19. Kapitel.Ruhe nach dem Sturme.

Kopfvignette des 19. Kapitels19. Kapitel.Ruhe nach dem Sturme.

Kopfvignette des 19. Kapitels

A

Als Percy am Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel und leuchtete hell durch die Fenster der Infirmerie. Er wollte aufstehen, fand aber zu seinem Erstaunen, daß er nicht einmal fähig war, sich im Bette aufzurichten.

Ruhig schickte er sich in seine Lage, machte das Kreuzzeichen und verrichtete sein Morgengebet. Bald trat auch der Bruder ein und brachte auf einem Speisebrett ein reichliches Frühstück.

„Was Du ein fauler Junge bist!“ schalt er lächelnd. „In Deinem Alter solltest Du doch vor der Sonne heraus sein. Tom und Harry sind längst fort. Hurtig aufgesprungen! Lauf ein paarmal durch den Hof, um Dir Appetit fürs Frühstück zu holen!“

„Der Geist ist willig, Bruder, aber das Fleisch ist schwach,“ erwiderte Percy. „Auf meinen Appetit dürfen Sie auch nicht stark zählen.“

Der Bruder half ihm in eine sitzende Lage und brachte ein Krankentischlein, das über sein Bett reichte, herbei.

„So,“ sprach er, indem er das Frühstück hinstellte, „nimm wenigstens etwas! Und je mehr, desto besser.“

„Bruder, ich möchte Sie noch etwas fragen. Glauben Sie nicht es sehe sonderbar aus, wenn ein Junge, so alt und so groß wie ich, mit langen, wallenden Haarlocken herumläuft?“

„Vielleicht sieht es hübsch aus,“ erwiderte der Bruder freundlich. „Aber auf jeden Fall ist es in diesem Hause etwas Ungewohntes.“

„Das meine ich auch. Für Mädchen mag es ganz passend sein, aber nicht für Knaben. Es ist einem ja auch beim Spiele oft hinderlich. Wenn ich es nicht hätte, ließe ich nicht so viele Bälle vorüberfliegen, obgleich ich solche Butterfinger habe, wie Tom sagt. Ich will es mir schneiden lassen. Man soll nicht meinen, ich sei stolz.“

„Sehr gut!“ versetzte der Bruder, der sein Vergnügen über das naive Bekenntnis nur schlecht verhehlen konnte. „Und ich selbst will Dich scheren, sobald Du wieder hinaus darfst.“

Percy nahm indessen einiges zu sich. Als er sich wieder zurücklegte, klopfte es an der Thüre, und herein trat — niemand anders als Karl Kenny.

„Der Tausend! Kenny! Du bist da?“ rief Percy überrascht. „Bitte, setz’ Dich doch zu mir! Bringe gefälligst einen Stuhl von dort mit; ich bedaure unendlich, daß ich Dir nicht mehr Aufmerksamkeit erweisen kann.“

Diese höflichen Worte sprach der Invalide mit ungeheuchelter Herzlichkeit und mit der Feinheit und Würde eines geborenen Prinzen.

Kenny, durch den unerwarteten Empfang ein wenig verblüfft, that ohne ein Wort der Erwiderung nach Percys Bitte, nahm einen Stuhl und setzte sich etwas beklommen und verlegen neben das Bett.

„Ich bin gekommen, Percy,“ begann er, „weil ich Dich um Verzeihung bitten wollte. Ich schäme mich unaussprechlich und bin Dir sehr dankbar, daß Du unsern niederträchtigen Plan vereitelt hast. Darf ich Dich bitten, mir die Hand zu reichen?“

„Hier! Schlag ein! Es freut mich außerordentlich, Deine Freundschaft zu gewinnen. Es ist ja wohl zum größten Teile meine Schuld gewesen, daß Du bis jetzt nichts von mir wissen wolltest. Ich bin ein so sonderbarer Mensch; ich stolzierte umher wie ein Pfau und that, als wäre ich überhaupt kein Junge. Jetzt begreife ich aber sehr gut, warum mich alle neckten und am Haare zupften und es mir zuweilen vor die Augen schlugen, wenn ich den Ball schnappen wollte. Sie hatten die Absicht mich zu bessern. In der That, meine einzige Verwunderung ist nur, daß sie mich nicht noch mehr geplagt haben.“

Eine solche Einfalt und Herzensgüte, die auch an offenbaren Beleidigungen noch eine gute Seite fand und selbst die Bedränger als Wohlthäter liebte, war für Kenny ein blaues Wunder.

„Ist Dir das ernst?“ fragte er erstaunt.

„Gewiß, natürlich ist mir das ernst. Es ist meine feste Überzeugung. — Aber sag’ mir, Kenny, Du hast doch keine Strafe erhalten?“

„Noch nicht, obgleich ich eine gründliche verdient habe.P.Middleton hat für mich Fürbitte eingelegt.Ich will mich jetzt aber ernstlich bessern. — Und Playfair, denk’ Dir, kommt heute Morgen, so früh es nur ging, zu mir und bittet mich, ihm die Hand zu geben!“

„O das gleicht ihm so,“ rief Percy voll Begeisterung. „Er ist der beste Junge, den ich je gesehen. Wenn der heilige Pankratius noch lebte, ich wette, er wäre nicht anders als Tom.“

„Er ist ein famoser Kerl,“ versetzte Kenny bedächtig. „Dem Quip bin ich dann aber glücklich zuvorgekommen, wie es ja recht und billig war. — Ich wollte, ich hätte solche Jungen gleich kennen gelernt, anstatt mit dem Prescott anzubinden. Du weißt, er ist geschaßt, nicht wahr?“

„Ich hörte gestern Abend so etwas.“

Kenny erzählte dann, wie man Prescott am vorigen Abend in der Erholung sowie im Studiersaale vermißt habe, daß aberP.Middleton später ausdrücklich mitgeteilt habe, er sei aus der Anstalt entlassen.

„Ach, der arme Schelm!“ sprach Percy mitleidig. „Wir müssen oft für ihn beten. — Aber welch ein Schmerz wird dieses für seine Mutter sein!“

„Er hat keine Mutter mehr. Seine Mutter ist schon während seiner ersten Kindheit gestorben.“

„O mein Gott, mein Gott! Kein Wunder, daß er nicht recht brav war. Wenn meine Mutter und meine Schwestern nicht für mich gesorgt hätten, ich wäre sicher ein sehr böser Mensch. Ich möchte oft weinen, wenn ich an die vielen unglücklichen Kinder denke, die ohne die Sorge einer Mutter aufwachsen und auch sonst niemand haben, der ihnen Mutterstelle vertritt. Sie sind in einer überaus traurigen Lage.“

„Das ist allerdings sehr wahr.“

„Und nun erst diejenigen,“ fuhr Percy fort, „die noch dazu keine Religion haben. Ach, sie besitzen keine Mutter auf der Welt und keinen Vater im Himmel und wissen nichts von der allerseligsten Jungfrau und Mutter Maria, die sie in der Not anrufen können.“

„Percy, ich will mich jetzt auch zum Eintritt in die Marianische Kongregation melden. Bis jetzt habe ich die Mutter Gottes nicht verehrt, wie ein Christ es thun sollte. Im letzten Jahre habe ich meinen Rosenkranz kaum gebraucht.“

„Wirklich?“ erwiderte Percy betroffen. „Dann konnte es nicht ausbleiben, daß Du in schlechte Gesellschaft gerietest.“

„Freilich nicht. Aber in den letzten vierundzwanzig Stunden habe ich vieles gelernt. Es soll anders werden, und ich hoffe, es wird auch anders.“

„Ich auch, Kenny, und dazu, daß wir beiden gute Freunde werden.“

Auf dem Spielplatze war heute nach dem Frühstück nur wenig Leben. Die meisten Zöglinge hatten sich in zwei Gruppen, deren Mittelpunkte Tom und Harry bildeten, zusammengeschart und horchten mit gespannter Aufmerksamkeit ihren Worten. Diese beiden aber boten all ihre Beredsamkeit zum Lobe Percys auf.

„Ich dachte immer,“ schloß Tom seinen Vortrag, „dieser Wynn hätte auch nicht das mindeste von einem rechten Jungen an sich und wäre höchstens ein rechtes Mädchen. Aber jetzt sollte es mich freuen, wenn ich nur halb so viel von einem Jungen an mir hätte wie er.“

Vor der Schule wurde Tom zumP.Studienpräfekten oder Direktor gerufen, um zu seiner angenehmsten Überraschung zu erfahren, er solle mehrere Schulstunden einstweilen nicht besuchen, sondern während derselben Percy in der Repetition der lateinischen Grammatik behilflich sein. Eine erwünschtere Nachricht hätte beiden kaum werden können.

Percy hatte in den zwei Monaten, während welcher er die Schule besuchte, zwar schon manches gelernt, sich gemerkt und auch in der Grammatik nachstudiert. Doch wie staunenswerte Fortschritte der begabte, fleißige und geistig gewandte Schüler auch gemacht, es war für ihn eine bare Unmöglichkeit gewesen, in dieser kurzen Zeit das Pensum hinreichend zu bewältigen, für welches seine Klassengenossen ein ganzes Jahr ernsten Unterrichts gebraucht hatten. Er wußte zwar vieles, hatte aber außer den Deklinationen noch keinen der verwickelteren Abschnitte im Zusammenhange durchgenommen.

Das konnte jetzt mit Muße geschehen. Tom wußte seine Grammatik und hatte zudem noch frisch im Gedächtnis, auf welche Art und Weise sein hochverehrter Lehrer Middleton im vorigen Jahre verfahren war. Er suchte das jetzt treulich nachzuahmen, obgleich es ihm oft herzlich schlecht gelang. Nach dem Erfolg zu urteilen, war jedoch seine Unterrichtsweise vortrefflich. Sehr bald hatte sein gelehriger Schüler die Pronomina gut verstanden. Es folgten zur Abwechslung einige Zählübungen: 222 Köpfe von 222 Füchsen, oder: 3131 Pferde haben 3131 Schwänze und 12524 Beine. AberPercy ließ sich mit dergleichen Fußangeln nicht oft fangen, sobald er einmal die Grundregeln begriffen hatte.

„Wenn Du so weiter lernst, bist Du bald gelehrter als ich,“ sprach Tom nach einiger Zeit.

Percy aber lernte so weiter und wurde auch richtig gelehrter als sein jüngerer Herr Professor.

Nicht selten wurde Percy auch durch einen Besuch vonP.Middleton beehrt.

„Nun, wie geht’s dem Schnellläufer?“ Mit dieser Frage trat er eben wieder ein.

„O, vortrefflich! Pater. Alle Welt ist so gut und liebevoll gegen mich. Sehen Sie nur, was für einen feinen Lehnstuhl mir der Bruder heute gebracht hat! Ich merke, daß es fast stündlich besser wird. Gestern konnte ich schon etwas gehen, und ich glaube, nach acht Tagen sind meine Beine wieder gerade so gut, oder eigentlich gerade so schlecht, wie früher.“

„Aber es wird Dir wohl oft langweilig, nicht wahr?“

„O nein, Pater! Tom kommt ja immer, um mir Stunden zu geben. Wir haben schon viel miteinander durchgenommen, und ich weiß alles gut. Die Pronomina, die Komparation und auch die Zahlwörter kann ich. Tom sagte, die Pronomina seien so schwer zu verstehen. Aber ich fand sie leicht, weil ich früher sehr viel englische Grammatik studiert habe. Nur die Konjugation ist noch ein gutes Stück Arbeit. — Wenn ich vom Studieren müde bin, lese ich ‚Dion und die Sibyllen‘, das mich ganz an ‚Ben Hur‘ erinnert. Diese beiden Bücher gefallen mir sehr.“

„Die Liebe zu guten Büchern, Percy, ist eine ungemein wertvolle Gabe. Der Mensch ist meistens nichtbesser als die Bücher, die er liest, oder die Leute mit denen er umgeht.“

„Dasselbe habe ich schon oft von meiner Mutter gehört. Sie sagte auch oft, von Natur seien alle Kinder gut und hätten eine Neigung zum Edlen und Rechten. Wenn sie aber unter bösen Leuten und Kindern lebten, oder wenn sie nachher schlechte Bücher läsen, fingen sie an, alles von der falschen Seite anzusehen, von der ‚linken Seite‘ pflegte sie zu sagen.“

„Hätten doch alle Mütter im ganzen Lande solche Ansichten, Percy!“

„O Pater, auf Weihnachten wird meine Mutter kommen; dann will ich Sie ihr vorstellen. Es wird ihr große Freude machen, Sie kennen zu lernen.“

„Meinst Du?“

„O sicher. Ich wollte meine Schwestern kämen alle mit. Dann könnten Sie die auch sehen. Die sind alle so gut und lieb, aber doch nicht liebevoller, als Sie, Pater, gegen mich gewesen sind.“

„Gute Nacht, Percy! Weil ich an Komplimente nicht gewöhnt bin, so ziehe ich es vor, mich jetzt aus dem Staube zu machen. Wenn Du aber für mich beten willst, so ist mir das sehr angenehm.“

„O, das thue ich schon längst, Pater. Ich bete jeden Tag für Sie, und alle meine Schwestern müssen mir dabei helfen; die können viel besser beten als ich.“

„Sehr gut, Percy! Gute Nacht!“

Voll Verwunderung über die herzliche, ungekünstelte Einfalt dieser Worte zog sichP.Middleton zurück.

19. Kapitel, Schlussvignette


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