Achilles. Wer? Ich?
Penthesilea.Mich dünkt, du lächelst, Lieber.
Achilles.—Deiner Schöne.Ich war zerstreut. Vergieb. Ich dachte eben,Ob du mir aus dem Monde niederstiegst?—
Penthesilea. (nach einer Pause)So oft, nach jährlichen Berechnungen,Die Königinn, was ihr der Tod entrafft,Dem Staat ersetzen will, ruft sie die blüh'ndstenDer Fraun, von allen Enden ihres Reichs,Nach Themiscyra hin, und fleht, im TempelDer Artemis, auf ihre jungen SchößeDen Seegen keuscher Marsbefruchtung nieder.Ein solches Fest heißt, still und weich gefeiert,Der blühnden Jungfraun Fest, wir warten stets,Bis—wenn das Schneegewand zerhaucht, der FrühlingDen Kuß drückt auf den Busen der Natur.Diana's heil'ge Priesterinn verfügt,Auf dies Gesuch, sich in den Tempel Mars,Und trägt, am Altar hingestreckt, dem GottDen Wunsch der weisen Völkermutter vor.Der Gott dann, wenn er sie erhören will,—Denn oft verweigert er's, die Berge geben,Die schneeigen, der Nahrung nicht zu viel—Der Gott zeigt uns, durch seine Priesterinn,Ein Volk an, keusch und herrlich, das, statt seiner,Als Stellvertreter, uns erscheinen soll.Des Volkes Nam' und Wohnsitz ausgesprochen,Ergeht ein Jubel nun durch Stadt und Land.Marsbräute werden sie begrüßt, die Jungfraun,Beschenkt mit Waffen, von der Mütter Hand,Mit Pfeil' und Dolch, und allen Gliedern fliegt,Von ems'gen Händen jauchzend rings bedient,Das erzene Gewand der Hochzeit an.Der frohe Tag der Reise wird bestimmt,Gedämpfter Tuben Klang ertönt, es schwingtDie Schaar der Mädchen flüsternd sich zu Pferd,Und still und heimlich, wie auf woll'nen Sohlen,Geht's in der Nächte Glanz, durch Thal und Wald,Zum Lager fern der Auserwählten hin.Das Land erreicht, ruhn wir, an seiner Pforte,Uns noch zwei Tage, Thier' und Menschen, aus:Und wie die feuerrothe Windsbraut brechenWir plötzlich in den Wald der Männer ein,Und wehn die Reifsten derer, die da fallen,Wie Saamen, wenn die Wipfel sich zerschlagen,In unsre heimathlichen Fluren hin.Hier pflegen wir, im Tempel Diana's, ihrer,Durch heil'ger Feste Reih'n, von denen mirBekannt nichts, als der Name: Rosenfest—Und denen sich, bei Todesstrafe, niemand,Als nur die Schaar der Bräute nahen darf—Bis uns die Saat selbst blühend aufgegangen;Beschenken sie, wie Könige zusammt;Und schicken sie, am Fest der reifen Mütter,Auf stolzen Prachtgeschirren wieder heim.Dies Fest dann freilich ist das frohste nicht,Neridensohn—denn viele Thränen fließen,Und manches Herz, von düsterm Gram ergriffen,Begreift nicht, wie die große TanaïsIn jedem ersten Wort zu preisen sei.—Was träumst du?
Achilles. Ich?
Penthesilea. Du.
Achilles (zerstreut) Geliebte, mehr,Als ich in Worte eben fassen kann.—Und auch mich denkst du also zu entlassen?
Penthesilea.Ich weiß nicht, Lieber. Frag' mich nicht.—
Achilles, Traun! Seltsam.— (er versinkt in Nachdenken) —Doch einen Aufschluß noch gewährst du mir.
Penthesilea.Sehr gern, mein Freund. Sei dreist.
Achilles. Wie fass' ich es,Daß du gerade mich so heiß verfolgtest?Es schien, ich sei bekannt dir.
Penthesilea. Allerdings.
Achilles.Wodurch?
Penthesilea.Willst du der Thörigten nicht lächeln?
Achilles. (lächelnd)Ich weiß nicht, sag' ich jetzt, wie du.
Penthesilea. Nun denn,Du sollst's erfahren.—Sieh ich hatte schonDas heitre Fest der Rosen zwanzigmalErlebt und drei, und immer nur von fern,Wo aus dem Eichenwald der Tempel ragt,Den frohen Jubelschall gehört, als Ares,Bei der Otrere, meiner Mutter, Tod,Zu seiner Braut mich auserkohr. Denn diePrinzessinnen, aus meinem Königshaus,Sie mischen nie aus eigener Bewegung,Sich in der blüh'nden Jungfraun Fest; der Gott,Begehrt er ihrer, ruft sie würdig auf.Durch seiner großen Oberpriest'rinn Mund.Die Mutter lag, die bleiche, scheidende,Mir in den Armen eben, als die SendungDes Mars mir feierlich im Pallast erschien,Und mich berief, nach Troja aufzubrechen,Um ihn von dort bekränzt heranzuführen.Es traf sich, daß kein Stellvertreter jeErnannt noch ward, willkommener den Bräuten,Als die Helenenstämme, die sich dort umkämpften.An allen Ecken hörte man erjauchzend,Auf allen Märkten, hohe Lieder schallen,Die des Hero'nkriegs Thaten feierten:Vom Paris-Apfel, dem Helenenraub,Von den geschwaderführenden Atriden,Vom Streit um Briseïs, der Schiffe Brand,Auch von Patroklus Tod, und welche PrachtDu des Triumphes rächend ihm gefeiert;Und jedem großen Auftritt dieser Zeit.—In Thränen schwamm ich, jammervolle, hörteMit halbem Ohr nur, was die Botschaft mir,In der Otrere Todesstunde, brachte;"Laß mich dir bleiben, rief ich, meine Mutter,Dein Ansehn, brauch' es heut' zum Letztenmal,Und heiße diese Frauen wieder gehn."Doch sie, die würd'ge Königinn, die längstMich schon ins Feld gewünscht—denn ohne ErbenWar, wenn sie starb, der Thron und eines andernEhrgeitz'gen Nebenstammes Augenmerk—Sie sagte: "geh, mein süsses Kind! Mars ruft dich!Du wirst den Peleïden dir bekränzen:Werd' eine Mutter, stolz und froh, wie ichUnd drückte sanft die Hand mir, und verschied.
Prothoe.So nannte sie den Namen dir, Otrere?
Penthesilea.—Sie nannt' ihn, Prothoe, wie's einer MutterWohl im Vertrau'n zu ihrer Tochter ziemt.
Achilles.Warum? Weshalb? Verbeut dies das Gesetz?
Penthesilea.Es schickt sich nicht, daß eine Tochter MarsSich ihren Gegner sucht, den soll sie wählen,Den ihr der Gott im Kampf erscheinen läßt.Doch wohl ihr, zeigt die Strebende sich da,Wo ihr die Herrlichsten entgegenstehn.—Nicht, Prothoe?
Prothoe. So ist's.
Achilles. Nun—?
Penthesilea.—Lange weint' ich,Durch einen ganzen kummervollen Mond,An der Verblichnen Grab, die Krone selbst,Die herrenlos am Rande lag, nicht greifend,Bis mich zuletzt der wiederholte RufDes Volks, das den Pallast mir ungeduldig,Bereit zum Kriegeszug, umlagerte,Gewaltsam auf den Thron riß. Ich erschien,Wehmüthig strebender Gefühle voll,Im Tempel Mars, den Bogen gab man mir,Den klirrenden, des Amazonenreichs,Mir war, als ob die Mutter mich umschwebte,Da ich ihn griff, nichts schien mir heiliger,Als ihren letzten Willen zu erfüllen.Und da ich Blumen noch, die duftigsten,Auf ihren Sarkophag gestreut, brach ichJetzt mit dem Heer der Amazonen auf,Nach der Dardanerburg—Mars weniger,Dem großen Gott, der mich dahin gerufen,Als der Otrere Schatten, zu gefallen.
Achilles.Wehmuth um die Verblichne lähmte flüchtigDie Kraft, die deine junge Brust sonst ziert.
Penthesilea.Ich liebte sie.
Achilles. Nun? Hierauf?—
Penthesilea. In dem Maaße,Als ich mich dem Skamandros näherte,Und alle Thäler rings, die ich durchrauschte,Von dem Trojanerstreite wiederhallten,Schwand mir der Schmerz, und meiner Seele giengDie große Welt des heitern Krieges auf.Ich dachte so: wenn sie sich allzusammt,Die großen Augenblicke der Geschichte,Mir wiederholten, wenn die ganze SchaarDer Helden, die die hohen Lieder feiern,Herab mir aus den Sternen stieg', ich fändeDoch keinen Trefflichern, den ich mit RosenBekränzt', als ihn, den mir die Mutter ausersehn—Den Lieben, Wilden, Süßen, Schrecklichen.Den Überwinder Hektors! O Pelide!Mein ewiger Gedanke, wenn ich wachte,Mein ew'ger Traum warst du! Die ganze WeltLag wie ein ausgespanntes MusternetzVor mir; in jeder Masche, weit und groß,War deiner Thaten Eine eingeschürzt,Und in mein Herz, wie Seide weiß und rein,Mit Flammenfarben jede brannt' ich ein.Bald sah ich dich, wie du ihn niederschlugst,Vor Ilium, den flücht'gen Priamiden;Wie du, entflammt von hoher Siegerlust,Das Antlitz wandtest, während er die Scheitel,Die blutigen, auf nackter Erde schleifte;Wie Priam fleh'nd in deinem Zelt erschien—Und heiße Thränen weint' ich, wenn ich dachte,Daß ein Gefühl doch, Unerbittlicher,Den marmorharten Busen dir durchzuckt.
Achilles.Geliebte Königinn!
Penthesilea. Wie aber ward mir,O Freund, als ich dich selbst erblickte—!Als du mir im Skamandros-Thal erschienst,Von den Heroen deines Volks umringt,Ein Tagsstern unter bleichen Nachtgestirnen!So müßt' es mir gewesen sein, wenn erUnmittelbar, mit seinen weißen Rossen,Von dem Olymp herabgedonnert wäre,Mars selbst, der Kriegsgott, seine Braut zu grüßen!Geblendet stand ich, als du jetzt entwichen,Von der Erscheinung da—wie wenn zur NachtzeitDer Blitz vor einen Wandrer fällt, die PfortenElisiums, des glanzerfüllten, rasselnd,Vor einem Geist sich öffnen und verschließen.Im Augenblick, Pelid', errieth ich es,Von wo mir das Gefühl zum Busen rauschte;Der Gott der Liebe hatte mich ereilt.Doch von zwei Dingen schnell beschloß ich Eines,Dich zu gewinnen, oder umzukommen:Und jetzt ist mir das Süßere erreicht.—Was blickst du?
(Man hört ein Waffengeräusch in der Ferne)
Prothoe. (heimlich) Göttersohn! Ich bitte dich.Du mußt dich augenblicklich ihr erklären.
Penthesilea. (aufbrechend)Argiver nah'n. Ihr Fraun! Erhebt euch!
Achilles. (sie haltend) Ruhig!Es sind Gefangne, meine Königinn.
Penthesilea.Gefangene?
Prothoe. (heimlich zum Achilles)Es ist Ulyß, beim Styx!Die Deinen, heiß gedrängt von Meroe, weichen!
Achilles. (in den Bart murmelnd)Daß sie zu Felsen starrten!
Penthesilea. Sagt! Was giebt's?
Achilles. (mit erzwungener Heiterkeit)Du sollst den Gott der Erde mir gebähren!Prometheus soll von seinem Sitz erstehn,Und dem Geschlecht der Welt verkündigen:Hier ward ein Mensch, so hab' ich ihn gewollt!Doch nicht nach Temiscyra folg' ich dir,Vielmehr du, nach der blüh'nden Phtya, mir:Denn dort, wenn meines Volkes Krieg beschlossen,Führ' ich dich jauchzend hin, und setze dich,Ich Seeliger, auf meiner Väter Thron.
(Das Geräusch dauert fort)
Penthesilea.Wie? Was? Kein Wort begreif' ich—
Die Frauen. (Unruhig) All' ihr Götter!
Prothoe.Neridensohn! Willst du—?
Penthesilea. Was ist's? Was giebt's denn?
Achilles.Nichts, nichts, erschrick nicht, meine Königinn,Du siehst, es drängt die Zeit, wenn du nun hörst,Was über dich der Götter Schaar verhängt.Zwar durch die Macht der Liebe bin ich dein,Und ewig diese Banden trag' ich fort;Doch durch der Waffen Glück gehörst du mir;Bist mir zu Füssen, Treffliche, gesunken,Als wir im Kampf uns trafen, nicht ich dir.
Penthesilea. (sich aufraffend)Entsetzlicher!
Achilles. Ich bitte dich, Geliebte!Kronion selbst nicht ändert, was geschehn.Beherrsche dich, und höre, wie ein Felsen,Den Boten an, der dort, wenn ich nicht irre,Mit irgend einem Unheilswort mir naht.Denn dir, begreifst du wohl, dir bringt er nichts,Dein Schicksal ist auf ewig abgeschlossen;Gefangen bist du mir, ein HöllenhundBewacht dich minder grimmig, als ich dich.
Penthesilea.Ich die Gefangne dir?
Prothoe. So ist es Königinn!
Penthesilea. (die Hände aufhebend)Ihr ewigen Himmelsmächt'! Euch ruf' ich auf!
Sechzehnter Auftritt.
Ein Hauptmann (tritt auf) das Gefolge des Achilles (mit seiner Rüstung) Die Vorigen.
Achilles.Was bringst du mir?
Der Hauptmann. Entferne dich, Pelide!Das Schlachtglück lockt, das wetter-wendische,Die Amazonen siegreich wieder vor.Auf diesen Platz hier stürzen sie heran,Und ihre Loosung ist: Penthesilea!
Achilles. (steht auf und reißt sich die Kränze ab)Die Waffen mir herbei! Die Pferde vor!Mit meinem Wagen rädern will ich sie!
Penthesilea. (mit zitternder Lippe)Nein, sieh' den Schrecklichen! ist das derselbe—?
Achilles. (wild)Sind sie noch weit von hier?
Der Hauptmann. Hier in dem ThalErblickst du ihren goldnen Halbmond schon.
Achilles. (indem er sich rüstet)Bringt sie hinweg!
Ein Grieche. Wohin?
Achilles. Ins Griechenlager,In wenig Augenblicken folg' ich euch.
Der Grieche. (zu Penthesilea)Erhebe dich.
Prothoe. O meine Königinn!
Penthesilea. (ausser sich)Mir keinen Blitz, Zeus, sendest du herab!
Siebenzehnter Auftritt.
Ulysses und Diomedes (mit dem Heer) Die Vorigen.
Diomedes. (über die Bühne ziehend)Vom Platz hier fort, Doloperheld! Vom Platze!Den einz'gen Weg, der dir noch offen bleibt,Den schneiden dir die Frauen eben ab.Hinweg!(ab)
Ulysses. Schafft diese Kön'ginn fort, ihr Griechen.
Achilles. (zum Hauptmann)Alexis! Thu mir den Gefallen. Hilf ihr.
Der Grieche. (Zum Hauptmann)Sie regt sich nicht.
Achilles. (zu den Griechen, die ihn bedienen)Den Schild mir her! Den Spieß!(aufrufend, da sich die Königinn sträubt)Penthesilea!
Penthesilea. O Neridensohn!Du willst mir nicht nach Themiscyra folgen?Du willst mir nicht zu jenem Tempel folgen,Der aus den fernen Eichenwipfeln ragt?Komm' her, ich sagte dir noch Alles nicht—
Achilles. (nun völlig gerüstet, tritt vor sie und reichtihr die Hand)Nach Phtya, Kön'ginn.
Penthesilea. O!—Nach Themiscyra!O! Freund! Nach Themiscyra, sag' ich dir,Wo Dianas Tempel aus den Eichen ragt!Und wenn der Seel'gen Sitz in Phtya wäre,Doch, doch, o! Freund! nach Themiscyra noch,Wo Dianas Tempel aus den Wipfeln ragt!
Achilles. (indem er sie aufhebt)So mußt du mir vergeben, Theuerste;Ich bau' dir solchen Tempel bei mir auf.
Achtzehnter Auftritt.
Meroe, Asteria (mit dem) Heer der Amazonen (treten auf)Die Vorigen.
Meroe.Schlagt ihn zu Boden!
Achilles. (läßt die Königinn fahren und wendet sich)Reiten sie auf Stürmen?
Die Amazonen. (sich zwischen Penthesilea und Achilleseindrängend)Befreit die Königinn!
Achilles. Bei dieser Rechten, sag' ich! (er will die Königinn mit sich fortziehen)
Penthesilea. (ihn nach sich ziehend)Du folgst mir nicht? Folgst nicht?
Die Amazonen. (spannen ihre Bogen)
Ulysses. Fort! Rasender!Hier ist der Ort nicht mehr, zu trotzen.—Folgt!
(Er reißt den Achill hinweg. Alle ab)
Neunzehnter Auftritt.
Die Oberpriesterinn der Diana (mit ihren) Priesterinnen.Die Vorigen. (ohne die Griechen)
Die Amazonen.Triumph! Triumph! Triumph! Sie ist gerettet!
Penthesilea. (nach einer Pause)Verflucht sei dieser schändliche Triumph mir!Verflucht jedwede Zunge, die ihn feiert,Die Luft verflucht mir, die ihn weiter bringt!War ich, nach jeder würd'gen Rittersitte,Nicht durch das Glück der Schlacht ihm zugefallen?Wenn das Geschlecht der Menschen unter sich,Mit Wolf und Tieger nicht, im Streite liegt:Giebt's ein Gesetz, frag' ich, in solchem Kriege,Das den Gefangenen, der sich ergeben,Aus seines Siegers Banden lösen kann?—Neridensohn!
Die Amazonen. Ihr Götter, hört' ich recht?
Meroe.Ehrwürd'ge Priesterinn der Artemis,Trit näher vor, ich bitte dich—
Asteria. Sie zürnt,Weil wir sie aus der Knechtschaft Schmach befreiten!
Die Oberpriesterinn. (aus dem Gewühl der Frauen hervortretend)Nun denn, du setzest würdig, Königinn,Mit diesem Schmähungswort, muß ich gestehn,Den Thaten dieses Tags die Krone auf.Nicht bloß, daß du, die Sitte wenig achtend,Den Gegner dir im Feld der Schlacht gesucht,Nicht bloß, daß du, statt ihn in Staub zu werfen,Ihm selbst im Kampf erliegst, nicht bloß, daß duZum Lohn dafür ihn noch mit Rosen kränzest:Du zürnst auch deinem treuen Volke noch,Das deine Ketten bricht, du wendest dich,Und rufst den Überwinder dir zurück.Wohlan denn große Tochter Tanaïs,So bitt' ich—ein Versehn war's, weiter nichts—Für diese rasche That dich um Verzeihung.Das Blut, das sie gekostet, reut mich jetzt,Und die Gefangnen, eingebüßt um dich,Wünsch' ich von ganzer Seele mir zurück.Frei, in des Volkes Namen, sprech' ich dich;Du kannst den Fuß jetzt wenden, wie du willst,Kannst ihn mit flatterndem Gewand ereilen,Der dich in Fesseln schlug, und ihm den Riß,Da, wo wir sie zersprengten, überreichen:Also ja will's das heil'ge Kriegsgesetz!Uns aber, uns vergönnst du, Königinn,Den Krieg jetzt aufzugeben, und den FußNach Themiscyra wieder heimzusetzen;Wir mindestens, wir können jene Griechen,Die dort entfliehn, nicht bitten, stillzustehn,Nicht, so wie du, den Siegskranz in der Hand,Zu unsrer Füsse Staub sie nieder flehn.
(Pause)
Penthesilea. (wankend)Prothoe!
Prothoe. Mein Schwesterherz!
Penthesilea. Ich bitte dich, bleib bei mir.
Prothoe.Im Tod, du weißt—Was bebst du, meine Königinn?
Penthesilea.Nichts, es ist nichts, ich werde gleich mich sammeln.
Prothoe.Ein großer Schmerz traf dich. Begegn' ihm groß.
Penthesilea.Sie sind verloren?
Prothoe. Meine Königinn?
Penthesilea.Die ganze junge Prachtschaar, die wir fällten?—Sie sinds durch mich?
Prothoe. Beruh'ge dich. Du wirst sieIn einem andern Krieg' uns wiederschenken.
Penthesilea. (an ihren Busen)O niemals!
Prothoe. Meine Königinn?
Penthesilea. O niemals!Ich will in ew'ge Finsterniß mich bergen!
Zwanzigster Auftritt.
Ein Herold (tritt auf) Die Vorigen.
Meroe.Ein Herold naht dir, Königinn!
Asteria. Was willst du?
Penthesilea. (mit schwacher Freude)Von dem Peliden!—Ach, was werd' ich hören?Ach, Prothoe, heiß' ihn wieder gehn!
Prothoe. Was bringst du?
Der Herold.Mich sendet dir Achilleus, Königinn,Der schilfumkränzten Nereïde Sohn,Und läßt durch meinen Mund dir kündigen:Weil dich Gelüst' treibt, als Gefangnen ihnNach deinen Heimathsfluren abzuführen,Ihn aber auch hinwiederum Gelüst,Nach seinen heimathlichen Fluren dich:So fordert er zum Kampf, auf Tod und Leben,Noch einmal dich ins Feld hinaus, auf daßDas Schwerdt, des Schicksaals ehrne Zung' entscheide,In der gerechten Götter Angesicht,Wer würdig sei, du oder er, von beiden,Den Staub nach ihrem heiligen Beschluß,Zu seines Gegners Füßen aufzulecken.Hast du's auf solchen Strauß zu wagen Lust?
Penthesilea. (mit einerfliegenden Blässe)Laß dir vom Wetterstrahl die Zunge lösen,Verwünschter Redner, eh' du wieder sprichst!Hört' ich doch einen Sandblock just so gern,Endlosen Falls, bald hier, bald dort anschmetternd,Dem klafternhohen Felsenriff entpoltern.(zu Prothoe)—Du mußt es Wort für Wort mir wiederholen.
Prothoe. (zitternd)Der Sohn des Peleus, glaub' ich, schickt ihn her,Und fordert dich auf's Feld hinaus;Verweig're kurz dich ihm, und sage, nein.
Penthesilea.Es ist nicht möglich.
Prothoe. Meine Königinn?
Penthesilea.Der Sohn des Peleus fordert mich ins Feld?
Prothoe.Sag' ich dem Mann gleich: nein, und laß ihn gehn?
Penthesilea.Der Sohn des Peleus fordert mich ins Feld?
Prothoe.Zum Kampf ja, meine Herrscherinn, so sagt' ich.
Penthesilea.Der mich zu schwach weiß, sich mit ihm zu messen,Der ruft zum Kampf mich, Prothoe, ins Feld?Hier diese treue Brust, sie rührt ihn erst,Wenn sie sein scharfer Speer zerschmetterte?Was ich ihm zugeflüstert, hat sein OhrMit der Musik der Rede bloß getroffen?Des Tempels unter Wipfeln denkt er nicht,Ein steinern Bild hat meine Hand bekränzt?
Prothoe.Vergiß den Unempfindlichen.
Penthesilea. (glühend) Nun denn,So ward die Kraft mir jetzo, ihm zu stehen:So soll er in den Staub herab, und wennLapiten und Giganten ihn beschüzten!
Prothoe.Geliebte Königinn—
Meroe. Bedenkst du auch?
Penthesilea. (sie unterbrechend)Ihr sollt all' die Gefangnen wieder haben!
Der Herold.Du willst im Kampf dich—?
Penthesilea. Stellen will ich mich:Er soll im Angesicht der Götter mich,Die Furien auch ruf' ich herab, mich treffen!
(Der Donner rollt)
Die Oberpriesterinn.Wenn dich mein Wort gereitzt, Penthesilea,So wirst du mir den Schmerz nicht—
Penthesilea. (ihre Thränen unterdrückend)Laß, du Heilige!Du sollst mir nicht umsonst gesprochen haben.
Meroe.Ehrwürd'ge Priesterinn, dein Ansehen brauche.
Die Oberpriesterinn.Hörst du ihn, Königinn, der dir zürnt?
Penthesilea. Ihn ruf' ichMit allen seinen Donnern mir herab!
Erste Oberste. (in Bewegung,)Ihr Fürstinnen—
Die Zweite. Unmöglich ist's!
Die Dritte. Es kann nicht!
Penthesilea. (mit zuckender Wildheit)Herbei, Ananke, Führerinn der Hunde!
Die erste Oberste.Wir sind zerstreut, geschwächt—
Die Zweite. Wir sind ermüdet—
Penthesilea.Du, mit den Elephanten, Thyrroe!
Prothoe. Königinn!Willst du mit Hunden ihn und Elephanten—
Penthesilea.Ihr Sichelwagen, kommt, ihr blinkenden,Die ihr des Schlachtfelds Erndefest bestellt,Kommt, kommt in gräul'gen Schnitterreih'n herbei!Und ihr, die ihr der Menschen Saat zerdrescht,Daß Halm und Korn auf ewig untergehen,Ihr Reuterschaaren, stellt euch um mich her!Du ganzer Schreckenspomp des Kriegs, dich ruf' ich,Vernichtender, entsetzlicher, herbei!(Sie ergreift den großen Bogen aus einer Amazone Hand)
Amazonen. (Mit Meuten gekoppelter Hunde. SpäterhinElephanten, Feuerbrände, Sichelwagen u. s. w.)
Prothoe.Geliebte meiner Seele! Höre mich!
Penthesilea. (sich zu den Hunden wendend)Auf, Tigris, jetzt, dich brauch' ich! Auf Leäne!Auf, mit der Zoddelmähne du, Melampus!Auf, Akle, die den Fuchs erhascht, auf Sphynx,Und der die Hirschkuh übereilt, Alektor,Auf, Oxus, der den Eber niederreißt,Und der dem Leuen nicht erbebt, Hyrkaon!
(Der Donner rollt heftig)
Prothoe.O! Sie ist ausser sich—
Erste Oberste. Sie ist wahnsinnig!
Penthesilea. (kniet nieder, mit allen Zeichen des Wahnsinns,während die Hunde ein gräßliches Geheul anstimmen)Dich, Ares, ruf' ich jetzt, dich Schrecklichen.Dich, meines Hauses hohen Gründer, an!Oh!—deinen erznen Wagen mir herab:Wo du der Städte Mauern auch und ThoreZermalmst, Vertilgergott, gekeilt in Straßen,Der Menschen Reihen jetzt auch niedertritst;Oh!—deinen erznen Wagen mir herab:Daß ich den Fuß in seine Muschel setze,Die Zügel greife, durch die Felder rolle,Und wie ein Donnerkeil aus Wetterwolken,Auf dieses Griechen Scheitel niederfalle!(sie steht auf)
Die erste Oberste.Ihr Fürstinnen!
Die Zweite. Auf! Wehrt der Rasenden!
Prothoe.Hör, meine große Königinn, mich!
Penthesilea. (indem sie den Bogen spannt)Ei, lustig!So muß ich sehn, ob mir der Pfeil noch trifft.(sie legt auf Prothoe an)
Prothoe. (niederstürtzend)Ihr Himmlischen!
Eine Priesterinn. (indem sie sich rasch hinter dieKöniginn stellt)Achill ruft!
Eine Zweite. (eben so) Der Pelide!
Eine Dritte.Hier steht er hinter dir!
Penthesilea. (Wendet sich)Wo?
Die erste Priesterinn. War ers nicht?
Penthesilea.Nein, hier sind noch die Furien nicht versammelt.—Folg' mir, Ananke! Folgt, ihr Anderen!
(ab mit dem ganzen Kriegstroß unter heftigen Gewitterschlägen)
Meroe. (indem sie Prothoe aufhebt)Die Gräßliche!
Asteria. Fort! Eilt ihr nach, ihr Frauen!
Die Oberpriesterinn. (leichenbleich)Ihr Ew'gen! Was beschloßt ihr über uns?
(Alle ab)
Einundzwanzigster Auftritt.
Achilles, Diomedes (treten auf. Späterhin) Ulysses (zuletzt)Der Herold.
Achilles.Hör', thu mir den Gefallen, Diomed,Und sag' dem Sittenrichter nichts, dem grämlichenOdyß, von dem, was ich dir vertraue;Mir widersteht's, es macht mir Übelkeiten,Wenn ich den Zug um seine Lippe sehe.
Diomedes.Hast du den Herold ihr gesandt, Pelide?Ist's wahr? Ists wirklich?
Achilles. Ich will dir sagen, Freund:—Du aber, du erwiederst nichts, verstehst du?Gar nichts, kein Wort!—Dieß wunderbare Weib,Halb Furie, halb Grazie, sie liebt mich—Und allen Weibern Hellas ich zum Trotz,Beim Styx! beim ganzen Hades!—Ich sie auch.
Diomedes.Was!
Achilles.Ja. Doch eine Grille, die ihr heilig,Will, daß ich ihrem Schwerdt im Kampf erliege;Eh' nicht in Liebe kann sie mich umfangen.Nun schickt' ich—
Diomedes. Rasender!
Achilles. Er hört mich nicht!Was er im Weltkreis noch, so lang er lebt,Mit seinem blauen Auge nicht gesehn,Das kann er in Gedanken auch nicht fassen.
Diomedes.Du willst—? Nein, sprich! Du willst—?
Achilles. (nach einer Pause)—Was also will ich?Was ist's, daß ich so Ungeheures will?
Diomedes.Du hast sie in die Schranken bloß gefordert,Um ihr—?
Achilles. Beim wolkenrüttelnden Kroniden,Sie thut mir nichts, sag' ich! Eh' wird ihr Arm,Im Zweikampf gegen ihren Busen wüthen,Und rufen: "Sieg!" wenn er von Herzblut trieft,Als wider mich!—Auf einen Mond bloß will ich ihr,In dem, was sie begehrt, zu Willen sein;Auf einen oder zwei, mehr nicht: das wirdEuch ja den alten, meerzerfreßnen IstmusNicht gleich zusammenstürzen!—Frei bin ich dann,Wie ich aus ihrem eignen Munde weiß,Wie Wild auf Haiden wieder; und folgt sie mir,Beim Jupiter! ich wär' ein Seeliger,Könnt' ich auf meiner Väter Thron sie setzen.
Ulysses. (kommt)
Diomedes.Komm her, Ulyß, ich bitte dich.
Ulysses. Pelide!Du hast die Königinn ins Feld gerufen;Willst du, ermüdet, wie die Schaaren sind,Von Neu'm das oftmißlung'ne Wagstück wagen?
Diomedes.Nichts, Freund, von Wagestücken, nichts von Kämpfen;Er will sich bloß ihr zu gefangen geben.
Ulysses.Was?
Achilles. (das Blut schießt ihm ins Gesicht)Thu mir dein Gesicht weg, bitt' ich dich!
Ulysses.Er will—?
Diomedes. Du hörst's, ja! Ihr den Helm zerkeilenGleich einem Fechter, grimmig sehn, und wüthen;Dem Schild aufdonnern, daß die Funken sprühen,Und stumm sich, als ein Überwundener,Zu ihren kleinen Füssen niederlegen.
Ulysses.Ist dieser Mann bei Sinnen, Sohn des Peleus?Hast du gehört, was er—?
Achilles. (sich zurückhaltend)Ich bitte dich,Halt deine Oberlippe fest, Ulyß!Es steckt mich an, bei den gerechten Göttern,Und bis zur Faust gleich zuckt es mir herab.
Ulysses. (wild)Bei dem Kozyth, dem feurigen! Wissen will ich,Ob meine Ohren hören, oder nicht!Du wirst mir, Sohn des Tydeus, bitt' ich, jetzt,Mit einem Eid, daß ich auf's Reine komme,Bekräftigen, was ich dich fragen werde.Er will der Königinn sich gefangen geben?
Diomedes.Du hörst's!
Ulysses. Nach Themiscyra will er gehn?
Diomedes.So ist's.
Ulysses.Und unseren Helenenstreit,Vor der Dardanerburg, der Sinnentblößte,Den will er, wie ein Kinderspiel, weil sichWas anders Buntes zeigt, im Stiche lassen?
Diomedes.Beim Jupiter! Ich schwör's.
Ulysses. (indem er die Arme verschränkt)—Ich kann's nicht glauben.
Achilles.Er spricht von der Dardanerburg.
Ulysses. Was?
Achilles. Was?
Ulysses.Mich dünckt, du sagtest was.
Achilles. Ich?
Ulysses. Du!
Achilles. Ich sagte:Er spricht von der Dardanerburg.
Ulysses. Nun, ja!Wie ein Beseßner fragt' ich, ob der ganzeHelenenstreit, vor der Dardanerburg,Gleich einem Morgentraum, vergessen sei?
Achilles. (indem er ihm näher trit)Wenn die Dardanerburg, Laertiade,Versänke, du verstehst, so daß ein See,Ein bläulicher, an ihre Stelle träte;Wenn graue Fischer, bei dem Schein des Monds,Den Kahn an ihre Wetterhähne knüpften;Wenn im Pallast des Priamus ein HechtRegiert', ein Ottern- oder RatzenpaarIm Bette sich der Helena umarmten:So wär's für mich gerad' so viel, als jetzt.
Ulysses.Beim Styx! Es ist sein voller Ernst, Tydide!
Achilles.Beim Styx! Bei dem Lernäersumpf! Beim Hades!Der ganzen Oberwelt und Unterwelt,Und jedem dritten Ort: es ist mein Ernst;Ich will den Tempel der Diana sehn!
Ulysses. (halb ihm ins Ohr)Laß ihn nicht von der Stelle, Diomed,Wenn du so gut willst sein.
Diomedes. Wenn ich—ich glaube!Sei doch so gut, und leih' mir deine Arme.
Der Herold. (trit auf)
Achilles.Ha! Stellt sie sich? Was bringst du? Stellt sie sich?
Der Herold.Sie stellt sich, ja, Neridensohn, sie naht schon;Jedoch mit Hunden auch und Elephanten,Und einem ganzen wilden Reutertroß:Was die beim Zweikampf sollen, weiß ich nicht.
Achilles.Gut. Dem Gebrauch, war sie das schuldig. Folgt mir!—O sie ist listig, bei den ewigen Göttern!—Mit Hunden, sagst du?
Der Herold. Ja.
Achilles. Und Elephanten?
Der Herold.Daß es ein Schrecken ist, zu sehn, Pelide!Gält' es, die Atreïden anzugreifen,Im Lager vor der Trojerburg, sie könnteIn keiner finstrern Gräuelrüstung nahn.
Achilles. (in den Bart)Die fressen aus der Hand, wahrscheinlich—Folgt mir!—O! Die sind zahm, wie sie.
(ab mit dem Gefolge)
Diomedes. Der Rasende!
Ulysses.Laßt uns ihn knebeln, binden—hört ihr Griechen!
Diomedes.Hier nah'n die Amazonen schon—hinweg!
(Alle ab.)
Zweiundzwanzigster Auftritt.
Die Oberpriesterinn (bleich im Gesicht) mehrere anderePriesterinnen und Amazonen.
Die Oberpriesterinn.Schafft Stricke her, ihr Frauen!
Die erste Priesterinn. Hochwürdigste!
Die Oberpriesterinn.Reißt sie zu Boden nieder! Bindet sie!
Eine Amazone.Meinst du die Königinn?
Die Oberpriesterinn. Die Hündinn, mein' ich!—Der Menschen Hände bänd'gen sie nicht mehr.
Die Amazonen.Hochheil'ge Mutter! Du scheinst ausser dir.
Die Oberpriesterinn.Drei Jungfraun trat sie wüthend in den Staub,Die wir geschickt, sie aufzuhalten; Meroe,Weil sie auf Knien sich in den Weg ihr warf.Bei jedem süssen Namen sie beschwörend,Mit Hunden hat sie sie hinweggehetzt.Als ich von fern der Rasenden nur nahte,Gleich einen Stein, gebückt, mit beiden Händen,Den grimmerfüllten Blick auf mich gerichtet,Riß sie vom Boden auf—verloren war ich,Wenn ich im Haufen nicht des Volks verschwand.
Die erste Priesterinn.Es ist entsetzlich!
Die Zweite. Schrecklich ist's, ihr Fraun.
Die Oberpriesterinn.Jetzt unter ihren Hunden wüthet sie,Mit schaumbedeckter Lipp', und nennt sie Schwestern,Die heulenden, und der Mänade gleich,Mit ihrem Bogen durch die Felder tanzend,Hetzt sie die Meute, die mordathmende,Die sie umringt, das schönste Wild zu fangen,Das je die Erde, wie sie sagt, durchschweift.
Die Amazonen.Ihr Orkusgötter! Wie bestraft ihr sie!
Die Oberpriesterinn.Drum mit dem Strick, ihr Arestöchter, schleunigDort auf den Kreuzweg hin, legt Schlingen ihr,Bedeckt mit Sträuchern, vor der Füsse Tritt.Und reißt, wenn sich ihr Fuß darin verfängt,Dem wuthgetroffnen Hunde gleich, sie nieder:Daß wir sie binden, in die Heimath bringen,Und sehen, ob sie noch zu retten sei.
Das Heer der Amazonen. (außerhalb der Scene)Triumph! Triumph! Triumph! Achilleus stürzt!Gefangen ist der Held! Die Siegerinn,Mit Rosen wird sie seine Scheitel kränzen!
(Pause)
Die Oberpriesterinn. (mit freudebeklemmter Stimme)Hört' ich auch recht?
Die Priesterinnen und Amazonen.Ihr hochgeprießnen Götter!
Die Oberpriesterinn.War dieser Jubellaut der Freude nicht?
Die erste Priesterinn.Geschrei des Siegs, o du Hochheilige,Wie noch mein Ohr keins seeliger vernahm!
Die Oberpriesterinn.Wer schafft mir Kund', ihr Jungfraun?
Die zweite Priesterinn. Terpi! rasch!Sag' an, was du auf jenem Hügel siehst?
Eine Amazone. (die während dessen den Hügel erstiegenmit Entsetzen)Euch, ihr der Hölle grauenvolle Götter,Zu Zeugen ruf' ich nieder—was erblick' ich!
Die Oberpriesterinn.Nun denn—als ob sie die Medus' erblickte!
Die Priesterinnen.Was siehst du? Rede! Sprich!
Die Amazone. Penthesilea,Sie liegt, den grimm'gen Hunden beigesellt,Sie, die ein Menschenschooß gebahr, und reißt,—Die Glieder des Achills reißt sie in Stücken!
Die Oberpriesterinn.Entsetzen! o Entsetzen!
Alle. Fürchterlich!
Die Amazone.Hier kommt es, bleich, wie eine Leiche, schonDas Wort des Gräuel-Räthsels uns heran.(sie steigt vom Hügel herab)
Dreiundzwanzigster Auftritt.
Meroe (trit auf) Die Vorigen.
Meroe.O ihr, der Diana heil'ge Priesterinnen,Und ihr, Mars reine Töchter, hört mich an:Die afrikanische Gorgone bin ich,Und wie ihr steht, zu Steinen starr' ich euch.
Die Oberpriesterinn.Sprich, Gräßliche! was ist geschehn?
Meroe. Ihr wißt,Sie zog dem Jüngling, den sie liebt, entgegen,Sie, die fortan kein Name nennt—In der Verwirrung ihrer jungen Sinne,Den Wunsch, den glühenden, ihn zu besitzen,Mit allen Schrecknissen der Waffen rüstend.Von Hunden rings umheult und Elephanten,Kam sie daher, den Bogen in der Hand:Der Krieg, der unter Bürgern ras't, wenn er,Die blutumtriefte Graungestalt, einher,Mit weiten Schritten des Entsetzens geht,Die Fackel über blühnde Städte schwingend,Er sieht so wild und scheußlich nicht, als sie.Achilleus, der, wie man im Heer versichert,Sie blos ins Feld gerufen, um freiwilligIm Kampf, der junge Thor, ihr zu erliegen:Denn er auch, o wie mächtig sind die Götter!Er liebte sie, gerührt von ihrer Jugend,Zu Dianas Tempel folgen wollt' er ihr:Er naht sich ihr, voll süsser Ahndungen,Und läßt die Freunde hinter sich zurück.Doch jetzt, da sie mit solchen GräulnissenAuf ihn herangrollt, ihn, der nur zum ScheinMit einem Spieß sich arglos ausgerüstet:Stutzt er, und dreht den schlanken Hals, und horcht,Und eilt entsetzt, und stutzt, und eilet wieder:Gleich einem jungen Reh, das im GeklüfftFern das Gebrüll des grimmen Leu'n vernimmt.Er ruft: Odysseus! mit beklemmter Stimme,Und sieht sich schüchtern um, und ruft: Tydide!Und will zurück noch zu den Freunden fliehn;Und steht, von einer Schaar schon abgeschnitten,Und hebt die Händ' empor, und duckt und birgtIn eine Fichte sich, der Unglückseel'ge,Die schwer mit dunkeln Zweigen niederhangt.—Inzwischen schritt die Königinn heran,Die Doggen hinter ihr, Gebirg' und WaldHochher, gleich einem Jäger, überschauend;Und da er eben, die Gezweige öffnend,Zu ihren Füssen niedersinken will:Ha! sein Geweih verräth' den Hirsch, ruft sie,Und spannt mit Kraft der Rasenden, sogleichDen Bogen an, daß sich die Enden küssen,Und hebt den Bogen auf und zielt und schießt,Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals; er stürzt:Ein Siegsgeschrei schallt roh im Volk empor.Jetzt gleichwohl lebt der Aermste noch der Menschen,Den Pfeil, den weit vorragenden, im Nacken,Hebt er sich röchelnd auf, und überschlägt sich,Und hebt sich wiederum und will entfliehn;Doch, hetz! schon ruft sie: Tigris! hetz, Leäne!Hetz, Sphynx! Melampus! Dirke! Hetz, Hyrkaon!Und stürzt—stürzt mit der ganzen Meut', o Diana!Sich über ihn, und reißt—reißt ihn beim Helmbusch,Gleich einer Hündinn, Hunden beigesellt,Der greift die Brust ihm, dieser greift den Nacken,Daß von dem Fall der Boden bebt, ihn nieder!Er, in dem Purpur seines Bluts sich wälzend,Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:Penthesilea! meine Braut! was thust du?Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?Doch sie—die Löwinn hätte ihn gehört,Die hungrige, die wild nach Raub umher,Auf öden Schneegefilden heulend treibt;Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend,Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust,Sie und die Hunde, die wetteifernden,Oxus und Sphynx den Zahn in seine rechte,In seine linke sie; als ich erschien,Troff Blut von Mund und Händen ihr herab.(Pause voll Entsetzen)Vernahmt ihr mich, ihr Fraun, wohlan so redet,Und gebt ein Zeichen eures Lebens mir.
(Pause)
Die erste Priesterinn. (am Busen der Zweiten weinend)Solch eine Jungfrau, Hermia! So sittsam!In jeder Kunst der Hände so geschickt!So reizend, wenn sie tanzte, wenn sie sang!So voll Verstand und Würd' und Grazie!
Die Oberpriesterinn.O die gebahr Otrere nicht! Die GorgoHat im Pallast der Hauptstadt sie gezeugt!
Die erste Priesterinn. (fortfahrend)Sie war wie von der Nachtigall gebohren,Die um den Tempel der Diana wohnt.Gewiegt im Eichenwipfel saß sie da,Und flötete, und schmetterte, und flötete,Die stille Nacht durch, daß der Wandrer horchte,Und fern die Brust ihm von Gefühlen schwoll.Sie trat den Wurm nicht, den gesprenkelten,Der unter ihrer Füsse Sohle spielte,Den Pfeil, der eines Ebers Busen traf,Rief sie zurück, es hätte sie sein Auge,Im Tod gebrochen, ganz zerschmelzt in Reue,Auf Knieen vor ihn niederziehen können!
(Pause)
Meroe.Jetzt steht sie lautlos da, die Grauenvolle,Bei seiner Leich', umschnüffelt von der Meute,Und blicket starr, als wär's ein leeres Blatt,Den Bogen siegreich auf der Schulter tragend,In das Unendliche hinaus, und schweigt.Wir fragen mit gesträubten Haaren, sie,Was sie gethan? Sie schweigt. Ob sie uns kenne?Sie schweigt. Ob sie uns folgen will? Sie schweigt,Entsetzen griff mich, und ich floh zu euch.
Vierundzwanzigster Auftritt.
Penthesilea.—Die Leiche des Achills (mit einem rothenTeppich bedeckt).—Prothoe und Andere.
Die erste Amazone.Seht, seht, ihr Frau'n!—Da schreitet sie heran,Bekränzt mit Nesseln, die Entsetzliche,Dem dürren Reif des Hag'dorns eingewebt,An Lorbeer-Schmuckes statt, und folgt der Leiche,Die Gräßliche, den Bogen festlich schulternd,Als wärs der Todfeind, den sie überwunden!
Die zweite Priesterinn.O diese Händ'—!
Die erste Priesterinn.O wendet euch ihr Frauen!
Prothoe. (der Oberpriesterinn an den Busen sinkend)O meine Mutter!
Die Oberpriesterinn. (mit Entsetzen)Diana ruf' ich an:Ich bin an dieser Gräuelthat nicht schuldig!
Die erste Amazone.Sie stellt sich grade vor die Oberpriesterinn.
Die Zweite.Sie winket, schaut!
Die Oberpriesterinn.Hinweg, du Scheußliche!Du Hades-Bürgerinn! Hinweg, sag' ich!Nehmt diesen Schleier, nehmt, und deckt sie zu.(sie reißt sich den Schleier ab, und wirft ihn derKöniginn ins Gesicht)
Die erste Amazone.O die lebend'ge Leich'. Es rührt sie nicht—!
Die Zweite.Sie winket immer fort—
Die Dritte. Winkt immer wieder—
Die Erste.Winkt immer zu der Priestrinn Füssen nieder—
Die Zweite.Seht, seht!
Die Oberpriesterinn.Was willst du mir? hinweg, sag' ich!Geh' zu den Raben, Schatten! Fort! Verwese!Du blickst die Ruhe meines Lebens todt.
Die erste Amazone.Ha! man verstand sie, seht—
Die Zweite. Jetzt ist sie ruhig.
Die Erste.Den Peleïden sollte man, das wars,Vor der Diana-Priestrinn Füßen legen.
Die Dritte.Warum just vor der Diana-Priest'rinn Füssen?
Die Vierte.Was meint sie auch damit?
Die Oberpriesterinn. Was soll mir das?Was soll die Leiche hier vor mir? Laß sieGebirge decken, unzugängliche,Und den Gedanken deiner That dazu!War ich's, du—Mensch nicht mehr, wie nenn' ich dich?Die diesen Mord dir schrecklich abgefordert?—Wenn ein Verweis, sanft aus der Liebe Mund.Zu solchen Gräuelnissen treibt, so sollenDie Furien kommen, und uns Sanftmuth lehren!
Die erste Amazone.Sie blicket immer auf die Priestrinn ein.
Die Zweite.Grad' ihr ins Antlitz—
Die Dritte. Fest und unverwandt,Als ob sie durch und durch sie blicken wollte.—
Die Oberpriesterinn.Geh', Prothoe, ich bitte dich, geh', geh',Ich kann sie nicht mehr sehn, entferne sie.
Prothoe. (weinend)Weh mir!
Die Oberpriesterinn.Entschließe dich!
Prothoe. Die That, die sieVollbracht hat, ist zu scheußlich; laß mich sein.
Die Oberpriesterinn.Fass' dich.—Sie hatte eine schöne Mutter.—Geh, biet' ihr deine Hülf' und führ' sie fort.
Prothoe.Ich will sie nie mit Augen wiedersehn!—
Die zweite Amazone.Seht, wie sie jetzt den schlanken Pfeil betrachtet!
Die Erste.Wie sie ihn dreht und wendet—
Die Dritte. Wie sie ihn mißt!
Die erste Priesterinn.Das scheint der Pfeil, womit sie ihn erlegt.
Die erste Amazone.So ist's, ihr Fraun!
Die Erste. Wie sie vom Blut ihn säubert!Wie sie an seiner Flecken jeden wischt!
Die Dritte.Was denkt sie wohl dabei?
Die Zweite. Und das Gefieder,Wie sie es trocknet, kräuselt, wie sie's lockt!So zierlich! Alles, wie es sich gehört.O seht doch!
Die Dritte. Ist sie das gewohnt zu thun?
Die Erste.That sie das sonst auch selber?
Die erste Priesterinn. Pfeil und Bogen,Sie hat sie stets mit eigner Hand gereinigt.
Die Zweite.O heilig hielt sie ihn, das muß man sagen!—
Die zweite Amazone.Doch jetzt den Köcher nimmt sie von der Schulter,Und stellt den Pfeil in seinen Schafft zurück.
Die Dritte.Nun ist sie fertig—
Die Zweite. Nun ist es geschehen—Nun sieht sie wieder in die Welt hinaus—!
Mehrere Frauen.O jammervoller Anblick! O so ödeWie die Sandwüste, die kein Gras gebiehrt!Lustgärten, die der Feuerstrom verwüstet,Gekocht im Schoos der Erd' und ausgespieen,Auf alle Blüthen ihres Busens hin,Sind anmuthsvoller als ihr Angesicht.
Penthesilea. (ein Schauer schüttelt sie zusammen; sie läßt den Bogen fallen)
Die Oberpriesterinn.O die Entsetzliche!
Prothoe. (erschrocken)Nun, was auch giebt's?
Die erste Amazone.Der Bogen stürzt' ihr aus der Hand danieder!
Die Zweite.Seht, wie er taumelt—
Die Vierte. Klirrt, und wankt, und fällt—!
Die Zweite.Und noch einmal am Boden zuckt—
Die Dritte. Und stirbt,Wie er der Tanaïs gebohren ward.
(Pause)
Die Oberpriesterinn. (sich plötzlich zu ihr wendend)Du, meine große Herrscherinn, vergieb mir!Diana ist, die Göttinn, dir zufrieden,Besänftigt wieder hast du ihren Zorn.Die große Stifterinn des Frauenreiches,Die Tanaïs, das gesteh' ich jetzt, sie hatDen Bogen würd'ger nicht geführt als du.
Die erste Amazone.Sie schweigt—
Die Zweite.Ihr Auge schwillt—
Die Dritte. Sie hebt den Finger,Den blutigen, was will sie—Seht, o seht!
Die Zweite.O Anblick, herzzerreißender, als Messer!
Die Erste.Sie wischt sich eine Thräne ab.
Die Oberpriesterinn. (an Prothoes Busen zurück sinkend)O Diana!Welch eine Thräne!
Die erste Priesterinn.O eine Thräne, du Hochheil'ge,Die in der Menschen Brüste schleicht,Und alle Feuerglocken der Empfindung zieht.Und: Jammer! rufet, daß das ganzeGeschlecht, das leicht bewegliche, hervorStürzt aus den Augen, und in Seen gesammelt,Um die Ruine ihrer Seele weint.
Die Oberpriesterinn. (mit einem bittern Ausdruck)Nun denn—wenn Prothoe ihr nicht helfen will,So muß sie hier in ihrer Noth vergehn.
Prothoe. (drückt den heftigsten Kampf aus. Drauf,indem sie sich ihr nähert, mit einer immer von Thränenunterbrochenen, Stimme)Willst du dich niederlassen, meine Königinn?Willst du an meiner treuen Brust nicht ruhn?Viel kämpftest du, an diesem Schreckenstag,Viel, auch viel littest du—von so viel LeidenWillst du an meiner treuen Brust nicht ruhn?
Penthesilea. (sie sieht sich um, wie nach einem Sessel)
Prothoe.Schafft einen Sitz herbei! Ihr seht, sie wills.
(Die Amazonen wälzen einen Stein herbei. Penthesilea läßt sich an Prothoes Hand darauf nieder. Hierauf setzt sich auch Prothoe)
Prothoe.Du kennst mich doch, mein Schwesterherz?
Penthesilea. (sieht sie an, ihr Antlitz erheitert sich ein wenig)
Prothoe. ProthoeBin ich, die dich so zärtlich liebt.
Penthesilea. (streichelt sanft ihre Wange)
Prothoe. O du,Vor der mein Herz auf Knien niederfällt,Wie rührst du mich!(sie küßt die Hand der Königinn)—Du bist wohl sehr ermüdet?Ach, wie man dir dein Handwerk ansieht, Liebe!Nun freilich—Siegen geht so rein nicht ab,Und jede Werkstatt kleidet ihren Meister.Doch wie, wenn du dich jetzo reinigtest,Händ' und Gesicht?—Soll ich dir Wasser schaffen?—Geliebte Königinn!
Penthesilea. (sie besieht sich und nickt)
Prothoe. Nun ja. Sie will's.(sie winkt den Amazonen; diese gehen Wasser zu schöpfen)—Das wird dir wohlthun, das wird dich erquicken,Und sanft, auf kühle Teppiche gestreckt,Von schwerer Tagesarbeit wirst du ruhn.
Die erste Priesterinn.Wenn man mit Wasser sie besprengt, gebt Acht,Besinnt sie sich.
Die Oberpriesterinn.O ganz gewiß, das hoff' ich.
Prothoe.Du hoffst's, hochheil'ge Priesterinn?—Ich fürcht' es.
Die Oberpriesterinn. (indem sie zu überlegen scheint)Warum? Weshalb?—Es ist nur nicht zu wagen,Sonst müßte man die Leiche des Achills—
Penthesilea. (blickt die Oberpriesterinn blitzend an)
Prothoe.Laßt, laßt—!
Die Oberpriesterinn.Nichts, meine Königinn, nichts, nichts!Es soll dir Alles bleiben, wie es ist.—
Prothoe.Nimm dir den Lorbeer ab, den dornigen,Wir alle wissen ja, daß du gesiegt.Und auch den Hals befreie dir—So, so!Schau! Eine Wund' und das recht tief! Du Arme!Du hast es dir recht sauer werden lassen—Nun dafür triumphirst du jetzo auch!—O Artemis!
Zwei Amazonen. (bringen ein großes flaches Marmorbecken, gefüllt mit Wasser)
Prothoe. Hier setzt das Becken her.—Soll ich dir jetzt die jungen Scheitel netzen?Und wirst du auch erschrecken nicht—? Was machst du?
Penthesilea. (läßt sich von ihrem Sitz auf Knien vor dasBecken niederfallen, und begießt sich das Haupt mit Wasser)
Prothoe.Sieh da! Du bist ja traun recht rüstig, Königinn!—Das thut dir wohl recht wohl?
Penthesilea. (sie sieht sich um) Ach Prothoe! (sie begießt sich von Neuem mit Wasser)
Meroe. (froh)Sie spricht!
Die Oberpriesterinn.Dem Himmel sei gedankt!
Prothoe. Gut, gut!
Meroe.Sie kehrt ins Leben uns zurück!
Prothoe. Vortrefflich!Das Haupt ganz unter Wasser, Liebe! So!Und wieder! So, so! Wie ein junger Schwan!—
Meroe.Die Liebliche!
Die erste Priesterinn.Wie sie das Köpfchen hängt!
Meroe.Wie sie das Wasser niederträufeln läßt!
Prothoe.—Bist du jetzt fertig?
Penthesilea. Ach!—Wie wunderbar.
Prothoe.Nun denn, so komm' mir auf den Sitz zurück!—Rasch eure Schleier mir, ihr Priesterinnen,Daß ich ihr die durchweichten Locken trockne!So, Phania, deinen! Terpi! helft mir, Schwestern!Laßt uns ihr Haupt und Nacken ganz verhüllen!So, so!—Und jetzo auf den Sitz zurück!(sie verhüllt die Königinn, hebt sie auf den Sitz, und drücktsie fest an ihre Brust)
Penthesilea.Wie ist mir?
Prothoe. Wohl denk' ich—nicht?
Penthesilea. (lispelnd) Zum Entzücken!
Prothoe.Mein Schwesterherz! Mein Süsses! O mein Leben!
Penthesilea.O sagt mir!—Bin ich in Elisium?Bist du der ewigjungen Nymphen Eine,Die unsre hehre Königinn bedienen,Wenn sie von Eichen-Wipfeln still umrauscht,In die krystallne Grotte niedersteigt?Nahmst du die Züge bloß, mich zu erfreuen,Die Züge meiner lieben Prothoe an?
Prothoe.Nicht, meine beste Königinn, nicht, nicht.Ich bin es, deine Prothoe, die dichIn Armen hält, und was du hier erblickst,Es ist die Welt noch, die gebrechliche,Auf die nur fern die Götter niederschaun.
Penthesilea.So, so. Auch gut. Recht sehr gut. Es thut nichts.
Prothoe.Wie, meine Herrscherinn?
Penthesilea. Ich bin vergnügt.
Prothoe.Erkläre dich, Geliebte. Wir verstehn nicht—
Penthesilea.Daß ich noch bin, erfreut mich. Laßt mich ruhn.
(Pause)
Meroe.Seltsam!
Die Oberpriesterinn.Welch' eine wunderbare Wendung!
Meroe.Wenn man geschickt ihr doch entlocken könnte—?
Prothoe.—Was war es denn, das dir den Wahn erregt,Du sei'st ins Reich der Schatten schon gestiegen?
Penthesilea. (nach einer Hause, mit einer Art von Verzückung)Ich bin so seelig, Schwester! Ueberseelig!Ganz reif zum Tod' o Diana, fühl' ich mich!Zwar weiß ich nicht, was hier mit mir geschehnDoch gleich des festen Glaubens könnt' ich sterben,Daß ich mir den Peliden überwand.
Prothoe. (verstohlen zur Oberpriesterinn)Rasch jetzt die Leich' hinweg!
Penthesilea. (sich lebhaft aufrichtend)O Prothoe!Mit wem sprichst du?
Prothoe. (da die beiden Trägerinnen noch säumen)Fort, Rasende!
Penthesilea. O Diana!So ist es wahr?
Prothoe. Was, fragst du, wahr, Geliebte? —Hier! Drängt euch dicht heran! (sie winkt den Priesterinnen, die Leiche, die aufgehoben wird, mit ihren Leibern zu verbergen)
Penthesilea. (hält ihre Hände freudig vor's Gesicht)Ihr heil'gen Götter!Ich habe nicht das Herz mich umzusehn.
Prothoe.Was hast du vor? Was denkst du, Königinn?
Penthesilea. (sich umsehend)O Liebe, du verstellst dich.
Prothoe. Nein, beim Zevs,Dem ewgen Gott der Welt!
Penthesilea. (mit immer steigender Ungeduld)O ihr Hochheiligen,Zerstreut euch doch!
Die Oberpriesterinn. (sich dicht mit den übrigen Frauenzusammendrängend)Geliebte Königinn!
Penthesilea. (indem sie aufsteht)O Diana! Warum soll ich nicht? O Diana!Er stand schon einmal hinterm Rücken mir.
Meroe.Seht, seht! Wie sie Entsetzen faßt!
Penthesilea. (zu den Amazonen, welche die Leiche tragen)Halt dort!—Was tragt ihr dort? Ich will es wissen. Steht!(sie macht sich Platz unter den Frauen und dringt bis zurLeiche vor)
Prothoe.O meine Königinn! Untersuche nicht!
Penthesilea.Ist er's, ihr Jungfraun? Ist er's?
Eine Trägerinn. (indem die Leiche niedergelassen wird)Wer, fragst du?
Penthesilea.—Es ist unmöglich nicht, das seh' ich ein.Zwar einer Schwalbe Flügel kann ich lähmen,So, daß der Flügel noch zu heilen ist;Den Hirsch lock' ich mit Pfeilen in den Park.Doch ein Verräther ist die Kunst der Schützen;Und gilt's den Meisterschuß ins Herz des Glückes,So führen tück'sche Götter uns die Hand.—Traf ich zu nah' ihn, wo es gilt? Sprecht ist ers?
Prothoe.O bei den furchtbarn Mächten des Olymps,Frag' nicht—!
Penthesilea. Hinweg! Und wenn mir seine Wunde,Ein Höllenrachen, gleich entgegen gähnte:Ich will ihn sehn!(sie hebt den Teppig auf)Wer von euch that das, ihr Entsetzlichen!
Prothoe.Das fragst du noch?
Penthesilea. O Artemis! Du Heilige!Jetzt ist es um dein Kind geschehn!
Die Oberpriesterinn.Da stürzt sie hin!
Prothoe. Ihr ew'gen Himmelsgötter!Warum nicht meinem Rathe folgtest du?O dir war besser, du Unglückliche,In des Verstandes SonnenfinsternißUmher zu wandeln, ewig, ewig, ewig,Als diesen fürchterlichen Tag zu sehn!—Geliebte. hör' mich!
Die Oberpriesterinn. Meine Königinn!
Meroe.Zehntausend Herzen theilen deinen Schmerz!
Die Oberpriesterinn.Erhebe dich!
Penthesilea. (halb aufgerichtet)Ach, diese blut'gen Rosen!Ach, dieser Kranz von Wunden um sein Haupt!Ach, wie die Knospen, frischen Grabduft streuend,Zum Fest für die Gewürme, niedergehn!
Prothoe. (mit Zärtlichkeit)Und doch war es die Liebe, die ihn kränzte?
Meroe.Nur allzufest—!
Prothoe. Und mit der Rose Dornen,In der Beeif'rung, daß es ewig sei!
Die Oberpriesterinn.Entferne dich!
Penthesilea. Das aber will ich wissen,Wer mir so gottlos neben hat gebuhlt!—Ich frage nicht, wer den LebendigenErschlug; bei unsern ewig hehren Göttern!Frei, wie ein Vogel, geht er von mir weg.Wer mir den Todten tödtete, frag' ich,Und darauf gieb mir Antwort, Prothoe.
Prothoe.Wie, meine Herrscherinn?
Penthesilea. Versteh mich recht.Ich will nicht wissen, wer aus seinem BusenDen Funken des Prometheus stahl. Ich will's nicht,Weil ichs nicht will; die Laune steht mir so:Ihm soll vergeben sein, er mag entflieh'n.Doch wer, o Prothoe, bei diesem RaubeDie offne Pforte ruchlos mied, durch alleSchneeweißen Alabasterwände mirIn diesen Tempel brach; wer diesen Jüngling,Das Ebenbild der Götter, so entstellt,Daß Leben und Verwesung sich nicht streiten,Wem er gehört, wer ihn so zugerichtet,Daß ihn das Mitleid nicht beweint, die LiebeSich, die unsterbliche, gleich einer Metze,Im Tod noch untreu, von ihm wenden muß:Den will ich meiner Rache opfern. Sprich!