5. Kapitel.Das Gespenst.

Kopfvignette des 5. Kapitels5. Kapitel.Das Gespenst.

Kopfvignette des 5. Kapitels

E

Etwa zwei Stunden mochte Percy geschlafen haben, da erwachte er und richtete sich schlaftrunken auf, ohne die Augen zu öffnen. Es war ihm, als hätte jemand seine Füße berührt, aber er wußte nicht recht, ob es vielleicht bloß Täuschung sei.

Schon legte er sich nieder, um wieder einzuschlummern, als ihn ein leises, aber ganz schaurig klingendes Brüllen zu vollem Bewußtsein brachte. Hastig die Augen aufschlagend gewahrte er neben dem Fußende seines Bettes eine fürchterliche Gestalt, ganz weiß, das Gesicht so lang wie Percys Arm und aschgrau, mit roten Augen und schwarzen Runzeln und Furchen; über den Kopf war ein blutigrotes Tuch geworfen, und ein geisterhafter Schein leuchtete um Kopf und Gesicht.

Karl Kenny, — denn niemand anders war das Gespenst, — und Prescott, der im Hintergrunde verborgen stand, hatten mit Schadenfreude auf Percys Entsetzen gewartet, und sich schon an dem Gedanken geweidet, wie der furchtsame Knabe erblassen und vor Schrecken kaum wagen werde einen Angstruf auszustoßen.Sobald Kenny jetzt Percy die Augen öffnen sah, stöhnte er noch einmal geisterhaft tief.

Aber was war das? dieses wohlklingende, silberhelle Lachen, kam das von Percy?

Noch einmal ließ Kenny ein grausiges Brummen erschallen.

„Ha, ha, ha! o das ist herrlich! das ist lustiger als eine Maskerade! ein unbezahlbarer Scherz!“

Percy lachte, so fröhlich er nur konnte, und klatschte mit ungekünstelter Freude in die Hände.

Kinder schlafen fest, und so war es nicht zu verwundern, daß erst jetzt Percys nächste Nachbarn erwachten, vor allem Harry Quip, dessen Bett unmittelbar neben demjenigen Percys stand.

Der sah aber die Geistererscheinung mit ganz andern Augen an als der kindliche Percy. Auf der Stelle durchschaute er, daß irgend ein gewissenloser Junge seinen schüchternen Freund habe in Angst jagen wollen.

Im Nu stand er kampfbereit vor seinem Bette, stürzte sich auf den Spuk, der ganz gegen die Art anderer Spüke schon bei seiner Annäherung merklich zusammenfuhr, und schlug den verblüfften Kenny mit leichter Mühe zu Boden. Der Helfershelfer Prescott aber entwischte feige, um nicht entdeckt zu werden.

Kenny hatte sich nun zwar gut überlegt, wie er wieder in sein Bett schlüpfen wolle, bevor Percys erwarteter Angstruf den Pater geweckt habe. Allein Percys Lachen hatte ihn schon in Verwirrung gebracht, und auf einen Überfall von Seite eines Dritten war er erst recht nicht gefaßt; daß er gar zu Boden fallen könne, hatte er am allerwenigsten bedacht.

Sein entsetzliches Gesicht war nun aber nichts weiter, als eine große durchscheinende Papiermaske, mittelst einer Kerze, die auf dem Kopfe befestigt war, von innen erleuchtet. Sobald er deshalb fiel, entzündete die Kerze sofort das Papier, und auch die übrigen Teile des Geisterputzes fingen Feuer.

„Hilfe! Hilfe!“ schrie der Geist, so laut er konnte; „ich verbrenne, ich verbrenne!“

Da wurde der ganze Schlafsaal wach.

„Wasser! Wasser! — Ruft den Pater!“ — „Ein Priester!“ riefen die Kleinen verwirrt durcheinander.

Einige glaubten sich schon in Todesgefahr und erweckten laut einen Akt der vollkommenen Reue, wie sie es im Religionsunterrichte gelernt hatten. Das war sehr schön, insofern es ihren vernünftigen, frommen Sinn zeigte; aber in ihrer kindlichen Furcht hatten sie die Gefahr überschätzt.

P.Middleton, der zwar wie alle gesunden Leute nach hartem Tagewerk einen festen Schlaf hatte, war doch schon früher erwacht und näherte sich bereits eilig, aber voll Ruhe, der Stelle, wo der brennende Spuk auf dem Boden lag.

Allein Tom Playfair war ihm zuvorgekommen; mit all seinen Bettdecken stürzte er sich auf Kenny, und entwickelte einen solchen Eifer im Ersticken des Feuers, daß das arme Gespenst beinahe mit erstickt wäre.

Kenny mußte in die Infirmerie geschickt werden. Zwar war er nicht erheblich verletzt, allein seine Haare waren versengt und stellenweise war auch die Haut verbrannt.Auch ohne die nachdrückliche Strafe, die ihm später zu teil wurde, wäre er nie wieder in Versuchung gekommen, eine Geisterrolle zu spielen.

Der Schlaf, der so große Macht über die sorglose Kindheit hat, stellte sehr bald die Ruhe wieder her, und friedlich schlummerte die aufgeschreckte Jugend dem Morgen entgegen.

5. Kapitel, Schlussvignette


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