10. Kapitel.Eine Gesellschaft anderer Art.

Kopfvignette des 10. Kapitels10. Kapitel.Eine Gesellschaft anderer Art.

Kopfvignette des 10. Kapitels

K

Kenny hatte für seine Gespenstererscheinung eine empfindliche Strafe erhalten und verlor selbstverständlich das Privileg, allein auszugehen. In diese Strafzeit fiel nun auch ein freier Tag, den derP.Rektor zur Feier eines nationalen Ereignisses bewilligt hatte.

Der Himmel war heiter, deshalb waren schon am Morgen manche Zöglinge ausgeflogen. Unter der Schar derjenigen aber, die freiwillig oder unfreiwillig daheim blieben und sich geräuschvoll auf dem Spielplatz tummelten, befand sich Kenny, natürlich in der denkbar schlechtesten Stimmung. Er konnte sich mit dem gleichen Schicksal der meisten seiner Genossen trösten, die seit längerer Zeit den Ehrenvorzug ebenfalls nicht mehr besaßen.

In der übelesten Laune trieben sie sich jetzt auf dem Hofe umher und suchten sich womöglich aller Aufsicht zu entziehen, um eine ihrem Geschmacke zusagende Unterhaltung zu finden.

Da bemerkte Kenny, daß der Waschsaal, der sonst immer geschlossen war, offen stand. Ah! vielleicht ließ sich dort etwas anstellen. Sogleich holte er Prescottund Skipper herbei und betrat mit ihnen den Raum. Im Hintergrunde desselben war eben ein Zögling, ein kleines, zartes Kind, beschäftigt, seine Schuhe zu wichsen. Er erschrak, als er die drei Gesellen in der Thüre erblickte.

„O bitte, kommt doch nicht herein!“ flehte er. „Ich durfte die Thüre nicht aufstehen lassen. Aber ich habe ganz vergessen, sie zu schließen. Bitte, bleibt doch draußen! Wenn sonst etwas geschieht, werde ich bestraft.“

„Ah, bist Du es, Granger?“ sprach Kenny, ohne auf die Bitte zu achten. „Du solltest doch längst spazieren gegangen sein. Du gehörst ja zu den Braven. Was hast Du hier verloren?“

„Ich mache mich fertig, um meine Mutter abzuholen. Sie kommt mit dem Zehn-Uhr-Zug.“

„Dann mach’ auch, daß Du hinaus kommst!“ knurrte Kenny unwirsch. „Wir drei wollen hier allein sein.“

„O, ich darf Euch nicht drin lassen. Wenn ich fertig bin, muß ich den Saal abschließen undP.Scott den Schlüssel gleich wiederbringen.“

„Daraus wird nichts, Granger! Marsch hinaus! Etwas hurtiger! Verstanden?“

Der gewissenhafte Kleine nahm seine ganze Energie zusammen und erklärte:

„Ich thue, was der Pater gesagt hat. Wollt Ihr hier bleiben — meinetwegen! Dann sperre ich Euch ein.“

„Das wirst Du bleiben lassen! — Vorwärts! hinaus mit Dir!“

„Laß ihn, Kenny,“ sprach Skipper leise. „Wir gehen hinaus und sperren ihn selber ein.“

Granger stand jetzt an der Thüre, zog den Schlüssel aus der Tasche und schob ihn mit zitternder Hand ins Schloß. Er fürchtete sich vor den großen Burschen, aber ein Feigling war er nicht. Um jeden Preis wollte er seine Pflicht erfüllen.

„Wollt Ihr hinaus?“ fragte er schüchtern.

Statt einer Antwort stieß ihn Kenny bei Seite, zog den Schlüssel wieder aus der Thüre und steckte ihn ein. Seine Freunde hatten indessen von dem Saal schon völlig Besitz ergriffen. Für sie war es ein Hochgenuß, die Seifenstücke, Kämme, Handtücher, und was sonst niet- und nagellos war, durcheinander zu werfen. Voll Schrecken erblickte Granger die Verwüster in ihrer Thätigkeit. Aber was konnte er machen? Er begann laut zu weinen.

„Ich gehe zuP.Scott und sage ihm, Du hättest den Schlüssel, Kenny.“

„Was?“ donnerte ihn Kenny an. „Nimm Dich in acht! das sage ich Dir! Sonst geht’s Dir schlimm.“

Skipper wiederholte seinen ersten Vorschlag:

„Wir sperren ihn selber ein.“

„Prächtig!“ jubelte Prescott schadenfroh. „Dann sieht es noch dazu aus, als rührte diese Unordnung von ihm her. Es schadet dem unschuldigen Kinde gar nicht, wenn es auch mal eine Strafe bekommt. Nicht weglaufen, Granger!“ sprach er höhnend zu dem hilflosen Kleinen, indem er ihn ergriff und festhielt. „Du sollst auch einmal merken, daß eine Strafe weh thut.“

„Nein, das geht doch nicht!“ meinte Skipper, etwas verdutzt über den Plan, den er angeregt.

„Wir sollten besser selbst hier bleiben,“ sprach Kenny.

„Das nützt uns wenig,“ warf Skipper ein. „P.Scott wird den Schlüssel vermissen und uns hier entdecken. Dann geht es uns schlimm.“

„Ich weiß, was wir thun!“ entschied Prescott nach einigem Bedenken. „Wir schließen die Thüre nicht, sondern schicken den Schlüssel gleich durch einen andern demP.Scott zurück und lassen sagen, Granger sei schon zur Bahn. Ihn selbst sperren wir in die Lederkammer, damit er uns nicht verrät. Vorwärts mit ihm! — Nicht so strampeln, Du Feigling!“

Die Lederkammer war ein dunkler Raum am andern Ausgange des Waschsaals unter einer breiten Treppe, wo Schuhe, Fußballüberzüge und ähnliches Lederzeug aufbewahrt wurden.

Der arme Granger wurde totenblaß. In den ersten Augenblicken setzte er sich zur Wehr, freilich vergebens; dann bat er flehentlich um Schonung, er müsse ja seine Mutter abholen; umsonst. Nur noch ein paar Schritte war man von dem schrecklichen, dunkeln Loche entfernt. Da schrie er in seiner Angst und Verzweiflung laut um Hilfe.

Kenny ergriff schnell ein Handtuch und wollte es mit einem Ende Granger in den Mund pressen. Auf einmal flog er zappelnd an die Wand und sah am hellen Tage den ganzen Himmel voll Sterne.

„Ihr Bengel!“ rief Tom Playfair, während ein zweiter Schlag Prescott zu Boden streckte. „Ihr Bengel!“ Und auch Skipper hatte einen gründlichen weg.

Tom hatte Grangers Angstrufe vernommen und war so schnell herbeigeeilt, daß alle drei ihre Püffe schon in Sicherheit hatten, bevor sie wußten, daß jemand anders da sei.

Jetzt aber wandten sie sich wutentbrannt gegen ihn.

„Er muß mit hinein!“ rief Kenny, der sich am schnellsten wieder erhoben hatte. Zugleich ergriff er den wehrlosen Granger und stieß ihn in die Lederkammer, vor deren Thüre sich jetzt ein heißes Ringen entspann.

„O Du Abgott aller Knirpse!“ schrie Prescott außer sich vor Zorn. „Jetzt sollst Du demütig werden!“

Tom, für sein Alter sehr stark und gewandt, schlug um sich, was er nur konnte. Allein, obwohl die Drei manchen empfindlichen Puff zu fühlen bekamen, so hätte er ihren vereinten Kräften doch auf die Dauer nicht zu widerstehen vermocht.

Da kam unerwartetP.Scott mit ernster Miene die Treppe herab. Sofort war Tom frei, die drei Burschen aber wurden schamrot und zitterten wie Espenlaub ob der Dinge, die da kommen sollten. Der Pater sprach kein Wort. Langsam und ruhig stieg er noch die beiden untersten Stufen hinunter und trat vor sie hin, als suche er den Zusammenhang der Dinge ohne Frage zu ermitteln.

Tom erhob sich und schlug den Staub ein wenig von seinen Kleidern. Dann öffnete er die Thüre der Lederkammer und befreite den zitternden Granger.

„Da, Willy,“ sagte er mit dem gewöhnlichen Tone seiner Stimme, „nimm ein paar Datteln!“

P.Scott beobachtete alles. Aber bald verwandeltesich seine abwartende Miene in den Ausdruck nicht des Zornes, sondern der Trauer.

„Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen,“ sprach er, „so würde ich es nicht für möglich halten, daß Mauracher Zöglinge solche Gemeinheiten begehen können.“

Er hielt einen Augenblick inne. Diese einfachen, schmerzerfüllten Worte waren für die Schuldigen härter als die unsanfteste Anrede hätte sein können; nur Prescott schien sich nicht betroffen zu fühlen.

„Ich hätte nie gedacht, daß ich noch mit Knaben zusammenwohnen müßte, welche handeln wie Wilde. Jetzt geht Ihr Drei! Ich bin nicht in der Verfassung, die rechte Strafe für diese Roheit zu bestimmen. Morgen werde ich Euch wieder sprechen.“

„Sie wollen uns doch nicht roh nennen!“ versetzte Prescott frech.

„Wie ich Euch nenne, darauf kommt es nicht an, sondern darauf, wie Ihr Euch betragt. Und ein armes, hilfloses Kind in ein solches Loch einzusperren, das bringen nur rohe, ja wilde Jungen fertig.“

„Playfair,“ sprach er, als die Sünder sich wie begossene Pudel von dannen geschlichen, „Du bist doch nicht verletzt? Ich fürchte, sie haben Dich etwas arg mitgenommen.“

„Gar nicht, Pater!“ war die heitere Antwort. „Ich habe nur etwas mehr Bewegung gehabt, als ich heute Morgen voraussah; denn ich wollte erst am Nachmittag spazieren gehen.“

„Du bist ein braver Junge, Playfair.“ Dannwandte er sich an den Kleinen, dessen Thränen noch immer flossen: „Haben sie Dir weh gethan, Willy?“

„Nein,“ schluchzte Willy, begann aber ruhiger zu werden.

„Komm’, Willy, ich will Dir helfen, Deine Kleider wieder in Ordnung zu bringen,“ fuhr der Präfekt fort und nahm eine Bürste. „Du mußt Dich auch ein wenig beeilen; es ist schon beinahe halbzehn.“

Dann zupfte er ihm die Krawatte wieder zurecht, füllte ein Waschbecken und sagte:

„Jetzt wasch Dir noch die Thränen ab! Deine Mutter würde ja erschrecken, wenn sie sähe, Daß Du geweint hast.“

Aber Granger hatte noch ein schweres Anliegen.

„Pater, ich hatte die Thüre des Waschsaales aufgelassen. Ich hatte ganz vergessen, was Sie mir sagten.“

„Darum mach’ Dir keine Sorge, Willy. Du siehst jetzt freilich, daß man auch in kleinen Dingen gehorchen muß. — In Zukunft brauchst Du solche Roheiten nicht mehr zu fürchten; die Drei werden es sich gut überlegen, bevor sie wieder so etwas anstellen.“

„Ich glaube aber nicht, Pater,“ versicherte Playfair, „daß sie alle eigentlich schlechte Jungen sind. Skipper zum Beispiel war in den ersten Tagen ganz brav. Aber sie kleben so zusammen, das macht’s.“

„Gott gebe, daß Du recht hast, Playfair. — So, Willy! Nur noch die Haare etwas kämmen! — Jetzt geh’ hurtig, dann bist Du zur rechten Zeit auf dem Bahnhofe.“

Die Güte des Präfekten hatte Grangers Heiterkeit schnell wiederkehren lassen.

„Ich danke Ihnen sehr, Pater. Ich bin wieder ganz lustig. Meine Mutter soll gar nichts merken. Adieu Pater! — Adieu Playfair,“ sprach er mit einem Ausdruck, der alle Worte des Dankes überflüssig machte.

10. Kapitel, Schlussvignette


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