Zwanzigstes Kapitel
E
Ein Jahr verging. Ein Jahr mit Geburten und Todesfällen, Hochzeiten und Begräbnissen, Freud und Leid, Arbeit, Kirchgang und Einladungen ging still über Stadt und Stift Gammelby hin. Und wie alle Jahre veränderte es in seinem Lauf Menschen und Verhältnisse, trug zu der steten Umbildung der Charaktere und Gemüter bei, die nie aufhört, eh der Tod dem Spiel der Leidenschaften seine Grenze setzt, formte Sitten, Gebräuche und Verhältnisse um, in seiner unmerklichen Weise, die wir Menschen immer erst sehen, wenn es geschehen ist.
Professor Hallin und seine Frau haben keinerlei merkliche Wandlung durchgemacht. Aber in ihrem Haus hat es eine ziemlich große Veränderung gegeben. Gabrielle hat sich wieder verlobt, und es heißt, der Professor sei mit dem zweiten Bräutigam noch weniger zufrieden als mit dem ersten, ja er wünsche sich manchmal den Leutnant geradezu zurück.
Der neue Bräutigam ist Pastor Simonson.
Pastor Simonson hatte nämlich gemerkt, daß er für seineKarriere in Gammelby einer kräftigeren Stütze bedurfte, als eine einfache Hilfslehrerstelle an der Schule, und ab und zu die Erlaubnis, gratis in der Domkirche zu predigen. Die Stelle eines Domkirchenverwalters war zu besetzen, und er wußte, er würde seine älteren Mitbewerber leichter aus dem Feld schlagen, wenn er zu der persönlichen Gewogenheit des Bischofs noch das Gewicht persönlicher zarter Bande in die Wagschale legen konnte, die ihn unwiderruflich mit der Stadt und ihren Interessen verknüpften.
Gewiß war Gabrielle keineswegs die Gattin, die er sich als Hüterin des häuslichen Herdes in einem ernsten priesterlichen Heim geträumt hatte. Aber da sie in anderer Hinsicht den Forderungen, die er an eine Frau stellte, entsprach, und da sie vor allem — dank der zurückgegangenen Verlobung — aller Wahrscheinlichkeit nach zu haben war, so hielt er um sie an, und war nicht im geringsten überrascht, daß er das Jawort erhielt.
Fräulein Gabrielle ihrerseits betrachtete im Anfang den neuen Bräutigam mit ein bißchen sonderbaren Blicken, als wolle sie Vergleiche ziehen. Aber nach und nach gewöhnte sie sich an ihn; und außerdem waren sie und ihre Mutter aufrichtig froh, daß sie wieder verlobt war. Denn was gibt es Schlimmeres für ein junges Mädchen, als wenn die ganze Welt weiß, daß sie einmal verlobt gewesen ist, ohne daß die Verlobung zu etwas geführt hat?
Frau Hallin verlor nach diesem Ereignis ihr Interesse für Pastor Simonson. Sie schrieb ihrem Sohn, der Pastor habe sich sehr verändert, sei verweltlicht, und es sei unbegreiflich, daß der Bischof eine solche Persönlichkeit begünstige.
Bei Adjunkts waren die Veränderungen größer und einschneidender.
Der Adjunkt selbst unterrichtete nach wie vor in seinen Klassen, arbeitete und sparte, quälte sich mit unaufhörlichen Sorgen ums Geld, das nie reichen wollte, und hatte seine Anfälle von schlechter Laune, die regelmäßig zusammen mit der Geldnot auftraten.
Frau Hallin war gealtert in diesem Jahr. Ihr Gesicht zeigte mehr Runzeln und der Mund noch ausgeprägter als zuvor den eingegrabenen Ausdruck von Wachsamkeit, den Frauen leicht haben, wenn sie fast immer mit dem Gedanken beschäftigt sind, an den Ausgaben zu sparen, damit des Mannes kleines Einkommen für den Haushalt ausreicht.
Trotzdem hatte das sie nicht alt gemacht. Alt war sie geworden, weil sie immer mehr fühlte, wie ihre Kinder sich von ihr loslösten.
Nach der Ordination hatte sie einen Auftritt mit ihrer Tochter gehabt.
Selma kam eines Abends bleich und erregt herein. Ihre große, kräftige Gestalt zitterte, und sie drehte krampfhaft das Taschentuch zwischen den Fingern, um nicht in Tränen auszubrechen.
„Ich habe mir eine Stellung in Stockholm gesucht und sie bekommen“, sagte sie.
Frau Hallin war so niedergeschmettert und so böse, daß sie erst gar nichts zu sagen wagte. Sie fühlte, sie konnte nicht sprechen, ohne sich zu vergessen. Sie beugte sich nur tiefer über ihren Nähtisch, als beuge sie ihren Rücken unter einem Schlag.
„So“, sagte sie einsilbig.
„Ich konnte nicht anders!“ sagte die Tochter.
„Du konntest nicht anders?“
Frau Hallin sah wieder auf.
„Du hättest wenigstens so viel Vertrauen zu deinen Eltern haben können, daß du nicht hinter ihrem Rücken gehandelt hättest.“
„Ihr hättet es nicht zugelassen.“
Hastig und hart kam das heraus. Beide schwiegen eineWeile. Die Mutter konnte nichts antworten. Sie wußte, daß die Tochter recht hatte. Aber der Zorn gärte in ihr und in den Zorn mischte sich das Bewußtsein, besiegt zu sein.
„Ich konnte nicht anders!“ wiederholte Selma.
Und sie richtete ihre kräftige Gestalt auf, während brennendes Rot ihr Gesicht bis zu den Haarwurzeln färbte.
„Ich fange an, alt zu werden“, fuhr sie mit einem nervösen Zittern in der Stimme fort. „Vielleicht sterb’ ich als alte Jungfer, ohne je geliebt zu haben, ohne auf meinen Armen ein Kind gehalten zu haben, das ich mein nennen kann. Aber wenn ich das muß, so will ich wenigstens arbeiten lernen, lernen, mein eigenes Leben zu leben, so gut und so tüchtig werden, als mir möglich ist. Armselig genug wird es ja auch so. Aber wenn ich hier bleibe, werd’ ich ein schlechter Mensch!“
Die Mutter sah sie erstaunt an. Sie schämte sich geradezu, daß ihre Tochter solche Wünsche aussprechen konnte; und Selma verließ hastig das Zimmer, noch eh Frau Hallin ein Wort der Erwiderung hatte finden können.
Im Herbst zog Selma nach Stockholm und hinterließ im Vaterhaus das bittere Gefühl, daß sie sich dort nicht hatte wohl fühlen können.
Gustaf war jetzt noch allein daheim. Aber im Frühling machte er sein Abiturientenexamen, und dann ging auch er. Er hatte die Seinen mit der Erklärung überrascht, daß er auf eine Ackerbauschule wolle, und mit einem Seufzer gab der Adjunkt seine Einwilligung. Er war in einer Art froh darüber. Denn das war billiger, als wenn der Sohn auf der Universität gewesen wäre. Aber es kränkte ihn doch, daß sein Sohn nur ein einfacher Landwirt werden sollte.
„Wird nur ein tüchtiger Mann aus ihm, so ist das übrige ja gleichgültig!“ pflegte er zu sagen, wenn von der Sache die Rede war.
Aber Frau Hallin wußte, daß sie auch diesen Sohn verloren hatte, wie die Tochter. Und sie fühlte immer mehr, wie die Jahre auf ihr lasteten, die Jahre und die Einsamkeit.
Aber ihren ältesten Sohn wenigstens hatte sie noch; und der Gedanke an ihn genügte, ein Gefühl der Freude in ihr zu wecken, selbst wenn sie sich noch so niedergeschlagen fühlte. Er hatte seine Reizbarkeit und seine Grübeleien überwunden. Das letzte Jahr in Sollösa hatte einen ganz anderen Menschen aus ihm gemacht, und man prophezeite ihm allgemein eine Zukunft im Dienst der Kirche.
Und dennoch hatte Frau Hallin jetzt für ihn ein anderes Gefühl als früher. Sie hätte es ja nie zugegeben; aber so, wie er früher war, hatte sie ihn lieber gehabt. Es war, als habe das „Geistlichsein“ ihm grade etwas von dem genommen, was sie am allermeisten an ihm geliebt hatte. Als er noch schwächlich, reizbar, selbstquälerisch und unvernünftig war, als er sie gekränkt hatte, indem er ihr sein Vertrauen entzog oder sie traurig gemacht, indem er seine Heftigkeit an ihr ausließ, da hatte sie ihn am allerliebsten gehabt, seine ganze warme, ursprüngliche Natur. Jetzt, da er ein gesetzter, seiner selbst sicherer und fertiger junger Geistlicher war, der ihr stets mit Sohnesehrfurcht und Sohnesliebe begegnete, ihr nie Grund zur Unzufriedenheit gab, stets freundlich, heiter und mitteilsam war, schien es ihr manchmal, als fühle sie sich diesem Sohn gegenüber ein bißchen fremd. Denn sie verstand die Wandlung nicht, die mit ihm vorgegangen war.
Es war im Frühling, gleich nachdem Gustaf sein Examen gemacht hatte. Selma war für den Sommer nach Hause gekommen. Ernst war von Sollösa hereingefahren. Und wie nun alle Kinder wieder einmal zu Hause waren, gaben sie eine kleine Gesellschaft — lauter junges Volk. Frau Hallin hatte es bei ihrem Mann durchgesetzt.
Pastor Simonson und Gabrielle kamen, ein paar von Gustafs Freunden und sonst noch ein paar. Eva Baumann war auch da — auf Selmas ganz besonderen Wunsch.
Es hatte sich ein kleiner Disput entsponnen zwischen den angehenden Studenten und Pastor Simonson. Es handelte sich um die Frage, ob es für einen jungen Mann in unseren Tagen möglich wäre, Theologe zu werden, ohne mit Bewußtsein zu heucheln oder auch einem unbewußten Selbstbetrug zu verfallen. Und Gustaf hatte sich in einer Weise geäußert, die die anwesenden Pastoren geärgert, Frau Hallin betrübt, und über die ganze Gesellschaft eine gewisse Unruhe gebracht hatte.
Ernst Hallin hatte die ganze Zeit über geschwiegen. Das Thema hatte ihn nicht interessiert.
Nach dem Ausspruch des Bruders aber sah ihn die Mutter so bittend an, daß er nicht ausweichen konnte. Er fühlte auch selbst, daß er nicht länger schweigen durfte.
„Viele Schwierigkeiten,“ sagte er, „stellen sich dem Mann in den Weg, der in einer schlimmen Zeit, wie der unsern, sein Leben dem Dienst des Herrn weiht.“
Seine Stimme war klar und beherrscht, und er blickte dem Bruder ruhig ins Gesicht. Man sah es ihm an, daß ihm das Landleben gut getan hatte. Er war dicker geworden, das Gesicht hatte Farbe und ein leiser Bartansatz zeichnete sich von den Wangen ab.
„Aber,“ fuhr er fort, „die Schwierigkeiten sind nicht unüberwindlich; und wer mit reinem Willen in den priesterlichen Stand tritt, dem wird der Herr auch zu einem rechten Glauben verhelfen, mag er auch anfänglich schwach und schwankend sein. Ist die Zeit so böse, ist der Unglaube so stark, daß sie, wenn möglich, sogar die Auserwählten zu verführen drohen, so steht um so fester die Verheißung unseres Herrn, daß dem, der am eifrigsten in seinem Dienst gearbeitet hat, im Himmel seine Stätte bereitet ist, die ihn für seine Arbeit auf Erden belohnen wird.“
Frau Hallin nickte dem Sohn zu. Wieder einmal freute sie sich, daß der Herr doch eins ihrer Kinder bewahrt hatte...
Im selben Augenblick aber begegnet Ernst Hallins Auge einem Blick, der einen ganz anderen Ausdruck hatte. Eva Baumann war es, die ihn ansah. Ihr Blick war kalt, fragend, neugierig. Sie hatte ihn im letzten Jahre da und dort getroffen und sich selber immer wieder gefragt, wie es möglich sei, daß sie so gleichgültig sein konnte. So ganz, als wäre zwischen ihnen gar nichts vorgefallen.
Und jetzt fühlte Ernst diesen forschenden Blick auf sich ruhen. Er drückte keinerlei Interesse für seine Person aus, nichts als unbezwingliche Wißbegierde. Es sah aus, als möchte sie bloß um jeden Preis ergründen, wie er eigentlich innerlich zusammengesetzt war. Und zugleich bemerkte er ein fast unsichtbares ironisches Lächeln auf ihren Lippen.
Pastor Hallin war sehr unbehaglich zumut. Er sagte sich selber, er habe ja doch nicht gelogen. Es war wirklich seine Überzeugung, die er da ausgesprochen hatte; und er freute sich darüber, daß er sie ausgesprochen hatte.
Dennoch stand er auf und wechselte den Platz; und dabei konnte er es nicht hindern, daß er tief errötete.
Ende
Fischers Bibliothekzeitgenössischer RomaneDritter Jahrgang(Oktober 1910-September 1911)1. Bd.Th. Fontane, Irrungen Wirrungen2. Bd.Björnstjerne Björnson, Mary3. Bd.Gabriele Reuter, Frauenseelen4. Bd.Laurids Bruun, Van Zantens Insel der Verheißung5. Bd.Sophie Hoechstetter, Passion6. Bd.Knut Hamsun, Redakteur Lynge7. Bd.Hermann Bahr, Theater8. Bd.Gustaf af Geijerstam, Pastor Hallin9. Bd.Bernhard Kellermann, Yester und Li10. Bd.Felix Hollaender, Das letzte Glück11. Bd.Jonas Lie, Auf Irrwegen12. Bd.J. Wassermann, Der niegeküßte MundJeden Monat erscheint ein BandGustaf af GeijerstamGesammelte Romane in fünf BändenFünf Bände in schöner, gediegener Ausstattung mit einem Porträt des Dichters. Entwurf des Einbandes von E. R. Weiß.Geheftet 12 M, in Leinen gebunden 15 M.1. Bd.:Einleitung / Auf der letzten Schäre / Das Geheimnis des Waldes / Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis.2. Bd.:Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe.3. Bd.:Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht.4. Bd.:Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte.5. Bd.:Die Brüder Mörk / Die alte Herrenhofallee.Mit dieser neuen Ausgabe seiner Werke wohnt Geijerstam mitten unter uns. Man hat ihn in Deutschland verstanden. Diese Sammlung seiner Werke — rein äußerlich, bei schöner Ausstattung und sehr billigem Preise, die denkbar beste Vereinigung von Volks- und Bibliotheksausgabe — ist Beweis dafür. Den Geijerstam, den man braucht, hat man in dieser Auswahl ganz. Sie findet ihre literarische Rechtfertigung zudem in einer Einleitung von Friedrich Düsel, und diese Einführung gibt eine seelisch eindringliche, man könnte beinahe sagen, erschöpfende Analyse von Geijerstams künstlerischer Persönlichkeit ... In Geijerstam kündigt sich eine neue Weltanschauung an, noch viel zu unentwickelt, um in den Rahmen von zehn Geboten gefaßt zu werden, doch aber recht eigentlich die Weltanschauung des Menschen, der nicht die Kraft, dafür aber die Zartheit seiner eigenen Empfindungen besitzt. — Eine neue Frucht der Erkenntnis gleißt aus der grünen Blätterpracht dieser Erzählungen! Aus dem Stamm des sozialen Mitleidens ist sie erwachsen. Menschen mit verfeinerten Empfindungsorganen werden danach greifen und werden — wie das immer war — beides daraus schmecken: Tod und Leben.(Frankfurter Zeitung)Das Buch vom BrüderchenWir haben es hier mit einem wundervollen, tief melancholischen Buch der Liebe und Ehe zu tun, das ein bedeutender Dichter geschrieben hat. Das Buch ist reich an lyrischen Stimmungen, ja es ist eigentlich nur eine Kette von solchen, und durchpulst von dem echtesten Empfinden. Es sind die Aufzeichnungen eines glücklich-unglücklichen Mannes, der ein schönes, kluges und geliebtes Weib besitzt und drei Kinder, nach deren jüngstem dieses Buch benannt worden ist.Dieses keusche, zarte, liebenswerte Buch sollten alle lesen: die Alten und die Jungen. Besonders die jungen Mädchen sollten es lesen, anstatt der verlogenen Liebesgeschichten, die zumeist ihre Lektüre bilden. Und dann die Mütter. Dieses Buch ist wie eine kleine Bibel. Es ist reich an allem Guten und Heiligen. Es ist reich an tiefen mystischen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, und die Natur — Schweden und seine Schären und das Meer — steht leuchtend und groß darin auf. Das Buch ist ein Kunstwerk und ein Werk des Lebens zugleich. So sollen gute Bücher sein.(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen)Nils Tufvesson und seine MutterDer dämonisch gräßliche Stoff, Mord und Blutschande, ist mit einer Festigkeit und Sicherheit angefaßt, die von Anfang an beruhigend wirken. Ohne der mächtigen Spannung verlustig zu gehen, verfolgt man schon beim ersten Lesen den reinen, schönen Aufbau und großen Stil des Werkes mit ungetrübter Wonne, wozu die ganz vorzügliche Übersetzung viel beiträgt. Daß hinter dem Künstlerischen ein herzlicher, liebenswerter Mensch voll Feinheit und Güte steht, ist auch hier wie in allen Büchern Geijerstams die Hauptsache. Ihm stehen immer die sittlichen Probleme jedes Konfliktes obenan, und so ist Nils Tufvesson ihm unter der Hand aus einer düsteren Mordgeschichte zu etwas ganz anderem geworden. Die Hauptsache ist nicht der Mord, noch seine Entdeckung, noch seine Bestrafung, sondern das hinreißend dargestellte Erwachen des beleidigten Rechtsgefühls in einer ganzen Dorfgemeinde. In Nils’ Hof liegt eine Leiche und soll begraben werden. Man ahnt und fühlt, daß da ein Verbrechen begangen ist. Niemand hat ein persönliches Interesse daran, jeder fürchtet sich auch davor, in Gerichtsverhandlungen und dergleichen verwickelt zu werden. Und doch darf die Leiche nicht unter den Boden. Das Bewußtsein, daß etwas Gräßliches geschehen ist, lastet über dem Dorfe und wächst zu einem Druck, der unerträglich wird, bis eine erste zage Stimme sich erhebt und im Namen des ganzen Volkes zum Ankläger wird. Das hat Geijerstam mit einer Einfachheit und Größe dargestellt, welche vielleicht die Höhe seiner Kunst bedeutet. Das ernste, schöne Werk wird ihm ohne Zweifel Tausende von neuen Lesern gewinnen.(Neue Zürcher Zeitung)FrauenmachtNachdem Gustaf af Geijerstam in seinem vorigen Buch Nils Tufvesson grauenhafte Gefühle der Verirrung zu Konflikten von ergreifender und entsetzlicher Tragik gesteigert hatte, kehrt er in seinem letzten Roman Frauenmacht zu einer wundersamen, verfeinerten Innigkeit der Gefühle zurück, die uns sein schönes Buch vom Brüderchen so lieben läßt. Frauenmacht ist ein rührender Akkord der Schwermut. Es ist die Erzählung eines Unglücklichen, dessen Schicksal es ist, daß ihm sein Leben hindurch stets kurzes Glück zu langen Schmerzen ausschlägt.Es sind Stellen in dem Buch, die sind zum Jubeln, und Stellen von einer Schönheit der Wehmut, wie sie wohl nur der Verfasser des Buches vom Brüderchen schreiben kann. Das Buch ist reich an allem Guten und Heiligen, es ist reich an großen mystischen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, und die Natur — Schweden mit seinen Schären und das Meer — steht groß und leuchtend darin auf. Hier ist ein inniges Kunstwerk, durch das man nicht hindurchgeht, ohne bereichert und beglückt zu werden.(Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Berlin)Wald und SeeGeijerstam versenkt sich mit Liebe in die dunklen Tiefen einfältiger Menschenseelen; er erzählt von den stummen Tragödien derer, denen kein Gott gab, zu sagen, was sie leiden. Seine schwerblütigen, tiefempfundenen mit ihrem Boden so eng verwachsenen nordischen Bauern wissen kaum, daß sie leiden, geschweige denn warum. Aber sie können sich auch nicht an die bunte Oberfläche der Sinnenwelt halten, wie die sonnenbegünstigten Südländer. Die Härte ihres Klimas weist sie beständig von außen nach innen. Und sie tragen schwer an dem vielen, was sie innerlich durchleben müssen, ohne es nennen oder verstehen zu können. Geijerstam besitzt die große fromme Ehrfurcht vor der Natur. Er erblickt ahnend das Walten ihrer geheimnisvollen Mächte und spürt ihnen demütig nach. Vor dem Unerforschlichen steht er verstummend still. Wer dem Leben so tief in die Rätselaugen sieht wie Geijerstam, dem enthüllt sich das Interessanteste gerade im Alltäglichsten, während unsere vielen unechten Interessantheiten sich ihm zeigen als das, was sie sind: billiges Spielzeug für große Kinder.(Die Zeit, Wien)Karin Brandts TraumEin Lebenssiegerbuch, wie selten in unserer Literatur der Ohnmacht und Schwäche! Es ist, als ob von Geijerstam immer mehr und mehr alles Überflüssige abfiele, alles, was dekorativ ist und Füllwerk. Er wird einfacher mit jedem Buch. Klar und rein hebt sich der Kern heraus. Dieser neue Roman sieht sich zuerst beinahe ärmlich an. Ein schlichtes Menschenschicksal, das nicht über die Alltäglichkeit hinausging, wird erzählt. Aber dann quillt aus der Schlichtheit ein Reichtum auf. Man fühlt deutlicher und eindringlicher der Schlichtheit zweites Gesicht: die Echtheit. Da ist keine Mache mehr, kein Aufputz, kein Künsteln mit den narkotischen Mitteln der Unehrlichen im Romangewerbe. In Geijerstams Romankunst ist Ehrlichkeit, Leben, Wahrheit. Erst wenn man sich so aller blendenden Äußerlichkeiten begibt, kann man so innerlich werden wie der Autor von Karins Traum.(Münchener Post)Gefährliche MächteDer Roman „Gefährliche Mächte“ bietet uns Geijerstams tiefste, gedankenreichste Schöpfung. Wieder beschäftigt sich der Eheprediger mit dem Problem der Ehe. Wieder behandelt er die Hauptlehre seines Lebens, daß wir uns selber nicht, geschweige denn einen anderen erkennen, daß wir alle im Dunkeln herumirren. Heller und lauter, ernster und nachdrücklicher aber erhebt Geijerstam diesmal seine Stimme. Die beiden großen alltäglichen Tragödien des menschlichen Lebens, den Zusammensturz ehelichen Glückes und die Tragödie des Verkanntseins, der Vereinsamung verschmilzt er zu einer ergreifenden Einheit. Klänge nicht überall seine alles begreifende, alles verzeihende Menschenliebe hindurch, so könnte das Buch als eine niederschmetternde Anklage die Freude am Leben aus unserem Herzen verjagen.(Allgemeine Zeitung, München)Das ewige RätselDas Problem der Ehe, das Problem der Geschlechter — das „ewige Rätsel“ — wird hier von einer ganz neuen Seite und mit neuen Mitteln behandelt. Dieser Roman enthält, abgesehen von einer sehr spannenden, aber kurzen Episode, fast gar kein Geschehen im Sinne der epischen Kunst. Es ist alles Psychologie, spinnwebdünnes seelisches Ereignis... Mit unendlich feiner, subtiler Kunst hat Geijerstam das innerste Verhältnis zwischen Mann und Weib geschildert. Er hat aus dem Problem der Ehe das weitere, größere Problem herausgelöst, das Problem der Fremdheit der Menschen zueinander.(Pester Lloyd)Die alte HerrenhofalleeIn diesem letzten Roman, den uns der schwedische Dichter hinterlassen hat, behandelt er noch einmal das Problem der Ehe, dem er in der „Komödie der Ehe“ mit feinem psychologischen Tasten nachgegangen war. Die Umwelt verlegt Geijerstam in eine längst vergangene Zeit, „noch ehe der Ton der Dampfpfeife das Rauschen der schwedischen Wälder durchschnitt“. Durch die alte Herrenhofallee ist einst eine Vorfahrin der Heldin seiner Erzählung ihrem Gatten davongefahren, und dieser hat alsbald, um jede äußere Spur, die ihn an seinen Unglückstag erinnert, zu vertilgen, die alte Allee umhauen lassen — ein Symbol, das gleichsam mit vererbender Schicksalskraft im Leben der Heldin wiederkehrt. Es ist ein abgeklärtes Können, eine von einer ausgeprägten dichterischen Persönlichkeit geführte Objektivität, die in allem Geschehenen die seelischen Fäden erkennt und auflegt.(Breslauer Morgenzeitung)Werke von Gustaf af GeijerstamDas Haupt der Medusa.Roman. 6. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50Das Buch vom Brüderchen.Roman einer Ehe. 18. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50Die Komödie der Ehe.Roman. 8. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50Nils Tufvesson und seine Mutter.Bauernroman. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50Frauenmacht.Roman. 8. Tausend. Geh. M 3.—, geb. M 4.—Wald und See.Novellen. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50Kampf der Seelen.Roman. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50Alte Briefe.Novellen. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50Karin Brandts Traum.Roman. 8. Tausend. Geh. M 3.— geb. M 4.—Gefährliche Mächte.Roman. 6. Tausend. Geh. M 4.—, geb. M 5.—Die Brüder Mörk.Roman. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50Das ewige Rätsel.Roman. 6. Tausend. Geh. M 3.—, geb. M 4.—Die alte Herrenhofallee.Roman. 6. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
Fischers Bibliothekzeitgenössischer Romane
Dritter Jahrgang
(Oktober 1910-September 1911)
1. Bd.Th. Fontane, Irrungen Wirrungen2. Bd.Björnstjerne Björnson, Mary3. Bd.Gabriele Reuter, Frauenseelen4. Bd.Laurids Bruun, Van Zantens Insel der Verheißung5. Bd.Sophie Hoechstetter, Passion6. Bd.Knut Hamsun, Redakteur Lynge7. Bd.Hermann Bahr, Theater8. Bd.Gustaf af Geijerstam, Pastor Hallin9. Bd.Bernhard Kellermann, Yester und Li10. Bd.Felix Hollaender, Das letzte Glück11. Bd.Jonas Lie, Auf Irrwegen12. Bd.J. Wassermann, Der niegeküßte Mund
1. Bd.Th. Fontane, Irrungen Wirrungen2. Bd.Björnstjerne Björnson, Mary3. Bd.Gabriele Reuter, Frauenseelen4. Bd.Laurids Bruun, Van Zantens Insel der Verheißung5. Bd.Sophie Hoechstetter, Passion6. Bd.Knut Hamsun, Redakteur Lynge7. Bd.Hermann Bahr, Theater8. Bd.Gustaf af Geijerstam, Pastor Hallin9. Bd.Bernhard Kellermann, Yester und Li10. Bd.Felix Hollaender, Das letzte Glück11. Bd.Jonas Lie, Auf Irrwegen12. Bd.J. Wassermann, Der niegeküßte Mund
1. Bd.Th. Fontane, Irrungen Wirrungen2. Bd.Björnstjerne Björnson, Mary3. Bd.Gabriele Reuter, Frauenseelen4. Bd.Laurids Bruun, Van Zantens Insel der Verheißung5. Bd.Sophie Hoechstetter, Passion6. Bd.Knut Hamsun, Redakteur Lynge7. Bd.Hermann Bahr, Theater8. Bd.Gustaf af Geijerstam, Pastor Hallin9. Bd.Bernhard Kellermann, Yester und Li10. Bd.Felix Hollaender, Das letzte Glück11. Bd.Jonas Lie, Auf Irrwegen12. Bd.J. Wassermann, Der niegeküßte Mund
1. Bd.Th. Fontane, Irrungen Wirrungen
1. Bd.
1. Bd.
Th. Fontane, Irrungen Wirrungen
2. Bd.Björnstjerne Björnson, Mary
2. Bd.
2. Bd.
Björnstjerne Björnson, Mary
3. Bd.Gabriele Reuter, Frauenseelen
3. Bd.
3. Bd.
Gabriele Reuter, Frauenseelen
4. Bd.Laurids Bruun, Van Zantens Insel der Verheißung
4. Bd.
4. Bd.
Laurids Bruun, Van Zantens Insel der Verheißung
Laurids Bruun, Van Zantens Insel der Verheißung
5. Bd.Sophie Hoechstetter, Passion
5. Bd.
5. Bd.
Sophie Hoechstetter, Passion
6. Bd.Knut Hamsun, Redakteur Lynge
6. Bd.
6. Bd.
Knut Hamsun, Redakteur Lynge
7. Bd.Hermann Bahr, Theater
7. Bd.
7. Bd.
Hermann Bahr, Theater
8. Bd.Gustaf af Geijerstam, Pastor Hallin
8. Bd.
8. Bd.
Gustaf af Geijerstam, Pastor Hallin
9. Bd.Bernhard Kellermann, Yester und Li
9. Bd.
9. Bd.
Bernhard Kellermann, Yester und Li
10. Bd.Felix Hollaender, Das letzte Glück
10. Bd.
10. Bd.
Felix Hollaender, Das letzte Glück
11. Bd.Jonas Lie, Auf Irrwegen
11. Bd.
11. Bd.
Jonas Lie, Auf Irrwegen
12. Bd.J. Wassermann, Der niegeküßte Mund
12. Bd.
12. Bd.
J. Wassermann, Der niegeküßte Mund
Jeden Monat erscheint ein Band
Gustaf af Geijerstam
Gesammelte Romane in fünf Bänden
Fünf Bände in schöner, gediegener Ausstattung mit einem Porträt des Dichters. Entwurf des Einbandes von E. R. Weiß.Geheftet 12 M, in Leinen gebunden 15 M.
1. Bd.:Einleitung / Auf der letzten Schäre / Das Geheimnis des Waldes / Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis.2. Bd.:Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe.3. Bd.:Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht.4. Bd.:Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte.5. Bd.:Die Brüder Mörk / Die alte Herrenhofallee.
1. Bd.:Einleitung / Auf der letzten Schäre / Das Geheimnis des Waldes / Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis.2. Bd.:Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe.3. Bd.:Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht.4. Bd.:Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte.5. Bd.:Die Brüder Mörk / Die alte Herrenhofallee.
1. Bd.:Einleitung / Auf der letzten Schäre / Das Geheimnis des Waldes / Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis.2. Bd.:Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe.3. Bd.:Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht.4. Bd.:Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte.5. Bd.:Die Brüder Mörk / Die alte Herrenhofallee.
1. Bd.:Einleitung / Auf der letzten Schäre / Das Geheimnis des Waldes / Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis.
1. Bd.:
1. Bd.:
Einleitung / Auf der letzten Schäre / Das Geheimnis des Waldes / Kristins Myrte / Sammel / Alte Briefe / Frau Gerdas Geheimnis.
2. Bd.:Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe.
2. Bd.:
2. Bd.:
Das Haupt der Medusa / Die Komödie der Ehe.
3. Bd.:Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht.
3. Bd.:
3. Bd.:
Das Buch vom Brüderchen / Frauenmacht.
4. Bd.:Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte.
4. Bd.:
4. Bd.:
Karin Brandts Traum / Gefährliche Mächte.
5. Bd.:Die Brüder Mörk / Die alte Herrenhofallee.
5. Bd.:
5. Bd.:
Die Brüder Mörk / Die alte Herrenhofallee.
Mit dieser neuen Ausgabe seiner Werke wohnt Geijerstam mitten unter uns. Man hat ihn in Deutschland verstanden. Diese Sammlung seiner Werke — rein äußerlich, bei schöner Ausstattung und sehr billigem Preise, die denkbar beste Vereinigung von Volks- und Bibliotheksausgabe — ist Beweis dafür. Den Geijerstam, den man braucht, hat man in dieser Auswahl ganz. Sie findet ihre literarische Rechtfertigung zudem in einer Einleitung von Friedrich Düsel, und diese Einführung gibt eine seelisch eindringliche, man könnte beinahe sagen, erschöpfende Analyse von Geijerstams künstlerischer Persönlichkeit ... In Geijerstam kündigt sich eine neue Weltanschauung an, noch viel zu unentwickelt, um in den Rahmen von zehn Geboten gefaßt zu werden, doch aber recht eigentlich die Weltanschauung des Menschen, der nicht die Kraft, dafür aber die Zartheit seiner eigenen Empfindungen besitzt. — Eine neue Frucht der Erkenntnis gleißt aus der grünen Blätterpracht dieser Erzählungen! Aus dem Stamm des sozialen Mitleidens ist sie erwachsen. Menschen mit verfeinerten Empfindungsorganen werden danach greifen und werden — wie das immer war — beides daraus schmecken: Tod und Leben.
(Frankfurter Zeitung)
Das Buch vom Brüderchen
Wir haben es hier mit einem wundervollen, tief melancholischen Buch der Liebe und Ehe zu tun, das ein bedeutender Dichter geschrieben hat. Das Buch ist reich an lyrischen Stimmungen, ja es ist eigentlich nur eine Kette von solchen, und durchpulst von dem echtesten Empfinden. Es sind die Aufzeichnungen eines glücklich-unglücklichen Mannes, der ein schönes, kluges und geliebtes Weib besitzt und drei Kinder, nach deren jüngstem dieses Buch benannt worden ist.
Dieses keusche, zarte, liebenswerte Buch sollten alle lesen: die Alten und die Jungen. Besonders die jungen Mädchen sollten es lesen, anstatt der verlogenen Liebesgeschichten, die zumeist ihre Lektüre bilden. Und dann die Mütter. Dieses Buch ist wie eine kleine Bibel. Es ist reich an allem Guten und Heiligen. Es ist reich an tiefen mystischen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, und die Natur — Schweden und seine Schären und das Meer — steht leuchtend und groß darin auf. Das Buch ist ein Kunstwerk und ein Werk des Lebens zugleich. So sollen gute Bücher sein.
(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen)
Nils Tufvesson und seine Mutter
Der dämonisch gräßliche Stoff, Mord und Blutschande, ist mit einer Festigkeit und Sicherheit angefaßt, die von Anfang an beruhigend wirken. Ohne der mächtigen Spannung verlustig zu gehen, verfolgt man schon beim ersten Lesen den reinen, schönen Aufbau und großen Stil des Werkes mit ungetrübter Wonne, wozu die ganz vorzügliche Übersetzung viel beiträgt. Daß hinter dem Künstlerischen ein herzlicher, liebenswerter Mensch voll Feinheit und Güte steht, ist auch hier wie in allen Büchern Geijerstams die Hauptsache. Ihm stehen immer die sittlichen Probleme jedes Konfliktes obenan, und so ist Nils Tufvesson ihm unter der Hand aus einer düsteren Mordgeschichte zu etwas ganz anderem geworden. Die Hauptsache ist nicht der Mord, noch seine Entdeckung, noch seine Bestrafung, sondern das hinreißend dargestellte Erwachen des beleidigten Rechtsgefühls in einer ganzen Dorfgemeinde. In Nils’ Hof liegt eine Leiche und soll begraben werden. Man ahnt und fühlt, daß da ein Verbrechen begangen ist. Niemand hat ein persönliches Interesse daran, jeder fürchtet sich auch davor, in Gerichtsverhandlungen und dergleichen verwickelt zu werden. Und doch darf die Leiche nicht unter den Boden. Das Bewußtsein, daß etwas Gräßliches geschehen ist, lastet über dem Dorfe und wächst zu einem Druck, der unerträglich wird, bis eine erste zage Stimme sich erhebt und im Namen des ganzen Volkes zum Ankläger wird. Das hat Geijerstam mit einer Einfachheit und Größe dargestellt, welche vielleicht die Höhe seiner Kunst bedeutet. Das ernste, schöne Werk wird ihm ohne Zweifel Tausende von neuen Lesern gewinnen.
(Neue Zürcher Zeitung)
Frauenmacht
Nachdem Gustaf af Geijerstam in seinem vorigen Buch Nils Tufvesson grauenhafte Gefühle der Verirrung zu Konflikten von ergreifender und entsetzlicher Tragik gesteigert hatte, kehrt er in seinem letzten Roman Frauenmacht zu einer wundersamen, verfeinerten Innigkeit der Gefühle zurück, die uns sein schönes Buch vom Brüderchen so lieben läßt. Frauenmacht ist ein rührender Akkord der Schwermut. Es ist die Erzählung eines Unglücklichen, dessen Schicksal es ist, daß ihm sein Leben hindurch stets kurzes Glück zu langen Schmerzen ausschlägt.
Es sind Stellen in dem Buch, die sind zum Jubeln, und Stellen von einer Schönheit der Wehmut, wie sie wohl nur der Verfasser des Buches vom Brüderchen schreiben kann. Das Buch ist reich an allem Guten und Heiligen, es ist reich an großen mystischen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, und die Natur — Schweden mit seinen Schären und das Meer — steht groß und leuchtend darin auf. Hier ist ein inniges Kunstwerk, durch das man nicht hindurchgeht, ohne bereichert und beglückt zu werden.
(Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Berlin)
Wald und See
Geijerstam versenkt sich mit Liebe in die dunklen Tiefen einfältiger Menschenseelen; er erzählt von den stummen Tragödien derer, denen kein Gott gab, zu sagen, was sie leiden. Seine schwerblütigen, tiefempfundenen mit ihrem Boden so eng verwachsenen nordischen Bauern wissen kaum, daß sie leiden, geschweige denn warum. Aber sie können sich auch nicht an die bunte Oberfläche der Sinnenwelt halten, wie die sonnenbegünstigten Südländer. Die Härte ihres Klimas weist sie beständig von außen nach innen. Und sie tragen schwer an dem vielen, was sie innerlich durchleben müssen, ohne es nennen oder verstehen zu können. Geijerstam besitzt die große fromme Ehrfurcht vor der Natur. Er erblickt ahnend das Walten ihrer geheimnisvollen Mächte und spürt ihnen demütig nach. Vor dem Unerforschlichen steht er verstummend still. Wer dem Leben so tief in die Rätselaugen sieht wie Geijerstam, dem enthüllt sich das Interessanteste gerade im Alltäglichsten, während unsere vielen unechten Interessantheiten sich ihm zeigen als das, was sie sind: billiges Spielzeug für große Kinder.
(Die Zeit, Wien)
Karin Brandts Traum
Ein Lebenssiegerbuch, wie selten in unserer Literatur der Ohnmacht und Schwäche! Es ist, als ob von Geijerstam immer mehr und mehr alles Überflüssige abfiele, alles, was dekorativ ist und Füllwerk. Er wird einfacher mit jedem Buch. Klar und rein hebt sich der Kern heraus. Dieser neue Roman sieht sich zuerst beinahe ärmlich an. Ein schlichtes Menschenschicksal, das nicht über die Alltäglichkeit hinausging, wird erzählt. Aber dann quillt aus der Schlichtheit ein Reichtum auf. Man fühlt deutlicher und eindringlicher der Schlichtheit zweites Gesicht: die Echtheit. Da ist keine Mache mehr, kein Aufputz, kein Künsteln mit den narkotischen Mitteln der Unehrlichen im Romangewerbe. In Geijerstams Romankunst ist Ehrlichkeit, Leben, Wahrheit. Erst wenn man sich so aller blendenden Äußerlichkeiten begibt, kann man so innerlich werden wie der Autor von Karins Traum.
(Münchener Post)
Gefährliche Mächte
Der Roman „Gefährliche Mächte“ bietet uns Geijerstams tiefste, gedankenreichste Schöpfung. Wieder beschäftigt sich der Eheprediger mit dem Problem der Ehe. Wieder behandelt er die Hauptlehre seines Lebens, daß wir uns selber nicht, geschweige denn einen anderen erkennen, daß wir alle im Dunkeln herumirren. Heller und lauter, ernster und nachdrücklicher aber erhebt Geijerstam diesmal seine Stimme. Die beiden großen alltäglichen Tragödien des menschlichen Lebens, den Zusammensturz ehelichen Glückes und die Tragödie des Verkanntseins, der Vereinsamung verschmilzt er zu einer ergreifenden Einheit. Klänge nicht überall seine alles begreifende, alles verzeihende Menschenliebe hindurch, so könnte das Buch als eine niederschmetternde Anklage die Freude am Leben aus unserem Herzen verjagen.
(Allgemeine Zeitung, München)
Das ewige Rätsel
Das Problem der Ehe, das Problem der Geschlechter — das „ewige Rätsel“ — wird hier von einer ganz neuen Seite und mit neuen Mitteln behandelt. Dieser Roman enthält, abgesehen von einer sehr spannenden, aber kurzen Episode, fast gar kein Geschehen im Sinne der epischen Kunst. Es ist alles Psychologie, spinnwebdünnes seelisches Ereignis... Mit unendlich feiner, subtiler Kunst hat Geijerstam das innerste Verhältnis zwischen Mann und Weib geschildert. Er hat aus dem Problem der Ehe das weitere, größere Problem herausgelöst, das Problem der Fremdheit der Menschen zueinander.
(Pester Lloyd)
Die alte Herrenhofallee
In diesem letzten Roman, den uns der schwedische Dichter hinterlassen hat, behandelt er noch einmal das Problem der Ehe, dem er in der „Komödie der Ehe“ mit feinem psychologischen Tasten nachgegangen war. Die Umwelt verlegt Geijerstam in eine längst vergangene Zeit, „noch ehe der Ton der Dampfpfeife das Rauschen der schwedischen Wälder durchschnitt“. Durch die alte Herrenhofallee ist einst eine Vorfahrin der Heldin seiner Erzählung ihrem Gatten davongefahren, und dieser hat alsbald, um jede äußere Spur, die ihn an seinen Unglückstag erinnert, zu vertilgen, die alte Allee umhauen lassen — ein Symbol, das gleichsam mit vererbender Schicksalskraft im Leben der Heldin wiederkehrt. Es ist ein abgeklärtes Können, eine von einer ausgeprägten dichterischen Persönlichkeit geführte Objektivität, die in allem Geschehenen die seelischen Fäden erkennt und auflegt.
(Breslauer Morgenzeitung)
Werke von Gustaf af Geijerstam
Das Haupt der Medusa.Roman. 6. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
Das Buch vom Brüderchen.Roman einer Ehe. 18. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
Die Komödie der Ehe.Roman. 8. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
Nils Tufvesson und seine Mutter.Bauernroman. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
Frauenmacht.Roman. 8. Tausend. Geh. M 3.—, geb. M 4.—
Wald und See.Novellen. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
Kampf der Seelen.Roman. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
Alte Briefe.Novellen. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
Karin Brandts Traum.Roman. 8. Tausend. Geh. M 3.— geb. M 4.—
Gefährliche Mächte.Roman. 6. Tausend. Geh. M 4.—, geb. M 5.—
Die Brüder Mörk.Roman. 4. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
Das ewige Rätsel.Roman. 6. Tausend. Geh. M 3.—, geb. M 4.—
Die alte Herrenhofallee.Roman. 6. Tausend. Geh. M 3.50, geb. M 4.50
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig