessenheit entreißen soll, so wenig von diesem Werk selbst und soviel mehr vom Leben seines Schöpfers die Rede ist.

Für das eigentliche Schaffen mag, beredter als Worte es können, die Auswahl der Abbildungen sprechen.

Wir haben gesehen, wie sein ausgeprägtes Hamburgertum Speckter nicht darin beeinträchtigte, ein guter Deutscher zu sein.

Wie weit die Entwickelung des neuen Deutschland die kühnen Hoffnungen des Künstlersbewahrheitete, das mag hier dahingestellt bleiben. Er würde wohl mit einiger Enttäuschung darauf zurückblicken, zumal wenn er wahrnehmen könnte, was die nunmehr auch verflossene Glanzzeit des jungen Reiches aus seinem geliebten Hamburg gemacht hat.

Prägt sich doch in der Physiognomie dieser Großstadt, wie überall, der Geist der selbstzerstörerischen, mechanistischen und materialistischen Weltauffassung aus.

Aber auch hierin kann die Specktersche Kunst ein Arkanum sein, kann sie die in die Irre gegangene Menschheit zur Selbstbesinnung und Neubeseelung führen.

Denn so das sittliche Dasein einer Epoche ausschöpfend, es in seinen bezeichnenden Formen fest umreißend, wird das Werk des Künstlers mehr als bloßer Schmuck des Lebens und unterhaltsames Spiel, wird es zum Bollwerk gegen die zerstörerische Flut des Rohstofflichen und Seelenlosen, mit der das Leben selbst gegen die Überfeinerung des Sinnlichen reagiert, wird es im endlichen Verfall einer Kultur zum Eckstein, auf dem sich in Zeiten der Wiedergeburt neues Kulturwerk gründen kann.

Wir erleben heute eine Zeit des Übergangs. Der Verfall ist in allen Künsten deutlich sichtbar geworden, und die europäische Welt rüstet sich zum neuen Aufbau.

Wer den Strömungen der Zeitläufte sich nicht verschließt, der weiß, daß heute ein junges Künstlergeschlecht am Werk ist, das ein hoher Idealismus beseelt.

Das Bürgertum will zwar von seinen Schöpfungen nichts wissen. Diese Künstlerschaft und die heutige Bürgerlichkeit schließen sich auch gegenseitig aus.

Denn jenes Bürgertum, aus dem das Schaffen Otto Speckters erwachsen konnte, ist nicht mehr. Es ist in der Flut der mammonistischen Welle, die im vergangenen Jahrhundert über die Welt hereinbrach, versunken wie Vineta im Meer. Nur in der Stille des Feiertags hört der Kundige aus der Tiefe leise Glockentöne heraufdringen.

Selbstherrlich aus dem Nichts kann künstlerischer Idealismus allein das Wunder einer neuen Kunst nicht wirken. In der Festigkeit der sozialen Struktur sind die Vorbedingungen für eine natürlich gewachsene Kultur zu suchen.

Wie könnte das, was Inhalt und Wesen der Kunst ausmacht: Schönheit, Liebe, Treue, Glaube, Wahrhaftigkeit — wie könnte das anders in der Kunst Form erhalten, wenn es nicht schon im Gemeinschaftsleben der Menschen vorhanden wäre und sich nur in der Kunst zu spiegeln brauchte, ganz gleichgültig, ob dieses Gemeinschaftsleben patriarchalisch im Sinne der alten Familie oder, jetzt noch eine Utopie, in der Form des Kommunismus sich vollzieht. Ein Zusammenleben, das nur den Kampf aller gegen alle bedeutet, kann freilich nach außen nur ein Bild der Zerrissenheit zurückwerfen.

Der neue Geist will sich eine neue Welt bauen, neu in den Grundbedingungen, neu im Wesentlichen und neu in den letzten Auswirkungen. Aber die Voraussetzungen, die einer gewissen Volksart entsprechen, verändern sich in Jahrtausenden nicht viel, in Jahrhunderten nur um ein weniges. Sie sind Herrschaftsakte des Blutes. Die Künste, soweit ihre Legitimation echt ist, überspringen weit auseinanderliegende Zeitspannen und ergreifen einander, vereinigen sich immer wieder zu neuer schönerer Wirklichkeit.

Echt ist ein Kunstwerk, sobald sein Urheber darin sein Bestes gegeben, und darin liegt letzten Endes das Geheimnis seiner Überzeugungskraft. Da mag denn auch das Werk Otto Speckters, das diesen Stempel der künstlerischen Legitimität seines Schöpfers trägt, den Heutigen als Wahrzeichen und Richtschnur dienen für ihren Dienst an der Erhaltung der unsterblichen Wesensart deutscher Formkraft und deutscher Sitte.

Widdersberg, August 1919.

F. H. Ehmcke

Ein Brief Otto Speckters

Hamburg, d 4 August 1848

Liebe Mine! lieber Wurm!

Es ist wahr ich habe einen kleinen Sohn! Jetzt nach grade fange ich an es denken zu können. Es ist wieder ein Speckter da!! Gebe Gott daß er Alles das erreiche was ich gewünscht habe, sowohl als Mensch wie als Künstler, mit einem Worte, daß er besser werde wie sein Vater, u dazu gehört besonders, daß er seine Mutter mehr in Ehren halte, denn lieber wird er seine nicht haben können.

Es wäre gar so schön, wenn das Werk was unser alter Vater begonnen, u. wofür er wie seine Söhne nur gedacht u empfunden haben, wenn das der Enkel erreichte, u nicht nur im Wollen u Streben, sondern in der Vollendung ein Künstler würde. Ja lieber W., täglich denke ich daran, wie schön es wäre, wenn unser Alter das noch erlebt hätte, er mit seinem Gemüth würde ein ächter Großvater sein, so ganz beständig auf seinem Platz sitzend beobachten, würden die beiden ganz ineinander gelebt haben, u mein Junge würde für sein ganzes Leben sehr viel daran gehabt haben. Doch mit dem Alten wird er doch noch leben, denn ich habe alle die alten Bilder u Zeichnungen in die Kinderstube aufgehängt, u dann soll er auch Johann nach seinem Großvater heißen, u dazu mögten wir denn gern die älteste Speckter gebeten haben uns dabei behülflich zu sein, u bei unserm Hans Gevatter zu stehen, wie das einzurichten ist weiß ich freilich nicht, doch darüber können wir uns verabreden, außerdem soll die Großmutter, u der alte Herterich dabei sein. Gott gebe, daß alles so guten Fortgang haben möge wie bisher, denn meine kleine Auguste u der Junge sind so wohl wie es nur zu wünschen ist, u Gott gebe daß der Hans, wenn er anfängt zu denken, ein Einiges Deutschland u ein selbstständiges Hamburg vorfinden möge, auch als Anerkennung u Freude über den Reichsverweser nenne ich ihn Johann, denn wenn der nicht gekommen wäre, so hätte ich keine Hoffnung für die Zukunft gehabt.

Daß ich Euch die Anzeige nicht früher selbst gemacht, müßt Ihr entschuldigen, ich hatte so viel um die Ohren u dachte denn auch, Sie wissen es ja schon, auch daß ich Deinen ersten Brief liebe Mine nicht beantwortet habe ist aus demselben Grund, doch jetzt noch ein paar Worte darüber. Du thust mir in so fern Unrecht, wenn Du glaubst ich bildete mir auf die Randzeichnung viel ein, wirklich nicht, ich konnte damals nichts andersmachen, es ist mein Glaubensbekentniß Daß ich es Uhland geschickt thut mir leid da er so linkisch geworden ist, und folglich nicht mehr dichten kan, ich habe es dem Dichter Uhland geschickt dem ich diese Gedanken u Empfindungen auch verdanke, denn Anfangs wollte ich sein Lied „Was die Väter schufen“ u s w dazu nehmen, es wäre mir lieb gewesen wenn er es mir wieder geschickt hätte. Was Herrmann darüber gesagt hat gilt mir nicht so viel wie Kaulbachs Äußerung gegen Asher darüber: Überhaupt fange ich nach u nach an mir etwas auf d Blatt einzubilden durch die mancherlei Briefe-Sendungen von den verschiedensten Gegenden her, so schrieb unter andern Geibel „Ich bin mit seinem Gedankeninhalt so wie mit dem Liede völlig einverstanden“. Zum Schluß um Dich nicht zu langweilen aus Arndts vortrefflichem Brief nachdem er mit mir Nachts in der alten Stadt (Frankfurt) umhergewandelt ist schreibt „u selbst bei Steinen Mauren[1]u Schornsteinen muß ich ausrufen: o wie viel Prunk u nichtiger Tand ist in euch jungen! Denke ich vollends an das Geschrei, das von unserer Tribüne tost u allem Alten Ab! Ab! zuruft so sehe ich kaum ob wir einige hübsche Zierrathen u Arabesken von dem alten elegischen Reichsthum[1]von weiland retten werden. Die Jüngern hier sind leider zu jung u die Meisten von ihnen nur Nachbeter dessen was kosmopolitische Schelme von Juden u Franzosen ihnen leichtbegreiflich vorklingeln[1]“. Dan nennt er mich seinen lieben Otto u kommt auf unsern Alten, daß der sein Jugendfreund war in büschischen u studentischen Jahren, auch daß er, meine Schwester die liebe Wurmin kennen gelernt schreibt er. Kurz der Brief ist prächtig u meinem Hans aufbewahrt werden, denn wills Gott wird er auch ein ächt conservativer Speckter. Auch so behaltet mich, mein Weib u Kind lieb, u verzeiht vorgefallene Grobheiten.

Euer Otto Speckter.

Bis hier schrieb ich gestern Abend, weil meine kleine Frau noch ein paar Worte zufügen wollte, doch ist es zu unbequem im Bett zu schreiben.

Baby auf dem fliegenden Storch

[1]Im Originalbrief Arndts heißt es „Mauern“, „Reichsthurm“ und „vorwiegeln“.

[1]Im Originalbrief Arndts heißt es „Mauern“, „Reichsthurm“ und „vorwiegeln“.

[1]Im Originalbrief Arndts heißt es „Mauern“, „Reichsthurm“ und „vorwiegeln“.

Aus Prägels 'Hildrian'I

I

Aus Prägels 'Hildrian'II

II

Aus Prägels 'Hildrian'III

III

Aus Prägels 'Hildrian'IV

IV

Lithographie aus den Fabeln

Lithographie aus den FabelnV

V

Lithographie aus den Fabeln

Lithographie aus den FabelnVI

VI

Lithographie aus den Fabeln

Lithographie aus den FabelnVII

VII

Glückwunschkarte

GlückwunschkarteVIII

VIII

Aus Rumohrs 'Der Hunde Fuchsenstreit'

Aus Rumohrs 'Der Hunde Fuchsenstreit'IX

IX

Aus Rumohrs 'Der Hunde Fuchsenstreit'

Aus Rumohrs 'Der Hunde Fuchsenstreit'X

X

GlückwunschkarteXI

XI

Zur Hamburger Kunstausstellung, Umschlagild des KatalogesXII⇒GRÖSSERES BILD

XII⇒GRÖSSERES BILD

⇒GRÖSSERES BILD

Holzschnitt unbekannter HerkunftXIII

XIII

Lithographie aus 'Noch 50 Fabeln'

Lithographie aus 'Noch 50 Fabeln'XIV

XIV

Lithographie aus 'Noch 50 Fabeln'

Lithographie aus 'Noch 50 Fabeln'XV

XV

Lithographie aus 'Noch 50 Fabeln'

Lithographie aus 'Noch 50 Fabeln'XVI

XVI

Lithographie aus 'Noch 50 Fabeln'

Lithographie aus 'Noch 50 Fabeln'XVII

XVII

Lithographie aus 'Noch 50 Fabeln'XVIII

XVIII

Glückwunschkarte

GlückwunschkarteXIX

XIX

Aus 'Hannchen und die Küchlein

Aus 'Hannchen und die Küchlein'XX

XX

Aus 'Hannchen und die Küchlein'

Aus 'Hannchen und die Küchlein'XXI

XXI

Aus den fliegenden Blättern des Rauhen HausesXXII

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Aus den fliegenden Blättern des Rauhen HausesXXIII

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