Alter sibirischer Starost.Alter sibirischer Starost.
Alter sibirischer Starost.
Alter sibirischer Starost.
Im nächsten Augenblick befand sich ganz Bolschaja unter den Waffen; die Bauern versammelten sich am Flußufer, mit Äxten, Stricken, Eimern, Spaten ausgerüstet. Hinter den doppelten Scheiben des Fensters beobachteten wir mit Neugier dieses Leben und Treiben; die Anwesenheit der Eimer befremdete uns. Der Starost befehligte die Arbeit, und bald begriffen wir seinen Plan und damit auch den Zweck der Eimer. Man wollte das gesunkene Boot heben, von dem eine Spitze aus dem Wasser hervorragte. Einige Männer stiegen in den Fluß und befestigten die Stricke an dem Fahrzeug; auf diese Weise konnte es mit leichter Mühe in die Nähe des Ufers gezogen werden. Dann entleerte man es mittels der Eimer und machte es wieder flott. Die Arbeit dauerte einige Stunden. Rasch wurden dann Bretter und Balken nach dem Ufer gebracht und mit der außerordentlichen Geschicklichkeit, welche die Muschiks für Holzarbeiten besitzen, bauten sie in kurzer Zeit eine feste Landungsbrücke.
Als alles fertig war, kamen wir eiligst heran. Das Automobil wurde angeseilt und auf das Fährboot gezogen, und dieses begann seine Fahrt, von den im Wasser stehenden Männern geschleppt, gestoßen und begleitet. Das an ihm befestigte Seil war auf das andere Ufer geworfen worden, wo eine große Schar von Männern daran zog. Auch die Ausschiffung ging leicht vonstatten. Das Automobil wurde wie ein Triumphwagen von der von Wasser und Schweiß triefenden, aber mit ihrem Erfolge zufriedenen Menge an das Ufer gezogen.
Nachdem wir unter die wackeren Bewohner von Bolschaja eine entsprechende Belohnung verteilt hatten, setzten wir um die Mittagszeit unsere Reise unter herzlichen Abschiedsrufen fort. Die Straße wurde etwas besser. Streckenweise begannen wir auf Steppengebiet zu stoßen. Um 3 Uhr kam Atschinsk in Sicht, das 200 Kilometer von Krasnojarsk entfernt ist.
Atschinsk taucht vor dem, der von Osten kommt, mit einem Male auf und bietet einen ungemein malerischen Anblick dar. Man fährt durch Birkenwäldchen, dann senkt sich die Straße, und in der Vertiefung entdeckt man zwischen Bäumen die Kuppeln und Glockentürme der Stadt, bald darauf auch die kleinen weißen Häuser, deren Dächer gegen einen großen Fluß, den Tschulym, geneigt sind, jenseits dessen sich eine unermeßliche Ebene im Dunste der Ferne verliert.
Vor den Toren von Atschinsk hatte sich eine Anzahl Bürger versammelt, die uns ankommen sehen wollten. Sie hatten ihre Tarantasse unter die Bäume gestellt und erwarteten uns am Rande des Weges. Ein Polizeioffizier machte uns Zeichen durch Wehen mit dem Taschentuche. Als er uns halten sah und fürchtete, daß er sich uns mit Worten nicht verständlich machen könne, begann er eifrig mit ausdrucksvollen Gesten das Essen, Trinken und Schlafen anzudeuten, mit einer Mimik, die die Umstehenden sehr zu belustigen schien. Wir baten den Offizier, auf dem Automobil Platz zu nehmen und uns an den Ort zu geleiten, wo man essen, trinken und schlafen könne. Er schien sehr erstaunt zu sein, als er sich russisch anreden hörte.
Das Gerücht von unserer Ankunft hatte sich in ganz Atschinsk verbreitet. Die Leute standen am Fenster und liefen aus den Läden. Wir kamen an niedrigen Gebäuden vorüber, die mit festen Gittern versehen und von Schildwachen umgeben waren; es waren die bekannten Gefängnisse. Auch hierher war die große Nachricht gedrungen. Die Sträflinge erwarteten uns. Hinter den Fenstern drängten sich die geschorenen Köpfe einer über dem andern, so daß sie wie übereinandergeschichtet erschienen; Dutzende von Händen umklammerten krampfhaft die Eisenstäbe, und auch im Halbdunkel des Innern war ein Aufleuchten gieriger Blicke zu bemerken.
Wir wohnten in einer elenden Herberge aus Holz, die sich den stolzen Titel „Hotel“ gab. Es war der beste Gasthof der Stadt. In der Nacht kamen Männer und klopften an die Tür. Niemand öffnete, weil sich in der Herberge niemand befand als wir. Ein junger Mann war spät abends von draußen gekommen, um uns das Essen zu bringen, und war dann wieder gegangen. Die Männer schrien, sie wollten ins Haus, und sie kamen auch hinein; beim Scheine einer Kerze drangen sie in unsere Zimmer und verlangten gebieterisch eine Schlafstätte. Es waren Kaufleute, in Pelze gehüllt und mit Straßenschmutz bespritzt, die von irgendwoher gekommen waren.
Es gelang uns aber, sie zu bewegen, ihr Heil anderwärts zu versuchen, und lärmend entfernten sie sich wieder. Um 3 Uhr früh erschien der junge Mensch mit einem angezündeten Samowar für unseren Tee. Dieser Gasthof — wenn ich mich recht entsinne, nannte er sich „Hôtel d’Europe“ — hatte sicherlich die sonderbarste Art der Bedienung, eine Bedienung, die außerhalb des Hauses wohnte. Wenn uns die Polizei nicht hergeführt hätte, so hätten wir glauben können, wir seien in einen Hinterhalt geraten.
Um 3½ Uhr brachen wir schon wieder auf. Unsere Morgentoilette war bald gemacht, da wir in den kleinen Städten angekleidet zu Bett gehen mußten; in unsere Pelze gehüllt, lagen wir in den leeren Bettstellen, mit einem Sacke als Kopfkissen. Wir beeilten uns, dieWaschungen auf dem Hofe unter großem Wasserverbrauch vorzunehmen, zur Überraschung der Sibirier, die sich unter einer Art Tropfenzähler zu waschen pflegen, der in einer halben Stunde ein Glas Wasser von sich gibt. Die Muschiks nehmen, wenn sie einmal Lust haben sich zu waschen, den Mund voll Wasser, um es zu erwärmen, spucken dann ein wenig davon auf die hohle Hand und reinigen sich damit das Gesicht.
Der Polizeikommandant, bei dem wir am Abend den Tee eingenommen hatten, hatte uns mitgeteilt, daß außer den Räubern, an die wir uns schon gewöhnt hatten, noch eine andere Gefahr zu fürchten sei: die Sümpfe. Wir müßten sorgfältig achtgeben, um die richtige Straße nach Mariinsk einzuschlagen, wo wir am nächsten Tage, 9. Juli, übernachten wollten, und uns nicht in den mäandrischen Sümpfen der Ebene des Tschulym zu verirren. Um dieses Unglück zu verhüten, bot er einen Führer in der Person seines Leutnants an, der uns auf die richtige Straße geleiten sollte. In der Tat fuhr der Leutnant am Morgen in einem von zwei prächtigen Pferden gezogenen Tarantaß uns voraus.
Der Himmel war regnerisch; es war kalt. Unterhalb der Stadt setzten wir über den Tschulym auf einem der üblichen sibirischen Fährboote, das aus einer von zwei Booten getragenen Plattform bestand und einem breiten Flosse glich, und fuhren dann, belästigt von wahren Wolken von Insekten, über die niedrige, grasbewachsene Ebene, die hier und da mit Binsen bedeckt ist, den Anzeichen sumpfigen Bodens. Der Weg war morastig, aber nicht schwierig. Es behagte uns nicht, langsam hinter dem Tarantaß herzufahren, und wir standen schon im Begriff, ihn zu überholen und uns von dem bärtigen Offizier, unserem Führer, zu verabschieden, fest davon überzeugt, den Sümpfen des Tschulym sehr wohl die Stirn bieten zu können, nachdem wir über die des Chara-gol triumphiert hatten, als das Automobil plötzlich anhielt und sich nach einer Seite neigte.
Wir waren steckengeblieben. Die Sümpfe des Tschulym forderten gebieterisch unsere Aufmerksamkeit.
Das gelehrte Tomsk.
Auf dem Wege nach Mariinsk. — Im Morast. — Unsere Freunde die Muschiks. — In Rucken und Stößen. — Entmutigung. — Das „große Tier“. — Im Gebüsch steckengeblieben. — Tomsk. — Nach Kolywan. — Der Ob und seine Sümpfe. — Kolywan.
Das Automobil war mit den Hinterrädern eingesunken. Ettore, der am Steuer saß, bemerkte bedauernd:
„Wenn ich rascher gefahren wäre, wäre ich vielleicht darüber hinweggekommen.“
Überzeugt, daß die Schuld auf seiner Seite läge, wollte er sich ohne Hilfe befreien, indem er den Motor in heftigen Rucken antrieb, bald vorwärts, bald rückwärts. Aber die Räder glitten aus, drehten sich in den Löchern und wühlten sich tiefer ein, so daß uns, die wir zu schieben versuchten, Spritzer schwarzen Schlammes auf den Rücken und ins Gesicht flogen.
„Es ist nutzlos! Wir brauchen Hilfe!“ rief Don Scipione.
Der Offizier ließ den Tarantaß wenden und jagte der Stadt zu, um Leute und Balken zu suchen. Eine Stunde später langten Gendarmen an, Soldaten, alle bewaffnet, die von einer Wachabteilung hergeschickt worden waren; sie wurden von einem hünenhaften, bärtigen Sergeanten befehligt, der aussah wie ein napoleonischer Sappeur. Es kamen auch Schiffer vom Tschulym mit Brettern. Es bedurfte zweiervoller Stunden, bis die schwere Arbeit glückte, die Maschine zu heben und aus dem Sumpfe zu ziehen.
Wieviel verschiedene Menschen hatten wir schon an dem Automobil arbeiten, es schieben, ziehen, heben gesehen! Wieviel Sprachen hatten dieselben Gedanken im Keuchen der Anstrengung ausgedrückt, wieviel Wille hatte sich mit dem unseren vereinigt! Die Schar jener russischen Soldaten mit den charakteristischen großen Kapuzenmänteln, die wie Mönchskutten aussahen, mit den gewohnten flachen Mützen, mit den hohen, plumpen Stiefeln, den Patronentaschen am Gürtel, den langen Säbel an der Seite, alle rings um die große, graue Maschine beschäftigt, gehorsam dem Befehle des riesenhaften Sergeanten, gegen die Speichen der Räder gestemmt: diese Schar machte einen kriegerischen Eindruck. Man konnte an eine Schlachtepisode, an die Rettung einer seltsamen Kanone denken!
Wir durchquerten hierauf die weite Ebene ohne weitere Zwischenfälle und gelangten in endloses, wellenförmiges Gelände mit bald kahlen, bald waldigen Hügeln. Je weiter wir kamen, desto weniger fahrbar war die Straße: überall gab es Löcher, Furchen, Gräben. Wir wählten daher bald den einen, bald den andern Feldweg, infolge der beständigen Selbsttäuschung des Menschen, daß die Stelle, an der er sich nicht befindet, die bessere sei. Wahrscheinlich entspringt der Neid aus dieser Täuschung. Mitunter verloren wir den Weg und mußten bis zum letzten Dorfe zurückkehren, um ihn wiederzufinden. Immer hielt uns die Hoffnung aufrecht, im nächsten Augenblick auf jene vortreffliche Heerstraße zu gelangen, die sämtliche Landkarten uns verhießen und die zu suchen wir herb enttäuscht 2000 Kilometer durchfuhren. Je länger wir sie vergebens suchten, für desto näher hielten wir sie; in der großen Entfernung, die wir zurückgelegt hatten, ohne auf sie zu stoßen, erblickten wir einen unwiderleglichen Beweis für ihre unmittelbare Nähe.
Eine Panne auf einer sibirischen Straße.Eine Panne auf einer sibirischen Straße.
Eine Panne auf einer sibirischen Straße.
Eine Panne auf einer sibirischen Straße.
Die Landschaft nahm den Charakter ermüdender Eintönigkeit an, überall Steppe mit Gruppen von Blumen und Birken undkleinen Sümpfen. An einer blumenreichen Stelle mußten wir anhalten, um eine Pneumatik zu wechseln, wobei sich einige Muschiks um uns versammelten, die mit ihren Telegas vorüberkamen. Sie wohnten der Verrichtung mit großem Interesse bei, befühlten den Gummi, sprachen untereinander, befühlten ihn wieder; das Aufblasen mittels der Luftpumpe wurde von ihnen mit überzeugten Ausdrücken gebilligt. Aus ihren Gesprächen entnahmen wir, daß sie sich eine sehr sonderbare Ansicht über das Automobil gebildet hatten, die gleich nach der der Chinesen von dem eingeschlossenen Pferde kam, eine Ansicht, die, wie wir später unter andern Umständen fanden, eine der natürlichsten für die Denkungsweise des Muschiks war. Das, was ihm am Automobil am meisten auffiel, war die Dicke der Gummireifen, und in diesen Reifen erblickte er das ganze Geheimnis der Bewegung. In den Gummireifen liegt die Kraft, die Geschwindigkeit; sie enthalten die wunderbare Maschine, die die Räder dreht; deswegen sind diese auch so groß. Der Chinese ist grüblerisch, der Slawe schlicht; der eine hat zuviel Einbildungskraft, der andere zuwenig. Der Muschik ist dem Wahrscheinlichen stets näher; man könnte sagen, er sieht die Dynamomaschine im Geiste vor sich.
Um 5 Uhr abends setzten wir auf einer Fähre vor der Stadt Mariinsk über den Kija. Trotzdem er den Anschein eines großen Flusses hat, ist der Kija doch nur ein Nebenfluß des Tschet, eines Nebenflusses des Tschulym. Es handelte sich im Grunde um einen seichten Fluß; er führte aber Hochwasser und erschien uns ziemlich ansehnlich. Das andere Ufer stand voller Menschen. An ihrer Spitze befand sich der Pristaf, ein schöner, alter, mit dem Andreaskreuze geschmückter Mann, der uns feierlich begrüßte. Nachdem er uns willkommen geheißen hatte, bat er uns, langsam, sehr langsam in den Ort einzufahren. Fürst Borghese beruhigte ihn, es würden keine Unglücksfälle vorkommen.
„Nein, nein, ich weiß es“, erwiderte der Pristaf mit höflichem Lächeln. „Ich ersuche Sie nur, langsam zu fahren, damit die meinerLeitung unterstehenden Bürger Sie mit voller Bequemlichkeit bewundern können.“
Diese Bitte des väterlichen Gebieters der Stadt war völlig zwecklos, da die Straßen von Mariinsk sich in einem solchen Zustande befanden, daß sie uns von selbst zu prozessionsmäßig feierlichem Fahren nötigten. Die Menge umringte uns, die Knaben natürlich in erster Reihe, und zwischen den Fußgängern bewegten sich Reiter und Droschken mit dem aristokratischeren Teile der Bevölkerung. Wir wurden in ein „Semstwoskaja Dom“ geleitet, nachdem wir von früh 3½ Uhr bis abends ½6 Uhr, das heißt in vierzehn Stunden ununterbrochener Fahrt, 160 Kilometer zurückgelegt hatten, also nicht ganz 11½ Kilometer in der Stunde. Am nächsten Tage sollten wir allerdings noch weniger leisten.
Wir erhoben uns um 2 Uhr und brachen um 3 Uhr auf. Wir hatten die Stunde der Abfahrt immer früher angesetzt, um von der Klarheit der Nacht — denn das schöne Wetter zur Nachtzeit hielt an — und von der beständigen Helligkeit Nutzen zu ziehen. An diesem Tage, 10. Juli, wollten wir gegen 1 oder 2 Uhr das 237 Kilometer entfernte Tomsk erreichen und uns auf diese Weise fast einen halben Tag Ruhe gönnen. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt, und seine Beschlüsse sind bekanntlich unwiderruflich.
Die Straße war anfangs gut, zuletzt aber schauderhaft. Ich habe schon gesagt, daß man sich keine Vorstellung machen kann, wie schlecht die sibirische Straße bei Regenwetter ist, und doch gibt es vom Standpunkt des Automobilsports aus noch etwas Schlimmeres: das ist die sibirische Straße nach dem Regen. Wenn es regnet, ist der Morast tief, aber weich und flüssig, das Fahren gleicht dem Passieren einer Furt; die Räder gleiten, rutschen, schleifen über den Boden hin, sie tun alles eher als sich drehen, aber sie bleiben nicht stecken. Hat es jedoch aufgehört zu regnen und die Straße beginnt zu trocknen, so wird der Morast klebrig, das Automobil versinkt und kann nicht weiter. Einsinken ist viel schlimmer als Gleiten.Wir teilten die unangenehmen Zwischenfälle unserer Reise nach ihrer Schwere in vier Grade: Umstürzen, Einsinken, im Sande stecken bleiben, Gleiten. Das Einsinken war ein Unfall zweiten Grades. Auf der Straße nach Tomsk hatten wir nicht weniger als achtmal diesen Unfall zweiten Grades zu bestehen.
Sibirische Dorfbewohner helfen bei der Hebung des Automobils.Sibirische Dorfbewohner helfen bei der Hebung des Automobils.
Sibirische Dorfbewohner helfen bei der Hebung des Automobils.
Sibirische Dorfbewohner helfen bei der Hebung des Automobils.
Die Sonne war daran schuld. Buchstäblich. Am Morgen begrüßten wir mit Freuden einen Umschwung der Witterung. Der Wind drehte sich, die am Horizont aufsteigenden Wolken zerrissen und trieben in weißen Fetzen über den klaren Himmel fort, und die Sonne ging auf, strahlend, rein, warm. Schon gegen 5 Uhr begann der Morast bedrohlich zu werden. Wir merkten, wie die Maschine sich anstrengen mußte, um nicht steckenzubleiben, und wußten kein anderes Mittel dagegen als die Schnelligkeit. Wir fuhren in Sprüngen. Aber innerhalb der Dörfer war es wegen der Hindernisse, der quer über den Weg gelegten Bretter und der frei umherlaufenden Tiere, unmöglich, rasch zu fahren. Wo der Morast am tiefsten war, sanken wir mit erbitternder Regelmäßigkeit ein und blieben zwischen den Häusern lange Zeit im Schmutze stecken.
In Tomsk erzählte ein glaubwürdiger Beamter Pierre Leroy-Beaulieu, dem bekannten Erforscher des zeitgenössischen Rußlands, von einem Ochsen, der zur Zeit der Schneeschmelze vor der Tür seines Stalles im Morast ertrunken sei. Ich führe einen so hervorragenden Gewährsmann an, weil die Tatsache unglaublich erscheinen könnte, während sie im Grunde keine Übertreibung enthält. Es genügt, durch Sibirien zu reisen, um sich davon zu überzeugen. Im Schmutze der Dörfer ertrank auch unsere Geduld. Die Bewohner legen, um sich einen Weg zu schaffen, Bretterstege längs der Häuser an, und um den Wagen das Durchkommen zu erleichtern, werfen sie Reisigbündel, Baumzweige und Stroh auf den Morast. Aber diese Füllmittel gaben unter der Last des Automobils nach. Auf manchen Straßen, zweifellos den besten, sind Baumstämme querüber gelegt, so daß eine Art einfacher Pflasterung entsteht, die wir mitunter auch fern von den Dörfern antrafen; unsere arme Maschine schnellte dann in einem fort in die Höhe und drohte jeden Augenblick in Stücke zu brechen. Aber in den Dörfern fanden wir zum Glück dicht neben dem Übel auch das Heilmittel: die Bewohner erwiesen sich stets freundlich und hilfsbereit.
Wären die Muschiks wirklich jene Räuber, als die sie geschildert werden, so hätten sie uns hundertmal in voller Seelenruhe ausplündern können. Wir haben in ihnen Freunde gefunden voller Gutmütigkeit, Selbstverleugnung, Schlichtheit, Klugheit und Unermüdlichkeit. Die Frauen glaubten freilich, unser Wagen werde vom Teufel in Bewegung gesetzt, und machten wiederholt mit dem Daumen das Zeichen des Kreuzes; aber die Männer zeigten keine Furcht vor ihm, namentlich wenn der Teufel ihnen Gelegenheit bot, einige Rubel zu verdienen.
Mit Hilfe der Bauern stellten wir gewaltige Hebel her, die die Maschine in die Höhe hoben und gestatteten, Steine oder Holzklötze unter die Räder zu legen. Diese Rettungsarbeiten dauerten immer einige Stunden.
Fern von den Dörfern, ohne Hoffnung auf rasche Hilfe, war unsere Lage beängstigend. Das Automobil war dermaßen mit Schmutzbedeckt, daß der Zutritt der Luft zum Kühlapparat unmöglich geworden war. Der zu angestrengter Tätigkeit genötigte Motor erwärmte sich und strömte eine glühende Hitze aus; er drohte zu schmelzen. Mitten zwischen soviel Schlamm fanden wir kein Wasser, um den Kühlapparat neu zu füllen, der aus dem Verschlußventil unter Pfeifen Dampfwolken ausstieß. Wenn dieses Ventil geöffnet war, in der Hoffnung, das die Zylinder umspülende Wasser abzukühlen, so stieg eine hohe Säule kochenden, dampfenden Wassers daraus empor, ein wahrer Geiser, der uns zurückfahren ließ und uns zwang, das Gesicht mit dem Arme zu bedecken. Wir mußten mit dem Spaten im Morast herumgraben, Löcher aushöhlen und warten, bis sich etwas erdiges Wasser angesammelt hatte, um ein Glas auf einmal schöpfen zu können. Und mit diesem zähen Schlamme füllten wir den Kühlapparat von neuem. Der Benzinverbrauch war riesig; der Akzelerator mußte unausgesetzt in Tätigkeit sein; wir waren stets von Wolken weißen, scharfriechenden Dampfes umgeben.
Hebung der „Itala“ aus dem Schmutze eines Dorfes.Hebung der „Itala“ aus dem Schmutze eines Dorfes.
Hebung der „Itala“ aus dem Schmutze eines Dorfes.
Hebung der „Itala“ aus dem Schmutze eines Dorfes.
Über die Gräben ging es im Fluge hinüber, da wir den mit Morast bedeckten Grund fürchteten. Dann richtete sich das Automobilmit den Vorderrädern in die Höhe und schlug heftig auf den Boden auf. Bei einem dieser Sätze hörten wir einen metallischen Klang, als ob etwas zerspränge. Der hintere Teil des Automobils war mit solcher Kraft auf den Boden aufgestoßen, daß der Benzinbehälter auf der Erde schleifte und die eiserne Hülle abgestreift wurde wie eine Orangenschale. Stundenlang schwiegen wir. Ein erster trüber Schatten des Zweifels legte sich über unsere Siegeshoffnungen.
Bisher hatten wir uns der Täuschung hingegeben, jede sich darbietende Schwierigkeit, jede Gefahr sei die letzte. Wir glaubten, die Reise bei dem schlechten Ende begonnen zu haben, und daß, je weiter wir vorwärtskämen, alles desto leichter gehen müsse. Jetzt bemerkten wir aber, daß sich die Hindernisse steigerten. Noch nie hatten wir eine so schlechte Straße angetroffen, und wir befanden uns noch kaum in der Mitte Sibiriens! Jeden Tag arbeiteten wir, ohne uns Ruhe zu gönnen, sechzehn, achtzehn Stunden unermüdlich, um über diese niederträchtigen Strecken hinwegzukommen. Würde aber das Automobil solchen Anstrengungen gewachsen sein, für die es nicht geschaffen war? Die Maschine selbst war ja noch unversehrt, aber die Karosserie war bei den Stößen und Rucken aus den Fugen gegangen, der Zusammenhang ihrer Teile war gelockert, sie schwankte hin und her, und wir fühlten unter unseren Füßen das Auseinanderweichen der Bretter. Die Behälter drohten von ihren Plätzen herabzufallen. Ich fragte den Fürsten schließlich:
„Kann das noch lange so fortgehen?“
„Nein“, entgegnete er.
„Wie lange kann das Auto noch Widerstand leisten?“
„Höchstens 500 Kilometer.“
In diesen Augenblicken der Entmutigung waren wir überzeugt, daß uns noch Tausende von Kilometern ebenso schlechter Wege erwarteten. Es war also zu Ende!
Wir überwachten den Gang des Automobils mit einer Furcht, die nicht frei von Zuneigung war. Wir hatten schließlich diese Maschine,die uns trug, liebgewonnen. Wir betrachteten sie beinahe wie ein lebendes Wesen, nannten sie „unser großes Tier“, riefen ihr „Bravo!“ zu, wenn sie die Schwierigkeiten überwand, bedauerten sie, wenn sie im Straßenschmutze steckenblieb, spornten sie bei steilen Aufstiegen mit ermunternden Worten an, als sei sie ein Pferd. Seit einem Monat hatten wir sie keinen Augenblick verlassen, wir lebten mit ihr, und unsere Ermüdung schien auch die ihre zu sein. Ein solch inniges Verhältnis hatte uns mit ihrer Natur bekannt gemacht, daß alle Geräusche und Töne ihrer Bewegungen uns vertraut waren und wir die geringste Unregelmäßigkeit sofort wahrnahmen. Wir horchten stets mit größter Angst auf das Schnaufen des Motors und spähten nach dem gefürchteten ersten Anzeichen einer Erkrankung.
In der Nähe von Tomsk eingesunken.In der Nähe von Tomsk eingesunken.
In der Nähe von Tomsk eingesunken.
In der Nähe von Tomsk eingesunken.
Um 7 Uhr abends trafen wir auf eine kurze Strecke guten Weges und gaben die Hoffnung nicht auf, Tomsk zu erreichen. Die Stadt war noch 54 Kilometer entfernt. Um 9, um 10 Uhr konnten wir uns in einem ihrer großen Hotels befinden. Da kam ein kleiner Sumpf auf dem Grunde eines breiten Grabens in Sicht. KeineMöglichkeit, ihn zu umgehen. Rechts und links dichter Wald von Birken und Tannen — ein versprengtes Stück Taiga. Der Fürst stieg ab, um das Gelände zu prüfen, watete in den Sumpf hinein und fühlte, wie seine Füße im Moraste versanken. Es gab kein anderes Mittel als Eile.
Das Automobil fuhr zurück, nahm einen Anlauf, schoß in den Graben hinein, den Morast mit seinen Vorderrädern zerteilend, und stürmte mit einem furchtbaren Katzensprunge weiter. Schon glaubten wir die Gefahr vorüber, als wir uns festgehalten fühlten, während der Motor fortarbeitete. Die Maschine war nicht ganz hinübergekommen, die Hinterräder waren bis an die Ränder eingesunken. Sie saßen fest und unbeweglich wie in einem Schraubstock, und weder der Anstrengung des Motors noch der Kraft unserer Arme gelang es, sie von der Stelle zu rücken.
In der Entfernung von drei Kilometern mußte ein Dorf liegen: Turuntajewa. Don Scipione ließ uns zur Bewachung des Automobils zurück und machte sich auf den Weg, um Hilfe zu holen. Nach einer Stunde sahen wir ihn zurückkommen in Begleitung von zehn Muschiks, die vier Pferde führten. Die Bauern hatten ihm auf seine ersten Bitten nicht folgen wollen, bis er dem Starosten seine wundertätigen Schriftstücke gezeigt hatte.
Die Pferde wurden angespannt und zogen, und die Männer zogen mit, aber alle ihre Anstrengungen waren vergebens. Die Muschiks zerstreuten sich daher im Walde, um Bäume zu fällen und sie zu Hebeln zurechtzuhauen.
Gegen 9½ Uhr machten wir uns von neuem an die Arbeit. Mit Hilfe der Hebel war die Befreiung leicht. In wenig mehr als einer halben Stunde konnten wir unsere Fahrt fortsetzen, um in dem Dorfe Turuntajewa im Hause einer alten Bäuerin zu übernachten.
Heute hatten wir den ersten Monat unserer Reise vollendet!
Früh 3 Uhr verließen wir Turuntajewa. Nach Zurücklegung von etwa 20 Kilometern gelangten wir in ein großes Dorf: Chaldejewa.Bevor wir es durchfuhren, wollten wir seinen Straßenschmutz kennen lernen und fanden ihn unpassierbar. Wir klopften an die Isba des Starosten und baten ihn, uns fünf starke Zugpferde zu beschaffen.
In diesem Augenblick kam ein von zwei Pferden gezogener Tarantaß an, und heraus stieg ein Polizeioffizier, der uns diensteifrig fragte, was vorgefallen sei.
„Nach Tomsk,“ erklärte er uns, „ist das Gerücht gedrungen, Sie seien angefallen worden. Der Gouverneur, Oberst Baron Nolcken, hat mir heute nacht den Befehl erteilt, unverzüglich aufzubrechen, um Sie zu suchen. Und so bin ich denn bis hierher gelangt, nachdem ich von Dorf zu Dorf gefahren bin. Ich freue mich, daß Sie gesund und wohlbehalten sind.“
Zwei Stunden später erblickten wir die goldfunkelnden Kuppeln von Tomsk, die sich von dem dunkeln Hintergrund der Wälder abhoben.
Der Chef der Polizei, umgeben von seinen Offizieren, erwartete uns am Eingange von Tomsk und begrüßte uns herzlich.
„Der Gouverneur erwartet Sie“, sagte er dann. „Er wünscht Sie sofort zu sprechen.“
„In diesem Aufzuge?“ fragten wir und deuteten auf unsere beschmutzten Kleider und unser staubiges Gesicht.
„So, gerade so! Er will Sie bewillkommnen. Ich geleite Sie zu ihm. Folgen Sie mir nur.“
Er stieg in eine glänzende Equipage, die von einem hünenhaften Kutscher in blauem Armiak gelenkt wurde. Die Fahrt war entsetzlich. Die Straßen der geistigen Hauptstadt Sibiriens gaben denen von Chaldejewa nichts nach, und wir waren mehrmals in Gefahr, schmählich Schiffbruch zu leiden. Aber trotz der Niederträchtigkeit seiner Straßen erschien uns Tomsk bewundernswert, elegant, großartig, vielleicht infolge des Kontrastes zur Taiga. Wir fuhren über Märkte, die gedrängt voll Menschen standen, genau wie in Irkutsk. Jeweiter wir aber in das Innere der Stadt kamen, desto mehr verlor sie die charakteristischen Eigentümlichkeiten sibirischer Städte, sie verfeinerte sich; wir erblickten moderne Paläste, große Magazine, Speicher und dann ein prunkvolles Hotel, wo wir später Wohnung nahmen.
Tomsk unterschied sich unserer Meinung nach nicht von den vielen großen Städten des europäischen Rußlands, sein Leben und Treiben konnte den Anschein erwecken, als befänden wir uns in einer der Vorstädte von Petersburg. Da fuhren die raschen Droschken mit dem schmalen Sitze ohne Lehne, auf dem man sich, wenn man zu zweien fährt, gegenseitig mit den Armen umfassen muß, Lastwagen, Zweiräder. Auf den Trottoirs spazierten — ein unerwarteter Anblick — elegante sibirische Damen in Sommertoiletten. Tomsk schien uns in der Tat den Ruf der aristokratischen Stadt, den es genießt, zu verdienen.
Die sibirische Eisenbahn hat die Stadt weit abseits liegen lassen und sie vielleicht in ihrem Handel geschädigt. Aber Tomsk führt ein gewählteres Leben: es ist der große geistige Mittelpunkt Sibiriens. Die ganze wißbegierige Jugend strömt in seine schöne Universität, die nach Art der amerikanischen Universitäten isoliert in einem malerischen Birkenhain liegt, zwischen dessen Zweigen man die kleinen zierlichen Häuschen der Studenten erblickt. Aus ganz Sibirien strömt die Jugend auch in die moderne Technische Schule wie nach der großartigen Bibliothek. Man nennt die Stadt „das gelehrte Tomsk“.
Der Gouverneur, Oberst Baron Nolcken, empfing uns mit freundschaftlicher Gesprächigkeit und lud uns zum Frühstück und zum Diner ein. Wir brachten viele Stunden in seinem Palaste zu, in dessen Salons die großen Kamine wie mitten im Winter geheizt waren, und wo wir das wohlige Gefühl hatten, von der rauhen Einsamkeit auszuruhen. Der Oberst zeigte uns seine Bären im Garten; sein Sohn führte uns herrliche Pferde vor, prächtige Exemplare des heimischen, in Rußland berühmten Schlages, und die Baronin ließ uns ihre Damhirsche bewundern, die ihr das Futter aus der Hand nahmen. Am Torgitter des Palastes standen die Bittsteller: bei einem Streiteverwundete Zigeuner, Muschiks, die Beschwerden vorzubringen hatten, eine zerlumpte, schweigende, geduldige, hartnäckige Schar, die nichts von einer Unterredung mit den Beamten und Offizieren wissen, die den Gouverneur selbst sprechen wollte und auf die Audienzstunde wartete. Der Gouverneur näherte sich dem Tore, hörte die Klagen an und schickte die Leute mit den Worten nach Hause: „Wir wollen sehen!“ Und die Menge zerstreute sich, zufrieden, mit „ihm“ gesprochen zu haben.
Das Fährboot mit Pferdebetrieb.Das Fährboot mit Pferdebetrieb.
Das Fährboot mit Pferdebetrieb.
Das Fährboot mit Pferdebetrieb.
Baron von Nolcken, ein sympathischer Vertreter des Adels, wenn ich nicht irre, von deutscher Herkunft, hat das Gesicht voller Narben. Sie sind ein Andenken an die Revolutionäre. Vor zwei Jahren, als er Vizegouverneur von Warschau war, erhielt er Drohbriefe und fand auf seinem Schreibtische sein von den Revolutionären beschlossenes Todesurteil. Eines Abends wurde er überfallen, verwundet und als tot auf der Straße liegengelassen; er hatte 42 Wunden erhalten. Er wurde aber geheilt und dann zum Gouverneur der Provinz Tomsk ernannt, die so groß ist wie das Deutsche Reich. Die Gouverneurstellungen in Sibirien, die einstmals als Strafposten betrachtet wurden,sind jetzt am meisten umworben und werden als Belohnung verliehen. Gefahrvoll sind auch sie — der Gouverneur von Omsk wurde im vorigen Jahre mitten auf der Straße samt zwei ihn begleitenden Gendarmen ermordet —, aber immerhin weniger gefährlich als die im europäischen Rußland, wo ein wahres Blutbad unter den Gouverneuren angerichtet wird. Auch der Polizeikommandant von Tomsk hat den Nihilismus kennen gelernt; auch er kam aus Warschau.
„Es würde sich in Warschau ganz nett leben lassen,“ sagte er, als er uns seine Erlebnisse erzählte, „aber in diesem schönen Orte wird zuviel geschossen!“
In geringer Entfernung vom Sitze des Gouverneurs liegen die Ruinen eines großen Palastes. Es war ein prächtiges Theater, das ein reicher Kaufmann geschenkt hatte und das vor zwei Jahren von meuternden Soldaten in Brand gesteckt worden war. Da sie den Gouverneurspalast nicht zerstören konnten, zündeten sie wenigstens einen der Nachbarpaläste an. Es gab nach dem Kriege eine Zeit, in der das ganze Reich in Stücke zu gehen drohte. Die Welt vernahm nur ein undeutliches und unvollständiges Echo dieses Beginns der Katastrophe. In Irkutsk, in Krasnojarsk, in Tomsk, in Omsk stellten Telegraph und Post die Tätigkeit ein, die Züge mußten von treugebliebenen Soldaten geführt werden, aus der Mandschurei zurückkehrende Truppen trugen die Schrecken des Krieges auf den Boden des eigenen Vaterlandes, der Handel stockte, alle Geschäfte und Häuser waren verbarrikadiert, die großen Städte schienen ausgestorben zu sein. Und all dies geschah dort draußen nicht, um einem Ideal zum Siege zu verhelfen, um einen politischen Kampf auszufechten. Das war keine Revolution; es war eine weit weniger verwickelte Erscheinung: Hunderttausende von Menschen hatten im Kriege das Morden und Verwüsten gelernt und befolgten auch nach den Schlachten die erhaltenen Lehren!
Als wir spät abends ins Hotel zurückkehrten, begegneten wir auf der öden, vom rosigen Schimmer der sibirischen Nacht beleuchteten StraßeRegimentern, die aus dem Lager kamen. Die Soldaten sangen auf dem Marsche ihre Lieder und in den Gewehrläufen trugen sie Sträußchen von Feldblumen.
Am folgenden Tage, 12. Juli, früh 4 Uhr verließen wir Tomsk bei einem Wetter, das immer noch drohend aussah. Vor uns her galoppierten zwei Kosaken, die den Befehl erhalten hatten, uns den Weg aus der Stadt zu zeigen. Eine Anzahl von Velozipedisten und Motorradfahrern gab uns das Geleit.
Wir hofften nicht mehr auf das Wiedererscheinen der Sonne. Nach dem 960 Kilometer entfernten Omsk zu gelangen, gleichviel wann, erschien uns als ein unerreichbarer Wunsch. Oberst von Nolcken hatte uns ein Verzeichnis der bedeutendsten Dörfer auf unserer Route, in denen wir haltmachen könnten, zusammenstellen lassen. Wir rechneten auf eine Tagesleistung von nicht mehr als 150 Kilometern. Wer hätte glauben können, daß die Sonne uns begleiten würde, anfangs schüchtern, bleich, zögernd und, kaum zum Vorschein gekommen, sich sofort wieder versteckend. Und daß diese Sonne immer kühner, wärmer werden würde, bis sie endlich mit sengender Glut auf uns niederbrannte, den Schmutz trocknete, die Straße hart machte und uns sichere Bahn für unsere Fahrt verschaffte? Nein, wir rechneten auf Regen!
Unser seltsamer Aufzug verließ die Stadt und hielt wenige Minuten später auf dem rechten Ufer des Tom, der, breit wie ein Meeresarm, im Nebel dahinströmte.
„Regardez ici, Messieurs!“ befahl uns eine gebieterische Stimme.
Es war ein Photograph von dem Aussehen eines Kavallerieoffiziers a. D., der, unterstützt von seiner Frau, einen riesigen photographischen Apparat aufgestellt hatte und uns nun seit wer weiß wieviel Uhr hier auflauerte. Wir sahen hin. Er wechselte seine Platte und befahl uns:
„Ne bougez pas!“
„Wir haben aber Eile!“
„Moi aussi!“
Wir setzten über den Tom auf dem sonderbarsten Fährboot der Welt. Es wurde von vier Pferden in Bewegung gesetzt, die auf dem Vorderteile des Bootes in einem Göpelwerk im Kreise herumtrabten und dadurch einfach gebaute, klappernde und träge Schaufelräder in Bewegung setzten.
Um 5 Uhr verließen wir das seltsame Pferdeschiff und fuhren längs des linken Ufers des Tom südwärts. Nach einer Fahrt von etwa 20 Kilometern in einer hügeligen Landschaft gelangten wir in einen prächtigen Wald von riesigen Tannen, dem letzten Ausläufer der dunkeln, überwältigenden, düsteren Taiga. Es drängte uns, sie zu verlassen.
Sibirische Fährleute.Sibirische Fährleute.
Sibirische Fährleute.
Sibirische Fährleute.
Nach vier Stunden wurden die Baumgruppen immer seltener. Über die grüne Monotonie der Steppe verstreut, erinnerten sie an die letzten Wölkchen eines vorübergezogenen Gewitters. Das Gelände glättete sich und wurde beinahe zur Einöde. Wir stießen auf wenige Dörfer und gelangten dann auf das rechte Ufer des Ob, der noch breiter, langsamer, träger und melancholischer ist als der Tom. Das andere Ufer ist so weit entfernt, daß es nur als ein grüner Streifen am Horizont erscheint. Das Trajektboot, das ebenfalls von Pferden getrieben wird, brauchte lange Zeit zur Überfahrt. Die Fährleute teilten uns mit, daß wir 30 Kilometer weit Sumpfboden antreffen würden.
Wir haben diese gefährliche Sumpfgegend in eigenartiger, außergewöhnlicher Weise passiert.
Am Ufer erwartete uns der Pristaf von Kolywan, der auf Befehl des Gouverneurs uns den Weg zeigen sollte. Ein mit drei Pferden bespannter Tarantaß, der von einem kirgisischen Kutscher gelenkt wurde, wartete auf ihn. Er sprang hinein und ersuchte uns, ihm mit der größten Aufmerksamkeit zu folgen.
Auf dem Wege zwischen Tomsk und Kolywan eingesunken.Auf dem Wege zwischen Tomsk und Kolywan eingesunken.
Auf dem Wege zwischen Tomsk und Kolywan eingesunken.
Auf dem Wege zwischen Tomsk und Kolywan eingesunken.
„Wenn Sie auch nur einen Schritt vom richtigen Wege abweichen,“ erklärte er, „sinken Sie ein. Ich versichere Sie, Sie werden rasch geführt werden.“
In der Tat peitschte der Kirgise unbarmherzig auf die Pferde; die Troika rasselte in wilder Karriere davon und wir hinterher. Es war ein verzweifeltes Jagen durch hohe Gräser und Stauden, zwischen denen breite Flächen stehenden Wassers erglänzten. Nach fünf Minuten erblickten wir einen Seitenpfad, der uns viel besser vorkam als der, auf dem wir fuhren; wir bogen in ihn ein — und versanken!
Zum Glück waren wir noch in der Nähe des Ob. Als jeder Versuch, die Maschine mit Hilfe der drei Pferde freizubekommen,gescheitert war, wandte sich der Kirgise kurz entschlossen dem Flusse zu und rief Leute herbei. Es kamen Muschiks und Bootsleute, und in weniger als einer halben Stunde waren wir aus dem Sumpfe wieder heraus.
„Ich habe es Ihnen ja gesagt, Knjäs Borghese,“ rief der Pristaf; „Sie sollten mir folgen!“
Von diesem Augenblicke an folgten wir ihm mit der Treue eines Hundes. Die Troika beschrieb phantastische Bogen; zeitweise verschwand sie hinter Strauchwerk, Büscheln von Sumpfpflanzen, Zwergweiden und Binsen; dann leitete uns der Klang der Glocke an der bogenen Duga, unter der das Mittelpferd seinen Hals im Laufe vorstreckte; auch leiteten uns die Peitsche und die Pelzmütze des Kirgisen, die wir über den Pflanzen dahinschwebend erblickten. Oft spritzte das Wasser unter den Rädern empor, und wir fühlten, wie das Automobil leicht einsank; aber die Geschwindigkeit rettete uns. Dies rasende Dahinstürmen hatte etwas Romantisches an sich. Wir empfanden das Vergnügen einer Jagd.
Alle zehn Kilometer fand die Troika frische Pferde und einen neuen Kutscher vor. Der Wechsel vollzog sich mit Blitzesschnelle; wir brauchten fast nicht zu warten. Wir setzten auf einer alten, aus den Fugen gegangenen Barke über einen kleinen Fluß und mußten im Verein mit dem Pristaf und den Muschiks hart arbeiten, um den Landungssteg, der unter der Last des Automobils zusammenzubrechen drohte, zu verstärken. Jenseits begann das Gelände wellig zu werden. Das Sumpfgebiet war zu Ende. Gegen 7 Uhr sahen wir spitze Glockentürme über die flache Linie des Horizonts emporragen. Eine halbe Stunde später trafen wir in Kolywan ein.
Die Bevölkerung erwartete uns wie in Mariinsk. Sie hatte den Ort zu Fuß, zu Pferde und in Telegas verlassen. Auch der Polizeimeister war erschienen und stand allein in der Mitte eines Kreises, den man aus Respekt freigelassen hatte. Er hatte uns kaum gesehen, als er auch schon auf uns zuschritt, um uns offiziell anzureden. Aberunvermutet wurde unser feierlicher Einzug durch einen einzigartigen Zwischenfall gestört.
Hunderte von Rindern kehrten vom Felde nach ihren Ställen zurück mit der Geschwindigkeit von Tieren, die nach Hause wollen, als ...
Aber es ist besser, ich erwähne erst die Gewohnheit der sibirischen Rinder, die die beste soziale Erziehung verrät. Die Weiden in Sibirien gehören fast alle der Gemeinde, sie sind Kollektiveigentum. Am Morgen öffnen die Bewohner die Ställe, und die Rinder wandern vor das Dorf, um gemeinsam das Gemeindegras abzuweiden; abends kehrt die Herde in geschlossenem Zuge nach dem Orte zurück, wie es Kinder tun, wenn sie aus der Schule kommen. Sobald die Herde in der Stadt ist, trennt sich jedes Rind von seinen Gefährten und geht von selbst nach Hause; es findet seinen Stall offen und geht hinein; die Herde wird immer kleiner, bis nur noch ein einziges Rind übrigbleibt, das letzte, das im letzten Hause verschwindet.
Wir langten in Kolywan gerade während der abendlichen Heimkehr der Rinder des Ortes an. Sie scheuten vor dem Automobil, stürmten in den Ort hinein und kamen zu gleicher Zeit mit uns in die Hauptstraße. Die Bewohner flüchteten und der Polizeimeister verschwand, wobei ihm die Hälfte seiner Begrüßungsrede im Halse steckenblieb. Wir fanden uns in eine große Staubwolke eingehüllt, umringt von einem Walde von Hörnern, inmitten von Getrappel, Gebrüll und Geschrei. Wir hätten glauben können, im Zentrum eines gar seltsamen Stiergefechtes zu sein. Endlich gelangten wir mit diesem Gefolge nach dem Gemeindehaus.
Nach kurzer Zeit erschien der Polizeimeister wieder und konnte den Rest der so unglücklich unterbrochenen Begrüßungsansprache an den Mann bringen. Sodann schilderte er uns die Notlage Kolywans.
„Eine Stadt, mit der es zu Ende geht!“ sagte er. „Sie war reich, und jetzt ist sie arm; sie war bevölkert, und jetzt steht sie öde.“
„Und was ist schuld daran?“
„Die Eisenbahn. Kolywan ist nördlich von der Eisenbahn liegengeblieben und daher verlassen worden. Alles wandert nach Nowi-Nikolajewsk aus, das die Handelstätigkeit von Kolywan und von Tomsk an sich zieht — eine große Stadt, die in einigen Jahren sogar schöner als Tomsk sein wird. Sie hat bereits 20 000 Einwohner!“
Die Städte schießen nicht nur in Amerika wie Pilze empor; auch Sibirien hat viele Beispiele dieser Art aufzuweisen!
Eine Frau von energischem Wesen und umfangreichen Körperformen sorgte für unser leibliches Wohl.
„Ich habe mir gedacht, Sie werden Hunger haben. Ich habe daher das Essen bereiten lassen. Es wird gleich fertig sein. Es gibt Schtschi, Koteletts, gebratene Hühner, Weißbrot, Bier, Tee ...“
O Kolywan, du Stadt der köstlichen Genüsse ...!
In der Steppe.
Die Steppe. — Das Telegraphenamt in Kainsk. — Die Bremse brennt. — Omsk. — Das Erwachen Sibiriens. — Müdigkeit. — Nochmals die Steppe. — Ein Steppenbrand. — Ischim.
Das Automobil hatte in Kolywan seinen täglichen Bedarf an Benzin und Fett vorgefunden, wie dies an allen Haltepunkten bis zur Beendigung unserer Reise der Fall war. Wir füllten daher die Behälter niemals vollständig, um das Gewicht der Maschine nicht über Gebühr zu erhöhen, sondern führten bei der Abfahrt nur so viel bei uns, daß es für 700-800 Kilometer reichte.
Am 13. Juli früh 4 Uhr rollten wir in der Richtung auf Kainsk dahin, das 340 Kilometer von Kolywan entfernt ist. Der Himmel war bedeckt und drohte wieder mit Regen. Eine Stunde nach der Abfahrt begann es auch wolkenbruchartig zu regnen; es war aber nur ein kurzes Bad. Um 7 Uhr hatte ein frischer Ostwind bereits die Wolken zerstreut, und die Sonne strahlte vom heitersten Himmel, den es in der Welt geben kann.
Die Straße würde in Europa nicht einmal den Namen eines Feldweges verdient haben; sie war aber fest, eben und gleichmäßig, und wir fanden sie wunderbar, trotz der Sümpfe, die sich zu beiden Seiten hinzogen und die von sehr hohem, dichtem Pflanzenwuchsbedeckt waren. Scharen von Vögeln erhoben sich aus ihnen; weiße Reiher, Bekassinen, Wasserhühner mit plumpem Fluge und wahre Wolken von Krähen mit weißer Brust, die bisweilen, überholt von der Schnelligkeit des Automobils, es wie toll umflatterten, schließlich dagegen anstießen und in todähnlicher Erstarrung niederfielen. Eine Menge Schmetterlinge blieb am Kühler hängen, der davon bedeckt war wie der Kasten eines Sammlers.
Wir waren glücklich, nach so langer Zeit wieder den Genuß voller Fahrt kosten zu können. Mit der Uhr in der Hand zählten wir die Werstpfähle, die rasch an uns vorüberglitten; an manchen Strecken kamen wir bis auf 60 Kilometer in der Stunde! Aber wir wurden durch eine Unzahl von winzigen Brücken aufgehalten, die schon von fern sichtbar waren, weil die Holzbrüstungen mit weißen, schwarzen und roten Streifen bemalt waren und mitunter den Eindruck machten, als ständen unbewegliche Gruppen von Menschen mitten in den Feldern. Sie waren so kurz, daß, wenn die Vorderräder die Ausgangsrampe hinabfuhren, die Hinterräder sich noch auf der Eingangsrampe befanden, und oft kam es vor, daß das Automobil in dieser Stellung mit dem Motorgehäuse auf die Dielung aufstieß, „auf den Bauch schlug“, wie wir sagten. Um dies zu verhindern, mußten wir die Brücken mit großer Vorsicht passieren.
Durch die wenigen Dörfer, die wir antrafen, fuhren wir mit großer Geschwindigkeit. Es war ein Feiertag. Wir begegneten Prozessionen von Muschiks. Ihnen voran schritten die Popen, mit dem Chormantel bekleidet, auf dem Kopfe die Mitra, die in ihrer Form an die russische Kaiserkrone erinnert; hinterher die Frauen, den Kopf verhüllt mit roten Tüchern, in kurzen Männerjacken und hohen Männerstiefeln. Die Prozessionen nahmen die ganze Breite der Straße ein und schritten langsam in Unordnung dahin, Kreuze und Heiligenbilder tragend, singend und betend.
Um die heilige Handlung nicht zu stören, hielten wir; aber unsere Vorsicht war unnütz. Die Gebete und Gesänge verstummten, dieFrommen mit Einschluß der Popen vergaßen für einen Augenblick den lieben Gott, um uns verzückt in voller Muße zu betrachten; alle Heiligenbilder wandten sich nach unserer Seite und zeigten uns die schwarzen goldumrahmten Gesichter byzantinischer Heiliger. Erst nach einem Weilchen setzte sich die Prozession wieder in Bewegung; die Gesänge ertönten lauter und feuriger, um Vergebung für die Unterbrechung zu erlangen. Zweifellos hatte das Automobil ihrer Andacht großen Schaden zugefügt. Die Küster in den Kirchen, die festlich läuteten, wie es der Brauch will, wenn die Prozession ihren Umzug hält, hörten auf zu läuten und verfolgten, aus der erhöhten Lage der Glockentürme Vorteil ziehend, mit den Blicken das Automobil, das in der Ferne in seiner Staubwolke, die sich auf die Felder niedersenkte, dahinjagte.